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Aufklärungsleiter des „2.Korps“ unter UCA-Kontrolle. Teil I: Die „Orlan-10“-Drohne

In dieser Publikation enthüllen wir das Geheimnis einer erfolgreichen Operation, die InformNapalm gemeinsam mit Hacktivisten der Ukrainischen Cyberallianz UCA [1] durchgeführt hat. 

Das Wesen dieser Operation bestand in der Infilitrierung des Arbeitscomputers des „Aufklärungsleiters des 2. Armeekorps der Volksmiliz“ der russischen Besatzungskräfte im Gebiet Luhansk mittels einer speziellen Software. Diese „Implantation“ erlaubte es, Kontrolle über Daten zu erhalten, die zwischen dem „Aufklärungsleiter“ des 2. Armeekorps, dem 12. Reservekommando der russischen Streitkräfte (Nowotscherkassk, Russland) und den Aufklärungsabteilungen (russische Drohnen, EloKa-Abteilungen und Satelliten-Aufklärung), die im Interesse des „Korps“ agierten, übertragen wurden.

Im Lauf einer längeren Zeitperiode analysierten Freiwillige und Hacktivisten die Informationen und übergaben diese an ukrainische Militärangehörige. Wie diese Informationen von ihnen verwendet wurde, können wir nicht preisgeben. Zum heutigen Tag hat aber ein Teil dieser Informationen seine operative Bedeutung verloren und wir haben beschlossen, unsere Leser mit einem weiteren unwiderlegbaren Datenmassiv an Beweisen für russische Aggression gegen die Ukraine vertraut zu machen. Weiter unten führen wir Dokumente an, die die Fakten des Einsatzes von Drohnen des Typs „Orlan-10“ durch russische Militärangehörige in der Ukraine in der Kampfzone im Donbas belegen. In dieser Publikation beschränken wir uns auf das Thema der Drohnen. Informationen bezüglich der elektronischen und Satelliten-Aufklärung werden wir in den nächsten Artikeln zu diesem Thema veröffentlichen.

Luftaufklärungsmittel der russischen Besatzungstruppen im Gebiet Luhansk, Stand: Ende 2014

Auf Grundlage des Berichts des Aufklärungsleiters des sogenannten „2. Armeekorps“ (das als Tarnorganisation der russischen Besatzungstruppen auf dem Territorium des Gebiets Luhansk dient), kann man Informationen über den Typ und die Anzahl der Luftaufklärungsmittel erhalten, die das „Korps“ Ende 2014 besaß.

Später wurden diese Drohnen bei den Kämpfen bei Debalzewe eingesetzt. Die Streitkräfte Russlands verlegten 4 Stück „Orlan-10“-Drohnen, 4 Stück „Eleron-3“-Drohnen, 2 Stück „Tachyon“-Drohnen unmittelbar ins Gebiet Luhansk.

Außerdem hat das russische Kommando 2 EloKa-Systeme RB-341W „Leer-3“ (die auch in Donezk registriert wurden [2]) eingesetzt – ein System zum Niederhalten von GSM-Kommunkation mittels Störungen, welche durch Drohnen vom Typ „Orlan-10“ erzeugt werden. Wir führen auch die nicht-strukturmäßigen Luftaufklärungsmittel mit Anbindung an die jeweilige Abteilung der russischen Streitkräfte an.

Man sollte anmerken, dass die Drohne „Tachyon“ mit der Bordnummer 141169 nach den Informationen in den Unterlagen am 14. Dezember 2014 bei der Ortschaft Rai-Olexandriwka im Gebiet Luhansk durch die ukrainischen Streitkräfte abgeschossen wurde. Verlässlich ist bekannt, dass die Besatzer zwei weitere typgleiche Drohnen im Donbas verloren haben. Eine im Sommer 2014 (Link zur Videoreportage [3], im Titel wurde das falsche Drohnenmodell angegeben) und eine zweite mit der Bordnummer 141202 im Zeitraum Herbst 2014 bis Frühling 2015.

