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Parmesan – das ist kein Käse! Parmesan – das ist ein Feind der Russischen Föderation!

Die russische Fernsehpropaganda zeichnet der russischen Wählerschaft weiterhin das Bild des „äußeren Feindes“. Nur jetzt kam es im „Team“ der russischen Propaganda zu einem Wechsel. Statt „ukrainischer Faschisten“ kommen importierte Lebensmittel aufs Feld. Ungefähr diese Meinung vertritt der russische Journalist und bekannte Blogger Arkadi Babtschenko [1] auf seiner Facebook-Seite [2]:

Lasst mich euch doch mal etwas über Parmesan erzählen und warum man ihn unbedingt verbrennen muss.

Die Idee mobile Krematorien an die Grenze zu bringen, um mit ihrer Hilfe Parmesan und Schinken zu verbrennen, scheint euch ein barbarischer und haarsträubender Schwachsinn zu sein, aus der Sicht der Regierung jedoch ist es nicht nur logisch – es gibt einfach keinen anderen Ausweg für sie.

Russland ist ein Land, das nur von einem Gedankengebilde lebt – umgeben von Feinden. Nehmen wir die neueste Geschichte als Beispiel. Also während Putins Regierungszeit waren unsere Feinde: Tschetschenen, die sich abspalten wollten; später überregionale Wahhabiten, die die Häuser sprengten, darauf noch umfassender – der globale Terrorismus; später generell alle Tschurken („Tschurka“ – abfällige Bezeichnung für Vertreter des Südens und des fernen Ostens der ehemaligen UdSSR (Kaukasus, Zentralasien, Burjatien etc). Danach die estnische SS, die die Denkmäler niederrissen und Paraden abhielten. Später Tadschiken, Kirgisen, Usbeken und die übrigen Urjuk… Hausmeister, ehrlich gesagt („Urjuk“ – trockener Pfirsich, andere abfällige Bezeichnung für Zentralasiaten). Danach allgemein Migranten, denen wir Filtrationslager erbauten – erinnert ihr euch, erst vor kurzem bauten wir Konzentrationslager in Goljanowo für arme Vietnamesen, von denen bereits 800 deportiert wurden? Später georgische Faschisten und Michail Saakaschwili als separate Geschichte. Danach generell alle Georgier – erinnert ihr euch, erst vor kurzem änderten wir in Schulen die Nationalität der Kinder und ein Oppositionsführer schlug vor, alle Georgier zu deportieren? Danach Pädophile, dann norwegische Pädophile, dann Homosexuelle, dann die Pindosy (abfällige Bezeichnung für US-Amerikaner), danach adoptierende Pindosy, dann Psaki, später Nationalverräter und die übrigen Liberalen, dann ein wenig die Juden und später zum Teil Atheisten, Gelehrte, Zauberer, danach ukrainische Faschisten. Dies ist nur das, was man sich einfach sofort ins Gedächtnis rufen kann. Tatsächlich sind es noch einmal so viele.

Gegen all diese Feinde kämpften wir ohne unsere Bäuche zu schonen, die Ergebnisse fielen jedoch immer unterschiedlich aus. Wenn die Juden und Pindosy zum Beispiel die ewigen und unbesiegbaren Feinde sind (mehr als das: diese Feinde sind im höchsten Maße unersetzlich, welche man auf gar keinen Fall besiegen darf. Denn sobald es keine Juden und Pindosy mehr gibt, wird es auch kein Russland geben, das ohne sie einfach nicht existieren kann, wie der Schatten ohne das Licht nicht existieren kann) – und wir den georgischen Faschismus erfolgreich besiegt haben, dann will es mit dem ukrainischen Faschismus nicht so sehr gelingen.

Mit dem ukrainischen Faschismus – trotz solch eines scheinbar glänzenden Sieges wie der Krim – ist subjektiv gesehen wirklich der größte Erfolg dieser Regierung im Kampf gegen die Feinde erzielt worden, gemessen zumindest an den Quadratkilometern des gestohlenen Territoriums. Objektiv gesehen ist es dort zum schlechtesten Resultat gekommen.

Der ukrainische Faschismus – dieses Feindbild war absolut beispiellos. Für dessen Schöpfung solche umfassenden Kräfte und Mittel, solche Praktiken aufgewendet wurden, wie sie bisher nirgendwo und niemals zum Einsatz kamen, nicht einmal gegen die Pindosy. Bei der Propaganda wurden alle Verbote aufgehoben, jeder Rubikon überschritten. Jeder Rubikon wurde auch bei den Sitten und Methoden der Kriegsführung überschritten. Es wurden Waffen eingesetzt, die nicht in lokalen Konflikten, sondern im totalen Vernichtungskrieg zum Einsatz kommen, wenn der Feind die Existenz deines Bodens, deines Volkes, deines Landes bedroht.

