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Der Sachartschenko-Kult: Vom Schlosser zum zweifachen Generalmajor

Im heutigen Artikel haben wir beschlossen, uns an den Kampfweg des Führers der terroristischen Organisation „DVR“ Alexander Sachartschenko zu erinnern. Am 28. August 2016, zum Tag des Bergarbeiters, wurde ihm der Rang des Generalmajors verliehen (Nachricht [1], Archiv [2]). Wie kann man sich in zwei Jahren den Rang eines Generals erarbeiten?

Die ersten Tage des „Revolutionärs“

Zum ersten Mal taucht Sachartschenko während der Besetzung des Donezker Rauthauses im Newsticker auf. Im Internet lässt sich keine einzige Nachricht über Alexander Sachartschenko vor dem 14. April 2014 finden. Von den ersten Interviews an stellt er sich als Anführer der Donezker Organisation „Oplot“ (deutsch Bollwerk) vor – einer Zweigstelle der paramilitärischen Organisation vom Typ Kampfsportclub der Miliz von Charkiw. Tituschkis mit Schulterstücken, die allerdings bis 2014 niemand in Donezk gekannt hat.

Einen Monat zuvor jedoch, auf der Kundgebung vor der Donezker Gebietsstaatsverwaltung am 17. März 2014, kann man Sachartschenko unter den Demonstranten sehen, die den Babuschkas und tobsüchtigen Rentnern eine Erstürmung ausreden und den „Revolutionär“ der ersten Welle Robert Donya (Profil [3] bei „Mirotworez“) nicht die Gebietsstaatsverwaltung durchlassen.

Die Babuschkas beschimpfen Sachartschenko als Faschisten (im Video, Minute 2:35), worauf er neben dem „Security-Chef der Donezker staatlichen Formation zum Schutz der öffentlichen Ordnung“ stehend entrückt nickt, den er dann versucht vor der wütenden Menschenmenge zu verteidigen: „Er hat es euch doch gesagt…“ (4:31).

Bemerkenswerterweise hat Sachartschenko die Donezker Technische Fachschule für industrielle Automatisierungstechnik abgeschlossen, er ist Schlosser 6. Ranges, studierte jedoch auch im Donezker Rechtsinstitut des ukrainischen Innenministeriums, das er nicht beendete. Womöglich hat ihm ausgerechnet der polizeiliche Hintergrund geholfen, die Leitung der Milizenorganisation „Oplot“ in Donezk zu übernehmen.

Wie dem auch sei, aber am 14. April 2014 gibt Sachartschenko als Leiter des Donezker „Oplots“ sein erstes Interview der Zeitung „Moskowski Komsomoloz“. Er spricht über seine Sicht der Lage und der Rolle seiner Organisation bei den Unruhen in Donezk – dies ist der Aufstieg des „Führers“ und seine erste offizielle Erwähnung in der Presse (Artikel [4], Archiv [5]).

Der erste Posten

Man sollte wissen, dass die Anführer der damaligen Proteste einander quasi täglich ablösten, so dass dem Auftauchen einer weiteren Person kaum jemand Bedeutung beimaß.

Am 17. Mai 2014 trat Sachartschenko der ersten Regierung der „DVR“ bei. Auch wenn er formell im Kraftblock landete, klang seine Dienstbezeichnung recht vage: „Militärkommandant von Donezk“ (Nachricht [6], Archiv [7]). Die meisten Mitglieder der ersten Regierung werden sich nicht einmal mehr an die Alteingesessenen der „Donezker Volksrepublik“ erinnern.

Die Machtstrukturen in den ersten Tagen der „DVR“ konnten unter Vorbehalt in die Leute von Strelkow, das Bataillon „Wostok“ (deutsch Osten) unter der Führung des ehemaligen Leiters der Donezker „Alpha“ Alexander Chodakowski und die Einheit „Oplot“ von Alexander Sachartschenko eingeteilt werden.

