
Andrei Nikolajewitsch Illarionow (Russisch: Андре́й Никола́евич Илларио́нов, 16. September 1961, Sestrorezk, Sowjetunion) ist ein russischer Ökonom, der früher als Wirtschafts-Berater russischer Regierungen bis zu W.Putin und dort bis zum 27. Dezember 2005 tätig war.
Weiter unten präsentieren wir Ihnen Ausschnitte aus drei Artikeln von Andrei Illarionow zur Ukraine in deutscher Übersetzung. Unter „Quelle“-Angaben finden Sie die vollständigen Texte im Original (auf Russisch).
1. “Mit anderen Worten hat Putin mit seinem militärischen Einsatz in der Ukraine das noch vor ein paar Monaten Unvorstellbare erreicht – er hat seine 15 Jahre dauernden Bemühungen, die NATO von der russischen Grenze zurückzuhalten, komplett durchkreuzt, und hat nun WIRKLICH die militärische Infrastruktur der NATO an die russische Grenze gebracht. Noch vor kurzem haben im Grunde ALLE gegen ein solches Vorgehen Bedenken gehabt – abgesehen vom Kreml selbst, hat sogar Obama sich mehrmals gegen so eine NATO-Politik ausgesprochen, dagegen war auch die Mehrheit des Kongresses der USA und die Regierungen der meisten europäischen Länder. Wenn man nun die Einigkeit sieht, mit welcher diese Maßnahmen nun von allen Verbündeten der USA unterstützt werden – von juristischen NATO-Verbündeten bis zu den faktischen Verbündeten in Osteuropa; und wenn man auch die Massenhaftigkeit der Entscheidungen europäischer Regierungen bezüglich der Änderung des politischen Kurses gegenüber Russland und der Vergrößerung des militärischen Budgets miteinbezieht, kann Putin verdient als der mächtigste Politiker der modernen Welt bezeichnet werden. Wenn man auch die Schnelligkeit in Betracht zieht, mit der Putin ein so verblüffendes Resultat erreicht hat, kann man ihn auch als den effektivsten Geschäftsmann der Gegenwart bezeichnen. In derselben Zeit hat das Vorgehen Putins für lange Jahre die Beziehungen zur Ukraine verschlechtert, die bis zu der heutigen Aggression uns gegenüber das freundlichste Land war; des Weiteren auch zu den Ukrainern, also unseren engsten Freunden, und hat Russland auch zum ersten Mal seit dem Zerfall der Sowjetunion, und auch zum ersten mal seit 1985, an den Rand der direkten militärischen Auseinandersetzung mit der mächtigsten militärischen Allianz der modernen Welt, der NATO, gestellt” (Quelle).
2. „Der heutige von Putin initiierte Einsatz verläuft auf drei Ebenen und hat drei Ziele. Erste Ebene — die Ukraine. Die Ukraine muss entweder Putin gehören oder sie darf gar nicht als ein eigenständiger und souveräner Staat existieren. Zweite Ebene — die Erschaffung der sogenannten “Russischen Welt”. Unter dem gemeinsamen Dach des russischen Staates soll eine Russische Welt entstehen, soll das größte getrennte Volk der Welt — die Russen — wieder vereint werden.
Dieses Motto ist eine exakte Wiedergabe der Mottos der nationalistischen Propaganda der 1930er Jahre während der deutschen Vorbereitungen zum Zweiten Weltkrieg.
Eine ähnliche Formulierung wurde auch von Slobodan Milosević bei seinem Versuch verwendet, das sogenannte “Großserbien” zu errichten.
In der mutmaßlichen “Russischen Welt” sind vier Kategorien der Bevökerung mitinbegriffen:
- ethnische Russen, unabhängig davon, wo sie leben;
- alle Russischsprachige, unabhängig von ihrer Nationalität;
- alle Mitbürger, die jemals in der UdSSR gelebt haben, und auch ihre Nachkommen;
- alle Mitbürger, die jemals im Russischen Imperium gelebt haben, und ihre Nachkommen.
Das Konzept der “Russischen Welt” ist keine Phantasie von Spinnern (sic!).
Das russische Parlament hat vor kurzer Zeit ein Gesetz über seine Mitbürger verabschiedet, das eine juristische Basis für deren militärischen Schutz im Ausland schafft.
