- InformNapalm (Deutsch) - https://informnapalm.org/de -

In Erinnerung an die Revolution der Würde: 18.-20. Februar 2014 in Kyjiw

Vor über zwei Jahren wurde eine neue Seite der Geschichte Europas geschrieben. Mitte November 2013 versammelten sich etwa 100 Menschen auf dem Maidan in Kyjiw, um gegen ihre korrupte Regierung zu protestieren. Ihre Zahl vergrößerte sich jeden Tag, es ging aber ziemlich friedlich zu, bis zur Nacht auf den 30. November, als die Regierung Janukowytsch beschloss, die Maidan-Bewegung gewaltsam aufzulösen. Die Menschen wurden auseinandergejagt und dabei brutal zusammengeschlagen, 34 Aktivisten wurden verhaftet. Am nächsten Tag standen 40.000 Menschen auf dem Maidan. Die Revolution der Würde dauerte noch bis Ende Februar an, an einzelnen Tagen standen dort bis zu 500.000 Teilnehmer.

Wir möchten heute nicht über die Bedeutung dieser drei Monate für die Geschichte Europas sprechen, denn dieses Thema ist zu umfangreich. Es wurden schon Bücher darüber geschrieben, und es werden noch weitere hinzukommen, denn der Maidan war eine wahre Knickstelle sowohl in der Geschichte der Ukraine als auch in der Geschichte ganz Europas. Wir möchten heute nur über die letzten drei Tage des Maidan sprechen, sie in Erinnerung rufen, den Menschen gedenken, die dort gestorben sind, für die Freiheit ihres Landes, für das Recht auf Unabhängigkeit, für die Zukunft ihrer Kinder. Für Europa.

Wir möchten über den 18. bis 20. Februar 2014 sprechen.

Zunächst ein paar trockene Fakten:

18. Februar 

19. Februar

20. Februar 2014

Wilde Tage… 18. bis 20. Februar 2014…

Maksym Majorow [1]: „Nach der Niederlage des „friedlichen Angriffs“ der Maidan-Aktivisten ging Janukowytsch mit „Berkut“-Einheiten und Truppen des Innenministeriums zum Gegenangriff über. Es gelang erst, auf dem Platz die Regime-Truppen aufzuhalten. Das Gewerkschaftshaus brannte aus. Der gesamte Tag des 19. Februar 2014 war eine einzige kräftezehrende Konfrontation, jede Seite hätte jederzeit zusammenbrechen können. Der Umbruch zugunsten des Maidans geschah am Morgen des 20. Februars, aber am selben Morgen fanden auch die Erschießungen an der Instytutska-Straße statt…

Am gleichen Tag begann auch die russische Operation zur Einnahme der Krim und zwar ihre Vorbereitungsphase. Die Besatzungstruppen waren in Sewastopol konzentriert, hauptsächlich auf dem Gelände der Militärbasis der 810. Marineinfanteriebrigade der Schwarzmeerflotte in der Kasatschja Bucht und in den Lasarewski-Kasernen (7. Übungstrupp der Schwarzmeerflotte Russlands). Eine Woche später haben sie die wichtigsten Verwaltungsgebäude der Autonomen Republik Krim eingenommen. Am 21. Februar unterschrieb Janukowytsch in Anwesenheit von EU-Vertretern ein „Abkommen zur Beilegung der Krise“ mit den Oppositionsführern. Der russische Vertreter W. Lukin versuchte zusammen mit den Europäern, doch noch eine „Friedenslösung“ zu erreichen, die es dem Regime von Janukowytsch erlaubt hätte, an der Macht zu bleiben – an dieseem Tag verzichtete er aber plötzlich auf die Unterzeichnung dieses Abkommens…

Womöglich wurde gerade am 20. Februar im Kreml die Entscheidung getroffen, das neue Szenario auszuspielen: „Die Krim spaltet sich von der Ukraine ab, weil sie sich vor dem Bürgerkrieg auf dem Festland retten möchte“. Ein Bürgerkrieg begann aber trotz der Erschießung der „Himmlischen Hundert“ nicht. Am 22. Februar 2014 flieht Janukowytsch aus Kyjiw, die Maidan-Aktivisten übernehmen die Kontrolle über Staatsverwaltungsgebäude. Die Übergabe der Macht an die Oppositionsanführer wird durch die Werchowna Rada legitimiert.“

