- InformNapalm (Deutsch) - https://informnapalm.org/de -

Krim-Annexion: Katastrophale Zustände bei der Wasserversorgung auf der Halbinsel

Seit der Annexion der Krim sind zwei Jahre vergangen – die alten Probleme wurden nicht gelöst, neue kamen aber hinzu. Die Frage „Was esse und was trinke ich?“ bleibt immer aktuell, sowohl für einfache Menschen als auch für die Vertreter der Eliten. Und wenn mit dem Essen auf der Krim alles mehr oder weniger in Ordnung ist, so bleibt die Frage der Wasserversorgung offen. Wegen der Aussetzung von Wasserlieferungen aus dem Fluss Dnipro über den Nord-Krim-Kanal haben in erster Linie die Landwirte ein Problem und sind gezwungen zur Gewinnung von Grundwasser überzugehen. 

Es gibt viele Meinungen bezüglich des Vorhandenseins oder des Fehlens von Wasserlieferungen. Die Frage aber, ob es auf der Krim Probleme mit Wasser gibt und wer daran Schuld trägt, bleibt offen. Ich denke, dass jeder Krimer sich Klarheit darüber verschaffen möchte. Darum haben wir eine Umfrage unter den Menschen organisiert, die vom Territorium der Halbinsel auf das Festland der Ukraine kommen. Die anonyme Umfrage wurde drei Tage lang auf einigen Durchlassposten im Gebiet Cherson durchgeführt. Als Ergebnis haben wir 412 (71%) von 584 Befragten, die die Frage „Gibt es Probleme mit Wasser?“ mit „Ja“ beantworteten. Das Fehlen jeglicher Probleme haben nur 99 (17%) Befragten festgestellt und 73 (12%) konnten die Frage nicht beantworten.

Von den 412 Menschen, die von einem Problem mit Wasserlieferungen auf der Krim überzeugt sind, legen es 252 (61%) den russischen Behörden zur Last, 101 (30%) den ukrainischen Behörden, 59 (9%) sehen die „Wurzel des Bösen“ in etwas anderem, zum Beispiel in der „wirtschaftlichen Blockade“ der Halbinsel.

Lasst uns diese Fragen klären. Also ist die Halbinsel im Frühling 2014 ohne das Wasser aus dem Dnipro geblieben, damals herrschte auf der Halbinsel eine Euphorie wegen der bewaffneten Einnahme, die als „Krimer Frühling“ bezeichnet wurde. Zum Höhepunkt jener Ereignisse begannen die Vertreter der sogenannten „Volkswehr“ und alle möglichen Gauner, staatliche Objekte in der Autonomen Republik einzunehmen. Auch die Pumpenanlagen des Nord-Krim-Kanals sind dabei keine Ausnahme gewesen – unter dem Druck der russischen Behörden wurden sie abgeschaltet, wobei den Krimbewohnern erklärt wurde, dass sie keine Wasserlieferungen aus einem „Bandera-Staat“ brauchen. Die „Junta“ sollte sich am eigenen Wasser verschlucken.

Der Verlust der Kontrolle über die Objekte des Nord-Krim-Kanals auf der Halbinsel und die Unprofessionalität jener, die sie eingenommen hatten, bleiben das Hauptproblem der Wasserlieferungen auf die Krim. Als Problemlösung gab die selbsternannte Regierung der Krim verschiedene Varianten an, jede phantastischer als die vorige. Von Entsalzung des Meerwassers bis hin zu Wasserlieferungen aus dem russischen Gebiet Krasnodar. Dabei ging man auf der Krim faktisch unverzüglich für die Versorgung der Landwirtschaft der Krim zur Gewinnung von Grundwasser über. Insgesamt hat das Naturministerium seit Beginn der Okkupation 43 Lizenzen zur Gewinnung von Grundwasser für die Landwirtschaft ausgehändigt. Aber das war nicht genug. Wie der „Verwaltungsleiter“ des Landkreises Perekop, Sergei Bidanez, behauptet, verwandeln sich mit Beginn der Sommerhitze die Steppen-Gebiete der Krim ohne Wasser in eine ausgebrannte Wüste, in der man nicht mal Viehfutter anbauen kann – trotz der Tatsache, dass die „Regierung“ der Krim sich rechtzeitig mit dem Problem der Landwirte beschäftigte. Was bedeutet, dass auch die Entwicklung von alternativer Viehzucht mit vielen Fragezeichen versehen ist..

