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Ukraine und die Kunst der Erschöpfung

 

von Lawrence Freedman [1]

,  seit 1986 Professor für Kriegsforschung am King’s College in London.

Russlands Krieg gegen die Ukraine ist jetzt in seinem zweiten Jahr. In den Kampfzonen der Ostukraine finden immer noch regelmäßige Feuergefechte und ebenso regelmäßige tödliche Verluste statt. Ende Juni berichteten die Vereinten Nationen, dass im vergangenen Jahr durch diesen Konflikt 6500 Menschen umgekommen sind. Zusammen mit 16.000 Verwundeten und 5 Millionen Menschen, die hilfsbedürftig wurden. Es gab regelmäßige Warnungen vor neuen russischen Offensiven, aber stattgefunden hat noch keine. Trotz aller Anstrengungen von beiden Seiten haben sich seit letztem September die Grundkonturen des Konflikts kaum geändert. Es ist nicht ersichtlich, dass eine der beiden Seiten eine Strategie hat, die den Konflikt beenden könnte. Die Situation kann beschrieben werden als eine, in der beide Seiten die Erschöpfung der jeweils anderen suchen. Dabei ist Erschöpfung nicht so sehr ein Zustand, der auf der physikalischen Unfähigkeit zur Fortsetzung der Anstrengungen beruht, sondern der eher einem Geisteszustand im Sinne von Müdigkeit und Aussichtslosigkeit entspricht, der dazu führt, einen zuvor abgelehnten politischen Kompromiss anzustreben. Erschöpfung kann also nicht nur das Ergebnis von Frustration bezüglich einer militärischen Lage sein, sondern auch seine Ursache in wirtschaftlichem Druck und politischer Unzufriedenheit haben.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Konflikte nach einer Anlaufzeit von größeren Bewegungen und Landgewinnen bis auf Sondierungen und kleinere Vorstöße beruhigen, wenn beide Seiten einen Punkt der Ermüdung erreicht haben und nicht bereit sind, sich dies einzugestehen. In solchen Situationen kann es sehr wohl zu Versuchen kommen, mit gelegentlichen Offensiven Durchbrüche zu erzielen oder zumindest eine gewisse Zermürbung zu erreichen. Es kann auch sein, wie in diesem Fall, dass Dritte versuchen einen Waffenstillstand und Friedensverträge zu vermitteln. Ein Konflikt, der den Status eines „Stillstands mit gegenseitigen Unterbrechungen“ erreicht hat, wird häufig als reif für eine Verhandlungslösung angesehen. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Bemühungen unbedingt Erfolg haben: sie können stattdessen den Zweck haben zu einer Atempause zu kommen um eine Chance zur Rückgewinnung verbrauchter Energie zu nutzen und so am Ende den Kampf zu verlängern.

Für Strategie-Studenten sind solche Situationen tendenziell eher von geringem Interesse. Hier gibt es ein weit größeres Interesse an Überraschungsangriffen und Vernichtungsschlägen oder an Abschreckung und präventiven Maßnahmen. Doch die Militärgeschichte ist voll mit Beispielen, in denen Staaten sich mit den Folgen militärischer Initiativen auseinandersetzen mussten, die nicht so viel gebracht haben wie man erhoffte, oder die bei Abwehrkämpfen Verluste hinnehmen mussten, ohne das zurückzugewinnen, was bereits vorher einmal eingenommen wurde. Der russisch-ukrainische Krieg passt in dieses Muster und bietet so die Möglichkeit, diesen weniger glamourösen und mehr entmutigenden Aspekt dieses modernen Konflikts zu untersuchen. In diesem Aufsatz ist es für mich von besonderem Interesse festzustellen, ob eine Strategie der Erschöpfung unter diesen Umständen möglich ist. Und zwar mit dem Ziel, durch absichtliche Maßnahmen den psychischen Zustand des Gegners zu beeinflussen und so Kompromisse zu erreichen, die über eine reine Verhandlungslösung nicht zu erreichen wären. Die Idee der Strategie der Erschöpfung hat einen respektablen Stammbaum in der Literatur. Sie tendiert aber weniger dahin, in ihr einen optimalen Weg zum Sieg zu sehen, als aus einem schlechten Job das Beste zu machen. Dafür gibt es einen guten Grund: es ist schwierig, die genauen Auswirkungen der Maßnahmen auszurechnen, die mit dem notwendigen Druck auf den politischen Willen des Anderen einwirken.

Dieser Aufsatz ist der dritte Teil meiner Darstellung des russisch-ukrainischen Krieges, die ich im März 2014 mit einem Aufsatz über die Ursprünge des Krieges im Februar 2014 und die Entwicklung nach dem plötzlichen Abgang des ehemaligen Präsidenten Janukowitsch in Kiew begann. Ein zweiter Aufsatz, der im Oktober 2014 veröffentlicht wurde, befasst sich mit der Zeit bis zur Unterzeichnung des September-Abkommens von Minsk und dem NATO-Gipfel in Cardiff. Beide übernahm ich in längeren Aufsätzen, die von der Fachzeitschrift „Survival, Global Politics and Strategy“ veröffentlicht wurden. Gegenstand dieser Ausarbeitung sind die Ereignisse seitdem, einschließlich des zweiten Abkommens von Minsk, das schlechter eingeschätzt wird als das Erste.

In diesen früheren Aufsätzen, versuchte ich auch den aktuellen Stand in diesem Konflikt durch Hinweise auf ein vertrautes strategisches Konzept unter Berücksichtigung von Krisenmanagement und der Annahme eines begrenzten Krieges zu erklären. Diese Konzepte lassen sich bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Damals war der Krieg ein anerkanntes und eigenständiges Mittel zur Regelung der Beziehungen zwischen Staaten. Ihn nachhaltig zu begrenzen wurde mit der Reichweite, der Tödlichkeit und der Demokratisierung des Krieges immer schwieriger. Dies ermöglichte die Mobilisierung von Massen und das Anstreben von Zielen, die von starken volkstümlichen Gefühlen geprägt wurden. Die Idee eines begrenzten Krieges wurde vor dem Hintergrund der Risiken einer nuklearen Katastrophe in den frühen Phasen des Kalten Krieges wieder aufgegriffen und verfeinert. Die Herausforderung war dann, die Unsicherheit des Übergangs in einen Heißen Krieg mit dem Wunsch in Einklang zu bringen, nicht auf lebenswichtige Interessen verzichten zu müssen. Als Ergebnis nahmen Krise und Krieg Formen eines tödlichen Kuhhandels an, der auf die Maximierung der Gewinne bei gleichzeitiger Minimierung der Risiken ausgerichtet war. Die Kunst bei dieser Methode hing davon ab, ob man in der Lage war, begrenzte Kräfte einzusetzen, glaubwürdige Bedrohungen aufzubauen und die diplomatische Kommunikation aufrechtzuerhalten, um so einen dauerhaften politische Vorteil zu erhalten. Militärische Maßnahmen müssen mit Verhandlungen synchronisiert werden, damit die emotionale Hitze des Krieges und die kalten Berechnungen auf der gleichen Ebene stattfinden können, die zwar notwendig ist um einen Deal auszuhandeln, auf der sie aber nicht gerade einfach nebeneinander existieren können.

