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I.Melianas: Die Zergliederung von Belarus ist eine Ersatzvariante des Kremls

Der nachfolgende Artikel ist auf der Basis des Vortrags „Zur eventuellen russischen Bedrohung für die territoriale Integrität der Republik Belarus“ erstellt worden, der vom Autor auf dem 5. internationalen Kongress von Forschern aus Belarus vorgelesen wurde, der am 2-4. Oktober 2015 in Kaunas (Litauen) stattgefunden hatte. 

Als ich begann, mich für die Problematik des Entfachens von ethnischen Konflikten im postsowjetischen Raum zu interessieren, habe ich circa 50 „Projekte“ der separatistischen und irredentistischen Art gezählt, die Moskau faktisch überall verwirklichen will, von Estland bis Tadschikistan. Es ist klar, dass all diese Projekte sich in verschiedenem Umsetzungsstadien befinden. Die Krim ist bereits an Russland angeschlossen worden. Transnistrien, Abchasien, das sogenannte „Südossetien“ und „D/LVR“ vergehen noch davor. Offensichtlich ist, dass sich in die gleiche Richtung die Ereignisse in Gagausien (zusammen mit der Taraklijski-Region) entwickeln. An anderen Orten wird die subversive Tätigkeit noch, wenn man sich so ausdrücken darf, auf der „untergrundsgesellschaftlichen“ Ebene geführt. Das bezieht sich auf die estnische Narva und das lettische Lettgalien, die ukrainische Circum-Pontic Region und ihrem separaten Teil – dem südlichen Budschak, auf die Sloboda-Ukraine, Transkarpatien, das moldauische Belz, georgische Dschawacheti, in dem versucht wird, georgische Variante von Karabach zu erschaffen, auf einzelne Regionen von Aserbaidschan, die von Lesginen und Talyschen bevölkert sind, auf Zelinny-Region von Kasachstan (nördliches Kasachstan) und seine Halbinsel Mangystau, auf usbekisches Karakalpakien und so weiter und so fort. Eine weitere Ebene hier ist die Förderung der Situation in den sozialen Netzwerken, wo sich verschiedene Klaipeda, Wilenj, Lwiw, Kiew und andere „Volksrepubliken“ vermehren.

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15 Jahre täglicher Vergiftung mit de putinschen TV (und nicht nur)-Lauge haben dazu geführt, dass der Durchschnittsrusse begann, die Umwelt als etwas fremdes und feindseliges ihm und seinem Land gegenüber wahrzunehmen. Bild von Wasily Loschkin.

Diese ganze Propaganda geht nicht nur und nicht so sehr uns, die NATO- und EU-Mitglieder (ich meine die Baltischen Staaten) an, die von Moskauer Propagandisten per Definition längst in die Schwarzlisten der „rasenden Russophoben“ (oder wen auch immer) eingetragen worden sind. Die Spitze des putinschen Hasses und Destruktion ist in erster Linie gegen die sogenannten „Verräter“ gerichtet, gegen jene, die sich doch noch dazu entschlossen haben, sich der westlichen Zivilisation und ihrem Wertesystem zuzuwenden – gegen die Ukraine, Moldau und Georgien. Fast das Gleiche kann man auch über die Staaten sagen, die noch immer versuchen zwischen Russland und anderen Anziehungszentren zu lavieren, zum Beispiel Aserbaidschan und Usbekistan.

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„Russland ist überall, wo Russen sind!“

Die putinsche Propaganda trimmt dem Kleinbürger ein, dass Russland irgendwelche besonderen Rechte auf die Einmischung in die Innenangelegenheiten von Nachbarstaaten besitzt.

Nichtsdestotrotz sehen wir, wie die Erweckung von separatistischen Stimmungen durch Russland auch jene Staaten nicht vermeiden konnten, die im Grunde Verbündete des putinschen Regimes sind. Das zeigt ein weiteres Mal, dass der Kreml seine „kleinen Brüder“ ausschliesslich fleischfressend betrachtet: entweder als demütige Satelliten oder aber als territoriale Spender. Übrigens, genau zu diesem Zweck ist solch‘ eine todgeborene Formation wie der „Bündnisstaat von Russland und Belarus“ ausgedacht worden.

