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Wozu braucht Wladislaw Surkow eine Privatarmee? „Verein der Donbas-Freiwilligen“ als eine Reserve der Rosgarde

Am 27. August 2015, ein paar Monate nach den Informationen über die angebliche Beendigung des Projekts „Neurussland“ durch die russischen Marionettenführer, fand in Moskau eine Pressekonferenz statt, die der Gründung der sogenannten „Internationalen öffentlichen Organisation „Verein der Donbas-Freiwilligen““ gewidmet war. Die Leitung übernahm der „Ex-Premierminister der DVR“ Alexander Borodaj. Die erste Versammlung der Organisation fand bereits im Oktober statt, dabei wurden unter anderem Arbeitsvermittlung, Hilfe für die „Freiwilligen“, die im Donbas gekämpft haben, sowie ihre Vereinigung als die Hauptziele des Vereins verkündet.

Die Leitung und die Mitglieder des Vereins verheimlichten von Anfang an nicht, dass ihr Arbeitgeber (wobei hier die Bezeichnung „Sklavenhalter“ eher passen würde) der Präsidentenberater Wladislaw Surkow [1] ist, der auch als „die graue Eminenz des Kreml“ bezeichnet wird. Warum Surkow diesen Verein gegründet und finanziert hat, versuchen wir in der nachfolgenden Untersuchung anhand der gehackten Archive der Korrespondenz des stellvertretenden Vereinsleiters A. Pintschuk [2] zu verstehen.

Nach dem Scheitern des Projekts „Neurussland“, dem Rückzug der russischen Polittechnologen aus dem Osten der Ukraine und den aufgeflogenen russischen Wehrexperten wurden die ziemlich weitgehenden Kompetenzen von Surkow (zu dem Zeitpunkt noch der wichtigste Beauftragte für ukrainische Angelegenheiten) durch die hohe russische Führung eingeschränkt. In Surkows Kompetenz in den besetzten Gebieten des Donbas blieben lediglich jene Angelegenheiten, die unmittelbar mit der Politik verbunden waren (wie z.B. Treffen im Rahmen des Minsker Abkommens [3], die Erschaffung eines günstigen Medienbilds für „DVR/LVR-Anführer“, die Lokalwahlen im Donbas, Förderung der Bewegungen a la „Donezker und Luhansker Volksrepubliken“ usw). Alle anderen Tätigkeitsbereiche wurden unter den russischen Geheimdiensten (FSB und GRU ) sowie unter den unterschiedlichen Ministerien der RF (Ministerium für Wirtschaftswachstum und anderen) aufgeteilt.

Später wurden alle Versuche Surkows, Donbas-Angelegenheiten außerhalb seiner Kompetenz zu beeinflussen, durch Konkurrenten unterbunden. Am erfolgreichsten war hier der erste stellvertretende FSB-Chef Wladmir Grigorjewitsch Kulischow [4]. Es gibt Gründe anzunehmen, dass nach der scheinbaren Beendigung des Projekts „Neurussland“ gerade er zu demjenigen wurde, der über alle Stellenbeförderungen in den besetzten Gebieten bestimmt, alles kontrolliert, was dort über das „Fließband“ ankommt, und es überhaupt nicht mag, wenn sich irgendjemand in seinem Gebiet breit macht.

Dieser Stand der Dinge hatte den grauen Kardinal des Kreml wohl sehr getroffen, und als erfahrener Opportunist gründete er eine zahme hurra-patriotische Organisation, wie sie in Russland gerade im Trend liegen – wohl damit rechnend, dass dieses Instrument ihm in kurzer Zeit dazu verhilft, seinen Einfluss nicht nur im Donbas, sondern auch in den anderen Regionen und Gebieten, die zum Bereich der nationalen Sicherheit der RF gehören, zu erneuern und zu stärken.

Das persönliche Interesse von Surkow an der Tätigkeit des Vereins wird auch dadurch bestätigt, dass diese Organisation von seinem Geschäftspartner Sergej Alexandrowitsch Astanin (dem Generaldirektor der Stiftung zur Unterstützung und Entwicklung von Bildung und Kultur der Weltvölker) finanziert wird.

