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Alles, was Sie über den Donezker Flughafen wissen wollten, aber sich nicht zu fragen trauten

Aus dem Donezker Flughafen gehen viele Nachrichten widersprüchlichen Charakters ein. Die Freiwilligen des Informationsprojekts Garmata.org [1] haben beschlossen, Antworten auf die Hauptfragen zu geben, welche die widersprüchlichen Nachrichten in ukrainischen und russischen Medien zu verstehen helfen.

1.  Wer kontrolliert den Donezker Flughafen?

Es gibt längst keinen Flughafen mehr. Es gibt mehrere zerstörte Gebäude und einen riesigen offenen Raum. Das ist ein Kriegsschauplatz und kein Objekt mehr. Die gegnerischen Seiten haben hier Infanterie aufgestellt und greifen die gegnerischen Stellungen mit Panzern und Artillerie an. Man kann nicht sagen, dass der Flughafen unter Kontrolle nur einer Seite steht, jede Stunde wird dort gekämpft.

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Detaillierter Plan des Donezker Prokofjew-Flughafens:

1. Kloster; 2. Supermarkt „Metro“; 3. Autozentrum Toyota/Lexus; 4. Neues Terminal; 5. Busstation; 6. Tankanlage; 7. Abstellplatz für alte Flugzeuge; 8. Nicht fertiggebautes VIP-Terminal; 9. Flugzeughallen; 10 Tower (außerhalb des Plans); 11. Altes Terminal; 12. VIP-Terminal; 13. Leitzentrale „Donbasaero“; 14. Hotel „Poljet“; 15. Luftfahrtstab; 16. Flugreparaturzentrale; 17. Heizungszentrale; 18. Flugleitzentrale; 19. Feuerwehr

Objekte, die keinen Bezug zur Infrastruktur des Flughafens haben, sind mit einer blauen Umrisslinie markiert.

2. Wem gehört der Flughafen?

Am heutigen Tag (20.01) befinden sich unsere Soldaten in folgenden Gebäuden:

Die Söldnertruppen organisierten die Abwehr in folgenden Gebäuden:

Eine besondere Geschichte spielt das neue Terminal des Donezker Flughafens, die heißeste Stelle, der Brennpunkt, der stetige Erzeuger der Nachrichten. Da verteidigt sich eine kleine Gruppe unserer Soldaten. Sie halten ein ganz kleines Territorium fest – eine Stelle, wo man vor den Scharfschützen noch in Deckung gehen kann. Alle anderen Räume des riesigen Terminals (ca. 51.000 Quadratmeter) gehören niemandem. Die Söldner können an bestimmten Stellen im neuen Terminal frei spazieren gehen (besonders im zerstörten östlichen Teil) und dorthin sogar die Fernsehteams russischer Sender einladen.

Das komplette Terminal zu verteidigen ist rein physisch unmöglich, es wird von Scharfschützen und Artillerie gut durchgeschossen, und keine Seite kann es kontrollieren. Diese Situation erinnert an das berühmte „Pawlow-Haus“ [3] in Stalingrad – da war auch so ein Blätterteig – in einem Stockwerk waren die Soldaten der Roten Armee, im anderen – Deutsche, dann wieder die Sowjets, und wieder die Deutschen.

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Gesamtübersicht des Donezker Prokofjew-Flughafens:

1. Einheit A1428 der Luftabwehr; 2. Betrieb und Lager der Firma, die das neue Terminal baute; 3. Einheit A1402, auch der Luftabwehr. Die Ortsnamen und Straßenrichtungen sind beschriftet. Sie alle, mit Ausnahme von Horliwka, werden von der Armee der Ukraine kontrolliert; 4. Radarstation; 5. Tower; 6. Feuerwehr.

3. Was muss man tun, um den Flughafen vollständig zu kontrollieren?

Man muss nur den Gegner der Möglichkeit berauben, Infanterie zum Flughafen zu bringen, und ihn aus Panzern direkt beschiessen. Die ukrainische Armee muss dafür die Donezker Nachbarstadtteile Spartak, Putilowka, Schowtnewij vollständig von Söldnern befreien und die Landwirtschaftsgenossenschaften „Nadeschda“ und „Progress“ sowie das Kloster und den Friedhof unter ihre Kontrolle nehmen.

