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Kreml bei einer kniffligen Korrektur eines BILD-Interviews mit Putin ertappt

von Irina Schlegel [1]

Das Original des Interviews des russischen Präsidenten Wladimir Putin für die deutsche Ausgabe von BILD [2] unterscheidet sich von der russischsprachigen Version, die der Kreml veröffentlichte [3].  

keml3 [4]Darauf wurde der Journalist Oleg Schankowski aufmerksam, der auf seiner FB-Seite schrieb, dass im Text der deutschen BILD-Zeitung bei der Frage über die Zusammenarbeit mit der G8 davon gesprochen wird, dass „die internationale Gemeinschaft Russland inzwischen geradezu geächtet hat“, in der kremlischen Variante Putin aber gefragt wird: „Herr Präsident, werden Sie bestimmte Schritte unternehmen, um das Format von G7 im Format von G8 wiederherzustellen?“

Zugleich wurde die russische Zeitung „Moskowski Komsomolez“ darauf aufmerksam, dass dies bei weitem nicht die einzige Korrektur ist, die der Kreml im genannten Interview vorgenommen hat.

Zum Beispiel hat Putins Verwaltung die Frage „Wie sehr schmerzt Sie das?“, bei der es darum ging, dass Putin die G8-Gipfel nicht mehr besuchen kann, vollständig ausgelassen.

Wir haben daraufhin die ganze Übersetzung analysiert und noch Folgendes feststellen können:

kreml [5]Ferner hat der Kreml die Frage über Barak Obama sehr neutral erscheinen lassen. In der russischen Variante klingt sie so: „Wie haben Sie die Worte des amerikanischen Präsidenten über Russland als eine regionale Macht aufgenommen?“ Im Original werden Obamas Worte über Russland aber mit dem Verb „verspottet“ charakterisiert. (Bild: Was haben Sie gedacht, als der Präsident der Supermacht USA, Barack Obama, Russland als „regionale Macht“ verspottet hat?)

kreml2 [6]Man sollte auch beachten, dass die Korrekturen des Kreml gleich bei der ersten Frage anfangen. In der russischen Variante heißt es wie folgt: „Wir haben gerade das 25-jährige Jubiläum seit dem Ende des Kalten Krieges gefeiert. Im letzten Jahr wurde auf der ganzen Welt eine große Anzahl von Kriegen und Krisen beobachtet, so etwas gab es viele Jahre lang nicht. Was haben wir falsch gemacht?“ Der Text der Bild-Ausgabe beinhaltet aber keinerlei Anerkennung einer Schuld der Europäer. Die Frage lautet: „Herr Präsident, vor 25 Jahren feierten wir das Ende des Kalten Krieges. Jetzt ist gerade ein Jahr zu Ende gegangen, in dem es mehr Krisen und Kriege gegeben hat denn je. Was ist so fürchterlich schiefgelaufen im Verhältnis zwischen Russland und dem Westen?“

Bezüglich der Krim fragen die deutschen Journalisten Putin darüber, ob die Halbinsel einer Beschädigung der Zusammenarbeit mit dem Westen wert sei (BILD: Ist es die Krim im Vergleich dazu wirklich wert, Russlands Verhältnis zum Westen derart zu beschädigen?). Auf die konkretisierende Frage von Putin: „Was verstehen Sie unter „Krim“?“ antwortet der deutsche Journalist im russischen Text kurz: „Grenzverschiebung“, in der deutschen Originalversion ist der Satz aber wesentlich ausführlicher: „Die einseitige Verschiebung von Grenzen in einem Europa, das ganz besonders auf dem Respekt vor Staatsgrenzen fußt“.  Im russischen Text wird das Fragment mit „europäischen Staatsgrenzen“ weiter unten angegeben und ohne die Erwähnung von „einseitiger Verschiebung“.

Des Weiteren, unterscheidet sich der russische Text vom deutschen auch im Effekt-Satz von Putin: „Für mich sind nicht das Territorium und die Grenzen wichtig sondern das Schicksal der Menschen“. Bei BILD wird dieser Satz mit dem Kommentar des Journalisten „Aber man kann doch nicht europäische Staatsgrenzen kurzerhand infrage stellen“ eingeleitet, also wird hier von der Herausforderung gesprochen, vor welcher Russland skrupellos Europa gestellt hat. Das kommt auf der Webseite des Kreml nicht vor.

Bei der Frage über das Minsker Abkommen und die Verfassungsreform in der Ukraine wird in der russischen Version von einer Reform gesprochen, die „durchgeführt werden soll, sobald die Kampfhandlungen beendet sind“. In der deutschen Originalversion wird aber von dem gegenseitigen Beschuss gesprochen, den die „Truppen der Zentralregierung“ der Ukraine und „die von Russland unterstützten Separatisten“ führen.

kreml4 [7]Abweichungen gab es auch im Teil über Syrien [8]. In der deutschen Version wird gesagt, Baschar al-Assad „bombardiert seine eigene Bevölkerung und ist für Zigtausende von Toten verantwortlich, so viel steht unbestritten fest. Ist Assad Ihr Verbündeter? Und wenn ja, warum?“, auf Russisch blieb davon die Formulierung: „Eindeutig ist jedoch, dass Syriens Präsident Assad seine eigene Bevölkerung angreift. Könnte man sagen, dass Assad Ihr Verbündeter ist?“ – kein Wort von Verantwortung, keine Erwähnung von Zigtausenden Toten, kein Begriff „Bombardierung“, nichts ist unbestritten… Dafür aber die weiche Formulierung „könnte“ statt des deutschen „ist“.

kreml5 [9]Auch sprechen die Journalisten in der russischen Variante darüber, dass „wir in Syrien gegen gemeinsame Herausforderungen“ kämpfen – diesen Satz gibt es in der BILD-Version gar nicht. Dabei sagen die Journalisten in der russischen Version: „Wenn Sie erlauben, gehen wir nun zum Thema Syrien über,“ fragen also den russischen Präsidenten faktisch um Erlaubnis, dieses Thema anzusprechen. Das gibt es in der BILD-Version ebenfalls nicht, da steht: „Sie sprachen die Region an, also den Nahen und Mittleren Osten. Russland hat sich unter Ihrer Führung auch militärisch in Syrien eingemischt. Viele westliche Experten und Politiker sagen, die russischen Luftangriffe dort zielten nicht auf die islamische Terrormiliz ISIS sondern auf Rebellen, die gegen den syrischen Machthaber Assad kämpften. Kurz gefragt: Bombardiert Russland die Falschen?“ – das ist doch eine wesentlich klarere und deutlichere Sprache, nicht wahr?

Dies alles soll nur ein kleines Beispiel dafür sein, wie der Kreml seine eigene Welt konstruiert, indem er einzelne Bausteine in seinem Sinne auswechselt…

Und zum Schluss der letzte Satz der kremlischen Übersetzung: „Ich danke Ihnen, Herr Präsident, für dieses vortreffliche und sehr ausführliche Gespräch“. Die BILD sagte zwar: „Herr Präsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch“, aber bei all dem spielt das wohl gar keine so große Rolle mehr…

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Dieses Material wurde von Irina Schlegel [11] für InformNapalm vorbereitet.