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Ein genialer Coup: Wie der Russe Babtschenko und der ukrainische SBU den Kreml hinters Licht führten

von Irina Schlegel [1]

Das hier wird ein sehr persönlicher Text, ich hoffe aber, dass er die Emotionen vieler Menschen ausdrückt.

Arkadij Babtschenko ist am Leben! Der russische Journalist, dessen Mord gestern das Thema Nummer Eins nicht nur in der Ukraine sondern auf der ganzen Welt war, tauchte plötzlich auf dem angekündigten SBU-Briefing auf und entschuldigte sich als erstes bei seiner Frau. Die Reaktionen fielen verschieden aus. Nach dem ersten Schock, noch mit Tränen in den Augen, brach das gesamte ukrainische Internetsegment in Lachen aus. Die Russen dagegen, die noch morgens davon gesprochen hatten, dass in der Ukraine mal wieder Russen getötet werden, und eine schnelle Aufklärung des Mordes forderten, wurden auf einmal sauer und spuckten Gift, wie die Leiterin der Agentur Russia Today Margarita Simonjan [2].

Aber alles der Reihe nach.

Ich selbst, wie wahrscheinlich hunderttausende andere russischsprachige Frauen auf der ganzen Welt, konnte vorgestern kaum einschlafen, und war auch gestern noch den halben Tag am Heulen, zumal ich ein Nekrolog schreiben wollte und dazu die ganzen Beiträge von Babtschenko aus dem Jahr 2014 ausgegraben habe, die ich damals übersetzt hatte. Ich fasste alles unter Tränen zusammen, als plötzlich eine Nachricht auf Facebook kam: „Briefing! Schalte Briefing an! Jetzt!“

Ich hatte nicht vor, dieses SBU-Briefing zu schauen. Was sollen sie mir da schon erzählen?, dachte ich: Dass es der Kreml war? Weiß ich doch selber, die Handschrift sollte doch nach fast 300 Morden an Journalisten in Russland längst jedem bekannt sein. Der Kreml tötet nicht einfach – er exekutiert, setzt ein Zeichen. Wie es mit Nemzow, Politkowskaja, Scheremet war… Dass sie den Mörder nicht gefasst haben, aber sich anstrengen werden? Ne, ich tue mir das jetzt nicht an. Vielleicht später, wenn ich ein wenig zu mir gekommen bin. Nach der FB-Nachricht meiner Freundin habe ich jedoch lustlos eingeschaltet – und traute meinen Augen nicht: Da stand er, lebendig, ein wenig verschämt und doch mit diesem seinen listigen unverkennbaren Lächeln auf den Lippen und in den Augen – BABTSCHENKO! Doch, das war er. Wie meine Reaktion ungefähr aussah, kann man anschaulich in diesem Video aus der Redaktion des krimtatarischen Senders ATR in Kyjiw beobachten, bei dem Babtschenko seit Februar 2017 arbeitet, seit seiner Flucht aus Russland in die Ukraine:

Тим часом в редакції телеканалу ATR [3]

Тим часом в редакції телеканалу ATR

Posted by Баба і кіт [4] on Wednesday, May 30, 2018


Es wunderte mich auch gar nicht, dass der SBU so eine Operation gerade mit Babtschenko durchgeführt hat. Mit wem auch sonst? Babtschenko war schon immer dreist, zynisch, schonungslos ehrlich, direkt, für jedes Abenteuer zu haben. Plötzlich wurden mir auch die ganzen gestrigen Diskussionen auf Facebook klar, bei denen Männer, die selber im Krieg waren, sich darüber stritten, wieso es denn keinen Kontrollschuss in den Kopf gab – das wäre untypisch für professionelle Killer, die der Kreml normalerweise anheuert. Man schrieb es einem Hausbewohner zu, der den Mörder vielleicht gestört hatte. Andere wunderten sich, wie es sein kann, dass ein Mann wie Arkadij – groß, stark, erfahren, der schon mit 18 als Wehrdienstleistender im ersten Tschetschenien-Krieg war und im zweiten war er auch, und in wievielen Kriegen er als Kriegskorrespondent danach war – wie kann man so einen im Treppenhaus erwischen, er ist doch kein normaler Journalist in dem Sinne, er hätte sich wehren können? Und das komische Foto auf dem Boden in einer Blutlache? Man sprach doch davon, dass er im Krankenwagen gestorben sei?

Aber diese Stimmen versanken in der allgemeinen Trauer. Erst nachmittags wurde klar, wie Recht sie hatten. Gott sei Dank)

Die Operation war dermaßen geheim, dass selbst enge Freunde von Babtschenko wie Ayder Muschdabajew [5], ein Krimtatare mit russischer Staatsbürgerschaft, der schon 2015 nach Kyjiw geflohen war und nun Leiter des ATR-Senders ist, Beiträge voller Wut, Trauer und Desperation auf Facebook schrieben. Ein anderer enger Freund, Valentin Gadenoff [6], ein bekannter Blogger und Staatsbürger Schwedens, raste gestern zur schwedischen Botschaft in Kyjiw, zu einem Treffen mit dem schwedischen Konsul, und forderte diesen auf, diese Geschichte in Schweden zu verbreiten, irgendetwas zu tun, die Schuldigen zu finden, Druck auf Weltgemeinschaft zu machen… Was sie nach der „Auferstehung“ von Babtschenko schrieben, kann man in einem Satz zusammenfassen: „Du Arschloch, bin ich froh dich zu sehen, aber die Fresse schlage ich dir trotzdem ein!“ Und Tausende Kommentatoren stimmten ihnen zu: „Gebt dem einen Klaps! Hat er verdient!“ Ich dachte dasselbe: Wie froh ich bin, ihn zu sehen, und wie gerne ich ihm jetzt aber eine Klatsche geben würde, für diese 20 Stunden totaler Hoffnungslosigkeit und Tränen.

