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Ein weiterer Zeuge im MH17-Fall: Der „Blazer“-Terrorist Pintschuk

Wir veröffentlichen heute eine Untersuchung der Aktivisten der „Europrostir“-Gemeinschaft Dmitry Lisunow und Oleh Baturin, die exklusiv für InformNapalm vorbereitet wurde. Im nachfolgenden Material stellen wir neue Informationen über einen weiteren wertvollen Zeugen der MH17-Katastrophe bereit. In ihrer letzten Publikation [1] hatten die Aktivisten des „Europrostir“ Informationen über einen anderen russischen Kriegsverbrecher, Generalmajor Sergei Dubinsky offengelegt, der ebenfalls in den MH17-Fall verwickelt war.


„Blazer“-Terrorist. Ein weiterer Zeuge im Fall der abgeschossenen MH17 Boeing

In Verbindung mit der Medienresonanz, die unser letzter Artikel, der dem russischen Ex-GRU-Mitarbeiter S.N.Dubinsky („Chmury“) gewidmet war [1], hervorgerufen hat, veröffentlichen wir nun Informationen über einen anderen wertvollen Zeugen im Fall der MH17-Boeing.

Dürfen wir vorstellen: „Ex-Staatssicherheitsminister der DVR“ Andrej Jurjewitsch Pintschuk:

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Ins berüchtigte russische Projekt „Neurussland“ wurde Andrej Pintschuk im März 2014 von seinen kremlischen Betreuern hineingebracht, als er am Sewastopoler Flughafen zusammen mit den Ex-Mitarbeitern des „Staatssicherheitsministeriums der Transnistrischen Volksrepublik“, angeleitet von ominösem Wladimir Antjufejew, landete. Das Ziel dieser weiteren Gruppe russischer WirSindDaNichtler war offensichtlich – die Krim an sich zu reißen. Und man muss zugeben – das ist ihnen gelungen…

Nach der Krim, Anfang Juni 2014, taucht Pintschuk, wieder in Gesellschaft seines Schirmherren Antjufejew, in der jungen Pseudorepublik „DVR“ als „Minister der Staatssicherheit“ auf. Dieses „Amt“ (das zu der Zeit der Anführer von Bandenformation „Wostok“ A.S.Chodakowski bekleidete) wurde ihm von den kremlischen Betreuern geschenkt. Wie es sich später herausstellen wird, war die Entscheidung der Moskauer Leitung zugunsten von Pintschuk ein fataler Fehler. Wegen seines eigenen Vorgehens und den Aktivitäten seines unmittelbaren Betreuers Antjufejew wird der neue „DVR-Sicherheitsminister“ sich später viele Feinde machen.

Am 2. März 2015 verlässt Andrei Pintschuk erhobenen Hauptes Donezk, ohne sich dessen bewusst zu werden, dass wegen solchen angereisten Besserwissern, Ministern-für-ein-halbes-Jahr etc. wie er der Donbass zu Degradierung, Vergessenheit und Dahinvegetieren verdammt ist.

Nach seiner Rückkehr nach Moskau blieb unser Held am kremlischen Fressnapf und wurde zum Stellvertreter von Alexander Jurjewitsch Borodai befördert – dem treuen Hund vom russischen Präsidentenberater Wladislaw Surkow [3].

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Wer war denn dieser Herr „Minister der Staatssicherheit“? Um das zu verstehen, schlagen wir vor, sich mit seinem Buchentwurf „Bildung der DVR: Der Umriss der Sicherheit“ [5] bekanntzumachen. Das Buch wurde noch nirgendwo gedruckt oder herausgegeben, auf der Webseite des „Vereins der Donbass-Freiwilligen“ [6] wird aber mitgeteilt [7], dass es Ende Januar 2017 geschehen soll.

Das Vorwort zum Buch von Pintschuk sieht dabei wie folgt aus:

– Darf man es wirklich veröffentlichen?

– Warum denn nicht?