Nehmen wir zunächst die Hauptergebnisse der Tätigkeit des „Vereins der Donbas-Freiwilligen“ unter die Lupe – das hilft uns, die wahren Ziele zu bestimmen, die Surkow bei der Gründung dieser Organisation verfolgte. Zum Anfang 2017 hatte Surkow über Borodaj Folgendes erreicht:

Im Verein wurde der sogenannte „Rat der Kommandeure“ gegründet, der die Situation im Donbas verfolgen und auf Veränderungen reagieren sollte. Manche Befehlshaber sind weiterhin in der „DVR“ tätig, wie z.B. der Sonderbeauftragte-Vertreter des Vereins Oleg Anatoljewitsch Mamijew (Kommandeur der Brigade „Pjatnaschka“).

Dabei hat der Kosaken-Anführer Kosizyn [9] Surkow versprochen, auf den Zuruf von Surkow sofort bis zu 40-50 000 Kosaken zur Verfügung zu stellen [10].

Besonders herzliche Beziehung pflegt der Vereinsvorstand mit einem gewissen „Genossen Alex“ – einem Vertreter des sogenannten „Fallschirmjäger-Vereins“, tatsächlich aber einem hohen Mitarbeiter des GRU des Generalstabs des Verteidigungsministeriums Russlands, der diese Organisation betreut (diese Person und seine Rolle bei der russischen Annexion der Krim verdient eine gesonderte journalistische Untersuchung).

Über die eventuelle Beteiligung von Vereinsmitgliedern am Putsch-Versuch in Montenegro wurde bereits mehrmals in den Medien berichtet [11].

Wir können nur hinzufügen, dass am 30. September 2016 ein erfahrener „DVR“-Terrorist und Staatsbürger Russlands, Stanislaw Alexandrowitsch Orlow (Deckname „Spanier“, ein früherer Aufklärungskommandeur einer Kompanie in Horliwka, unter folgendem Link finden Sie ein Video über ihn [12], das unter Mitwirkung des „Vereins der Donbas-Freiwilligen“ gedreht wurde) im Auftrag von A.Pintschuk in Montenegro ankam, worüber Surkow gewiss Bescheid wusste. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft von Montenegro war die Liquidation des Ministerpräsidenten des Landes für den 16. Oktober 2016 geplant.

Passfoto von Stanislaw Orlow:

[13]All das bestätigt, dass die Vereinsmitglieder an dem Versuch des Staatsstreiches im Montenegro beteiligt waren. Offenbar wollte Surkow gerne einen Teil vom Siegerkranz bekommen, sollte dieser Spezialeinsatz erfolgreich enden.

Zunächst wurden die territorialen Abteilungen des Vereins damit beauftragt, eine Kette von privaten Sicherheitsfirmen sowohl in Russland als auch auf der besetzten Krim zu gründen, was zur Lösung der Frage der Arbeitsbeschäftigung von ehemaligen Söldnern führen und ihnen den Zugang zu legalen Waffen beschaffen sollte. Man muss anmerken, dass dieser Prozess einen ziemlich starken Widerstand seitens der hiesigen FSB-Behörden ausgelöst hatte, da die Sicherheitsfirmen als eine traditionelle Domäne von pensionierten Sicherheitsbeamten gelten, d.h. diese Nische ist schon lange besetzt.

Parallel arbeiteten Borodaj&Co an der Möglichkeit, ein sogenanntes „freiwilliges Reservekorps der Rosgarde“ aus Mitgliedern des „Vereins der Donbas-Freiwilligen“ aufzustellen. Sollte in Russland eine revolutionäre Stimmung aufflammen, ist die Verteidigung der Führung Russlands die Hauptaufgabe von Rosgarde [14]. Im Notfall würde ein solcher Korps die Anti-Putin-Proteste und Manifestationen vor Ort niederschlagen. Vielleicht demonstriert Surkow auf diese Weise seine Treue und die Bereitschaft Putin vor den Russen zu schützen, oder aber auch umgekehrt – er gründet ein eigenes privates Militärunternehmen für eigene Zwecke.

All diese und andere Fragen wurden von Surkow und den Mitgliedern des Vereins am 4. November 2016 im „Präsident-Hotel“ während einer Sitzung des sogenannten „Kommandeuren-Rat des Vereins“ besprochen [1].