Diese Herausforderungen beherrschten in den ersten sechs Monaten die ukrainische Krise deutlich. Heftige Kämpfe und die damit verbundenen wirtschaftlichen Kosten waren ausreichend, um den Wunsch nach einem Waffenstillstand entstehen zu lassen. Es reichte aber nicht dafür, die Voraussetzungen für eine langfristige Vereinbarung zu schaffen, welche die wichtigsten Akteure hätte befriedigen können. Ohne eine solche Vereinbarung aber würde ein Waffenstillstand schwer aufrecht zu halten sein, weshalb es besser war, mit dem Konflikt zu leben, als unwiderrufliche Kompromisse einzugehen. Also wird die Pattsituation fortgesetzt. Von den westlichen Ländern unterstützt, fordert die Ukraine die Rückgabe der besetzten Gebiete. Russland verlangt von der Ukraine, sich mit der neuen Realitäten abzufinden, die Annexion der Krim anzuerkennen und direkt mit der separatistischen Gruppen über eine neue Verfassungslösung zu verhandeln. Keine der beiden Seiten hat vollständig mobilgemacht. Beide haben erhebliche Mittel in Reserve. Angesichts dieser scheinbaren Sackgasse, hat sich die Aufmerksamkeit nichtmilitärischen Formen des Drucks zugewendet, insbesondere den Wirtschaftssanktionen.

Um ihre Position über einen längeren Kampf aufrechterhalten zu können versuchen die Kriegführenden den Mangel an Bewegung in der Mitte des Konflikts mit Spekulationen über erhebliche geopolitische Verschiebungen zu kombinieren. Dazu gehört die russische Annäherung an China, während neutrale Europäer wie Schweden und Finnland sich um einen NATO-Beitritt bemühen. Dies könnte voraussichtlich den Bemühungen, den Konflikt zu lösen oder zumindest seine weitere Ausdehnung zu begrenzen eine größere Dringlichkeit geben. Im Augenblick jedoch zeigt keines der kriegführenden Länder Anzeichen chronischer Müdigkeit, während die Großmächte entweder von anderen großen und komplizierten internationalen Fragen abgelenkt sind oder einfach keine neuen Ideen mehr haben. Die offensichtliche Grundlage für eine Lösung könnte man in den Vereinbarungen von Minsk sehen. Aber deren inhärente Konstruktionsfehler verlangen, dass eine Seite ihre Kernposition aufgeben muss, damit ein dauerhafter Deal zustande kommt.

Die Frage, wie gut beide Seiten mit einem Konflikt zu Recht kommen, der offensichtlich kein erkennbares Ende hat, bringt uns zurück zum Konzept der Erschöpfung. Dies ergibt sich meines Erachtens weitgehend aus der Geschichte des genauso berühmt-berüchtigten wie auch untergeordneten Konzepts der Abnutzung, weshalb ich es auf die Situation in der Ukraine anwende. Im Ergebnis gehe ich davon aus, dass eine Strategie der Erschöpfung eher gut ist für die Ukraine als für Russland.

Der deutsche Militärhistoriker Hans Delbrück unterschied zwischen zwei Grundformen einer militärischen Strategie. Mit „Niederwerfungsstrategie“ meinte er eine Strategie, die eine feindliche Armee niederschlagen und durch eine entscheidende Schlacht als kämpfende Einheit eliminieren würde, mit der Folge, dass dem feindlichen Staat keine andere Wahl bleibt als die Kapitulation. Dies wird normalerweise als Vernichtungsstrategie bezeichnet. Als Alternative sah er eine Strategie der Erschöpfung, die er „Ermattungsstrategie“ nannte. Bei dieser Strategie kann das Ende eines Krieges nicht nur durch eine Vielzahl von Mitteln, einschließlich des Kampfes, erreicht werden, sondern auch durch wirtschaftlichen Druck wie etwa eine Blockade. Sie war kein Mittel zur Vermeidung von Schlachten, sondern beruhte auf der Anerkennung der Tatsache, dass Schlachten nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss sein müssen. Vielmehr hätten sie eine kumulative Wirkung als Teil der Bemühungen, den Feind zu zermürben. Delbrück schrieb das im späten 19. Jahrhundert und legte sich mit der gesamten deutschen militärischen Führungselite an, die ganz auf die Idee fixiert war, eine entscheidende Schlacht zu schlagen. Delbrück warnte davor, dass, ganz im Gegensatz zu den Vorlieben eines Generalstabs, die tatsächlichen Bedingungen von den Plänen abweichen können und der Krieg einen ganz anderen Verlauf nehmen könnte als vorgesehen.

„Ermattungsstrategie“ wurde auch als Abnutzungsstrategie übersetzt, und es war die Abnutzung, die das prominentere Konzept wurde. Dennoch veränderte sich ihre Bedeutung im Laufe des 20. Jahrhunderts. Im Lichte der Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, in dem beide Seiten der Westfront die Abnutzung ausdrücklich als Strategie einsetzten, stellte sie einen harten und erbarmungslosen Weg zur Maximierung von Verlusten dar. Sie spiegelte das Scheitern wieder, auf kürzestem Weg zum Sieg zu kommen mit der Folge, dass nichts anderes übrig blieb, als dem Gegner Verluste zuzufügen, die keine Entscheidung bringen konnten. Auch wenn das bedeutete, dass man selbst schwere Verluste hinnehmen musste. Der Sieg gehörte der Seite, die am besten mit der „Verlustrate“ umgehen konnte. Es gab auch einen engeren Gebrauch der Abnutzung, der in Versuchen bestand, die feindlichen Kräfte vor einer bevorstehenden Schlacht zu schwächen. Zum Beispiel durch das Belegen vorgeschobener Stellungen des Feindes mit Artilleriefeuer, um sie dann mit einer vorrückenden Armee überwältigen zu können. Das war die Idee hinter der Schlacht an der Somme im Sommer 1916. Sie erforderte sorgfältige Koordination von Beschuss und Vorwärtsbewegung der Bodentruppen. Leider gab es in diesem Plan keine Gelegenheit, die Wirksamkeit des Artilleriefeuers vor Beginn des Angriffs einzuschätzen. Das war eine Schwachstelle, die sich an der Somme am 1. Juli 1916 auf schmerzhafte Weise offenbarte.

Die Idee der Abnutzung konnte sich weder im weiteren noch im engeren Sinne nie ganz von der Unterstellung einer vorsätzlichen Inkaufnahme eines Gemetzels lösen, dem Wunsch also, aus Mangel an einer Alternative dem Feind maximale Verluste zuzufügen. Die strategischen Theoretiker der Zwischenkriegszeit, wie Basil Liddell Hart, suchten nach Wegen, um Kriege ohne Massenmord durch Überlistung des Gegners zu gewinnen. Es sollten Vorteile durch Manöver erreicht werden, die den Feind überraschten und in einen Zustand der Desorientierung versetzten. Es war zwingend geboten, Frontalangriffe gegen einen gut vorbereiteten Gegner zu vermeiden. In Kriegen, die sich aufgrund der Ressourcen der Kriegführenden voraussichtlich lange hinziehen würden, war es am besten, Menschenleben zu schonen und nicht in sinnlosen Meter-für-Meter-Kämpfen zu verschwenden. Diese Erfahrung zeigte, zusammen mit der des Zweiten Weltkriegs, der mehr ein Krieg der Bewegung war, dass Abnutzung untrennbar mit einer Schlacht verbunden und eben nicht als eine Alternative dazu zu sehen war.

