Ein Journalist aus unserem Team, der InformNapalm-Analytiker Artem Wassilenko, konnte im Laufe seiner Arbeit zur Identifizierung von russischen Invasionstruppen sowie der Aufdeckung von Fakten über russische Soldaten auf ukrainischem Territorium, einen zufälligen Kontakt mit einem russischen Offizier herstellen, der sich zu einem kurzen Gespräch über Skype bereit erklärte. Artem gab seinem Opponenten sein Ehrenwort, dass er kein Video und keine Audioaufnahme des Gesprächs veröffentlichen wird. Allerdings galten die Verbote nicht für Niederschriften. Der Gesprächspartner gab seine Erlaubnis für die Verbreitung dieses Interviews im Textformat. Ob Sie dem Bericht glauben oder nicht, ist Ihre eigene Entscheidung.
– Guten Abend, – mein Gesprächspartner senkt die Augen. Es ist offensichtlich, dass es ihm unangenehm ist, mit mir zu sprechen.
Wir lernten uns kennen, als ich die Profilseite eines in der Ukraine festgenommenen russischen Soldaten im sozialen Netzwerk „VK“ (VKontakte) nachverfolgte. Damals hat der Fall viel Aufsehen erregt. Mir ist es gelungen, in einen Dialog mit einigen Soldaten der Russischen Föderation zu treten und ihre Meinung zu den Ereignissen im Osten der Ukraine zu erfahren.
– Guten Abend, ich habe mich zu einem Gespräch über Skype bereit erklärt, da es interessant ist, die Emotionen eines auf der anderen Seite stehenden Menschen zu sehen. Der Kommandeur einer seit August im Osten der Ukraine agierenden Einheit der russischen Streitkräfte (nennen wir ihn Dmitrij – seinen echten Namen bat er mich zu verbergen), entschloss sich, mit einem ukrainischen Journalisten zu sprechen, nachdem mindestens zehn Zinksärge mit russischen Berufssoldaten an seinen permanenten Truppenstandort geliefert worden waren.
– Artem, zu einem Gespräch mit Ihnen war ich nur bereit, da ich Sie für einen Menschen mit kaltem Verstand halte, der das von mir Gesagte nicht verdrehen und es so weitergeben wird, wie es ist.
– Einverstanden. Dmitrij, mich würde interessieren was Sie dazu zwingt, in die Ukraine zu kommen und zu versuchen, hier Kampfhandlungen zu führen?
– Damit Sie es nachvollziehen können: Bis 2010 war alles schrecklich in der russischen Armee, ungefähr so wie in Eurer. Kleine Gehälter, Mangel an Wohnraum usw. Später bekamen wir eine angemessene Bezahlung, alltägliche Probleme wurden gelöst. In der Armee zu dienen gewann an Prestige. Nach Eurem Maidan habe ich mich deshalb nicht sonderlich gewehrt, als meine Einheit auf die Krim verlegt wurde. Die Krim hat ziemlich einfach zu uns gewechselt. Wenn die militärisch-politische Führung meines Landes sofort nach der Krim die Entscheidung getroffen hätte, den Südosten der Ukraine an sich zu reißen, wäre alles vergleichbar einfach verlaufen. Aber sie haben Zeit verloren.
– Und was ist Ihre persönliche Einstellung zu dem, was vor sich geht?
– So sonderbar es für mich zu hören war, dass Sie russische Wurzeln haben, so wird es wahrscheinlich auch Ihnen sonderbar erscheinen, dass ich nach meiner Mutter ebenfalls Ukrainer bin. Überhaupt gibt es unter meinem Kommando so einige Untergebene mit ukrainischen Wurzeln. Für uns ist es barbarisch gegen euch zu kämpfen, aber wir sind Soldaten und wohin wir geschickt werden…
– Dmitrij, haben sie Sartinow gelesen?
– Habe ich, aber über Ereignisse, die bevorstehen, beim nächsten Mal…
– Hab‘ nicht verstanden.
– Ich will heute nicht darüber sprechen.
– In Ordnung. Sie wollten über die Ereignisse sprechen, die zu unserer Unterhaltung geführt haben.
– Die Sache ist die, dass wir nicht mit großen Verlusten unter unseren Soldaten gerechnet haben – doch Opfer gab es direkt nach dem Einmarsch am 24. August. Damals haben die ukrainischen Streitkräfte das erste Mal „SS-21 Scarab“ eingesetzt. Um genauer zu sein, drei „SS-21 Scarab“. Eine Kolonne wurde vollständig zerstört. Gott sei Dank, dass es nicht eine Abteilung meiner Einheit war. Aber in Snischne hat es meine Leute getroffen. – Dmitrij senkt wieder die Augen.
– Wieviele?
