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Bericht eines Einwohners von Mariupol

on 12/09/2014 | 0 Comment | Aktuell | Interviews/Meinungen Print This Post Print This Post

von Jaroslaw Matjuschyn

Das habe ich zwischen dem 4. und 5. September geschrieben.

In der Stadt, die vom Feind gestürmt wird, kann man nicht einschlafen. Facebook verursacht eine Panikattacke, Bücher und Kino gehen gar nicht, und sogar der Körper gibt keine Ruhe, den gemeinsamen Traum aller Frauen verwirklichend – die Abwesenheit des nächtlichen Hungers. Lasst uns von den Erinnerungen ablenken.

Während des Maidans war Mariupol ein Donbas. Die Patrioten blitzten wie gefährliche Funken in der allgemeinen Finsternis auf. Die Stadt hat den Maidan mit einer mythologisierten Massenträgheit verurteilt – es gehörte sich so für den Südosten, die nationalen Ideale nicht zu lieben oder die Freiheit nicht zu schätzen oder die Würde nicht zu respektieren.

Die Revolution hat uns durch folgende Phasen geführt: Gereiztheit, Wut, Hass, Niederlage. Die wiederum von einer Höllenfreude über den Verlust der Krim abgelöst wurde. Die Randfiguren haben mit einem quiekenden Enthusiasmus angefangen, die damals noch friedlichen Demonstrationen der „DVR“ zu besuchen. Die Stadt wurde aus den Angeln gehoben. Die Patrioten fingen an, auf ihre eigene Demos zu gehen, wodurch die Verehrer der dreibuchstäbigen Organisation an Massen verloren.

Dann gab es die verwirklichte „DVR“: Verbrannte Banken, besoffenes kriminelles Fußvolk mit Schusswaffen, ausgeraubte Läden, beschlagnahmte Autos, unter animalischen Bedingungen gefangen gehaltene Stadtbürger, verbrannte Staatseinrichtungen, eine zerschossene Hauptverwaltung für innere Angelegenheiten. Fast drei Monate Angst und Unsicherheit. Plötzlich hat sich die Halbmillionenstadt wie ein Geist gefühlt: leere Straßen, geschlossene Cafes, Wege ohne Autos. Die Patrioten sind in den Untergrund abgetaucht.

Am 13. Juni hat das Bataillon „Asow“ die Stadt befreit. Anderthalb Wochen dauerte es, bis wir zu sich kamen und alles Geschlossene vorsichtig wieder öffnete. Plötzlich hat sich herausgestellt, dass unsere Stadt nicht nur durch unsere Fabriken mit der Metallindustrie verbunden ist sondern auch metaphysisch. Ein gewaltiges Erzlager an Patriotismus verwandelte sich in einen Ozean konstruktiver Energie. Ruckartig wollten alle etwas für die Ukraine tun. Hunderte Freiwillige haben das geliebte Bataillon unter ihre Vormundschaft genommen, das nicht müde wurde, die „DVR“-Verbrecher zu fassen. Tausende Aktivisten haben die Stadt in blau-gelber Farbe ertränkt.

Die Liebe zum Ukrainischen verwandelte die amöbenhafte Plebs zusehends in vollwertige bürgerliche angstlose Patrizier. Plötzlich hatten wir keine Angst mehr, unsere Vorgesetzten zur Verantwortung zu ziehen, die unsere ganze Geschichte lang für uns sakrale Aristokraten, unerreichbare Himmelsbewohner gewesen waren.

Genau in diesem Moment hat Mariupol begriffen, was für ein nach seinen Maßstäben tektonischer Bruch zwischen ihm und Donezk liegt. Wir sind freie Bürger, die Donbewohner streben aber nach Verhätscheln ihres Feudalismus. In dieser bewegenden Zeit beherrscht die Idee eines Asow-Küstengebietes unsere Geister. Genau in dieser Veränderungsepoche haben wir gelernt, unsere ukrainische Identität zu schätzen.

Und hier ist er – der Krieg vor unserer Hausschwelle. Die russische Armee und ihre „DVR“-Helfershelfer. Das destruktive Prinzip, das sich unheilbringend über unsere Erde verbreitet…

Die Stadt ist mit der Patriotenmobilisierung explodiert. Schützengräben, Checkpoints, die zehnfache Hilfe für die Armee, die eilige Aufnahme junger Menschen in das eigene Bataillon „Mariupol“.

Scharf, bis zum physischen Herzschmerz spüren wir, wie wichtig es uns ist, Ukrainer zu sein. Und jetzt, ich weiß es, haben Hunderttausende meiner Mitbürger auch keinen Schlaf. Und ihre Herzen schlagen gerade im Einklang mit meinem, ruhelos und schnell. Vielleicht können die Okkupanten unseren Asphalt, unsere Betonhäuser und eiserne Brücken einnehmen.

Aber unserer blau-gelben Seelen werden sie uns nicht mehr berauben können.


Quelle: Jaroslaw Matjuschyn; übersetzt von Irina Schlegel

 

Tags: MariupolUkraine

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