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Die Kunst im Krieg: Ausschnitte aus einem Roman

Die Kunst war schon immer eine Tätigkeit, mit deren Hilfe ein Mensch versuchte, seine emotionalen Erlebnisse zu verarbeiten und für die Nachfahren festzuhalten. Die Kunst war und bleibt eine Begleiterscheinung eines jeden emotional geladenen Prozesses in unserem Leben. Und da Krieg eins der stärksten emotionalen Erlebnisse im Leben eines jeden Menschen ist, der damit konfrontiert wurde, war er schon immer ein Thema der Kunst und wird es wohl bleiben…

Der heutige russisch-ukrainische Krieg ist natürlich auch ein Thema der modernen ukrainischen Kunst, und bei dem einen oder anderen brachte er unerwartet sogar Talente zum Vorschein, die ihm vorher selbst unbekannt waren.

Vitaly Sapeka [1] ist ein ukrainischer Fotograf, der wegen seines Alters keine Verpflichtung hatte, an die Front zu gehen, dessen innere Pflicht eines Bürgers ihn aber zwang, sich Anfang 2015 dem Freiwilligenbataillon „Poltawa“ anzuschließen und in den Krieg zu ziehen. Seine Fotoarbeiten liegen im Staatsarchiv unter dem Stichwort „Ewig aufbewahren“ und werden in drei weiteren Museen aufbewahrt – im Krieg legte er aber unerwartet für sich selbst seine Kamera zur Seite und begann zu schreiben.

Seine Erzählungen, voller Humor und Leichtigkeit, veröffentlichte er seit 2015 fortlaufend auf Facebook. Der Leser wird dort wohl kaum Superhelden finden, die mit bloßen Händen feindliche Panzer aufhalten, oder Generäle, die Seite an Seite mit der Infanterie kämpfen. Dort gibt es auch keine zweimetergroßen Recken, die mit „der Flagge in der Hand und einem Lächeln auf den Lippen“ eines heldenhaften Todes sterben, und seine Soldaten führen die Befehle ihrer Kommandeure auch nicht haargenau aus. Seine Helden sind genauso wie er: einfache Menschen, die in ihrem vorigen Leben Buchhalter, Lehrer, Bauarbeiter und Taxifahrer waren, die widerwillig dazu genötigt wurden, das Schießen zu lernen, um ihr Leben vor den Barbaren zu schützen, die dieses zu vernichten gekommen sind. Sie weinen manchmal, manchmal machen sie derbe Witze und schaffen es auch nicht beim ersten Mal eine Granate zu werfen. Sie träumen von heißem Kaffee, süßen Bonbons und einem warmen weiblichen Körper. Und das alles stört sie nicht dabei, Helden zu sein – einfache, aber echte. Sie sind Männer, deren kleine menschliche Schwächen sie nicht dabei gestört haben, eines Tages aus dem Haus zu gehen und ihrer Angst entgegenzutreten, aus der ewigen Pflicht und Bestimmung eines Mannes heraus – zu verteidigen.

Lew Tolstoi schrieb, der Krieg sei nur Dreck, Angst, Scheiße, Blut und Gewalt. Eben deshalb ist es so wertvoll, wenn jemand fähig ist, etwas zartes und helles, weiches und menschliches in dieser Finsternis zu sehen. Das, was Menschen im Krieg rettet: Freundschaft, Lachen, Bruderschaft, Treue, Vertrauen… Ein Krieg fegt alles Angeschwemmte und von der Gesellschaft Aufgedrängte weg, er kristallisiert einen Menschen heraus, bringt sein Wesen an die Oberfläche – und eben dort, im Dreck und Blut, werden das einfache menschliche Lachen, eine Tasse heißen Tee in den Händen und zwei zusätzliche Stunden Schlaf so wichtig…

Die Kunst von Vitaly Sapeka handelt genau davon: Von der durch Geschosse zerrissenen Erde, betäubt durch Sausen der Panzer und dröhnend vom Getrampel der Füße, auf der jemand plötzlich eine kleine Kornblume sieht, die unbegreiflicherweise in der Hölle weiter blüht. Jeder seiner Helden ist genau dieses in der finstersten Dunkelheit eingefangene Stückchen Leben – so wie es ist, mit all seinen Mängeln und Schwächen, aber Leben.

Man kann die Erzählungen von Vitaly Sapeka in seiner Chronik seit 2015 auf Facebook lesen, in dieser Zeit hat er aber noch drei Romane geschrieben: drei intellektuelle und einen über den Krieg. Mit einem Ausschnitt aus seinem Kriegsroman möchten wir Sie heute bekanntmachen.

