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Bergkarabach: Russland droht dem Südkaukasus mit der Keule

Die Situationsverschärfung im Bergkarabach und die Kampfhandlungen zwischen Aserbaidschan und der sogenannten Bergkarabach-Republik bergen die Gefahr eines weitaus grösseren Konflikts in sich, in den auch andere Staaten involviert werden könnten. Im Falle von Anerkennung der „Bergkarabach-Republik“ durch Armenien und der Legalisierung von militärischer Unterstützung der Söldner aus „Verteidigungsarmee des Bergkarabachs“ wird Russland als Sicherheitsgarant von Armenien automatisch zu einer Konfliktseite, was die Einmischung der Türkei auf der Seite von Aserbaidschan nach sich ziehen könnte. In diesen Mischsatz gelangt dann auch Georgien, das Russland territorial von seinem Verbündeten Armenien trennt. In diesem Zusammenhang stellt InformNapalm eine kleine Analyse von militärisch-strategischer Situation im Südkaukasus vor.

Ein halbes Jahr ist seit der Veröffentlichung unseres Artikels „Kaukasischer Transit: Georgien unter Bedrohung des Verlusts seiner Souveränität“ [1] vergangen, in dem wir über Kremls Pläne, einen Transportkorridor durch Georgien nach Armenien und weiter über Iran nach Syrien durchzubrechen, geschrieben hatten. Diese Idee war nicht umsonst von jenen russischen Medien zur Sprache gebracht worden, die dem Kreml unterstellt sind. Der Autor von dem Artikel war sogar dreist genug, die Parlamentswahlen in Georgien zu erwähnen, die für den Herbst 2016 geplant sind, als einen Faktor, der zur Verwirklichung von Plänen des Okkupantenstaates Russland zur Nutzung des georgischen Territoriums als einem Transitkorridor beitragen kann. Die Georgier haben aber nicht die Absicht, für den blutigen russischen Transit einen roten Teppich auszulegen. Jegliche Versuche Russlands einen Transitkorridor gewaltsam durchzubrechen werden als ein weiterer russischer Eingriff auf die Souveränität und Unabhängigkeit Georgiens wahrgenommen.

Wir werden in diesem Material den armenisch-aserbaidschanischen Konflikt in Bergkarabach nicht analysieren. Diese kaukasischen Staaten hätten ihre strittigen Fragen längst selber gelöst, wenn es nicht Russlands „Vermittlung“ gegeben hätte, das einerseits ein Verbündeter und Sicherheitsgarant von Armenien ist, sich aber andererseits nicht daran stört, Milliarden an den Lieferungen von neuesten Waffen nach Aserbaidschan zu verdienen.

Was stellt denn die russische militärische Komponente in Armenien dar?

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Die Struktur der 102. Militärbasis des Südlichen Militärbezirks („Krasnosnamjennaja“, Militäreinheit Nr. 04436; Juristische Adresse: Buddjonowski-Prospekt 43, Rostow, Russland; Faktische Adresse: Gyumri, Armenien) erinnert an die Struktur einer gewöhnlichen motorisierten Schützenbrigade mit einigen Verstärkungsmitteln. Das sind drei motorisierte Schützenbataillone, Scharfschützen-Kompanie, Panzer-Bataillon, Haubitzen-Artilleriedivision, FlaRak-Division, Raketen-Artilleriedivision, Panzerabwehr-Artilleriedivision, FlaRak-Artilleriedivision, Aufklärungsbataillon, Drohnen-Kompanie, Pionier-Bataillon, ABC-Kompanie, Funk-Kompanie, EloKa-Kompanie und andere Logistik-Abteilungen.

Im Dienstgebrauch der Militärbasis stehen: 40 T-72B Panzer, 120 SPW-2, 18 BM-21 „Grad“-Raketenwerfer, 18 122 mm Panzerhaubitzen 2S1 „Gwosdika“, 24 120 mm Mörser 2S12 „Sani“, 12 100 Panzerabwehrkanonen MT-12 „Rapira“, 12 Panzerabwehrraketen 9P148 „Konkurs“, 36 BTR-70/80, 4  amphibische Spähpnazer (BRDM-2), 6 BM 9A34(35) „Strela“, 2 Flugabwehrpanzer 23-2 „Schilka“, 6 Flugabwehrkanone SU-23 und anderes Militärgerät.

Gesondert sollte man die Aufklärung-Führungskompanie erwähnen, die mit den Militärangehörigen der 10. (Militäreinheit Nr.51532, Molkino, Krasnodarer Gebiet) und 22. (Militäreinheit Nr. 11659, Batajsk und Stepnoj, Rostower Gebiet) Speznas-Brigaden GRU komplettiert sind, die nach einem Rotationsprinzip dienen, in Armenien Gefechtsvorbereitung abschliessen (darunter auch auf einem Gebirgs-Truppenübungsplatz) und sich mit Rekognoszierung vor Ort beschäftigen.

