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Flughafen Latakia namens W. Putin

von Mark Krutow

Das Verteidigungsministerium Russlands lässt die Möglichkeit der Erschaffung einer permanenten Militärbasis in Syrien zu – diese Schlussfolgerung kann man aus der Aussage des stellvertretenden Leiters des Generalstabs russischer Streitkräfte Nikolai Bogdanowski ziehen, die er am Mittwoch gegenüber den Journalisten in Nowosibirsk gemacht hat. In Wirklichkeit baut Russland eine vollwertige Militärbasis an der Küste des Mittelmeers bereits seit ein paar Wochen. Dies geschieht in der syrischen Stadt Latakia, nur 400 Kilometer entfernt von Tel-Aviv und 200 – von der syrischen Hauptstadt Damaskus. Die Basis wird von den modernen russischen Panzern T-90 und Artillerie bewacht, neben der Start- und Landebahn tauchte ein neuer Tower auf und es wurden vorübergehende Unterkünfte fürs Personal gebaut- das bezeugen die frischen Satellitenbilder, die in den westlichen Medien veröffentlicht wurden. Premierminister Israels, dessen nördliche Grenze sich nur ein paar Hundert Kilometer entfernt von dieser Basis befindet, eilt nach Moskau, um Wladimir Putin die Gefährlichkeit der Waffenlieferungen nach Syrien für sein Land zu erklären.

Russland streitet die militärische Hilfe für Syrien zwar nicht ab, behauptet aber noch immer, dass diese im gewöhnlichen Rahmen stattfindet und den vor Jahren abgeschlossenen Verträgen entspricht. Aber reale Ausmassen dieser Hilfe im Zeitalter von Satellitenbildern und sozialer Netzwerke zu verheimlichen ist schwierig. Die englischsprachige Ausgabe Foreign Policy erhielt frische Aufnahmen der Luftwaffenbasis nahe Latakia, die sich nahe des zivilen Flughafens der Stadt (LTK) befindet, der zu Ehren des älteren Bruders von Baschar al-Assad Basil benannt wurde.

Vergleicht man diese Photos mit den öffentlich zugänglichen Satellitenbildern von Google, so sieht man, dass in den letzten Monaten die Luftwaffenbasis ernsthafter Rekonstruktion und Modernisierung unterzogen wurde: es werden Hubschrauberflugplätze und ein neuer Tower errichtet wie auch vorübergehende Unterkünfte gebaut. Die Quellen der russischen Zeitung „Wedomosti“ im Verteidigungsministerium Russlands erklärten diese Fakten mit der „Reparatur der Startbahn“, aber auf den Bildern sieht man, dass gerade an der Start- und Landebahn nichts gemacht wurde. Ähnliche Aufnahmen wurden auf der Website und Twitter des amerikanischen Forschungs- und Analysezentrums Stratfor veröffentlicht:

Die Hilfe für Assad kommt in erster Linie per See. Russische und ausländische Blogger haben bereits Übung darin, die Bewegungen der russischen Landungsschiffe durch den Bosporus nachzuverfolgen. Es gibt sogar eine Karte mit Webkameras entlang des Golfes, mit deren Hilfe jeder die über Istanbul laufenden Schiffe beobachten kann. Nach Angaben der Website Bosphorus Naval News, die sich darauf spezialisiert, laufen letzte Zeit russische Schiffe wie „Nikolai Filtschenkow“ aus Sewastopol und Noworossijsk immer öfter den syrischen Tartus an. Dort befindet sich der Logistik-Stützpunkt der Marine Russlands, dessen Personal noch vor kurzem, in 2011, gerade mal aus 4 Menschen bestand. Moskau versuchte hastig, den tatsächlichen Zielort zu „verheimlichen“: russische Kriegsschiffe deklarieren bei der Durchfahrt von Bosporus gegenüber den türkischen Behörden den ägyptischen Hafen Port Said als ihr offizielles Ziel und wenden dann „zufällig“ in andere Richtung, schreibt Foreign Policy. Von leichter Hand der Blogger wurden die Schiffe bereits als „Militärhandeltransport“ bezeichnet.