Ja, warum denn nicht… Wir persönlich halten dieses Buch für ein freimütiges Geständnis von Pintschuk, an Kriegsverbrechen auf dem Territorium der Ukraine beteiligt gewesen zu sein. Zum Beispiel beschreibt unser „Schriftsteller“ nicht nur seinen persönlichen Weg im Donbass, sondern schneidet auch Fragen an, die Surkows Rolle im Konflikt im Osten der Ukraine betreffen. Und im Kapitel 5 beschreibt er ziemlich detailliert die Ereignisse rund um die Boeing-Katastrophe. Interessant ist ein Ausschnitt aus diesem Kapitel:

„…Gleich nach der Sitzung ging die Nachricht über die abgeschossene malaysische Boeing ein. Wladimir Antjufejew, der bereits das Amt des 1. Vizepremiers in Fragen des Rechtsschutzes bekleidete, verzichtete kategorisch darauf, zur Katastrophenstelle zu fahren, und erklärte, dass er auf keinen Fall mit dieser Sache was zu tun haben darf, darum beauftragte er mich, dorthin zu fahren. Ich hätte es aber ohnehin gemacht. Außerdem ist auch der Premier dorthin gefahren – am Ende fuhren wir mit Alexander Borodai zusammen im Auto zum Unfallort“.

Der erfahrene Antjufejew wusste, dass die Boeing durch Russen abgeschossen wurde. Auch verstand er, dass man dafür früher oder später den Kopf hinhalten müssen wird, darum wollte er in diesen unangenehmen Fall nicht zusätzlich involviert werden.

Nun schauen wir uns mal den Lebenslauf unseres „Helden“ an: Andrej Pintschuk wurde am 27. Dezember 1977 in Tiraspol geboren, ist ein „glücklicher“ Besitzer der russischen Staatsangehörigkeit (komischerweise wollte er weder die „Staatsbürgerschaft“ der „Donezker“ noch der „Transnistrischen Volksrepublik [8]„), er ist verheiratet und hat drei Kinder. Außerdem besitzt er auch die Staatsangehörigkeit der Ukraine und hat im Dorf Beljajewka (Odessa-Gebiet) Verwandte.

Wie es scheint, ist A. Pintschuk ein durchaus gebildeter Mensch, denn in der Zeit zwischen 1995 und 2009 studierte er an der Fachhochschule für Innenangelegenheiten in Tiraspol (Fach: Ermittlertätigkeit), dann an der Zwischenregionalen Akademie für Personalverwaltung in Kiew (Wirtschaftsfakultät), an der Transnistrischen Universität (Juristische Fakultät) und selbstverständlich auch in Russland, an der Russischen Akademie des Staatsdienstes beim Präsidenten Russlands (Lehrstuhl für Nationale Sicherheit).

Auf den ersten Blick – so ein Jurist-Ökonom. Aber das ist nur auf den ersten Blick. Wie es sich herausgestellt hat, ist unser Untersuchungsobjekt ein Rentner des russischen FSB im Rang eines „Obersts“.

[9] [10]

Andrej Jurjewitsch ist ein aktiver Reserveoffizier des FSB Russlands. Gerade solche „Rentner“ setzt der FSB bei der Ausführung von spezifischen Aufgaben ein und komplettiert aus ihnen den Staatsapparat und die Geheimdienste bei verschiedenen kremlischen Projekten, die als „Volksrepubliken“ getarnt werden. Solche professionelle FSB-Diener wie Pintschuk werden dabei „Blazer“ genannt – gemeint werden Offiziere, die nach einer zivilen Hochschule sich dem FSB anschließen.

Es ist bekannt, dass Pintschuk 1998 einen Qualifikationskurs am Institut der Nationalen Sicherheit des KGB Belarus abgeschlossen hatte. Allem Anschein nach begann auch die Karriere des „Blazers“ Pintschuk bei den Sicherheitsbehörden im Zeitraum 1997-1998.

Nach seinem Abschluss an der „Hochschule für Innenangelegenheiten“ in Tiraspol 1997 und bis zum Jahr 2012 dient Pintschuk beim „Staatssicherheitsministerium von Transnistrien“, wo er eine Abteilung für Innensicherheit anleitet und es bis zum Rang des stellvertretenden Ministers bringt. In dieser Zeit tritt er faktisch in der Rolle des persönlichen Assistenten von W.Antjufejew auf, der Pintschuk auch hilft, aus einem Mitarbeiter des „Transnistrischen Sicherheitsministeriums“ zu einem Offizier des FSB Russlands zu werden.

