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Lew Schlosberg: Befohlen zu lügen

von Lew Schlosberg, Abgeordneter der Pskower Deputiertenversammlung der Fraktion „Jabloko“ (Anm. d. IN-Red.: Schlosberg ist ein oppositioneller russischer Politiker, der am 30. August 2014 von Unbekannten zusammengeschlagen wurde, nachdem er in einer Pskower Zeitung einen Artikel über die Beerdigung zweier in der Ukraine gefallener Fallschirmspringer veröffentlicht hatte)

Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Lüge, Abhängigkeit und Tod der Bevölkerung

Im Osten der Ukraine läuft weiterhin Krieg. Nach Russland kommen, bei gleichzeitiger vollkommener Verleugnung der Kriegsbeteiligung der russischen Streitkräfte, weiterhin russische Staatsbürger zurück: verwundete, gefallene, lebendige. In diesem unerklärten Krieg sterben russische Soldaten, ihre Beerdigungen finden im ganzen Land statt. Viele Gefallene sind womöglich noch immer in der Ukraine und ihre Leichen wurden nicht nach Hause geliefert. Unter den Gefallenen: Militärangehörige der in Pskow stationierten Tschernigowskaja Garde-Fallschirmjägerdivision und der 2. Speznas-Brigade GRU. Der russische Staat belügt weiterhin sein Volk und die ganze Welt und behauptet, dass „Russland keine Konfliktpartei zwischen den regulären Streitkräften der Ukraine und den Einwohnern von Gebieten Donezk und Luhansk darstelle“ und „dass es keine Abteilungen der russischen Armee in der Ukraine gäbe“.

Jeder Tag dieser Lüge bringt neue Tode. Die Lüge tötet. Im buchstäblichen Sinne dieses Wortes. Alle an dieser Lüge Beteiligten sind an den Morden auch beteiligt.

Bald ist es ein Jahr her, seit die Ereignisse in der Ukraine zum Hauptgegenstand der Nachrichten der absoluten Mehrheit der russischen Medien geworden sind. Wenn man das russische Fernsehen anschaltet, so passiert wohl in Russland gar nichts. In die Köpfe von Dutzenden Millionen Menschen wird rund um die Uhr Informationssprengstoff über die Ereignisse in der Ukraine hineingebracht. Und dieser Sprengstoff explodiert jeden Tag.

Besondere Bestialität erreichte die Informationspolitik des russischen Staates in dem Moment, als beschlossen wurde, die russische reguläre Armee heimlich auf dem Territorium der Ukraine einzusetzen. Unter dem Deckmantel von „Freiwilligen“, „Urlaubern“ und „Volkswehr“. An die gutbekannte, aber durch den russischen Staat nicht anerkannte Front wurden Tausende Militärs geschickt. Die absolute Mehrheit von ihnen wusste gar nicht, dass sie dahin nicht zu Manövern fuhren, sondern in einen Krieg. In jenen Krieg, in dem Menschen Menschen töten. Nichts anderes passiert nämlich in Kriegen.

Nichts an diesem globalen Konflikt könnte die russische Gesellschaft so tief und so schmerzvoll spalten, wie die unmittelbare Teilnahme von russischen Soldaten an Kampfhandlungen auf dem Territorium der Ukraine: ihr Tod, ihre seltsamen geheimen Beerdigungen und die Reaktion des Staates auf jegliche Versuche, die Wahrheit über diesen Krieg und seine irreversiblen Verluste zu erfahren und bekanntzumachen.

Womöglich auf Entscheidung eines einzigen Menschen hin lügt der russische Staat seit über einem halben Jahr jeden Tag drauflos, die staatliche Propaganda ist an das hitlerische Produktionsvolumen herangerückt, Russlands Beziehungen mit der Mehrheit der Länder der Welt sind zerstört, ein neuer „Eiserner Vorhang“ wird errichtet. Und das Tragischste: In diesen vom Staat unerklärten, aber äußerst realen Krieg werden Soldaten und Offiziere der russischen Armee geschickt, die da Krieg führen, andere Menschen töten und auch selbst getötet werden. Ihre Teilnahme an diesem Krieg, ihren Tod in diesem Krieg leugnet der russische Staat.

Verwundete und Überlebende kommen zurück nach Russland, und niemand weiß, wie sich ihr Schicksal nach all dem Erlebten gestaltet. Sie füllen die Reihen der „Afghanen“ und „Tschetschenen“ auf.