Die offiziellen US-Vertreter, inklusive US-Präsident Barak Obama, haben die Einmischung Russlands in den syrischen Konflikt bereits verurteilt. Sie fürchten, dass Moskau Assad nicht nur (und nicht mal) im Kampf gegen den IS unterstützen wird, sondern in der Konfrontation mit der syrischen Opposition. Bislang werden diese Befürchtungen mit den Blogger-Funden im Internet gestützt: das Video des Kampfes, in welchem man den neuesten russischen BTR-82A sieht und mutmasslich russische Sprache hört, wurde ausgerechnet nordöstlich von Latakia aufgenommen, wo es den IS überhaupt noch nicht gibt. In einem Twitter-Account der „Syrischen Aufständischen Armee“ wurden Angaben zu zwei weiteren Orten veröffentlicht, wo vermutlich russische Streitkräfte stationiert sind: ausser Latakia und Tartus ist es der Marinestützpunkt Syriens al-Baida, der sich auf halbem Wege zwischen den beiden befindet, wie auch das Dorf ad-Dakkak. Die nächstliegenden Ortschaften, die unter der Kontrolle vom IS stehen, befinden sich Hunderte Kilometer davon entfernt.

Russische Panzer T-80 auf dem Roten Platz; Probe der Siegesparade, 2010

Die Reuters-Agentur berichtete am Montag, den 14. September 2015, mit einem Verweis auf die Quellen im Pentagon, dass Russland nach Latakia bereits 7 T-90 Panzer geliefert habe (stehen im Dienst seit 1992), wie auch Artillerie, 200 Infanteristen und moderne Luftabwehrmittel – die Fla-Raketenkomplexe CA-22.

Wobei, wenn man sich auf die Quellen der Bloomberg-Agentur verlässt, gibt es in der Obama-Verwaltung keine Einigkeit bezüglich der Verstärkung russischer Präsenz in Syrien. Jemand findet, dass wenn auch Russland den USA im Kampf gegen den IS helfen wird, es gleichzusetzen mit einer Anerkennung der Niederlage im Kampf um die Absetzung von Baschar al-Assad ist, der nach Washingtons Meinung für die Eskalation und Entfesselung des Bürgerkrieges in seinem Land verantwortlich ist. Andere sagen wiederum, dass Moskaus Hilfe durchaus nützlich sein könnte. Dabei berichtet die Ausgabe von geheimen Verhandlungen zwischen Russland, USA und Saudi Arabien über die Option eines „sanften“ Abgangs von Assad von seinem Posten.

Dislozierungsorte der russischen Militärbasen in Syrien und die Karte der Kampfhandlungen nach Auffassung der deutschen Zeitung Bild:

Wie sich die Sache in Wirklichkeit auch verhält, gerade die Unterstützung Russlands erlaubte Baschar al-Assad und ihm unterstehenden Kräften in den letzten 5 Jahren gleichzeitig gegen mehrere Gegner zu kämpfen: gegen syrische Aufständische, moderate Islamisten, syrische Kurden und den IS – und dabei keine vollständige Niederlage zu erleiden. Dieser Meinung ist zum Beispiel Anton Pawluschko, einer der Aktivisten des Freiwilligenprojekts InformNapalm, dessen Ziel es ist, Beweise für die russische militärische Aggression in der Ukraine, Syrien und anderen Ländern der Welt in den offenen Quellen aufzudecken und öffentlich bekannt zu machen. Nach Worten von Pawluschko vergrösserte Moskau den Umfang an Militärhilfe für Damaskus in letzter Zeit plötzlich: darauf kann man aufgrund der Statistik der Durchfahrten von grossen russischen Landungsschiffen durch den Bosporus in den letzten Jahren wie auch ihrer Auslastung schliessen:

 

– Wir nutzten die türkische Website Bosphorus Naval News. Dort fotografieren die Fans von Kriegsschiffen ihre Durchfahrten durch den Bosporus aus allen Blickwinkeln, posten Nachrichten darüber, wo die einen oder anderen Manöver stattfinden werden, analysieren diese. In den letzten Jahren wurden dort Tabellen mit allen Kriegsschiffen gesammelt, die den Bosporus in Richtung des Schwarzen oder des Mittelmeers durchfuhren. Wir haben einfach diese Tabellen genommen und zusammengefasst. Haben uns genau angesehen, welche russische Schiffe in diesem Zeitraum in Bosporus waren, welcher Flotte sie angehören, und dann haben wir über die russischen sozialen Netzwerke und über die russischen Nachrichten versucht herauszufinden, wohin sie denn eigentlich laufen. Klar, dass die meisten Schiffe der Schwarzmeerflotte angehören. Und dann haben wir gesehen, dass über 70% des russischen Schiffsverkehrs durch den Bosporus die Durchfahrten der grossen Landungsschiffe sind. Seltsames Bild, denn es gibt doch genug andere Schiffe – die grossen Landungsschiffe sind nur ein kleiner Teil russischer Flotte. Am Ende hatten wir eine Tabelle, wo man sieht, dass die Schiffe oft paarweise auslaufen, den Bosporus in Richtung des Mittelmeeres durchfahren und 8 bis 11 Tage später zurückkommen. Wir haben circa 200 Gruppen im VK-Netzwerk durchgeschaut, und über Ehefrauen, Freunde und Seemänner selbst haben wir erfahren, dass diese Schiffe nach Syrien fahren. Man sollte anmerken, dass besonders aktiv sie seit dem Jahr 2012 wurden, denn davor, in den 1990ern und am Anfang der 2000er war der Stützpunkt in Tartus ein Jammerbild: ein paar Bauten, ein paar Hangars – das war’s. Und irgendwie ist es so gekommen, dass mit dem Beginn des syrischen Krieges die grossen russischen Landungsschiffe anfingen, sehr aktiv Syrien anzulaufen. Russland bestreitet nicht, dass es Syrien Waffen liefert, aber nennt es „militärisch-technische Zusammenarbeit“. Das ist aber nur ausserhalb dieses Kontextes richtig, in Wirklichkeit sehen wir, wie all diese Zeit in Syrien der Krieg läuft, es sterben Hunderttausende Menschen, es kann gar nicht mehr einer sagen, wieviele dort eigentlich gestorben sind. Die Anzahl der Flüchtlinge wird auch mal auf 7 bis 10, mal auf 3 Millionen geschätzt, aber alle verstehen, dass es eine riesige Anzahl der Flüchtlinge ist und Hunderttausende Tode. Und all diese Zeit liefern russische Schiffe Waffen dorthin.

– Und hat man in Europa, wo Sie gerade leben, früher keine Aufmerksamkeit diesen Lieferungen geschenkt? Oder geht es darum, dass diese Lieferungen in den letzten Wochen plötzlich in die Puschen kamen?

– Ja, man kann sagen, dass diese Lieferungen häufiger geworden sind, denn in 2013 haben wir circa 25-30 Fahrten empirisch aufdecken können, in 2014 waren es bereits 40-45 Fahrten, und in den 9 Monaten dieses Jahres haben wir die Anzahl der vorjährigen Fahrten bereits erreicht, also circa 45. Es kommt darauf hinaus, dass zum Ende des Jahres wir auf eine Anzahl von 60-65 Fahrten herauskommen werden. Das sind 25-30% mehr als im letzten Jahr. Dieser Tabelle kann man entnehmen, dass wenn früher russische Landungsschiffe durch den Bosporus normalerweise im Zeitabstand von 11-13 Tagen zurückkamen, so beträgt diese Periode nun 8 Tage. Es waren die Schiffe „Nikolai Filtschenkow“, „Caesar Kunnikow“, „Nowotscherkassk“, und „Kaliningrad“ ist gar der Meister in Bosporus-Durchfahrten. Ja, es wird gewisse Aktivität beobachtet. Sieht aus, als ob an der Front etwas geschehen ist. Zusätzlich sehen wir, dass russische Lieferungen nach Syrien per Luft blockiert werden, mal schliesst Bulgarien seinen Luftraum, mal Griechenland, darum bleibt der Seeweg der einzige „Lebensweg“ für das Regime von Baschar al-Assad.