Als „sehr ernst, aber nicht katastrophal“ bezeichnete der „Vorsitzende des Agrar-Komitees“ der Republik, Igor Weil, während der Sitzung des „Komitees des Staatsrats der Krim in Fragen der Agrarpolitik, Ökologie und Naturressourcen“ die Situation der Wasserlieferungen auf die östliche Krim. Seinen Worten nach sind seit Jahresbeginn in die Tajhan- und Belohir-Wasserspeicher statt 20 Millionen Kubikmetern natürlichen Beckenzuflusses nur 3,4 Millionen Kubikmeter Wasser eingeflossen. „Der Taihan ist leer, in Belohir gibt es nur 3 Millionen Kubikmeter Nutzwasser zum Umpumpen, weitere 55.000 Kubikmeter kommen täglich aus den Grundwasserquellen,“ präzisierte Weil. Zur Situationsverbesserung beabsichtigt das Komitee der Wasserwirtschaft die Wasserleitung am Entnahmebauwerk Prostornen anzuschließen, was weitere 50.000 Kubikmeter Wasser in die Wasserspeicher der östlichen Krim zu leiten erlauben wird. Auch wird versprochen, den Boden des Selenohirski-Wasserspeicher zu reinigen, was weitere 700-800.000 Kubikmeter bringen soll, und die Arbeiten zur Vertiefung der Wasserspeicher von Stanzionnij und Feodossija durchzuführen, um ein zusätzliches Wasservolumen von 4 Millionen Kubikmeter Wasser für die Verbraucher zu schaffen.

13549327_1192235140807203_931283795_o [1]

Mich würde interessieren, ob sich die Situation mit dem Wasser auf der östlichen Krim nach den durchgeführten Arbeiten verbessern wird, wie es das „Oberhaupt der Agrarwirtschaft“ zusichert. Diese Frage beantwortete Igor Weil auf derselben Sitzung selbst: „Das Wasser ist da, aber es gibt einen Rückstand und man kommt nicht dran“. Wofür werden dann diese kostspieligen Arbeiten geführt? Die Antwort ist offensichtlich: Um die Bevölkerung zu beruhigen. Das Wichtigste ist nicht, das Problem zu lösen, sondern zu zeigen, dass man sich mit dem Problem beschäftigt.

Na, werden wir ja sehen. Bislang gibt es kaum Anlass für Optimismus auf dem „ur-russischen Boden“, der von Russland annektiert wurde.

Wasserleitungen von burjatischen Wehrdienstleistenden-„Gastarbeitern“

Als ich diesen Artikel vorbereitete, stieß ich im Internet auf eine interessante Notiz. 2015 wurde zur Wasserversorgung für die Ortschaften auf der Halbinsel das Rohrleitungsbau-Bataillon der Logistik-Brigade des Östlichen Militärbezirks Russlands hinzugezogen. Insgesamt waren nach Mitteilungen von Militärangehörigen circa 300 Militärangehörige des Bezirks und über 90 Einheiten mit Militärgerät und spezieller Technik bei den Arbeiten eingesetzt. Auf der Halbinsel haben Militärangehörigen 24 Feldhauptrohrleitungen mit einer Gesamtlänge von 288 Kilometer vom Entnahmebauwerk Prostorne bis zum Nord-Krim-Kanal verlegt. Und was ist das Resultat? Das Resultat ist bemerkenswert, man könnte sogar sagen – exotisch. Nun betrachten lokale Einwohner die fast leeren Bewässerungsrinnen, wo zwischen all dem Müll die 30 kilometerlangen Rohrleitungen liegen, die nicht mal mit Boden aufgeschüttet wurden und einfach nur unter freiem Himmel liegen. Betrachten sie und wundern sich: Was für Wundermeister haben das gebaut und welchen Sinn hat das alles? Denn Wasser gibt es in den Kanälen noch immer nicht sonderlich viel.

