von Georgij Mirskij, russischer Historiker und Politologe
Letzte Meinungsumfragen haben gezeigt, dass 71% unserer Bürger glauben, dass der Westen beabsichtigt, Russland zu schwächen und gar in Teile zu zerlegen.
Nichts Verwunderliches. Reden Sie mit den Menschen, und Sie werden feststellen, dass es auch so ist. Mehr noch, Politiker (sogar sehr, sehr große) und Wissenschaftler erklären den Menschen, dass der Westen Russland schon immer hasste, eine Unmenge an Unheil gebracht habe und die heutige russophobe Kampagne nur die Fortsetzung einer politischen Tradition sei, die sich aus der Tiefe der Jahrhunderte ableitet. Wie sie schon immer unsere Feinde waren, so sind sie es auch geblieben.
Wobei die Geschichte dies nicht bestätigt. Wenn man von Kriegen spricht, so hat in Europa jeder jeden bekriegt – Verbündete von gestern wurden zu Feinden und umgekehrt. Russland ist keine Ausnahme: Es hat gegen manche westliche Staaten mit Unterstützung anderer Krieg geführt – das war normal. Peter I. führte einen Krieg gegen Schweden, aber weder Deutsche noch Franzosen hatten ihn angegriffen. Gegen Frankreich führte man unter Napoleon Krieg, aber doch in einem Bündnis mit Österreich, Preußen und England. Gegen England und Frankreich kämpfte man im Krim-Krieg, aber weder Deutsche noch Österreicher hatten sich unseren Feinden angeschlossen.
Nimmt man politische oder gar zivile Beziehungen, und was sehen wir? Schon Iwan der Schreckliche wollte eine englische Königin heiraten, und über das deutsche Blut in unserer Zarenfamilie – von Katharina II. bis hin zu Eheschließungen zwischen den Zaren und Großfürsten und Deutschen braucht man gar nicht zu reden. Und wieviele Deutsche halfen seit den Zeiten von Peter I. das moderne Russland zu errichten, wieviele deutsche Ärzte, Verwalter, Unternehmer, Generäle bei uns waren, und wieviele italienische Architekten… und so weiter, und so fort – alle wissen es.
Natürlich verhielten sich die Europäer Russland gegenüber immer eigenartig, sozusagen. Fern, gewaltig, unverständlich, fremd, genau deswegen erschreckend – ja, es war so. Aber niemals verschreckte man Kinder mit Russen, und niemals wurden eigene Misserfolge russischen Machenschaften zugeschrieben, während es in Russland, als die Königin Victoria auf dem Thron von England saß, bei verschiedenen außenpolitischen Misserfolgen üblich war zu sagen: „Die Engländerin besudelt“. Und das ist geblieben. Ich kenne einen Arzt, der sobald es um irgendwelche Schlamassel auf der Welt geht, sagt: „CIA“.
Nach der Oktoberrevolution empfand der Westen tatsächlich Hass gegen die sowjetische Obrigkeit, aber hier, wenn man von unserer Propaganda spricht, treffen wir immer auf Übertreibung. Die russische Obrigkeit nicht zu mögen heißt ja gar nicht „das russische Volk“ zu hassen. Nach meinen Beobachtungen hat man im Westen Sympathie für nur zwei Vertreter der russischen Obrigkeit: Katharina die Grosse und Michail Gorbatschow. Aber es ist nur die Obrigkeit – den Russen als Volk gegenüber habe ich nie und nirgendwo irgendwelche Feindschaft gespürt.
Ich habe neun Jahre lang in den USA gearbeitet, und habe nie ein schlechtes Wort über Russen gehört. Die dunkelhäutigen Busfahrer in Princeton haben nie über Tolstoi oder Tschaikowski gehört, wussten aber, dass Russland ein erhabenes Land ist und Amerikas Verbündeter war, und fragten mich immer nur voller Mitleid: „Warum hört man von Euch immer so schlechte Nachrichten, Ihr habt doch so ein großartiges, gewaltiges, reiches Land?“
Und von unserer Seite? Es gab keinerlei antiwestliche Stimmungen (im Unterschied zu „Klassen“-Stimmungen) zu Stalinzeiten, in der Vorkriegszeit, und zu den Deutschen hatte man eine gute Beziehung, bis Hitler an die Macht kam, und zu Amerika? Die ersten ausländischen Worte, die wir, Moskauer Jungs Anfang der 1930er, kannten, waren „Ford“, „Lincoln“, „Buick“ und „Cadillac“.