In den Kämpfen mit ukrainischen Sicherheitskräften nahmen zu Beginn am aktivsten die Leute von Strelkow und russische Freiwillige teil. Es schien, als würden „Wostok“ und „Oplot“ den Kampf nur vortäuschen und als wären sie für die Druckausübung auf Kiew geschaffen worden und nicht für den Krieg. Selbst für den ersten Sturm auf den Donezker Flughafen wurde eine in aller Eile aus russischen und ossetischen Freiwilligen zusammengesetzte Internationale Brigade entsendet. „Wostok“ und „Oplot“ sind in jenem Kampf gescheitert, was Gefechtsteilnehmer mit russischen Pässen wiederholt rekapitulierten – und nach eben diesem Vorfall wurde Chodakowski der Ruhm eines ukrainischen Spions zuteil. An Sachartschenko und „Oplot“ wurde damals nicht einmal gedacht.

Wenn man den internen Schriftwechsel der russischen Freiwilligen liest und sich an die Teilnehmer der Ereignisse der damaligen Zeit erinnert, dann tauchen über die bedingt lokalen Sicherheitskräfte von „Wostok“ und „Oplot“ eine Menge Fragen auf.

„Oplot“ riss sich nicht darum, an die Front zu gehen, hat dafür aber an der Besetzung von Verwaltungsgebäuden in Donezk teilgenommen. Am 9. Mai nimmt „Oplot“ die Büros der Fernsehsender „Union“ und „Donbass“ unter Bewachung. Obwohl es schwer als Besetzung bezeichnet werden konnte. Sieht euch die Schönheit des Spiels an (Nachricht [8], Archiv [9]):

«Wir haben eine Vereinbarung mit dem konstruktiven Teil des „Oplots“. Man darf ihn nicht völlig negativ betrachten. Mit diesem konstruktiven Teil habe wir vereinbart, dass sie uns helfen werden, das Gebäude in Donezk vor Besetzungen zu beschützen», – versicherte uns damals der von Kiew eingesetzte Gouverneur Taruta.

So ging unter der Aufsicht der Donezker Oligarchen die gesamte Stadt nach und nach unter die Kontrolle der selbsternannten Staatsgewalt über.

Am 25. Mai 2014 kamen wütende Bewohner von Donezk zur Residenz von Achmetow, wo sie von bewaffneten Vertretern des Bataillons „Oplot“ empfangen wurden, die in ganz Donezk die Objekte von Achmetow unter Bewachung nahmen. Die Legende von den Anführern des Volksaufstandes hat sich vor ihren Augen in Luft aufgelöst.

Oder hier, ein Blick von der Seite, wo Sachartschenko mit den Babuschkas streitet und ihnen von Sperrverbänden aus Iwano-Frankiwsk erzählt:

Am 7. Juni 2014 wurde in der „DVR“ Pläne von der Schaffung einer Republik-Garde auf dem „Oplot“-Stützpunkt gemeldet. Die Leitung der neue Struktur sollte Sachartschenko übernehmen (Nachricht [10], Archiv [11]).

Der heiße Sommer 2014

Im Juni bis Juli 2014 finden wir fast keine Nachrichten über das Voranschreiten im Kampf von Sachartschenko. Er gibt einige schwammige Interviews über die Beschüsse von Donezk. „Oplot“ beteiligt sich an einigen internen Auseinandersetzungen, aus unbestimmten Gründen jedoch verschlägt es nur freiwillige Russen oder delegierte russische Soldaten an die heißesten Gefahrenherde.

Am 22. Juli nimmt Sachartschenko an den Kämpfen um das Dorf Kozhevnya teil, wo er verwundet wird. Am nächsten Tag gibt er ein Interview und erzählt von dem Kampf. Das Video selbst kann als Anschauungsmaterial für Physiognomiker eingesetzt werden: hier hast du den Blick in den Himmel, und das Reiben der Nase, und die charakteristischen Pausen während der Erzählung.

Allerdings macht nicht das das Video interessant. Die Folgen der Zusammenstöße gelangten in die sogenannten Sammelberichte von Strelkow und in diesen wurde Sachartschenko plötzlich der Titel des Major verliehen (Archiv [12]):

«Gestern wurde der Kommandeur von „Oplot“, der die Attacke auf Kozhevnya persönlich anführte, der stellvertretende Innenminister A. Sachartschenko am Arm verwundet (heute wurde ihm zur Verleihung des Offiziersdienstgrades „Major“ gratuliert)».

Das oder der neueste militärische Dienstgrad des „Kommandanten von Donezk“ von der Republik selbst, oder aber seiner polizeilicher Rang – vergessen wir nicht, dass Sachartschenko in der polizeilichen Hochschule studiert und die Milizenorganisation „Oplot“ angeführt hat. Es ist durchaus möglich, dass Sachartschenko ein таким себе милицейским тихарем in Donezk war – daher auch die Karriere im Donezker Business und der Aufstieg des Bataillons „Oplot“.