– Wie wurde vom juristischen Standpunkt aus die Durchfahrt der Kriegsschiffe durch den Bosporus organisiert? Warum kann die Türkei oder die USA keinen Einfluss auf die Durchfahrt russischer Schiffe nehmen?

– Im Prinzip könnte man so eine „schwarze Variante“ einrichten, wo eben ein Trockenfrachtschiff genommen, mit Waffen beladen wird und unter sagen wir mal einer Panama-Flagge nach Syrien läuft. Wahrscheinlich wird es ein paar Mal durchgehen, aber früher oder später wird so ein ziviles Schiff kontrolliert und es wird einen Skandal auslösen. Darum wurde anscheinend bereits 2010-2011, als die Schiffe aktiv nach Syrien zu laufen begannen, die Entscheidung getroffen, Kriegsschiffe einzusetzen. Grosse Fracht wird in der Flotte eben mit Landungsschiffen transportiert. Und sie dürfen nicht überprüft werden. Die Durchfahrt durch den Bosporus wird durch den Vertrag von Montreaux 1936 geregelt. Man braucht niemandem zu sagen, was für eine Fracht man transportiert, oder wohin man läuft – man muss nur die türkische Seite über eine bevorstehende Durchfahrt benachrichtigen. Also ist es im Grunde ein unkontrollierter Verkehr. Wir wissen nicht, was diese Schiffe transportieren. Zu seiner Zeit begann auch die Karibische Krise ungefähr so: jemand transportierte etwas irgendwohin, und dann stellte sich heraus, dass es Atomwaffen waren.

– Kann man anhand der Photos von den Schiffen irgendwelche Annahmen darüber machen, inwieweit sie beladen sind?

– Man kann es am Ladetiefgang erkennen. Schauen Sie auf die Wasserlinie. Zum Beispiel die letzte Durchfahrt von „Nikolai Filtschenkow“: man hat bei ihm deutlich eine Krängung hinten gesehen- es wurde dort wohl mehr draufgeladen als vorne. Was war das für eine Fracht? Womöglich, etwas sperriges. Sie haben zum Beispiel ein Jagdflugzeug auseinandergenommen und so dahin gelegt. Das Schlimme daran ist, dass wir eben nicht sagen können, was da transportiert wird. Wenn es morgen auf einmal irgendwelche russische Raketen in Syrien gibt und es wieder zu so einem Trumpf der russischen Aussenpolitik wird – hoffen wir, dass es da nicht zu spät sein wird. Zumal wir in nicht vollen drei Jahren circa 120 solcher Hin- und Rückfahrten gezählt haben.

Grosses Landungsschiff „Nikolai Filtschenkow“ mit Militärtechnik am Deck im Bosporus. Anfang September 2015.

– Die grossen Landungsschiffe in der russischen Flotte sind nicht wirklich neu. Wenn es keine Sanktionen gäbe und Russland die „Mistrale“ bei Frankreich gekauft hätte, so könnten sie nun auch durch den Bosporus laufen?