769335 [2]

18.Februar 2014, Foto: porphyre.livejournal.com

Und schließlich möchten wir einen Text von Arkadij Babtschenko [3] anführen, einem Militärkorrespondenten und russischen Schriftsteller und einem unmittelbaren Teilnehmer jener Ereignisse:

Arkadij Babtschenko: „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. In der Journalistik nennt man das „Überschuss an Faktur“. Wenn ein Journalist zu viel Information erfasst hat und nicht weiß, wie er alles in einem Text zusammenfassen soll. Die letzte Nacht war tatsächlich eine der schwersten in meinem Leben.

Nach Kyjiw kam ich am Abend des 18. Es war bereits eine ganz andere Stadt, als jene, die ich zwei Wochen zuvor verlassen hatte. Die Autobahn in die Stadt ist blockiert, die U-Bahn fährt nicht, einer der zwei Flughäfen ist geschlossen, die Hauptstraßen in der Stadt sind durch die Polizei blockiert, physisch spürt man die Spannung in der Stadt. Der Chreschtschatyk war noch zugänglich, der Maidan brannte aber schon. Mit meinem Koffer auf Rädern sah ich hier aus wie ein Alien. Der Weg zum Hotel war durch „Berkut“ abgeschnitten. Also, durch einen Feuerstreifen aus brennenden Reifen, Holz und überhaupt allem, was nur brennen kann, und dahinter – durch die „Berkut“. Welche ein paar Stunden zuvor die Instytutska und Hruschewska heruntergestürmt waren, die Barrikaden zerstört, ungefähr ein Drittel des Platzes besetzt und den Maidan in einem Halbkreis eingekesselt hatten. Gerade mit dem „Berkut“-Angriff begann für mich jene Nacht.

Im Krieg überleben diejenigen, die nicht die Ersten waren. Der Erste zeigt den anderen, wo man nicht hingehen soll. Das ganze Unheil besteht hier darin, dass du erst dann erfährst, wo du nicht hingehen sollst, wenn der Erste gestorben ist. Diesmal wurde der Erste für mich ich selbst. Davor hielt sich die Polizei an eine Abwehrtaktik: Sie hielt auf Abstand und ging nur gelegentlich zu Gegenangriffen über. Und ich bin daran gewohnt, dass es von ihr bis zu den Barrikaden ziemlich weit ist. Zumindest auf Abstand eines Steinwurfes. Nun sind sie aber zu einer Angriffstaktik übergegangen. Sie sind die Hruschewska heruntergestürmt, wobei sie drei oder vier Barrikaden-Linien weggefegt haben, und standen nun sehr nah am Maidan. Sie begannen Druck auszuüben. Darunter auch psychologischen Druck. Als der Rauch ein wenig verweht war, habe ich deren Schilder in 20 Metern von mir gesehen. Und die Augen hinter diesen Schildern. Das war unerwartet für mich. Ich habe nicht gedacht, dass sie schon so nah sind. Da, wo vorher unser Rückzugsbereich war, war nun die vorderste Linie. Wovon mich die erste unter meinen Beinen explodierende Granate auch überzeugte.

Übrigens, ukrainische Gasgranaten, die bekannten „Teren-6“, die nun in der ganzen Welt bekannt sind – die sind Scheiße. Kann man mit den türkischen nicht vergleichen. Die türkischen fallen und kreiseln, wobei sie bereits auf der Bodenlinie Gas auf allen Seiten herauslassen. Man kann sich nicht verstecken. Die ukrainischen explodieren aber. Und das von der Explosion erwärmte Gas steigt in der kalten Luft wie eine Wolke in den Himmel. In der Regel muss man nur kurz niederhocken und in zehn Metern Entfernung spürt man die Wirkung des Gases faktisch gar nicht mehr.

Aber nicht dieses Mal. Es wurde so viel geworfen, so präzise und so dicht, dass ich tastend von der vordersten Linie zurückwich. Wir wurden wie kleine Welpen auseinandergejagt. Ich erinnere mich, wie jemand schrie: „Nicht zurücktreten! Nicht zurücktreten! Durchhalten, Jungs! Durchhalten!“ Dann kamen die Ärzte, sprühten einem was ins Gesicht und in die Augen. Es brachte eine Erleichterung. Aber dann fingen sie an, Blendgranaten zu werfen.