Womöglich wird sich der eine oder andere Verleger dafür interessieren, diesen Roman in Deutschland herauszugeben, um die Menschen mit der Wahrheit über diesen russisch-ukrainischen Krieg bekannt zu machen.

Vitaly Sapeka [1], „Helden und sonstige Lichtgestalten“

KAPITEL 6

     Die ersten 24 Stunden im Krieg verliefen für Schramko wie ein Augenblick. Er befand sich im Stresszustand wegen des Erlebten und Gesehenen und sprach darum kaum, was seiner Natur widersprach. Am Abend dachte man sich für ihn einen Kampfnamen aus: „Buch“. Ob das von der Abkürzung von „Buchhalter“ oder wegen seines nicht allzu großen Erlebnisberichts (in seinem Verständnis) über seine einstigen Besäufnisse mit ein paar Steuermännern an seine neuen Kameraden kam, war nicht klar.

Ihre Stellung wurde bis zum Abend nicht mehr beschossen. Die Kanonade beachtete Schramko nicht mehr. Im Gegenteil, wenn ein weitentferntes oder nahes Artilleriefeuer plötzlich eingestellt wurde, hob er verwundert den Kopf: Was ist das jetzt, was für Unglück?

Am Abend hat Schramko sogar eine Handgranate geworfen. Der Älteste auf der Stellung, der die erlernten Fertigkeiten seines Untergebenen bei der AGA gut im Kopf behalten hatte, rief ihn zu sich, um ihm was beizubringen.

„Schau mal, Schramko, Du ziehst den Splint gerade, hältst hier mit der Hand fest, und wenn du den Ring herausziehst – lass ja nicht los. Schaust erstmal, wohin, und wirfst erst danach. In etwa drei Sekunden explodiert sie. Haste’s dir gemerkt?“

Schramko nickte, er war sehr aufgeregt und war in solchen Fällen nicht sonderlich gesprächig.

„Nun siehst du hinter dem Schützengraben die Reste unseres Scharfschützengewehrs? Man müsste daneben eine Handgranate werfen. Aber nicht zu nah.“

„Wozu?“

„Setzen wir es als eine Geschossexplosion ab. Man muss die Reste mit den Splittern häckseln. Aber wirf nicht direkt auf die Splitter – wir werden uns abrackern müssen, sie dann aufzusammeln.“

Schramko hielt den Atem an, richtete den Split gerade, wie Wiktorowitsch ihm beigebracht hatte, umfasste die Handgranate mit der Hand, und zog mit der Linken den Ring heraus.

„Super,“ der Älteste behielt ihn fest in Augen: „Nun wirf‘.“

„Kann nicht.“

„Was heißt „kann nicht“?“ Wiktorowitsch wurde blass.

„Kann die Hand nicht aufmachen.“

„Machst du Witze?“

„Nein.“

„Ruhig, Söhnchen,“ Wiktorowitsch umfasste seine Hand mit seiner. „Söhnchen“ war zwar etwa zehn Jahre älter als der „Papa“ – das machte aber niemanden stutzig: „Wind! Zu mir!“

Der auf den Zuruf angerannte Wind checkte die Situation sofort.

„Schlecht. Schneiden wir die Hand ab und werfen sie zusammen mit der Granate.“ Mit diesen Worten zog er sein Messer aus: „Kommandeur, bereit?“

Schramko beobachtete mit Schrecken das robuste Messer in Winds Hand. Machte er wirklich keinen Spaß? Sie werden ihm die Hand abschneiden und zusammen mit der Granate wegwerfen! Er wollte widersprechen, aufschreien, aber sein Hals wurde trocken, und der Körper erstarrte noch mehr. Seinen Lippen entfuhr ein dumpfes Röcheln statt Worten.

„Bereit!“ hörte Schramko die Stimme des Kommandeurs.

Mit diesen Worten schwang Wind das Messer. Schramko schloss die Augen vor Angst. Die Messerspitze stach in seinen Arsch. Schramko zuckte und öffnete die Hand. Die Handgranate rutschte in die Hand des Kommandeurs, dabei ertönte ein Klatschen. Wiktorowitsch holte aus und warf die Handgranate aus dem Schützengraben raus. Draußen erschallte eine Explosion.

„Uffff…“ atmete Wiktorowitsch aus.

Schramko rieb seinen Arsch, aber es gab kein Blut – Wind hatte ihn nur ein ganz klein wenig gestochen.

