{"id":1173,"date":"2014-11-20T04:18:26","date_gmt":"2014-11-20T04:18:26","guid":{"rendered":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/?p=1173"},"modified":"2018-07-30T06:22:32","modified_gmt":"2018-07-30T06:22:32","slug":"wer-in-russland-braucht-einen-krieg-gegen-die-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wer-in-russland-braucht-einen-krieg-gegen-die-ukraine\/","title":{"rendered":"Pawel Scheremet: Wer genau in Russland braucht einen Krieg gegen die Ukraine?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right\"><em>von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Pavel_Sheremet\"><strong>Pawel Scheremet<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p>Das Projekt \u201eNeurussland\u201c ist nicht abgeschlossen. Niemand von den Autoren und Inspiratoren dieses Katastrophenprojekts hat daran gedacht, sich davon loszusagen: zu viel Geld und andere Dividenden bringt es ihnen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es gar kein Neurussland in den von den russischen Imperialisten und orthodoxen Khorugwentr\u00e4gern <em>(<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Khorugv\">Khorugwen<\/a>: Banner\/Standarten &#8211; Feldzeichen (z.B. beim r\u00f6mischen Milit\u00e4r)<\/em> aufgezeichneten Grenzen, die Fristen haben sich sehr verschoben, der Projektpreis ist mehrfach gestiegen, aber von der wahnsinnigen Idee hat man sich noch immer nicht losgesagt. Unerwartet hat das ukrainische Volk\u00a0sich in die Geschichte eingemischt, das es nach allen Kreml-Auslegungen weit und breit nicht geben sollte. Aber dieses peinliche Missverst\u00e4ndnis hofft man trotzdem doch noch auszur\u00e4umen.<\/p>\n<p>Jetzt findet im Kreml ein Kampf zweier Gruppierungen statt, die allerdings beide f\u00fcr den Krieg in der Ukraine eintreten. Ich wei\u00df gar nicht, wie man sie aufteilen soll: Die einen sind f\u00fcr den Krieg jetzt sofort, und die anderen sind einfach nur f\u00fcr den Krieg. Im Kreml gibt es jetzt keine einflussreichen Kr\u00e4fte, die sich f\u00fcr den Frieden mit dem Nachbarland einsetzen. Es handelt sich um bedingt besessene Imperialisten und sparsame Imperialisten.<\/p>\n<p>Die besessenen Imperialisten treiben die Idee eines baldm\u00f6glichen vollumfassenden milit\u00e4rischen Vorsto\u00dfes in die Ukraine voran, f\u00f6rdern die Idee der Erweiterung der den Separatisten unterstellten Zone durch milit\u00e4risches Vorgehen. Darum gab Girkin-Strelkow LifeNews derart abgedrehte Interviews, und Sergei Dorenko schlug mehrere Tage in Folge die Kriegstrommel.<\/p>\n<p>Er und die Leute, die ihn unterst\u00fctzen, sind bereit, die Ukraine im Blut zu ertr\u00e4nken und Zehntausende russischer Leben f\u00fcr dieses Neurussland zu opfern. Der Einfluss dieser Gruppe ist sehr gro\u00df. Nicht mal der Winter h\u00e4lt sie auf.<\/p>\n<p>Die Gruppierung der sparsamen Imperialisten, die von Anfang an einen viel umfassenderen Plan bez\u00fcglich der Krim, des Donbas und des erfundenen Neurusslands hatte, bietet eine viel ge\u00fcbtere Variante an: Angreifen, sich festsetzen, ein wenig zur\u00fcckweichen und wieder angreifen.<\/p>\n<p>Wenn Sie glauben, dass Putin den Krieg um die Ukraine verliert und alles schon zu Ende ist, so rufe ich dazu auf, den Fakten ins Gesicht zu sehen. Mit den Augen des russischen Pr\u00e4sidenten und seiner Berater.<\/p>\n<p>Die Krim geh\u00f6rt zu Russland. Der Gro\u00dfteil des Donbas wurde in eine verschanzte Festung verwandelt, einen Knochen im Hals der Ukraine, und in einen Br\u00fcckenkopf f\u00fcr einen neuen Vorsto\u00df. Nat\u00fcrlich hat Putin Kyjiw in zwei Wochen nicht eingenommen, womit er allen gedroht hatte. Er hat nicht einmal den strategisch wichtigen Hafen Mariupol eingenommen. Aber die umfangreichen Armeekr\u00e4fte wurden ja auch noch nicht eingesetzt. Nur ein paar taktische Gruppen aus etlichen Bataillonen haben ohne die Unterst\u00fctzung der Luftwaffe die ukrainische Armee zur\u00fcckgeschlagen und haben die milit\u00e4rische Situation im Donbas zerbrochen. Also melden die russischen Gener\u00e4le Putin Siege aber keine Niederlagen.<\/p>\n<p>Die russische regierende Elite betrachtet die Ukrainer nicht als Menschen, beziehungsweise nicht als ein einheitliches Volk, um so weniger sieht sie die Ukrainer als eine starke und geschlossene Nation. Die Ukrainer werden verachtet. Alle Gespr\u00e4che in den russischen Medien handeln nur von der ukrainischen Habgier, Arglist und Feigheit.