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Projekt der Symbolik vom „Vereinten Staat Russlands und Belarus“

Anders ausgedrückt beschränkt sich Russlands Beziehung zu ausnahmslos allen ehemaligen und gegenwärtigen GUS-Mitgliedern auf die einfältigste aller Formel: entweder Ihr folgt im Fahrwasser der Kremlpolitik und tretet diesen ganzen Zollbündnissen und anderen eurasischen Bündnissen wie Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (ODVKS) bei, oder ein Happen Eures Territoriums wird abgebissen, der gewöhnlich mit irgendwelchen nationalen Minderheiten (bevorzugt ethnischen Russen) bevölkert ist. Dafür wird nicht nur ethnisches, sondern auch ein anderes, dem ersten verwandtes Argumentationsmodell verwendet, das auf pseudohistorischen Argumenten basiert.
Falls der Wunsch zuzuschlagen da ist, wird man immer einen Stock dafür finden können. Wir sehen alle möglichen Tricks, die zur Rechtfertigung von russischer Expansion oder gar offener Aggression verwendet werden. Es werden Postulate über die Rechtsnachfolge der Russischen Föderation in Bezug auf die Sowjetunion und „das Gesetz über die Landsleute“ lanciert, entsprechend welchem zu Landsleuten nicht nur Russen sondern auch die Vertreter anderer Nationalitäten hinzugezählt werden, die nicht nur die Russische Föderation sondern auch Russisches Imperium und die Sowjetunion je bevölkert haben.
Anders ausgedrückt sind zu „russischen Landsleuten“ alle Finnen mit finnischen Schweden geworden, alle Balten, Polen und Alaska Einwohner – die Aleuten, Eskimos und andere Indianer. Und noch ein gängiges Verfahren ist hier der Mythos darüber, dass der sogenannten „Russischen Welt“ alle ostslawischen und orthodoxen Völker anzugehören verpflichtet sind. In diesem Format werden die Ukrainer und Weißrussen nur als ethnografische Gruppen des russischen Volkes betrachtet, und ethnografische Völker haben wie bekannt kein Recht auf staatliche Unabhängigkeit. Somit sehen wir, wie auf diese Weise sich Russland sozusagen das „Recht“ angeeignet hat, sich in die inneren Angelegenheiten der Nachbarstaaten (und nicht nur) einzumischen und ihre historischen Schicksale zu verstümmeln.
Was wird denn in den imperialistischen Kremlkreisen dazu unternommen, um die Republik Belarus zu zergliedern (und am Ende zu annexieren)? Es sieht so aus, als ob man zumindest drei Moskauer „Projekte“ nennen kann, die auf die Vernichtung oder „Bezähmung“ des belorussischen Staates und seines Soziums gerichtet sind, und zwar auf dem Weg der Erpressung, die auf ethnischen, ethnografischen (ethnolinguistischen) und angeblich historischen Faktoren basiert. Betrachten wir diese doch in chronologischer Reihenfolge.

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N.Scheljagowitsch und die von ihm verwendete „jatwjaschskaja“ Symbolik

Als Erstes steht in der Liste das sogenannte „Jatwjaschski Projekt“ von Nikolai Scheljagowitsch. Sein Sinn besteht darin, aus den in einem ukrainischen Dialekt sprechenden Einwohnern von Brest-Pinsky Polesje eine besondere ethnische Gemeinschaft, „Jatwjagi“, zu kreieren. Ich weiss nicht, was den Herr Scheljagowitsch zur Auswahl von gerade diesem Ethnonym bewegt hat (denn historisch lebten Jatwjagen nordwestlicher vom genannten Territorium, in Beloweschskaja Puschtscha, im Westen des jetzigen Grodnenskaja Gebiet, in Podljaschskaja Wojewodschaft und in den südwestlichen Gebieten von Litauen), aber das tut nichts zur Sache. Viel wichtiger ist zu verstehen, wozu all das gemacht wurde. Denn sogar die belorussische Volksfront hat nicht gleich die giftige Füllung von „Jatwjagentum“ gesehen, und nahm es als eine Art naiven Regionalismus wahr, als eine Illustration von „Einheit in Vielfältigkeit“.