„Mach‘ dir keine Sorgen, Buch,“ Wind klatschte Schramko auf die Schulter: „Das passiert, dass es bei einem klemmt. Du bist nicht der erste. Komm‘, gehen wir schauen, was mit dem Gewehr ist – wenn es nicht von den Splittern zerkratzt ist, müssen wir noch eine werfen.“

„Er wird mir heute aber trotzdem eine Handgranate werfen,“ Wiktorowitsch ging zur Kiste und öffnete sie. Drin lagen um die zehn Handgranaten: „Selbst wenn du seinen Arsch zu einer britischen Flagge schnippelst.“

Schramko rieb erschrocken wieder mal seinen fünften Punkt. Wind hatte ihn vorsichtig gestochen, sogar die Hose war nicht aufgeschnitten. Aber er wollte sowas nicht mehr spüren.

„Ich habe einen Hund,“ sagte Schramko zu niemandem konkret: „Deutscher Spitz. Teuer, die Sau… Und schrecklich verspielt.“

„Wozu sagst du das?“ wunderte sich Wind.

„Zur Frage ihrer Verspieltheit. Sie liebt es überaus, hinter einem Ball herzulaufen. Wenn du ihr einen wirfst — läuft sie, bringt ihn zurück, damit du wieder wirfst. Und dann tupft sie dir diesen Ball in die Hand – ihren Rachen aufzumachen hat sie aber keinen Willen zu. Sie ist wahnsinnig danach, ihn wieder holen zu rennen, berührt mit diesem Ball in ihrem Rachen deine Hände und spreizt aber ihre Zähne nicht auf. Und schaut dich so unschuldig an, von wegen „Herrchen, du bist klug, denk‘ dir was aus, den Ball gebe ich nicht her, möchte ihm aber hinterherlaufen.“

„Und?“

„Ich erinnere mich selbst sehr an meine Toscha gerade.“

Alle lachten.

„Na gut, lasst mal nicht ablenken. Krabbelt mal hin und schaut, was der Feind mit unserem Gewehr gemacht hat.“

Zusammen mit Wind krochen sie vorsichtig aus dem Schützengraben raus, sammelten die Reste des Gewehrs auf und kamen genauso kriechend zurück. Zu dritt beschauten sie die Reste.

„Passt, wir haben beim ersten Mal schon die nötigen Kratzer gemacht.“ Der Älteste war zufrieden. Er drehte sich zu Schramko: „Hast du die Kiste gesehen? Nimm‘ dort Handgranaten und wirf‘. So lange du keine geworfen hast, gehst du nicht schlafen.“

Schramko nickte. Der Kommandeur drehte sich zu Wind.

„Gebt Ihr Max keinen Wodka mehr?“

„Nein. Wie denn. Er hält’s schon aus.“

„Richtig. Nachts wird er ins Krankenhaus abgeholt. Soll er mal durchhalten. Verwechsle nicht die Schutzweste. Ja gut, ich gehe mal den SBU anrufen – so ein Pech haben wir hier, so ein teures Gewehr durch ein Geschoss beschädigt. Vielleicht geben sie uns jetzt ein normales, mit Patronen…“

Mit diesen Worten ging der Kommandeur zu sich in den Unterstand.

„Soll ich dir helfen oder machst du’s selber?“ Wind schaute Schramko an.

„Bleib‘ mal hier… Und… ähm… hol‘ mal das Messer raus… soll es griffbereit sein.“

„Keine Frage. Aber du bist mir was schuldig.“

„Bin ich,“ seufzte Schramko.

Diesmal ging aber alles glimpflich ab. Schramko holte eine Handgranate aus der Kiste. Wie der Kommandeur ihm beigebracht hatte, zog er den Splint gerade, riss den Ring heraus und warf sie soweit er konnte. In der Nähe erschallte eine Explosion.

Wind versteckte das Messer:

„Passt, dich klemmt’s nicht mehr. Bläffst morgen noch was.“

Entkräftet setzte sich Schramko auf den Boden des Schützengrabens.

„Wenn man’s sich richtig überlegt,“ sagte er zu sich selbst: „War ich gerade viel cooler als mein Hund. Toscha wäre stolz auf mich.“

KAPITEL 7

In ein paar Tagen lebte sich Schramko ein. Als ob es das frühere Leben nie gegeben hätte. Er harrte seine Stunden auf seinem Wachposten aus und lernte, bei der erstbesten Gelegenheit einzuschlafen. Dabei ist es ihm egal geworden, ob es Tag oder Nacht war, ob der Beschuss nah war oder irgendwo in der Weite donnerte. Sie wurden nun selten beschossen, schlaff – nur damit sie sich nicht entspannen.

Seine Kasernenuniform trug sich durch das Schützengrabenleben ab, es gab aber keine Möglichkeit zu waschen. Zum trinken und essen gab es zwar genug Wasser, aber zum sich-rasieren und waschen nicht mehr. Die Zufahrt des Nötigsten wurde immer gefährlicher. Darum tauchte der Minivan mit dem Nötigsten immer seltener auf. Und hörte bald gänzlich auf zu kommen.