Ich weiß nicht, wie oft ich an dem Tag Gas eingeatmet habe. 10, 15, 20 Mal. Und das richtig gut, tief, bis zum Atemstocken. Das Gesicht schwillt an, die Haut brennt, Tränen und Rotz in Strömen, Ärzte! Wo sind die Ärzte?! Sie kommen angelaufen. In der Regel irgendein junges Mädchen. Die Männer beschäftigen sich mit Schwerverwundeten. Das Mädchen sprüht einem was ins Gesicht, wischt es mit einer Serviette ab, das hilft mir. Du gehst etwas Milch trinken, die etwas ältere Frauen herumtragen, das neutralisierst den verschluckten Dreck in deiner Leber… Du gehst zurück. Ich rede hier nicht vom Heldentum. Wobei hier jeder welches hat. Ich rede von der Dichte des Feuers.

Überhaupt spürt hier jeder sehr genau seine Rolle. Jeder findet den optimalsten Platz und was er zu tun hat. Die Mädels bei den Ärzten helfen den Vergifteten, junge Sanitäter tragen im Laufschritt die Verwundeten zum Verbandplatz, wo sie genäht werden und wo ihnen von Chirurgen reifen Alters Splitter herausgenommen werden. Die Jungs kämpfen auf den Barrikaden. Ältere Männer schlagen Pflastersteine heraus. Alte Menschen bilden Ketten und geben die Pflastersteine zur vordersten Linie weiter. Die Frauen verteilen Tee, Milch, Suppe, Sandwiches. Junge Mädels verteilen Molotow-Cocktails. Ich traf eine meine Bekannte, eine Journalistikstudentin. „Siehste,“ scherzt sie, „wir haben hier zwei Cocktails mitgenommen, wir gehen auf eine Party“.

Das Pressezentrum des Verteidigungsstabs gibt es nicht mehr. Wegen der brennenden Barrikade stehen die Korridore im Gebäude voller Rauch. Das technische Personal rollt Kabel zusammen. An der Wand steht ein teueres Plasma-Fernsehgerät. Auf dem Boden liegen Gasmasken, Helme, Atemschutzgeräte, Decken, warme Sachen. Hinter dem Fenster explodiert permanent was. Für mich sieht es nach einem verlassenen Kriegsbunker aus. Ich hab‘ eine Weste mit der Aufschrift „Abgeordneter“ gefunden. Auch gut. Hab‘ ich doch meine „Presse“-Weste zuhause vergessen.

Gegen Mitternacht beginnt das Gewerkschaftshaus zu brennen. Es brennt überall – vom ersten bis zum letzten Stock. Im Gebäude sind noch Menschen. Drei klettern auf das Netz draußen, das zum Abfangen von Eiszapfen dort hängt, ihnen wird ein Seil zugeworfen, sie klettern herunter. Noch zweien wirft man Wasserflaschen durchs Fenster zu. Sie versuchen, durchs Feuer zum Ausgang durchzubrechen. Geht nicht. Es wird eine Zeltplane ausgebreitet. Noch ein Junge steht einfach im Fenster und schaut. Die Feuerwehr kommt. Es werden 41 Menschen aus dem Feuer gerettet. Niemand ist verbrannt, glaube ich.

Vor zwei Monaten, noch im Dezember, als das alles anfing und mit Ausnahme der Bankowa [Straße] und der Verprügelung von Studenten eigentlich alles friedlich und zivilisiert zuging, ertappte ich mich mitten im verschneiten Kyjiw beim Gedanken, dass ich das tschetschenische Vorkriegs-Grosny sehe. Leere Straßen, die Menschen hatten da noch Angst, wenn über ihre Straßen mal „Berkut“-Einheiten mal die Maidan-Verteidiger durchmarschierten. Flockiger Schnee. Panzerfahrzeuge in der Stadt… Und diese Straße sah ich plötzlich brennend, mit schwarzen Löchern der ausgeschlagenen Fenster, unter welchen die Reste der verbrannten Panzerfahrzeuge stehen und die Leichen der getöteten Menschen liegen.

