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Die Architekten des Terrors: Einzelheiten einer mißlungenen FSB-Operation gegen die Ukraine

Der hybride Krieg Russlands gegen die Ukraine beschränkt sich nicht nur auf die Krim-Annexion und den Krieg im Donbas. Die besondere „Hybridität“ dieses Krieges spüren diejenigen, die unmittelbar an der Antiterror-Operation beteiligt waren. Sie werden zu Zielscheiben für Provokationen weit weg außerhalb der ATO-Grenzen. Nach ihrer Rückkehr zum zivilen Leben werden ehemalige ukrainische Militärangehörige vom russischen Geheimdienst FSB gekidnappt oder zur Ausführung von Informationsoperationen ausgenutzt.

Die internationale Aufklärungsgemeinschaft InformNapalm ist in Besitz von exklusiven Unterlagen, die das Bild einer misslungenen FSB-Geheimoperation ergänzen, die im Lauf des SBU-Briefings am 17. August 2017 bekannt gemacht wurde. Wir haben die Algorithmen analysiert, die russische Agenten benutzen, um die Teilnehmer der Antiterroroperation (ATO) auf das Territorium der Russischen Föderation zu locken.

In diesem Fall ging es darum, dass den ehemaligen ATO-Soldaten eine angebliche hochbezahlte Bauarbeit in Russland angeboten wurde. Bei der Ankunft in Moskau erhielten sie detaillierte Anweisungen, deren Befolgung dazu führen könnte, dass gegen sie eine Anklage wegen eines Terroranschlagsversuchs fabriziert werden könnte. Sobald die ukrainischen Staatsbürger erkannten, dass es sich bei der Einladung ganz und gar nicht um Bauarbeiten handelte, verließen sie schnellstens Russland und informierten bei ihrer Rückkehr in der Ukraine die zuständigen Behörden. Detailliert kann man über diese krimiähnliche Geschichte in einem Artikel  von „Radio Swoboda“ nachlesen.

Bei der Auswahl von Kandidaten für diese Provokation hatte der russische Geheimdienst eine Frau namens Daria Mastikaschewa (Profil in VK, Archiv) benutzt, die 2014 aus Dniprodserschinsk (heute Kamjanske) nach Moskau zog.

In Moskau wohnte Darja mit dem russischen Propagandisten Sergej Sokolow zusammen (weiter schreiben wir detailliert über seine Vorgeschichte und die Rolle in den Informationsoperationen des russischen Geheimdienstes). Nachdem Mastikaschewa die Leitung der Organisation zur Unterstützung von Jugend und Sport „Goldene Liga“ übernahm, erschien sie öfters mal zusammen mit Sergej Sokolow in der Öffentlichkeit. Später benutzte er Darja für die mißlungene Provokation des russischen Geheimdienstes, da sie regelmäßig ihre Verwandten, die im Gebiet Dnipropetrowsk der Ukraine wohnhaft sind, besuchte. Später wurde Darja vom SBU verhaftet.

Screenshot aus dem bei der Pressekonferenz präsentierten SBU-Bericht

Sergej Sokolow selbst besitzt eine sehr interessante Vorgeschichte in der russischen kriminellen und politischen Szene. Er ist ein ziemlich bekannter russischer Propagandist, der sich selbst als einen Experten der privaten Organisation „Föderales Informationszentrum/Analytik und Sicherheit“ bezeichnet.

Foto: Sergei Sokolow

In der Zeit zwischen 1994 bis 1999 kümmerte sich Sokolow um persönliche Sicherheit von Boris Beresowski und leitete seine private Sicherheitsfirma „Atoll-1“. Zurzeit arbeitet „Atoll“ unter dem Logo einer Informations- und Analytik-Agentur. Während der Amtszeit des ehemaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin beschäftigte sich „Atoll“ mit illegalem Abhören und sammelte auf diese Weise kompromittierende Materialien gegen führende Staatspersönlichkeiten und reiche Geschäftsleute. Nach der Flucht von Beresowski gab es einen Versuch gegen „Atoll“ und seinen Leiter ein Strafverfahren einzuleiten, die Ermittlung wurde jedoch abgebrochen.