Die Nachrichten, die die Kämpfer der Abteilung erreichten, waren äußerst unheimlich. Nachts krochen sie manchmal aus ihren Schützengräben raus, versteckten sich hinter Betonblöcken und versuchten etwas im Internet zu lesen. Wo es höher war, dort war die Verbindung ein wenig besser. Aber auf diesem allweltlichen Informationsmüllhaufen wurden unterschiedlichste Meldungen veröffentlicht. Von bravourösen „Die Russen sind schon außer Atem, wir gehen bald zur Offensive über und erobern unser Land bis zur Grenze zurück“ bis hin zu „Alles im Eimer“. Die offiziellen Lageberichte des ATO-Pressestabs las keiner – alle wussten, was für eine Lügentasche Lysenko ist. Aber wegen des Fehlens von objektiver Informationen gingen unangenehme Gerüchte in der Abteilung herum. Alle waren in niedergedrückter Stimmung.

Der Koch Kolywan ging allen sehr auf die Nerven. Alle, die an seinem Kessel Essen holten, packte er mit der Hand am Ärmel und widerte: „Verstehst du, dass wir am Arsch sind?“. Niemand antwortete ihm, und jeder versuchte, dann zum Kessel zu gehen, wenn Kolywan sich vor Beschüssen im Unterstand versteckte.

An einem Abend rief der Kommandeur Schramko zu sich. Er setzte ihn gastfreundlich ihm gegenüber an den Tisch. Er bot ihm aber weder Tee noch Kaffee an – es gab keinen. Wiktorowitsch nahm den Teekocher vom Kanonenoffen herunter.

„Willst du Kochwasser?“

„Mit Zucker?“

“Verwöhnt bist du, Schramko. Kaffee, Tee und kochendes Wasser trinkt man nur ohne Zucker, damit der Geschmack und der Duft nicht verloren gehen.”

„Merke ich mir,“ nickte Schramko schläfrig.

Zucker war schon vor Schramkos Ankunft auf der Stellung alle. Er wusste es, aber fragte für alle Fälle – vielleicht hatte der Kommandeur ja ein geheimes Ersparnis.

Die Taschenlampe des Ältesten beleuchtete Schramkos Uniform, schlug mit einem hellen Flecken auf seine Mütze mit der Aufschrift „Adidas“, die zwar „illegal“ war, aber viel wärmer als die vom Staat. Das Licht fuhr über seine dreckige Uniform darüber und blieb auf seinen Kampfstiefeln stehen, die lange keine Schuhcreme gesehen hatten. Dafür hatte Schramko aber nicht die gelben vorschriftsmäßigen sondern die schwarzen von den Freiwilligen. Sie waren besser als die vom Staat ausgehändigten, wurden aber auch lange nicht mehr gepflegt. Schramko war nämlich bei seiner Abfahrt zur Stellung glücklicherweise an ein paar Freiwillige geraten.

„Naja…“ Wiktorowitsch verzog das Gesicht. 

Er ging zu seiner Liegebank und stöberte in einer Kartonbox mit der Aufschrift „Den Helden von Poltawa“: „Ah ja, hier… Nimm‘, Schramko. Wollte es für mich behalten, aber für dich ist es mir nicht zu schade.“

„Was ist das?“

„NATO-Uniform, Multicam. Von den Freiwilligen. Gebrauchte, aber in bestem Zustand, dazu auch noch sauber. Und was für Stoff! Nicht wie unser Dreck. In so einer möchte man dienen und Heldentaten vollbringen.“

Schramko nahm die Uniform entgegen und betastete sie. Der Stoff war tatsächlich wunderbar, nicht wie seine steuerfinanzierte Uniform, in der es „im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt“ war.

„Zieh‘ die mal an, zieh‘ an,“ war der Kommandeur verdächtig nett zu Schramko: „Zieh‘ sie jetzt an, wenn es nicht deine Größe ist, dann schaue ich noch was.“

Schramko zog sich um. In der Dunkelheit war es schwer, sich selbst zu sehen, aber bei Taschenlampenlicht war erkennbar, dass die Uniform zumindest wesentlich sauberer war, als seine. Und der Körper fühlte sich besser, wohler an.

„Ein Held! Einfach nur ein Held. In so einer Uniform kann man nur noch Heldentaten vollbringen! Hier, nimm‘ noch die Fleece-Windjacke drunter – da hast du ein vollkommenes Feng Shui. Wird wärmer als unsere Matrosenjacken sein.“

Schramko machte die Gutmütigkeit der Obrigkeit hellhörig. Er wollte die Chevrone umsetzen und seine Dokumente mit dem restlichen Schrott aus den Taschen seiner alten Uniform umlegen, aber Wiktorowitsch hielt ihn auf.

