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Krieg in Syrien: Wie die russische Marine Baschar al-Assad hilft

Seit fünf Jahren führen Regierungstruppen Syriens relativ erfolgreich Kampfhandlungen gegen mehrere Gegner gleichzeitig: gegen syrische Aufständische, moderate Islamisten, syrische Kurden und den IS. Das Territorium, das von Baschar al-Assad kontrolliert wird, verkleinert sich von Jahr zu Jahr, die Macht zu halten gelingt dem Regime dabei in vielem dank der wirtschaftlichen und militärischen Hilfe von der Russischen Föderation. Das Team von InformNapalm beschloss die Ausmassen und statistische Angaben zum Verkehrszuwachs der Kriegsschiffe verschiedener russischer Flotten in den syrischen Hafen Tartus anschaulich zu präsentieren. Im folgenden Material hat der OSINT-Experte von InformNapalm Anton Pawluschko mehrere umfangreiche Tabellen mit Zeitangaben, dem genauen Zeitraum und der Anzahl von Fahrten der Landungsschiffe russischer Marine, die für den Transport des Militärguts nach Syrien eingesetzt wurden, durchanalysiert und bereitgestellt.

Einer der Gründe für den anhaltenden Konflikt ist der „unerschöpfliche Kriegsvorrat“ des Assad-Regimes, der dank Russland wie per See so auch per Luft permanent aufgefüllt wird. Und wenn in letzter Zeit versucht wird den Luftverkehr irgendwie einzuschränken, so bleibt der Seeverkehr aus Russland ein sicherer „Lebensweg“ für Baschar al-Assad.

Die Hauptrolle in den Lieferungen des Militärguts nach Syrien spielt die Schwarzmeerflotte der Russischen Föderation (die Hauptbasis ist Sewastopol, der sich auf der durch Russland okkupierten ukrainischen Halbinsel Krim befindet).

Theoretisch könnte Russland den Schmuggel vom Militärgut nach Syrien mithilfe der zivilen Schiffe einrichten, aber bereits die erste Frachtkontrolle könnte einen internationalen Skandal auslösen, darum wurde für die Seekonvois die Marine eingesetzt, und nicht nur die Schwarzmeerflotte, sondern auch die Flotte „anderer Seen“. Der Verkehr zum syrischen Hafen wird über den Bosporus und die Dardanellen ausgeführt.

Die Kriegsschiffe dürfen nicht kontrolliert werden, und die Durchfahrt der Golfe wird durch den Vertrag von Montreux 1936 [1] geregelt und setzt nur die Benachrichtigung der türkischen Seite über eine bevorstehende Durchfahrt voraus.

Somit benutzt Russland für die Verlegung von Militärtechnik und Soldaten nach Syrien grosse Landungsschiffe. Die russische Schwarzmeerflotte besitzt 7 grosse Landungsschiffe im Verband der 197. Brigade der Landungsschiffe.

An der Stelle sollte man anmerken, dass sich in Sewastopol auch das während der Krim-Besatzung von den Russen eingenommene ukrainische Landungsschiff „Konstantin Olschanskij“ befindet, aber zum jetzigen Zeitpunkt kann sich Russland noch nicht dazu entschließen, dieses für den Transport des Militärguts nach Syrien einzusetzen.

Wie man der Tabelle entnehmen kann, können aus diesen 7 Landungsschiffen gleichzeitig nur 4 bis 5 Schiffe benutzt werden, darum beschloss man für den Verkehrszuwachs auch Landungsschiffe anderer Flotten einzusetzen. Weiter unten sind Tabellen mit den Angaben zu den anderen Flotten.

Nordflotte – 4 Landungsschiffe des Projekts 775:


Baltische Flotte
– 4 Landungsschiffe des Projekts 775:

 

Pazifikflotte – 3 Landungsschiffe des Projekts 775 und 1 Landungsschiff des Projekts 1171:

*Mit Rot sind in der Tabelle die Schiffe markiert, die für den Transport des Ladeguts über den Bosporus nach Syrien NICHT eingesetzt wurden.

Zwei Haupttypen der grossen Landungsschiffe der Projekte 775 und 1171:

Die veraltete russische Flotte sollte mit den Landungsschiffen des Projekts 1171 (2004 gegründet) verstärkt werden, aber wegen der schlechten Finanzierung wurde bislang kein einziges Schiff dieses Typs zur gegebener Zeit in Dienst gestellt.

Das russische Militärkommando plante auch die Kapazität seiner Flotte für die Verlegung von Waffen und Technik auf Kosten der universellen Landungsschiffe „Mistral“ zu vergrössern, die es bei Frankreich bestellt hat und die bis zu 70 Lastwagen ODER 40 Panzer wie auch 450 Soldaten transportieren können. Diese Schiffe haben eine Wasserverdrängung von 32 000 Tonnen – um einiges mehr, als die Landungsschiffe der 775/1171 Serie (die nur 4400 Tonnen haben). Aber die Krim-Annexion und die Sanktionen haben diese Pläne vereitelt. Nun ist Russland gezwungen, Ladegut nach Syrien mit alten Schiffen sowjetischer Bauart zu transportieren. 