So entwickelte sich die Unterscheidung zwischen beweglichen Angriffen und Abnutzungsangriffen zu verschiedenen Möglichkeiten des Kampfes weiter. Der Ruf, den sich die Abnutzungsstrategie als gefühlloser und einfallsloser Ansatz zur Kriegsführung erworben hat, wurde im Koreakrieg verstärkt, nachdem 1951 ein Patt erreicht wurde. Und danach wieder in Vietnam, als die Vereinigten Staaten nach einem Weg suchten, einen hartnäckigen Gegner zu besiegen. Die intuitive Lösung in Vietnam schien es zu sein, so viele feindliche Kräfte zu vernichten, wie mit überlegener Feuerkraft möglich war. In der Hoffnung, dass Hanoi irgendwann militärisch nichts mehr ausrichten könnte und deshalb entscheiden würde, dass sich die Unterstützung des Aufstands im Süden nicht mehr lohnt. Diese Haltung, symbolisiert durch die Konzentration auf das „Leichenzählen“, wurde von den militärischen Reformern in den Vereinigten Staaten in den 1970er Jahren mit Verachtung gestraft. Die Reformer drängten darauf, dass die Vereinigten Staaten die operative Kunst wieder entdeckten und die Abnutzung als minderwertige Form der Strategie ächteten. Sie boten die bewegliche Operation als sehr viel attraktivere Alternative an. Diese Karikatur der Abnutzungsstrategie präsentierten sie als eine verzerrte Denkweise, die von einem faulen Vertrauen auf Feuerkraft und der systematische Zerstörung von bekannten Zielen ausging, was für einen talentierten Gegner hinreichend vorhersehbar war und leicht abgewehrt werden konnte. All dies spiegelt die Tendenz zur Offensive wieder, die mehr Gegenstand des klassischen strategischen Denkens mit seiner Vorliebe für dramatische Manöver, rasche Vorstöße und Vernichtungsschlägen ist.

Die Abnutzungsstrategie wurde zum Waisenkind der Strategie, verhöhnt für seine Duldung von Verlusten, seinen Mangel an Spritzigkeit und Ehrgeiz und für seinen unklaren Weg zum Sieg. Kein prominenter Theoretiker gab sich als Verfechter der Abnutzungsstrategie zu erkennen, während Praktiker, die sie oft positiv beurteilten, Wert auf die Feststellung legten, dass sie dies nur widerwillig tun würden. In den seltenen Fällen, in denen sie von Anfang an als eine bewusste Strategie angewendet wurde, waren die Ergebnisse beeindruckend. Ein expliziter „Zermürbungskrieg“ wurde vom ägyptischen Führer Gamal Abdel Nasser im März 1969 begonnen. Er glaubte, dass die Israelis nicht damit klar kommen würden, wenn ihre auf der einen Seite des Suezkanals stationierten Streitkräfte regelmäßige Verluste als Folge regelmäßigen Artillerie-Beschusses erlitten. Er hoffte, sie so davon überzeugen zu können, aus dem Kanal-Bereich abzuziehen. Die Israelis reagierten mit Luftangriffen tief ins Hinterland, in der Hoffnung, dass dies zum Sturz Nasser‘s führen würde. Dieser Krieg endete im August 1970 mit einem Waffenstillstand. Israel blieb in seinen Stellungen und Nasser war immer noch an der Macht (obwohl er einen Monat später starb). Der nächste, im Oktober 1973 von Ägypten begonnene Krieg, war um einiges mutiger.

Carter Malkasian, einer der seltenen Schüler der Abnutzungsstrategie, hat argumentiert, dass diese Strategie weit mehr einschließt als sinnlose Artillerieduelle. Möglich sind auch „gut vorbereitete Rückzüge, begrenzte Bodenoffensiven, Frontalangriffe, Patrouillen, sorgfältige Verteidigung, Taktiken der verbrannten Erde, Guerilla-Kriegführung, Luftangriffe, Artilleriefeuer oder Überfälle.“ Erfolgreiche Abnutzungs-Kampagnen sind möglich, weil sie den Feind durch einen Prozess zermürben, der sich stufenweise, Schritt für Schritt und lange hinzieht. Es besteht die Möglichkeit, den Krieg mit einem Kampf zu beenden, den der Feind nicht mehr bewältigen kann oder aber mit Verhandlungen. Solche Strategien funktionieren am besten, stellte er fest, mit begrenzten Zielen. Seinen Fallstudien lagen jedoch Kampagnen aus größeren Kriegen zugrunde – zum Beispiel Großbritanniens Burma-Kampagne gegen die Japaner 1942-44 und die späteren Phasen des Koreakrieges.

Man kommt eine Schritt weiter, wenn man unterscheidet zwischen der Abnutzung als einer Strategie auf der Grundlage der Beeinflussung des physischen Zustandes des Gegners und der Erschöpfung als einer Beeinflussung der psychischen Verfassung des Gegners. Die Vorschläge von J. Boone Bartholomees Jr. gehen in diese Richtung. Er legt Abnutzung im engeren Sinne aus als ein Zufügen von Verlusten so lange, bis ein Gegner nicht mehr in der Lage ist, sich zu verteidigen. Demgegenüber bedeutet Erschöpfung den Willen des Feindes zur Fortsetzung des Kampfes zu untergraben. Und zwar dadurch, dass er seine ursprünglichen Motive ablehnt und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit durch Mittel wie etwa eine Blockade vermindert wird. Wir können die Abnutzungsstrategie beschreiben als eine fortschreitende Erosion der Leistungsfähigkeit des Feindes, was bedeutet, dass sie die Folge eines anhaltenden militärischen Engagements sein kann. Dies kann einen Feind so schwächen, dass er Kämpfe verliert, aber auch als eine nachgeordnete Folge seinen politischen Willen untergraben. Im Gegensatz dazu können wir Erschöpfung als einen strategischen Effekt beschreiben, der gekennzeichnet ist durch einen fortschreitenden Verlust von Leistungsfähigkeit, Energie, Engagement und eventuell politischem Willen. Dieser Effekt kann durch Abnutzung verursacht werden, aber auch durch andere Maßnahmen wie Störung der Wirtschaftstätigkeit und erschwertem Zugang zu Lieferungen.

Bartholomees stellt fest, dass, wenn jemand Abnutzung oder Erschöpfung in Betracht zieht, sich sehr wahrscheinlich als stärker entweder die überlegene Feuerkraft oder die überlegenen Ressourcen durchsetzen werden. Man kann erkennen, warum dies im Sinne des Verlustes an Leistungsfähigkeit bei der Abnutzungsstrategie der Fall ist. Die Seite mit der besseren Leistungsfähigkeit übernimmt die Spitze. Die Erschöpfungsstrategie unterscheidet sich davon, weshalb es eine Strategie ist, die den Schwächeren begünstigt. Wegen der geringeren Ressourcen hat der Schwächere kein Interesse an einer regulären Schlacht. Sein Interesse liegt stattdessen darin, auf Zeit zu spielen. Für die schwächere Partei – zum Beispiel eine irreguläre Armee, die gegen eine Invasion oder eine Unterdrückung kämpft – besteht die Herausforderung darin, im Spiel zu bleiben, was es erforderlich machen kann, Schmerzen zu ertragen und zu neutralisieren. Dieses überlegene Durchhaltevermögen hängt von einem größeren Einsatz im Kampf ab, weshalb solche Kampagnen selten erfolgreich sind gegen eine stärkere Seite mit einem noch größeren Durchhaltevermögen, zum Beispiel, weil sie glaubt, dass Terroranschläge ihr Kernland bedrohen.

