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Pjotr&Masepa: Zur Situation an der Front im April 2017

von Kirill Daniltschenko alias Ronin [1]

Lange haben wir nichts in dieser Rubrik veröffentlicht – seit den Zeiten der Explosionen in Balakleja und der weiteren lokalen Konfliktzuspitzung am südlichen Frontabschnitt. Nun ist die Temperatur die gleiche, wie sie im Krankenhaus das ganze Jahr über im Durchschnitt war – ein Patt, auf Null, keine reale Vorwärtsbewegung des Verhandlungsprozesses, Stellungskrieg unter dem Mantra über die Abwesenheit einer Alternative für Minsk und die übliche „Waffenruhe“ zu irgendeinem Festdatum (Ostern, Silvester, Schulanfang), die nicht mal 24 Stunden anhält. Beide Seiten beschäftigen sich weiterhin mit militärischem Ausbau, verstärken ihre Gruppierungen in der roten Zone und setzen Kampfhandlungen an Schlüsselstellen der Front fort – am Switlodarsk-Bogen [2], an dem Dreieck bei Donezk, nahe Horliwka und an traditionellen Schmerzpunkten wie der Knoten Marjinka-Krasnohoriwka. Und traditionell kommt noch das Küstengebiet hinzu.

Die Verluste der ukrainischen Streitkräfte im März belaufen sich nach verschiedenen Angaben auf 35-38 Gefallene. Das sind aber nicht nur Kampfverluste in der ATO-Zone, sondern auch andere Verluste wie Unfälle, Herzanfälle, chronische Krankheiten, Selbstmorde und Kriminalitätsopfer. Für die erste Dekade des April sind die Zahlen ähnlich (wir wissen von 6 Kampfverlusten und zumindest 7 anderweitigen Todesfällen) – im Großen und Ganzen sind die Verlustzahlen bei der ukrainischen Armee hinreichend transparent und liegen offen. In einem Monat kann eine Verwundetenzahl von 150-190 Menschen kommen – manche werden später durch die Sanitätskommission ausgesiebt oder in die Logistik-Einheiten versetzt, also können die schlussendlichen unumkehrbaren Verluste auch größer sein.

Sie sind aber durchaus bekannt. Und selbst die Todesfälle in der Etappe bei der Ausheilung oder Fälle von Invalidität sind durchaus real einzuschätzen, auch ohne Zugang zu Informationen auf operativer Ebene zu haben. Bei den Söldnern ist dagegen nicht alles so offensichtlich – selbst wenn man die Geschichten von Chodakowski über 50 unumkehrbare Verluste in allen D/LVR-Korps pro Tag (Gefallene, Verwundete, Gekündigte, Kranke) ernst nimmt oder sich in die Berichte über die unzureichende Komplettierung (bis zu 40%) des Personalbestands bei den „Hybridern“ vertieft, wird keiner die offiziellen Zahlen finden können. Es wird viel Unsinn über Söldner, Polen, private Militärunternehmen, ukrainische Diversanten, Schwarze auf den SPWs, Konzentration von Panzern und Panzerhaubitzen geschrieben, sobald es aber um Offiziöses bei den eigenen Gefallenen geht, so werdet Ihr nichts außer „einer gefallen, einer verwundet, drei sind auferstanden“ finden. Wobei allein den Gedenk-Posts in sozialen Netzwerken zufolge nur im März Dutzende Gefallene der hybriden Armee identifiziert worden [3] sind, inklusive der Kompaniekommandeure und Staatsbürger Russlands.

Und die Gründe dafür sind ziemlich einfach – der Unterschied liegt in der Langzeitstrategie. Für die Russen ist es ungünstig, ihre realen Verluste bekannt zu machen – da liegt der Hund begraben, bei den ganzen Verboten der Preisgabe von Geheimnissen und den wildesten Gerüchten. Offiziell anzuerkennen, dass das Erhabene und Wunderschöne Russland im dritten Jahr für ein paar Gebietszentren und Dörfer gegen das „Land 404“ kämpft und sich ein eigenes Afghanistan 100 Kilometer von der Schwarzerde entfernt erschaffen hat, verzerrt ein wenig den abgestimmten Chor aus dem Kreml über das Aufstehen von den Knien und den Kampf gegen den Feind irgendwo auf den weit entferntesten Stellungen. Darüber hinaus gibt es noch eine Sache: In den besetzten Territorien lebten über 4 Millionen Menschen. Das sind bis zu 10% der Gesamtbevölkerung der Ukraine. Selbst jetzt, nachdem zwischen einem Drittel und der Hälfte der lokalen Einwohner zu Binnenflüchtlingen geworden sind, ist es die größte nicht anerkannte Enklave auf dem Planeten.