Für die Analyse des Verkehrs russischer Kriegsflotte über den Bosporus wandten wir uns an die türkische Website Bosphorus Naval News [2]. Auf dieser Website sind die Angaben unvollständig, nach Schätzung der Autoren gelang es ihnen circa 90-95% aller Schiffsfahrten durch den Bosporus zu bearbeiten. Die Freiwilligen von InformNapalm haben die Angaben zwischen 2013 und 2015 zusammengefasst, sie auf die Flotten, Schiffstypen und genaue Zeiträume der Durchfahrten aufgeteilt und folgendes Bild bekommen:

In 3 Jahren wurden 300 Durchfahrten russischer Schiffe durch den Bosporus in beide Richtungen registriert. An den Fahrten durch den Bosporus nahmen über 50 verschiedene Schiffe aller Kriegsflotten Russlands teil, darunter mindestens 14 Landungsschiffe aus den 18 Landungsschiffen, die im Dienstgebrauch der russischen Flotte stehen: 5 (Schwarzmeerflotte), 4 (Baltische Flotte), 3 (Nordflotte), 2 (Pazifikflotte).

Der Anteil der grossen Landungsschiffe im Verkehr aller russischer Schiffe, die den Bosporus durchquert haben, beträgt 70% (229 aus 303 Durchfahrten). Dabei haben die Landungsschiffe der Schwarzmeerflotte über die Hälfte aller Bosporus-Durchfahrten gemacht, über 20% Durchfahrten – die Baltische Flotte und circa 10%- die Landungsschiffe der Nordflotte.

Der Standardweg russischer Landungsschiffe (wenn das Landungsschiff aus dem Bestand der Schwarzmeerflotte ist): Noworossijsk-Bosporus-Dardanellen-Latakia/Tartus.

Die Hauptverladung findet in Noworossijsk statt. Für die Verladung in Sewastopol muss man das Ladegut erst auf die Krim bringen und das ist in letzter Zeit schwierig, darum machen die Schiffe der Schwarzmeerflotte einen Umweg Sewastopol-Noworossijsk, was die Durchschnittsreise nach Tartus um einen Tag länger macht. Die übliche Reisezeit aus Noworossijsk in eine Richtung beträgt circa 4 Tage.

Eine Fahrt nach Syrien und zurück dauert im Durchschnitt circa 10 Tage – diese Fahrten kann man im Traffic der Bewegungen über den Bosporus nachverfolgen. Der Öfteren laufen die Landungsschiffe aus dem Schwarzen Meer paarweise aus, fahren die Golfe durch, und laufen nach 8-13 Tagen wieder ins Schwarze Meer ein.

Die Route Noworossijsk-Tartus nimmt circa 4 Tage in Anspruch (1512 Seemeilen/ 2433 Kilometer), ein paar Tage werden die Schiffe entladen und kehren dann zurück (die Distanz und die Fahrtzeit wurden mithilfe des Services SeaRates [3] errechnet).

InformNapalm_Syria_02_DE [4]

 

Der Seeverkehr wächst von Jahr zu Jahr. Es waren circa 30 Fahrten in 2013, über 45- 2014. Zum September 2015 wird die Zahl der Durchfahrten von 2014 vermutlich bereits erreicht sein.

Die grossen Landungsschiffe der Baltischen und Nordflotte laufen permanent zur Rotation ins Mittelmeer-Geschwader [5] aus, im Grunde kursieren sie aber auf der Route Noworossijsk-Tartus.

Öfter als andere lief das grosse Landungsschiff „Kaliningrad“ in Richtung Mittelmeer aus dem Bosporus aus: allein 2014- 10 Mal, weiter folgt das Landungsschiff „Nowotscherkassk“ (9 Mal in 2014, 8- in 2015). Die technische Versorgung in Tartus findet auf zwei Werkstattschiffen der Schwarzmeerflotte statt: Werkstattschiff-56 und Werkstattschiff-138, die sich alle 6 Monate abwechseln [6].

In fast drei Jahren (2013-2015) kann man dank der Angaben von Bosphorus Naval News von über 100 Fahrten der russischen Landungsschiffe nach Syrien sprechen.

Die Angaben zur Bewegung der Schiffe kann man auch leicht in öffentlich zugänglichen VK-Gruppen nachverfolgen, wo sich die Ehefrauen und die Soldaten selbst über die aktuellen Koordinaten der Schiffe austauschen. Die „syrische Frage“ wird dort auch permanent angesprochen.

Des Weiteren werden die Anläufe in Tartus wie von der regionalen Presse (Kaliningrad, Sewastopol, Noworossijsk), so auch auf den Webseiten ITAR-TASS, RIA Novosti usw. beleuchtet.

Bemerkenswert ist, dass auf dem Weg nach Tartus die Schiffe vollständig beladen waren: die Wasserlinie ist auf den Photos kaum zu sehen. Auf den Photos der Bosporus-Durchfahrt in Richtung des Schwarzen Meeres sieht man die Wasserlinie dagegen fast komplett- die Schiffe kommen ohne Ladegut zurück. 

