- InformNapalm (Deutsch) - https://informnapalm.org/de -

A.Piontkowski über Kadyrow und Tschetschenien: Die Bombe ist scharf

von Andrej Piontkowski [1]

Für diesen Text will man Piontkowski hinter Gitter schicken. Der Artikel, der auf der Webseite von EchoMoskaus veröffentlicht wurde, ist gekürzt worden. Kadyrow hat Piontkowski wegen dieses Artikels öffentlich gedroht, woraufhin Piontkowski sich gezwungen sah, Russland zu verlassen. Er ist nun ausserhalb Russlands, es ist aber nicht bekannt, in welchem Land genau er sich nun aufhält… Das sind wohl wahre Feinde Russlands: nicht die russischen Terroristen im Donbass, nicht die verbrecherische Kremlführung, nicht die korrupten Oligarchen – nein, 75-jährige Publizisten und Politologen, die offen ihre Gedanken äussern, gelten in Putins Russland als Feinde. Wir haben deshalb (selbstverständlicherweise) beschlossen, diesen Artikel zu übersetzen und zwar die ungekürzte Version, denn jeder sollte das gelesen haben. Zumal wir in unserer Redaktion Piontkowski sehr respektieren und bewundern, und bereits einige seiner Artikel [2] in diesen zwei Jahren übersetzt haben. Viel Spass beim Lesen!

Sehe mich genötigt, in vielem meinen Artikel aus dem Vorjahr „Das Projekt Kadyrow“ zu wiederholen, weil dieses aktuell immer gefährlicher wird.

Ich beginne genauso wie damals mit den prophetischen Worten meines Lehrers für Politik Dmitrij Efimowitsch Furman, die er in seiner herausragenden Arbeit „Das schwierigste Volk für Russland“ verwendet hat, die um die Zeit der Operation „Nachfolger“ im Rahmen des Zweiten Tschetschenischen Krieges veröffentlicht worden ist.

„Die Deportation der Tschetschenen im Jahr 1944 ist für das tschetschenische Bewusstsein gleichbedeutend mit dem Holocaust für die Juden oder dem Massaker im Jahr 1915 für die Armenier. Es ist ein schreckliches Trauma, die Erinnerung daran und das Grauen vor der Möglichkeit einer Wiederholung verfolgt jeden Tschetschenen. Und die Ereignisse des Krieges haben dieses Grauen wiederbelebt…

Und selbst wenn man sich vorstellt, wir würden durch ein Wunder, mit vereinten Kräften Tschetschenien unterwerfen und in die Föderation eingliedern, wäre Russland gleichsam einem Menschen, in dessen Körper eine Bombe mit Zeitzünder ist, die nach einer gewissen Zeit definitiv explodiert“.

Wir haben tatsächlich wie durch ein Wunder Tschetschenien in der Föderation untergebracht, aber heute, wenn das Ticken des Zünders der Bombe im russischen Körper wieder für jeden hörbar ist, sind wir verpflichtet, uns mit unserem schicksalhaften Verhältnis zu dem für Russland schwierigsten Volk auseinanderzusetzen.

Fangen wir mit dem Wunder an, durch das wir den Umständen zum Trotz Tschetschenien in die Russische Föderation hineingezogen haben. Der Macher dieses Wunders ist W. W. Putin und es heißt Projekt „Kadyrow“.

Für was haben wir zwei Mal in Tschetschenien gekämpft? Für die territoriale Integrität Russlands. Für ein Tschetschenien innerhalb Russlands. Aber territoriale Integrität ist keine verbrannte Erde ohne Menschen. Wir haben gekämpft, um den Tschetschenen zu beweisen, dass sie Bürger Russlands sind. Dabei haben wir allerdings ihre Städte und Dörfer mit der Luftwaffe und Mehrfachraketenwerfern vernichtet. „Auf dem weiten Feld das System „Grad“, hinter uns steht Putin und Stalingrad“… (Anm. d. Übers.: Das sind Worte aus dem Refrain eines Liedes aus dem Jahr 2001). Haben Zivilisten entführt, deren Leichname später mit Spuren von Folterungen gefunden worden sind.