Typologisch ist das „Jatwjagentum“ durchaus vergleichbar mit den anderen pseudoethnischen Identitäten, die in den kremlischen Büros konstruiert werden. Darunter fallen „Rusine“ in Transkarpatien, litauische Schejmaten (Schmudine), lettische Latgalen, estnische Seten, georgische Mingrelen, kasachische „Mangystauer“ usw. Der ganze Unterschied besteht nur darin, dass bei dieser konkreten Sache nicht nur die existierenden separatistischen Stimmungen von der einen oder anderen ethnischen Gruppe aufgezeigt werden mussten – hier musste man tatsächlich irgendwie eine Gruppe daraus „zusammenschustern“.

Ich denke, dass die Wahl der kremlischen Polittechnologen gerade auf diese Region gefallen ist, weil die westlichen Polesje-Einwohner zum Diskussionsobjekt zwischen zwei modernen nationalen Ideen gehören – der ukrainischen und belorussischen, und dabei sind die Polesje-Einwohner in ihrer ethnischen Selbstbestimmung etwas verspätet, weshalb seit der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts zur Hauptsprache ihrer öffentlichen Kommunikation die russische Sprache geworden ist. Die Chefs von Scheljagowitsch haben beschlossen, dass es nicht schwer sein wird, auf diese Weise eine russisch-orientierte Exklave unter einem „Jatwjagen“-Aushängeschild zu erschaffen.

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Karte von Dialekten der belorussischen Sprache (das West-Polesje Gebirge ist gelbmarkiert)

Die Situation begann sich erst nachdem aufzuklären, als Scheljagowitsch sein (und höchstwahrscheinlich nicht nur sein) Programm bekanntgemacht hatte: die Erschaffung einer „Jatwjagischen“ (also West-Polesje) national-territorialen Formation, die auf einer föderalen Basis einen gemeinsamen Staat mit dem restlichen Belarus bilden soll. Klar, dass damit auch anderen Regionen des Landes ein schlechtes Beispiel gezeigt wurde: seinem katholischen Nordwesten und dem im bekannten Maße prorussischen Osten. Des Weiteren sollen in die Zusammensetzung von „Jatwjagien“ auch das ukrainische Polesje und die angrenzenden Regionen von Polen miteingeschlossen werden, was an sich schon einen territorialen Konflikt von Belarus mit diesen Staaten voraussetzt.

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Verbreitung von belarussischer (rot) und russischer (blau) Sprachen in Belarus. Die erste Karte zeigt die Situation in den Städten, die zweite – in den Dörfern. 

Interessant ist die Tatsache, dass Ende 1990 Scheljagowitsch die Jatwiger Volkspartei gegründet hatte, und 1995 – die Partei der belorussischen Einheit und Einklangs, die mit der sowjetisch-revanschistischen Volkspartei Belarus zusammenarbeitete. Ein Separatist is zu einem Einheitsstaatler geworden? Unwahrscheinlich, eher haben sich die Umstände und die Einstellung geändert.

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„Jatwiger“ Zeitung „Sbudinne“ und ein Chevron mit dem Emblem der „jatwiger Organisation“, das von den Anhängern von N.Scheljagowitsch in Kaliningrad verwendet wird..

Anfang 1995 verschwand das „Jatwigentum“ genauso schnell, wie es aufgetaucht war – nachdem zum Anführer des belorussischen Staates ein flammender (zumindest zu der Zeit) Verfechter der Vereinigung von Belarus und Russland geworden ist. Es wäre aber zu früh, dieses Projekt zu bekreuzen, denn Scheljagowitsch und die von ihm angeführte „Jatweger“-Organisation siedelten nach Korolewez (Kaliningrad) um. Genau dort züchtet der wichtigste „Jatweger“ seine antihistorischen Machwerke, die dienstbeflissene russische imperialistische und chauvinistische Internetressourcen bei sich veröffentlichen. Anders ausgedrückt wurde diese Patrone nicht entsorgt – sie wurde nur in den Ersatzmagazin gelegt.