In der Schule lehrte man uns, „den russischen revolutionären Schwung mit der amerikanischen Geschäftigkeit“ zu verbinden (wobei es später gegen „bolschewistskaja“ ausgewechselt wurde). Und während des Krieges? Ich stand 1942 wegen Unterernährung selber kaum auf den Beinen, und meine Kollegen wurden vor meinen Augen zu lebendigen Leichen, bis im Herbst amerikanische Verpflegung kam. Fleischkonserven mit Nudeln, Eierpuder usw. – das war es, was uns wenn nicht vorm Tod, so doch vor Dystrophie gerettet hatte, und dabei war ja das, was unter den Moskauern verteilt wurde, nur der Rest der Verpflegung, welche die Rote Armee schon bekommen hatte.
Und ich rede gar nicht von der Technik, über die sogar Marschall Schukow am Ende des Krieges sagte, dass wir ohne die amerikanischen LKWs gar keine Möglichkeit zum Transport der Artillerie gehabt hätten. Ich erinnere mich, was ich empfunden habe, als ich schon im Nachkriegsjahr von meinem ZIS-5 zum Steuer eines Studebaker wechselte. Danach erfuhr ich, dass während des Krieges alle „Katjuschas“ auf Moskaus Befehl von ZIS auf Studebaker umgestellt wurden, weil die Gasannahme, die Fähigkeit gleich von der Stelle loszuschießen und nach der Salve von der Stellung abzuziehen, um einiges größer war – und wieviele Tausende von Soldatenleben wurden dadurch gerettet!
Also ist es nicht verwunderlich, dass am 9. Mai 1945, als der Sieg ausgerufen wurde und ganz Moskau zum Roten Platz stürzte, die beliebtesten von allen Offizieren die Offiziere der amerikanischen Militärmission waren. Sobald ein amerikanischer Leutnant auf dem Platz auftauchte, und das sehe ich noch immer vor meinen Augen, warf ihn eine riesige Menschenmenge in die Luft. Und jeder, der jetzt die Bedeutung der Hilfe unserer westlichen Verbündeten während des Krieges abstreitet oder sogar einfach nur verschweigt, ist einfach nur ein Dreckskerl.
Und was jetzt? Vor ein paar Jahren – das habe ich mit meinen Augen gesehen – wurde bei einem der zentralen Fernsehsender (ich glaube, es war TWZ) die Frage gestellt: „Glauben Sie, dass die Amerikaner uns AIDS gebracht haben, um unser Volk zu vergiften?“. Und 30% haben geantwortet, dass sie es nicht ausschließen. Wie sehr muss man denn die Menschen verdummen, um sie zu so etwas zu bringen?
Nun stellen wir uns vor, was sein kann, wenn („laut westlichen Absichten“) eine Schwächung und Zerfall Russlands geschieht? Wie spiegelt es sich am Zustand und in der Stimmung des Volkes, in seiner Psyche wider?
Unser Volk ist jetzt schon und in seinem großen Teil verbittert, aggressiv, unfreundlich. Ich muss ehrlich sagen, bei all meiner Abneigung gegenüber dem unmenschlichen sowjetischen System waren damals die zwischenmenschlichen Beziehungen besser. Jetzt gibt es so viel Hass, Feindschaft jedem gegenüber, Chauvinismus und Xenophobie…
Was passiert, wenn das Land erstens verarmt (denn genau das setzt die These „Russlands Schwächung“ voraus: die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage) und zweitens zu zerfallen anfängt (der zweite Teil derselben These: Separatismusanstieg und am Ende die Zerteilung der Föderation)?