<\/p>\n<p>Die westlichen Sanktionen beunruhigen auf einer Seite. Aber auf der anderen \u00e4rgern sie und zwingen dazu, hart und schnell zu handeln. Es wurde ein Ziel gesetzt: die Zerteilung der Ukraine \u00fcbers Eck, und dieses Ziel erscheint noch immer ausf\u00fchrbar. Vielleicht trage ich zu dick auf, aber ich gehe immer davon aus, dass die bittere Wahrheit besser als eine s\u00fc\u00dfe L\u00fcge ist.<\/p>\n<p>Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass wir alle gerade einen kritischen Moment der Geschichte erleben. Russland und all seine Nachbarn sind an einer historischen Weggabelung angekommen, die das Schicksal von Millionen Menschen und ganzen V\u00f6lkern ver\u00e4ndern wird. Schon ver\u00e4ndert hat. Niemand wei\u00df so recht, was morgen passiert und wo wir ankommen werden. Jemand ist von einer Wiedergeburt der russischen Welt und der Renaissance des Russischen Imperiums \u00fcberzeugt. Andere bezeichnen die Aggression gegen die Ukraine als den letzten Ruck eines Imperiums, der die Kr\u00e4fte des Landes endg\u00fcltig untergraben wird.<\/p>\n<p>Ich versuche mich an Putins Stelle zu setzen, um die Logik seiner Handlungen zu verstehen. Im Rahmen eines Experiments versuche ich die Pluspunkte in diesem Krieg f\u00fcr Russland zu finden. Ja, Putin hat seine innenpolitischen Probleme gel\u00f6st. Sein Rating ist bis zum Himmel aufgeschossen, aber es ist mit einem Drogenrausch vergleichbar, der noch eine und dann wieder eine neue Dosis erfordert. Irgendwelche Randfiguren von Politikern und Politologen haben ihre Positionen verbessert. Die Gener\u00e4le bereichern sich traditionell am Krieg. Sie haben die Kaukasier und Tadschiken f\u00fcr eine Zeit lang vergessen. Die korrumpierten Beamten haben aufgeatmet, denn kaum einer erinnert sich noch an sie und ihre Pelzlagerhallen. Also, es gibt kleine Gruppen und Gruppierungen, die tats\u00e4chlich zufrieden sind. Aber gibt es denn Pluspunkte f\u00fcr das russische Volk, den russischen Staat?<\/p>\n<p>Ich suche flei\u00dfig nach positiven Ergebnissen des russischen Angriffes auf die Ukraine, und ich finde keine. Es gibt keine Rechtfertigung daf\u00fcr, und ein gl\u00fcckliches Ende f\u00fcr Russland wird es in dieser Geschichte auch nicht geben.<\/p>\n<p>Vor zwei Jahren sa\u00dfen wir im kalten Chanty-Mansijsk mit dem russischen Schriftsteller und Fernsehmoderator Alexander Archangelski zusammen. Alex hatte gerade einen weiteren Roman zu Ende geschrieben, wo er in einer raffinierten k\u00fcnstlerischen Form die Zukunft des russischen Pr\u00e4sidenten beschreibt.<\/p>\n<p>Ich habe behauptet, dass Wladimir Putin h\u00f6chstwahrscheinlich einen kleinen siegreichen Krieg vom Zaun brechen wird. Er ist beleidigt \u00fcber den Westen, ihm scheint es, dass die Amerikaner Russland nicht respektieren und ihn als Pr\u00e4sidenten eines erhabenen Landes auch nicht, darum wird er versuchen, ihnen zu zeigen, was eine Harke ist &#8211; damit sie nicht all zu sehr abheben.<\/p>\n<p>Damals haben wir uns darauf geeinigt, dass auch wenn es ein Krieg sein wird, so wird es ein Krieg um die Ukraine sein, denn ein Krieg mit China wird uns selbst teuer zu stehen kommen, Europa direkt zu bekriegen macht keinen Sinn, es wird bald selbst von allein einknicken, ein St\u00fcck Ukraine abzubei\u00dfen &#8211; das passt aber wunderbar in die Strategie der Erschaffung der Eurasischen Union und in die ideologischen Vorstellungen davon, wo die Gro\u00dfe Rus herkommt.<\/p>\n<p>Ich bin ausschlie\u00dflich von Psychologie und Wirtschaft ausgegangen. Einerseits \u201esteht Russland von den Knien auf\u201c, die russische Elite nimmt wieder Haltung an und erachtet sich wieder als Vertreter einer Gro\u00dfmacht und Lenker des Weltschicksals. Aber gleichzeitig ist da das hartn\u00e4ckige Gef\u00fchl, dass die Welt Russland weder respektiert noch beachtet. &#8222;Wir kaufen hier schon die Fu\u00dfballmeisterschaften in Europa auf und bezahlen Unterhalt an Kanzler, und das verfaulte und verwesende Gayropa antwortet mit Verachtung!&#8220;<\/p>\n<p>Die Geschichtsprofessorin der Harvard University und Autorin des Buches \u201eThe Collapse: The Accidental Opening of the Berlin Wall\u201c Mary Elise Sarott hat zum 25. Jahrestag des Berliner Mauerfalls einen Artikel in \u201eThe Guardian\u201c ver\u00f6ffentlicht, \u00fcber das psychologische Trauma, das Putin erlebt hat, als er beobachtete, wie die sowjetische Welt auseinanderbrach und der strenge deutsche Geheimdienst Stasi von der Erdfl\u00e4che verschwand. Die geheimen Papiere verbrennend und die tobende revolution\u00e4re Menschenmenge durch einen Vorhangschlitz beobachtend, hat Wladimir Putin einen Stress solcher St\u00e4rke erlebt, dass er sich noch Jahre sp\u00e4ter in einer Hartherzigkeit gegen\u00fcber jeglichen Revolution\u00e4ren und einer Schonungslosigkeit gegen\u00fcber allen, die er als Feinde Russlands wahrnimmt, \u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p>Diese Erfahrung hat Putin zu einer leichten Beute f\u00fcr Manipulationen seitens derjenigen gemacht, welche die Welt durch das Prisma des sowjetischen Weltmodells und des \u00fcblichen Antiamerikanismus sehen. Die Karrieristen und die Konservativen haben den Schmerzpunkt des russischen Pr\u00e4sidenten aufgesp\u00fcrt und seinen \u00c4ngsten zugespielt.