Patriotische Visionen sind hysterisch, aggressiv und beharrlich. Sie haben ihre eigene Meinung über die Länge der Damenröcke und die Form der geistlichen Krampen. Sie können einen Befehl abgeben, den Mond zu erobern oder den See Tschad „anzuschliessen“, in dem man einen Aufstand der Nilpferde organisiert.
Die Aufgabe eines erfahrenen Patrioten ist nicht nur so einen Befehl auszuführen, sondern das Gehörte an jene Massen zu bringen, die selber unzureichend gut „ihr Vaterland hören“, das sich vom Simbabwe bis nach Kurilen erstreckt.
Man darf nicht vergessen, dass ausser der angewandten und intermediären Aufgaben der Patriotismus immer ein Hauptziel besitzt. Genau jenes, um willen dessen die ideologische Droge dem Land in die Venen auch gespritzt wird.
Das Ziel besteht darin, dass nach dem ersten Fingerschwips des erstbesten Dummkopfs in Lampassen die Jungs scharenweise ihre Verwandlung in ein gammelndes verbranntes Fleisch freiwillig bejahen. Auch besteht das Ziel darin, dass am Vorabend einer weiteren sinnlosen Abschlachtung niemand von ihnen auf die Frage kommt: „Welchen Teufel?“
Patriotismus wird auch mit seiner zweiten Aufgabe ausgezeichnet fertig: auf der erforderlichen Höhe jene Eigenschaft der Bürger Russlands zu halten, die sie von den verworfenen Europäern grundlegend unterscheidet.
Der Russe wird geboren, lebt und stirbt mit einer grundsätzlichen Überzeugung, dass der Staat das volle und unveräusserliche Recht besitzt, ihn zu ruinieren, zu verstümmeln, zu töten und einen beliebigen Idol anzubeten zu zwingen.
Wenn es diese in jeden Kopf eingehämmerte „Heiligkeit der Obrigkeit“ nicht gäbe, so hätte man 1937 die Genossen in Lederjacken mit Heugabeln und Schrottflintenfeuer begrüsst, und nicht mit der schändlichen Ergebenheit.
Denn genau sie, die Ergebenheit, hat Millionen in die Lager und Totengräber zusammengetrieben.
Heute versteht die dumme Bevölkerung nicht immer, warum sie ihre Kinder und ihr Leben für die Bläue der Ministerschwimmbäder opfern soll. Noch schwieriger ist es, dem Bürger zu erklären, dass seine wahre Bestimmung nicht das Leben und Glück sind, sondern das Wohlbefinden der gesprächigen Gnadenbrotempfänger mit gekauften Diplomen, die am Ohotnij Rjad im Namen Russlands bauchreden. (Anm.d.Red: Strasse in Moskau direkt am Kreml)
Selbstverständlich musste man sich für den Komfort der Popen und Abgeordneten ein vernichtendes sakrales Pseudonym ausdenken.
Wenn man alles zynisch beim Namen nennt, so kann das Kriechen mit ausgelassenen Eingeweiden dem Bürger nicht jene moralische Befriedigung bereiten, die es womöglich bei den Helden der letzten Kriege gab.
Zu so einem Pseudonym wurde das Zauberwort „Vaterland“. Und hierzu wird unbedingt eine akkurate Klausel beigefügt, dass das „Vaterland das eine ist, der Staat aber was anderes“.
Aber „Vaterland“ ist in diesem Fall ein absolut abstrakter Begriff, dem man in der Realität unmöglich begegnen kann. In Wirklichkeit gibt es zwischen den Begriffen „Vaterland“ und „Staat“ keine greifbare Grenze. Das ist ein alter geprüfter Trick. Als eine herrliche Illustration seiner Effektivität dienen die Popen. Sie rufen dazu auf, ihren abstrakten Gott zu subventionieren, das Gespendete münzen sie aber schnell in Kaviar und „Lexus“ um.
Nach dem gleichen Prinzip ist auch das „Vaterland“ erfunden.
Zum Objekt der Liebe und Ehrfurcht wird nicht das reale, mit Schrecken gefüllte Land erklärt, sondern ein gewisses abstraktes Russland. In diesem hat nie irgendjemand irgendwann gelebt. Niemand hat dieses auch jemals gesehen. Aber genau diesem – dem Unsichtbaren, Ungreifbaren und Wunderschönen – soll man sich selbst zum Opfer bringen, und zwar nach dem ersten Pfiff eines Beamten, der sich an den patriotischen Halluzinationen satt gesehen hat.
Aber hier kommt eine Blamage auf, die heute besonders gut sichtbar ist. Schauen Sie genauer hin. Wenn Sie ein abstraktes Russland liebkosen, bekommt den Ständer das „Einige Russland“.
Autor: Alexander Newsorow für snob.ru; übersetzt von Irina Schlegel






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