Aber das ist doch Babtschenko – von dem hätten wir sowas erwarten können.

Die Geschichte ist im Grunde sehr einfach: Putins Russland verzeiht niemandem, den es als „Verräter der Russen“ wahrnimmt. Diese Praxis, die aus Russland geflohenen kremlkritischen Russen beispielhaft zu exekutieren, gab es schon zu Sowjetzeiten. Man denke nur an Trozki in Mexiko. In der jüngsten Geschichte waren es Litwinenko, Skripal, Scheremet, Woronenkow. Vor zwei Monaten hatte der ukrainische SBU erfahren, dass ein Mord an Babtschenko geplant wird. Dies erfuhren [7] sie von einem ATO-Veteranen, der den Auftrag bekam und sich an sie wandte. Der SBU beschloss, der Geschichte nachzugehen, wohl um endlich zu beweisen, dass derartige Morde stets aus Russland in Auftrag gegeben werden. Babtschenko wurde vor etwa einem Monat eingeweiht. Der SBU spricht von 30 geplanten Morden an Kreml-Gegnern in der Ukraine, von Dutzenden aufgeflogenen Verrätern; der ganze Ablauf der Vorbereitung zum Mord wurde festgehalten und dokumentiert.

Аркадій Бабченко [8]

Сьогодні мільйони людей святкують третій день народження Аркадий Бабченко як день народження України, день народження усієї нації, яка надзвичайно класно склала іспит на державність. Я на власні очі бачив, як люди плакали і якими щасливими були, коли почули, що Аркадій живий: вони раділи як за себе. Дякую всім українцям, які проявили небайдужість, були готові боротися і діяти, щоби зберегти країну. Адже атака на журналіста, організована з території РФ, – це бажання дестабілізувати ситуацію в Україні, показати неефективність влади та, безумовно, вбити того, кого Росія боїться найбільше.Дякую Аркадію та українським силовикам за те, що не дали реалізувати цей сценарій у нашій країні.

Posted by Петро Порошенко [9] on Wednesday, May 30, 2018

 

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko stellte für Arkadij Babtschenko und seine Familie nun ganztägigen Personenschutz zur Verfügung.

Es wird gerade viel über die Moralität solch einer Inszenierung sinniert. So etwas können wohl nur Menschen sagen, die nie bedroht wurden. Arkadij Babtschenko ist kein Journalist der westeuropäischen Sorte  a la „Hipster nach dem Studium haut auf die Tastatur eines MacBookAirs bei einer Tasse Milchkaffee im trendigen Café“ – Babtschenko ist ein Kriegsjournalist, der sich seit Anfang 2014 für die Ukraine einsetzte und auf dem Maidan war, der schon im März 2014 auf der Krim war und schonungslos ehrlich über die russische Besatzung berichtete, später ging er für einen Monat in den Donbas, in Moskau wurde er für seine Haltung permanent bedroht, man hängte sogar seine beschmierten Porträts auf den Straßen auf, man forderte ihn auf, Russland zu verlassen, sonst „könnte ja was passieren“ – und er schrieb weiter, sagte, dass er ein Patriot sei. Erst im Februar 2017, nach jahrelangen Beschwichtigungen seiner Freunde und der Bedrohung einer Gefängnisstrafe, flüchtete er in die Ukraine. Und selbst da waren viele erschrocken, sprachen davon, dass Kremls Arm lang ist und es für kremlkritische Russen in der Ukraine gefährlich sei, besser wäre nach Israel oder USA zu flüchten. Nein, er wollte hier bleiben, bei den Seinen.

Und darum wundert es mich nicht im geringsten, dass gerade er so einer Operation zugestimmt hatte, denn zum ersten Mal wurde es möglich, die Vorbereitungen des Kreml bei so einem Mord detailliert nachzuweisen. Man könnte sogar sagen, dass dies eine ausgezeichnete Zusammenarbeit eines Kriegskorrespondenten und eines Geheimdienstes war. Und die Reaktion der russischen Medien und Amtspersonen spricht Bände [10]: Gestern nannte man in einer Abendtalkshow des wichtigsten russischen staatlichen Propagandasenders „Erster Kanal“ den SBU eine „echte Nisse“ – dabei sollten doch gerade die Russen über das gerettete Leben ihres Staatsbürgers froh sein. Aber nichtsdergleichen: Sie hatten wohl schon Berichte über das Elend der Ukraine, wo kein Mensch sicher ist, vorbereitet – und die Ukraine hat ihnen alles vermasselt. Es gab keinen Mord, die Ukraine kann ihre Einwohner schützen, ehrliche Russen sind auf der Seite der Ukraine, und wer und wie diesen Mord geplant und vorbereitet hat – das werden wir alles noch vom SBU erfahren. Bislang wissen wir nur, dass wir endlich Beweise für Machenschaften des Kreml im Ausland haben.

Also ja: Danke, SBU!

P.S. Babtschenko, mach‘ das nie wieder, hörst du? Nie wieder! Und falls ich dich sehe, gebe ich dir einen Klaps, für alle heulenden Frauen an einem sonnigen Maitag 2018.

P.P.S. Übrigens gab es einen ähnlichen Fall in Frankreich der 1980er: „Franco-Romanian precedent for Babchenko faux death“ [11].

Unter diesen Links finden Sie Texte von Arkadij Babtschenko, die unsere Redaktion ins Deutsche übersetzt hat: 


[17]Dieser Artikel wurde von Irina Schlegel [18] exklusiv für InformNapalmDeutsch [19] verfasst.

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