Zur selben Zeit beginnt man ihn als den stellvertretenden Innenminister der „DVR“ zu nennen – ein erneuter polizeilicher Posten?
Als einen ebenso wichtigen Moment in Sachartschenkos Karriere sollte Strelkows Abgang aus Slowjansk betrachtet werden. Die Ankunft des ominösen Oberstleutnants des FSB in Donezk bremste die Karrieren der lokalen Kriegsherren beträchtlich.

Vom Tellerwäscher zum Millionär

Im Juli bis August 2014 kommt es in der „DVR“ zu einer fast kritischen Situation bei dem Personal. Fast alle Schlüsselpositionen bekleideten Russen, die aufgedrehtesten Medien- und Militärgestalten – auch Russen. Anstelle eines Volksaufstandes und einer Volkswehr ist es eine Okkupationsverwaltung geworden, bestehend ausnahmslos aus Russen. Deshalb wurde die Entscheidung getroffen, die lokale Macht zu ukrainisieren. Als einer der ersten ging der Moskauer Meinungsbildner Alexander Borodai.

Von den „Ukrainern“ der damaligen Zeit kann man die recht seltsamen Gestalten aussondern, wie Purgin (diskreditiert durch seine früheren Fotografien), Gubarew (spricht und sieht sehr schlecht aus), Pushilin (hat bei „MMM“ gearbeitet) oder Chodakowski (ehemaliger SBU-Mitarbeiter). Außerdem stand eine ganze Plejade von Funktionären aus der „Partei der Regionen“ zu Verfügung, allerdings passte das alles nicht zu einem Volksaufstand.

Im Endeffekt wurde auf Sachartschenko gesetzt, der zum neuen Premierminister der „DVR“ wurde.

Interessanterweise wurde für das Sujet im „Perwy kanal“ ein sehr misslungenes Foto gewählt – da die russischen Fernsehleute keine Informationen über Sachartschenko hatten, haben sie einfach ein Standbild aus dem Video nahe Kezhevnya benutzt. Und dieses Bild ist dabei rausgekommen:

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„Perwy kanal“ über die „DVR“

Danach ging die Karriere des neuen Republikanführers bergauf, das Thema mit den Schulterstücken wurde jedoch nicht gelöst. Auf der Pressekonferenz am 24. August 2014 saß er zusammen mit „Verteidigungsminister“ Kononov bereits in einer Militäruniform: Kononov – im Rang eines Oberstleutnants und Sachartschenko – ohne Schulterstücke, aber mit Matrosenhemd.

Sachartschenko bereits als Republikanführer im Matrosenhemd, aber ohne Schulterstücke [14]

Sachartschenko bereits als Republikanführer im Matrosenhemd, aber ohne Schulterstücke

 

Apropos, die Spuren der Verwundung bei Kozhevnya sind nahezu sofort verschwunden.

Interessanterweise mied Sachartschenko auch weiterhin Militäruniformen, und an der Front tauchte er mal in der „Gorka“ (Militäruniform) auf, mal im Fischeroutfit. Und vergessen wir nicht das Matrosenhemd – ohne bei den Luftlandetruppen gedient zu haben, lief Sachartschenko bis zum Sommer 2015 damit rum.

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Sachartschenko und das Matrosenhemd – mit den Träumen von dem Meer

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Beim Treffen mit einem ukrainischen Oberst

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In Camouflage

 

Das erste mal mit Schulterstücken sahen wir Sachartschenko erst im Mai 2015, bei der Vorbereitung zu der Parade, – hier ist er bereits ein Oberst.

Apropos, unmittelbar auf der Parade am 9. Mai 2015 konnte man die „DVR“-Hirarchie deutlich erkennen (Foto [18], Archiv [19]):

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Motorola mit einem Ohrring – ebenfalls Oberstleutnant

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Giwi – Oberstleutnant

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Auf der Parade am 9. Mai 2015, Oberst

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Verteidigungsminister Kononov – Generalmajor

Verteidigungsminister Mikhail Kononov war mit Schulterstücken eines Generalmajors, die Spitze der „Republik“ Alexander Sachartschenko – obwohl Zivilist, dennoch ein „Oberst“ und die „legendären“ Warlords Giwi und Motorola – „Oberstleutnants“.