Des Weiteren wurde noch ein Gesetz verabschiedet, das der russischen Armee das Recht gibt, auch außerhalb russischer Grenzen aktiv zu werden.
Die dritte Ebene dieses Krieges hat den Westen zum Ziel.
Das westliche Bündnis muss in zwei Lager zerschlagen werden.
Diesem Konzept nach besteht die angelsächsische Welt aus den USA, Großbritannien, und auch den sogenannten “Fronline-Staaten”. Damit sind Polen und die drei Ostseestaaten gemeint.
Dieser Teil des westlichen Bündnisses muss zerschlagen werden. Das restliche kontinentale Europa muss entweder gegenüber dem Russland Putins neutral werden, oder eben zu seinem Verbündeten“.
Quelle: Auf Russisch; Live auf Englisch; Artikel auf Englisch
3. “Es ist für niemanden ein Geheimnis, dass sich faktisch seit den ersten Tagen der Krim-Annexion europäische und in erster Linie, amerikanische, Diplomaten an den Hals der ohnehin zögerlichen Jazenjuk und Turtschinow gehängt haben. Unter keinen Bedingungen sollten die ukrainischen Machthabenden eine Situation erschaffen, in der sich die USA oder ihre Verbündeten direkt in den ukranisch-russischen Konflikt einzumischen gezwungen wären.
Als Resultat hat der ukrainische Staat die Krim verloren, die Würde, das Vertrauen seiner Armee und die schwersten ökonomischen Schäden davon getragen. Der amerikanische Botschafter hat uns erzählt, dass wir nur auf dem Wege der Erschaffung eines demokratischen und ökonomisch attraktiven Staates im Stande sein werden, uns die Krim zurückzuholen. Weise.
Wo ist der Marschall-Plan für die Ukraine? Die Frage ist nicht unnütz… Durch den Verlust von allem oben Genannten hat die Ukraine ihren westlichen Partnern die Möglichkeit gegeben, noch 1-2 Jahre ihre Pläne in der gemütlichen Atmosphäre der europäischen Pubs auszudiskutieren, nämlich wie sie ihre Lebensweise vor einem Menschen beschützen wollen, der nach Merkels Aussage “nicht mehr mit uns ist”, aber einen Nuklearkoffer hat…
Ist diese Atempause denn nichts wert?
Die Ukraine hat das drittgrößte Atomwaffenarsenal in der Welt aufgegeben und soll nun das Budapester Abkommen als nutzlosen Fetzen Papier wahrnehmen? Die Ukraine soll vergessen, dass jeder Dollar, der von ihren Bürgern gestohlen wurde, nun für die Wirtschaft des Westens arbeitet, weil er entweder darin versteckt ist, oder in den vom Westen erstellten Offshore-Zonen? Die Ukraine soll vergessen, wer geschrien hat: “Ihr werdet alle getötet!”, und sie gezwungen hat, am 21. Februar eine politisch knechtende Vereinbarung zwischen den „Drei vom Maidan“ und einem Präsidenten zu unterschreiben, der zu dem Zeitpunkt schon drei Tage lang dabei war, alles Gestohlene aus dem Land zu bringen und den sogar die Armee schon verlassen hatte? Die Ukraine soll vergessen, dass die EU-Staaten, in deren Banken die Schmerzpunkte der Veranlasser des Auseinanderjagens des Maidan liegen, nicht gewillt waren, ihren eigenen Gesetzen zu folgen und Ermittlungen in Sachen Korruption anzuordnen, die die weitere tragische Entwicklung der Ereignisse in der Ukraine hätten verhindern können?
Die Ukraine soll vergessen, dass die Führungskräfte der EU Kyjiw gegenüber andeuteten, man solle die Frage des Assoziierungabkommens mit der EU nicht vorantreiben, denn das hätte ja zu einer Eskalation seitens Russland führen können, was wiederum die EU gezwungen hätte, ihre Sanktionen zu verschärfen, und die werden ja von den westlichen Großkonzernen negativ wahrgenommen, denn diese Großkonzerne müssten ja erhebliche Verluste wegen des unzureichenden Handels mit Russland tragen.” (Quelle)
Autor: Andrei Illarionow; übersetzt von Irina Schlegel

