{"id":1022,"date":"2014-11-13T03:28:53","date_gmt":"2014-11-13T03:28:53","guid":{"rendered":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/?p=1022"},"modified":"2018-11-16T10:00:54","modified_gmt":"2018-11-16T10:00:54","slug":"andrej-piontkowski-das-triptychon-des-willens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/andrej-piontkowski-das-triptychon-des-willens\/","title":{"rendered":"Andrej Piontkowski: Das Triptychon des Willens"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right\"><a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2014\/11\/\u043f\u0438\u043e\u043d\u0442\u043a\u043e\u0432\u0441\u043a\u0438\u0439.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-1024 size-medium\" src=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2014\/11\/\u043f\u0438\u043e\u043d\u0442\u043a\u043e\u0432\u0441\u043a\u0438\u0439-300x224.jpg\" alt=\"\u043f\u0438\u043e\u043d\u0442\u043a\u043e\u0432\u0441\u043a\u0438\u0439\" width=\"300\" height=\"224\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><strong>von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Andrey_Piontkovsky\">Andrej Piontkowski,<\/a>\u00a0einem\u00a0russischen Politologen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #0e0e0e\"><span style=\"font-family: 'Times New Roman', serif\"><span style=\"font-size: large\"><i>&#8222;Russland ist Putin, Putin ist Russland&#8220;\u00a0<\/i><\/span><\/span><\/span><i>Rudolf Wolodin<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Waldaj-Rede von Putin sollte man nicht isoliert betrachten sondern im Kontext eines Triptychons des Willens 2014: Die M\u00e4rzrede von Wladimir von Taurien (<em>alter Name der Krim<\/em>), den April-Dialog mit dem geliebten Volk und schlie\u00dflich die Oktobersau eines Taiga-Herrschers.<\/p>\n<p>Das Triptychon des Willens hat den Austritt Russlands aus dem misslungenen europ\u00e4ischen Experiment, das von Peter I. Anfang des 18. Jahrhunderts initiiert wurde, besiegelt. Seit mehreren Jahrhunderten wiederholt sich in der russischen Geschichte wie in einer \u00fcblen Endlosigkeit ein und dasselbe Szenario: Immer und immer wieder taucht ein Zar-Modernisierer auf, der urbi et orbi erkl\u00e4rt: \u201eWir sind hinter den fortschrittlichen L\u00e4ndern des Westens um 50 Jahre zur\u00fcckgeblieben, wenn wir diese Distanz nicht in 10-15 Jahren \u00fcberwinden, werden wir zerquetscht\u201c.<\/p>\n<p>Es ist unwichtig, wem genau diese Worte zuzuschreiben sind, ob Pjotr Alexejewitsch, oder doch Josef Wissarionowitsch (<em>Stalin<\/em>). Indem der Modernisierer das ganze Land aufbockt, und alle an seiner Weisheit Zweifelnden auf der Folterbank reckt, wirft sich der Modernisierer in einen Mobilmachungsdurchbruch und l\u00f6st \u00fcblicherweise die Aufgabe. Zum Preis der kolossalen Opfer holt er den ewig lockenden und ewig verhassten Westen mal in Quantit\u00e4t seiner Kanonen und Fregatten, mal in Tonnen seines Roheisens und Stahls per capita ein. Aber aus irgendeinem Grund steht Russland nach einem weiteren historischen Triumph eines weiteren Modernisierers wieder mal vor dem Nichts. Es taucht ein neuer Regent auf, der denselben Kaugummi kauen muss: \u201eWir sind im R\u00fcckstand, wir m\u00fcssen, Portugal, verdoppeln, sonst werden wir&#8230; usw\u201c.