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Das Söldnerwesen: Haftstrafen in Europa und Belohnung in Russland

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Radion Kirilow im Donbass. Foto aus seinem sozialen Netzwerkprofil

Vorgestern berichteten moldauische Informationsressourcen unter Hinweis auf die Meldung der Staatsanwaltschaft von einem Urteil, das über den Staatsbürger Moldaus, den 23-jährigen Radion Kirillow, gefällt wurde, der eine dreijährige Gefängnisstrafe für seine Beteiligung an der IBF „Sparta“ bekam, die im Osten der Ukraine im Verband der vereinten russisch-separatistischen Kräfte kämpft.

Die Staatsanwaltschaft meldet, dass der moldauische Staatsbürger am bewaffneten Konflikt im Donbass teilnahm und dafür finanzielle Entlohnung erhielt.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass zum Anlass für Kirilows Festnahme am 5. November 2015 am Flughafen Chisinau der Verdacht seiner unmittelbaren Teilnahme an den Kämpfen im Osten der Ukraine wurde. Diesen Verdacht erweckten die Angaben in der Datenbasis unserer Partner aus dem „Myrotworez“-Zentrum, die sie im März 2015 dem sozialen Netzwerk-Profil von Radion Kirilow entnommen und in ihre Datenbasis eingetragen [2] haben. Das „Myrotworez“-Zentrum wiederum hatte seine OSINT-Untersuchung zum ausländischen Söldner wegen seines Interviews an den Journalisten der Ausgabe allmoldova [3] eingeleitet, der auf seiner Basis ein regelrechtes propagandistisches Material unter dem Titel „Radion Kirilow: Ich kämpfe in der Ukraine für Moldau“ erschuf.

Zum Verständnis der informativen Absurdität und zur Veranschaulichung des propagandistischen Charakters dieses Artikels führen wir ein paar Auszüge an, die nicht aus dem Kontext gerissen wurden. Man sollte anmerken, dass sich die Redaktion im voraus durch die Formulierung „Die Meinung des Autors und der Redaktion muss nicht notwendigerweise mit der Meinung des „Helden des Artikels“ übereinstimmen“ absicherte, womit sie die Verantwortung für unverhohlene Lügen und Propaganda auf Rad Kirilow allein auferlegte.

Zitaten:

  • „… In Semenowsk war es richtig schrecklich. Trotz der Tatsache, dass eine flugfreie Zone verkündet wurde, ließen sie (ukrainische Streitkräfte) über 40 Hubschrauber in die Luft steigen und beschossen uns von oben. Aber wir sind durchgebrochen, weil wir Russen sind,“- erinnert sich Radion, der kaum Russisch spricht…“
  • „… Die Frage, ob er Söldner mit seinen eigenen Augen gesehen hätte, bejahte er: „Einmal traf ich einen verwundeten Scharfschützen, einen Amerikaner. Wir kreisten ihn ein. Als er verstanden hat, dass es sinnlos ist zu flüchten, fing er an zu schreien: „Help me! Help me! Help me!“
  • Russische Wehrdienstleistende und Zeitsoldaten gibt es nach Rodions Worten in seinem Bataillon nicht – es gibt Freiwillige aus Russland, die der Ideale wegen und nicht wegen Geld zur Verteidigung der Grenzen und zur Hilfe fürs Brudervolk gekommen sind…“

Einem Menschen, der über den Krieg im Donbass nicht nur aus den Reportagen der russischen Medien informiert ist, scheinen all die angeführten Zitaten absurd, aber gerade auf solchen Kontrasten wird den moldauischen Jungs die Idee eines „Edelkampfes“ eingepflanzt, die später mit finanzieller Belohnung und epischen Materialien über den „Sieg der russischen Waffe“ gestützt wird.