<\/p>\n<p>Es gibt mehrere Gruppen, die meiner Meinung nach schuldig daran sind, dass wir alle nun am Abgrund stehen.<\/p>\n<p>Die erste sind die Milit\u00e4rs und die Vertreter des milit\u00e4risch-industriellen Komplexes. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat keine Erneuerung der milit\u00e4rischen Elite in Russland stattgefunden. Auf den Schl\u00fcsselposten sind nach wie vor die Kommandeure der sowjetischen Epoche geblieben und solche, die sie erzogen hatten. Genau sie haben die angebliche Bedrohung der NATO-Erweiterung in den Osten aufgeblasen, haben damit unsere Kriegshandlungen in Moldawien und Georgien erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Zum Beispiel war der Krieg in Transnistrien unter anderem auch ein Produkt des Kampfes der russischen Milit\u00e4rs um die gigantischen Waffenlager. Auf der anderen Seite haben die Gener\u00e4le die Obrigkeit mit den NATO-St\u00fctzpunkten auf der Krim verschreckt, weil sie ihre eingelebten Datschen am Meer nicht aufgeben wollten. Ich vereinfache nat\u00fcrlich, aber der Geopolitik der Gener\u00e4le liegt immer in erster Linie ein eigenn\u00fctziges Interesse zugrunde. Mit Georgien in 2008 ist alles relativ glimpflich gelaufen, und das m\u00f6belte die \u201eKriegspartei\u201c auf.<\/p>\n<p>Die Milit\u00e4rs haben die politische Leitung Russlands von der Hyperwichtigkeit der Krim als einem milit\u00e4rischen Br\u00fcckenkopf \u00fcberzeugt. Sie behaupteten hartn\u00e4ckig, dass ungeachtet des Vertrages \u00fcber die Stationierung der Schwarzmeerflotte bis 2045, die Ukraine die russische Flotte aus der Krim herauswerfen werde und der Schwarzmeerraum ungedeckt da st\u00fcnde. Dass man keine 150 Millionen Dollar finden kann, um einen Marinest\u00fctzpunkt in Noworossijsk zu errichten. Und so weiter, und so fort.<\/p>\n<p>Dass das Schwarze Meer im 21. Jahrhundert keinerlei milit\u00e4rischen Wert darstellt, weil es von einem Ufer zum anderen komplett durchschossen werden kann, bevorzugten die Gener\u00e4le zu verschweigen. Ihnen haben die Waffenhersteller zugestimmt, die zu Zeiten des zweiten tschetschenischen Krieges und insbesondere w\u00e4hrend des Georgien-Krieges den vergessenen Geschmack der R\u00fcstungsauftr\u00e4ge zu sp\u00fcren bekamen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber, dass seit 1991 entlang der russischen Grenze im Osteuropa kein einziger NATO-St\u00fctzpunkt aufgetaucht ist, und die Baltischen Staaten und Polen auf ihre Armeen fast schon verzichtet haben, weil sie mit niemandem einen Krieg zu f\u00fchren beabsichtigen, hat man auch nicht gesprochen. Als Scheuche diente hier das neue Raketenabwehrsystem in Europa. Mit diesem Raketenabwehrsystem fuchtelte man wie mit einem Schreckgespenst: ein Mittelrusse hat mehr von diesem Raketenabwehrsystem zu verstehen angefangen, als der fortschrittlichste Amerikaner.<\/p>\n<p>Anstatt einer Zusammenarbeit mit der NATO heizten die russischen Gener\u00e4le hinterlistig und auch offen den Konflikt mit der Allianz an. Ich erinnere mich zum Beispiel an den General Iwaschow. Dieser Mensch hat sein ganzes Leben im Zentralapparat des sowjetischen Verteidigungsministeriums verbracht, zum Zeitpunkt des Zerfalls der Sowjetunion war er Vorsitzender der Leitung des Verteidigungsministeriums. Sein ganz gut organisierter sowjetischer Alltag und seine Karriere schienen zusammen mit dem Imperium auseinanderzufallen, aber der General hat sich an die Macht festgekrallt und sie nie aufgegeben. 1996 bis 2001 war Iwaschow Chef des Amtes f\u00fcr internationale milit\u00e4rische Zusammenarbeit des Verteidigungsministeriums.