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Unter den abgefangenen Dokumenten ist auch eine interessante Telefonmeldung des Aufklärungsleiters des „2. Korps“ an den Aufklärungsleiter des 12. Reservekommandos der russischen Streitkräfte (Nowotscherkassk) vorhanden. In der Telefonmeldung wird mitgeteilt, dass per 8. Dezember 2014 die Aufklärungsabteilungen die Drohne „Orlan-10“ (3 Stück) der 82. Luftsturmbrigade einsetzen und dass die Lieferung einer weiteren Drohne geplant ist, die der 100. SMSBr zugeteilt war. Weiter unten sehen Sie den Text der Telefonmeldung:

Hiermit teile ich mit, dass sich in der Ausrüstung des 2. LVR-Korps 2 Komplexe „Orlan-10“ aus der 83. Luftsturmbrigade befinden: Die Drohne für Tageinsätze Nr. 10253 ist defekt, der Verbrennungsmotor bedarf einer Reparatur, die Kamera hat einen mechanischen Defekt, sie befindet sich seit 06.12.2014 in Nowotscherkassk. Die Drohne für Nachteinsätze Nr. 10263 ist defekt, der Läufer des Generators ist mechanisch beschädigt, am  09.12.2014 ist seine Lieferung nach Nowotscherkassk zur Reparatur geplant, der Peiler Nr. 10273 ist intakt. Der „Orlan-10“-Komplex aus der 100. SMSBr.: Die Drohne für Tageinsätze Nr. 10258 ist intakt, die Lieferung in die LVR ist für den 09.12.14 geplant. Drohne für Nachteinsätze Nr. 10268 ist intakt, die Lieferung in die LVR ist für den 09.12.14 geplant, der Peiler Nr. 10278 ist intakt. Am 07.12.14 fahren die Spezialisten zur Ausbildung in Decodierung und Umgang mit Peilern des „Orlan-10“-Komplexes in die Militäreinheit Nr. 89462 in Nowotscherkassk ab.

Verlust der „Orlan-10“-Drohne mit der Bordnummer 10253

Ein weiteres Dokument enthüllt Einzelheiten des Verlusts der Drohne vom Typ „Orlan-10“ mit der Bordnummer 10253, die der 83. Luftsturmbrigade der russischen Streitkräfte gehörte. Die Drohne führte am 3. Februar 2015 Luftaufklärung auf der Route Tschornuchyne-Debalzewe durch. Um 14:20 Uhr ging das Signal verloren. Der Bediener versuchte, die Maschine zurück auf den Startpunkt zu bringen, die Maschine reagierte aber nicht auf Kommandos. Um 14:35 Uhr, bei 1514 Metern Flughöhe, ging die Verbindung mit der Maschine vollständig verloren. Als Ursache für den Drohnenverlust wurde in der Akte der vorläufigen Untersuchung eine schwierige funktechnische Lage angegeben. Einfach ausgedrückt: Ukrainische Truppen hatten erfolgreich ihre EloKa-Mittel angewendet.

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Interessant ist auch die Information über die Besatzung der Drohnen:

Die Freiwilligen von InformNapalm haben eine zusätzliche Untersuchung offener Quellen durchgeführt und Folgendes festgestellt: Im sozialen Netzwerk VK wurde das Profil von R. Urekjan (Profil [9], Kontakte [10], Album [11]) gefunden. Den Fotos nach leistete Rodion im September 2013 seinen Wehrdienst bei den Luftlandetruppen Russlands.

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Den genauen Dienstort festzulegen half uns sein Freund und Dienstkollege, Viktor Fjodorow (Profil [13], Album [14]), der in seinem Fotoalbum das Bild mit dem Emblem der 83. Luftsturmbrigade postete.

Die Hacktivisten der UCA haben Zugang zum E-Mail-Account von Rodion ([email protected]) erhalten. Im Dump, der an uns übergeben wurde, haben wir Gehaltsnachweise für Dezember 2014 und Januar 2015 gefunden. Das spricht dafür, dass der Systemoperator der „Orlan-10“-Drohne mit der Bordnummer 10253, der Gefreiter R. S. Urekjan (geb. 22.11.1994, Persönliche Nummer: MT-382941, Tabellennummer: 1723210) zum Zeitpunkt der Luftaufklärungsaufgabe im Raum von Debalzewe Zeitsoldat  im aktiven Dienst bei der 83. Luftsturmbrigade russischer Streitkräfte war und sich auf einer sogenannten „ukrainischen Dienstreise“ befand.

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Auch haben wir im Netz Informationen über Ewgenij Jakejew gefunden [17]: Seinen Schulabschluss machte Ewgenij in der Stadt Schumerlja in Tschuwaschien, Russland. 2007 begann er sein Studium an der Militärakademie für Funkelektronik-Ingenieure. Diese Akademie hat vier Fachrichtungen: Ingenieur, Kommando, Funk, automatisierte Steuerungssysteme.