2013-2015 leitet er die Sicherheitsabteilung der offenen AG „Vereintes Motorenwerk-Konzern“, die zum russischen Staatskonzern „Rostech“ gehört – ein unerreichbares Amt für einen Menschen von der Straße und gleichzeitig aber auch eine logische weitere Stufe auf der Karrieretreppe eines „Blazers“. Interessant ist die Tatsache, dass die AG sich auf „Unterstützung der Staatspolitik in Entwicklung und Modernisierung der Industrie Russlands“ spezialisiert. Wahrscheinlich war Pintschuk dort mit Industriespionage oder ähnlichem beauftragt.

Das weitere Schicksal von Pintschuk ist uns allen bekannt: es waren die Dienstreisen auf die Krim und in den Donbass.

Denjenigen, die die obengenannten Angaben präzisieren wollen und an Andrej Jurjewitsch Fragen bezüglich der Umstände des Boeing-Abschusses stellen wollen, bieten wir die Möglichkeit an, ihn persönlich unter seiner Wohnadresse zu besuchen: Enthusiasten-Chausse 52, Moskau, oder ihn unter folgender Telefonnummer anzurufen: 8 910 003 94 90.

Wahrscheinlich werden alle, die Pintschuk näher kennen, sich fragen, wie es so kommen konnte, dass ein derart erfahrener Typ wie er sich nicht vor einem Datenleck schützen konnte. Passiert… Er ist nach hause zurückgekommen, entspannte sich, nahm gesellschaftliche Tätigkeit auf, wollte Ruhm, begann Memoiren zu schreiben…

Nur eins hat er nicht berücksichtigt: diejenigen, die direkt oder indirekt durch ihn litten, haben nichts vergessen und werden es auch nicht. Und wenn es uns gelungen ist, an eine Person auf solch‘ hoher Ebene zu kommen, wird es uns auch keine große Mühe bereiten, auch andere russische Söldner an den Pranger zu stellen, die ihre verbrecherische Spur in der Ukraine hinterlassen haben. Und früher oder später werden sie alle ihre Taten verantworten müssen.

Die Geschichte von Pintschuk beweist ein weiteres Mal, dass sich die kremlischen Betreuer in ihrer Personalwahl permanent irren. Auch diesmal haben sie auf gierige und unterbelichtete Menschen gesetzt, um mit ihren Händen ihr abenteuerliches Projekt „Neurussland“ ins Leben zu rufen. Diese Randbauer versuchen dabei ebenfalls, einen maximalen Nutzen aus der Situation zu ziehen, und stopfen sich die Taschen mit dem Geld der russischen Steuerzahler voll, das die russische Führung ihnen grosszügig zur Verfügung stellte und noch immer stellt. Aber auch Pintschuk und andere seiner Art werden früher oder später auf einen hochprofessionellen „Fahrstuhlfahrer“ oder einen Typen mit dem Raketenwerfer „Schmel“ treffen (Anm.d.Red: Es geht hier um den Tod von Motorola und Giwi).

Auf jeden Fall ist es erst der Anfang. Die Archive von Pintschuk werden einen Anstoss für eine ganze Serie journalistischer Untersuchungen geben. Warten wir auf neue Publikationen zu diesem Thema.

[11]P.S. Nachdem Pintschuk den Donbass verlassen hat, arbeitet er nun sorgfältig an der Erschaffung des Images  eines ideellen Anhängers der „Russischen Welt“, der die vor ihm gestellte Aufgabe – die Erschaffung des „DVR-Sicherheitsministeriums“ – qualifiziert ausgeführt habe. In Wirklichkeit hat er sich aber nur durch die sogenannte „Nationalisierung“ von Donbass-Aktiven, den Raub und Mord an Zivilisten im Donbass ausgezeichnet. Als Beispiel führen wir ein Dokument aus den Archiven von Pintschuk an, das bestätigt, dass im August 2014 die Mitarbeiter des „DVR-Sicherheitsministeriums“ nach einer Anweisung von W.Antjufejew über eine Million Hrywna aus der Schatzkammer der Nationalen Bank der Ukraine im Donezker Gebiet entwendet hatten. So ist das Wesen eines Tschekisten – sein Wunschdenken für Realität auszugeben.


Dieses Material wurde von Dmitry Lisunow und Oleh Baturin („Europrostir“) exklusiv für InformNapalm [12] vorbereitet; übersetzt von Irina Schlegel [13]. Beim Nachdruck und Verwenden des Materials ist ein Hinweis auf unsere Ressource erforderlich.

(Creative Commons — Attribution 4.0 International — CC BY 4.0 [14] )

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