Zweifellos wird nur eins passieren: Das Volk wird vertieren.
Auf wen werden sie hören? Auf Demokraten, Liberale, auf Menschen, deren Stärkung dem Westen nützlich ist? Nein, umgekehrt: diese Menschen werden für alles beschuldigt („Verräter, Fünfte Kolonne, Agenten des Westens, haben die UdSSR zerstört, sie machen jetzt Russland fertig“), sie werden verfolgt und verhaftet, und für die Obrigkeit wird es nützlich sein, den Menschen einzutrichtern, dass all das Unheil, die Wirtschaftskrise, die allmähliche Verarmung – dass das alles von dort kommt, vom Westen.
Nein, sie werden auf radikale Nationalisten bis zu unverhohlenen Faschisten hören. Sie werden zwar nicht an die Macht gelassen, aber das ideologisch-politische Klima im Land werden die Pseudopatrioten bestimmen, die Rotbraunen, deren Weltsichtbandbreite zwischen einem orthodox-monarchischem und stalinistischem, neobolschewistischem Weltbild schwankt. Aber alles überschneidet sich in einem Punkt: Im Hass gegen den Westen (und nebenbei auch gegen Moslems, Kaukasier, Tadschiken, Ukrainer, Litauer, Polen usw.) und in der Überzeugung, dass Russlands Feinde Amerikaner, Liberale und Schwule sind. Derweil bleibt aber der Atomwaffenbestand bei dem verarmten und zerstückelten Russland.
Und im Westen wird die begründete Sorge wachsen: Und was, wenn der anwachsende russische Nationalismus zum logischen Resultat einer außenpolitischen Aggression führt?
Und hier die Schlussfolgerung: Ein verarmtes, zerstückeltes Russland mit einer verbitterten, den Westen hassenden Bevölkerung, und bei alldem mit Atomwaffen – kann man sich denn ein grauenhafteres Szenario für westliche Politiker ausdenken?
Während meiner Arbeitszeit in Washington verkehrte ich in politischen Kreisen, Brzeziński und Fukuyama kamen zu meinen Vorlesungen an der Johns-Hopkins-Universität, und wenn wir danach zu Mittag aßen, haben wir viel gesprochen, wie ich auch mit Paul Nitze, Eagleburger, Sam Lewis und anderen gesprochen habe, genau über dieses Thema.
Absolut alle ohne eine einzige Ausnahme waren der gleichen Meinung: Nur Idioten und Selbstmörder in den USA können daran interessiert sein, dass Russland schwächer, arm, degradieren, zerfallen wird. Solche gibt es in Washington nicht, obwohl ich, der genug gehört und gesehen hat, sagen kann, dass viele policy makers da gar nicht von der besten Sorte sind (das sieht man ja auch am Irakabenteuer). Aber keinem vernünftigen Menschen kann es in den Sinn kommen, bewusst die Sache dahingehend zu steuern, dass Amerika einer von ihren Misserfolgen und ihrem Unheil ergrimmten, einer auf alles Westliche borstigen Atommacht entgegentreten muss.
Hier in Moskau, an verschiedenen Runden Tischen brachte ich diese Argumente mehrmals bei Polemik mit denen, die hysterisch über die Absicht Westens Russland zu zerstören schreien, zur Sprache. Und es fand sich kein einziger Mensch, der diese Argumente mit logischen und ruhigen Überlegungen widerlegen konnte. Aber dennoch war niemand mit mir einverstanden. Was in einen Menschen eingehämmert worden ist – das sitzt da auch fest. Naum Korschawin hat mal richtig gesagt: „Nur mit Gleichgesinnten macht es Sinn zu streiten“. Und diese werden immer weniger.
Wenn man mein Alter berücksichtigt, so kann ich nur glücklich darüber sein, dass ich die Zeit nicht erleben werde, wenn die 71% zu 99% werden.
Georgij Mirskij in seinem Blog bei echo.msk.ru; übersetzt von Irina Schlegel