\u00a0Stellt Euch vor: er hasste den Westen und die NATO so sehr, und wurde aber f\u00fcr internationale Kontakte der russischen Armee verantwortlich gemacht &#8211; und er hat keinen einzigen Tag verbracht, ohne irgendwelche \u201eaggressiven Pl\u00e4ne\u201c zu entlarven. Die russischen Gener\u00e4le besch\u00fctzten ihren Lebensraum, labten ihre Phantomschmerzen auf Kosten der Zukunft der friedlichen Russl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Als Resultat wird es nun f\u00fcnf neue NATO-St\u00fctzpunkte an der Grenze zu Russland geben, und das neue amerikanische Raketenabwehrsystem wird Moskau nicht mehr verhindern k\u00f6nnen. Aber die Gener\u00e4le werden ohne mit der Wimper zu zucken das Geschehene als eine Best\u00e4tigung f\u00fcr jene gr\u00e4sslichen Szenarien darstellen, die sie in den letzten 15\u00a0Jahren ausgemalt haben. Sie haben endlich eine Best\u00e4tigung f\u00fcr ihre Tr\u00e4ume von\u00a0einem Panzerangriff gefunden.<\/p>\n<p>Eine weitere\u00a0gro\u00dfe Gruppe der Schuldigen oder Lobbyisten des Krieges gegen die Ukraine sind die oligarch-beamtlichen finanz-industriellen Gruppen. Sie sind keine Gesch\u00e4ftsleute, und Beamte sind sie auch nicht wirklich. Das sind geschlossene Gruppen, die aus Beamten und Gesch\u00e4ftemachern bestehen. Daran gewohnt, sich durch Eigentumsaneignung und Marktmonopolisierung expansiv zu entwickeln, ermuntern sie zu einem Feldzug gegen die Ukraine, um der neuen Errungenschaften willen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der fetten Jahre haben sie ihre Reicht\u00fcmer nicht in etwas Neues und Technologisches verwandelt. Sie sind auf die Weltm\u00e4rkte mit den neuen Produkten doch nicht herausgekommen &#8211; nur mit Waffen und Rohstoffen in all ihren Formen. Sie brauchen noch ein paar Waffenfabriken und noch ein wenig an Rohstoffen.<\/p>\n<p>In erster Linie ist es Gas, darum \u00fcberzeugt man den Pr\u00e4sidenten davon, dass die Krim dazu gebraucht wird, den \u201eSouth Stream\u201c abzusichern und die Erd\u00f6l- und Gasreserven am Schelf zu erschlie\u00dfen. Es gibt auch Interessenten f\u00fcr die Aneignung der ukrainischen Eisenh\u00fcttenwerke und der Betriebe des milit\u00e4risch-industriellen Komplexes.<\/p>\n<p>Kacha Bendukidse, der die Sitten und Br\u00e4uche des neuen russischen Kapitalismus gut kannte, war \u00fcberzeugt, dass die Oligarchen die milit\u00e4rische Aggression gegen die Ukraine aktiv lobbyieren, weil sie einen Vorgeschmack auf gro\u00dfe Eigentumsst\u00fccke bekommen, die ihnen in die H\u00e4nde fallen werden. Im Mai 2014 hat Bendukidse begr\u00fcndet, warum Russland ein Embargo auf die ukrainischen Waren einf\u00fchren wird, und hatte absolut Recht: \u201eEs gibt eine gro\u00dfe einflussreiche Lobby, die an einem Handelskrieg gegen die Ukraine interessiert ist. Es gibt Dutzende sehr einflussreiche Menschen, die den Kreml mit Vergn\u00fcgen schmieren werden, um den russischen Markt f\u00fcr den ukrainischen Markt zu schlie\u00dfen. Die Metaller werden schmieren. Und ihnen wird Beifall geklatscht. Die Gie\u00dfer werden applaudieren. Die Lebensmittelh\u00e4ndler &#8211; Fleisch und Milch &#8211; werden klatschen. Die Chemiker, ihr Gro\u00dfteil, werden applaudieren. Welchen substantiellen Export hat die Ukraine nach Russland noch? Die Menschen werden froh sein, die Hand dr\u00fccken, \u201eausgezeichnet\u201c sagen &#8211; sie werden dran verdienen\u201c.<\/p>\n<p>Die Stimme der Oligarchen, die gro\u00dfe Verluste durch die westlichen Sanktionen tragen, h\u00f6rt man jetzt im Chor der Rohstoffmogule und der pseudopatriotischen Gesch\u00e4ftemacher, die klammheimlich die westlichen Konkurrenten aus Russland auspressen, gar nicht mehr. Sie fuchteln mit dem russischen Huhn vor dem Pr\u00e4sidenten, das selbstverst\u00e4ndlich viel saftiger als ein amerikanisches ist, und fahren den russischen Panzer, der selbstverst\u00e4ndlich viel robuster als jeder \u201eAbrams\u201c ist. Die Panzerung ist so dick, dass nicht jeder Beamte aus dem russischen Panzer gleich herauskommen kann. Und dass Frankreich keine \u201eMistral\u201c liefern will, das ist doch um so besser, denn die \u201eMistral\u201c sind doch der letzte Dreck&#8230;<\/p>\n<p>Und die dritte Gruppe &#8211; das sind unsere notorischen Analytiker, die jahrelang ungehindert und alternativlos die propagandistische Welle reiten. Michail Leontjew gilt als gro\u00dfer Philosoph. Nat\u00fcrlich ist er nicht ohne Talente und Fertigkeiten, aber die Anzahl der Kakerlaken in seinem Kopf \u00fcbersteigt jegliche zul\u00e4ssige Norm. Der grelle Showman Sergei Dorenko hat zu Analytik gar keinen Bezug, spricht aber mal aus dem Fernseher mal aus dem Radio. Sie haben ihren Herrschern nach dem Mund geredet, und sie tun es noch immer, darum werden sie auch jahrelang aufm Bildschirm gehalten.