<\/p>\n<p>Offensichtlich hat sich in die verwegenen Projekte unserer sporadischen R\u00fcckerei ein Systemfehler eingeschlichen. Etwas in der Natur des Westens, was dem Verst\u00e4ndnis unserer Modernisierer entgleitet, erlaubt diesem Westen uns immer und immer wieder mit unseren Bergen an Roheisen und Stahl, mit unseren verfaulten Raketen und U-Booten, mit unseren Wachtr\u00e4umen von einem Dritten Reich und einem besonderen Weg, dessen Geheimplan in einer Sonderabteilung aufbewahrt wird, hinter sich zu lassen.<\/p>\n<p>Als der junge Zar Peter Alexejewitsch nach Amsterdam gelangte, war er von Europa \u00fcberw\u00e4ltigt und verzaubert. Er mochte alles: die herrlichen Werften, die ausgewaschenen Stra\u00dfenpflaster, die entz\u00fcckenden Caf\u00e9s. Selbstverst\u00e4ndlich wollte der Zar-Modernisierer all das sofort nach Russland \u00fcbertragen. Aber so, dass man die Strelitzen weiterhin eigenst\u00e4ndig k\u00f6pft, und nach einer Versammlung, etwas Kaffee getrunken, in den Keller hinuntergeht, um sich etwas warmzumachen, indem man an derselben Folterbank den eigenen Spr\u00f6ssling foltert, wegen seinen unbefugten Verbindungen zu Ausl\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Es sind noch \u00fcber 300 Jahre vergangen, bis ein junger sowjetischer KGB-Offizier nach Dresden gekommen ist, ein universeller Soldat der Partei und ihrer bewaffneten Abteilung. Allerdings war Dresden dank der Erfolge der russischen Modernisierer nicht mehr wirklich Westen, aber noch immer Westen genug, um zu einem Zukunftsschock f\u00fcr einen Spion zu werden, der aus dem Osten kam.<\/p>\n<p>Wenn Peter, der sich seit seiner Kindheit f\u00fcr die Flotte begeisterte, am meisten von den holl\u00e4ndischen Werften \u00fcberw\u00e4ltigt war, so hat Wladimir das deutsche Bier erobert, dem die einzigen farbenpr\u00e4chtigen und emotional beladenen Seiten eines ziemlich langweiligen Werkes \u201eGespr\u00e4che mit Wladimir Putin\u201c gewidmet sind.<\/p>\n<p>Immer und immer wieder an diesem verf\u00fchrerischen, unausrottbar b\u00fcrgerlichen Getr\u00e4nk schl\u00fcrfend, ist der \u00fcberzeugte Tschekist unmerklich zu wichtigen weltanschaulichen Schlussfolgerungen \u00fcber die wirtschaftliche Verdammung des sowjetischen kommunistischen Systems gekommen. Und dank den fantastischen Schrullen des Schicksals und der ungest\u00fcmen Energie des verstorbenen Beresowski wollte der zum Regent eines Siebentels der Erdfl\u00e4che gewordene Putin absolut aufrichtig eine bl\u00fchende Marktgesellschaft in Russland aufbauen, \u201ewie bei denen im Westen\u201c.<\/p>\n<p>Aber so, dass es noch eine von Surkow-Wolodin regierte Demokratie wie auch eine Diktatur des Gesetzes mit einem menschlichen Gesicht von Ustinow-Bastrykin gibt. Und dass man noch die in Ungnade gefallenen Oligarchen im Kerker einsperren kann, aus denen sie Bu\u00dfbriefe schreiben werden: \u201eKoba (<em>Kosename von Stalin<\/em>), wozu brauchst du meinen Tod?\u201c, und die anderen ihre Faberge-Eier abgeben werden, und die liberalen Minister in einer \u201eIch-bin-dein-nichtiger-Hund-mein-Zar\u201c-Pose stramm stehen werden.<\/p>\n<p>Darin besteht vermutlich auch der Systemfehler der russischen f\u00fcrstlichen Modernisierer, ein Fehler, der sich von Jahrhundert zu Jahrhundert wiederholt.<\/p>\n<p>Bezaubert von den materiellen Ertr\u00e4gen\u00a0des Westens und leidenschaftlich daran interessiert, sich dieser zu bem\u00e4chtigen, versto\u00dfen unsere skythischen Regenten aus einer tierischen Angst die ihnen so fremde und verhasste Luft der Freiheit und der Pers\u00f6nlichkeitsw\u00fcrde, welche die ewige Matrix der Russischen Obrigkeit zu zerst\u00f6ren droht &#8211; die universelle Matrix der Horde, des Zarismus, des Kommunismus, des Putinismus.