In eher peripheren Bereichen können irreguläre Armeen Strategien entwickeln, welche die Vertrautheit mit lokalen Gegebenheiten und gefühlsmäßige Verbundenheit mit der Bevölkerung nutzen, um den Feind so anzugreifen, dass er anfällig wird für Ermüdung, Enttäuschung und ein wachsendes Gefühl der Sinnlosigkeit. Der Erfolg hängt dann mehr von Ausdauer und Willensstärke ab als von Armeen. Das Problem bei einer solchen Strategie liegt darin, wie man die Vorteile eines offensichtlichen Nachlassens des politischen Willens des Feindes nutzt, um den Kampf fortzusetzen. Bei der Abnutzungsstrategie gibt es eine logische Folge eines fiktiven Wendepunktes, wenn der Feind nicht mehr länger standhalten kann, weil es ihm an Truppen oder Geld mangelt. Es gehört zur Erschöpfungsstrategie, dass der Gegner mit Schmerzen und Not so umgeht, dass ein solcher Wendepunkt nicht plötzlich oder etwa leicht erkennbar sein wird.

Ein begrenzter Krieg, in dem keine der beiden Seiten mit dem vollen Einsatz ihrer Mittel kämpft, verschärft diese Schwierigkeit. Es kann nicht erwartet werden, dass eine reine Abnutzungsstrategie funktioniert, wenn keine Seite ihrer militärischen Möglichkeiten verlustig gehen kann. Die Risiken der Eskalation in einen bedingungslosen, schädlichen und kostspieligen Krieg bremsen beide Seiten aus, weshalb sie versuchen müssen, sich innerhalb der akzeptierten Einschränkungen durchsetzen. Diese Logik deutet hin auf einen Kuhhandel zur Beendigung des Konflikts. Wenn aber ein Kuhhandel nicht abgeschlossen werden kann und eine Eskalation dennoch vermieden werden soll, dann werden nicht-militärische Faktoren immer wichtiger. Dazu gehören das Funktionieren der Wirtschaft und die Fähigkeit, innenpolitische Unterstützung zu gewährleisten. Strategischer Rat legt in einem solchen Fall Wert auf eine Kombination von Erhaltung und Aufbau von Kapazitäten, um im Spiel zu bleiben. Bei gleichzeitigem Auskundschaften der Schwachstellen in den feindlichen Stellungen und dem Finden von Möglichkeiten sie auszunutzen. Genugtuung wird es nur geben in der Form kleinerer Gewinne und durch einen Feind, dessen Verluste und Schmerzen die eigenen übertreffen. Allerdings wird es auch wichtig sein, auf Einstellungen und Bedingungen zu Hause genauso viel zu achten wie auf die der feindlichen Seite.

All dies erklärt, warum Strategien der Erschöpfung eigentlich eher Standardstrategien sind. Sie werden angewendet, wenn man sich in einem defensiven Stellungskrieg befindet oder nach einer gescheiterten Offensive ausgeblutet ist. Sie werden nicht empfohlen von den Befürwortern des Krieges, die sich einen schnellen Sieg versprechen und die Möglichkeit einer langwierigen und elend harten Schinderei ablehnen. Wenn sich die ersten Hoffnungen zerschlagen haben, werden die Strategien der Erschöpfung in Ermangelung einer besseren Alternative ganz im Geiste von Churchills Motto während des Zweiten Weltkrieges „keep buggering on“ angewendet. Es ist also die Art von Strategie, in welche die Kriegführenden hineinstolpern, die Improvisation erfordert, in der es keine klare Lehre von Ursache und Wirkung gibt und die keinen offensichtlichen Weg zum Sieg kennt. Allerdings sind die Umstände, unter denen diese Strategien angewendet werden sehr zahlreich und die Schwierigkeiten, die bei ihrer Umsetzung auftreten, helfen uns als Warnung vor einigen der chaotischen Realitäten moderner Konflikte.

Russland und die Ukraine wenden derzeit Strategien der Erschöpfung an. Kein Land sieht einen Weg zu einem militärischen Sieg. Keines bemüht sich um eine vollständige Umsetzung des Minsk-Plans. Der anhaltende Konflikt schadet beiden Seiten, aber noch ist der Punkt nicht erreicht, an dem einer einen unmittelbaren Druck spüren würde, Zugeständnisse anzubieten. Irgendwann werden sie diese Angelegenheit beenden müssen. Wenn dies aber unter günstigeren Umständen durchgeführt werden soll, dann müssen sie Möglichkeiten finden, die Abnutzung ihrer Gegner zu verstärken. Obwohl Russland viel mächtiger ist als die Ukraine, muss es sich mit einer schwierigeren Lage auseinandersetzen. Es versucht ein annektiertes Territorium zusätzlich zu einer Enklave im Osten der Ukraine gegen den Willen des Großteils der internationalen Gemeinschaft und konfrontiert mit wirtschaftlichen Sanktionen zu behalten. Sein Hauptproblem ist die Donbas-Enklave. Nach dem Minsk-Plan soll sie Teil der Ukraine bleiben wenn auch mit einer anderen Verfassung. Mit Stand von heute ist sie weder wirtschaftlich und militärisch in der Lage sich selbst zu versorgen. Zwar ist es schwer vorstellbar, dass Russland die Krim an die Ukraine zurückgibt. Es ist aber durchaus möglich, sich vorzustellen, dass es die Donbas-Enklave aufgibt. Diese Möglichkeit lässt seine Gegner hoffen.

Eine Beurteilung der russischen Strategie ist jedoch nicht unkompliziert. Eine Herausforderung ist das völlige Fehlen von Offenheit, mit der Russland über seine Intervention in der Ukraine spricht. Durch das ständige Leugnen seiner Rolle hat Russland eine große Komplikation in die Kriegsführung, die begleitende Diplomatie und in die Versuche einer Analyse eingebracht. Dies wurde präsentiert als eine wohlüberlegte und, nach Meinung einiger, kluge Strategie der sogenannten „hybriden Kriegführung.“ Vielleicht glaubt Russland, dass kollektive Überzeugungen des Auslands durch Propaganda umgedreht werden können. Oder dass zumindest einige sich nicht sicher sind, wo die Wahrheit liegt. Doch wenn es die Absicht war, militärischen Vorbereitungen und Operationen eine Tarnkappe überzustülpen, dann sind diese Bemühungen gescheitert. Die Dichtung des Kreml mag zunächst die russische Intervention erleichtert haben, sie ist aber auch zu einem Hindernis geworden. Ihre weiteren Folgen sind ein wachsendes Misstrauen gegenüber allen russischen Regierungserklärungen, zumindest außerhalb von Russland. Die natürliche Folge war die Intensivierung des autoritären Regierungsstils in Russland, ein scharfes Vorgehen gegen die eigenen Nachrichtenagenturen und gegen unabhängige Organisationen, die die offizielle Linie herausforderten.