Über das Ladegut ist wenig bekannt, aber seit dem Sommer 2015 begannen den Bosporus russische Landungsschiffe mit Technik, die sogar schon auf dem Schiffsdeck ausgestellt wurde, zu überqueren. Die unter Planen und Tarnnetz versteckte Technik wurde bereits auf den Photos vieler Informationsagenturen festgehalten. So hat die Welt über die Existenz des Landungsschiffes „Nikolai Filtschenkow“ erfahren. Im Grossen und Ganzen ist das ein ziemlich riskantes Manöver für ein Landungsschiff, denn das Schiff läuft auf offener See über eine Langstrecke.

Unter diesem Link gibt es eine Webkamera, über die man die Schiffsdurchfahrten durch den Bosporus beobachten kann: istanbuluseyret.com [7]

 

 

БДК "Николай Фильченков" проходит пролив Босфор. Грузы на палубе скрыты маскировочной сетью. Фото: Yörük Işık [8]

Das Landungsschiff „Nikolai Filtschenkow“ überquert den Bosporus am 10. September 2015. Das Ladegut auf dem Schiffsdeck ist mit Tarnnetz verdeckt. Foto: Yörük Işık

БДК "Николай Фильченков" проходит пролив Босфор 10 сентября 2015. Грузы на палубе скрыты маскировочной сетью. Фото: Alper Böler [9]

Das Landungsschiff „Nikolai Filtschenkow“ überquert den Bosporus am 10. September 2015. Das Ladegut auf dem Schiffsdeck ist mit Tarnnetz verdeckt. Foto : Alper Böler

Und wenn es auf einem Landungsschiff des Projekts 1171 noch möglich ist, das Ladegut auf dem Schiffsdeck zu platzieren [10], so war es äusserst verwunderlich zu sehen, wie Container auf dem Schiffsdeck eines Landungsschiffes des Projekts 775 ausgestellt wurden, wo es eigentlich gar kein Platz dafür gibt [11]. Sieht aus, als ob die Russen in den letzten Tagen in eine logistische Panik verfallen sind. Die Verlegung des Militärguts nach Syrien wird viel intensiver betrieben. Womöglich brauchen die Truppen von Assad dringend Verstärkung.

БДК «Николай Фильченков», проект 1171. Фото: turkishnavy.net [12]

Das Landungsschiff „Nikolai Filtschenkow“, Projekt 1171. Foto: turkishnavy.net

 

БДК «Королёв», проекта 775, проходит Босфор 3 сентября 2015. Грузы размещены на палубе. Фото: turkishnavy.net [13]

Das Landungssschiff „Koroljew“, Projekt 775, überquert den Bosporus am 3. September 2015. Photo: turkishnavy.net

 

Am Ende liefert Russland faktisch offen und vor den Augen der ganzen Welt Waffen an das Kriegführende Regime von Assad. Und in letzter Zeit hat sich die Anzahl der Lieferungen nur vergrössert. Als Resultat hat man im Nahen Osten Millionen Flüchtlinge, Hunderttausende Getötete und allgemeine Instabilität in einer Erdölregion. Aber die Weltgemeinschaft erkennt erst jetzt, vier Jahre später, wer genau Öl ins Feuer dieses Krieges giesst.

Selbst die schwerfällige europäische Bürokratie begann zu handeln. Und da Russland allmählich alle Möglichkeiten genommen werden, sein Ladegut auf dem Luftweg zu transportieren, wird sich die Anzahl der Durchfahrten russischer Landungsschiffe durch den Bosporus wohl verdichten.

Somit, während Russlands Wirtschaft die schwere Last der Sanktionen für die Krim-Annexion und den von Russland entfesselten Krieg im Donbass trägt, gibt die russische Staatsführung weiterhin Milliarden Rubel für die Unterstützung des Assad-Regimes aus. In einem Krieg versackt, wirft sich der Kreml ins Feuer eines anderen. Am Ende kommt „Gruz-200“ mit russischen Soldaten jetzt nicht nur aus Donbass, sondern auch aus Syrien.

Zusätzliche Materialien und statistische Angaben. 

Ungefähre Anzahl der Anläufe in Tartus:

Anzahl der russischen Landungsschiffe, die für die Fahrten nach Syrien eingesetzt wurden:

Ungefähre Anzahl der Fahrten nach Syrien (Schiffe pro Jahr):

Geschätzte Beschreibung der Fahrten im Zeitraum zwischen Januar 2013 und September 2015 (Kriterium: Auslauf aus dem Schwarzen Meer und das ungefähre Rückkehrdatum), insgesamt 117 Ausläufe:

Alle Bewegungen russischer Landungsschiffe durch den Bosporus per Januar 2013-September 2015:


Dieses Material wurde von Anton Pawluschko [14] exklusiv für InformNapalm [15] vorbereitet; übersetzt von Irina Schlegel [16]. Beim Nachdruck, vollständiger oder partieller Verwendung des Materials ist ein Hinweis auf unsere Ressource erforderlich.