<\/p>\n<p>Das Triptychon des Willens hat endlich mit der Jahrhunderte alten, dem\u00fctigenden Tradition des Pseudolernens vom Westen restlos abgeschlossen. Die F\u00fchrer unseres von den Karpaten herabgestiegenen arischen Stammes sind m\u00fcde davon geworden, mit ihren von L\u00fcgen geschlitzten und vor Neid gierigen Augen den Westen mit Hass UND Liebe anzuschauen, und haben mit der kognitiven Dissonanz entschieden gebrochen.<\/p>\n<p>Es ist nur der ungetr\u00fcbte Hass gegen den Westen von den Paten der \u201eRussischen Welt\u201c, von diesen Dieben-Milliard\u00e4ren geblieben, die vom Westen doch nicht als wahre Bourgeois aufgenommen wurden. Ansonsten ist ihnen aber das Leben gelungen. Der Boden daf\u00fcr ist ihnen von den Dutzenden Millionen Opfern des Jahrhunderte alten kommunistischen Experiments (Loser in ihrer Wahrnehmung) ged\u00fcngt worden.<\/p>\n<p>In weniger als einem Jahrhundert waren die erhabenen Malefikanten der Revolution (Lenin, Trotzki, Stalin) erst zu l\u00e4cherlichen hilflosen Greisen mutiert (Breschnew, Andropow, Tschernenko), und haben sich dann, mit dem Lebenswasser der Nomenklatura-Privatisierung besprengt, in jungenhafte, sportliche, sexy Erd\u00f6lh\u00e4ndler (Putin, Abramowitsch, Timtschenko) verwandelt. Diese echten Knaben sind die wahren Erben der Oktober-Revolution, die letzte Generation ihrer Anf\u00fchrer, das folgerichtige und unvermeidliche Ergebnis der Evolution der \u201eneuen Gattung\u201c.<\/p>\n<p>Das Triptychon des Willens \u2013 das ist eine Erkl\u00e4rung des totalen hybriden Krieges an den Westen. Eines Krieges bis zu seiner v\u00f6lligen moralischen Vernichtung. Nur diese kann den Paten der \u201eRussischen Welt\u201c die lebenslange Macht garantieren. Putins Plan ist der Sieg der \u201eRussischen Welt\u201c. Als erstes muss die widerspenstige Schwester Ukraine erniedrigt und vernichtet werden, die sich an einen dreisten Ausbruch aus der russischen Zone gewagt hat. Das wird eine gute Erziehungsma\u00dfnahme f\u00fcr alle anderen sein. Dann wird man nur wie versprochen in zwei Tagen bis nach Tallinn, Riga, Vilnius kommen m\u00fcssen. Was n\u00e4mlich nach Putins Plan die endg\u00fcltige moralische Vernichtung des Westens auch sein wird.<\/p>\n<p>Die Unf\u00e4higkeit des Westens, sich an seine Verpflichtungen in kollektiver Verteidigung der L\u00e4nder &#8211; NATO-Mitglieder &#8211; zu halten, wird ein Fukuyama-\u00e4hnliches \u2013 aber gerade im Gegenteil! &#8211; dem\u00fctigendes Ende seiner Geschichte sein. Im Kreml sind sie \u00fcberzeugt, dass sie einen universellen Schl\u00fcssel zum Sieg haben: Atomwaffen plus das russische Volk, dem \u201ein der Gemeinschaft selbst das Sterben sch\u00f6n ist\u201c, f\u00fcr die Jachten von Abramowitsch und die Pelzmanteldepots von Jakunin. Darin besteht n\u00e4mlich seine \u00fcberragende orthodoxe Geistlichkeit.<\/p>\n<p>Der Westen hat Atomwaffen, aber kein Volk, auf dessen Weisheit und Geduld sein Haupthenker mal einen Trinkspruch ausbrachte, der von den dankbaren Nachfahren der \u00dcberlebenden mit dem Namen Russlands benannt wurde. Wie die Kremlanalytiker glauben, wird der Westen zusammenzucken und es nicht wagen, auf einen beschr\u00e4nkten Atomschlag auf ein, zwei europ\u00e4ische St\u00e4dte zu antworten. Oder er wird am ehesten noch fr\u00fcher zur\u00fccktreten, angesichts der hart artikulierten Bedrohung eines solchen Anschlages, und seine kleineren Verb\u00fcndeten zur Zerlegung nach Schablonen der \u201eRussischen Welt\u201c freigeben. Vielleicht haben sie sogar Recht. Aber auf jeden Fall ist der totale Krieg, den man dem Westen erkl\u00e4rte, und die t\u00e4glich deklarierte Bereitschaft, Atomwaffen anzuwenden &#8211; das ist ein gewaltiges Risiko f\u00fcr die Existenz Russlands. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Anf\u00fchrer der \u201eRussischen Welt\u201c selbst zu Opfern der totalen L\u00fcge, Demagogie und Servicebereitschaft der Experten geworden sind, die ihnen das Wesen dieser Sache zu erl\u00e4utern f\u00fcrchteten. Sie hatten so viele hundert Mal wiederholt, dass das amerikanische System NMD das russische Potenzial der Eind\u00e4mmung ernsthaft bedroht, dass sie selber diesen Quatsch endg\u00fcltig geglaubt haben, und es ist gut m\u00f6glich, dass sie aufrichtig glauben, dass sie nur noch ein, zwei Jahre Zeit haben, und sich beeilen m\u00fcssen, mit den arroganten Amis die Atomkr\u00e4fte so schnell wie m\u00f6glich zu messen.<\/p>\n<p>Der Saratower Sonderling (<em>Wolodin)<\/em>, der neulich den Parteigenossen Hess zitierte, vermutet gar nicht, wie sehr er Recht hatte. Putin ist fest entschlossen, Russland ewig zu regieren oder zusammen mit Russland ins Nichtssein auszuscheiden. So einfach wird er von diesem nicht mehr hinabklettern.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Andrey_Piontkovsky\">Andrei Piontkowsk<\/a>i f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.svoboda.mobi\/a\/26682252.html\">svoboda.org<\/a>, \u00fcbersetzt von <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Kaspijka\">Irina Schlegel<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Lesen Sie andere Texte dieses Autors: A.Piontkowski &#8222;<a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/andrej-piontkowski-putin-spielt-atomwaffenpoker\/\">Putin spielt Atomwaffenpoker&#8220;<\/a>\u00a0und <a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/andrej-piontkowski-der-vierte-weltkrieg\/\">&#8222;Der Vierte Weltkrieg&#8220;<\/a><\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Andrej Piontkowski,\u00a0einem\u00a0russischen Politologen &nbsp; &nbsp; &#8222;Russland ist Putin, Putin ist Russland&#8220;\u00a0Rudolf Wolodin &nbsp; Die Waldaj-Rede von&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":121,"featured_media":2936,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"_uf_show_specific_survey":0,"_uf_disable_surveys":false,"footnotes":""},"categories":[98,131,3],"tags":[274,73,72,12,13],"class_list":["post-1022","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuell","category-expertenmeinungen","category-interviews","tag-atomwaffen","tag-europa","tag-piontkowski","tag-russland","tag-ukraine"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v26.9 - 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Anfang des 18. Jahrhunderts initiiert wurde, besiegelt. Seit mehreren Jahrhunderten wiederholt sich in der russischen Geschichte wie in einer \u00fcblen Endlosigkeit ein und dasselbe Szenario: Immer und immer wieder taucht ein Zar-Modernisierer auf, der urbi et orbi erkl\u00e4rt: \u201eWir sind hinter den fortschrittlichen L\u00e4ndern des Westens um 50 Jahre zur\u00fcckgeblieben, wenn wir diese Distanz nicht in 10-15 Jahren \u00fcberwinden, werden wir zerquetscht\u201c.