„Machst du später, Schramko. Setz‘ dich mal mir gegenüber hin und hör‘ zu. Ich habe eine Aufgabe für so einen braven Kerl wie du.“

Schramko kam vorsichtig an den Tisch, an den der Kommandeur sich schon zu setzen geschafft hatte. Dieser breitete vor sich eine Karte aus. Eine Zeit lang schaute er mal sie, mal Schramko an. Nahm einen Schluck Heißwasser. Schramko wollte unbedingt vieles fragen, aber schwieg in schlechter Vorahnung – er versuchte zu verstehen, welchen Abschluss eine derartige Gutmütigkeit des Kommandeurs für ihn wohl findet.

„Hör‘ mal genau zu, Buch,“ der Älteste beleuchtete die Karte mit der Taschenlampe: „Um uns herum passiert irgendein Scheiß. Mit den Unseren haben wir Verbindung nur übers Handy, und selbst sie wird von den Russen nach Lust und Laune abgehört. Man kann nicht viel sagen, und hören tut man auch nicht viel. Das Funkgerät sollte man lieber gar nicht anmachen. Dort hört man nur „Hochols, ergebt euch!“. Was bei uns passiert, erfahren wir aus dem Internet. Wo da die Wahrheit und wo nur Stuss ist, versteht man nicht. Von dem Kommando kommt kein Laut, schon seit Tagen nicht. Mein Bauchgefühl sagt mir, es läuft was Scheiße. Es wird sehr brenzlich.“

Der Älteste verstummte. Schramko verstand, dass die Uniform und die Gutmütigkeit des Kommandeurs nicht umsonst waren. Sein schlechtes Gefühl hatte ihn nicht betrogen.

„Schau mal her, Schramko. Hier sind wir, und hier ist die Stellung unserer Nachbarn. Ich glaube, die Nationalgarde, vielleicht aber auch nicht… Weiß nicht… Hier sind sie, bei der Erdstraße. Geh‘ mal hin, nimm‘ die Handynummer von deren Kommandeur, dann werden wir uns wenigstens mit jemandem in Verbindung setzen können, wenn was ist. Und frag‘ sie mal aus, was sie wissen, was für Nachrichten es gibt. Wonach riecht es, kurz gesagt.“

Schramko starrte blöd auf die Karte von der gegenseitige Seite – so aufmerksam er aber auch dem Finger des Kommandeurs folgte, verstand er darin nichts.

„Ich entschuldige mich…“

„Musst du nicht, Schramko. Ich kann keinen erfahrenen Kämpfer schicken – falls was passiert, ich kann sie alle an den Fingern einer Hand zählen. Entschuldige für die Offenheit. Und du musst nur spazierengehen. Falls ein Beschuss kommt – falle auf den Boden und harre aus. Aber eine Stunde vor dem Morgengrauen musst du wieder hier sein.“

„Eigentlich habe ich…“

„Ah! So lange ich es nicht vergesse!“ Unterbrach ihn der Kommandeur erneut: „Hol‘ bei denen mal Klebeband, unsere Farbe ist bei uns alle. Für deine neue Uniform brauchst du auch eins.“

„Ich entschuldige mich tierisch…“

„Deine Gedankenfolge ist richtig, Schramko! Nun gibt dir Wind zwei Flaschen Wodka mit. Man darf ja nicht zur Bekanntschaft mit leeren Händen gehen. Zumal du auch noch um Klebeband bitten musst. Gut, dass du mich daran erinnert hast. Jetzt geh‘. Sei vorsichtig. Und so.“

Der Kommandeur versank in der Karte und schaute Schramko nicht mehr an. Als Schramko verstanden hatte, dass die Einweisung zu Ende war, nahm er seine alte Uniform und ging raus.

Der unglückselige zukünftige Held schämte sich einzugestehen, dass er auf der Karte nichts verstanden hatte. Er hat ja so eine verantwortungsvolle Aufgabe bekommen, und versteht das Elementarste nicht. Das ist dir kein Ausharren in dem Schützengraben nachts und wach bleiben, ob die kommen oder nicht kommen. Hier könnte ihm ja sogar eine Medaille verliehen werden, wenn er lebendig zurückkommt und die gestellte Aufgabe erfüllt, natürlich. Wenn er nur wüsste, wohin er gehen soll.