Aufgabe Nummer eins für die Kremlpropaganda ist es, ein Maximum an Einheimischen in die Söldnerreihen zu bringen und die restlichen als Flüchtlinge oder Empfänger von Sozialleistungen zu einer Belastung für das Budget unseres Landes zu machen. Gerade für die auf dem Territorium der D/LVR Gebliebenen wird ununterbrochen Unsinniges über die Vorbereitung der ukrainischen Streitkräfte auf eine Offensive, über Hunderte Beschüsse monatlich, Strafkommandos, NATO-Truppen in Mariupol, türkische Instrukteure und der restliche Quatsch gesendet. Die tatsächlichen Verluste und die Tatsache, welchen Prozentsatz davon reguläre russische Militärangehörige und Söldner ausmachen, gehört zu den Staatsgeheimnissen. Da es die Aufgabe gibt, die verarmten Einheimischen in größter Zahl in die „Korps“ zu bringen, dürfen die Reste ihres Kampfgeistes nicht durch solche Mitteilungen vernichtet werden, dass sie Monat für Monat als Kanonenfutter in einem schweren Stellungskrieg dienen werden. Die Angst und die Lüge – zwei Hebel der Langzeitstrategie Russlands, die Strategie der Erschaffung einer alternativen Realität unter Kriegspsychose, Diktatur und Konservierung der existierenden Sachlage, bei der jegliche innere Probleme Syrien oder der Ukraine zugeschrieben werden. Die Phase der niedrigen Preise für Kohlenstoffe, die Sanktionen und die Abkühlung der Beziehungen mit dem Westen erfordern klassische, zeitgeprüfte Entscheidungen – totalitäre handliche Formationen à la Nordkorea, deren Anführer drohen, über Kyjiw nach Warschau zu gehen und das Problem mit den Angelsachsen zu lösen, passen hier ideal.

Die Langzeitstrategie der Ukraine dagegen ist der maximale Ausschluss Russlands und seiner Söldner aus dieser Gleichung unter gleichzeitiger Steigerung des Preises für den Unterhalt der Enklave. Unwichtig ist, ob dies mittels Blockadeelementen, Sanktionserweiterung, Blockierung von Checkpoints oder Vernichtung der Verkehrspolizeistellen mit Artilleriefeuer bedeutet. Oder auch mittels maximaler Verkleinerung der „grauen Zone“ – damit der Gegner monatelang unter Mörserfeuer sitzt und die ukrainischen Streitkräfte, indem sie sich einer langen Reservebank (im Vergleich zur „D/LVR“) bedienen, die Zufahrts- und Kommunikationswege abschneiden, Logistikfahrzeuge mit Panzerabwehrlenkwaffen zerschießen und die Einwohner der nichtanerkannten Enklaven vor die einfache Wahl stellen: in den Schützengräben für 15 000 Rubel zu vergammeln oder die „Unterrepubliken“ zu verlassen.

Selbst bei ihrem eventuellen Wunsch, die Verluste geheimzuhalten, ist es für die ukrainischen Streitkräfte weder möglich zu machen noch besitzen wir Instrumente dazu, wenn nach drei Tagen Videos von eingenommenen „Almas“ (Anm.d.Red.: „Almas-1“ und „Almas-2“ – Stützpunkte der „DVR“-Terroristen) auftauchen und wir ein paar Stunden später die Nachnamen der Gefallenen erfahren. Im Grunde brauchen wir es gar nicht. 30-40 Gefallene im Monat März – das sind zwar die zahlreichsten Verluste seit Sommer 2016, sie liegen aber noch immer im Rahmen der Statistik der Todesfälle wegen der Grippe und haben nicht mal einen taktischen Einfluss auf den Verlauf des Konflikts. Dabei ist keine einzige Aufgabe des Auszehrungskrieges erfüllt worden – die Wirtschaft der Ukraine wächst, die Kohlenstoff-Erpressung ist nicht gelungen, zur Konservierung der Situation wird keine Mobilisierung gebraucht, und bei keiner einzigen Verschärfung der Situation, von Marjinka bis „Almas“ und Switlodarsk-Bogen, gehörte der Sieg der gegnerischen hybriden Armee.

