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Über die Untaten von „höflichen grünen Menschen“ auf der Krim

Schlägereien, tödliche Autounfälle, Schikane und finanzielle Machenschaften, sowie Rowdytum und eigenwilliges Verlassen des Militärgeländes gehören nun zum Alltag auf der besetzten Krim.

zaglavnay [1]

Bild: vk.com/deniskin92 Iwan Deniskin in der Mitte

„Derzeit sterben Zeitsoldaten wie Fliegen“

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Nur wenige Monate vor der Tragödie absolvierte Ivan die Hochschule für die zivile Luftfahrt in Uljanowsk. Nach einer kurzen Erholungspause meldete er sich für den Militärdienst als Zeitsoldat an. Am 9. September 2015 kam er in der Militäreinheit 43071 in Sewastopol an [3]. Und am 14. September teilte man Ivan Deniskins Mutter telefonisch mit, dass ihr Sohn bewusstlos in einem kritischen Zustand sei. Am selben Tag starb er. Kurz danach erschien auf der VK-Gruppenseite „Komitee der Soldatenmütter – Hilfe für die Rekruten“ [4] ein Aufruf an die Bürger von Sewastopol, bei der Aufklärung dieses Vorfalls zu helfen.

Es war nicht einfach, die Einzelheiten der Tragödie mit Hilfe der Nutzer von sozialen Netzwerken oder Medien herauszufinden. Die Ursache des Todes des russischen Zeitsoldaten ans Licht zu zerren gelang uns dank Dokumenten des Untersuchungsausschusses der „Krimer Staatsanwaltschaft“ der Russischen Föderation, die uns in die Hände fielen. Unter anderem konnten folgende Informationen gewonnen werden: „Am 10. September 2015 organisierte der interimistisch beauftragte Kommandeur der ersten Aufklärungskompanie der Militäreinheit 43071, Leutnant Paramsin I., eigenmächtig und ohne Einwilligung des Kommandanten der Militäreinheit 43071 eine Überprüfung der körperlichen Fitness des zum Vertragsdienst eingetroffenen Deniskin I.W. Nach der Durchführung einiger Übungen ordnete Paramsin einen Sparringskampf zwischen Deniskin I. V. und Sergeant Kozlow V. Y. an, ohne die körperlichen Fähigkeiten und Kampffertigkeiten von Deniskin zu kennen. Gegen 11:25 Uhr des 10. September  schlug Sergeant Kozlow W. Y. Deniskin mit der Faust im Boxhandschuh ins Gesicht. Unmittelbar danach wurde Deniskin übel, er verlor das Bewusstsein und im Komazustand wurde er ins Stadtkrankenhaus №1 in Sewastopol eingeliefert, wo er am 14. September 2015 verstarb.“

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Nutzer des „VK“-Netzwerks überraschte die Geschichte mit Deniskin überhaupt nicht. „Mein Gott… schon wieder starb ein Bursche… Und wieder schweigen die Befehlshaber. Wann geht dieses Chaos zu Ende, warum verlieren Mütter ihre Söhne zu Zeiten des Friedens?“ – fragt Angelica Tschiganajeva aus Uljanowsk. „Derzeit sterben Zeitsoldaten wie Fliegen. Wenn man über alle schreiben würde, würden Sie sich über ihre Anzahl erschrecken,“ – antwortet ihr der Nutzer mit Nikname Bad Boy aus Yoshkar-Ola. „Ivan verbrachte in der Militäreinheit nur 3,5 Stunden, einmal übernachtete er dort und am Morgen wurde er in die Kompanie eingeteilt, dort gab es ein Training. Er bekam eine Kopfverletzung und fiel ins Koma – das ist alles, sagt man in der Militäreinheit,“– schrieb ein wenig später Andrei Golovin aus Urjupinsk.

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„Soldaten im Dienst gaben dem Opfer den Rest mit Fußtritten“

Dieser Tod von den Händen der russischen Militärs auf der besetzten Krim war nicht der einzige im vergangenen Jahr. Der Bericht der örtlichen „Staatsanwaltschaft“ über verschiedene dubiose „Heldentaten“ derer, die russische Propaganda 2014 als „höfliche Männchen“ bezeichnete [8], enthält allein im letzten Quartal 2015 mehrere solche Fälle.
Zum Beispiel: „Am 1. Mai 2015 gegen 5:45 Uhr, in der Nähe des Nachtclubs „Butterfly „in Sewastopol, fügten Militärangehörige aus der Militäreinheit 67606 Gukov Y.Y. und Vladimir Zavyalov dem Bürger Kulikov D. Körperverletzungen zu, infolge derer er starb“.

Dieser Vorfall schlug große Wellen. „In Sewastopol wurde ein Ex-„Berkut“-Polizist brutal zusammengeschlagen, der an der Demoauflösung am Maidan teilgenommen hatte – er starb wegen der Fahrlässigkeit der Ärzte,“ – solche Schlagzeilen überschwemmten [9] das Internet. Tatsächlich, zum Opfer des russischen Militärangehörigen wurde der 25-jährige Dmitri Kulikov – ein russischer Polizist und ehemaliger Kämpfer der Spezialeinheit „Berkut“, die auf dem Maidan in Kiew Aktivisten bekämpfte.

Zusammen mit seiner Frau kam er in der Nacht auf den 1. Mai aus dem Nachtclub, wo er einen Konflikt mit zwei anderen Besuchern hatte. Einer von ihnen schlug den Polizisten auf den Kopf, er fiel zu Boden und schlug mit dem Kopf auf dem Bordstein auf. Die zwei Angreifer traten ihn mit Füssen. Die Ehefrau des Verletzten rief Notärzte, diese trafen nach mehr als einer Stunde ein. Während dieser Zeit musste sie ihrem Mann künstliche Beatmung machen, denn Dmitry verlor das Bewusstsein.

