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Des Kaisers neue Kleider: Überblick der Situation in den russischen Streitkräften

Übersicht über die heutige Situation in den Streitkräften Russlands

Die russischen Medien, die sich mit der Kriegsthematik beschäftigen, flimmern die letzten Tage vor Publikationen über die Ergebnisse [1] der Manöver „Kaukasus 2016“, Aufstellung einer neuen Armee [2] und Divisionen in der südwestlicher Ausrichtung. Es wird von Aufstellung der neuen Verbände der Territorialverteidigung [3] auf der Krim, Aufnahme von modifizierten [4] und neuesten [5] Panzern in die Bewaffnung sowie Komplettierung [6] von 125 Kampfgruppen in Bataillonstärke mit Zeitsoldaten gesprochen. Zugleich erscheinen in den relativ unabhängigen russischen Medien ziemlich viele Informationen, die auf Probleme sowohl beim Verteidigungsministerium als auch beim militärisch-industriellen Komplex in Russland hinweisen. Das Finanzministerium trat mit einer Initiative über die Kürzung des Militärbudgets Russlands in den nächsten 3 Jahren um 6 % auf, damit ca. 190 Milliarden Rubel gespart werden können. Mehr noch, am 5. September 2016 unterschrieb D. Medwedew eine Anordnung über die Korrektur des staatlichen Verteidigungsauftrags für das Jahr 2016. Vor diesem Hintergrund sind auch Erklärungen der russischen Amtspersonen und Militärführung über den Aufschub der Fristen für Waffenlieferungen keine Seltenheit. Etwas detailliertere Informationen dazu kann man bei „Swobodna Pressa [7]“ und „Militärische Rundschau [8]“ finden.

shoigu [9]

„Realität ist kein Kino“

Die OSINT-Gruppe von InformNapalm hat Informationen untersucht, die die russischen Militärangehörigen und ihre Nahestehenden in verschiedenen sozialen Gruppen und Foren verbreiten. Nach Ergebnissen der Analyse von Beiträgen, Kommentaren etc. zeichnet sich ein interessantes Bild ab. Wir möchten darauf hinweisen, dass der Hauptakzent bei unserem Monitoring auf den Angaben von Militärangehörigen des hochgepriesenen Südlichen Militärbezirks lag, wenn auch die Situation in den anderen Militärbezirken Russlands kaum besser ist.

Vor dem Hintergrund der Krise, in die sich Russland beim Versuch seine imperialistischen Ambitionen zu stillen selbst hineinmanövriert hatte, ist das Lebensniveau der Russen im Vergleich zu den „fetten 2000er Jahren“ stark gesunken. Viele Betriebe und Kleinunternehmen stehen am Rand des Bankrotts, die Arbeitslosigkeit ist stark angestiegen. Gewisse Stabilität ist nur noch bei Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben einschließlich der Streitkräfte zu verzeichnen, wobei insbesondere die letzteren das Auskommen ihrer Offiziere und Zeitsoldaten garantieren können. Mit der Inflation des Rubels wird zwar auch die Armee immer weniger attraktiv – im Zivilleben hat man aber nun gar nichts mehr zu tun.

Der Offiziersbestand der russischen Armee hat infolge der Krise gar nicht so viel verloren. Ja, der Arbeitslohn der Kommandeure ist im Dollar-Äquivalent nun halb so groß, aber wendige und an eine korrupte Struktur gewohnte Personen finden noch immer Möglichkeiten, diese Verluste zu kompensieren. In vielen Militäreinheiten des Südlichen Militärbezirks, die mit Wehrdienstleistenden komplettiert sind, sind die „Abzüge“ für alle möglichen „Haushaltsfragen“ der Kompanien und Bataillone mehrfach gestiegen. Eine weitere Einkommensquelle der Offiziere ist das Schmiergeld für gute Dienstzeugnisse, wobei Kommandeure aller Ebenen, vom Zugkommandeur bis zum Bataillonskommandeur (womöglich sogar Brigadekommandeur), für das Erstellen von guten Charakteristiken, Ehrenurkunden oder für Anträge auf Auszeichnungen Geld verlangen. Die Stabsoffiziere haben dabei ihre eigenen Leckerbissen: In vielen Brigaden, wo Zeitsoldaten mit Familien dienen, gibt es das Problem der Dienstwohnungen, das man über den Stab der Militäreinheit lösen muss, wobei ca. 50 000 Rubel für eine positive Entscheidung auf den Tisch gelegt werden sollen.

Im Unterschied zu Offizieren, die eine Möglichkeit gefunden haben, sich der Krise zu entziehen, ist das Leben der Zeitsoldaten ganz und gar nicht mehr so rosig wie früher. Wenn früher der Durchschnittslohn abhängig von Rang/Dienststellung/Dienstjahren zwischen 25 und 35 000 Rubel variierte und 830 bis 1160 US-Dollar entsprach, so ist er heute nur äquivalent zu 380 bis 530 US-Dollar. Natürlich gibt es noch die Möglichkeit der Zuschläge, aber diese Auszahlungen sind immer mit Risiken verbunden: Mit ukrainischen oder syrischen Dienstreisen, wofür sich immer weniger Interessenten finden lassen.