13578524_1192235124140538_1822957754_n [2]

Wobei man sich nicht zu wundern braucht: alles wurde auf echte „russische“ Art und Weise gebaut, billig und böswillig, mit den Händen der kostenlosen Arbeitskraft also von Wehrdienstleistenden aus Burjatien, und natürlich mit großem Pathos: „Die Russen lassen die eigenen Leute nicht im Stich!“ Freuen kann man sich dabei nur über eine Sache: dass die lokale Bevölkerung die unbeschädigten Röhren wohl für eigene Bedürfnisse im Haushalt verwenden können.

Also wird es kein Wasser geben?

Wenn man berücksichtigt, dass die Halbinsel Krim relativ arm an Grundwasser ist und dass die Besatzungskräfte das Problem der Wasserversorgung entgegen allen ökologischen Anforderungen mittels maximaler Fördermengen desselben lösen möchten, entstehen einige Fragen. Wie effektiv sind die Methoden, die von den lokalen Genies und ihren kremlischen Betreuern angewendet werden? Wird die Krim das Problem mit der Wasserversorgung ohne die Lieferung von Wasser aus dem Dnipro lösen können? Welche Folgen wird all das für Ökologie und die Landwirtschaft auf der Halbinsel haben?

Nach Worten des Chefs des Naturministeriums, Sergei Donskoj, beträgt die Gesamtfüllung der Wasserspeicher auf der Krim am 5. Mai 2016, und das sind die Hauptquellen der Wasserversorgung für östliche Bezirke der Halbinsel, 35.800.000 Kubikmeter, was 5.000.000 weniger ist, als noch im letzten Jahr. Und für eine zuverlässige Wasserversorgung der Bezirke von Kertsch, Feodossija und Sudak wird in erster Linie der Bau einer Wasserstraße benötigt. Diese wird aber nicht vor Dezember 2016 in Betrieb genommen werden.

Seit 2014 wird zur Auffüllung von Wasserspeichern für die Brauchwasserversorgung auf der Kertsch-Halbinsel das Wasser aus den Wasserspeichern Belohir und Tajhan Wasserspeichern genommen, die früher zur Bewässerung benutzt wurden, wie auch zusätzlich von den im Bau befindlichen artesischen Entnahmebauwerken. Dabei beläuft sich der Wasserverlust beim Wassertransport über das Bijuk-Karasu-Kanalbett und den Nord-Krim-Kanal auf 18-28% (nach anderen Angaben auf bis zu 50-60%).

13566133_1192235130807204_477840885_n [3]

Bereits heute hat der Agrar-Sektor der Halbinsel fast 90% Trinkwasser wegen des Übergangs der Krim auf lokale Quellen der Wasserversorgung verloren. Die Reiszucht ist bereits Vergangenheit, und wenn kein Bewässerungssystem in den nächsten paar Jahren erschaffen wird, so wird es in Jany Kapi (Krasnoperekopsk) und Perekopsk selbst weder Pflanzen- noch Viehzucht geben.

Wegen unkontrollierten eigenmächtigen Ölbohrungen durch Krimer Landpächter ist die geologische Balance des Grundwassers bereits gestört. Wenn es früher eine Schwemmbewässerung gab, die den Boden im normalen Zustand zu halten erlaubte, so kann in der jetzigen Lage bald eine echte ökologische Katastrophe ausbrechen.

Im Großen und Ganzen ist die Situation der Wasserversorgung auf der Krim nah an einer Katastrophe, denn all die unsystematischen Lösungsmethoden, die von der heutigen „Obrigkeit“ angewendet werden, stellen im Grunde ein banales Herumdoktern an Symptomen dar. Die Säuberung und Vertiefung der Wasserspeicher, eine Erhöhung des Grundwasseranteils, der Bau von Absperrdämmen usw. – all das sind lokale Maßnahmen, die keinen globalen Effekt erzielen können. Der Großteil dieser Maßnahmen wird von der politischen Führung diktiert, ohne dass sie sich dabei auf gesunden Menschenverstand stützen würden. Das beste Beispiel dafür ist der Bau von temporären Rohrleitungen von den zwei Entnahmebauwerken Prostorne und Nischnij zum Kanalbett des Nord-Krim-Kanals. Nicht zufällig wurden dazu Militärangehörige hinzugezogen, denn die Mittel wurden standardmäßig „abgezweigt“, die Kosten bedeutend erhöht und die Fristen nicht eingehalten. Die technische Seite dieses Vorgehens ist äußerst zweifelhaft, denn das Grundwasser ist zum Großteil von sehr guter Qualität, und wenn man dieses in den Kanal ablässt, geht die Qualität verloren und es wird eine zusätzliche Bearbeitung nötig.