\r\n\r\nEs ist unwichtig, wem genau diese Worte zuzuschreiben sind, ob Pjotr Alexejewitsch, oder doch Josef Wissarionowitsch (<em>Stalin<\/em>). Indem der Modernisierer das ganze Land aufbockt, und alle an seiner Weisheit Zweifelnden auf der Folterbank reckt, wirft sich der Modernisierer in einen Mobilmachungsdurchbruch und l\u00f6st \u00fcblicherweise die Aufgabe. Zum Preis der kolossalen Opfer holt er den ewig lockenden und ewig verhassten Westen mal in Quantit\u00e4t seiner Kanonen und Fregatten, mal in Tonnen seines Roheisens und Stahls per capita ein. Aber aus irgendeinem Grund steht Russland nach einem weiteren historischen Triumph eines weiteren Modernisierers wieder mal vor dem Nichts. Es taucht ein neuer Regent auf, der denselben Kaugummi kauen muss: \u201eWir sind im R\u00fcckstand, wir m\u00fcssen, Portugal, verdoppeln, sonst werden wir... usw\u201c.\r\n\r\nOffensichtlich hat sich in die verwegenen Projekte unserer sporadischen R\u00fcckerei ein Systemfehler eingeschlichen. Etwas in der Natur des Westens, was dem Verst\u00e4ndnis unserer Modernisierer entgleitet, erlaubt diesem Westen uns immer und immer wieder mit unseren Bergen an Roheisen und Stahl, mit unseren verfaulten Raketen und U-Booten, mit unseren Wachtr\u00e4umen von einem Dritten Reich und einem besonderen Weg, dessen Geheimplan in einer Sonderabteilung aufbewahrt wird, hinter sich zu lassen.\r\n\r\nAls der junge Zar Peter Alexejewitsch nach Amsterdam gelangte, war er von Europa \u00fcberw\u00e4ltigt und verzaubert. Er mochte alles: die herrlichen Werften, die ausgewaschenen Stra\u00dfenpflaster, die entz\u00fcckenden Caf\u00e9s. Selbstverst\u00e4ndlich wollte der Zar-Modernisierer all das sofort nach Russland \u00fcbertragen. Aber so, dass man die Strelitzen weiterhin eigenst\u00e4ndig k\u00f6pft, und nach einer Versammlung, etwas Kaffee getrunken, in den Keller hinuntergeht, um sich etwas warmzumachen, indem man an derselben Folterbank den eigenen Spr\u00f6ssling foltert, wegen seinen unbefugten Verbindungen zu Ausl\u00e4ndern.\r\n\r\nEs sind noch \u00fcber 300 Jahre vergangen, bis ein junger sowjetischer KGB-Offizier nach Dresden gekommen ist, ein universeller Soldat der Partei und ihrer bewaffneten Abteilung. Allerdings war Dresden dank der Erfolge der russischen Modernisierer nicht mehr wirklich Westen, aber noch immer Westen genug, um zu einem Zukunftsschock f\u00fcr einen Spion zu werden, der aus dem Osten kam.\r\n\r\nWenn Peter, der sich seit seiner Kindheit f\u00fcr die Flotte begeisterte, am meisten von den holl\u00e4ndischen Werften \u00fcberw\u00e4ltigt war, so hat Wladimir das deutsche Bier erobert, dem die einzigen farbenpr\u00e4chtigen und emotional beladenen Seiten eines ziemlich langweiligen Werkes \u201eGespr\u00e4che mit Wladimir Putin\u201c gewidmet sind.\r\n\r\nImmer und immer wieder an diesem verf\u00fchrerischen, unausrottbar b\u00fcrgerlichen Getr\u00e4nk schl\u00fcrfend, ist der \u00fcberzeugte Tschekist unmerklich zu wichtigen weltanschaulichen Schlussfolgerungen \u00fcber die wirtschaftliche Verdammung des sowjetischen kommunistischen Systems gekommen. Und dank den fantastischen Schrullen des Schicksals und der ungest\u00fcmen Energie des verstorbenen Beresowski wollte der zum Regent eines Siebentels der Erdfl\u00e4che gewordene Putin absolut aufrichtig eine bl\u00fchende Marktgesellschaft in Russland aufbauen, \u201ewie bei denen im Westen\u201c.\r\n\r\nAber so, dass es noch eine von Surkow-Wolodin regierte Demokratie wie auch eine Diktatur des Gesetzes mit einem menschlichen Gesicht von Ustinow-Bastrykin gibt. Und dass man noch die in Ungnade gefallenen Oligarchen im Kerker einsperren kann, aus denen sie Bu\u00dfbriefe schreiben werden: \u201eKoba (<em>Kosename von Stalin<\/em>), wozu brauchst du meinen Tod?