Wir haben den Tschetschenen genau das Gegenteil von dem bewiesen, was wir verkündet hatten: Mit unserem ganzen Verhalten haben wir ihnen bewiesen, dass sie für uns keine Bürger Russlands sind, dass wir sie schon lange nicht für Bürger Russlands halten. Genauso wenig wie ihre Städte und Dörfer. Das haben wir mit Nachdruck nicht nur den Tschetschenen, sondern allen Kaukasiern bewiesen. Letztere haben aus der ihnen erteilten anschaulichen Lektion viel gelernt.

Man erinnerte und erinnert sich ganz oft an den pathetischen Plumsklo-Aufruf von Herrn Putin, der sich als richtungsweisend für den Zweiten Tschetschenischen Krieg zeigte und das für Russland traurige Ende vorherbestimmte („..wenn wir die [Terroristen] auf dem Plumsklo erwischen, werden sie auch dort abmurksen..“). Eines muss man Putin lassen: Als er nach Jahren eines blutigen Krieges, der seinen Aufstieg zur Macht ermöglichen sollte, vor einer Entscheidung zwischen sehr schlimm und monströs stand, wählte er das sehr Schlimme.

Seine Niederlage akzeptierend, übergab er alle Macht in Tschetschenien an Kadyrow mit seiner Armee und leistet Reparationszahlungen an diesen im Rahmen von Budget-Transfers. Im Gegenzug erklärt Kadyrow formell nicht so sehr Loyalität gegenüber dem Kreml, sondern einen persönlichen Bund mit Putin. Monströs wäre eine Fortsetzung des Krieges zwecks Vernichtung der tschetschenischen Ethnie à la Schamanow und Budanow gewesen (Anm. d. Übers.: Beides sind bzw. waren kontroverse russische militärische Befehlshaber).

Nach einem selbst-entfesselten und verlorenen Krieg entrichtet der Kreml im Gegenzug für theatralisch vorgeführte Treue Steuern bzw. Reparationen nicht nur an Kadyrow, sondern auch an kriminelle Eliten anderer Republiken. Damit werden Paläste und goldene Pistolen für lokale Oberhäupter gekauft.

Entwürdigte junge, arbeitslose Bergbewohner gehen unter die Krieger Allahs oder siedeln aus dem Kaukasus in russische Städte über. In den deprimierenden Vierteln von Birjuljowo (Ärmliches Viertel am Rande von Moskau, Anm. d. Übers.) ist eine Generation von Kindern derer aufgewachsen, die absolut und für immer verloren haben in den zwanzig Jahren „marktorientierter“ wirtschaftlicher Reformen. Zwischen der russischen Jugend und der kaukasischen, die von Kindesbeinen an in einem brutalen erst tschetschenischem, dann gesamtkaukasischem Krieg aufgewachsen ist, gibt es einen abgrundtiefen mentalen Unterschied.

Junge Moskauer marschieren durch die Stadt und skandieren „Kein Geld mehr für den Kaukasus!“ und junge Bergbewohner geben sich auf Straßen russischer Städte betont provokativ und aggressiv. Sie haben eine Psychologie der Sieger entwickelt. Ihrem Verständnis nach hat Moskau den Krieg um den Kaukasus verloren und sie verhalten sich in der Hauptstadt des Verlierers dementsprechend.

In den Köpfen und Herzen entfernen sich der Kaukasus und Russland rasant voneinander. Gleichzeitig ist weder der Kreml noch die nordkaukasischen Eliten dazu bereit offiziell eine Trennung zu vollziehen.

Der Kreml lebt nachwievor in phantomgleichen imperialen Illusionen von umfangreichen „Zonen privilegierter Interessen“ weit außerhalb der Grenzen Russlands. Mal geht es um irgendeine Eurasische Horde, deren Khan Putin auf Lebenszeit sein will oder um eine konstant expandierende „Russische Welt“ auf Kosten der Nachbarn oder um syrische „orthodoxe Heiligtümer“. Lokale Prinzen beginnend mit Kadyrow wollen auf die ihnen durch Moskau entrichteten Steuern nicht verzichten.