– Damals sind ungefähr 40 Mann gestorben. Artem, Sie können es sich nicht vorstellen, wie schwer es war, dies zu verheimlichen. Ich habe die Gesichter der Verwandten gesehen als ich versucht habe, ihnen über einen Unfall bei Einsatzübungen zu erzählen. Sie glaubten mir nicht. Man hat mich damals fast zerfetzt.
– Wozu denn das Ganze?
– Sie können das nicht verstehen… Sie sind Journalist und kein Soldat.
– Was ist denn mit den letzteren?
– Sie werden es wieder nicht glauben, aber sie sind in Folge von Zusammenstößen in Antrazyt umgekommen.
– Dort gibt es keine ATO-Kräfte.
– Artem, sie haben über Makijiwka berichtet. Über die Kolonne, die fünf Checkpoints zerstört hatte. Das ist wahr. Wir glauben der „Volkswehr“ und den Söldnern schon lange nicht mehr…
Zum Hintergrund: Neulich blockierte Facebook einen Beitrag von Artem Wassilenko. Allem Anschein nach, sind Huylos Trolle über die Wahrheit wütend geworden. Die Frage lautet nur, worüber sie sich beschwert haben – über das Schüren eines ethnischen Konfliktes oder doch die Pornografie? Hier ist der vor wenigen Tagen veröffentlichte und blockierte Beitrag:
„In Makijiwka traf neue Technik der „Verirrten“ ein. Doch sie ist recht merkwürdig angekommen: unterwegs haben sie fünf Checkpoints zerstört, schossen auf alles, was sich bewegt hatte… Es scheint, als würde Russland anfangen, die „DVR“ zu säubern. Dies bestätigen auch die lokalen Kämpfer. Sie bezeichnen die Russen als „böse Menschen“ und fürchten sich, sich ihnen zu nähern, da sie auf alle schießen, ohne zu verstehen, wer vor ihnen steht“.
– Vor einem Monat gab es einen Fall, bei dem die Stellungen einer meiner Abteilungen stark unter Artilleriefeuer gerieten. Wie sich später herausstellte, richtete ein „DVR“-Kämpfer das Artilleriefeuer. Beim Verhör sagte er, dass die Einheimischen mit unserer Anwesenheit unzufrieden seien. Sie hätten auf Hilfe der Russischen Föderation gewartet und nicht auf eine humanitäre Katastrophe. Sie haben tatsächlich nichts zu Essen. Und dann kommt ihr noch mit der Zahlungsannullierung…
– Soll doch Eure Regierung zahlen.
– Und damit unsere Beteiligung am Geschehen offenlegen? Darauf wird unsere Regierung nicht eingehen. Als Folge von all dem sind in den Krisengebieten Hungerrevolten ausgebrochen. Doch das ist noch nicht das Schlimmste. Die Söldner haben begonnen, Geld mit dem Austausch von russischen Soldaten zu verdienen. Bei uns verschwinden Menschen. Ebenso haben wir einen beim Richten des Artilleriefeuers erwischt. Wir haben sogar einige Bestätigungen dafür, dass die „Volkswehr“ mit ukrainischen Soldaten gemeinsame Aktivitäten gegen russische Streitkräfte und Kosizyns Söldner vereinbarten…
– Aber was hat das mit den letzten Toten zu tun?
– Von oben kam der Befehl, die Kämpfer und Söldner in die Schranken zu weisen. In Antrazyt haben wir gute Arbeit geleistet… (Anm. d. Red: Genaueres über die Ereignisse in Antrazyt hier: Einzelheiten über die Söldnerzusammenstösse in Antrazyt). Und dann… dann habe sie uns mit Granatwerfern beschossen… Im Grunde sind die Kämpfer und die Söldner außer Kontrolle geraten und wir kämpfen nun an zwei Fronten: vor uns – ukrainische Streitkräfte und im Rücken – die „Volkswehr“.
– Wozu dann?
– Bei uns in Russland tritt langsam aber sicher die völlige Scheiße ein. Putin wird nicht anhalten. Und ich will meine Arbeit nicht verlieren. Ich befürchte, dass nach dem Ende der Kampfhandlungen die Armee der einzige Ort sein wird, an dem Gehälter gezahlt werden.
– Das ist der Hauptgrund – Geld?
– Nicht nur…
Danach brach die Verbindung ab. Meine Versuche, meinen Gesprächspartner wieder über Skype zu erreichen, blieben erfolglos. Ich hoffe, dass mit meinem Opponenten alles gut wird und es mir gelingt, die Wahrheit zu erfahren, was oder wer die Soldaten der Russischen Föderation tatsächlich antreibt…
Autor: Artem Wassilenko; Quelle: InformNapalm; übersetzt von Kateryna Matey/ Irina Schlegel.
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