<\/p>\n<p>In jedem beliebigen Land wird mit dem intellektuellen Monopol gek\u00e4mpft, und Sie k\u00f6nnen ernsthafte alternative Expertengutachten ziemlich leicht finden: In einer TV-Show wird neben dem Obama-Vertreter ein eifriger Gegner sitzen, und f\u00fcr jedes CNN wird man sein Fox News finden. In Russland breitet sich aber der Riss zwischen Realit\u00e4t und ihrer Interpretation durch Kremlpropagandisten rapide aus. Leontjew hat jahrelang behauptet, dass es so ein Land wie die Ukraine gar nicht gibt, und hat sich damit eine Rente bei \u201eRosneft\u201c verdient. Die Resultate seiner analytischen Aufh\u00e4ufungen wird schon eine andere Generation aufscharren.<\/p>\n<p>Dorenko schreibt flammende Aufrufe zu einem Angriff auf die Ukraine und zum Vorsto\u00df aller Kr\u00e4fte nach Kyjiw. Und darin ist so viel manische Leidenschaft, dass ich sogar angefangen habe, Dorenko zu verd\u00e4chtigen, dass er Putin in eine Falle locken und sich auf diese raffinierte Art und Weise f\u00fcr irgendwelche alte Kr\u00e4nkungen an ihm r\u00e4chen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Und es gibt keinen Strahl Licht. Im Gegenteil,\u00a0im Fr\u00fchling hat man mehrere unabh\u00e4ngige Internetressourcen gesperrt. Jetzt geben sie \u201eEcho Moskaus\u201c den Rest. Sie werden ein weiteres Mal die lokalen Medien ausd\u00fcnnen. Die informative und analytische Leere wird laut sein. Der Schlaf des Verstandes gebiert Monster.<\/p>\n<p>Es liegt nahe, dass es nicht mehr gelingt, diese Lawine aufzuhalten. Es sei denn, man findet einen Ersatz f\u00fcr die\u00a0alles verschlingende Idee der Erhabenheit der russischen Welt im Kampf gegen den b\u00f6sen Westen. Die Reste der gesunden russischen Elite m\u00fcssen einen neuen Plan formulieren. Einen Plan, der Putin erlaubt, sein strenges Bild des Nationenvaters beizubehalten und das Land vor einer Konfrontation mit der zivilisierten Welt zu bewahren. Zum Beispiel, den Krieg gegen die Ukraine durch einen langersehnten und totalen Krieg gegen die Korruption zu ersetzen. Sogar ohne Nawalnij und Nemzow. Man kann keinen Zug stoppen, dem die Bremsen versagt haben, aber man kann die Eisenbahnweichen umstellen. Obwohl es faktisch keine Chancen gibt, aus den aufgewirbelten Kriegszahnr\u00e4dern herauszuspringen und die Lawine des Neoimperialismus in ein sicheres Flussbett umzuleiten. Optimismus zu jetzigen Zeiten ist eine gew\u00f6hnliche Feigheit, schrieb der deutsche Philosoph Spengler am Vorabend der Weltkatastrophe.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Quelle: <strong>Pawel Scheremet<\/strong> in <a href=\"http:\/\/www.colta.ru\/articles\/society\/5376\">colta.ru<\/a>; \u00fcbersetzt von <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Kaspijka\">Irina Schlegel<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Pawel Scheremet Das Projekt \u201eNeurussland\u201c ist nicht abgeschlossen. 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Niemand von den Autoren und Inspiratoren dieses Katastrophenprojekts hat daran gedacht, sich davon loszusagen: zu viel Geld und andere Dividenden bringt es ihnen.\r\n\r\nNat\u00fcrlich gibt es gar kein Neurussland in den von den russischen Imperialisten und orthodoxen Khorugwentr\u00e4gern <em>(<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Khorugv\">Khorugwen<\/a>: Banner\/Standarten - Feldzeichen (z.B. beim r\u00f6mischen Milit\u00e4r)<\/em> aufgezeichneten Grenzen, die Fristen haben sich sehr verschoben, der Projektpreis ist mehrfach gestiegen, aber von der wahnsinnigen Idee hat man sich noch immer nicht losgesagt. Unerwartet hat das ukrainische Volk\u00a0sich in die Geschichte eingemischt, das es nach allen Kreml-Auslegungen weit und breit nicht geben sollte. Aber dieses peinliche Missverst\u00e4ndnis hofft man trotzdem doch noch auszur\u00e4umen.\r\n\r\nJetzt findet im Kreml ein Kampf zweier Gruppierungen statt, die allerdings beide f\u00fcr den Krieg in der Ukraine eintreten. Ich wei\u00df gar nicht, wie man sie aufteilen soll: Die einen sind f\u00fcr den Krieg jetzt sofort, und die anderen sind einfach nur f\u00fcr den Krieg. Im Kreml gibt es jetzt keine einflussreichen Kr\u00e4fte, die sich f\u00fcr den Frieden mit dem Nachbarland einsetzen. Es handelt sich um bedingt besessene Imperialisten und sparsame Imperialisten.\r\n\r\nDie besessenen Imperialisten treiben die Idee eines baldm\u00f6glichen vollumfassenden milit\u00e4rischen Vorsto\u00dfes in die Ukraine voran, f\u00f6rdern die Idee der Erweiterung der den Separatisten unterstellten Zone durch milit\u00e4risches Vorgehen. Darum gab Girkin-Strelkow LifeNews derart abgedrehte Interviews, und Sergei Dorenko schlug mehrere Tage in Folge die Kriegstrommel.