Auch gehört zum Bestand der Militärbasis das 988. FlaRak-Regiment (Militäreinheit Nr.81594, Gyumri), in dessen Dienstgebrauch die FlaRak-Division mit FlaRak-Komplexen S-300W und FlaRak-Division mit 9K37M1 „Buk-M1-1“ stehen. Ausserdem gehört zu dieser Militärbasis auch die 3624. Luftwaffenbasis (Militäreinheit Nr. 63530, Yerevan, „Erebuni“), in deren Dienst 18 MiG-29, 2 MiG-29UB, 8 Mi-24P und 7 Mi-8 Hubschrauber stehen.

Ausserdem hat Russland kürzlich eine Batterie von Mehrfachraketenwerfern 9K58 „Smertsch“ nach Armenien verlegt [3] (aus dem Bestand der 439. Reserve-Luftbrigade, Snamensk, Astrachan-Gebiet).

Truppenübungsplätze: Kamchud – in 18 Km Entfernung von Gyumri, Alagjes- 70 Km, Pambak – ein Gebirgs-Truppenübungsplatz für die Aufklärer; Nubaraschen- nahe Yerevan; Oktemberjan (Bagramjan) – ein grosser Truppenübungsplatz, wo armenisch-russische Manöver abgehalten werden.

Auf den ersten Blick gar nicht so wenig Kräfte, aber unter Berücksichtigung dessen, dass die 102. Militärbasis abseits liegt und von den Hauptkräften isoliert ist, und der Tatsache, dass es einen neuen durchaus realen Gegner gibt – die Türkei, ist das alles nichts. Zumal der Grossteil von Bewaffnung und Militärgerät auf der russischen Militärbasis in Armenien veraltet ist, noch zu Sowjetzeiten hergestellt wurde und ein Teil davon abgefedert oder gar unbrauchbar ist. Auch der Personalbestand der Basis und die Atmosphäre, die sowohl in der Militäreinheit selbst als auch um sie herum herrscht, lassen wenig Platz für Optimismus übrig: Die Beziehung der Einwohner zu den ausländischen „Verteidigern“ hat sich seit dem Mord an einer 7-köpfigen armenischen Familie durch einen russischen Soldaten [4] im Januar 2015 drastisch verschlechtert.

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Die Armenier mögen die Russen nicht sonderlich, sind aber aus bestimmten Gründen gezwungen, sich mit ihrer Anwesenheit zu arrangieren. Die Beziehung zwischen den Einheimischen und den russischen Militärangehörigen kann man als „Ware-Geld-Beziehungen“ auf gegenseitig vorteilhaften Basis bezeichnen (Dienstleistungen, Geschäfte und vieles andere arbeitet in Gyumri nur für russische Militärangehörige). Mehr ist da aber auch nicht.

Das Personal der Basis besteht aus circa 4 000 Menschen. Das sind Offiziere aus Russland, die dort seit Jahren dienen, lokale armenische Stabsfeldwebel, kleine Anzahl von Zeitsoldaten aus Russland, die meisten Feldwebel und gemeine Soldaten sind dabei aber Wehrdienstleistende aus Russland, die dieser Militärbasis in Armenien zugewiesen wurden und deren Dienstdauer im Durchschnitt 5-6 Monate beträgt.

Zwei Mal im Jahr, im Frühling und im Herbst, werden aus Russland zur Militärbasis in Gyumri Soldaten beordert, die bestimmte Berufsausbildung abgeschlossen haben: Unterkommandeure, Panzer- und SPW-Bedienungsmänner, Luftabwehr-Spezilaisten etc. Auch kommen dahin Soldaten, die ein halbes Jahr lang in verschiedenen Truppenverbänden des Südlichen Militärbezirks dienten (136. SMSBr, Dagestan; 19. SMSBr, Nordossetien; 205. SMSBr, Stawropoler-Gebiet; 34. Berg-SMSBr., Karatschajewo-Tscherkessien usw.). Viel kann man von den 18-19-jährigen Jungs, die die Tage bis zu ihrer Entlassung zählen, nicht erwarten. Gefechtsvorbereitung auf dieser Basis ist auch nicht die beste, mit einer auseinander fallenden Infrastruktur und schrecklichen Lebensbedingungen, mit unvorschriftsmässiger Beziehung seitens der Kommandeure und Zeitsoldaten zu den Wehrpflichtigen, denen sie Geld abnehmen und gegen die sie Gewalt ausüben. Also, alles in „bester“ russischer Tradition. Einige Einzelheiten diesbezüglich kann man auf der VK-Seite der 102. Militärbasis in den Kommentaren von Wasily Leonow [7] finden, der dort vor einigen Jahren gedient hatte.