Der russische Staat hat sich geweigert, der Ukraine einen Krieg zu erklären. Wahrscheinlich hat er beschlossen, dass es unanständig sei. Die Armee aber auf der „Volkswehr“-Seite heimlich einzusetzen, in der Hoffnung auf einen „blitzschnellen erfolgreichen Sieg“ – das ist etwas, wie es sich herausstellte, was sich durchaus im Rahmen der staatlich-russischen Anständigkeit bewegt. Das ist zugelassen. Dafür kann man Menschenleben und Volksgeld ausgeben. Die Lüge und das Pharisäertum sind zum Markenstil des russischen Staates geworden. Wie im Land selber als auch außerhalb dessen.

Infolge all dieser Ereignisse herrscht nun in der russischen Gesellschaft nicht nur Spaltung, sondern eine direkte Vorahnung eines Bürgerkrieges. Die Lüge verbreitet immer Hass. Gefüllt mit Ausdünstungen der Staatspropaganda sind manche russische Bürger bereit zu hassen und andere russische Bürger sogar zu töten: nur dafür, weil sie mit dem russischen Staat nicht einverstanden sind.

Die Bürger Russlands, die gegen diesen niederträchtigen Bruderkrieg protestieren, die versuchen, die Wahrheit herauszufinden, die Namen von Verwundeten und Gefallenen festzustellen, werden nicht nur von bezahlten staatlichen Propagandisten, die längst ihre Ehre und Gewissen aufgegeben haben, sondern auch von russischen Durchschnittsbürgern mit zu Fäusten geballten Händen als „Verräter“ und „fünfte Kolonne“ beschimpft. Es wird dazu aufgerufen, die mit der Obrigkeit Uneinigen aus dem Land zu vertreiben, zu verhaften, anzuklagen. Wofür? Für die Uneinigkeit mit dem Staat.

Es stellte sich heraus, dass die Wahrheitssuche und der Kampf um den Frieden gegen den Krieg, wie auch die Aufrufe zur Beendigung der Morde und zum Erhalt des Lebens von der schweren Hand des russischen Staates nun als „Verrat“ deklariert wurden.

Und die Lobpreisung dieses Krieges, das Entfachen des Hasses zwischen Menschen und Völkern, die Verbreitung von Lügen und Beleidigungen werden nun ein „Dienst in staatlichem Interesse“ genannt.

Solche Interessen hat nun der russische Staat.

Der russische Staat ist satanisch geworden. Das Schwarze ist nun weiß, das Weiße ist schwarz.

Die Begriffe von Gut und Böse haben nicht nur die Plätze getauscht, sie sind verschwommen bis zur Unkenntlichkeit. Man darf nun alles. Alles was man will. Das Schlimmste, was in einem Volk erweckt werden kann, ist aufgewacht. Niemals in der ganzen postsowjetischen Zeit war unser Land so vollkommen bereit für den Faschismus. Und das ist ein Produkt der Lüge.

Würde man jetzt eine öffentliche Exekution ausrufen, würden die Stadtplätze nicht leer sein. Das Volk lechzt nach Blut seinesgleichen, also nach seinem eigenen Blut.

Die Hass-Nachtigalle besingen diese moralische Volkskatastrophe von den großen Fernsehbildschirmen mit so einer Speichelabsonderung, mit solch‘ einer Eifrigkeit und Begeisterung, dass man eine bescheidene Strafmaßnahme ins russische Strafgesetzbuch eintragen möchte: „Entzug des Rechts auf Berufsausübung lebenslänglich“, ohne ein Recht auf Begnadigung.

Auf dem Pulverfass der gesamtnationalen wirtschaftlichen Krise sitzend, sich am Anfang eines Armutsaufschlags befindend, und für viele Menschen einfach nur des Hungers, ernährt sich das Land vom Hass und ist bereit, den Teil von sich selbst zu vernichten, der mit der „Politik der Partei und der Regierung“ nicht einverstanden ist.

Selbst wenn man sich eine Sonderoperation zur Volksvernichtung in seiner Gesamtheit in Russland ausdenken könnte, so ist eine gefährlichere als die vor unseren Augen gerade ablaufende Operation absolut unmöglich auszudenken. Nach solchen Tragödien verfaulen und zerfallen die Völker.

Die Haupthoffnung ist hier damit verbunden, dass jedes Volk einen Lebenswillen besitzt: nicht im Sinne des Willen eines einzelnen Menschen, sondern als das kollektive Unbewusste eines Volkes, das auf Güte basiert, das wenigstens teilweise die überlebten Volkswurzeln beschützen kann.

Damit dieser Lebenswille in der Atmosphäre des zerfressenden, vom Staat auferzogenen Menschenhasses zutage treten kann, müssen bestimmte Ereignisse geschehen, die diesen Willen erwecken. Der Preis für diese Ereignisse ist unbekannt. Das kann entweder sehr schwer oder sehr teuer werden. Darauf kann man nicht vorbereitet sein, aber verstehen muss man es.