Nach offiziellen Angaben erreichte die Abnutzung der wasserversorgenden Infrastruktur auf der Krim 2013 74,4%, die Verluste im Wasserversorgungsnetz belaufen sich auf 20-25%. Wenn man große Verluste bei der Wasserbeförderung über den Nord-Krim-Kanal (20%) berücksichtigt, so erreichen den Verbraucher nicht mehr als 60% des eingehenden Wassers. Um nachzubessern, werden bis zum Jahr 2020 10-12 Milliarden Rubel benötigt. Geplant wird auch ungefähr ein Drittel aller 1.500 artesischen Brunnen zu reparieren, die auf der Krim aktiv sind. Zusätzlich muss man weitere 150 Brunnen bauen. Dafür braucht man bis 2020 weitere 5 Milliarden Rubel.

Das Problem der Steppen-Krim wurde von der „neuen Macht“ ganz einfach gelöst: Man beschäftigte sich damit einfach nicht. Man ließ die kleinen Dörfer allein, deren Wasserversorgung in dieser Situation ziemlich erschwert ist. Die Hauptaufgabe besteht darin, die großen Städte zu versorgen, die im Fernsehen gezeigt werden. Und das Wichtigste ist, dass für die Verwirklichung von langfristigen Maßnahmen gar keine Zeit mehr bleibt. Die kommenden Maßnahmen werden nicht den gewünschten Effekt bringen.

Nicht weniger wichtig ist aber auch der ökologische Faktor. Brunnenbohren in große Tiefen, unkontrolliertes Bohren, Vergrößerung der Entnahme aus bereits existierenden Brunnen, Verschwinden der Schwemmbewässerung im Agrarsektor werden unvermeidlich  sowohl dem Boden, als auch den Wasserträgern usw. einen großen Schaden zufügen. Der ökologische Schaden durch ein derartig barbarisches Vorgehen kann nur schwer richtig eingeschätzt werden.

13578509_1192235110807206_712637257_n [4]

Somit wird die Krim ohne das Dnipro-Wasser zwar nicht sterben, aber sich an der Schwelle zu einer Wasserkatastrophe wiederfinden. Um das vernünftige Körnchen Wahrheit in diesem Streit zu finden, muss man die regionalen Besonderheiten der Natur der Krim verstehen und die Zeit zurückdrehen, in die Zeit des Lebens der Krim vor dem Bau des Nord-Krim-Kanals. Der katastrophale Wassermangel führte damals dazu, dass bis in die 1930er in Jahren der Dürre ganze Dörfer ausstarben. Das Wasser wurde mit Viehgespannen gebracht, und für eine Familie gab es nur einen Eimer davon. Von Landwirtschaft konnte damals gar keine Rede sein. Das Problem wurde durch den Bau des Nord-Krim-Kanals gelöst.

So wie der Nord-Krim-Kanal der Halbinsel damals das Leben schenkte, so wird seine Austrocknung es wieder nehmen.


Dieses Material wurde von Jekaterina Loginowa [6] für „Mediaclub des gesellschaftlichen Dialogs „Europrostir“ [7] (Simferopol, Ukraine) vorbereitet und InformNapalm [8] zur Verfügung gestellt; übersetzt von Irina Schlegel [9]. Beim Nachdruck und Verwenden des Materials ist ein Hinweis auf unsere Ressource erforderlich. 

Wir rufen unsere Leser dazu auf, unsere Publikationen aktiver in den sozialen Netzwerken zu verbreiten. Das Verbreiten der Untersuchungen in der Öffentlichkeit kann den Verlauf von Informationskampagnen und Kampfhandlungen tatsächlich brechen.