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Ausgemusterte Panzer T-72B und T-80BW der russischen SK an der Grenze zur Ukraine

Russland setzt seine hybride Taktik der Kriegsführung gegen die Ukraine fort. Im Lauf des Monitorings von sozialen Netzwerkprofilen russischer Militärangehöriger und Beobachtung von grenznahen Regionen Russlands haben die Freiwilligen von InformNapalm untypische Aktivitäten entdeckt, die auf Vorbereitungen einer weiteren Eskalation der Kampfhandlungen hinweisen könnten. Es wurde festgestellt, dass eine Gruppe mit Panzern des Typs T-72B und T-80BW in die grenznahe Ortschaft Kantemirowka (Gebiet Woronesch, Russland) verlegt worden ist, die längst aus der Bewaffnung der russischen Armee ausgesondert wurden. Diese Panzer zu registrieren haben uns Zivilisten geholfen, die sehr aktiv Selfies vor den Panzerfahrzeugen machten, die temporär direkt beim Dorf Kantemirowka abgestellt sind [Archive: 1 [1],2 [2],3 [3]].

Geolokalisierung der Bilder

Zur Analyse haben wir Fotos benutzt, die ortsansässige Einwohner zwischen März und April 2017 hochgeladen hatten. Einige Fotos besitzen Geotags.

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Koordinaten der Stelle (den Geotags sowie den Besonderheiten des Geländereliefs und Gebäuden nach): 49.721946, 39.858861 [6].

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Gemäß den Fotos der Zivilisten und allein im genannten Raum des Dorfes Kantemirowka stehen zumindest vier oder fünf T-80BW und einige T-72B Panzer. Dabei sollte man die Außenansicht der Panzer beachten: Die Bordnummern darauf sind an unüblichen Stellen und auf handgemachte Art aufgetragen worden.

Das Echo von Bogutschar und der 9. SMSBr der SK Russlands

Man sollte anmerken, dass 50 Km nordöstlich von Kantemirowka der Ort Bogutschar liegt, wo Russland eine große Militärbasis ausbaut. 2015 gingen Informationen über die Aufstellung der 10. Panzerdivision (verwechseln Sie dies bitte nicht [8] mit der 10. Panzerdivision der deutschen Wehrmacht) ein. Berichten zufolge wurde die Führung der 20. Armee des Heeres und die 9. selbstständige motorisierte Schützenbrigade aus Nischni Nowgorod ins Gebiet Woronesch verlegt.
Das russische Verteidigungsministerium kommentierte [9], dass die 262. Reparatur- und Instandsetzungsbasis (für Panzer) in Bogutschar bleibt. Dort ist auch die 1. selbstständige Panzerbrigade stationiert. Moskau benutzt die Militärbasen an der Grenze zur Ukraine zur Entsendung von Waffen, Militärgerät und Soldaten in den Donbas.
Die 9. SMSBr innerhalb der 20. Gardearmee des Westlichen Militärbezirks Russlands wurde umstrukturiert, und auf ihrer Basis wurde zum Jahr 2016 die 3. motorisierte Schützendivision in Bogutschar aufgestellt.

Warum sind wir so sicher, dass die Panzer, die in Kantemirowka gesichtet wurden, nicht für andere russische Truppenverbände bestimmt sind, sondern auf die Entsendung in den Donbas vorbereitet werden?

  1. Zum jetzigen Zeitpunkt sind diese Panzer aus der Bewaffnung der SK Russlands ausgesondert worden:

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2. Zum Jahr 2014 wurde das Panzerbataillon der 9. SMSBr mit den Panzern vom Typ T-72B3 ausgerüstet und zusammen mit Artillerie auf die „Rostower Dienstreise“ entsandt, wobei die Bordnummern der Panzer übermalt wurden:

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3. Auf dem vergrößerten Foto aus Kantemirowka sieht man, dass der Panzer T-80BW einen Anstrich besitzt, der für Donbas-Söldnertruppen charakteristisch ist.

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Die Nummer „251“ wurde nichtstandardmäßig auf den Gummi-Falschbord aufgetragen, es sind Indexmarken der Profilüberschreitung H2200 vorhanden. Die Blöcke der Reaktivpanzerung „Kontakt-1“ entsprechen einem T-64. Ihre Platzierung am Turm des T-80BW erinnert dabei sehr an die Panzerung der Türme auf den ukrainischen T-72AW (diese visuelle Übereinstimmung wurde von den Russen wohl absichtlich angefertigt, um die internationalen Beobachter bei der Identifizierung des Militärgeräts zu verwirren).

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Auf dem Foto: Ein ukrainischer Panzer T-72AW zum Vergleich 

Auf Spezialisten wird diese Mimikry kaum einen Eindruck machen, aber für russische Propagandisten und blinde Beobachter wird diese „Tarnung“ wohl ausreichen, um „richtige“ Berichte und Reportagen zu machen.