Nebenbei gesagt, hat sich Giwi den Rang des „Oberstleutnants“ noch im November 2014 ausschreiben lassen, als Sachartschenko immer noch ein „Major“ war.

 

"Oberstleutnant" Giwi mit selbstgemachten Schulterklappen und "Major" Sachartschenko, November 2014 [24]

„Oberstleutnant“ Giwi mit selbstgemachten Schulterklappen und „Major“ Sachartschenko, November 2014

Zur Parade am 9. Mai wurde entschieden, alle Warlords aufzuholen, die auch als „Oberstleutnants“ verblieben sind, Sachartschenko ging hingegen weiter.

Personenkult 

Der Personenkult half Sachartschenko die russischen Staatssender zu vertreiben: Am 5. Mai 2015 wurde auf dem Sender „Rossija 24“ durch Mühen des staatlichen Propagandisten Evgeniy Poddubnyy der Film „Batja“ ausgestrahlt. In ihm freilich erklärt Sachartschenko recht chaotisch von dem Erhalt des Major-Ranges (im Video Minute 18:53):

«Poddubnyy: Aber das alles beantwortet nicht die Frage, wie Alexander Sachartschenko derart schnell zum Major Sachartschenko werden konnte. Es scheint, als findet das Oberhaupt von „DNR“ für uns im Auto die Antwort».

«Sachartschenko: Man muss immer, überall und von jedem lernen. Ich lerne etwas bei dir und etwas bei ihm… bei jedem Menschen versuche ich etwas zu lernen».

Diese Antwort erklärt allerdings nicht viel. Ebenso gut, hätten sie ihm auch den Generalmajor geben können. Und so haben sie es ihm auch gegeben!

«Am 24. Februar 2015 hat der Volksrat der selbsternannten Luhansker Volksrepublik („LVR“) des Staatschefs der Donezker Volksrepublik („DVR“) Alexander Sachartschenko den Rang eines Generalmajors verliehen!» (RIA „Novosti“ [25], Archiv [26])

In der „LVR“ waren von vornherein verschiedene russische Kosaken-Banden aktiver, davon kam offenbar auch die Tradition spendabel die hohen Ränge zu verteilen.

Ein Jahr später, auf der Parade vom 9. Mai 2016 ist Sachartschenko schon in zivil.

Первый парад в гражданском

Die erste Parade in zivil

Obwohl er bei der Vorbereitung der Parade noch immer im Fischeroutfit, ohne Schulterstücke und im Matrosenhemd herumspazierte.

Zweifacher General

Im Laufe des letzten Jahres hatte die „DVR“ keine besonderen Erfolge sowohl in der Wirtschaft als auch an der Front. Und dennoch hielt es dessen Staatschef nicht aus und verlieh sich zum Tag des Bergarbeiters am 28. August 2016 den Rang des Generalmajors. Jetzt ist er mit dem „Verteidigungsminister der DVR“ Kononov gleich auf und mit Sicherheit überholt er ihn auch bald.

So wurde Sachartschenko zum Träger des Ranggürtels des Generalmajors nach zwei nicht anerkannten Republiken – „DVR“ und „LVR“. In nicht einmal zwei Jahren – von dem selbsternannten Major zum Generalmajor von gleich zwei Republiken

Lässt man die Ironie beiseite, dann wird in der „DVR“ aktiv eine Parallelgeschichte aufgebaut und in ihr muss der Staatschef nach besten afrikanischen Traditionen ein General sein. In der „DVR“ ist eine eigene Rangordnung von Auszeichnungen und ein Haufen Orden und Medaillen ausgearbeitet worden.

Dank der russischen Staatsmedien ist ein ganzer Pantheon von „DVR-Helden“ geboren worden, die einander großzügig Orden und Ränge verteilen.

Wann bekommt Sachartschenko den Generalleutnant? Oder wird er sofort Generaloberst?


Dieses Material wurde von Anton Pawluschko [27] exklusiv für InformNapalm [28] vorbereitet; übersetzt von Kateryna Matey [29]. Beim Nachdruck und Verwenden des Materials ist ein Hinweis auf die Autoren und unser Projekt erforderlich.

(CC BY)

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