Der postimperiale Kriegszug für „Tschetschenien im russischen Bund“ verwandelt sich mit einem brutalen Grinsen verhängnisvoll in den Albtraum „Russland im tschetschenischen Bund“. Der für Russland demütigende Zustand des Selbstbetrugs kann nicht endlos bestehen bleiben. Aber einen Ausweg gibt es im Rahmen der vorhandenen Doppelherrschaft von Putin und Kadyrow nicht. Einen einfachen Ausweg sahen schon immer militärische und geheimdienstliche Repräsentanten, die von Anfang an ausgesprochen skeptisch gegenüber Putins Projekt „Kadyrow“ eingestellt waren. Dieses hatte ihnen nach ihrer Lesart mal wieder den „Sieg“ geraubt. Sie haben sich nie mit dem Verlust Tschetscheniens abgefunden als einer Zone für eigene Bereicherung und für etwas noch Wichtigeres: Einem Gebiet berauschender Macht über Leben und Tod. Das Projekt „Kadyrow“ nahm ihnen diese beiden Grundbedürfnisse und sie hassen Kadyrow dafür aufrichtig.

Erstaunlich ist das Unverständnis unserer breiten „liberalen“ Öffentlichkeit gegenüber dem Kern des nach dem Mord an Nemzow [3] zutage getretenen Konflikts zwischen russischen und Kadyrows Militärs. Man lese einfach die regelmäßigen absichtlichen Leaks des FSB in den Medien – Man kommt auf die Idee, dass die Asche des getöteten Nemzow an die Herzenstür der Herrschaften Bortnikow und Patruschew klopft. Ihr aufgewühltes Gemüt ist empört und bereit für den sakralen Kampf um die Einhaltung der kapitalistischen Gesetzgebung. Der Mord an Nemzow ist für sie nicht der Grund, sondern der Anlass dafür, ihr Verhältnis zu Kadyrow konsequent zu „klären“. Ein Anlass, der wahrscheinlich von ihnen selbst kunstvoll arrangiert worden ist.

Erstens, ein Mord auf dem Roten Platz kann unmöglich ohne Beteiligung der höchsten Ebene der russischen Geheimdienste stattfinden. Zweitens, der mutmaßliche ausführende Schütze Saur Dadajew, stellvertretender Kommandeur der Eliteeinheit „Sewer“, würde niemals ohne einen Befehl Kadyrows agieren. Und Kadyrow konnte einen solchen Befehl nur auf eine direkte Bitte Putins hin geben oder basierend auf der Information, der Führer wünsche so etwas, die von einem der höchsten Entscheider des Staates stammte. Die Seite des Blutvergießens hat den Mord Nemzows erdacht und ausgeführt, aber nicht zum Selbstzweck sondern für die Rolle eines Zünders im Rahmen eigener weitreichender politischer Bestrebungen. Man gab den Leuten Kadyrows wohl zu verstehen, dass die bestellte Liquidierung direkt vom Papa angeordnet worden war. Das schien derart glaubwürdig, dass sie keine Sekunde zweifelten. Die Ausführenden wähnten sich absolut sicher darin, straffrei auszugehen.

Die Hauptrichtung des koordinierten Angriffs der Militärs und Geheimdienste bezweckt die maximale Diskreditierung Kadyrows in der Öffentlichkeit und über ihn auch die seines Patrons Putin, wenn dieser Kadyrow weiter unterstützt. Aber es war für Putin sehr schwer Kadyrow aufzugeben. Ein Ende des Projekts „Kadyrow“ kommt dem Geständnis gleich, Russland habe den Zweiten Tschetschenischen verloren und wäre die Erklärung eines dritten Krieges. Das wäre eine Rückkehr ins Jahr 1999 mit einer wesentlich ungünstigeren Ausgangsposition. Außer wäre das für Putin als „Retter des Vaterlandes im Jahr 1999“ ein vollständiger Verlust seiner Legitimation. Putin hat Kadyrow auch noch nicht fallen lassen, indem er die Ermittler dazu zwang, sich mit irgendeinem Fahrer als wichtigstem Auftraggeber zu begnügen. Jedoch hat die Gegenseite meiner Meinung nach ihre Ziele nicht ganz aufgegeben.