Was den Brand im 65. Atommüll-Arsenal in Balakleja angeht [4], nennen verschiedene Quellen verschiedene Schadenszahlen. Von 220-330 Millionen Hrywnja bis zu den gleichen Summen, aber in Dollar. Dabei wurden SM9-Raketen, 152-mm-Artillerie und 125-mm-Panzergeschosse, Minen verloren – eine ziemlich umfangreiche Nomenklatur der Geschosse. Was auch immer der Grund für den Brand und die Detonation war, ob eine Diversion oder Verletzung der Sicherheitsvorkehrungen vorlag – dieses Problem ist keins, dass man in kurzer Zeit lösen kann. Im Großteil der Arsenale sind bei zwischen einem Drittel und der Hälfte der Vorräte ihre möglichen Aufbewahrungsfristen längst überschritten worden. Tatsächlich bedeuten jegliche Manipulationen mit dem Kampfsatz in den Atommüll-Depots bereits ein Entminen – und hier geht es um Tausende und Abertausende Tonnen.

Dasselbe 65. Arsenal in Balakleja benötigte noch vor dem Krieg etwa 300 Millionen Hrywnja, um die Feuersicherheit zu gewährleisten, die Fäulnislagerstätten am Boden aufzuräumen, die Infrastruktur für eventuelle Feuerlöschung auszubauen. Dieses Geld wurde nie zugeteilt, wenn man aber bedenkt, dass noch Mittel für den Abtransport von Munition gebraucht werden, für ihre Verwertung, für den Bau von neuen unterirdischen Depots, für die Bewachung und Videobeobachtung, so werden die Kosten für die Veränderung der Situation durchaus vorstellbar. Und wir möchten noch daran erinnern, wie vor ein paar Monaten im Informationsraum überall „Verrat!“ zu hören war, als die Fla-Raketenkomplexe „Strela“ und die Minen im Rahmen der Programme und für das Geld der westlichen Partner verwertet wurden. Es hieß, man dürfe sowas nicht während des Krieges machen. Das Leben erweist sich aber als schwieriger, als unsere Vorstellung davon.

An der Front finden lokale Zusammenstösse statt, im Durchschnitt circa 35-45 Zwischenfälle pro Tag, periodischer Einsatz von Artillerie, Streifzüge und Erkundungsaktivitäten in kleinen Gruppen – im operativ-taktischen Kommando „Mariupol“ von Schyrokyne, Wodjane, Hnutowe entlang der Linie Tschermalyk-Pawlopol und bis zu Dokutschajiwsk, Marjinka und Krasnohoriwka. Hauptsächlich sind es Störbeschüsse, es arbeiten automatische Granatwerfer, schwere MGs, auf Autos installierte Fla-Lafetten 23/2. Beide Seiten führen Feuer aus Panzerfahrzeugen, verwenden umfangreich die 82- und 120-mm Mörser. Äußerst aktiv sind die Scharfschützen – es gibt Frontstellen, an denen es unmöglich ist, sich außerhalb der Verbindungswege und Deckungsstellen zu bewegen. Im Küstenbereich gibt es mehrere verwundete Soldaten der ukrainischen Streitkräfte, zwei am 18. April wegen eines Mörserbeschusses in Tschermalyk.