Vergleichen wir mal die Fakten: Die Fachrichtung der Hochschule, das Abschlussdatum 2012 im Rang eines Leutnants, der Rang eines Oberleutnants in 2015 und die Dienststelle eines Leiters der Drohnen-Besatzung (Obernavigator). Anhand seines Schulabschlusses kann man annehmen, dass seine Heimatstadt Schumerlja ist. Durch eine einfache Google-Suche unter Eingabe des vollständigen Namens und der Heimatstadt, finden wir in einer alten Verkehrspolizei-Datenbank eine Notiz [18] bezüglich seines Vaters, der in Schumerlja wohnt. Auch konnten wir das Profil von Jakejew im russischen Netzwerk „Odnoklassniki“ [19] finden. Die Angaben bezüglich seiner Heimatstadt und der Schulausbildung stimmen überein. Auf dem Foto unten sehen Sie Jakejew in der Mensa der Militärakademie. Zusätzlich konnten wir auch das Geburtsdatum von Jakejew herausfinden: 24.05.1990.

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Den UCA-Hacktivisten ist es gelungen, Zugang zum E-Mail-Account von Jakejew zu bekommen, in dem ebenfalls Gehaltsnachweise für Januar-Februar 2015 gefunden wurden. Also war Jakejew zum Zeitpunkt der Durchführung von Luftaufklärung ein aktiver Militärangehöriger der russischen Streitkräfte und erhielt sein Gehalt unmittelbar vom russischen Verteidigungsministerium.

[21] [22]

[23]Dienstliche Meldung über die Luftaufklärungsarbeit:

Jeder Einsatz der Drohnen wurde von dienstlichen Meldungen an den Aufklärungsleiter des 12. Reservekommandos Russlands begleitet. Alle Meldungen gingen über den „Aufklärungsleiter“ des 2. Korps und wurden in seinem Arbeitscomputer aufbewahrt. Wir führen nachstehend den Inhalt einer solchen Meldung an; die Meldung wurde von Oberleutnant Jakejew zusammengestellt:

Der Dienstmeldung wurde ein Bild beigefügt, das die Drohne aufgenommen hatte. Das Aufnahmeobjekt befindet sich in Staniza Luhanska (Stelle auf der Karte [24]). Zum Vergleich führen wir einen Screenshot des Satellitenbildes von der Gegend an, wo sich dieses Objekt befand.

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[26]

Also kann man dieser Dienstmeldung folgende Fakten entnehmen:

Unter den gehackten Daten des „Aufklärungsleiters“ des 2. Korps gibt es einen weiteren ziemlich überzeugenden Beweis: Ein Video mit Aufnahme des Desktops des Drohnen-Operators der „Orlan-10“ mit der Bordnummer 10258, die zur Bewaffnung der 100. Raketenbrigade der Streitkräfte Russlands gehörte und von Unterfeldwebel A. H. Daurow und dem Soldaten W. I. Lasarenko gesteuert wurde.

Das Video wurde am 13. Januar 2015 aufgenommen, nach 14:00 Uhr, als die Drohne Nr.10258 einen Aufklärungsflug westlich von Schtschastja durchführte. Laut den Dokumenten wurde sie in der ersten Tageshälfte des 24. Januar 2015 durch Flakfeuer über Debalzewe abgeschossen. Weiter unten ein Screenshot aus dem Video, ein Satellitenbild zur Geolokalisierung und ein Foto der Arbeitsoberfläche des Drohnen-Operators aus einer Reportage [27] über das 924. Zentrum Unbemannter Luftfahrzeuge der Streitkräfte Russlands.

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Weitere Publikationen von InformNapalm zum Thema „Orlan-10“ und der Verwendung dieser Drohnen durch die russischen Streitkräfte im Donbas:


Dieses Material wurde Michail Kusnezow [33] exklusiv für InformNapalm [34] vorbereitet; übersetzt von Irina Schlegel [35]. Beim Nachdruck und Verwenden des Materials ist ein Hinweis auf unsere Ressource erforderlich.

Die Angaben wurden von den Hackern der ukrainischen Cyberallianz exklusiv an InformNapalm zwecks Analyse und weiteren Veröffentlichung übergeben. Die Redaktion von InformNapalm trägt keine Verantwortung für die Erstquelle und die Herkunft der Angaben.

(Creative Commons — Attribution 4.0 International — CC BY 4.0 [36] )

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