Unseren Informationen nach kam es in einzelnen Truppenverbänden des Südlichen Militärbezirks zu massenhaften Kündigungen von Zeitsoldaten auf eigenen Wunsch hin, und zwar vor Ablauf ihres Dreijahresvertrags. So hatten auf der russischen 7. Militärbasis in der Stadt Gudauta (okkupiertes Abchasien, Georgien) in der Zeit zwischen Dezember 2014 und Februar 2015 über 200 Zeitsoldaten nach ihrer Rückkehr aus der „rostow-ukrainischen Dienstreise“ gekündigt [10]. Ungefähr das Gleiche passierte auch ein Jahr später, als über 400 Militärangehörige derselben 7. Militärbasis ihren Vertrag aufgelöst hatten. Dasselbe Bild beobachten wir auch in anderen Truppenverbänden des Südlichen Militärbezirks: Massenhafte Kündigungen wurden in den Militäreinheiten in Tschetschenien registriert, die am häufigsten zu den „ukrainischen Dienstreisen“ herangezogen werden. Das sind die 17. [11], die 18 [12]. und die 8. [13] motorisierten Schützenbrigaden, die mit Zeitsoldaten komplettiert sind.

ukraina [14]

Im Bestreben diese Verluste zu kompensieren, haben sich die Kreiswehrersatzämter und lokale Verwaltungen in den russischen Regionen aktiv in die Arbeit der Rekrutierung von neuem Personal eingeschaltet, darunter auch bei Truppenverbänden des Südlichen Militärbezirks, wo neue Zeitsoldaten ununterbrochen aufgenommen werden. Wenn früher die Kandidatenauswahl ziemlich streng war und Resultate der medizinischen Untersuchung, der physische Zustand, Diensterfahrung, Verlässlichkeit usw. berücksichtigt wurden, so werden nun alle Interessenten aufgenommen, selbst solche, die vorher gekündigt worden waren oder eine Haftstrafe abgesessen hatten. Das Hauptkontingent der neuen Zeitsoldaten der russischen Streitkräfte sind junge Männer im Alter von 21-25 Jahren, die in jüngster Vergangenheit ihren Wehrdienst abgeleistet hatten und dann im Zivilleben nicht Fuß fassen konnten. Viele von ihnen haben schon Familien und der Vertrag wird für sie zur einzigen Möglichkeit, sich vor dem Hintergrund der Krise und Massenarbeitslosigkeit zu ernähren.

Nach Ankunft in den Militäreinheiten warten aber Überraschungen auf die Neuankömmlinge: Die Realität erweist sich als wesentlich härter als ihnen das bei ihren Kreiswehrersatzämtern dargestellt wurde. Das sind Probleme mit der Wohnsituation, Abwesenheit von elementaren Lebensbedingungen und „freiwillig-obligatorische“ Heranziehung zu illegalen Dienstreisen an Brennpunkte. Als Folge zerreissen viele Zeitsoldaten ihre Verträge bereits im 2. bis 3. Dienstmonat und beginnen die Prozedur der Kündigung wegen der Nichteinhaltung der Vertragsbedingungen. Diejenigen, die bleiben, bereuen es mit der Zeit auch, diesem Beispiel nicht gefolgt zu haben.

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Was soll man denn über die Wehrdienstleistenden sagen, für viele von welchen das eine Dienstjahr zur Hölle wird. Abgesehen von Schikanen der dienstälteren Zeitsoldaten werden sie auch von den Offizieren ausgenommen. Für jeden Verstoß sind bestimmte Geldstrafen vorgesehen, und als Verstoß gilt jegliche unvorschriftsmäßige Verfehlung, von Alkoholkonsum bis zur nichtsanktionierten Handy-Benutzung. Des Weiteren, wie oben erwähnt, wird den Soldaten Geld für angebliche Haushaltsbedürfnisse ihrer Militäreinheit abgenommen.

Größere Geldaffären werden auf der Ebene der Brigadenkommandeure und der Stäbe der Armee und Militärbezirke abgewickelt. So wurde auf der 4. russischen Militärbasis (Militäreinheit 66431, Zchinwali, okkupierte georgische Region Samatschablo) unter dem Vorwand, dass neuangekommene Soldaten nicht zum Personalbestand gehören, deren Lohn für den Zeitraum von 1 bis 3 Monaten einfach eingezogen. Der Durchschnittslohn der Soldaten auf den Militärbasen beträgt 11 000 Rubel (ungefähr 170 US-Dollar). Wenn man diese Summe mit der Anzahl der Wehrdienstleistenden multipliziert, die zur Rotation kommen, also ungefähr 1000 Menschen, so beläuft sich die Summe auf 11 000 000 Rubel (170 000 US-Dollar), und das nur in einer einzigen Militäreinheit und nur auf Kosten einer einzigen Affäre mit dem Lohn der Neuankömmlinge.