In der Verantwortungszone des operativ-taktischen Kommandos „Donezk“ sind Aktivitäten in der Nähe der Entlüftungsschacht des Bergwerks „Butowka“ (da haben ukrainische Streitkräfte Verluste), im Raum des Dreiecks Pesky, Opytne, Wodjane, Duelle beim Jassynuwata-Checkpoint und dem Verkehrsknoten zu beobachten. Es gehen Nachrichten über den Verlust des bereits zweiten Kommandeurs der Zug- und Kompanie-Ebene in diesem Sektor ein – Alexander Schischka, der am 14. April 2017 im Kampf gefallen ist. Gerade hier sind die meisten Beschüsse mit 120 mm Mörsern, Raketenwerfern und großkalibriger Rohrartillerie zu verzeichnen. Die Kanonade reicht zwar nicht an die Kämpfe des letzten Frühlings oder die Situationsverschärfung um die „Almasen“ heran, es wird aber (seitens der Terroristen) regelmäßig angegriffen, besonders oft bei Dunkelheitseinbruch: Störfeuer aus Panzern auf die vordersten ukrainischen temporären Feuerstellungen, mobile Feuergruppen mit SPWs oder einigen „Wassiljok“ auf Autos, die chaotisches Feuer auf die vorderste Linie führen, Scharfschützengruppen und Gruppen mit Panzerabwehrlenkraketen (im Sektor wird des Öfteren der Draht von Raketen gefunden), die versuchen, die entdeckten ukrainischen Feuerstellungen anzugreifen. Bei Sajzewo wird die Schießerei gar nicht eingestellt – hauptsächlich Schützenwaffen und Granatwerfer, manchmal kommen aber auch Mörsergeschosse angeflogen.

Im Norden ist alles relativ ruhig – sporadische Schießereien aus Schützenwaffen und Granatwerfern in Krymske, Sis, Staniza Luhanska, Katerynowka und Popasna. Hier ist traditionell der „friedlichste Sektor“ – bedeutende Aktivitäten von kleinen Gruppen und Diversanten in „Grün“, aber ein minimaler Einsatz von Schwerbewaffnung. Im Großen und Ganzen ist entlang der ganzen Frontlinie eine operative Pause zu verzeichnen – selbst im Vergleich zum März hat die Anzahl der Beschüsse und die Verschärfung von positionellen Kämpfen bedeutend nachgelassen. In der nächsten Ausgabe dieser Rubrik nehmen wie die Übergabe vom neuen Militärgerät an die ukrainischen Streitkräfte auseinander (da gibt es mehrere Punkte, von Radaren bis hin zu Sanitätswagen und zweiachsigen Panzerfahrzeugen), sowie die Kampfvorbereitung von Einheiten und Truppenverbänden, inklusive der Luftwaffe – es findet eine ziemlich umfangreiche Arbeit statt.

Der Hauptgrund für das Patt im Osten ist nicht nur militärischer, sondern auch politischer Natur – die Russen halten einfach hin, da sie das Offensichtliche nicht anerkennen wollen. Jegliche Fantasien über den Zerfall der Ukraine oder auch die Durchsetzung der Interessen Russlands auf dem Gewaltwege bei Verlusten von 300-400 ukrainischen Soldaten im Jahr vor dem Hintergrund einer wachsenden Wirtschaft, der eindeutigen Niederlage vorzeitiger Wahlen und der Befreiung von der Gas-Erpressung sind eine reine Utopie. Das Wichtigste, was die Ukraine erreicht hat – in absehbarer Zukunft wird jegliche prorussische Partei nur einen in 25 Jahren minimalsten Prozentsatz erreichen, wovon sowohl Umfragen als auch lokale Wahlen zeugen.

Vor dem Hintergrund der jahrelangen 2-3 Plätzen für die Kommunisten in Werchowna Rada (ukrainisches Parlament) und der Dominanz der „Partei der Regionen“ ist heute faktisch jede politische Kraft, die eine Koalition zu Stande bringen kann, inklusive ausgekochter Populisten, gezwungen, unter dem Druck der Gesellschaft betont proukrainisch zu sein, die Dezentralisierung fortzusetzen und die Armee zu stärken. Es findet zwar ein Handel um „Aktentaschen“, Einflusshebel oder auch um die für die finanzindustrielle Gruppe gebrauchten Gesetze statt, aber der Vektor hat sich eindeutig geändert. Was bedeutet, dass kein einziges unserer Opfer an der Front vergebens war und niemals vergebens sein wird. Trotz des grausamen Preises gewinnen die ukrainischen Streitkräfte für unser Land das Wertvollste – die Zeit.

Bleiben Sie in Verbindung und bleiben Sie bei uns. Wir werden siegen.


Autor: Kirill Daniltschenko alias Ronin [1] für Pjotr&Mazepa [5]; übersetzt von Irina Schlegel [6]; editiert von Klaus H. Walter. [7]