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Wasily Leonow: „…Das Militärgerät ist aus den 1970-80ern. Es gab mal einen Truppenzug auf den Truppenübungsplatz Alagjas, das sind 80 Km, und von den 17 SPWs sind nur 3 (!!!) angekommen. Dann gab’s noch so eine Situation: ein „Schilka“(Flugabwehrpanzer) fährt, kann aber nicht schiessen, schleppt den anderen, der schiessen aber nicht fahren kann. Im 1. motorisierten Schützenbataillon standen im Dienst zwei Mörser vom Baujahr 1942… Wenn Wehrpflichtige nun einen Lohn von 10 000 Rubel haben, so müssen die Offiziere ihren Lohn gar nicht mehr von den Bankautomaten abheben. Stellt euch mal ein motorisiertes Schützenbataillon vor: 600 Soldaten, multiplizieren wir es mal mit 10 000, dann hat der Bataillonskommandeur 600 000 Rubel im Monat. Sagen wir mal, die Hälfte muss er nach oben abgeben, noch 150 000 – an alle anderen Offiziere und Stabsfeldwebel des Bataillons. Hat er immer noch 150 000 in seiner eigenen Tasche.“

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Im Falle der Situationsverschärfung im Karabach-Konflikt und einer allumfassenden Involvierung von Armenien in den Krieg wird der Kreml unbedingt versuchen, seine Militärbasis in Gyumri  zu verstärken. Zunächst indem er Personalbestand und Bewaffnung per Luft dahin verlegt. Höchstwahrscheinlich werden es kompanie-taktische Gruppen der Luftlandetruppen Russlands sein. Wobei anzumerken ist, dass dieses Szenario vor nicht all zu langer Zeit, in 2012, im Rahmen der OVKS [10]-Manöver bereits durchgespielt wurde [11]. Parallel ist auch das Auftauchen von einzelnen russischen „Freiwilligen“ und „Urlaubern“ in der Konfliktzone nicht auszuschliessen, zumal es dazu einige Voraussetzungen gibt. Zugleich werden mobile bataillon-taktische Gruppen aus den russischen Okkupationsstützpunkten in Georgien (4. Militärbasis in Zchinwali-Region und 7. Stützpunkt in Abchasien) in Gefechtsbereitschaft versetzt. Dasselbe kann man auch im Falle von Truppenverbänden und Militäreinheiten des Südlichen Militärbezirks erwarten, die in den letzten zwei Jahren ordentliche Kampferfahrung im unerklärten Krieg Russlands gegen die Ukraine im Donbass und später in Syrien gesammelt haben.

Vor ein paar Tagen starteten [12] der russische TV-Kanal „Swesda“ und andere russische Medien Informationsunterstützung von diesem Szenario: „In Dagestan wurden Abteilungen der selbstständigen motorisierten Schützenbrigade des Südlichen Militärbezirks Russlands alarmiert. Wie der Pressedienst des Südlichen Militärbezirks mitteilt, fahren die Abteilungen nun zum Truppenübungsplatz Dalnyj, wo taktische Manöver abgehalten werden. An den Manövern werden circa 1000 Militärangehörige und 300 Panzerfahrzeuge teilnehmen“.

Vor diesem Hintergrund tauchen am 5. April 2016 in Tbilisi seltsamerweise wieder mehrere „ausgemusterte“ russische militärische LKWs mit Transit-Kennzeichen auf, worüber der TV-Kanal „Rustavi-2“ berichtet. Ähnliche Fahrzeuge wurden schon mal im Februar 2015 im Zentrum von Tbilisi gesehen, was grossen Aufruhr in der georgischen Gesellschaft hervorrief: „Russische Militärfahrzeuge im Zentrum von Tbilisi“ [13]. Wie der russische Propagandist Kisseljow sagen würde: „Zufall? Denke ich nicht“.

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Russland hat mit seinem Vorgehen bereits die Eskalation im Karabach-Konflikt provoziert und wird nun versuchen, ein Maximum an Dividenden für sich herauszuschlagen: Einen militärischen Transit über Georgien nach Armenien zur Verstärkung seiner dortigen Präsenz  durchzubrechen, maximal die Türkei zu reizen und vielleicht auch zu provozieren, sich in den offenen Konflikt auf der Seite von Aserbaidschan einzumischen. Es wird versuchen, Georgien vor seinen Nachbarn und seinem Hauptpartner, Aserbaidschan, zu diskreditieren.

Die internationale Freiwilligengemeinschaft InformNapalm nimmt die Situation mit der russischen militärischen Bedrohung für Georgien unter Kontrolle. Im Falle von weiteren Provokationen Moskaus werden wir eine neue Informationsfront im Südkaukasus eröffnen und die Effektivität unserer Arbeit wird nicht kleiner sein, als die hinsichtlich des Donbass und Syrien.

Das Titelbild ist rein thematisch, es zeigt die Ereignisse während der russischen Militäraggression gegen Georgien im August 2008.

 

Dieses Material wurde von Irakli Komaxidze [15] exklusiv für InformNapalm [16] vorbereitet; übersetzt von Irina Schlegel [17]. Beim Nachdruck und Verwenden des Materials ist ein Hinweis auf den Autor und unsere Ressource erforderlich.

CC BY 4.0