In einem seiner Interviews sagte Sokolow offen: „Von Anfang an sagte ich: Sollte man mich verhaften, werde ich nicht schweigen. Ich bin nicht so dumm, für andere im Gefängnis zu sitzen. Ich musste Boris natürlich helfen, die Geschichte abflauen zu lassen“.

Außerdem wurde „Atoll“ verdächtigt, Verbindungen zu tschetschenischen Kämpfern zu pflegen, die Stammgäste im Empfangshaus von Boris Beresowski „LogoWAZ“ waren.

In einem Interview für die Zeitung „Moskowskij Komsomolez“ Nr. 2240 vom 22. Juni 2006 erzählte Sergej Sokolow über die Schattengeschäfte von Boris Beresowski mit den Tschetschenen.

„Im Empfangshaus „LogoWAZ“ verbrachten die Gäste aus Kaukasus ganze Tage und Nächte. Arbi Barajew, Sakajew, Basajew habe ich da ziemlich oft gesehen. Udugow hat immer Papach (traditionelle Kopfbedeckung am Kaukasus) getragen. Viele kamen bewaffnet. Ich erinnere mich, wie ein sehr auffälliger Kämpfer durch einen Club in Tarnuniform und mit einer „Stetschkin“-APS bewaffnet stolzierte. Etwa 1996 begriff Boris, dass wenn man die tschetschenische Karte richtig ausspielt, sie sowohl einen politischen Gewinn als auch viel Geld bringen kann, und das zugleich. Er begann sich mit dem Freikauf von Geiseln aus der tschetschenischen Gefangenschaft zu beschäftigen. Das war so ein ewiger Teufelskreis: Die Banditen kidnappten Menschen, bekamen Lösegeld, um dafür neue Geiseln zu kidnappen.“

Im Interview gab Sokolow auch zu, dass er das Geld, das für tschetschenische Kämpfer bestimmt war, persönlich transportierte.

Das „AwtoWAZ“-Unternehmen stand in den Jahren 1997-1998 unter Kontrolle von Beresowski und den tschetschenischen Kriminellen. Eine Geheimoperation des russischen Innenministeriums zur Bekämpfung von Kriminalität hat damals gezeigt, dass die Verbrecher, die in Verbindung mit „AwtoWAZ“ standen, über 65 Unternehmensleiter und Geschäftskonkurrenten beseitigt hatten. Auf die Frage, ob die Sicherheitsfirma „Atoll“ tschetschenische Kämpfer beschäftigte, antwortete Sokolow: „Das waren keine Kämpfer, sondern erstklassige Profis, denn das Schießen aus einem Scharfschützengewehr oder eine Verminung sind im Grunde auch eine Kunst“.

Sergei Sokolow – der russische Experte im MH17-Fall

Am 3. Mai 2016 lief bei dem Sender BBC2 ein Film über die Tragödie des MH17-Flugs, der nach unseren Angaben mit einer BUK-Rakete durch die Besatzung der 53. FlaRak-Brigade der russischen Streitkräfte im Gebiet Donezk abgeschossen worden war. Auf Kremls Geheiß trat Sergej Sokolow als ein Experte auf, in der Rolle eines „Privatermittlers“. Er versicherte den Zuschauern, dass in der „Boeing“ eine Bombe explodiert wäre: „Die Explosion fand im Inneren statt. Die Bomben hat man bereits in Amsterdam ins Flugzeug gelegt. Diese Geheimoperation wurde von den ukrainischen und holländischen Geheimdiensten durchgeführt“.

Sokolow behauptete auch, über eine Aufnahme eines Telefongesprächs zwischen zwei CIA-Agenten zu verfügen, die zwei Bomben für den MH17-Flug vorbereitet haben sollen.