Aber was bedeutete das Projekt „Kadyrow“ für Tschetschenien selbst und welche Folgen hätte seine Beendigung durch Militär und Geheimdienste? Unter der Allmacht des föderalen Systems konnte jeder Tschetschene unabhängig von seinen Überzeugungen und Taten durch Einheiten der Russischen Föderation verhaftet, entführt, gedemütigt, gefoltert und getötet werden. Im heutigen Tschetschenien kann das gleiche Schicksal jeden ereilen, der sich gegen Kadyrow stellt. Das ist ein ungeheurer Fortschritt bezüglich der Gewährleistung der persönlichen Sicherheit. Das ist der fundamentale Unterschied zwischen dem Status eines Juden in Hitlers Deutschland und einem Deutschen im gleichen Land. Genau diese radikale Änderung führte zur Bildung einer Basis von Unterstützern von Kadyrow. Natürlich haben sich in den Jahren seiner Regierungszeit auch Feinde gefunden einschließlich solcher, die Blutrache geschworen haben. Jeder Versuch der Gegenseite aus Militär und Geheimdiensten, zur früheren Willkür zurückzukehren, wird dazu führen, dass die tschetschenische Gesellschaft sich konsolidiert und erbitterten Widerstand leisten wird.

Ein überzeugendes und sehr aktuelles Anzeichen der kommenden Änderungen, die sich Militärs und Geheimdienste erträumen, war der Mord am Tschetschenen Dschambulat Dadajew in Grosny. Verübt durch Beamte des Innenministeriums aus Stawropol. Sogar aus der hoffnungslos erlogenen Erklärung der Polizei geht ganz deutlich hervor, dass die Kämpfer nicht kamen um zu verhaften, sondern um ein Opfer zu liquidieren. Solche Praktiken waren alltägliche Routine und wurden in Tschetschenien durch föderale Einheiten jahrelang angewendet. Heute passiert das häufig in Dagestan und anderen nordkaukasischen Republiken. Diese Liquidierungen sind ein fester Bestandteil des öffentlichen Lebens und sind sogar öfters Teil von Nachrichtensendungen föderaler Sender, offenbar mit dem Ziel einer patriotischen Erziehung der Jugend. Kadyrow allerdings hat solche Safaris föderaler Einheiten beendet. Das Privileg hat er sich selbst vorbehalten. Die Tschetschenen wollen sich nicht aus Deutschen in Juden im Dritten Reich verwandeln. Gegen diese Perspektive werden sie sich mit oder ohne Kadyrow wehren.

Hier einige Statements der bekanntesten Tschetschenen von Kadyrow bis Sakajew nach dem Mord in Grosny.

„Die 2000er Jahre sind vorbei. Jemand wollte „aufräumen“, man schnappte sich einen Tschetschenen und tötete ihn. Das wird nicht wieder passieren. Es reicht. Man hat uns erniedrigt und beleidigt. Wir haben nicht die Verfassung eingeführt, damit man uns tötet.“

„Die Leute haben ein recht gutes Gedächtnis für die damaligen Hinrichtungen ohne Gericht, unrechtmäßige Verhaftungen, Folter und andere Menschenrechtsverletzungen, die von maskierten Leuten in Autos und BTR-Radpanzern ohne Markierungen an Ortsansässigen verübt worden sind. Bei uns sind 5000 Menschen verschwunden. Hunderttausende wurden getötet.“

„Heute wird die Bevölkerung Tschetscheniens natürlich Ramsan Kadyrow unterstützen. Die Tschetschenen sind ihm gegenüber loyal, weil er sie beschützt. Man verbindet das Ende der Säuberungen und der Willkür, die in Tschetschenien früher vorherrschten mit seinem Namen.“

Säuberungen und zahlreiche Morde in Tschetschenien wurden über Jahrhunderte im Namen der russischen Macht verübt. Wir alle erinnern uns an die Worte eines russischen Offiziers, der an diesem endlosen kaukasischen Krieg teilgenommen hatte: „Die Ältesten und Hausbesitzer hatten sich auf dem Platz versammelt und besprachen hockend ihre Lage. Niemand sprach über Hass gegenüber Russen. Das Gefühl, das Tschetschenen von klein bis groß empfanden ging über Hass hinaus. Das war kein Hass, sondern man glaubte, diese russischen Hunde seien keine Menschen und empfand soviel Ekel, Abscheu und Unverständnis angesichts der unflätigen Brutalität dieser Wesen, dass der Wille zu ihrer Vernichtung wie der Wille zur Bekämpfung von Ratten, giftigen Spinnen und Wölfen zu einem natürlichen Bedürfnis wie der Selbsterhaltung wurde.“