\r\n\r\nEr und die Leute, die ihn unterst\u00fctzen, sind bereit, die Ukraine im Blut zu ertr\u00e4nken und Zehntausende russischer Leben f\u00fcr dieses Neurussland zu opfern. Der Einfluss dieser Gruppe ist sehr gro\u00df. Nicht mal der Winter h\u00e4lt sie auf.\r\n\r\nDie Gruppierung der sparsamen Imperialisten, die von Anfang an einen viel umfassenderen Plan bez\u00fcglich der Krim, des Donbas und des erfundenen Neurusslands hatte, bietet eine viel ge\u00fcbtere Variante an: Angreifen, sich festsetzen, ein wenig zur\u00fcckweichen und wieder angreifen.\r\n\r\nWenn Sie glauben, dass Putin den Krieg um die Ukraine verliert und alles schon zu Ende ist, so rufe ich dazu auf, den Fakten ins Gesicht zu sehen. Mit den Augen des russischen Pr\u00e4sidenten und seiner Berater.\r\n\r\nDie Krim geh\u00f6rt zu Russland. Der Gro\u00dfteil des Donbas wurde in eine verschanzte Festung verwandelt, einen Knochen im Hals der Ukraine, und in einen Br\u00fcckenkopf f\u00fcr einen neuen Vorsto\u00df. Nat\u00fcrlich hat Putin Kyjiw in zwei Wochen nicht eingenommen, womit er allen gedroht hatte. Er hat nicht einmal den strategisch wichtigen Hafen Mariupol eingenommen. Aber die umfangreichen Armeekr\u00e4fte wurden ja auch noch nicht eingesetzt. Nur ein paar taktische Gruppen aus etlichen Bataillonen haben ohne die Unterst\u00fctzung der Luftwaffe die ukrainische Armee zur\u00fcckgeschlagen und haben die milit\u00e4rische Situation im Donbas zerbrochen. Also melden die russischen Gener\u00e4le Putin Siege aber keine Niederlagen.\r\n\r\nDie russische regierende Elite betrachtet die Ukrainer nicht als Menschen, beziehungsweise nicht als ein einheitliches Volk, um so weniger sieht sie die Ukrainer als eine starke und geschlossene Nation. Die Ukrainer werden verachtet. Alle Gespr\u00e4che in den russischen Medien handeln nur von der ukrainischen Habgier, Arglist und Feigheit.\r\n\r\nDie westlichen Sanktionen beunruhigen auf einer Seite. Aber auf der anderen \u00e4rgern sie und zwingen dazu, hart und schnell zu handeln. Es wurde ein Ziel gesetzt: die Zerteilung der Ukraine \u00fcbers Eck, und dieses Ziel erscheint noch immer ausf\u00fchrbar. Vielleicht trage ich zu dick auf, aber ich gehe immer davon aus, dass die bittere Wahrheit besser als eine s\u00fc\u00dfe L\u00fcge ist.\r\n\r\nIch bin davon \u00fcberzeugt, dass wir alle gerade einen kritischen Moment der Geschichte erleben. Russland und all seine Nachbarn sind an einer historischen Weggabelung angekommen, die das Schicksal von Millionen Menschen und ganzen V\u00f6lkern ver\u00e4ndern wird. Schon ver\u00e4ndert hat. Niemand wei\u00df so recht, was morgen passiert und wo wir ankommen werden. Jemand ist von einer Wiedergeburt der russischen Welt und der Renaissance des Russischen Imperiums \u00fcberzeugt. Andere bezeichnen die Aggression gegen die Ukraine als den letzten Ruck eines Imperiums, der die Kr\u00e4fte des Landes endg\u00fcltig untergraben wird.\r\n\r\nIch versuche mich an Putins Stelle zu setzen, um die Logik seiner Handlungen zu verstehen. Im Rahmen eines Experiments versuche ich die Pluspunkte in diesem Krieg f\u00fcr Russland zu finden. Ja, Putin hat seine innenpolitischen Probleme gel\u00f6st. Sein Rating ist bis zum Himmel aufgeschossen, aber es ist mit einem Drogenrausch vergleichbar, der noch eine und dann wieder eine neue Dosis erfordert. Irgendwelche Randfiguren von Politikern und Politologen haben ihre Positionen verbessert. Die Gener\u00e4le bereichern sich traditionell am Krieg. Sie haben die Kaukasier und Tadschiken f\u00fcr eine Zeit lang vergessen. Die korrumpierten Beamten haben aufgeatmet, denn kaum einer erinnert sich noch an sie und ihre Pelzlagerhallen. Also, es gibt kleine Gruppen und Gruppierungen, die tats\u00e4chlich zufrieden sind. Aber gibt es denn Pluspunkte f\u00fcr das russische Volk, den russischen Staat?\r\n\r\nIch suche flei\u00dfig nach positiven Ergebnissen des russischen Angriffes auf die Ukraine, und ich finde keine. Es gibt keine Rechtfertigung daf\u00fcr, und ein gl\u00fcckliches Ende f\u00fcr Russland wird es in dieser Geschichte auch nicht geben.\r\n\r\nVor zwei Jahren sa\u00dfen wir im kalten Chanty-Mansijsk mit dem russischen Schriftsteller und Fernsehmoderator Alexander Archangelski zusammen. Alex hatte gerade einen weiteren Roman zu Ende geschrieben, wo er in einer raffinierten k\u00fcnstlerischen Form die Zukunft des russischen Pr\u00e4sidenten beschreibt.