Aber sogar in der Atmosphäre dieses allgemeinen Wahnsinns gibt es das Recht und die Pflicht eines jeden konkreten Menschen nicht verrückt zu werden. Es gibt die Verpflichtung eines einzelnen Menschen vor sich selbst und vor seinen Nahestehenden, sich von der Boshaftigkeit nicht vergiften zu lassen, nicht zu einem Teil davon zu werden. Nicht nur keine Beteiligung an der Gewalt und der Lüge, sondern auch ein aktiver Widerstand gegenüber diesen sind gefragt. Denn sobald das nach dem geistigen Anfall von Umnachtung überlebt habende Volk wieder nach seinen moralischen Wurzeln suchen wird, wird es sich auf die lebendigen Taten seiner Mitbürger stützen müssen. Das morgige Volk wird es bitter nötig haben zu wissen, dass nicht alle jenseits Gut und Böse gelandet waren.

Das Volk muss seine Verluste kennen und ihre Gründe verstehen. Was weiß Russland nun über den tragischen Tod der Pskower Fallschirmjäger in den Kampfhandlungen auf dem Territorium der Ukraine?

Vor einer Woche hat das Lewada-Zentrum eine russlandweite Umfrage zu diesem Thema durchgeführt, und hat am 29. September die Resultate veröffentlicht. Und wie in einem verstaubten alten Spiegel erkennt man an diesen relativen Angaben, wie zersplittert das Land ist.

Man sollte berücksichtigen, dass diese gesellschaftliche Meinung sich unter den Bedingungen der totalen staatlichen Hass-, Feindschafts- und Kriegspropaganda gebildet hat.

Die Anzahl jener Russen, die über den Tod der Pskower Fallschirmspringer auf dem Territorium der Ukraine gehört haben, ist fast gleich mit der Zahl derjenigen, die nichts davon wissen (46% gegen 50%), dabei haben nur 7% „viel darüber gelesen und gehört“, und 39% „haben gehört, aber ohne Einzelheiten“. Die Mehrheit der Befragten (54%), die irgendwie mit der Geschichte über die gefallenen Fallschirmjäger vertraut ist, glaubt, dass sie Freiwillige waren, die selbstständig zur Hilfe für die „Volkswehr“ geeilt sind. 22% der Befragten, die über die gefallenen Soldaten gehört haben, glauben, dass die Soldaten von ihren direkten Vorgesetzten dahin geschickt wurden, was die absolute Verkennung des Mechanismus von Entschlussfassung und seiner Ausführung in der Armee seitens dieser Menschen erkennen lässt.

Russen, die mit den Einzelheiten des Todes dieser Armeeangehörigen gar nicht vertraut sind, neigen dazu zu denken, dass all das nur Desinformation sei, was auch irgendwie logisch ist.

Der Begriff „Freiwilliger“ ist zu einem universellen Soldaten dieses Infokrieges geworden: Wenn sich ein Mensch mit dieser Formulierung einverstanden erklärt, nimmt er diese Verantwortung nicht nur dem Staat ab – er weist die Verantwortung für diese Opfer auch als Bürger dieses Staates von sich zurück. Sie wollten doch selbst in den Krieg ziehen, haben auf ihren eigenen Wunsch ihr Leben riskiert, und so ist es nun gekommen, dass sie gestorben sind.

Diese Arglist befindet sich am Rande des Zynismus, und viele Menschen spüren es instinktiv, verstecken sich aber hinter verlogenen Definitionen – so ist es einfacher zu leben, ruhiger zu schlafen. Natürlich nur für solche, die dieser Krieg nicht persönlich getroffen hat.

Auf die Frage „Glauben Sie den Meldungen über die Verluste unter den russischen Militärangehörigen, die am Krieg in der Ukraine teilnehmen“ haben 42% der Befragten geantwortet, dass sie diesen glauben, 31% glauben es nicht, und 27% haben sich enthalten.

Die Forscher stellen fest, dass im Gesellschaftsbewusstsein Russlands eine Fragmentierung, eine Unklarheit über die Beteiligung der russischen Bürger an den Kämpfen in der Ostukraine erhalten bleibt.

Im Großen und Ganzen ist die Zahl derer, die eine Beteiligung von russischen Militärs an den ukrainischen Ereignissen befürworten, noch immer in der Mehrheit (57%). Aber im Vergleich zum Frühling dieses Jahres hat sich der Anteil der Befürworter, welche die Teilnahme der russischen Bürger am Krieg in der Ukraine als „voll und ganz positiv“ bewerten, deutlich verringert: von 24% im März auf 13% im September.