Übrigens fuhr Scheljagowitsch im März 2013 auch Alexander Lukaschenko an, nannte ihn ein Nationalist und warnte ihn, dass wenn dieser sich nicht wieder besinnt, so kann in der Zusammensetzung Russlands der „Jatweger-Litauischer Föderaler Bezirk“ auftauchen, in den auch die Smolensk- und Kaliningrader Gebiete miteingeschlossen werden (Bitte diesem Fakt Aufmerksamkeit schenken). Unter Berücksichtigung dessen, dass als „Litauen“ Scheljagowitsch Belarus bezeichnet und das Kaliningrader Gebiet durch einen Streifen litauischen Territoriums von Belarus getrennt ist, kommt die Frage auf: „Wie soll das gehen?“ Scheljagowitsch beantwortete diese Frage im Juni 2014, als er erklärte, dass es ein gewisses „Jatweger Rus“ gibt und dass es genau jener Streifen litauischen Territoriums zwischen dem Kaliningrader (Russland) und Grodnenskaja (Belarus) Gebieten ist. Ausserdem existiert in seinen Machwerken noch ein anderes Rus, das „Nemanskaja Rus“, worunter er die Klaipeda Region von Litauen versteht.

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Region der vewirklichten „Jatweger“-Fantasien

Manche belorussische Forscher, zum Beispiel Andrei Dynko, zweifeln gar nicht daran, dass Scheljagowitsch ein KGB-Mann war. Was gibt es hier auch zu zweifeln. Ich kann nur sagen, dass seine litauischen Bekannten, die wir kennen, von der ähnlichen Sorte sind.

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Erfundener „Jatweger Staat“

Ich hatte schon erwähnt, dass „Jatwegentum“ als ein schlechtes Beispiel für Grodnenskaja Gebiet benutzt werden kann – die Frage war nur, wann genau das geschieht. Und voila, im Januar dieses Jahres wurde doch noch eine Mole unter dem Namen „Grodnenskaja Volksrepublik“ geboren, und nicht alleine, sondern in Gesellschaft von fünf Zwillingen „Baltische Rus Republik“ [16] (gemeint ist damit ein Teil des nördlichen Estlands von Narva bis Tallinn), „Lettgalen Volksrepublik“, „Wilenskaja Volksrepublik“ [17] und „Lwiw Volksrepublik“ [18]. Im Unterschied zu vielen anderen Volksrepubliken, Dutzende von welchen in den russischen sozialen Netzwerken unter ukrainischen, moldauischen und sonst noch welchen Namen aufgetaucht sind, starteten all diese auf der Facebook-Plattform, womit sie wohl versuchen, uns auf die falsche „westliche Spur“ zu führen. Mehr noch, in drei von den fünf obengenannten Fällen (Vilnius, Grodno und Lwiw) wurde versucht uns davon zu überzeugen, dass „grüne Männchen“ jeden Augenblick wenn nicht aus Russland so aus Polen zu uns kommen werden, womit wohl beabsichtigt war, einen Keil zwischen Polen (auf einer Seite) und Litauern, Belorussen und Ukrainern auf der anderen zu treiben. Im estnischen und lettischen Fall gab es diese Mimikry nicht – die zahlreiche russische Bevölkerung (also des Objekts zur Betäubung) erlaubte es, offen zu prophezeien.

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Gelöschte FB-Gruppe der Gemeinschaft „Grodnenskaja Volksrepublik“ mit Nutzung der polnischen Flagge und des Wappens der Stadt Grodno aus der Zeit der polnischen Republik 1918-1939, die Karte des „Grossen Polens“, ein Logo des realen „Partners“ von „Grodnenskaja Volksrepublik“ in Polen – der rechtsradikalen Organisation „Falanga“.

Ja, das sind keine gewaltsam besetzten Bezirks- und SBU-Verwaltungsgebäuden wie in der Ukraine – das ist nur eine Internetprovokation. Nichtsdestotrotz ist es ein Signal, dass diesen Worten auch Taten folgen können. Interessant ist die Tatsache, dass im Unterschied zu den anderen vier Fällen, die noch immer im Internet hängen, die „Grodnenskaja Volksrepublik“ nach einer gewissen Zeit verschwand (wie es aussiehst, wurde die Seite von „Lettgalen Volksrepublik“ kürzlich ebenfalls entfernt). Man könnte sich vorstellen, dass zwischen Grigorjewitsch und Wladimirowitsch folgendes Telefongespräch stattgefunden haben könnte. Grigorjewitsch: „Hör mal, Bruder, was fährst du mich so an? Ich bin hier sozusagen mit der ganzen Seele dabei, und du kommst mir so. Bin ich dir irgendsoein Poroschenko oder Saakaschwili?“