\u201c, und die anderen ihre Faberge-Eier abgeben werden, und die liberalen Minister in einer \u201eIch-bin-dein-nichtiger-Hund-mein-Zar\u201c-Pose stramm stehen werden.\r\n\r\nDarin besteht vermutlich auch der Systemfehler der russischen f\u00fcrstlichen Modernisierer, ein Fehler, der sich von Jahrhundert zu Jahrhundert wiederholt.\r\n\r\nBezaubert von den materiellen Ertr\u00e4gen\u00a0des Westens und leidenschaftlich daran interessiert, sich dieser zu bem\u00e4chtigen, versto\u00dfen unsere skythischen Regenten aus einer tierischen Angst die ihnen so fremde und verhasste Luft der Freiheit und der Pers\u00f6nlichkeitsw\u00fcrde, welche die ewige Matrix der Russischen Obrigkeit zu zerst\u00f6ren droht - die universelle Matrix der Horde, des Zarismus, des Kommunismus, des Putinismus.\r\n\r\nDas Triptychon des Willens hat endlich mit der Jahrhunderte alten, dem\u00fctigenden Tradition des Pseudolernens vom Westen restlos abgeschlossen. Die F\u00fchrer unseres von den Karpaten herabgestiegenen arischen Stammes sind m\u00fcde davon geworden, mit ihren von L\u00fcgen geschlitzten und vor Neid gierigen Augen den Westen mit Hass UND Liebe anzuschauen, und haben mit der kognitiven Dissonanz entschieden gebrochen.\r\n\r\nEs ist nur der ungetr\u00fcbte Hass gegen den Westen von den Paten der \u201eRussischen Welt\u201c, von diesen Dieben-Milliard\u00e4ren geblieben, die vom Westen doch nicht als wahre Bourgeois aufgenommen wurden. Ansonsten ist ihnen aber das Leben gelungen. Der Boden daf\u00fcr ist ihnen von den Dutzenden Millionen Opfern des Jahrhunderte alten kommunistischen Experiments (Loser in ihrer Wahrnehmung) ged\u00fcngt worden.\r\n\r\nIn weniger als einem Jahrhundert waren die erhabenen Malefikanten der Revolution (Lenin, Trotzki, Stalin) erst zu l\u00e4cherlichen hilflosen Greisen mutiert (Breschnew, Andropow, Tschernenko), und haben sich dann, mit dem Lebenswasser der Nomenklatura-Privatisierung besprengt, in jungenhafte, sportliche, sexy Erd\u00f6lh\u00e4ndler (Putin, Abramowitsch, Timtschenko) verwandelt. Diese echten Knaben sind die wahren Erben der Oktober-Revolution, die letzte Generation ihrer Anf\u00fchrer, das folgerichtige und unvermeidliche Ergebnis der Evolution der \u201eneuen Gattung\u201c.\r\n\r\nDas Triptychon des Willens \u2013 das ist eine Erkl\u00e4rung des totalen hybriden Krieges an den Westen. Eines Krieges bis zu seiner v\u00f6lligen moralischen Vernichtung. Nur diese kann den Paten der \u201eRussischen Welt\u201c die lebenslange Macht garantieren. Putins Plan ist der Sieg der \u201eRussischen Welt\u201c. Als erstes muss die widerspenstige Schwester Ukraine erniedrigt und vernichtet werden, die sich an einen dreisten Ausbruch aus der russischen Zone gewagt hat. Das wird eine gute Erziehungsma\u00dfnahme f\u00fcr alle anderen sein. Dann wird man nur wie versprochen in zwei Tagen bis nach Tallinn, Riga, Vilnius kommen m\u00fcssen. Was n\u00e4mlich nach Putins Plan die endg\u00fcltige moralische Vernichtung des Westens auch sein wird.\r\n\r\nDie Unf\u00e4higkeit des Westens, sich an seine Verpflichtungen in kollektiver Verteidigung der L\u00e4nder - NATO-Mitglieder - zu halten, wird ein Fukuyama-\u00e4hnliches \u2013 aber gerade im Gegenteil! - dem\u00fctigendes Ende seiner Geschichte sein. Im Kreml sind sie \u00fcberzeugt, dass sie einen universellen Schl\u00fcssel zum Sieg haben: Atomwaffen plus das russische Volk, dem \u201ein der Gemeinschaft selbst das Sterben sch\u00f6n ist\u201c, f\u00fcr die Jachten von Abramowitsch und die Pelzmanteldepots von Jakunin. Darin besteht n\u00e4mlich seine \u00fcberragende orthodoxe Geistlichkeit.