Ich las „Chadschi-Murat“ von Tolstoi bereits als Kind, aber erst unlängst habe ich den Sinn dieser schrecklichen, für das russische Bewusstsein nicht auszuhaltenden Worte begriffen: Nach dem Mord an Anna Politkowskaja [4], dessen Untersuchung und dem Gerichtsverfahren gegen die unmittelbaren Ausführenden. Anna schrieb die Wahrheit über die Verbrechen der russischen Regierung in Tschetschenien, sie war eine Heilige. Ihr Platz ist im Himmlischen Jerusalem an der Allee der Gerechten. Ihre Zeilen waren voller nichtauszuhaltendem menschlichem Schmerz, dem Leiden der zerrissenen Körper und Seelen der Opfer. Ihnen, den in der Hölle Verstorbenen gab Anna Mitgefühl und Würde nach dem Tod zurück. Ihren Mord haben mächtige russische Polit-Schurken bestellt und organisiert. Die Mörder wurden logistisch unterstützt durch zwei Einsatzgruppen der Polizei und des FSB. Getötet wurde sie aber durch Tschetschenen.

Weder der Mord an ihr, noch die Bekanntgabe der Namen ihrer Mörder haben die tschetschenische Öffentlichkeit erschüttert. Man blieb absolut gleichmütig gegenüber ihrem Schicksal. Man beschäftigte sich damit wie ihr Mörder Rustam Machmudow am besten vor dem Gericht gerettet werden konnte. Mir schien das gänzlich unbegreiflich bis ich schließlich eine simple Sache verstand. Putin und Politkowskaja und wir alle übrigen sind für sehr viele Tschetschenen praktisch nicht unterscheidbar.

Der eine und die eine sowie wir alle gehören wegen unserer Herkunft in ihren Augen zu jener Kategorie von Wesen, welchen gegenüber man ein Gefühl stärker als Hass empfindet. Putin ist für sie einfach ein nützlicher Ungläubiger, der aktuelle Anführer dieser Wesen, mit denen man verhandeln und Geschäfte abschließen muss. Wenn man ihm den Kopf einer verhassten unbedeutenden Journalistin zum Geburtstag als Geschenk serviert, kann das für die tschetschenische Ethnie ein taktischer Schachzug werden. Das gleiche bei Nemzow. Wie eine Kopie. Und Nemzow hatte in Nischnij Nowgorod sogar eine Million Unterschriften gesammelt, brachte diese in den Kreml und hat viel dafür unternommen, um den Ersten Tschetschenischen Krieg zu stoppen.

Aber nach dem, was die Romanows und Jermolows, Stalins und Jelzins, Putins und Schamanows im 19., 20. und 21. Jahrhundert in Tschetschenien angerichtet haben, ist das Gefühl dermaßen allumfassend geworden, dass sie sich nicht mehr darum bemühen zwischen den Farbtönen der Russen zu differenzieren. Zwei Ethnien mit einer solchen verhärteten Beziehung zueinander können nicht in einem Staat existieren. Das Projekt „Kadyrow“ mit seiner tickenden Bombe hat die Lösung des Problems um ein Jahrzehnt verschoben, aber die Zeit ist abgelaufen.

Die letzten verrückten medialen Auftritte der Leute Kadyrows führen dazu, dass der Großteil der russischen Öffentlichkeit sie als feindselig betrachtet, obwohl die Drohungen aus dem Lager Kadyrows nur gegen die Liberalen gerichtet sind. Das ist günstig für Militär und Geheimdienste, denn sie können erneut fordern, dass Putin Kadyrow absetzt, da das von einer großen Mehrheit unterstützt wird.

Weiteres Öl ins Feuer kam auf Grund einer Geschichte mit einem Abgeordneten aus Krasnojarsk, den die tschetschenische Diaspora genötigt hat, sich demütig bei Kadyrow zu entschuldigen. In Endeffekt ist Putin der Einzige, der den beim russischen Volk gelinde gesagt nicht sehr beliebten tschetschenischen Politiker verteidigt.