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Radion Kirilow im Bestand der IBF im Donbass. Foto aus seinem sozialen Netzwerkprofil

Später, im Lauf der Ermittlung, wechselte Radu Kirilow seinen propagandistischen Pathos gegen pragmatische Sachlichkeit. Er erzählte [5], dass das Rekrutierungsangebot von einem Söldner aus Rostow-am-Don (Russland) kam. Er teilte auch mit, dass manche ausländische Teilnehmer der „neurussischen Volkswehr“ Moldau als einen Transitpunkt nutzen, vor ihrem Abtransport nach Rostow-am-Don, wo die Söldner eine Kampfausbildung durchlaufen.

Europa hat gerade erst begonnen, die ganze Last der Gefahr von russischer Propaganda auf sich zu spüren. In einigen europäischen Ländern wurden Ermittlungen gegen Bürger eingeleitet, die „Ritter der Fortune“ in einem fremden Staat zu werden beschlossen. Nach Meldung der Information- und Sicherheitsbehörde Moldaus wurden Anfang November am internationalen Flughafen Chisinau 3 Menschen verhaftet, darunter auch der im Dezember verurteilte Radu Kirilow aus der Stadt Jalowen. Zwei andere sind Einwohner von Transnistrien, Alexander Skripkar und Dmitry Obolenzew. Ihnen droht eine Haftstrafe von 3 bis 7 Jahren.

Wie die moldauische Ressource Noi.md etwas früher berichtete [6], nahm am bewaffneten Konflikt im Osten der Ukraine eine Vielzahl der gebürtigen Moldauer teil. Einer von ihnen, der 21-jährige Staatsbürger Moldaus, der in der terroristischen Gruppierung „Somali“ im Donbass unter dem Rufzeichen „Akademik“ kämpfte, wurde im Mai 2015 an der ukrainisch-moldauischen Grenze festgenommen [7] und zu 12 Jahren Haft verurteilt.

Höchstwahrscheinlich kooperierte Kirilow mit den Ermittlern und bekam minimale Haftstrafe. Der „Akademik“ hatte weniger Glück und wird wohl einen bedeutenden Teil seines Lebens hinter Gittern verbringen.

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Screenshot aus dem Video, in dem die Söldner des russisch-internationalen Trupps „Sut Wremeni“ (dt. „Wesen der Zeit“) ihren Protest gegen die Festnahme ihrer Kumpels äussern.

Die Republik Moldau ist aber nicht der einzige Staat, der die Söldner und Terroristen-Komplizen, die im Donbass gekämpft haben, direkt benennt. So nahmen am 27. Februar 2015 [9] spanische Polizisten infolge einer Sonderoperation in den Städten Gijon, Madrid, Cartagena, Pamplona, Barcelona, Alcorcon und Caceres 8 spanische Staatsbürger fest, die auf der Seite der vereinten russisch-separatistischen Kräfte im Donbass gekämpft hatten. Gegen die Festgenommenen wurden Anklagen wegen Mordes, Waffen- und Sprengstoffbesitzes, Söldnerrekrutierung über soziale Netzwerke erhoben, auch wird ihnen  Tätigkeit vorgeworfen, die gegen Spaniens Interessen gerichtet ist.

Im April 2015 bekam eine Haftstrafe auch ein Staatsbürger Kasachstans, der auf der Seite der „DVR“-Söldner kämpfte – er wurde zu drei Jahren Haft verurteilt. Entsprechend den Angaben des Ermittlungsverfahrens [10] überquerte der gebürtige Einwohner der kasachischen Stadt Atyrau am 14. Juli 2014 im Bestand eines Söldnertrupps illegal die russisch-ukrainische Grenze und schloss sich den Bandenformationen von „DVR“ an, im Bestand derer er sich am hybriden Krieg gegen die Ukraine beteiligte.

In Serbien wurden ebenfalls 8 Staatsbürger für ihre Teilnahme am Krieg im Donbass verurteilt, auch sie wurden zu Opfern der russischen Propaganda und beschlossen, auf dem Territorium der Ukraine die Interessen der „russischen Welt“ zu verteidigen.

Und das ist keine vollständige Liste der Ermittlungsverfahren und konkreter Gerichtsurteile für Söldnertätigkeit im Krieg im Donbass, die in verschiedenen Ländern eingeleitet und gefällt wurden.