\r\n\r\nDer Westen hat Atomwaffen, aber kein Volk, auf dessen Weisheit und Geduld sein Haupthenker mal einen Trinkspruch ausbrachte, der von den dankbaren Nachfahren der \u00dcberlebenden mit dem Namen Russlands benannt wurde. Wie die Kremlanalytiker glauben, wird der Westen zusammenzucken und es nicht wagen, auf einen beschr\u00e4nkten Atomschlag auf ein, zwei europ\u00e4ische St\u00e4dte zu antworten. Oder er wird am ehesten noch fr\u00fcher zur\u00fccktreten, angesichts der hart artikulierten Bedrohung eines solchen Anschlages, und seine kleineren Verb\u00fcndeten zur Zerlegung nach Schablonen der \u201eRussischen Welt\u201c freigeben. Vielleicht haben sie sogar Recht. Aber auf jeden Fall ist der totale Krieg, den man dem Westen erkl\u00e4rte, und die t\u00e4glich deklarierte Bereitschaft, Atomwaffen anzuwenden - das ist ein gewaltiges Risiko f\u00fcr die Existenz Russlands. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Anf\u00fchrer der \u201eRussischen Welt\u201c selbst zu Opfern der totalen L\u00fcge, Demagogie und Servicebereitschaft der Experten geworden sind, die ihnen das Wesen dieser Sache zu erl\u00e4utern f\u00fcrchteten. Sie hatten so viele hundert Mal wiederholt, dass das amerikanische System NMD das russische Potenzial der Eind\u00e4mmung ernsthaft bedroht, dass sie selber diesen Quatsch endg\u00fcltig geglaubt haben, und es ist gut m\u00f6glich, dass sie aufrichtig glauben, dass sie nur noch ein, zwei Jahre Zeit haben, und sich beeilen m\u00fcssen, mit den arroganten Amis die Atomkr\u00e4fte so schnell wie m\u00f6glich zu messen.\r\n\r\nDer Saratower Sonderling (<em>Wolodin)<\/em>, der neulich den Parteigenossen Hess zitierte, vermutet gar nicht, wie sehr er Recht hatte. Putin ist fest entschlossen, Russland ewig zu regieren oder zusammen mit Russland ins Nichtssein auszuscheiden. So einfach wird er von diesem nicht mehr hinabklettern.\r\n\r\n<hr \/>\r\n\r\n<em>Quelle: <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Andrey_Piontkovsky\">Andrei Piontkowsk<\/a>i f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.svoboda.mobi\/a\/26682252.html\">svoboda.org<\/a>, \u00fcbersetzt von <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Kaspijka\">Irina Schlegel<\/a>.<\/em>\r\n<p style=\"text-align: center\"><em><strong>Lesen Sie andere Texte dieses Autors: A.Piontkowski \"<a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/andrej-piontkowski-putin-spielt-atomwaffenpoker\/\">Putin spielt Atomwaffenpoker\"<\/a>\u00a0und <a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/andrej-piontkowski-der-vierte-weltkrieg\/\">\"Der Vierte Weltkrieg\"<\/a><\/strong><\/em><\/p>","amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1022","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/121"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1022"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1022\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28781,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1022\/revisions\/28781"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2936"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1022"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1022"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1022"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}