Wladimirowitsch:“Ja gut, lassen wir die Sache. Aber du, Bruder, sei da mal nicht so initiativ mit dieser Vermittlung, bist allzu selbstständig geworden. Wir organisieren dir bald eine Luftwaffenbasis, irgendwo nahe Bobrujsk, oder Baranowitschi oder Lida. Von dort aus ist es eh näher an Vilnius. Jawohl?“

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Regionen von Belarus mit grosser polnischer Bevölkerungsanzahl

Ich denke, dass auch diese „Volksrepublik“ bislang nur als Beispiel dessen diente, „was sein wird falls ist“… Aus tatsächlich polnischen wurden dort nur Gemeinheiten von einer ultrarechten Organisation zitiert – von „Falanga“, die zum Bestand des prorussischen „Globalen revolutionären Bündnisses“ gehört.

Schauen wir weiter. Eine Zeit lang war ich unschlüssig: wie konnte Putin, der sich an die ehemalige „russische Zugehörigkeit“ von Krim mit Sevastopol erinnerte, das ebenso angeblich „russische“ östliche Gebiet von Belarus vergessen, das in seinen Bestand 1924-1927 miteingeschlossen wurde? Aber meine Ratlosigkeit dauerte nicht allzu lange an, denn schon bald tauchte eine ganze Serie von Publikationen auf, in denen aggressiv darauf bestanden wurde, dass diese Gebiete und Regionen in der Republik Belarus nur in dem Fall bleiben werden, wenn die Aussenpolitik des Staates sich kein Millimeter von der russischen entfernt. Sonst… sonst wird das Taxameter der sogenannten „historischen Gerechtigkeit“ angeschaltet, mit allen dazugehörigen Folgen.

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Karte von Ukraine und Belarus, die mit der Swastik der „Russischen Nationalen Einheit“ „geschmückt wurde, die Seite der „Freiwilligen Trupps von RNE“ und Logos der Partner von RNE in Belarus- der Republikanischen National-patriotischen Bewegung und des „Widerstands des Weissen Rus“.

Als Erste über die Notwendigkeit der Erschaffung von „Volksrepubliken“ im Osten (und nicht nur im Osten) von Belarus erklärten die Aktivisten der „Russischen Nationalen Einheit“ (RNE) im Oktober 2014. Wobei sie kurz darauf versucht hatten sich davon loszusagen, aber niemand hat ihnen geglaubt, denn Hunderte von ihren Mitgliedern beteiligen sich an den Kampfhandlungen im Donbass und die Karten von Belarus, die mit den Swastiken von Barkaschow „geschmückt“ sind, tauchten im Internet auch früher auf. Im März 2015 erschien auf dem chauvinistischen Portal „Sputnik und Pogrom“ ein unheimlicher, angeblich konzeptueller Artikel von Kirill Awerjanow [27], in dem Belarus dazu aufgefordert wurde, „das Fremde zurückzugeben“.

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Eine Karikatur von Wasiliy Potschizki, die aus Russland gekommene Terroristen darstellt („grüne Männchen“) und die lokalen Marginale mit den Plakaten „MVR unser!“, „BVR unser!“ etc. unterstützt

Wobei wir uns hier daran erinnern könnten, dass die Hauptstadt der ersten Belorussischen Sowjetrepublik (vom Januar 1919) die Stadt Smolensk war, die Republik existierte aber nur zwei Monate, wonach ihre Grodnenskaja und Minskaja Gouvernements in die sogenannte „Litbel“ miteingeschlossen, und die Witebskaja, Mogilewskaja und Smolenskaja Gebiete zurück in die Zusammensetzung der Russischen Sowjetrepublik aufgenommen worden waren. Anders ausgedrückt, ist das Verständnis von „historischer Gerechtigkeit“ ein Stock mit zwei Enden. Wir wissen aber auch etwas anderes – im eurasischen Raum hatten die entscheidende Bedeutung nicht irgendwelche logischen Schlussfolgerungen und Argumente, sondern rohe Gewalt. Wie der eine Wolf in der Fabel von Krylow dem Ziegenlamm sagt: „Du bist allein schon daran schuld, dass ich was essen will“.