Auch ist in den Truppenverbänden des Südlichen Militärbezirks die traditionelle sowjetische Schikanierung von neuen Soldaten durch Dienstälteste keine Seltenheit, mit allen dazugehörigen Attributen: Schlägereien, Dominanz von bestimmten nationalen Diasporas, Gelderpressung etc. Die Sterbeziffer unter den Wehrdienstleistenden ist ebenfalls hoch. Zum Beispiel sind auf der 4. Militärbasis in den letzten Jahren 6 Todesfälle von Wehrdienstleistenden [16] registriert worden (nach offizieller Version infolge von Unfällen und Suizid).

kalmik [17]

Ein weiteres Problem ist die nationale Frage. In den letzten Jahren kommt sie immer wieder auf. Als Beispiel kann man hier die Massenschlägerei der Soldaten [18] einer motorisierten Schützenbrigade in Tschetschenien Anfang Februar 2016 anführen, die zwischen Nordkaukasiern (Tschetschenen, Dagestaner, Kabardiner) auf der einen und Russen auf der anderen Seite stattfand. Die russische Propaganda hatte natürlich versucht, diesen Vorfall als einen alltäglichen Zusammenstoss darzustellen. Unseren Angaben nach, hat aber das Kommando des Südlichen Militärbezirks nach einer strengen Direktive aus dem Generalstab begonnen, den eigensinnigen kaukasischen Zeitsoldaten eilig vor dem Ablauf ihres Vertrags zu kündigen und ihre Stellen mit wesentlich loyaleren und nicht weniger kampffähigen Vertretern von Sibirien zu füllen: Tuwinern, Burjaten und Kalmyken.  

Anmerkung: Einige Fragen der internationalen Beziehungen in den Truppenverbänden des Südlichen Militärbezirks hatten wir in unseren früheren Publikationen erläutert: „Ethnischer Bestand der Besatzungstruppen RF auf der Krim“ [19] (russ.) vom 30. März 2014 und „An Introduction to the so-called “Wild”, or National Battalions of the Russian Federation Currently Engaged in Ukraine“ [20] vom 29. August 2014.

kgy [21]

„Aber er hat ja gar nichts an!“

Ausgehend vom Obengenannten liegt der Schluß nahe, dass trotz des ganzen Pathos und Größenwahn des Kremls die reale Situation in den Streitkräften Russlands ebensosehr wie im Staat als Ganzes gar nicht so rosig ist, wie sie von der russischen Propaganda dargestellt wird. Die letzten Aktivitäten Russlands sehen eher wie die Reaktion eines in die Ecke gedrängten Tieres aus. Der Wunsch, die vergangene sowjetische Militärstärke wiederherzustellen wird diesen Staat zu einer absoluten Niederlage führen.

Die Aufstellung von neuen Divisionen ist keine Verstärkung, sondern eine Reduzierung der heutigen Kampfstärke. Unseren Angaben nach wird im Dezember 2016 eine neue Reform in der 58. Armee des Heeres des Südlichen Militärbezirks erwartet, die es vorsieht, mehrere motorisierte Schützenbrigaden in Tschetschenien in Regimente umzugliedern. Also ist eine Reduzierung und Niveausenkung und die darauffolgende Vereinigung in eine neue Division geplant. Und was sowjetische Divisionen sind – daran kann sich jeder noch erinnern. Hauptsächlich waren es Kaderverbände mit unzureichendem Personalbestand, deren Tätigkeit nicht auf die eigentliche Kampfvorbereitung, sondern auf die Schau bei den zahlreichen Militärparaden gerichtet war.

Im alltäglichen Leben wurden die gesamten Kräfte auf die Versorgung und Unterstützung der riesigen Infrastruktur und materiell-technischen Basis dieser monströsen Verbände geworfen. Nicht unbekannt sind hierbei auch Militärinternate für Fähnriche, die ein sorgloses Leben für den Kommandobestand der Regiments- und Divisionsebene und höher gewährleisteten.

All das sieht nach einem grossen Kreml-Bluff aus, der auf einer Seite die Wiederbelebung der einstigen Militärstärke aus dem Nichts annonciert und damit der Weltgemeinschaft Angst einzujagen versucht, auf der anderen aber fieberhaft nach einem Ausgang aus der Sackgasse sucht. Indem der Kreml warme Plätzchen am Fressnapf für treue Beamte und Militärs garantiert, betrachtet er die Durchschnittsrussen als Verwertungsmaterial („Um jeden Preis!“), das jegliche großrussische Ambitionen zu stillen fähig ist. Das bedeutet nicht, dass wir den Feind unterschätzen, wie es aussieht aber, wird gar nicht so heiß gegessen wie gekocht wird.


Dieses Material wurde von Irakli Komakhidze [22] exklusiv für InformNapalm [23] vorbereitet; übersetzt von Irina Schlegel [24]. Beim Nachdruck und Verwenden des Materials ist ein Hinweis auf unsere Ressource erforderlich.

CC BY 4.0

Wir rufen unsere Leser dazu auf, unsere Publikationen aktiver in den sozialen Netzwerken zu verbreiten. Das Verbreiten der Untersuchungen in der Öffentlichkeit kann den Verlauf von Informationskampagnen und Kampfhandlungen tatsächlich brechen.