Guten Tag, meine ehemaligen Brüder und Schwestern! „Ehemalige“, weil wir uns verloren haben. Verloren wenn nicht für immer, so doch für eine sehr lange Zeit. Ich bin sicher, dass alle dies auch schon verstehen. Ich wollte meine Chance nutzen und diese Ansprache schreiben, an Euch alle, auch wenn ich selbst nicht glaube, dass es irgendwie Euer Bewusstsein verändern könnte, Euer Verständnis dessen, was passiert ist, und leider noch immer passiert. Euren Kisseljow kann ich ja nicht erreichen, um so weniger an euren „Ersten“-Kanal.
Ich erzähle erstmal was über mich selbst.
Mein Name ist Alexej. Ich bin 33 Jahre alt. Ich bin in der Ukraine geboren und auch hier aufgewachsen. Ich bin ein reiner Ukrainer, bis ins dritte Glied, auf beiden Seiten. Weiter weiß ich nicht, hab’s nicht herausfinden können, ist auch unwichtig. Ich war auch niemals außerhalb meiner Heimat. Ach, nee. Auf der Krim war ich mehrmals. Ist ja jetzt Eure. Gratuliere, übrigens.
Mein ganzes Leben lang spreche ich Russisch, und empfinde sie als meine Hauptsprache, denn ich bin zu Sowjetzeiten geboren, ging auf eine russischsprachige Schule und studierte dann an einer russischsprachigen Uni, und meine Familie spricht auch Russisch.
ich hab‘ nie unter Rassismus gelitten und mir war immer tief egal, wer was ist: schwarz, weiß, gelb oder grün. Noch lange nach dem Zerfall der UdSSR hab ich Russen und Ukrainer nicht mal als separate Nationen wahrgenommen. Ich habe uns und euch mit einem Wort benannt: Slawen.
Ich denke, ich hab‘ mich genug beschrieben. Und nun zur Sache.
Ich fange mal mit einer einfachen Frage an: Braucht Ihr Krieg? Er läuft doch schon. Nur wozu? Euer Zwergengott hat beschlossen, die russischsprachige Bevölkerung vor Faschisten und Banderas zu schützen? Aber ich bin doch beides. Ihr werdet es nicht glauben… Ich kreuzige jeden Tag kleine Kinder wie „kleine Jesuse“, so drei-vier Stück am Tag. Kann es nicht lassen!!!
Wie… WIE könnt Ihr diesem Wahnsinn glauben? Hat das Fernsehen euer Gehirn ausgesaugt? Könnt Ihr keine einfachen logischen Sachen zusammenstellen? Oder seid Ihr so faul geworden, dass Ihr nun nicht nur keine Arbeit machen wollt, sondern auch nicht zu denken beabsichtigt? Glaubt Ihr, wir sind hier in einem Augenblick verrückt geworden? 70 Jahre lang waren wir ein Land, 20 Jahre lang waren wir Brudervölker, und in einem halben Jahr sind wir für Euch Faschisten geworden. Wie kann es denn sein? Vielleicht hatten wir zu viele von den „gespritzten Orangen“ zu Zeiten der orangenen Revolution gefressen und sind tatsächlich dem Irrsinn verfallen?
Mich wundert Eure Überzeugung immens, dass Ihr „erhaben und gewaltig“ seid. Eine noch größere Verwunderung ruft es bei mir hervor, wenn ich dies von einem besoffenen und bepissten „russo turisto“ höre. Ja, war mal. Hab’s selbst gehört und gesehen. Hab‘ sogar dran gerochen. Aber Ihr werdet mir ja nicht glauben – ich bin ja ein Faschist.
Erhaben und gewaltig waren unsere Großväter! Sie haben durch ihr Blut Frieden auf diese Welt gebracht. Denselben Frieden, den Ihr jetzt so leicht zerstört. Wir wollen in Frieden leben, Ihr aber irgendwie nicht. Gerade unser Wunsch nach einem Leben in Frieden hatte unseren Professor erschreckt und am Ende ist er abgehauen, ließ einen großen blutigen Fleck im Zentrum Kyjiws zurück und eine gelb-braune Spur auf dem Weg nach Rostow.
Aus irgendeinem Grund seht Ihr weder den Dreck in Eurem eigenen Hinterhof noch die Armut in Eurem Haus, mit welcher Euer Zwergengott Euch so gönnerhaft beschenkt hat. Dafür habt Ihr aber auf Tausende Kilometer Entfernung Faschisten erkannt. Versteht Ihr? Ihr seid so aufrichtig glücklich, dass die Krim nun Eure ist, habt aber gleichzeitig Angst, selber dahin zu fahren. Und erlaubt es uns auch nicht. Erklärt mir doch bitte: Worauf freut Ihr Euch? Ihr habt die Krim abgedrückt, und jetzt? Habt Ihr einen größeren Arbeitslohn bekommen? Oder weniger Steuer? Aaah… hab’s vergessen, ich kenne die Antwort… Auf dem Sofa sitzend und in den Zombiekasten eures Idols schauend, seid Ihr nun stolz auf eure „gewaltige Erhabenheit“. Liege ich richtig? Fangt doch an, nachzudenken. Nicht wir sind mit Waffen zu Euch gekommen, sondern Ihr zu uns. Unsere Soldaten verteidigen ihre Heimat und greifen Eure aber nicht an. Und diejenigen, die dabei sterben, beerdigen wir wie Helden, denn sie sind es auch. Ihr beerdigt Eure wie Hunde in namenlosen Gräbern. Wie sehr muss man denn die menschliche Würde verlieren, wie tief muss man sinken, um so etwas zuzulassen!
Wacht doch auf! Niemand will Blut! Alle wollen leben! Ihr seid 140 Millionen, und euer Idol ist aber allein. Na, vielleicht noch ein paar Mitläufer. Macht ihn weg, stoppt diesen von niemandem gewollten Krieg, eure Armut und die Degradierung euer Nation. Nehmt doch Beispiel an uns! Wir haben es geschafft – dann könnt Ihr das doch auch schaffen. Er hat keine Angst vor Faschisten oder Banderas, er hat Angst vor Euch, vor seinem Volk – das ist alles!
Und zum Schluss: Ich bin kein Faschist. Ich bin ein „Faschist““.
Alexej.
Quelle: vgorodok.com; übersetzt von Irina Schlegel