Die Söldner dagegen müssten für eine vollständige Kontrolle als Minimum die Dörfer Awdijiwka, Pyski, Opytne, Tonenke, Perwomajske und Wodjane einnehmen.

Genau dieses machen sie auch gerade, indem sie Pyski aktiv angreifen.

Anderenfalls kann die andere Seite immer die Infanterie in irgendwelche Bauten auf dem Territorium des Flughafens bringen und erklären, dass der „FlughafenUnser“ ist.

4. Wieviele ukrainische Soldaten führen die Kämpfe unmittelbar am Donezker Flughafen?

Im neuen Terminal befinden sich zwischen 20 bis zu 100 ukrainische Soldaten.

Mehr Streitkräfte kann man im Terminal nicht verstecken – sie werden sonst eine leichte Zielscheibe für die Scharfschützen. Die Söldner wissen dies, darum können sie sich auch in bestimmten Hallen des Terminals frei bewegen.

Die Situation an anderen Objekten, die sich auf dem Territorium des Flughafens befinden, verändert sich permanent, aber auch dort verteidigen sich angesichts der vorhandenen kleinen Fläche für Deckung nur kleine Gruppen ukrainischer Soldaten. Aber an den Kämpfen selbst nimmt eine viel größere Anzahl von Truppen teil – mehrere Tausende auf jeder Seite, mit Dutzenden Panzern, Raketenwerfern, Mörsern und Artilleriegeschützen.

Von unserer Seite wird der Donezker Flughafen zum heutigen Tag durch die 93. selbstständige motorisierte Brigade, die 81. selbstständige Luftsturmbrigade, Einheiten des 3. Spezialregiments, zugeteilte Truppenteile der 17. selbstständigen Panzerbrigade, zugeteilte Truppenteile der Artilleriebrigaden, den Rechten Sektor, das Bataillon „Dnipro-1“ und manche andere freiwillige Einheiten verteidigt.

5. Wer hat heute das Kommando über die Verteidigung des Donezker Flughafens?

Das generelle Kommando über die Operation der Verteidigung des Donezker Flughafens übt der Kommandeur der 93. selbstständigen motorisierten Brigade, Oberst Oleg Mikaz, aus. Ein wahrer Patriot, der ein ausgezeichnetes Dienstzeugnis besitzt.

Die Söldner kennen ihn sehr gut – gerade mit Mikaz hat sich Giwi im berühmten Video übers Handy unterhalten. Am 20. Januar 2015 ist der stellvertretende Kommandeur des Bataillons der 93. Brigade in Gefangenschaft geraten – und es war nicht Oleg Mikaz, wie es die russischen Propagandamedien zu präsentieren versucht haben. In letzter Zeit sind im Stab der 93. Brigade noch zwei Personen aufgetaucht: der Generalstabsleiter, Generaloberst Muschenko, und der Befehlshaber der Landstreitkräfte, Generalleutnant Puschnjakow. Aber ihre Kompetenz ruft große Zweifel hervor. Die Katastrophe des IL-76 mit den Fallschirmspringern, der Verlust von Militärangehörigen und Militärgerät in den Kesseln nahe der Grenze und bei Ilowajsk – all diese Tragödien sind unter ihrer Führung geschehen.

6. Motorola und Giwi – sind sie tot oder am Leben?

Die Antwort auf diese Frage hat keinerlei Bedeutung. Beide – Motorola und Giwi – sind reine Fernsehgestalten. Die russischen Fernsehsender brauchen sie für das Bild. Die Helden einer Realityshow schreiben kein Drehbuch, und Giwi mit Motorola leiten keine Operationen. Sie beteiligen sich nicht mal an Sturmangriffen – die Fernsehmitarbeiter wollen ihre Schauspieler nicht verlieren, in deren Bekanntheitsgrad so viele Geldmittel investiert worden sind.

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Motorola posiert nur vor den Kameras während einer Kampfsimulation, manchmal werden diese Videos weit weg von den Flughafenterminalen gedreht. Dafür bekommt aber das russische Fernsehen ein tolles Video unter dem Titel „Situation am Donezker Flughafen – letzte Nachrichten“. Wenn jemand von diesen Gestalten getötet wird, wird „der Trupp den Soldatenverlust“ nicht merken, auf seinen Platz wird ein neuer „Kommandeur“ delegiert. Das ist wie mit Strelkow – im Donbas taucht er nicht mehr auf, aber es hat keinerlei Auswirkung auf die Situation.