Es war der Feind der so total, absolut, entmenschlicht und dämonisiert war, wie es sich kein Tschetschene oder sogar kein Amerikaner vorstellen könnte. Dementsprechend hätte auch der Sieg über diesen Feind beispiellos und total sein müssen – mindestens ein Neurussland. Und noch lieber natürlich die russische Flagge über den Panzern in Kiew. Doch es hat nicht funktioniert.

Der Blitzkrieg war nicht erfolgreich, der Krieg hat sich hingezogen. Die Propaganda überschritt eine derartige Grenze, hinter der sie einfach ihre Wirkung verlor, sich selbst aufgefressen hat. Die Bevölkerung ist nach einem Jahr erschöpft, in Hassausbrüchen Schaum aus dem Mund zu spucken und vergiftet von einer Überdosis an Propaganda, ist sie ihr gegenüber durch den Ausbau der Fähigkeit, sie in beliebigen Mengen ohne einen besonderen Effekt zu konsumieren, immun geworden. Ja und überhaupt – die „Boeing“ abgeschossen und die Sanktionen.

Das heißt, ich fasse zusammen: Russland entwickelte sich immer nach einem sehr einfachen Schema – nach dem Schema einer Kaleidoskopröhre. Am Rädchen drehen und im Gesichtsfeld erscheint ein neues Bild, auf dem eine neue Realität abgebildet ist. Obwohl du scheinbar immer in ein und das selbe Guckloch blickst. Auf ein und den selben Bildschirm.

Wir haben immer einen Feind, den wir bekämpfen, und das Wichtigste in diesem Kampf ist: rechtzeitig am Rädchen zu drehen. Rechtzeitig den verfaulten Feind, an dem man sich bereits gewöhnt hat, gegen einen Neuen, Frischen zu tauschen. Das Feindbild des „ukrainischen Faschisten“ ist vorerst ein wenig verfault und erzielt nicht mehr die gewünschte Wirkung. Die Probleme, die es gab, sind nicht nur geblieben, sondern haben sich auch noch vergrößert. An der Tagesordnung stehen Sanktionen und das Internationale Tribunal. Und das bedeutet was? Wer ist unser neuer Feind? Was haben wir für eine materielle, greifbare Verkörperung eines Tribunals, das man anfassen kann und was wir bekämpfen werden? Richtig — PARMESAN!!!!

 Also ist Parmesan kein Käse! Parmesan – das ist ein Feind der Russischen Föderation.

Diese Regierung hält sich nur an einer Kraft fest. Nicht an der Bildung, nicht an der Wirtschaft, nicht an Technologien, nicht an der gesellschaftlichen Entwicklung. Nein, das Fundament des Throns in diesem Land ist immer nur eines — der gnadenlose, ständige Kampf mit dem grausamen Feind.

Deshalb gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder schickt die Regierung mobile Krematorien zur Grenze und verbrennt allen ernstes in ihnen, live vor Kameras, Parmesan (ihn davor am besten mit den Füßen getreten) oder der Thron unter ihr wird zusammenbrechen.

Ja, sicher ist das der idiotischste und blödeste aller Feinde, die wir bisher hatten und veranschaulicht nur den Grad der Paranoia und der Degeneration, die sich entsetzt an den Thron der Macht klammert – doch andere gibt es im Moment noch nicht. Denn wenn er den Parmesan nicht LKW-weise zu verbrennen beginnt, wird es hier zu Entzugserscheinungen kommen. Wie bei Drogenabhängigen, die nicht mehr an eine Dosis kommen. Wie kann man nur! Die Wagen einfach wenden? Den Feind entkommen lassen? Geht’s noch?

Also wird es ein richtiger Kampf mit den Würstchen. Ein echter. Gnadenlose Vernichtung, ohne einen Fußbreit russischen Bodens herzugeben. Und es geht auch ehrlich gesagt nicht um den Parmesan. Selbstverständlich ist es nur ein vorübergehender Feind. Ein kurzlebiger. Bis sie einen Neuen, einen Geeigneteren finden. Es geht nämlich darum, WEN sie Neuen finden und dann in ihren jetzt legalisierten Krematorien verbrennen werden.

Quelle: politolog.net [3]; übersetzt von Kateryna Matey [4].

Lesen Sie auch: „Alexander Newsorow: das Würstchendrama von Slowjansk“ [5]