Der Mangel an Aufrichtigkeit Russlands darüber, warum es sein Unwesen in der Ukraine treibt, bedeutet, dass Art und Zweck der russischen Militärstrategie von der tatsächlichen Tätigkeit abgeleitet werden kann. Anfangs war russische Strategie politisch defensiv und militärisch offensiv. Konfrontiert mit einem plötzlichen Verlust des Einflusses in Kiew und der Aussicht darauf, dass sich die Ukraine dem Westen zuwenden könnte, setzt es lokale Militärs und russische Spezialkräfte ein, um die ukrainischen Behörden von der Krim und aus den Schlüsselstädten im Osten der Ukraine zu vertreiben. Eine Interpretation dieser Bemühungen ging davon aus, dass Moskau hoffte, eine breit angelegte Anti-Kiew-Bewegung zu fördern. Zumindest sollte dadurch unwiderstehlicher Druck auf die ukrainische post-Maidan-Regierung ausgeübt werden, um sie von ihrem pro-westlichen Kurs abzubringen. Im Idealfall sollte das alte Territorium Neurusslands wiederhergestellt werden, das sich dann selbst irgendwie an Russland anschließt. Was auch immer das ursprüngliche Bestreben war, die russischen Bemühungen konzentrierten sich im Frühjahr 2014 auf die Provinzen von Donezk und Luhansk. Zunächst wurde ein beträchtliches Territorium erobert. Aber dann ging im Laufe des Sommers erhebliches Territorium im Rahmen einer ukrainischen „Anti-Terror-Operation“ verloren. Dies verursachte eine offenere russische Intervention mit Hilfe von regulären Streitkräften, welche die ukrainischen Streitkräfte zurückdrängten bis die separatistische Enklave besser verteidigungsfähige Grenzen hatte. Mit dem ersten Abkommen von Minsk im September 2014 wurde ein Waffenstillstand vereinbart.

Es wurde weiter gekämpft, wenn auch nicht mit der gleichen Intensität wie zuvor, als Anstrengungen unternommen wurden, die Enklave zu erweitern. Diese wurden größtenteils durch separatistische Freischärler ausgeführt. Im Vergleich zur aufgewendeten Energie hatten sie nur begrenzten Erfolg. Ukrainische Einheiten konnten sich im Flughafen Donezk eine Anzahl von Monaten halten. Es fanden keine nachhaltigen Versuche statt, das vermutete nächste große Ziel, die Küstenstadt Mariupol, zu nehmen. Im Januar 2015 fiel der Flughafen und Wochen später wurde die Stadt von Debalzewe [2] von ukrainischen Streitkräften verlassen, nachdem sie umzingelt wurden. Das war der Stand vor der zweiten Einigung von Minsk. Als Waffenruhe war sie nicht wirksamer als die Vereinbarung vom vorherigen September. Es war höchstens ein „weniger-Feuer „.

Die von Russland unterstützten Separatisten nahmen eine Reihe von Städten und Dörfern ein, aber es gab keine großen Durchbrüche. Dies bestätigt das Grundmuster der Kämpfe: ukrainische Streitkräfte konnten mit den separatistischen Freischärlern fertig werden aber nichts gegen die regulären russischen Truppen ausrichten. Die größte Bedrohung für die ukrainische Position ist daher ein viel größeres Engagement der russischen Streitkräfte. Im April und Mai gab es regelmäßige Berichte über einen großen Aufmarsch mit Bewegungen von russischen Soldaten und Material in den von den Separatisten kontrollierten Gebieten. General Philip Breedlove, der NATO-Oberbefehlshaber in Europa, warnte Ende April, dass Russland, unter Ausnutzung des Waffenstillstands, Truppen und Ausrüstung neu zu verlegen beginnt und die Separatisten, die sich auf eine neue Offensive vorbereiteten, zu trainieren und zu beliefern. Es gab auch Unterstellungen, dass Russland versucht, die Arbeitsweise der separatistische Kommando- und Kontrollstruktur zu verbessern. Im Mai stellte der Präsident der Ukraine Poroschenko fest:

Die Gesamtzahl der feindlichen Kräfte in Donbas unter Berücksichtigung der Mitglieder illegaler bewaffneter Gruppen beträgt mehr als 40.000 Menschen, während das russische Militär im grenznahen Bereich über 50.000 Soldaten stationiert hat. Fast 1,5-mal mehr als im Juli 2014.

Es wurde berichtet, dass Übereinstimmung herrscht „unter den NATO-Beamten und Militäranalysten der Lage im Osten der Ukraine, dass Russland seine Invasion in der Region in den nächsten zwei Monaten wieder aufnehmen wird.“

Anfang Juni wurde ein Offensive der Rebellen gegen die Stadt Marijinka gestartet, etwa 18 Meilen entfernt von der Rebellenhochburg Donezk. Der Angriff wurde von den ukrainischen Streitkräften zurückgeschlagen mit schweren Verlusten der Separatisten. Aber es veranlasste Kiew, Menschen und Material zu dem, wie es jetzt schien verwundbaren Punkt zu verlegen: Ein Gebiet, das ganz auf der ukrainische Seite der Waffenstillstandslinie liegt. Am nächsten Tag, warnte Poroschenko vor der Möglichkeit einer großen russischen Invasion. Dem folgten weitere Beschüsse und kleinere Operationen in der Umgebung von Donezk. Dennoch war der gescheiterte Angriff auf Marijinka ein Rückschlag für die Rebellen.

Obwohl Beobachter und Offizielle weiter an Vorhersagen einer bevorstehenden russischen Offensive festhielten, hat eine solche nicht stattgefunden. Warum könnte dies der Fall sein? Eine Erklärung dafür ist, dass die Russen einen harten Widerstand der Ukrainer erwarten, weil sie annehmen, dass deren Streitkräfte stetig verbessert werden und sie von der Erfahrung, den vom Westen unterstützten Reformbemühungen und einer verbesserte Ausbildung profitieren. Je größer die Verbesserung, desto größer muss das militärische Mainstream-Engagement aus Russland sein, um in einer Invasion Boden zu gewinnen. Hier wird der russische Vorwand, nicht direkt in die Kämpfe in der Ukraine verwickelt zu sein zu einem Problem. Obwohl ihr Affentheater regelmäßig durchschaut wird, halten die russischen Behörden diese Fiktion verzweifelt aufrecht. Sobald eine große Lüge in die Welt gesetzt wurde, gibt es keinen offensichtlichen Punkt mehr, an dem die Unglaubwürdigkeit zu einem Problem wird. Wenn aber eine Offensive begonnen wird, die weit über alles geht, was die Separatisten von selbst könnten, dann ist ein solcher Punkt erreicht. Es gibt eine besondere Sensibilität in Russland in der Frage der Verluste. Verluste zu dokumentieren war der aktuelle Anlass des Berichts nach der Ermordung von Boris Nemzow [3]. Er verwies auf den Tod von 220 Soldaten, obwohl unterstellt wurde, dass die tatsächliche Zahl höher war. Dieses Problem wird so sensibel aufgenommen, dass die Offenlegung von Todesfällen im Kampf als Folge von „Sondereinsätzen“ in Friedenszeiten nun verboten wurde. Darüber hinaus gab es auch Berichte über Fahnenflucht.

Selbst wenn eine Invasion erfolgreich verlaufen würde, gäbe es immer noch das Problem der Verwaltung von großen Gebieten der Ukraine ohne die Unterstützung der Bevölkerung und mit einer militärisch beschädigten Infrastruktur. Die Erfahrungen mit der Donbas-Enklave in dieser Hinsicht waren nicht ermutigend. Sie wurde entvölkert, ihre Wirtschaft kollabierte, sie wird chaotisch regiert und ist abhängig von russischen Subventionen. Darüber hinaus könnte eine offene und großflächige Invasion durchaus zu mehr Sanktionen führen von denen die dramatischste der Ausschluss Russlands aus dem SWIFT-System wäre, durch welches die Organisationen und Länder Zugriff auf das internationale Finanzsystem haben. Nach einer solchen Eskalation wäre auch das Argument wertlos, wonach es am besten sei zur Vermeidung einer Eskalation die Ukrainer nur mit nicht-tödlichen Waffen zu versorgen.

