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Wo versteckt Russland „Nowitschok“? Die Version von InformNapalm

Internationale Medien spekulieren weiterhin über den Herstellungs- und Aufbewahrungsort des Nervengifts „Nowitschok“, der bei der Vergiftung des ehemaligen GRU-Mitarbeiters Sergei Skripal und seiner Tochter Julia in der britischen Stadt Salisbury eingesetzt wurde.

Bezeichnenderweise verweisen die Autoren dieser sensationellen Publikationen bezüglich des Standorts des Labors zur Herstellung von „Nowitschok“ auf unbekannte Quellen beim britischen Nachrichten- und Sicherheitsdienst. Diese Medienmeldungen sind natürlich interessant und haben ihre Berechtigung, InformNapalm bemüht sich aber stets um maximale Faktentreue. Auch diesmal haben wir unsere eigene Annahmen, die durch Beobachtungen unserer OSINT-Experten bekräftigt werden.

Was aus Medien bekannt ist

Am 5. April berief sich die britische Zeitung The Sun auf eigene Quellen und wies auf ein Geheimlabor des russischen Außennachrichtendienstes im Moskauer Viertel Jasenewo als Herstellungort des Nervengifts „Nowitschok“ hin.

Am 6. April nannte die britische Zeitung The Times bereits einen anderen Ort: eine militärische Forschungsbasis in der geschlossenen Stadt Schichany im Gebiet Saratow Russlands.

Es war interessant, die Reaktion der russischen Seite zu beobachten: Die meisten Anhaltspunkte stellte uns dabei der russische Fernsehsender NTV (Archiv) bereit.

Achten Sie auf ein paar Details:

Das ist eine erprobte Methode der russischen Propaganda: Wenn man dich auf frischer Tat ertappt hat, verwisch‘ die Spuren mit alternativen Versionen. Soweit wir verstanden haben, versucht die russische Seite uns gerade von der ersten Version abzulenken. Wir führen unsere Annahmen mal an.

Wo und warum sollte man das Labor mit „Nowitschok“ suchen? Die Version von InformNapalm

Die Version der Times haben wir aus einigen Gründen verworfen – das weiße Rauschen in den Medien um diese Version herum ist gar nicht zufällig.

Alle diese Überlegungen schließen natürlich nicht aus, dass dieses Labor gerade in Schichany liegt, lassen aber an dieser Version zweifeln. Es ist nicht auszuschließen, dass der Giftstoff in Schichany entwickelt wurde, aber für diversive und terroristische Operationen im Ausland ist es nicht sonderlich sinnvoll, dies in einem großen Labor des russischen Verteidigungsministeriums zur Herstellung von Giftstoffen zu tun.

Für diversive Zwecke braucht man sehr kleine Mengen an Giftstoff, im Grunde nur ein paar Gramm, darum müsste der Standort der Herstellung streng geheim sein. Bei der Entwicklung eines Giftstoffes wird ein technologisches Betriebsblatt erstellt, das dann an jeden Betrieb weitergeleitet werden kann, der die nötigen Produktionsvoraussetzungen besitzt. Somit könnte „Nowitschok“ an jedem beliebigen und für fremde Augen und Inspektionen geschlossenen Betrieb überall in Russland hergestellt worden sein.

Wo dieser Ort gesucht werden soll, hat The Sun aufgezeigt, hat aber einen kleinen Fehler in der Geografie gemacht. InformNapalm beschloss, dieser ersten Version nachzugehen und sie entweder zu bestätigen oder zu widerlegen.

Auslandsgeheimdienst und andere Anhaltspunkte

Also hat The Sun als erste die Angaben über ein chemisches Labor im Moskauer Stadtviertel Jasenewo veröffentlicht. Wo genau dieses Objekt liegt, hat die Zeitung nicht mitgeteilt, erwähnte aber, dass dieses Labor zum Auslandsgeheimdienst (SWR) Russlands gehört. InformNapalm hat ein Monitoring dieser Gegend durchgeführt und ist zu dem Schluss gekommen, dass es in Jasenewo selber keine solche Objekte gibt.

Aber unweit von Jasenewo befindet sich das Dorf Sosenskoje, in dem auf dem Gelände der Butowo-Waldanlage die Militäreinheit Nr. 36606 liegt, die ein Objekt des russischen Auslandsgeheimdienstes ist (Koordinaten).


Das ist ein ziemlich großes und gut bewachtes Territorium des Auslandsgeheimdienstes Russlands. Wir nehmen an, dass gerade hier ein Labor zur Herstellung von Giftstoffen liegen kann. Auf den Satellitenbildern sehen wir das Vorhandensein einer Stelle zur Lagerung von abgetragenem Boden, was uns annehmen lässt, dass in der Nähe ein Untergrundbau erstellt wurde, den wir weiter unten besprechen. Das Volumen des abgetragenen Bodens ist dabei ziemlich bedeutend. In den letzten Jahren fand auf dem Gelände der Militäreinheit auch der Bau von Bodenobjekten statt. Zum Beispiel wurde neulich die Montage eines Kühlungssystems für ein neues großes spezialisiertes Objekt zur Platzierung von Server- und Netzwerktechnik beendet.

Gift für Spione

Warum die Herstellung von „Nowitschok“ auf dem Territorium eines Objekts des russischen Auslandsgeheimdienstes organisiert werden konnte? Führen wir ein paar Argumente an.

Übrigens, in diesem Blog kann man einzigartige Fotos dieses Auslandsgeheimdienstgeländes aus dem Jahr 2016 finden (Archiv).

Ein Blogger, der mit einem Hubschrauber über diesem Objekt geflogen ist, stellt folgendes fest: „Das ist der geheimste Ort Moskaus. Das Stabsquartier des Auslandsgeheimdienstes. Vom Boden kann man es nicht sehen, alles ist dicht umzäunt und von einem undurchdringlichen Wald umgeben. Der Auslandsgeheimdienst erweitert sich und wächst, auf dem Territorium findet der Bau von großen Gebäuden statt. Und hier sehen wir den Parkplatz für die Mitarbeiter. Ich wusste gar nicht, dass wir so viele Aufklärer haben“. 

Schlussfolgerung

Das Labor zur Herstellung von Nervengift „Nowitschok“ kann sich an jedem beliebigen Ort in Russland befinden, anhand der Spuren in öffentlichen Quellen und der Reaktion der russischen Vertreter kann man aber annehmen, dass die ursprüngliche Version der britischen Zeitung The Sun der Wahrheit am nächsten kommt. Wir können es natürlich nicht mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit behaupten und unsere Annahmen basieren auf indirekten Hinweisen. Aber Ziel dieser Untersuchung ist es, Schlüsselfragen zu stellen, die Antworten darauf werden wir womöglich schon bald erfahren.


Dieses Material wurde von Kusjma Tutow und Andrej Lisizyn exklusiv für InformNapalm vorbereitet; übersetzt von Irina Schlegel; korrigiert von Klaus H. Walter.

Beim Nachdruck und Verwenden des Materials ist ein Hinweis auf unsere Ressource erforderlich (Creative Commons — Attribution 4.0 International — CC BY 4.0 )

Wir rufen unsere Leser dazu auf, unsere Publikationen aktiver in den sozialen Netzwerken zu verbreiten. Das Verbreiten der Untersuchungen in der Öffentlichkeit kann den Verlauf von Informationskampagnen und Kampfhandlungen tatsächlich brechen.

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