Diese „Beweise“ wurden jedoch nie präsentiert und sind letztendlich nur leere Aussagen eines russischen „Experten“ geblieben – so wie viele andere Fakegeschichten der russischen Seite zuvor, die die Aufmerksamkeit der Ermittler und der Weltgemeinschaft von den wahren Schuldigen ablenken sollten.

Sokolow im Woronenko-Fall

Ein anderes Informationsprojekt von Sokolow betrifft den Mord am ehemaligen Gosduma-Abgeordneten Denis Woronenkow. Sokolow beschuldigte dieses Verbrechens die „Organisierte Kriminelle Gruppe Dnipropetrowsk“, für die, wie Sokolow behauptete, Denis Woronenkow gearbeitet haben soll. Keine einzige Behauptung von Sokolow hat jedoch eine Bestätigung bekommen.

Sokolow und der Minderjährigen-Fall

Der absurdeste Informationseinwurf in der Dienstlaufbahn des russischen Propagandisten war wohl der Fake über die Lieferungen von „kleinen Jungen und Mädchen“ an Poroschenko, Jazenjuk und Turtschinow.

Sokolow und Mastikaschewa: Koordination bei der Provokation mit den ATO-Veteranen

Aus praktischer Sicht war aber am interessanten eine Operation, in der Sokolow als ein Auftragnehmer des FSB auftrat und seine Freundin Darja Mastikaschewa zur Anwerbung von ehemaligen ATO-Soldaten zwecks ihrer anschließenden Ausnutzung für irgendeine weitere russische politische Provokation benutzte.

Es ist uns gelungen, die Screenshots der Notizen im Telefon von Mastikaschewa zu bekommen. Die Erstanalyse, die die Freiwilligen von InformNapalm durchgeführt haben, zeigte, dass wir hier mit einer technischen Aufgabe für eine anstehende Provokation zu tun haben. Die Korrespondenz weist indirekt auf Organisatoren dieser Operation hin. Mastikaschewa erhielt Dokumente von Sokolow. Der Plan der Operation beinhaltete 7 Punkte. Wir präsentieren unsere eigene Entschlüsselung einiger Abkürzungen, die uns am wahrscheinlichsten erschien. Zusätzlich veröffentlichen wir die Kopien, damit die Journalisten sich damit bekanntmachen können.

(Zum Vergrößern bitte draufklicken):

Entschlüsselungsversion von InformNapalm:

Die FSB-Geheimoperation scheiterte in der vierten Phase, nachdem den „Bauarbeitern“ klar geworden war, dass sie hinters Licht geführt werden, und sie per Anhalter aus Moskau in die Ukraine geflohen sind.

Somit kann jeder ukrainischer Staatsbürger, insbesondere ein ehemaliger oder aktiver Militärangehöriger, der in der ATO-Zone diente, sowie deren Familienmitglieder zu Objekten von Operationen der russischen Geheimdienste werden. Und junge Frauen, die ukrainischen Staatsbürgern Arbeit in Russland, leichtes Geld, nähere Bekanntschaft und andere Dienste anbieten, könnten sich als Mitglieder eines Agenturnetzes entpuppen, die in der Ukraine eingeschleust wurden, um leichtsinnige Seelen zu fangen. Seid vorsichtig.


Dieses Material wurde exklusiv für InformNapalm vorbereitet.

Beim Nachdruck und Verwenden des Materials ist ein Hinweis auf unsere Ressource erforderlich Creative Commons — Attribution 4.0 International — CC BY 4.0 )

Die Angaben wurden von den Hackern der ukrainischen Cyberallianz exklusiv an InformNapalm zwecks Analyse und weiteren Veröffentlichung übergeben. Die Redaktion von InformNapalm trägt keine Verantwortung für die Erstquelle und die Herkunft der Angaben.

Wir rufen unsere Leser dazu auf, unsere Publikationen aktiver in den sozialen Netzwerken zu verbreiten. Das Verbreiten der Untersuchungen in der Öffentlichkeit kann den Verlauf von Informationskampagnen und Kampfhandlungen tatsächlich brechen.

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