Eine andere Erklärung für die russische Verstärkung ihrer Truppen und die Artillerieangriffe auf ukrainische Stellungen geht davon aus, dass es sich um den Teil einer Erschöpfungsstrategie handelt. Diese Maßnahmen spielten offensichtlich eine defensive Rolle. Sie sollten die ukrainischen Streitkräfte abschrecken, einen Angriff gegen separatistische Stellungen einzuleiten. Es sollten wohl auch ukrainische Kräfte, die als Reaktion in die Region verlegt wurden, gebunden werden. Die Ukrainer konnten sich nicht über die Ziele der separatistischen Attacken sicher sein, und ungedeckte Einheiten könnten in Gefangenschaft geraten. Diejenigen, die in fest ausgebauten Stellungen lagen, waren anfällig für Artillerie-Beschuss. Es gab regelmäßig Opfer. Die Möglichkeit einer wirkungsvolleren Operation, auch wenn sie kleiner wäre als eine vollständige Invasion könnte ukrainische Streitkräfte in Verlegenheit bringen und die ukrainische Entschlossenheit schwächen, wie es sich bei der Niederlage von Debalzewe zeigte. Dazu wurde eine Kampagne gestartet, mit der zur weiteren Verunsicherung des Landes, Terrorismus und Subversion innerhalb der Ukraine verstärkt wurde.

In wirtschaftlicher Hinsicht war der Konflikt ein Schlag für beide Seiten. Die Ukraine war bereits angeschlagen und die Kosten und Zerstörungen des Krieges haben sich zu den vorhandenen Problemen addiert. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Ukraine wird voraussichtlich um rund 16% gegenüber 2014 und 2015 schrumpfen. Der Ökonom Anders Aslund rechnet mit 7% Produktionsausfällen in den besetzten Gebieten (einschließlich der Krim), 6% weniger Handelsumsätze mit Russland und 3% verlorene ausländische Direktinvestitionen. Gleichzeitig muss die Ukraine eine kriegsbedingte humanitäre Krise bewältigen, darunter 1,3 Millionen im Inland vertriebene Menschen. Die internationale Unterstützung war nicht großzügig gewesen, auch wenn es Fortschritte mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) gab und ein Schuldenerlass gewährt wurde. Wie vom IWF gefordert hat das ukrainische Parlament eine Reihe von Reformen eingeleitet, darunter Maßnahmen zur Reduktion der Abhängigkeit der Ukraine von russischem Gas und Anti-Korruptions-Gesetze.

Trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen scheint der innere Zusammenhalt in der Ukraine stärker und nicht schwächer geworden zu sein. Laut dem Internationalen Institut für Soziologie in Kiew ist die positive Einschätzung der Ukrainer gegenüber Russland von 88% im September 2013 auf nur 30% im Mai 2015 zurückgegangen. Selbst die Ost-Ukrainer, die angeblich mehr Verständnis für Russland haben, sehen ihren Nachbarn weniger positiv. Die Zustimmungsrate sank dort von 83% auf 51%. Eine weitere Umfrage ergab, dass eine Mehrheit der Ukrainer, außerhalb der von den Separatisten besetzten Gebieten, eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union befürworten, aber nur 13% wollen der russischen Zollunion beitreten. Die größte Herausforderungen für die politische Ordnung in der Ukraine sind nicht so sehr die Sympathisanten Russlands sondern die mehr nationalistisch orientierten Mitglieder des rechten Sektors. Dennoch, die kumulativen Auswirkungen einer unruhigen Wirtschaft, umstrittene Reformmaßnahmen und militärischer Druck stellen für jedes politische System eine Belastung dar. Eine Folge davon ist die Wehrlosigkeit gegenüber dem Druck westlicher Unterstützer, die politische Zugeständnisse im Rahmen der Minsk Vereinbarungen verlangen, um den Konflikt auf irgendeine Weise zu beenden.

Die russische Wirtschaft ist ebenfalls geschrumpft [4], obwohl nicht so stark wie die Ukraine. Während die Ukraine unter russischen Strafmaßnahmen leiden musste, wurde Russland mit Wirtschaftssanktionen belastet, die bisher bis zu rund 100 Mrd. US$ kosteten. Dazu kamen andere Reizthemen wie die Entscheidung von Den Haag, wonach 50 Mrd. US$ Schadenersatz zu bezahlen sind an die ehemaligen Investoren von Yukos. Das ist die Firma, die vor über zehn Jahren durch den russischen Staat zwangsaufgelöst wurde. Darüber hinaus erlitt die russische Wirtschaft durch Ölpreisverfall und Kurseinbrüche des Rubels Verluste. Das BIP wird voraussichtlich im Jahr 2015 um 3,5% schrumpfen. Die Kapitalflucht setzt sich fort. Sie lag im Jahr 2014 bei 150 Mrd. US$. Die Prognose für das Jahr 2015 sieht 100 Mrd. US$ vor. Für die Verbraucher ein sehr ernstes Problem ist eine Inflation, die deutlich über dem Wachstum der Löhne liegt. Im Gegensatz zur Ukraine wurde wenig getan um die russische Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen und die Korruption zu bekämpfen. Angesichts dieses Drucks wird Putins Strategie beschrieben als ein „Aussitzen und auf Zeit spielen“. Warten auf eine Erholung der Erdölpreise und des Rubel, damit er seine geopolitischen Prioritäten weiter verfolgen kann. In einer an den Westen gerichteten Rede in St. Petersburg im Juni erinnerte er seine Zuhörer an Warnungen, dass es eine „tiefe Krise“ geben könne. Stattdessen beobachtete er, dass Russland „die Situation stabilisiert habe… vor allem, weil die russische Wirtschaft einen ausreichenden Vorrat an innerer Stärke angehäuft habe.“

Trotz der russischen Bemühungen, Gegner innerhalb der EU zu fördern, demonstrierte die EU Geschlossenheit und erneuerte im Juni die Sanktionen, die als Folge der Krim-Annexion verhängt wurden. Neue Sanktionen werden von der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten im Falle weiterer Aggression vorbereitet. Wenn sich der Ölpreis nicht erholt, wird Russland weiter mit großen Problemen kämpfen müssen. Es hat nur wenige andere offensichtliche Mittel zur Verbesserung seiner finanziellen Lage. Eine Annäherung an China könnte die Verschlechterung der Beziehungen mit dem Westen ausgleichen. Peking hat jedoch gezeigt [5], dass es nicht bereit ist, Moskau irgendwelche wirtschaftlichen Wohltaten zukommen zu lassen. Es ist sicher nicht bereit, die Ukraine in welchen Wirtschaftsbeziehungen auch immer zu diskriminieren. Zum Beispiel ist die Ukraine Chinas größter Getreideexporteur. Das wichtigste was China Russland anbieten kann, ist eine starke Wirtschaftshilfe um die Ölpreise in die Höhe zu treiben. Leider deuten aber die jüngsten Hinweise darauf hin, dass es einen Trend in die entgegengesetzte Richtung gibt.