Das war an der Kreuzung der Instytutska und Schtscholkowitschna.

Jetzt sind zwei Monate vergangen. Der Morgen des 18. Februar begann mit Leichen bei den Häusern an der Kreuzung der Instytutska und Schtscholkowitschna, einem verbrannten BTR, und mir, der dort steht und sich die ausgeschlagenen Fenster des brennenden Gewerkschaftshauses anschaut.

Logisch kann man das nicht analysieren. Solche Bilder kann man nicht mit kritischem Verstand erfassen. Verbrannte Fahrzeuge und Leichen im Zentrum einer europäischen Hauptstadt? Seid ihr wahnsinnig… Daran zu glauben ist genauso unmöglich wie an durch die Luft fliegende Panzertürme. Aber es kommt der Moment, an dem du dich in einem der Kriege wiederfindest, eine gigantische Explosion dir den Boden unter den Füßen wegreißt, du nach oben siehst – und dort fliegt über die Häuser ein Panzerturm.

Und durch Kyjiwer Straßen tragen die Ärzte Leichen weg, eingewickelt in Gummitücher. Hauptsache, nicht daran denken. Man muss es nur akzeptieren. Glauben kann man das eh nicht.

Beim Morgengrauen war das Gewerkschaftshaus vollständig ausgebrannt.

Wann sind sie zum diesem Angriff übergegangen? So um vier, denke ich. Auf dem Hügel wurden Scheinwerfer aufgestellt, und der Platz wurde ausgeleuchtet. Wie in Berlin. Dann kam ein Wasserwerfer an und begann die Feuerwand zu löschen. Dann begann die „Artillerievorbereitung“. Die Granaten landeten dicht beieinander. In der Menschenmenge. Ein Splitter kam in mein Knie angeflogen. Dann in den Unterleib. Dann zerhackte es meine Beine. Neben mir brannte ein Junge, dem die Granate einen bereits angezündeten Molotow-Cocktail zerschlagen hat. Gas. Wieder Gas. Wieder eine Granate. Dann kam ein Wasserwerfer an. Begann die Barrikade zu rammen. Er wurde angezündet. Der zweite Wasserwerfer löschte die Flamme auf seinem Waffenbruder. Wieder Rammen. Wieder angezündet. Diesmal stärker. Dann rammte der zweite Wasserwerfer. Dann die Truppen des Innenministeriums. Die Granaten explodieren eine nach der anderen. Es wird geschossen. Mit Schrapnell. Plastik-Schrapnell. Die kleinen grauen Bälle prasseln nieder wie Erbsen.

Die Menschen ergriffen die Flucht. Sie hielten es nicht mehr aus. Vor dem Hintergrund der Feuerflammen treten die schwarzen Silhouetten der Polizisten auf jemanden mit Füßen. Von der Bühne brüllt jemand ins Mikrofon: „Berkut! Stopp! Was macht Ihr denn! Es sind doch Menschen hier! Jungs, lauft nicht weg, bleibt stehen, dreht euch nicht mit dem Rücken zu ihnen! Zusammen, zusammen, zusammen!“ Und die Jungs blieben stehen. Und gingen zurück. Und schlugen die „Berkut“ in die Flucht.

Klirren der Schilder, Gerassel von Eisen, Schreie, Schimpfen, Angst, Granatenexplosionen, der abziehende brennende Wasserwerfer, Verwundete, Siegesgebrüll der Verteidiger und weichender, zurück hinter die Feuerwand tretender „Berkut“…

Und dann explodierte eine Blendgranate direkt unter meinen Füßen, und ich habe aufgehört zu sein. Einfach so – mich gab es nicht mehr. Grelles Aufblitzen, blendendes Licht in den Augen, das schnell erlosch, Ohrensausen und vollständige Abwesenheit eines denkenden Verstandes. Wahrscheinlich leben Autisten in so einer Welt. Wenn du stehst, scheinbar bei Bewusstsein, aber weder denkst du etwas, noch versteht du was. Als ob in deinem Kopf mit einem Radiergummi alles entfernt worden ist, keine einzige Gehirnwindung. „Jungs! Jungs! Bringt mich hier raus!“ Und ich spüre ja wirklich, dass die Jungs in der Nähe sind: Jemand flieht vor den „Berkut“, ein anderer greift sie an, aber sie haben keine Zeit für mich. Mir wird Angst und Bange. Wo der Kampf ist, sehe ich nicht, von den Flanken her wird wohl noch vorgerückt, sie schlagen mir gleich den Kopf ein und ich werde nicht mal verstehen, wer, wie und woher.

