von Eugen Kusmenko
Der russische Vizepremier Dmitry Rogosin zeichnete sich wieder mal auf dem Diplomatenfeld aus. Als er die Empörung des offiziellen Tokio über Dmitry Medwedews Besuch der Kurilen kommentierte, schrieb der Vizepremier der russischen Regierung in seinem Twitter: „Wären sie echte Männer, würden sie sich ihrer Tradition nach Harakiri machen und endlich still sein. Machen aber nur Lärm gerade.“
Damit bescherte er den Japanern wohl unglaublich viel Vergnügen. Man dürfte nicht zweifeln, dass nun die Beziehungen zwischen dem hochgeistigen Russland und dem Land der aufgehenden Sonne auf ein gänzlich neues Qualitätsniveau der gegenseitigen Anschuldigungen und Argwohns herauskommen werden.
Man möchte dem Kreml vorschlagen, es nicht dabei zu lassen. Des grösseren diplomatischen Durchbruchs wegen könnte man den Deutschen vorschlagen, sich am Bier mit Würsten zu verschlucken, den Türken – sich Löcher mit den Janitscharen-Yataganen zu machen, und den verdammten Amis… obwohl – über die radioaktive Asche haben alle doch schon von Dmitry Kiseljew gehört.
Die Geschichte wiederholt sich wie bekannt zweimal, wobei beim zweiten Mal- in Form einer Farce. Im Fall der russischen Aussenpolitik macht die Geschichte keine zweite, sondern bereits die fünfundzwanzigste Runde. Es entsteht der Eindruck, dass die am Anfang der 1990er begrabene „Kusjkina Mat“ (Ausdruck von Chruschtschew, den er im Bezug auf die Vertreter des Westens benutzte, bedeutet Bedrohung) der russischen Diplomatie aus dem Schlaf erwachte und nun wieder voll dabei ist. Alles wie in den Filmen über James Bond: böse hässliche Gesichter mit ein-zwei Kinnen, Manieren eines Elefanten im Geschirrladen, grauenhafter Akzent und ein unauslöschlicher Wunsch, alle durchzuf***** und zu zertrampeln.
Woran denken wir, wenn wir das Wort „diplomatisch“ hören? In erster Linie natürlich an die Konsulate und Visen. Aber auch an die zweite Bedeutung, der das Glossar von Uschakow auf folgende Weise formuliert: „Findig, gewandt, delikat in Beziehungen zu anderen; ausweichend, fein überlegt. Diplomatische Herangehensweise an eine Sache.“ Ich höre dem russischen Aussenminister Lawrow mit seinem unvergesslichen: „Deppen, eh!“ zu und denke, dass in Putins Russland das Glossar von Uschakow längst auf den Müll geworfen wurde. Zusammen mit den existierenden Regeln der Diplomatie.
(Lawrow auf einer Pressekonferenz mit dem Aussenminister von Saudi-Arabien, am 11.08.2015)
Mal taucht im Internet der Mitschnitt eines Telefongesprächs zwischen Russlands Botschaftern in Zimbabwe und Eritrea auf:
Ausgezeichnete Stilistik in diesem Gespräch: „Ich habe gerade eine einfache Aufgabe: mit den EU-Botschaftern nur in dem Sinne zu kommunizieren: „Jungs, die Krim haben wir abgenommen, aber die Nacht ist noch jung. Bald nehmen wir auch eures Katalonien, Venedig, wie auch Schottland mit Alaska ab. In dieser Etappe bleiben wir erstmal stehen.“ (Lachen im Hörer).
Mal wird zum offiziellen Vertreter des Aussenministeriums Russlands die flotte Dame Maria Sacharowa ernannt – genau jene, die in einer TV-Livesendung ihrem Opponenten erklärte: „Lassen Sie mich aussprechen. Oder Sie werden gleich wirklich hören, was russische „Grade“ sind.“
Die rote und ewig unzufriedene Fratze der russischen Diplomatie mischt sich überall ein. Eine im Budapest studierende ukrainische Freiwillige Margarita erzählte vor kurzem dem Autor dieser Zeilen: „Bei uns an der Uni gab es ein paar Veranstaltungen, die den Beziehungen zwischen der EU und Russland, zwischen Russland und der Ukraine- also diesem ganzen Konflikt gewidmet waren. Man hat auch die Vertreter der russischen Botschaft eingeladen, und andere russische Vortragende. Und dann gab es dort eine Frau aus Donezk. Wir unterhielten uns und ich habe erwähnt, dass ich aus der Krim bin. Und von hinten kam ein Mann hinzu, stellte sich als Mitarbeiter der russischen Botschaft vor und sagte: „Ich habe gehört, dass Sie aus der Krim sind, und – darf ich erfahren, was Sie über diese ganze Situation denken?“ Also habe ich ihm offen gesagt, was ich über all das denke. Dass ich das alles natürlich nicht unterstütze, dass es eine schreckliche Situation ist, und dass ich eigentlich meines Zuhauses beraubt worden bin. Und dass die Lage auf der Krim nun schlecht ist, es gibt keinerlei positive Verbesserungen. Und so weiter. Er ist so wütend geworden! Er wurde total beleidigend: „Sie sind Vaterlandsverräterin! Ich bin sicher, dass Ihre Eltern ganz andere Einstellung als Sie haben! Sie bringen sie gerade in Verruf!“
Woran erinnerte mich diese Erzählung? An die wundervollen Rüsseln der sowjetischen Diplomaten aus dem Film „Rote Hitze“ („Red heat“) mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle:
Dieses dreiste „Die ganze Welt hat uns nichts zu befehlen, wir werden machen, was wir wollen“ durchtränkte die Aussenpolitik Russlands vollständig. Und wenn unmittelbar nach der Einnahme der Krim der russische Premierminister sich auf umstrittene Kurilen begibt und die Japaner sich darüber empören, kommt vom russischen Aussenministerium folgende Antwort: „Wir möchten daran erinnern, dass wir Tokios Position bei der Zusammenstellung des Arbeitsplans unserer Regierungsmitglieder nicht zu berücksichtigen beabsichtigen. Solche Reisen… werden sich fortsetzen.“
Also, wie Scharikow (ein Held aus Bulgakows „Hundeherz“) sagte: „Ich sass hier auf meinen 16 Metern und bleibe darauf sitzen!“
Wie die Ukraine auf derartige Eskapaden reagieren soll? Naja, erstens sind wir dran gewohnt. Mehr noch, Wladimir Putin und sein Umfeld geben uns wieder und wieder zu verstehen: de facto erkennen sie die Ukraine als einen richtigen Staat nicht an und nehmen einen Teil ihrer Territorien als einen russischen wahr.
Putins Problem ist, dass er seine Kräfte überschätzt. Und auch wenn man militärische Aktionen von den Verbündeten gegen das unfreundliche Russland wohl kaum erwarten könne, der Effekt der eingeführten Sanktionen wird immer spürbarer. Wie auch die Resultate des grossen Erdöl-Spiels. Nebenbei bemerkt: was ist da heute für ein Rubel-Kurs zum Dollar?
„Wenn das Gestrüpp angerührt wird, kriechen dort Schlangen hervor.“- besagt ein japanisches Sprichwort. Wir wollen dem Bär nicht nahelegen, dass es riskant ist, im Busch herumzuwühlen. Wobei: er selbst wird sich dessen wohl nicht mehr klar….
Autor: Eugen Kusmenko in gordonua.com; übersetzt von Irina Schlegel