Die geltende offizielle russische Sprachregelung beschreibt Russland als ein Land, das vom Westen angegriffen wird, wobei jeder einzelne Angriff auf eine amerikanische Initiative zurückzuführen ist. Der Geist des Zweiten Weltkriegs wird ständig beschworen zur Förderung einer Militarisierung der russischen Kultur. Wenn Putins Umfragewerte irgendetwas bedeuten, dann, dass dies funktioniert hat. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht hat eine stratosphärische 89%-Zustimmung ermittelt. Höher als die 64%, die sagen, dass sie der politischen Richtung des Landes zustimmen. Dies kann erklärt werden durch Putins Auftreten in der Rolle des Zaren, der über der Politik steht, sozusagen eine höchste Autorität, an die sich die Massen in schwierigen Zeiten wenden können. Aber auch durch die Überzeugung, dass die Olympischen Spiele in Sotschi und die Annexion der Krim das internationale Ansehen Russlands wieder hergestellt haben. Es wird unterstellt, dass diese Unterstützung nicht von ganzem Herzen kommt. Zum Beispiel, dürfte sie sich nicht unbedingt in Wahlabsichten wiederfinden. Auch ist sie schwächer ausgeprägt in der gebildeten Mittelschicht und bei der Stadtbevölkerung. Eines der Risiken in dieser Situation ist, dass zum Beispiel durch Beeinträchtigung der öffentlichen Versorgung sich internationale Spannungen verstärken und nicht beruhigen könnten, wenn eine Reaktion auf härtere wirtschaftliche Bedingungen dazu führt, dass sich die Menschen hinter Putin sammeln. Der Gesamteindruck zeigt eigentlich weniger eine aufsteigende Großmacht, als vielmehr ein Land, das sich anstrengen muss, um mit einer Reihe von Rückschlägen fertig zu werden.

Die Wahl, vor der Putin steht, ist die Gleiche wie damals als die Anti-Maidan-Operation im Frühjahr 2014 gescheitert war: Weiter eskalieren oder Rückzug. Die Einsätze erhöhen oder das separatistische Projekt tatsächlich aufgeben. Er war auf beide Möglichkeiten vorbereitet. Aber es war ihm unmöglich zu wählen. Das Ergebnis war dann, dass er den Status quo aufrechterhielt und hoffte, dass der Druck auf die Ukraine zu politischen Zugeständnissen im Rahmen der Minsk-Vereinbarung führen wird und dies Russland ermöglichen würde, sich zurückzuziehen. Dafür brauchte es die Zustimmung der separatistischen Führer, die sich aber vorsichtig zeigten angesichts eines politischen Prozesses, der ihre eigene Position gefährden könnte. Sie sind nicht einfach nur Marionetten, auch wenn sie ihre Macht Moskau verdanken und sie diese nicht ohne russische Unterstützung halten können. Der russische Außenminister hat den Einfluss Moskaus auf die Separatisten zugegeben, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass er nicht „so groß wie 100%“ sei.

In der Vergangenheit haben die separatistischen Führer gefordert, völlig unabhängig von der Ukraine und vorzugsweise Teil Russlands zu werden. Was auch immer sonst im Abkommen von Minsk gesagt wurde, sie unterstützten nie eine Loslösung der so genannten Republiken Donezk und Luhansk von der Ukraine . Die Idee einer Renaissance des alten Neurussland als ein großes Projekt scheint aufgegeben worden zu sein. Während die Gebiete militärisch gehalten werden können, werden die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen immer schwieriger. Es gibt Berichte von Knappheit und Unzufriedenheit. Dies ist eine Position, deren Aufrechterhaltung über eine lange Zeit schwierig sein wird.

Russlands Verhandlungsstrategie ist es zu fordern, dass Kiew die Zeche für die Sozialausgaben und das wirtschaftliche Überleben dieser Gebiete zahlt. Im Gegenzug dürfen sie wieder in die Ukraine integriert werden, – wenn auch mit einem besonderen, autonomen Status. In einem Juni-Interview mit einer italienischen Zeitung äußerte Putin eine seltene Anerkennung der russischen Rolle während er die Erreichung eher bescheidener Ziele forderte.

„Alle unsere Handlungen, einschließlich jener bei denen Gewalt angewendet wurde, zielten nicht darauf, diese Gebiete von der Ukraine abzutrennen, sondern sollten vielmehr den dort lebenden Menschen die Möglichkeit geben, ihrer Meinung darüber Ausdruck zu verleihen, wie sie ihr Leben leben wollen.“

Er beschrieb die Umsetzung der Vereinbarungen von Minsk als die Gewährleistung „der autonomen Rechte der nicht anerkannten Republiken“, die ihnen das „Recht“ geben würde, „ihre Sprache zu sprechen, um ihre eigene kulturelle Identität zu bewahren und grenzüberschreitenden Handel zu treiben.“ Dies würde ein Gesetz über Kommunalwahlen und eine Amnestie erfordern. Stattdessen klagte er, Kiew sei nicht bereit, darüber zu verhandeln, weshalb die Gespräche festgefahren seien. Schlimmer noch, die ukrainische Regierung „habe sie einfach vom Rest des Landes abgeschnitten, von allen Sozialleistungen wie Renten und Unterstützungsleistungen, vom Bankensystem, von der regulären Energieversorgung und so weiter.“ Wie sehr sich Putin auch beklagen mag, so lange die Separatisten die Kontrolle über diese Region ausüben werden, werden sie für das Wohlergehen der lokalen Bevölkerung verantwortlich sein.

Die für die Separatisten vorrangigen Vorschläge beinhalten Änderungen der ukrainischen Verfassung in Verbindung mit Kommunalwahlen. Sie haben angekündigt, dass sie noch in diesem Jahr eigene Wahlen abhalten werden, auch wenn das Abkommen von Minsk festlegt, dass die Kommunalwahlen nur auf der Grundlage der ukrainischen Gesetzgebung durchgeführt werden dürfen. Es ist anzunehmen, dass das im Sinne Moskaus ist, weil es den Tag hinausschiebt, an dem es seine Truppen (deren Vorhandensein es bestreitet) zurückziehen muss und die Ukraine die Souveränität über ihr eigenes Territorium wieder erlangt. Durch die Aufrechterhaltung des Drucks auf die Ukraine könnte es schwieriger für die Ukraine werden, sich der EU weiter anzunähern oder einen NATO-Beitritt zu prüfen. Aus ihrer eigenen Sicht werden beide Institutionen vorsichtig sein, bevor sie der Ukraine einen eigenen formalen Status gewähren. Zur Zeit verstärken sie ihre informellen Verbindungen und gewähren zusätzliche Unterstützung.

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Ukraine sich bei der Umsetzung von Minsk allzu sehr beeilt. Auch Präsident Poroschenko hat das Ende des Neurussland-Projekts bestätigt, das im Prinzip neun der 24 Regionen der Ukraine betroffen hätte. Auch er gelangte zu der Erkenntnis, dass Donezk und Luhansk aus eigener Kraft nicht lebensfähig sind. Sie können „ausschließlich in einer vereinten , unabhängigen und souveränen Ukraine bestehen.“ Die Separatisten haben keine demokratische Legitimation und wurden von einer fremden Macht als Regierung eingesetzt. Die Ukraine hat ihre eigenen Vorschläge für Verfassungsänderungen entworfen, die einen gewissen Grad an Dezentralisierung ermöglichen, aber auch Wahlen in der gesamten Ukraine vorschreiben, die den Separatisten wahrscheinlich keine Möglichkeit geben wird, signifikante Mehrheiten zu erlangen. In dieser Angelegenheit übt der Westen den größten Druck auf Kiew aus, aber die Kluft zwischen den beiden Seiten ist groß und man hat noch keine plausible Grundlage für eine Lösung gefunden.