Bis Schramko bei Wind ankam, war er schon total in Träumen versunken: „Ich werde im Fernsehen gezeigt, die Generäle werden mir die Hand drücken…“ In seinen Gedanken zögerte er bei der Wahl der eventuellen Auszeichnung für seine zukünftige Heldentat, darum vergass er Wind zu fragen, in welcher Richtung denn genau die Nachbarstellung liegt. Er nahm schweigend die Flaschen Wodka entgegen, stopfte sie in die Taschen seiner Neuanschaffung, zumal die NATO-Uniform für derartige Zwecke sehr bequem war. Er gab Wind seine alte Uniform ab und kroch mit seinem Gewehr auf dem Rücken aus dem Schützengraben.

Als er sich ein Paar Schritte von ihrer Stellung entfernt hatte, zwang sich Schramko seine Träume über eine Medaille zu verscheuchen. „Zuerst die Aufgabe, dann die Auszeichnungen,“ wies er sich selbst in die Schranken und zwang sich über die Arbeit nachzudenken.

Er schaute sich um. Es war schon dunkel, die Wolken zogen in zerfetzten Stücken über den Himmel, und ließen die Sterne mal offen mal zugedeckt. Der abnehmende Mond leuchtete durch die Wolkenschicht kaum durch, und nur ab und zu beleuchtete er in den Lücken zwischen den Wolken die Erdfläche.

Schramko ging noch ein paar Schritte. Er konnte sich immernoch nicht ausmalen, auf welche Seite er gehen sollte. Er versuchte sich an die Bewegung des Kommandeurfingers auf der Karte zu erinnern. „Links oder rechts?“ zögerte er.

Der Mond kam wieder zwischen den Wolken raus, es wurde heller. Schramko beschloss, dass es Stellungen der Unseren sowohl links als auch rechts geben muss. Darum wählte er die Richtung, wohin der abnehmende Mond seiner Meinung nach besser leuchtete. „Ja, ich glaube, dahin,“ erinnerte er sich an die Fingerbewegung des Ältesten: „Wenn er mit dem Finger dahin zeigt, dann ist es von meiner Seite aus gesehen umgekehrt. Interessant. Kartografie – ist es eine Wissenschaft oder nur so…“ Schramko machte noch ein paar Schritte, plötzlich wurde es aber wieder dunkel, er stolperte und fiel fast hin. Rechtzeitig schaffte er sich am Boden mit der Hand aufzustützen. Das Gewehr schlug ihm empfindlich auf den Rücken.

„Verdammte Dunkelheit!“ fluchte Schramko flüsternd.

Er prüfte den Wodka. Zum Glück waren die Flaschen beide ganz und keine war aus den Taschen gefallen. Schramko erfreute sich seines Glücks, richtete das Gewehr gerade und bewegte sich weiter. Seine Überlegungen über die Kartografie wurden unterbrochen – er zwang sich erneut zur Konzentration auf die Aufgabe. Er versuchte gleichzeitig zu den Seiten zu schauen und unter die Beine, es war sehr schwer die Richtung zu finden. Die Wolkenfetzen veränderten permanent die Beleuchtung des Bodens. Der Mond und die Sterne leuchteten mal stärker, mal wurde ihr Licht schwächer, was Schramko durcheinanderbrachte.

Ein plötzlicher Gedanke hielt ihn auf: Der Kommandeur hatte ihm kein Passwort gesagt. Er kommt dann bei den Unseren an: „Hallo, gebt mal Klebeband.“ So einer in Multicam und ohne Chevrone. Die Separs laufen auch in so einer Uniform herum, die ist eh besser als deren russische. Sollte man sich nicht wundern, wenn die Nationalgarde ihn ohne das Passwort an die Wand stellt, zur Erschießung oder wohin da, wenn es keine Wand dort gibt… Erschießung? Er drehte sich in die Richtung, wie er glaubte, seiner Stellung: Soll er zurückgehen und fragen? Sehr gelegen kamen Wiktorowitschs Worte ins Gedächtnis, dass es keine Verbindung mit dem Kommando gibt und somit auch keine Passwörter für diese Stunden geben kann. Zumindest wurden ihm die letzten Tage weder Passwörter noch Antworten vor seinem Wachdienst gegeben.

„Vielleicht erschießen mich ja die Unseren nicht, sondern nehmen mich einfach gefangen? Schicken mich ins Hinterland – dort wird ja eh alles geklärt, und dann bringen sie mich in die Sauna, geben mir Heißwasser mit Tee oder Kaffee. Vielleicht sogar mit Zucker… Auch keine schlechte Variante… Zunächst wird man natürlich an meinem Lebensmark zehren. Aber zur Sauna bringen sie mich dann unbedingt. Und das Essen ist im Hinterland besser, Brot mit Zucker gibt es bestimmt.“ Mit diesem hellen Gedanken drehte er sich wieder in die vermutliche Richtung seiner Reise.