Dann nahm mich jemand unter’m Arm, schleppte mich irgendwohin. Irgendwelche Stufen. „Hier, hier“. Ja, Danke, seh‘ ich schon, danke dir, ich schaff’s jetzt selber. An all das erinnere ich mich irgendwie ruckweise, in Blitzen. Die Erblindung dauerte circa 30 Sekunden an.

Dann gab es eine Stunde lang gar keine Empfindungen. Du schaust blöd herum und lächelst. Verstehst dabei nichts. Wie bekifft. Und dann kamen die Kopfschmerzen, schreckliche, unheimliche Kopfschmerzen. Und die Hände begannen zu zittern. Das Schlimmste, dass man kotzen möchte, aber man kann nicht. Bin also doch gequetscht…

Vier Stunden später war es vorbei.

Es gibt sehr viele Verwundete. Sehr viele. Sie werden permanent herumgetragen. Auf dem Verbandsplatz, der in einem Café eingerichtet wurde, werden gleich drei operiert. Einem Mann hat es die Beine sehr stark zerhackt. Wie ein Sieb. Und sehr tief. Einer hat ein Loch an der Hüfte, in Apfelgröße. Die Splitter werden herausgeholt und er wird gleich hier zugenäht, vor Ort. Nicht so schwer Verwundete werden gleich auf der Straße behandelt. Die Schweren werden irgendwohin weggetragen, in den Rückzugsbereich.

Wie diese Menschen das aushalten, was sie aushalten – das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. 15 bis 20 Explosionen in der Nähe, und mein Kopf platzt, mir wird übel. Ich muss zur Seite treten, um wieder zu mir zu kommen. Und diese Menschen stehen hier seit über 24 Stunden. Und diese ganze Nacht gab es nicht mal einen Schichtwechsel. Sie stehen kaum noch auf den Beinen – aber sie stehen. Halten den Maidan. Im direkten Sinne dieses Wortes – sie halten ihn, mit Schildern, dicht, mühsam, halten sie die Schilder aneinander, damit die Explosionswelle nicht durch die Spalten kommt, sonst wird man verletzt.

Das geht über meine Fassungskraft hinaus.

Bei Morgengrauen wurde klar, wie arg der Maidan in dieser Nacht angeschlagen war. Das Gewerkschaftshaus ist vollständig ausgebrannt, die schwarzen Rauchwolken steigen in den Himmel direkt bei der Stele, dem Symbol des Maidans, der Platz ist im Halbkreis eingekesselt, es sind nur noch zwei Zugänge geblieben, über den Chreschtschatyk und vom Michajliwska-Platz aus. Das Michailiwski-Kloster ist mit Verwundeten überfüllt, man sagt, es sind um die 300, in den letzten 24 Stunden wurden 25 Menschen getötet. Die Menschen liegen schlafend nebeneinander, direkt auf irgendwelchen Lumpen, mitten in Strömen von dreckigem Wasser, das nach der Arbeit der Wasserwerfer geblieben ist.

Aber der Maidan steht. Halbiert, aber er steht.

Hält sich vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen. Aber er steht.

In dieser Nacht hat es mich dermaßen mitgenommen wie es mich in der ganzen Woche meiner letzten Dienstreise nicht mitgenommen hatte. Jedes Vorrücken endete in irgendeiner Verletzung. Ich bin vollkommen ausgelaugt. Wie durch einen Fleischwolf gegangen. Es ist sehr schwer hier jetzt.“

Slawa Ukraini! Haltet durch, Jungs! Zusammen werden wir siegen.


Dieses Material wurde von Irina Schlegel [4] basierend auf Materialien von f [5]akty.ua [5], Blogs von Arkadij Babtschenko [6] und Maksym Majorow [1] exklusiv für InformNapalm vorbereitet; korrigiert von Klaus H. Walter [7]. Titelbild: Jeff J Mitchell/Getty Images.