\r\n\r\nIch habe behauptet, dass Wladimir Putin h\u00f6chstwahrscheinlich einen kleinen siegreichen Krieg vom Zaun brechen wird. Er ist beleidigt \u00fcber den Westen, ihm scheint es, dass die Amerikaner Russland nicht respektieren und ihn als Pr\u00e4sidenten eines erhabenen Landes auch nicht, darum wird er versuchen, ihnen zu zeigen, was eine Harke ist - damit sie nicht all zu sehr abheben.\r\n\r\nDamals haben wir uns darauf geeinigt, dass auch wenn es ein Krieg sein wird, so wird es ein Krieg um die Ukraine sein, denn ein Krieg mit China wird uns selbst teuer zu stehen kommen, Europa direkt zu bekriegen macht keinen Sinn, es wird bald selbst von allein einknicken, ein St\u00fcck Ukraine abzubei\u00dfen - das passt aber wunderbar in die Strategie der Erschaffung der Eurasischen Union und in die ideologischen Vorstellungen davon, wo die Gro\u00dfe Rus herkommt.\r\n\r\nIch bin ausschlie\u00dflich von Psychologie und Wirtschaft ausgegangen. Einerseits \u201esteht Russland von den Knien auf\u201c, die russische Elite nimmt wieder Haltung an und erachtet sich wieder als Vertreter einer Gro\u00dfmacht und Lenker des Weltschicksals. Aber gleichzeitig ist da das hartn\u00e4ckige Gef\u00fchl, dass die Welt Russland weder respektiert noch beachtet. \"Wir kaufen hier schon die Fu\u00dfballmeisterschaften in Europa auf und bezahlen Unterhalt an Kanzler, und das verfaulte und verwesende Gayropa antwortet mit Verachtung!\"\r\n\r\nDie Geschichtsprofessorin der Harvard University und Autorin des Buches \u201eThe Collapse: The Accidental Opening of the Berlin Wall\u201c Mary Elise Sarott hat zum 25. Jahrestag des Berliner Mauerfalls einen Artikel in \u201eThe Guardian\u201c ver\u00f6ffentlicht, \u00fcber das psychologische Trauma, das Putin erlebt hat, als er beobachtete, wie die sowjetische Welt auseinanderbrach und der strenge deutsche Geheimdienst Stasi von der Erdfl\u00e4che verschwand. Die geheimen Papiere verbrennend und die tobende revolution\u00e4re Menschenmenge durch einen Vorhangschlitz beobachtend, hat Wladimir Putin einen Stress solcher St\u00e4rke erlebt, dass er sich noch Jahre sp\u00e4ter in einer Hartherzigkeit gegen\u00fcber jeglichen Revolution\u00e4ren und einer Schonungslosigkeit gegen\u00fcber allen, die er als Feinde Russlands wahrnimmt, \u00e4u\u00dfert.\r\n\r\nDiese Erfahrung hat Putin zu einer leichten Beute f\u00fcr Manipulationen seitens derjenigen gemacht, welche die Welt durch das Prisma des sowjetischen Weltmodells und des \u00fcblichen Antiamerikanismus sehen. Die Karrieristen und die Konservativen haben den Schmerzpunkt des russischen Pr\u00e4sidenten aufgesp\u00fcrt und seinen \u00c4ngsten zugespielt.\r\n\r\nEs gibt mehrere Gruppen, die meiner Meinung nach schuldig daran sind, dass wir alle nun am Abgrund stehen.\r\n\r\nDie erste sind die Milit\u00e4rs und die Vertreter des milit\u00e4risch-industriellen Komplexes. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat keine Erneuerung der milit\u00e4rischen Elite in Russland stattgefunden. Auf den Schl\u00fcsselposten sind nach wie vor die Kommandeure der sowjetischen Epoche geblieben und solche, die sie erzogen hatten. Genau sie haben die angebliche Bedrohung der NATO-Erweiterung in den Osten aufgeblasen, haben damit unsere Kriegshandlungen in Moldawien und Georgien erkl\u00e4rt.\r\n\r\nZum Beispiel war der Krieg in Transnistrien unter anderem auch ein Produkt des Kampfes der russischen Milit\u00e4rs um die gigantischen Waffenlager. Auf der anderen Seite haben die Gener\u00e4le die Obrigkeit mit den NATO-St\u00fctzpunkten auf der Krim verschreckt, weil sie ihre eingelebten Datschen am Meer nicht aufgeben wollten. Ich vereinfache nat\u00fcrlich, aber der Geopolitik der Gener\u00e4le liegt immer in erster Linie ein eigenn\u00fctziges Interesse zugrunde. Mit Georgien in 2008 ist alles relativ glimpflich gelaufen, und das m\u00f6belte die \u201eKriegspartei\u201c auf.\r\n\r\nDie Milit\u00e4rs haben die politische Leitung Russlands von der Hyperwichtigkeit der Krim als einem milit\u00e4rischen Br\u00fcckenkopf \u00fcberzeugt. Sie behaupteten hartn\u00e4ckig, dass ungeachtet des Vertrages \u00fcber die Stationierung der Schwarzmeerflotte bis 2045, die Ukraine die russische Flotte aus der Krim herauswerfen werde und der Schwarzmeerraum ungedeckt da st\u00fcnde. Dass man keine 150 Millionen Dollar finden kann, um einen Marinest\u00fctzpunkt in Noworossijsk zu errichten. Und so weiter, und so fort.