Vorsichtig schreitend vergnügte er sich noch eine Weile mit vermeintlichen Gerichten, die ihm im Hinterland bestimmt serviert werden. Es gab viele Varianten, aber bei jeder gab es todsicher einen Tee-Kaffee mit Zucker und frisches Brot. Von diesen Gedanken wurde er fröhlicher. Er begann sogar zu denken, so zum Spaß auf die Nachbarstellung zu kommen und sich dort für einen Russen auszugeben, der wertvolle Informationen hat. Dann wird er bestimmt nicht erschossen sondern ins Hinterland geschickt. Zu dem Tee, dem Kaffee und dem Zucker. Und dem Brot. In so einer Uniform, wie Wiktorowitsch ihm gegeben hat, kämpft man gerade sowohl auf unserer Seite als auch auf der anderen gegen uns. Man kann sich nur am Klebeband und den Chevronen erkennen. Und an den dreisten Fressen. Klebeband hat er nicht – er geht es ja gerade schnorren, und die Chevrone hat er auf seiner alten Uniform gelassen – hatte es nicht geschafft, sie umzuziehen. Naja, und die Fresse und ihre Dreistigkeit…. pfff, ein Mensch, der sein ganzes Leben lang gegen die Steuerinspekteure kämpfte… Hier kann so einer wie Schramko eben was gegen halten.

Aber dann schämte er sich seiner Gedanken. Er hat doch eine Aufgabe, seine Kameraden hoffen auf ihn, und er denkt hier an irgendeinen Quatsch, an Fraß mit Kaffee-Zucker. Und überhaupt – er ist ein Freiwilliger, kein einberufener „Mussstudent“. Er ist von alleine gegangen seine Heimat zu verteidigen. Erstmal werden sie Russen vertreiben, dann kommt auch schon Heißwasser mit Tee und sogar mit Zucker. Beschämt von sich selbst begann er schneller zu schreiten.

Und stolperte wieder. Diesmal schaffte er aber nicht, sich auf den Beinen zu halten und steckte seine Nase in die Erde. Es tat nicht sonderlich weh, war eher unangenehm. „So kann man sich ja den Kopf zerschlagen, nicht nur den Wodka.“ Er stand auf, prüfte die Flaschen – sie waren ganz. Er schüttelte seine neue Uniform ab – schade, sie so direkt dreckig zu machen. Er beschloss auf die Dazwischenkunft des Mondes zu warten, um sich wenigstens ein bißchen über seine Wegrichtung klar zu werden. Sich den Kopf zu zerschlagen, den Wodka oder noch schlimmer seine Neuerschaffung zu zerreißen wollte er gar nicht.

Er musste mehrere Minuten warten. Der Wind schlug die Wolken zur Seite und selbst des Lichts des abnehmenden Mondes reichte, dass Schramko einen Erdweg in der Nähe zu sehen schaffte. „Da ist es! Das ist der Erdweg, den Wiktorowitsch auf der Karte zeigte!“ freute er sich. Er ging schneller, um den Weg zu erreichen, solange die Beleuchtung etwas besser war. „Die Kartografie ist eine Wissenschaft,“ beschloss er: „Das ist eine unwiderlegbare Tatsache. So, wie ich hier auf dem wissenschaftlichen Wege die richtige Richtung gefunden habe. Das ist dir kein Pappenstil hier. Uhu. Und der Kommandeur meinte noch, dass ich ihm nicht leid tue, da ich zu nichts zu gebrauchen sei. Und wie ich ein Kämpfer bin! Ich beweis es denen noch!“

Er hatte wieder Glück – er schaffte es, auf den Erdweg herauszukommen bevor der Himmel wieder von Wolken vollständig zugedeckt war. Auf dem Erdweg, selbst bei schwachem Sternenlicht ist es einfacher zu gehen. Selbst wenn dieser Erdweg auch kein Geschenk war – voll mit Schlaglöchern, Trichtern und Rinnen – kann man aber mit unwegsamen Gelände nicht vergleichen. Schramko wurde fröhlicher und schritt schneller.

Die Stellung der Nachbarn war gar nicht so weit. Bereits nach zehn Minuten konnte Schramko Betonblöcke und Sandsäcke erkennen. Beim nächsten Auftauchen des Mondes hinter den Wolken sah er die Stellung deutlich. „Wieso habe ich sie tagsüber noch nie gesehen? Das ist doch ganz nah an uns,“ wunderte er sich. Wobei, tagsüber kann man seinen Kopf nicht sonderlich aus dem Schützengraben hochstrecken. Geschweige denn sich umschauen.

„Nicht schießen! Freunde!“ schrie er aus der Ferne.

Die Stellung war schon ganz nah, aber vielleicht war dort auch so ein Neuling wie er selbst – schießt erstmal und fragt erst dann nach einem Passwort.