Zum Konzept der Vereinstätigkeit gehört ebenfalls die Unterstützung der Rosgarde im Bereich der Erfassung und Bearbeitung von Informationen sowohl aus öffentlichen Quellen als auch mit Hilfe der Geheimdienstagentur. Außerdem wird die Möglichkeit in Betracht gezogen, russlandweit mehrere Trainingslager (die als Schulungszentren für die Ausbildung von Sicherheitspersonal getarnt werden) für die Vereinsmitglieder entstehen zu lassen. Über die Tätigkeit von zwei solchen Lagern können wir bereits heute sprechen – in einem Vorort von Moskau (im Sport- und Verteidigungskomplex „Preobraschenski“ ) und auf der okkupierten Krim (auf der Basis „Eski-Kermen“, im Bezirk Bachtschisaraj). Dort finden im Rahmen militärisch-sportlicher Treffen (Dauer: jeweils 24 Tage) körperliche, taktische, medizinische, Feuer- und Pionier–Schulungen statt.

Trockener Rest

Surkow hat eine mobilisierte Söldner-Reserve erschaffen, die nicht nur im Donbas, Montenegro und anderen Ländern eingesetzt werden kann, sondern auch zum Erreichen von innenpolitischen Zielen in Russland. Er lobbyiert tüchtig für die Tätigkeit dieser Organisation. Und er tut das deshalb, weil sich die innenpolitische Situation und Kräfteverteilung in Russland selbst wegen der internationalen Sanktionen verändert. Mehr noch, die RF ändert ihre Taktik im Donbas – es wird versucht, das unbequeme Minsker Abkommen zu diskreditieren, „LVR/DVR“-Pässe werden anerkannt, die Industrie im besetzten Donbas wird „nationalisiert“, es finden Vorbereitungen zu einer weiteren Eskalation statt. Die Erhöhung des Wetteinsatzes ist wichtig für weitere Verhandlungen unter Bedingungen, die für den Kreml wesentlich günstiger sind.

In absehbarer Zukunft wird Putin zur Destabilisierung der Situation im Donbas erneut marginalisierte „Freiwillige“ brauchen, da ein verstärkter Einsatz der regulären Armee das Risiko von neuen Sanktionen und anderen Maßnahmen nach sich zieht, die im Kontext von Klagen beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag immer klarere Züge annehmen.

Diese „Freiwilligen-Armee“ kann, wie Sie sicherlich schon erraten haben, Wladislaw Surkow Putin zu Verfügung stellen. Somit kann die graue Eminenz des Kremls sich einen Comeback sichern und gleichzeitig den Gegnern eins auswischen. So eine Mehrzugsvariante.

Der FSB schläft aber auch nicht und sorgt sich sehr um seinen „Vorgarten“: Der interne Konflikt zwischen dem FSB und der Präsidentenverwaltung im Jahr 2016 führte dazu, dass das Zentrum für Informationssicherheit des FSB (das u.a. Beziehungen zu Malofejew über die „Liga des sicheren Internet“ pflegt ) eine „Klospülung“ übernahm, die unter dem Namen „Schaltaj-Boltaj“ (engl. „Humpty-Dumpty“; eine russische Hackergruppe) arbeitet. Beides wurde dabei später geopfert und als Grund dafür wurden sowohl der Hackerangriff auf die Kanzlei von Surkow durch die Ukrainische Cyber Allianz [16] genannt, aber auch andere Ereignisse, die in unserem Artikel „Hacker behind the looking glass: the reasons behind the arrests in FSB and the hunt for Humpty Dumpty“ [17] geschildert wurden.

Dieses Beispiel zeigt uns, dass die russischen freiwilligen Terroristen, die sich unter den Fahnen Surkows versammelt haben, riskieren, sich eines Tages zu einem Bauernopfer zu werden. Ihre Festnahmen werden in Russland lange vor den Schuldsprüchen in Den Haag beginnen. Parallel werden in den besetzten Gebieten des Donbas Säuberungen unter den widerspenstigen Kommandeuren der Bandenformationen durchgeführt, wie wir es kürzlich am Beispiel von Giwi und Anaschtschenko beobachteten. Welcher von den konkurrierenden Kreml-Türmen siegen und welche Rolle in diesem Spiel der „russische Aufstand“ spielen wird, wird die Zeit zeigen. Offensichtlich ist aber, dass nach dem „russischen Frühling“ für die Russen unausweichlich ein „Winter“ beginnen wird.


Dieses Material wurde von Dmitry Lisunow, Oleh Baturin, Sergei Petrenko („Europrostir“) exklusiv für InformNapalm [18] vorbereitet; übersetzt von Zoya Schoriwna [19]/Irina Schlegel [20]; editiert von Klaus H. Walter [21]

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