Weiter unten sehen Sie einen Screenshot mit visuellem Vergleich der Bodenrolle und der Reaktivpanzerung:
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Informative Korrelationen und die russische Mimikry

Interessanterweise korreliert der Zeitraum der Verlegung russischer Panzer, die aus der Bewaffnung der Streitkräfte Russlands ausgesondert wurden, in die an die Ukraine angrenzende Region mit der Information über die Reparatur und das Testen von Panzern der Modifikation T-80, die 2016 durch das UkrOboronProm (ukrainische Verteidigungsindustrie) durchgeführt wurden. Die Hauptbesonderheit dieses Panzers besteht im Gasturbinentriebwerk, die Panzer dieser Modifikation sind auch ziemlich schnelllaufend und manövrierfähig.
Am 10. April 2017 berichtete der Pressedienst der ukrainischen Verteidigungsindustrie, dass das Panzerwerk in Charkiw die Panzer T-64 und T-80 nach ihrer Reparatur und Modifizierung getestet habe und diese in nächster Zeit in die Bewaffnung der SK der Ukraine zu übergeben plant. 2016 wurden circa 60 Panzer dieser Modifikation entkonserviert und repariert. Es ist auch bekannt, dass die Panzer T-80BW seit 2015 repariert und an die Panzereinheiten der hochmobilen SK der Ukraine übergeben werden. Darum dürften die Pläne der Lieferung der Panzer dieser Modifikation an die Donbas-Söldner über das grenznahe Kantemirowka durchaus gerechtfertigt sein, vom Standpunkt der hybriden Taktik Russlands aus im Rahmen der Kremlpropaganda über „militärische Trophäen“.

Hybrider Systemabsturz: Warum sieht man im Donbas sowohl die alte als auch die neue Bewaffnung der SK Russlands?

Die Übergabe der Panzer T-64 [17], die aus den Depots der SK Russlands entkonserviert und an die illegalen bewaffneten Formationen der „D/LVR“ übergeben wurden, ist mehrmals registriert worden. Die russische Propaganda und selbst offizielle Vertreter Russlands gaben bei den Anhörungen zur Klage der Ukraine beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag [18] die ganze Panzertechnik und Waffen der Söldner für „Trophäen der Volkswehr“ aus, die diese Waffen in den „Bergwerken von Donbas“ gefunden haben sollen. Und während reguläre russische Militärangehörige im Donbas auf modernen Panzern T90A [19] kämpfen, gelangen die alten ausgemusterten Waffenmodelle in die Hände von weniger ausgebildeten Söldnern. Das hat bestimmte Gründe:

  1. Das Niveau der Disziplin und Vorbereitung ist bei den Söldnern wesentlich niedriger, ihnen können keine kostspielige und moderne Waffenmodelle übergeben werden, mit denen reguläre russische Militärangehörige kämpfen.
  2. Die Söldner führen Aufgaben des russischen Kommandos als Vordertruppen aus, was die Wahrscheinlichkeit des Verlusts des Militärgeräts oder seiner Erbeutung durch den Gegner erhöht. Darum werden an die Söldner veraltete sowjetische Modelle übergeben, deren Vorhandensein mit Mühe und Not mit den Vorräten aus der Reserve der sowjetischen Zeit erklärt werden kann.

Schlussfolgerung

Im Lauf des Monitorings von sozialen Netzwerken haben die Freiwilligen von InformNapalm Fakten der Vorbereitung einer weiteren Partie entkonservierter russischer Panzer T-72B und T-80BW entdeckt, die zur Verstärkung von „D/LVR“-Gruppierungen bestimmt sind. Zum jetzigen Zeitpunkt werden die Panzer in Kantemirowka (Gebiet Woronesch, Russland) auf ihre weitere Verlegung in den Donbas vorbereitet. Visuell sind die Panzer bereits vollständig zur Legalisierung auf dem besetzten Territorium im Donbas (als „Trophäen“) vorbereitet und sehen den Panzern, die gerade in die Bewaffnung der ukrainischen Einheiten aufgenommen werden, ziemlich ähnlich.

Wir wenden uns an die internationale Gemeinschaft mit der Bitte, dieses eklatante Beispiel für den hybriden Krieg zu beachten und Maßnahmen zur Druckverstärkung auf den Aggressor zu ergreifen, um keine weitere Eskalation der Kampfhandlungen und der Aggression Russlands zuzulassen.


Dieses Material wurde von IN-Redaktion auf der Basis einer OSINT-Untersuchung von Al Gri exklusiv für InformNapalm [20] vorbereitet; übersetzt von Irina Schlegel [21]; editiert von Klaus H. Walter [22]. Beim Nachdruck und Verwenden des Materials ist ein Hinweis auf unsere Ressource erforderlich.

(Creative Commons — Attribution 4.0 International — CC BY 4.0 [23] )

Wir rufen unsere Leser dazu auf, unsere Publikationen aktiver in den sozialen Netzwerken zu verbreiten. Das Verbreiten der Untersuchungen in der Öffentlichkeit kann den Verlauf von Informationskampagnen und Kampfhandlungen tatsächlich brechen.