„Nenn‘ das Passwort,“ hörte man von der Stellung: „Wer bist du?“

„Na, da kommt’s,“ dachte Schramko: „Passwort wollen die. Woher soll ich es kennen. Selbst der Kommandeur weiß es nicht.“ Man musste antworten – deutlich erhörte er das Geräusch der durchladenden Waffen.

„Wer ist da, wer ist da!“ äffte er die unsichtbare Stimme nach: „Zwei Flaschen Wodka! Falls du schießt und sie triffst – reiß ich dir den Kopf ab und sage, dass es schon vorher so gewesen ist!“

„Du…ähh…Du…Die Waffe… Zeig‘ deine Hände!“ Die Taschenlampe blendete Schramko, er verdeckte die Augen mit der Hand, näherte sich aber weiterhin, setzte nur seinen Schritt ein wenig ab.

„Auf dem Rücken ist mein Gewehr, mach‘ dir keine Sorgen!“ Schramko versuchte fröhlich und sorgenlos zu wirken.

„Und in deinen Taschen ist was? Handgranaten?“

„Bist du doof? Oder schlimmer?“ Wunderte sich Schramko: „Ich sag’s dir doch: zwei Flaschen Wodka! Von unserer Stellung an eure.“

„Du bist von den Nachbarn also!“

„Na klar. Doch nicht von der NATO.“

Auf der anderen Seite der Deckung lachte man auf Schramkos trockenen Witz.

„Komm‘ näher.“

Die Taschenlampe blendete ihn noch immer. Schramko sah gar nichts, er lief auf die Stimme zu. Irgendjemandes Hände krallten sich an ihn fest, klammerten sein Maschinengewehr um, betasteten die Taschen.

„Jungens! Schaut her! Wodka!“

„Es gibt Sachen, über die man Witze machen kann, und andere, über die nicht. Ein Kumpel von mir rief mal sein Weib an, wollte gesittet die Zeit verbringen. Fragte sie, was er kaufen soll. Und die meinte: „Nichts, alles ist da, komm‘ einfach.“ Und der Idiot glaubte ihr. Kommt er da an, und sie hat kein Gramm Schnaps zu Hause. Und er meinte: „Was lügst mich denn so an? Meintest doch, es gibt alles, ich hätte auf dem Weg bei einem Kiosk vorbeischauen können.” Und diese Kuh: „Ich hab doch an Kondoms gedacht, was du fragst.“ Weiber… haben nur das Eine im Sinn.”

„Und dann? Hat er sie nicht gefickt?“

„Doch klar. Aber du verstehst doch, war nicht sonderlich romantisch. Hat ihm doch das Weib die ganze Nacht versaut.“

Alle lachten.

„Ist der Wodka gut? Kein gepanschter?“

„Willst du mich beleidigen. Einen gepanschten zur Bekanntschaft mit den Nachbarn bringen – sich selbst nicht respektieren. Habe ich selber im Laden gekauft!“ Lügte Schramko aus irgendeinem Grund: „Ich wurde geschickt, bei Euch Klebeband zu leihen – bei uns ist die nötige Farbe alle. Und was über die Lage herauszufinden.“

„Wow!“ Derjenige, der ihm Fragen stellte, beleuchtete mit der Taschenlampe eine der Flaschen: „Du bist aber cool! Bist ja ein Diversant!“

„Was ist’n da, Irbis?“ Hörte man eine Stimme von der Seite.

„Der Wodka ist ukrainisch! Fiskalisch! Respekt, Bruder! Diversionen betreiben und bei den Hochols auch noch die Läden abklopfen!“

In der Stimme des unsichtbaren Gesprächspartners spürte man Respekt. Fremde Hände ließen von Schramko los. Das Gewehr hing wieder an seinem Rücken. Schramko musste es nur noch zurechtrücken. Davon wurde es ihm aber nicht leichter: Das von seinem unsichtbaren Gegenüber Gesagte schlug ihn vor den Kopf. „Bei den Hochols die Läden abklopfen!“ Wohin hat es ihn verschlagen? In seinem Kopf glimmte noch die Hoffnung, dass er sein Gegenüber falsch verstanden hatte.

„Wieso? Habt Ihr keinen ukrainischen Wodka?“ fragte er vorsichtig.

„Woher? Die Russen schicken ihren eigenen. Seltener Dreck!“

„Pech,“ sagte Schramko sich selbst.

„Pech,“ wurde ihm zugestimmt: „Wie kann man ihn denn trinken?“…“

Vitaly Sapeka, 2017

 

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[4]Dieser Artikel wurde von Irina Schlegel [3] exklusiv für InformNapalmDeutsch verfasst; korrigiert von Klaus H. Walter [5].

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