Sehr wichtig: 40% der Befragten glauben, dass der Tod russischer Bürger infolge der russischen Unterstützung der „Volkswehr“ mit nichts zu rechtfertigen ist, diese Menschen haben sich mit der Formulierung „Das ist unmöglich und ungerechtfertigt, denn Russland führt einen verdeckten unerklärten Krieg, und die Soldaten werden zu dessen Geiseln“ einverstanden erklärt. Nur jeder dritte Befragte ist überzeugt, dass Russland der „Volkswehr“ Hilfe leisten müsste, in dem es Soldatenleben opfert, denn das ist „unvermeidbar und gerechtfertigt“. Ein weiteres Drittel der Befragten konnte diese Frage nicht beantworten.

Man muss erkennen, dass dies in Anbetracht der monatelangen, tagtäglichen und stündlichen Gehirnmassage der Bevölkerung durch die Staatspropaganda nicht das Schlimmste aller möglichen Resultate ist. Menschen, die die Wahrheit erfahren wollen, suchen nach dieser in den nicht sonderlich zahlreichen unabhängigen Medien, in den sozialen Netzwerken, auf den Internetforen. Und die Wahrheit findet ihren Weg.

Aber wie kann man die Lüge aufhalten? Was kann den Krieg stoppen? Was kann die Menschen retten?

Solche Hebel gibt es im russischen Staat nicht. Sie sind entweder abgebrochen oder paralysiert.

Dem russischen Staat wurde befohlen zu lügen – und er lügt, stolpert nur über Details, wenn die Anweisungen zur Lügeninterpretation nicht gleichzeitig bei allen Lügnern ankommen. Von alleine wird dieser Staat nie stehenbleiben.

Den russischen Staat kann nur die gesellschaftliche Meinung aufhalten, eine massenhafte Bewertung der Ereignisse seitens des Volkes. Die Volksstimme gegen den Krieg. Direkte Erklärungen der Menschen, dass sie nie wieder diejenigen wählen werden, die den Krieg unterstützt haben, die an der Kriegspropaganda teilgenommen haben, die Menschen wegen ihrer politischer Ambitionen in den Tod geschickt haben. Dass sie nie wieder diejenigen wählen, die gelogen haben.

Dieser Meinung sind weitaus mehr Menschen, als man Stimmen der Ablehnung und des Protestes hört. Viele Menschen beschließen, darüber zu schweigen, behalten ihre Meinung für sich im Geheimen, bei sich. Weil sie Angst haben. Aber: Sie nehmen an der Lüge nicht teil.

Umso wichtiger sind in der Gesellschaft die Stimmen derer, die auch Angst haben, für die aber die Einsicht in Handlungsnotwendigkeit das Angstniveau überschreitet.

Was ist stärker: die Angst um sich oder die Angst um das Volk, um die Folgen dessen, in was der Staat das Volk verwandelt? Jeder muss diese Frage für sich selbst beantworten.

Lebenswichtig ist jedoch, dass es so viele wie möglich solche Menschen gibt.

Die Lüge vervielfacht Gewalt und Tod. Die Lüge beklaut ein Volk seiner Zukunft, beraubt es seines Seelenfriedens und des Friedens in seinem Land. Die Lüge verdirbt das Volk.

Aber Lüge ist zeitweilig.

Es wird der Tag kommen, an dem die Wahrheit ans Licht kommen wird.

Es werden offiziell die Namen der Gefallenen genannt werden. Wir hoffen – aller. Es werden offiziell die Namen der Befehlshabenden genannt werden. Wir hoffen – aller, angefangen bei dem allerersten. Für diejenigen, die nun glauben, dass die Information über die Teilnahme der russischen Armee am Krieg in der Ukraine und über die gefallenen russischen Soldaten eine Unwahrheit ist, wird es einen großen moralischen Schock bedeuten. Es wird die Zerstörung ihres Weltbilds sein, das auf einer Lüge aufgebaut war.

Und dann wird es klar werden, dass derjenige ein Verräter ist, der über die Nicht-Teilnahme am Krieg lügt, über die Verluste, über die Beerdigungen… Ein Verräter ist derjenige, der sein Volk belügt und es verdummt, um im Volk den Hass zu schüren und dann diesen Hass für sich auszunutzen.

Die Lüge ist eine Sprache des Verrats, die Sprache des Volksverrats.

Und die Sprache der Wahrheit ist die Sprache der Volkstreue.

Alles wird an seinen Platz fallen.

Das Weiße wird wieder weiß, das Schwarze schwarz.

Der Kampf um die Wahrheit ist ein Kampf um das Leben. Das Leben eines einzelnen Menschen und das Leben eines ganzen Volkes.

Jeder Lebende hat ein Recht und eine Möglichkeit zu entscheiden, wofür es sich zu kämpfen lohnt.


Lew Schlosberg in seinem Blog in „Echo Moskaus“. Quelle: echo.msk.ru [1]; übersetzt von Irina Schlegel [2].