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K.Awerjanow-Minski und die Illustration zu seiner Untersuchung „Wei das sowjetische Belarus vergrössert wurde“

Die Vertreter einer weiteren Art des russischen Expansionismus sehen Belarus gar nicht als einen eigenständigen (wenigstens formal) Staat an. Zum Beispiel wurde noch im April-Mai 2006 im Portal der Schwarzen Hundert [31] „Russische Volkslinie“ ein riesiger (12-teiliger) Artikel „Belorussisches Phänomen“ [32] veröffentlicht, den der professionelle russische Chauvinist Professor Sergei Lebedew und sein Gleichgesinnter, ebenfalls ein Professor, Grigory Stelmaschuk geschrieben hatten. Der Sinn des Artikels: Dem Leser zu beweisen, dass Belorussen nur eine lokale Art des russischen Volkes sind.

Wer ist denn dieser geheimnisvolle S.Lebedew, der rechtzeitig in seinen Artikeln all die Aufstände von „versklavten“ russischen Völkern (und für „Russisch“ hält er alle Ostslawen) auf der Krim, im Donbass, Charkiw, Odessa etc. beschrieben hatte? Wobei er ein wenig aus dem Takt geraten ist und die siegreichen irredentistischen Aufstände in Bukowina, Karpaten [33] und Transkarpatien wohl noch auf sich warten lassen, aber trotzdem?

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Professor S.Lebedew, der wohl eine „Ahnungsgabe“ bezüglich der Expansionspläne des Kremls besitzt. Das Emblem von der Baltischen Staatsuniversität „Wojenmech“ – einer Schmiede vom Personal fürs putinsche Umfeld. Und ein Photo von einem aus diesem Umfeld – dem zukünftigen FSB- Generaloberst Grigorjew (rechts), neben dem heutigen Kopfschmerz des Menschheit.

Schliesslich ist es festzustellen gelungen, dass er an der Baltischen Staatlichen Universität „Wojenmech“ in Sankt-Petersburg unterrichtet, die Spezialisten für Flugzeug- und Raketenbau, Laser- und Weltallsysteme, Politologie und Linguistik (auch eine für einen Aufklärer äusserst nützliche Disziplin) ausbildet. Unter den Absolventen dieser Uni gibt es zahlreiche Menschen, die mit den ehemaligen und auch jetzigen russischen Geheimdiensten und mit Putin persönlich in Verbindung stehen. Darunter auch der Vorsitzende der Staatsduma Sergei Naryschkin, Milliardär Gennady Timtschenko, der berüchtigte Wladimir Jakunin, ehemaliger stellvertretender FSB-Leiter, Generaloberst Grigorjew und andere. Damit kann man wohl die „Ahnungsgabe“ von S.Lebedew erklären.

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Interessante Seiten im russischen VK-Netzwerk, die zur De-Ethnisierung der Belorussischen Volkes genutzt werden.

Der sogenannte „Westrussismus“ wird unter anderem auch im selben russischen sozialen Netzwerk „VKontakte“ präsentiert. Für die Vereinigung von russischen Volk und dem russischen Staat treten solche Seiten wie „Wir Patrioten des Weissen Rus“, „Westrussische Wiedergeburt“, „Westliches Rus“, „Russische Agitation. Grosses, Kleines, Weisses Rus“, „Panrussismus“ und „Rotes Rus“ auf.

Wenn man den Einfluss bedenkt, den die Massenmedien (besonders jene, die von professionellen Demagogen angeleitet werden) auf das gesellschaftliche Bewusstsein haben, würde ich mich nicht entspannt zurücklehnen. Man braucht sich nur daran zu erinnern, dass Putin in nur 15 Jahren aus dem Großteil der russischen Gesellschaft fast genau das Gleiche gemacht hat, wofür die Kim-Dynastie bei den Nordkoreanern 70 Jahre brauchte.

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Die Seiten des russischen sozialen Netzwerkes „VKontakte“ werden dazu genutzt, bei den Einwohnern von Belarus antiwestliche und antidemokratische Stimmungen zu erwecken. „Russland, Ukraine, Belarus und Antimaidan“, „Russland, Ukraine und Belarus dagegen“, „Antimaidan/Belarus“, „Rotes Belarus“