– Sie sind nicht einfach nur „nicht neu“ – das ist eine alte Flotte. All diese Schiffe wurden noch zu Zeiten der Sowjetunion gebaut, viele an den polnischen Werften. Baujahre 1964, 1970, es gibt die 1980er und die 90er. Insgesamt gibt es in der russischen Flotte 18 Landungsschiffe, davon stehen 7 im Dienst der Schwarzmeerflotte. Manche sind in der Reparatur, andere sind einfach im schlechten Zustand, daher laufen in der Schwarzmeerflotte gleichzeitig nur 4-5. Darum wird nun auch die Baltische Flotte hinzugezogen. Es ist nicht klar, ob es ein Zufall ist, aber die Verhandlungen über die „Mistrale“ fingen ungefähr zur gleichen Zeit wie der Krieg in Syrien an. „Mistral“ ist eine Klasse höher, die Wasserverdrängung ist um einiges grösser. Gott sei Dank, wurden ihnen die „Mistrale“ nicht geliefert, sonst würden wir jetzt noch mehr Fahrten beobachten, und sie können um einiges mehr transportieren, als die heutigen russischen Schiffe. Es gäbe wohl noch mehr Flüchtlinge und noch mehr Tote… Mir scheint, dass Russland sich ein sehr konkretes Ziel gesetzt hat: dass Assad siegt. Wenn wir uns die heutige Karte anschauen: wo genau sich die Söldner befinden und was von Assad kontrolliert wird, so wird es klar, dass man für einen Sieg den momentanen Kriegsverlauf ändern muss, und dafür reichen die Schiffe nicht. Darum habe ich das Gefühl, dass Russland das ganz einfach für die Erzeugung einer allgemeinen Instabilität in der Region tut, zwecks Erschaffung eigener aussenpolitischer Trümpfe, die es später auf irgendwelchen Verhandlungen ausspielen kann.

– So wie es im Fall von Donbass auch war…

– Ich würde anders sagen. Nach dem Maidan sagte man, dass Putin auf die Krim einbrach, damit man mit ihm über die Maidan-Resultate verhandelt. Dann brach Putin in den Donbass ein, damit man mit ihm über die Krim verhandelt. Und nun sagt man: Putin bricht nach Syrien ein, damit man anfängt, mit ihm über den Donbass, Krim, Maidan und alles andere zu verhandeln. Das ist einfach nur noch lächerlich. Sie beginnen noch einen Krieg, und hier ist es wie mit Afghanistan: der Eintritt kostet ein Rubel und der Austritt wird aber zwei kosten (Anm.d.Red. Ist ein alter sowjetischer Witz über den Afghanistan-Krieg). Darein wird er ja schaffen, aber was wird er denn nachher mit diesem Stützpunkt machen, wie wird er die Raketen da wieder herausbringen? Und was ist, wenn die Söldner morgen den Hafen von Tartus angreifen und ihn mitsamt der ganzen Fracht einnehmen? Und wir wissen ja nicht mal, was es für eine Fracht ist. Was ist, wenn es chemische Waffen sind? Oder irgendwelche Raketen, die auf Israel oder sagen wir mal Saudi Arabien abgeschossen werden können? Diese Ungewissheit im 21. Jahrhundert ist erschreckend (Anm.d.Red. von Radio Svoboda: Am Mittwoch wurde bekannt, dass Israels Premierminister Benjamin Netanjahu nächste Woche Russland besuchen wird, um, nach Angaben von Reuters, „über die Bedrohung für Israel zu sprechen, die infoge des anwachsenden Waffenflusses nach Syrien entstehen kann, wenn diese in die Hände von Hisbollah und anderen terroristischen Gruppierungen geraten sollten“) .