Wie Sie sehen, fehlt in dieser Liste aber Russland, das der direkte Lieferant von Waffen, Militärgerät, Söldnern und sogar regulären Soldaten ist, die sich am Krieg gegen die Ukraine beteiligen. Die internationale Freiwilligengemeinschaft InformNapalm führte in den anderthalb Jahren ihres Bestehens die umfangreichste Anzahl von eigenen Untersuchungen [12] durch und strukturierte die Information bezüglich jener regulären russischen Einheiten und Soldaten der Streitkräfte Russlands, die im Osten der Ukraine identifiziert worden sind. All diese Angaben haben wir in einer Datenbasis zusammengetragen [13]. Alle unsere Untersuchungen basieren dabei auf OSINT (Open Source INTelligence: öffentlich zugängliche Videos, Information aus den sozialen Netzwerkprofilen der Soldaten, Geolokation, Karten und Bilder), und jeder kann die von uns bereitgestellte Information selbstständig nachprüfen, indem er dem Algorithmus der Untersuchung folgt.

Ihrerseits haben auch die Partner von InformNapalm aus dem „Myrotworez“ [14]-Zentrum  mittels OSINT die grösste Datenbasis mit Angaben zu Söldnern und Separatisten erstellt. Am Beispiel der Festnahme und Verurteilung vom moldauischen Söldner Radu Kirilow sieht man, dass die Erfassung und Strukturierung der Angaben aus den sozialen Netzwerken ein effektives Instrument der Gegenwirkung zu Russlands Aggression nicht nur in der Ukraine, sondern auch in anderen Ländern ist.

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Auf dem Photo ist ein Söldner der „Russischen Welt“ zu sehen – Frankreichs Staatsbürger Guillaume Lenormand im Donbass. Photo aus seinem sozialen Netzwerkprofil.

Ausländische Söldner, die von Russlands Geheimdiensten rekrutiert werden, können im Nachhinein eine Gefahr für ihre eigenen Länder darstellen. Anscheinend meinte der französische Nationalist und Söldner der „Russischen Welt“ Guillaume Lenormand [16], der im Bestand des sogenannten „4. „LVR“-Bataillons der Territorialverteidigung Prisrak“ kämpfte, genau dieses, als er in seinem Interview an gaseta.ru [17] geradeaus sagte: „Frankreich erwartet ein viel grausamer Krieg, als der im Donbass“.

Europa hat leider noch nicht ganz begriffen, dass Russland den Krieg im Donbass nicht nur dafür entfesselte, um die Ukraine weiterhin in seine geopolitische Bahn zu ziehen und somit seinen imperialistischen Revanchismus auf den Trümmern der Sowjetunion auszuleben, sondern auch zwecks Erschaffung eines Aufmarschgebiets zur Destabilisierung der EU mit darauffolgender Aggression gegen den Westen. Zur Folge der europäischen Toleranz gegenüber der russischen Propagandamaschine werden Hunderte Söldner der „Russischen Welt“ werden, im Vergleich zu welchen die IS-Söldner wie kleine infame Typen erscheinen. Wobei man beachten sollte, dass nach Meinung vieler Experten [18] ein bedeutender Teil vom IS selbst aus Agenten der russischen Geheimdienste besteht. Die Söldner, die eine Kampferfahrung im Bestand der vereinten russisch-separatistischen Kräfte bekommen haben, können zu Soldaten der neuen hybriden Kriege und Operationen des Kremls werden. Darum läuft die Rolle der Ukraine in dieser Konfrontation von Russland gegen die ganze zivilisierte Welt darauf hinaus, zu einem Vorposten zu werden, der die Achse der Międzymorze-Länder [19] in eine einheitliche starke Struktur der militärisch-politischen Zusammenarbeit vereinen soll. Und dieser Vorposten muss die modernste und stärkste Armee der Welt haben – eine Armee, die die russische Horde effektiv zurückhalten kann.

Roman Burko [21] exklusiv für InformNapalm [22]; übersetzt von Irina Schlegel [23]

CC BY 4.0