Kadyrow begeht einen großen Fehler, indem er Putins Möglichkeiten zur Kontrolle der Situation überbewertet. Denn der Patron befindet sich in einer äußerst verwundbaren Lage vor dem Hintergrund der äußeren und inzwischen auch einer sich bildenden inneren Isolation sowie einer beträchtlichen wirtschaftlichen Krise. Durch seine wilden Statements und Drohgebärden ist Kadyrow nicht nur wenig hilfreich gegenüber seinem Boss, er verstärkt sogar noch dessen Isolation, weil er ihn als Gegner nicht nur der Militärs, der Geheimdienste und der systemeigenen Liberalen positioniert, sondern auch der ganzen russischen Gesellschaft.

Einer der Anführer der freien Opposition, Nawalny, hat Kadyrow bekanntermaßen bereits der Absicht einer formalen Trennung von Tschetschenien und Russland sowie der Gründung eines islamischen Staates beschuldigt:

„Und abschließend sage ich etwas, was ich schon oft gesagt habe: Die strategische Aufgabe Kadyrows besteht darin, sich von Russland zu trennen und einen eigenen autoritären Staat zu gründen unter dem Vorwand islamischer Parolen. Er wartet einfach auf den Moment, wenn im Haushalt überhaupt kein Geld mehr vorhanden ist.“

Das ist Wasser auf die Mühlen unseres Militärs und der Geheimdienste, die schon lange das Ende des Projekts „Kadyrow“ herbeiträumen. Da ist sie, die breite Unterstützung in der Bevölkerung, die sie zum Entfachen des Dritten Tschetschenischen Krieges nutzen können. Es geht darum, einen Verrat und die Flucht Kadyrows mitsamt seiner Republik aus der Russischen Föderation zu verhindern, etwas, wovor nicht nur wir sondern auch patriotisch denkende oppositionelle Anführer, Wladimir Wladimirowitsch, gewarnt haben.

Am gleichen Tag veröffentlicht A. Nawalny aus irgendeinem Grund in seinem Blog die Schrift „Wie die Tschetschenen für Hitler gekämpft haben“, was dem Leser den Genozid (an den Tschetschenen, Anm. d. Übers.) im Jahr 1994 schmackhaft machen und diesen rechtfertigen soll.

Es ist schwierig den Eindruck loszuwerden, Nawalny bereite seine vielen Unterstützer und Bewunderer zur Unterstützung der Pläne von Militär und Geheimdiensten, nämlich einer abermaligen „Herstellung der verfassungsgemäßen Ordnung“ vor (Das ist eine Anspielung auf die offizielle Bezeichnung des Zweiten Tschetschenischen Krieges: Eine Anti-Terror-Operation, Anm. d. Übers.). Und er tut das, versteht sich, nicht auf jemandes Geheiß, sondern aus tiefer eigener Überzeugung.

Ein Politiker, der einem Staat vorstehen will, begreift nicht, dass ein solches Szenario eine Katastrophe nicht nur für Tschetschenien, sondern vor allem für Russland ist.

Man muss heute nicht über eine Wiedereingliederung der totalitären Offshore-Republik Kadyrows in unser vaterländisches, putinsches „Rechtsgefüge“ durch einen noch blutigeren Dritten Tschetschenischen Krieg nachdenken. Sondern über unsere Befreiung vom imperialen Wahn, der uns bereits im dritten Jahrhundert ohne Unterbrechung dazu zwingt, mit Geschossen und Bomben ein Stück Land zu zerreißen, in dem das für uns schwierigste Volk lebt, eines, das wir nie unterwerfen konnten.

Ausschalten lässt sich der tickende Zünder der russisch-tschetschenischen Katastrophe nur durch einen sofortigen Austritt Tschetscheniens aus dem Bund mit Russland und dem Austritt Russlands aus dem Bund mit Tschetschenien.

Es ist notwendig der tschetschenischen Republik vollständige staatliche Unabhängigkeit anzubieten einschließlich aller rechtlichen Konsequenzen für unsere bilateralen zwischenstaatlichen Beziehungen.*

*Die letzten zwei Absätze des Artikels wurden in Russland als extremistisch bewertet. Verschiedene Online-Medien wie z.B der als unabhängig geltende Sender „Echo Moskaus“ („Echo Moskwy“) bzw. dessen Onlineausgabe hatten darauf mit dem Entfernen der Passagen reagiert.

Andrei Piontkowski [5]; übersetzt von Viktor Duke [6]; Titelbild: Sergei Jolkin [7]