Die Vereinigten Staaten, Frankreich und Deutschland haben Kiew nachdrücklich aufgefordert, bei der Umsetzung von Minsk aktiver zu sein und sei es nur um Russland einen Grund zu geben, durch Druck die Kompromissbereitschaft der Separatisten zu fördern. Zusätzlich zum Druck zur Erzwingung verfassungsrechtlicher Regelungen, die den Separatisten eine einige Stimme in ukrainischen Angelegenheiten geben würde, wurden ukrainische Truppen aus der östlich von Mariupol gelegenen Stadt Schyrokyne zurückgezogen und es wurden Pläne für eine weitere Entmilitarisierung Mariupols selbst angekündigt, nach denen schweres Gerät abgezogen werden soll und nur Infanterie und Kleinwaffen bleiben dürfen. Dies würde die Forderung von Minsk nach einer von schweren Waffen freien 30-Kilometer-Pufferzone entlang der Frontlinie erfüllen. Vorausgegangen war ein Rückzug der Separatisten aus Schyrokyne ein paar Wochen zuvor, der als „ein Akt des guten Willens und der Demonstration friedlicher Absichten“ bezeichnet wurde. Doch der Artillerie-Beschuss wurde nicht nur fortgesetzt, sondern hat sich vor kurzem noch verstärkt, so dass diese Anstrengungen noch nicht zu einem politischen Durchbruch geführt haben. Es hat sich jedoch wieder einmal gezeigt, wie schwierig es für beide Seiten ist, einen militärischen Durchbruch zu erzielen.

Nach dieser Analyse könnte Russland möglicherweise anfälliger für eine Erschöpfung sein als die Ukraine. Oder zumindest hat die Ukraine den politischen Willen, ihre Position zu halten weil sie mehr leiden kann. Im Gegensatz zu Russland hat die Ukraine keinerlei Bestrebungen als Großmacht anerkannt und behandelt zu werden und kann sich darauf konzentrieren ihre inneren Angelegenheiten zu ordnen, mit welcher Hilfe sie auch immer bekommen kann. Je länger der Konflikt weiter in diesen Bahnen verläuft, desto mehr Zeit hat die Ukraine ihr Militär und ihre Wirtschaft zu reformieren und die Korruption zu bekämpfen. Russland hingegen muss eine Wirtschaft in Ordnung bringen, die übermäßig von Rohstoffen abhängt und zurzeit einen aufgeblähten Militärsektor hat. Es hat sich vom Westen abgewendet und sich unter den Schutzschirm einiger seiner eher zweifelhaften Freunde begeben, muss aber noch starke Partnerschaften mit Ländern im Osten aufbauen. Seine Propaganda-Kampagne ging im Allgemeinen nach hinten los, erkennbar daran, dass die internationale Meinung über Russland einen Tiefpunkt erreicht hat. Es muss sich, unabhängig von der Ukraine, um ernsthafte nationale Sicherheitsprobleme in anderen Grenzgebieten kümmern, wie zum Beispiel in Zentralasien. Darüber hinaus hat Russland Maßnahmen ergriffen, um in Europa ein Gefühl der Bedrohung entstehen zu lassen wie beispielsweise die Infragestellung der Unabhängigkeit der baltischen Staaten, provokante Luftpatrouillen, nukleares Säbelrasseln und militärische Übungen. NATO-Mitglieder wurden so zu erhöhter Vorsicht animiert, aber es hat auch dazu geführt, dass sie Sicherheitsprobleme ernster nehmen. Daraus folgt eine Stärkung der NATO. Putin selbst hielt es für erforderlich, darauf zu bestehen, dass Russland keine Planungen für den Rest von Europa hat. Seine größte Schwierigkeit ist die Unterhaltung einer Enklave in der Ukraine, die keinen wesentlichen politischen Nutzen mehr bringt und unter wirtschaftlicher Depression und Gesetzlosigkeit leidet.

Wenn diese Analyse zutrifft, dann müsste Russland eine starke Präferenz für die Umsetzung des Minsk-Abkommens zeigen. Im Februar 2015, als Moskau wegen der langsamen Fortschritte bei der ursprünglichen Vereinbarung vom September 2014 frustriert war, agierte es härter gegen die ukrainische Verteidigung. Mit einigem Erfolg, denn es bekam dann das etwas günstigere Minsk II. Sollte es weiterhin frustriert sein wegen der Pattsituation, könnte es versucht sein, den militärischen Druck zu erhöhen, um noch mehr Zugeständnisse in einem „Minsk III“ zu erreichen. Es ist schwer vorauszusehen, was mit mehr Verhandlungen über Maßnahmen erreicht werden kann, die in keiner Weise von einem darunterliegenden Konsens getragen werden. Wenn es Stoff für weitere diplomatische Bemühungen gibt, dann kann es nur sein, dass die am meisten erschöpfte Seite unter dem Deckmantel der Umsetzung einer feststehenden Vereinbarungen, ihre frühere Haltung aufgibt.

Eine Strategie der Erschöpfung in einem großen Krieg muss den Willen des Gegners brechen, damit er die Kraft nicht mehr aufbringen kann weiterzumachen. In einem begrenzten Krieg ist die Lage anders. Der Druck auf Kiew und Moskau reicht nicht aus, um einen Regimewechsel zu erzwingen. In Ermangelung einer dramatischen Eskalation und angesichts einer Pattsituation im Feld, ist wahrscheinlich keine Seite in der Lage, eingenommene Positionen abrupt aufzugeben. Eher wahrscheinlicher ist eine fortschreitende Neubewertung von Kosten und Nutzen des Festhaltens an diesen Positionen und vielleicht die eine oder andere Vorbereitung für eventuelle Zugeständnisse. Dies bedeutet nicht, dass eine Einigung allmählich und kaum wahrnehmbar kommen wird. Die Krise kann irgendwann vielleicht wegen Spannungen zwischen den Separatisten oder einem verzweifelten Versuch, Territorium zu erobern oder zurückzuerobern dazu führen, dass eine Seite gezwungenermaßen mit der Realität der Situation konfrontiert wird.

Die Tatsache, dass es schwer ist mit Sicherheit sagen zu können wie es ausgeht, spiegelt die inhärenten Probleme mit den Strategien der Erschöpfung wieder. Sie sind nicht so sehr ein Mittel, das die Kontrolle über die Ereignisse ermöglicht, als vielmehr eines mit dem versucht wird, den Handlungsspielraum eines Feindes zu verringern und dabei gleichzeitig sich so viel wie möglich des eigenen Spielraums zu bewahren. Beide, Russland und die Ukraine mussten in erster Linie ihre eigenen Gesellschaften belastbarer machen angesichts des Stresses und der Spannungen dieses Konflikts. Unter solchen Umständen können die wichtigsten strategischen Tugenden Geduld und Standhaftigkeit sein. Es gibt viele besondere Merkmale in diesem Konflikt, der auch weiterhin Studium und Aufmerksamkeit verdient, einschließlich der Rolle der Informationskriegsführung [6] und die großen Fragen über die Zukunft der europäischen Sicherheit. Aber es ist auch wichtig an die Grenzen der Strategie zu erinnern. Dass es manchmal schwieriger ist, viel mehr zu tun als mit einer schlechten Situation zurechtzukommen, zu versuchen sich besser aufzustellen als der Gegner und zu hoffen, dass sich etwas ergibt.

Lawrence Freedman has been Professor of War Studies at King’s College London since 1982. His most recent book is Strategy: A History (OUP, 2013). He is a Contributing Editor at War on the Rocks.

Quelle: Lawrence Freeman in warontherocks.com [1]; übersetzt von Kurt Becker [7].