Im städtischen Krankenhaus Nr.1 konnte die notwendige Hilfe nicht geleistet werden, da die diensthabende Ärztin jung und unerfahren war und alle erfahrenen Spezialisten zu jenem Zeitpunkt einen der wichtigsten sowjetischen Feiertage – den Tag der internationalen Solidarität der Arbeiter – feierten.

Im schäbigen Zimmer der Neurologie-Abteilung, wohin Dmitry Kulikov eingewiesen wurde, verbrachte er drei Tage, dabei verschlechterte sich sein Zustand stetig. Am dritten Tag setzte bei Dmitry eine Gehirnschwellung ein, er fiel ins Koma, von dem er sich nicht mehr erholte.

Es ist nicht gelungen den Mord an einem der Helden des „Krim-Frühlings“ [10] totzuschweigen. Die Täter wurden von den örtlichen „Gesetzeshütern“ dank Überwachungskameras schnell ausgemacht – sie waren Armeeangehörige. Zunächst weigerten sich die Behörden, sie auszuliefern. Übrigens, in jener Nacht als Kulikov verprügelt wurde, war einer der Angreifer bereits hangreiflich geworden. „Am 1. Mai 2015 gegen ca. 5:45 Uhr in der Nähe des Nachtclubs „Butterfly“ […] versetzte der Zeitsoldat der Militäreinheit 67606 (127. selbständige Aufklärungsbrigade) Gukov Y. dem Bürger Vityuk V. aus niederen Motiven eine Menge von Schlägen,“ – steht im Protokoll der „Staatsanwaltschaft“ der Krim.

Über andere Mordfälle mit Beteiligung von russischen Militärs war ganz wenig in den Medien zu finden. Solche Fälle würden in demokratischen Ländern zweifellos eine große Aufregung auslösen und viel Aufmerksamkeit der Journalisten auf sich ziehen, auf der Krim werden sie aber verschwiegen und von der Öffentlichkeit ferngehalten. Wir blättern weiter in den trockenen Berichten der Krimer „Staatsanwälte“:

„Heldentaten“ der Seemänner in der „Stadt des russischen Ruhms“

Dokumente der „Staatsanwaltschaft“ auf der Halbinsel zeigen, dass schwere Verkehrsunfälle mit Beteiligung von russischen Soldaten, einschließlich der alkoholisierten, Gang und Gäbe auf der besetzten Krim geworden sind.

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Hier sind einige weitere Heldentaten der „großen Verteidiger der russischen Erde“:

Die Heldentaten der Verteidiger der „Stadt des russischen Ruhms“ beeindrucken durch ihr Heldentum und Mut: „Am 24.09.2015 schoss der Zeitsoldat der ME 83576 Leutnant Movenko A.V. in Sewastopol mehrmals auf einen Hund aus einer Softair-Pistole“.

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Chlorkalk statt Tee

Apropos, bei weitem nicht alle Soldaten sind bereit, ihre Militärpflicht gegenüber Mütterchen Russland zu erfüllen. Zusammen mit den russischen Truppen kam auf die Krim das weit verbreitete russische Phänomen – das eigenwillige Verlassen des Geländes der ME:

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„Scheinhandlung – Schaden für den Staat“

Aber die Siegespalme auf der Krim halten die Finanzverstöße derer, die dem Vermächtnis der „höflichen Menschen“ (in Deutschland als „grüne Männchen“ bekannt) treu bleiben.

Die Korruption unter den Vertretern der Schwarzmeerflotte der Russischen Föderation und die illegalen Aktivitäten ihrer Mitarbeiter sind für Russland das Allerheiligste, sie spiegeln sich auch in der Statistik der „Staatsanwaltschaft“ der Krim wider:

Natürlich ist dies bei weitem keine vollständige Liste von Verbrechen der Krim-„Befreier“. In zahlreichen Berichten verschiedener Menschenrechtsorganisationen wurden viele andere Beweise für Kriegsverbrechen auf der Halbinsel gesammelt. Unter ihnen – militärisch unnötige Enteignung von Eigentum, zwangsmäßiger Dienst in den Reihen der russischen Streitkräfte, Übergriffe und Entführungen von Krim-Einwohnern [14], eine großangelegte Umsiedlung der russischen Bürger auf die Krim.

Zur gleichen Zeit werden die Heldentaten der russischen Militärangehörigen auf der Krim hochgepriesen. Manche versuchen die Alkoholeskapaden und die Verbrechen der „Helden“ auszublenden. Alles, was den Krim-Einwohnern bleibt, ist zu versuchen nicht zu Opfer der eigenen und der vom Festland gekommenen Militärs zu fallen, sowie beim Überqueren der Straßen sehr vorsichtig und schnell zu sein, um nicht von irgendeinem betrunkenen Offizier überfahren zu werden.

 

Dieses Material wurde bereits im April 2016 veröffentlicht, aber wegen der Aktualität der Probleme und auf Anfrage der gemeinnützigen Organisation „Medіaklub des bürgerlichen Dialogs „Evroprostіr“ (Simferopol, Ukraine)“ veröffentlichen wir das Material erneut.

Dieses Material wurde von Dmitry Lisunow vorbereitet; übersetzt von Andrij Topchan [15], editiert von Irina Schlegel [16]. Beim Nachdruck und Verwenden des Materials ist ein Hinweis auf unsere Ressource erforderlich.

CC BY 4.0

Wir rufen unsere Leser dazu auf, unsere Publikationen aktiver in den sozialen Netzwerken zu verbreiten. Das Verbreiten der Untersuchungen in der Öffentlichkeit kann den Verlauf von Informationskampagnen und Kampfhandlungen tatsächlich brechen.