7. Beteiligen sich russische Militärangehörigen an den Angriffen auf den Donezker Flughafen?

Jein. Ein Sturmangriff oder die Säuberung der Räume ist eine sehr riskante Beschäftigung. Eingeplante Verluste der Angreifenden – bis zu 10 Tote auf einen vernichteten Gegner. Minen, Abspanndrähte, Scharfschützen, „Feuer-auf-sich-nehmen“, Hinterhalte, Einstürze, Freundschaftsfeuer. Für so eine Arbeit braucht man keine hohe Qualifikation, sondern ein Löwenherz oder Dummheit. Die Sturminfanterie – das ist Verbrauchsmaterial.

Darum treibt das russische Kommando die inadäquatesten Söldner der „Volkswehr“ dorthin. Unter ihnen gibt es sowohl Donbas-Einwohner als auch Söldner aus Russland. Oft werden Tschetschenen und zu Bestrafende eingesetzt – solche „Bürgermilitärs“, die eben verwertet werden müssen [6].

Außer den „Grenzfällen“ werden manchmal auch normale Soldaten hingeschickt – für eine andauernde Erstürmung braucht man viel Infanterie.

Eine kleine Menge an Eliteeinheiten der russischen Infanterie wurde bereits im September-Oktober für Sturmangriffe eingesetzt. Unter der Deckung der großen Söldnereinheiten haben sie die Terminale einzunehmen versucht, als sie noch nicht zerstört waren.

Zugleich braucht man während der Artillerieduelle und des Scharfschützenschusswechselns aus Panzern Wehrexperten der höchsten Qualifikation. Genau hier werden Einheiten und Abteilungen der regulären russischen Armee eingesetzt. In jeder Artilleriebatterie, die in Donezk stationiert ist, gibt es zumindest einen Vermesser und einen Kommandeur – Berufssoldaten. Als Maximum beteiligt sich der gesamte Personalbestand.

Das Kommando und die Koordination der Unternehmungen der verschiedenen Einheiten werden auch von russischen Offizieren und Generälen geführt. Bemerkenswert ist das Video des russischen Fernsehsenders „Rossija-1“, das neulich im Netz aufgetaucht ist. Da wurden Soldaten mit Abzeichen der Marineinfanterie Russlands gesichtet.

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8. Donezker Flughafen ist der größte Brennpunkt?

Nein, an anderen Frontstellen werden nicht weniger umfassende Gefechte geführt. Der Flughafen ist die am meisten in den Medien „beworbene“ Stelle. Für die russischen Journalisten, die sich im Donbas befinden, ist es bequem, ihre Reportagen direkt in der Stadt zu drehen. Für die russischen Militärangehörigen ist es bequem, in einer großen Stadt stationiert zu sein. Der Donezker Flughafen ist der Brennpunkt des Informationskrieges.

Hier ein Kampdrohnenvideo der Freiwilligengruppe „SOS-Armee“ [8]:

9. Minsker Verhandlungen: Hat die Kontrolle über dem Flughafen eine Bedeutung bei einem Artillerieabzug auf 15 Kilometer Entfernung?

Eine sehr, sehr kleine Bedeutung. Selbst wenn der Flughafen von den Söldnern kontrolliert wird, wird dieser Sachverhalt die Demarkationslinie um weniger als einen Kilometer zurückschieben.

Das Hauptthema der letzten Tage ist und bleibt der Donezker Flughafen, und auf ihn ist die gesamte Aufmerksamkeit der Leser gerichtet. Der Flughafen ist zu einer Art Fetisch geworden, und dies hat der russischen Propaganda einen Ball zugespielt: Nun können sie den Flughafen nutzen, um die Aufmerksamkeit des Publikums problemlos umzulenken.

Wir wollen den Blickwinkel ein wenig erweitern, denn die Situationsverschärfung am Flughafen ist nur ein Ablenkungsmanöver vom gesamten Kriegsschauplatz. Näheres dazu hier: Lagebericht nach dem Stand vom 20.01.2015 [11].


Dieses Material basiert auf einem Bericht von garmata.org [1]; überarbeitet von InformNapalm [12]; übersetzt von Irina Schlegel [13].

CC BY 4.0