Russland hat ziemlich lange so getan, als ob nicht seine Armee den Krieg im Donbas führt sondern irgendwelche Freiwillige. Aber zum Ende des Sommers tauchten die ersten gefangenen russischen Berufssoldaten auf, und es ist schwieriger geworden zu lügen.
Der erste offizielle Gefangene war der 19-jährige Wehrdienstpflichtige Andrei Balobanow, Sprechfunker der 7. motorisierten Schützenbrigade der Einheit Nr65349 des Zentralen Militärbezirks der Landtruppen Russlands, der ungefähr am 16./17. Juli 2014 in Gefangenschaft geriet.
Die offizielle russische Stellungnahme zu diesem Gefangenen hat sich mehrmals geändert. Erst wurde er nicht beachtet, nach der Videoveröffentlichung hat aber die Omsker Presse angefangen, über ihn zu schreiben.
- http://www.bk55.ru/news/article/35853/
- http://omskgazzeta.ru/…/o_popavshem_v_plen_omiche_balobano…/
- http://omskgazzeta.ru/omichi/spasti_ryadovogo_balobanova/
Zur Rechtfertigung hat man unglaublich viele Versionen erfunden! So einen Soldaten gibt es nicht, und wenn es so einen gibt, so hat man ihn in Russland entführt, um ihn gegen Sawtschenko auszutauschen.
Der russische Journalist Oleg Kaschin hat es sogar genauso geschrieben: „Das kann zwar Wahrheit, kann aber auch eine Provokation sein, oder ein Spaß, es kann alles mögliche sein. Mit der gleichen Wahrscheinlichkeit hätte man den Jungen im Rostower Gebiet entführen können, oder auch im Donbas gefangennehmen, oder gar erfinden, seinen Namen in den Omsker Nachrichten gehört haben. Aber habt im Auge, dass irgendwelche Ukrainer behaupten, Andrei Balobanow (mit „O“?) sei bei ihnen. Man sollte herausfinden, was mit ihm ist und wo er ist“.
Bald hat man angefangen die Geschichte zu vertuschen, als ob es so etwas gar nicht gegeben hätte.
Die Website „OmskRegion“ hatte als eine der ersten über Balobanow geschrieben, bald aber den Artikel gelöscht, wobei mehrere Medien sich bereits auf diesen berufen hatten. Gelöscht hat man nicht wirklich sorgfältig: Auf der Seite kann man noch immer den Titel des Artikels finden, seinen Text kann man aber nicht mehr öffnen.
Allmählich hat man angefangen, aus Balobanow einen Deserteur zu machen. Angeblich hat er sich da gar nicht aufhalten können, überhaupt ist er von allein in die Ukraine abgehauen, und darum ist er jetzt ein Deserteur. Vor kurzem hat die „Novaya Gazeta“ über den Soldaten geschrieben, aber mehr Klarheit über sein Schicksal konnten auch sie nicht wirklich einbringen.
Tja, auf diese Weise wird Balobanow wohl noch lange nicht nach Omsk kommen können.
Der Zweite war der 19-jährige Zeitsoldat Pjotr Hochlow aus der 9. motorisierten Schützenbrigade, Einheit Nr.54046, Nischnij Nowgorod. Zusammen mit seinem Dienstkollegen Ruslan Garafijew ist er ungefähr am 8. bis 10. August für 150.000 Rubel auf die Seite der Terroristen übergelaufen (zumindest behauptet Hochlow das im Video).
Beide gelten nun als Deserteure und interessieren die russische Seite nicht sonderlich.
Die nächsten offiziellen Gefangenen tauchten bereits am 24. August auf. In die Hände der ukrainischen Soldaten gerieten gleich zehn Militärangehörige des 331. Regiments der 98. Swirskaja-Division der Luftlandetruppen, Einheit Nr.71211. Festgenommen wurden sie bei der Ortschaft Serkalne in der Gegend von Amwrossijiwska im Gebiet Donezk. Das ist ungefähr 30-40 Kilometer im Inneren des ukrainischen Territoriums.
Zuerst gab es die übliche Watnik-Reaktion: Ein weiterer Fake der UkroMedien, solche Soldaten gibt es nicht, wo sind die Beweise usw. und so fort. Und dann gab es aber eine ganze Reihe Videos mit diesen Gefangenen.
Alle zehn als Deserteure darzustellen war wohl doch zu dumm, darum haben die Watnike angefangen zu erzählen, dass die Fallschirmjäger gewaltsam in Gefangenschaft genommen wurden, dass das alles eine Sonderoperation war… also vom „Mossad“ oder „CIA“. Bei den Verhandlungen in Minsk im September war Putin gezwungen, eine Antwort zu geben: „Die Fallschirmspringer haben sich verirrt…“
Ein paar Tage später, am Seligersee, hat Putin gar versucht, über dieses Thema einen Spaß zu machen:
„In Wirklichkeit ist es die Wahrheit, und ich meine es ernst. Ich glaube, sie haben sich verirrt, denn da gibt es ja keine markierte Grenze,“ sagte das Staatsoberhaupt. Genau: sie sind 40 Kilometer ins Innere eines anderen Staates vorgedrungen und haben es nicht mal bemerkt.