Im Oktober 2012 wurde eine bis jetzt nicht registrierte Partei gegründet, „Einiges Belarus“, deren Name eine Kopie der putinschen Partei „Einiges Russland“ ist, und deren Anführer Michail Golubew mit der duginschen eurasischen Bewegung „Russische Wahrheit“ in Verbindung steht. Die Führung dieser Partei wird nicht aus Minsk verwirklicht, sondern aus dem angeblich „strittigen“ Witebsk. Seltsamerweise erinnert ihre Flagge an die Flagge der annektierten Autonomen Republik Krim. Symptomatisch, könnte man sagen…

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Flagge der Partei „Einheitliches Belarus“, des Belorussischen Analog von der Partei „Einheitliches Russland“ und ihr Anführer M. Golubew. Rechts ist der Partei-Wappen des zukünftigen „Bündnisstaates Russlands, Belarus und Kasachstans“. Unten ist die Karte der Eurasischen Union, die auch Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Armenien, die von Russland okkupierten georgischen Territorien und den Grossteil der Ukraine (ausser Wolynien und Galizien) miteinschliessen soll, wie auch Serbien und Bulgarien.

Wobei man nicht behaupten kann, dass Belarus nur die Bedrohung des territorialen Verlusts erwartet. Es können auch Gewinne sein, beziehungsweise die Bedrohung von territorialen Gewinnen. Denn nicht zum ersten Mal, aus Spass oder ernstgement, wird die Reaktion der Gesellschaft daraufhin geprüft, dass das Kaliningrad-Gebiet an Belarus angeschlossen und zwischen diesem Gebiet und Grodno ein „Korridor“ erschaffen wird. Zum ersten Mal wurde diese niedliche Idee noch vor 25 Jahren zur Sprache gebracht, und nun kam es 2013-2014 wieder mal in den Medien, und dabei auch noch unter Erwähnung von durchaus bekannten Persönlichkeiten, die zwei ostslawische Staaten anleiten. Allem Anschein nach hat Grigorjewitsch doch verstanden, dass dies eine Mäusefalle ist und versuchte bereits im Dezember 2014 sich von diesen „Späßchen“ loszusagen.

Eigentlich ist es nichts neues für Russland, an jemandem fremde Territorien zu verschenken (wie auch nach einer gewissen Zeit zu fordern, diese „Geschenke“ zurückzugeben). Auch uns (Litauen) hatte Russland nach dem Moskauer Vertrag vom 12. Juli 1920 Grodno, Schtschutschin, Lida, Oschmjany, Smorgonj, Mjadel, Ostrowez, Braslaw und Postawa geschenkt. Und? Als litauisch wurde es von Moskau nur so weit anerkannt, wie es in Wirklichkeit polnisch war. Und als Stalin mit Hitler Polen aufteilten, verschwand dieses ganze „Litauen“ irgendwohin. Vilnius hatten wir zwar bekommen, aber um welchen Preis? Um den Verlust der Souveränität für ein ganzes halbes Jahrhundert. Ne, danke.

Nichtsdestotrotz, lasst uns doch schauen, was haben wir da im trockenen Rest?

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Das ist, was der putinsche „Experte“ Ischenko von den baltischen Staaten übrig zu lassen vorschlägt: Estland ohne Tallinn, ein in zwei Teile zerschlagenes Lettland ohne Riga und Litauen ohne Vilnius und Klaipeda. Allem Anschein nach werden das Kaliningrader Gebiet zusammen mit den Klaipeda- und Vilnius-Regionen und dem „Korridor“ dazwischen im südlichen Litauen an Belarus verschenkt.

Hier kommen wir zu zwei äussert interessanten Autoren: dem Antisemiten Robert Maschitow und Rostislaw Ischenko, der nicht nur ein ehemaliger Berater vom Präsident Kutschma ist, sondern auch ein Präsident des „Zentrums für Systemanalyse und Prognose“, das seit 2013 eng mit dem „Russischen Institut für strategische Forschungen“ (RISI) arbeitet, das bei der Verwaltung des Präsidenten der Russischen Föderation agiert.

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„Strategen“ R.Ischenko und R. Maschitow

Gerade auf der detaillierten Karte von Ischenko sehen wir, dass der „Korridor“ zwischen dem Kaliningrader Gebiet und Grodno bereits eingezeichnet ist, und Menschen, die soweit informiert sind wie er, glaube ich auf Anhieb. Ischenko „ahnt“, dass im Lauf der Prüfung von Standfestigkeit des NATO-Blocks auch ein Teil des Territoriums von baltischen Staaten eingenommen werden kann (zusammen mit ihren Hauptstädten). Seiner Karte nach werden an Russland (oder an Belarus) in dem Fall die angeblich „russischen“ Vilnius- und Klaipeda-Regionen mit einem „Korridor“ dazwischen angeschlossen (an der Stelle sollten wir uns an Scheljagowitsch und seinen „föderalen“ Bezirk von Kaliningrad bis Smolensk erinnern).