In Syrien wurde die gleiche russische Technik gesehen, die im Donbass eingesetzt wurde, zum Beispiel der SPW R-149BMR (oder der ihm ähnliche R-166-0,5):

Russlands Präsident Wladimir Putin bezeichnete am Dienstag am Gipfel „Organisation des Vertrags zur kollektiven Sicherheit“ (ODKB) in Duschanbe die Situation in Syrien als „sehr ernst“, rief die Weltgemeinschaft dazu auf, „die Bemühungen im Kampf gegen den Terrorismus zu vereinen“, „geopolitische Ambitionen zur Seite zu legen“ und „auf die Politik der direkten oder indirekten Ausnutzung einzelner terroristischer Gruppierungen für die Erreichung eigener Konjunkturziele zu verzichten“. Unter den „terroristischen Gruppierungen“ soll man in diesem Schema wohl die syrische Opposition verstehen, deren Kämpfer seit März Ausbildung unter der Leitung amerikanischer Instrukteure in der nachbarschaftlichen Türkei machen.

Und während sich politische Diskussionen rund um die Situation in Syrien bereits auf der Ebene der Staatsoberhäupter fortsetzen, schicken Russland und Iran Hilfe für Assad nicht nur per See, sondern auch per Luft. Nach einigen Angaben, beläuft sich die Anzahl der militärischen Transportflugzeuge aus Moskau nach Syrien mittlerweile auf zwei pro Tag, Beobachter registrieren auch Anflüge von Damaskus aus Teheran. Das Verteidigungsministerium Russlands besteht darauf, dass in den russischen Flugzeugen nur humanitäre Hilfe und zivile Fracht sei. Die Fotos des Flugzeugs AN-24 mit humanitärer Hilfe aus Russland wurden sogar auf der Website des Ministeriums gepostet, aber wie einer der Blogger, der sich mit der Untersuchung von Flügen der russischen Fliegerkräfte nach Syrien beschäftigt, uns mitteilte, gab es nur zwei solcher Flüge, die anderen- und es waren viel mehr- flogen von Mosdok, Rjasan und Iwanowo aus, also von den Städten aus, wo die Fallschirmjägereinheiten stationiert sind. Faktisch alle Flüge kann man über den Service Flightradar24 nachverfolgen. Jetzt sind die russischen Flieger gezwungen, nach Syrien über Irak und Iran zu fliegen, nachdem Bulgarien und Griechenland ihren Luftraum für sie geschlossen haben.

Interessant, dass noch am 9. September Bulgariens Behörden Russland einen Durchflug seiner Flugzeuge erlaubte, aber unter der Bedingung ihrer Landung und einer Frachtkontrolle auf bulgarischem Boden. Russland antwortete auf diesen Vorschlag mit Schweigen. Einen von den „Mosdok“-Flügen ließ auch Irak Anfang September nicht durch (ehemaliger stellvertretender CIA-Leiter Michael Morell vermutete in einem Interview an den amerikanischen Sender CBS, dass die USA versuchen würden, Irakische Behörden dazu zu bewegen, den „Schlagbaum“ für die russischen AN-24 und IL-76 zu schliessen), aber seitdem finden die Durchflüge russischer Flugzeuge über dem Territorium von Irak, das der Kontrolle der irakischen Regierung untersteht, ohne Hindernisse statt.

Nach einer Version versucht Putin mithilfe der syrischen Operation Assad nicht nur die Erhaltung der obersten Macht zu garantieren, sondern schaltet auch die Aufmerksamkeit der russischen Gesellschaft von dem abklingenden Konflikt im Donbass auf einen neuen Krieg um. Aber auch wenn ein Teil der Sanktionen, die von den USA und der EU gegen Russland für die Krim-Annexion und die Beteiligung am Krieg im Osten der Ukraine eingeführt wurden, abgeschafft wird, können ihren Platz die Sanktionen für „Syrien“ einnehmen, wie der Vertreter des Weissen Hauses Josh Ernest bei einem kurzen Briefing für die Presse am präsidialen Bord Nr. 1 einräumte: „Wenn russische Behörden die Unterstützung des heutigen Präsidenten Syriens Baschar al-Assad fortsetzen sollten, wird sie das von der internationalen Weltgemeinschaft noch mehr isolieren.“

Quelle: Anton Pawluschko in einem Interview mit Mark Krutow für svoboda.org; übersetzt von Irina Schlegel.

 

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