Natürlich: man darf ja den Krieg gegen die Ukraine nicht offiziell anerkennen, darum hatte man irgendeine Erklärung erfunden, und diese hat Putin dann auch persönlich ausgesprochen. Klang zwar ein wenig idiotisch, aber wenigstens etwas.
Aber schon bald tauchten die nächsten Gefangenen in der Ukraine auf, an die sich die Russen ungern erinnern. Am 28. August haben die ukrainischen Militärs bei Ilowajsk zwei Zeitsoldaten aus der 31. selbstständigen Luftlandedivision (Einheit Nr.73612, Uljanowsk) gefangengenommen. In der Gefangenschaft schafften Ruslan Achmetow und Arsenij Ilmitow noch auszusagen:
https://www.youtube.com/watch?v=DBNbaYPztac
Beim Abzug aus dem Ilowajsker Kessel wurden sie angeblich gegen freien Abzug aus dem Kessel ausgetauscht, aber ihr Wort haben die Russen ja nicht gehalten. Das Erstaunlichste an dieser Sache ist, dass es gar keine Reaktion von der russischen Seite auf diese zwei Gefangenen gibt. Sie wurden bei Ilowajsk festgenommen- das sind 45-60 Kilometer von der ukrainischen Grenze. Auch verirrt?
LifeNews hat eine idiotische Reportage über die beiden gemacht, in der in keinster Weise erklärt wird, warum und auf welche Weise sich die russischen Militärs auf dem ukrainischen Territorium wiederfanden.
Über die ukrainische Gefangenschaft verlor man in der Reportage kein Wort. Na, wenigstens haben sie keine Deserteure aus diesen Soldaten gemacht.
Ungefähr am 30. August gerieten zwei weitere in Gefangenschaft: Stabsfeldwebel Wladimir Burakow und irgendein Burjate, beide aus dem 104. Luftlanderegiment, Einheit Nr.32515.
Wie sie in die Ukraine gekommen sind, hat auch keiner erklärt. Wenn sie nicht besonders viel zu sagen hat, schweigt die russische Seite ganz einfach, in der Hoffnung, dass bald eh alles vergessen ist.
Offiziell hat auch keiner Stellung dazu genommen, was denn der 21-jährige Panzerfahrer Andrej Fedortschenko in der Ukraine gemacht hat, der im August am „Panzer-Biathlon 2014“ teilgenommen hatte, und schon bald aber mitsamt seines Panzers irgendwo bei Ilowajsk angeschossen wurde:
Quelle: Dokumente Fedortschenkos bei den ukrainischen Militärs. Zusätzlich: FB-Beitrag von Anton Pawluschko.
Erst dachte man, dass Fedortschenko gefallen sei, aber schon bald tauchten Informationen auf, dass er gegen ukrainische Gefangene ausgetauscht wurde. Wie dem auch sei, sein Pass blieb bei den ukrainischen Militärs.
Nach den ganzen Monaten des Krieges im Donbas beläuft sich die Zahl der russischen Kriegsgefangenen auf Dutzende. Ein Russe wird sich an die 10 „Verirrten“ erinnern, über die Putin einen Witz machte, wird aber kaum erklären können, wie die anderen russischen Militärangehörigen in die Ukraine gelangt sind. Jemand von ihnen kommt ins Video, jemand wird gleich ausgetauscht, jemand verschwindet, aber niemand kann sagen, dass sie nicht in der Ukraine waren.
P.S. Wir erinnern Euch, dass außer den obengenannten Militärangehörigen auch ein Feldwebel der Streitkräfte Russlands namens Eugen Tur ins Video kam, der später gegen mehrere ukrainische Soldaten ausgetauscht wurde. Nachdem er in die Hände des FSB Russlands geraten war, hat man bis zum heutigen Tag nichts mehr über ihn gehört: In seinem Profil im sozialen Netzwerk „Vkontakte“ wurden alle militärischen Fotos und Videos sorgfältig ausradiert, und der Junge ist sowohl aus dem Blickfeld der Medien als auch für seine Angehörigen verschwunden.
Anton Pawluschko exklusiv für InformNapalm, Originalbeitrag vom 2. Dezember 2014; übersetzt von Irina Schlegel. Beim Nachdruck und Verwenden des Materials ist ein Hinweis auf den Autor und unsere Ressource erforderlich.
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- „RBC-Untersuchung: Woher kommen russische Soldaten in der Ukraine?“
- „Dienst wider Willen: Wie Wehrpflichtigen ein Vertrag und eine Reise nach Rostow aufgedrängt werden.“
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