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Einen ähnlichen Plan zur Zergliederung von Litauen schlägt auch ein anderer „Experte“ vor: R. Maschitow. Im Westen des Landes schlägt er vor, eine „russische“ Klaipeda-Volksrepublik zu erschaffen, im Osten – „russische“ Ignalinskaja und „russisch-polnische“ Wilenskaja Volksrepubliken, und dazwischen – geheimnisvolle „freie wirtschaftliche Zonen“, die zu „internationalen Industrie-Gelände“ werden sollen.

Womöglich ist es nur ein Zufall, aber im März-Juni 2015 wurde bei Wikipedia plötzlich der Inhalt [56] der russischen und belorussischen Texte über die Stadt Klaipeda geändert. Darin sind Behauptungen aufgetaucht, dass vor der Übergabe an die Litauische Sowjetische Republik die Stadt zum Kaliningrader Gebiet gehörte. Man braucht wohl nicht zu erklären, wie solche Spiele und solche „territoriale Errungenschaften“ für Belarus enden könnten.

Und erst vor kurzem veröffentlichte ein anderer Autor, Eduard Birow (den man auch unter dem Pseudonym „Russischer Junge“ kennt) auf einer pro-putinschen Internetressource „Wsgljad“ („Blick“) einen Artikel unter dem bedrohlichen Titel „Minsk muss sich endlich entscheiden“, in dem er Lukaschenko vorschlug, zusammen mit den Wahlen im Herbst 2015 auch ein Referendum über den Anschluss von Belarus an Russland im Status einer „Sonderautonomie“ durchzuführen. Anderenfalls prognostiziert er die Beendigung der Existenz vom belorussischen Staat, denn Lukaschenko werde „entweder gezwungen sein, seine Macht abzugeben“ (An wen?), oder aber sich „an den Westen zu verkaufen“. Interessante Logik, nicht wahr?

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Russischer Junge E.Birow, der das Ultimatum des putinschen Umfelds an Lukaschenko ausgesprochen hat, und Sergei Luschtsch, der auf der Gründungsversammlung der „Russischen Internationale“ Belarus „vertritt“.

Man sollte beachten, dass E.Birow nicht nur der Chefredakteur des chauvinistischen Portals „Russland für Immer“ ist, sondern auch ein Experte des „Zentrums für politische Gedanken und Ideologie“, dessen wissenschaftlicher Leiter der bereits erwähnte Wladimir Jakunin ist. Anders ausgedrückt sprach dieser „russischer Junge“ nicht seine persönliche Meinung oder Wünsche aus, sondern das, worüber gewisse grosse und gefährliche Männer in ihrem engen Kreis sprechen.

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Plakate, die zur Propaganda der eurasischen Einheit bestimmt sind. Auf dem letzten wurde die Symbolik der Ukraine durch die Symbolik „Neurusslands“ ausgewechselt..

Sie, diese „russischen Jungs“ sind ja nirgendwohin verschwunden. Zum Beispiel beteiligte sich Sergei Luschtsch am 19. Februar 2014 an der Erschaffung der „Russischen Internationale“ und vertritt dort Belarus, genauer gesagt „Republikanischen gesellschaftlichen Verein „Rus“. Wahrscheinlich braucht man nicht zu erklären, wofür diese „RusInternationale“ erschaffen worden ist, die von Dmitry Rogosin angeleitet wird.

Jemand wird sagen, dass das alles nur Hirngespinste sind, die man noch beweisen muss. Ich denke aber, dass es bereits jetzt genug besorgniserregende Hinweise gibt und wir alle wachsamer werden müssen. Es ist durchaus angebracht, zusätzliche Beweise festzuhalten, die bei einem nicht allzu weit entfernten internationalen Tribunal gebraucht sein werden.


Imantas Melianas, Ethnokonfliktologe (Vilnius, Litauen) für InformNapalm [64]; übersetzt von Irina Schlegel [65]