\r\n\r\nDass das Schwarze Meer im 21. Jahrhundert keinerlei milit\u00e4rischen Wert darstellt, weil es von einem Ufer zum anderen komplett durchschossen werden kann, bevorzugten die Gener\u00e4le zu verschweigen. Ihnen haben die Waffenhersteller zugestimmt, die zu Zeiten des zweiten tschetschenischen Krieges und insbesondere w\u00e4hrend des Georgien-Krieges den vergessenen Geschmack der R\u00fcstungsauftr\u00e4ge zu sp\u00fcren bekamen.\r\n\r\nDar\u00fcber, dass seit 1991 entlang der russischen Grenze im Osteuropa kein einziger NATO-St\u00fctzpunkt aufgetaucht ist, und die Baltischen Staaten und Polen auf ihre Armeen fast schon verzichtet haben, weil sie mit niemandem einen Krieg zu f\u00fchren beabsichtigen, hat man auch nicht gesprochen. Als Scheuche diente hier das neue Raketenabwehrsystem in Europa. Mit diesem Raketenabwehrsystem fuchtelte man wie mit einem Schreckgespenst: ein Mittelrusse hat mehr von diesem Raketenabwehrsystem zu verstehen angefangen, als der fortschrittlichste Amerikaner.\r\n\r\nAnstatt einer Zusammenarbeit mit der NATO heizten die russischen Gener\u00e4le hinterlistig und auch offen den Konflikt mit der Allianz an. Ich erinnere mich zum Beispiel an den General Iwaschow. Dieser Mensch hat sein ganzes Leben im Zentralapparat des sowjetischen Verteidigungsministeriums verbracht, zum Zeitpunkt des Zerfalls der Sowjetunion war er Vorsitzender der Leitung des Verteidigungsministeriums. Sein ganz gut organisierter sowjetischer Alltag und seine Karriere schienen zusammen mit dem Imperium auseinanderzufallen, aber der General hat sich an die Macht festgekrallt und sie nie aufgegeben. 1996 bis 2001 war Iwaschow Chef des Amtes f\u00fcr internationale milit\u00e4rische Zusammenarbeit des Verteidigungsministeriums.\u00a0Stellt Euch vor: er hasste den Westen und die NATO so sehr, und wurde aber f\u00fcr internationale Kontakte der russischen Armee verantwortlich gemacht - und er hat keinen einzigen Tag verbracht, ohne irgendwelche \u201eaggressiven Pl\u00e4ne\u201c zu entlarven. Die russischen Gener\u00e4le besch\u00fctzten ihren Lebensraum, labten ihre Phantomschmerzen auf Kosten der Zukunft der friedlichen Russl\u00e4nder.\r\n\r\nAls Resultat wird es nun f\u00fcnf neue NATO-St\u00fctzpunkte an der Grenze zu Russland geben, und das neue amerikanische Raketenabwehrsystem wird Moskau nicht mehr verhindern k\u00f6nnen. Aber die Gener\u00e4le werden ohne mit der Wimper zu zucken das Geschehene als eine Best\u00e4tigung f\u00fcr jene gr\u00e4sslichen Szenarien darstellen, die sie in den letzten 15\u00a0Jahren ausgemalt haben. Sie haben endlich eine Best\u00e4tigung f\u00fcr ihre Tr\u00e4ume von\u00a0einem Panzerangriff gefunden.\r\n\r\nEine weitere\u00a0gro\u00dfe Gruppe der Schuldigen oder Lobbyisten des Krieges gegen die Ukraine sind die oligarch-beamtlichen finanz-industriellen Gruppen. Sie sind keine Gesch\u00e4ftsleute, und Beamte sind sie auch nicht wirklich. Das sind geschlossene Gruppen, die aus Beamten und Gesch\u00e4ftemachern bestehen. Daran gewohnt, sich durch Eigentumsaneignung und Marktmonopolisierung expansiv zu entwickeln, ermuntern sie zu einem Feldzug gegen die Ukraine, um der neuen Errungenschaften willen.\r\n\r\nW\u00e4hrend der fetten Jahre haben sie ihre Reicht\u00fcmer nicht in etwas Neues und Technologisches verwandelt. Sie sind auf die Weltm\u00e4rkte mit den neuen Produkten doch nicht herausgekommen - nur mit Waffen und Rohstoffen in all ihren Formen. Sie brauchen noch ein paar Waffenfabriken und noch ein wenig an Rohstoffen.\r\n\r\nIn erster Linie ist es Gas, darum \u00fcberzeugt man den Pr\u00e4sidenten davon, dass die Krim dazu gebraucht wird, den \u201eSouth Stream\u201c abzusichern und die Erd\u00f6l- und Gasreserven am Schelf zu erschlie\u00dfen. Es gibt auch Interessenten f\u00fcr die Aneignung der ukrainischen Eisenh\u00fcttenwerke und der Betriebe des milit\u00e4risch-industriellen Komplexes.\r\n\r\nKacha Bendukidse, der die Sitten und Br\u00e4uche des neuen russischen Kapitalismus gut kannte, war \u00fcberzeugt, dass die Oligarchen die milit\u00e4rische Aggression gegen die Ukraine aktiv lobbyieren, weil sie einen Vorgeschmack auf gro\u00dfe Eigentumsst\u00fccke bekommen, die ihnen in die H\u00e4nde fallen werden. Im Mai 2014 hat Bendukidse begr\u00fcndet, warum Russland ein Embargo auf die ukrainischen Waren einf\u00fchren wird, und hatte absolut Recht: \u201eEs gibt eine gro\u00dfe einflussreiche Lobby, die an einem Handelskrieg gegen die Ukraine interessiert ist. Es gibt Dutzende sehr einflussreiche Menschen, die den Kreml mit Vergn\u00fcgen schmieren werden, um den russischen Markt f\u00fcr den ukrainischen Markt zu schlie\u00dfen. Die Metaller werden schmieren. Und ihnen wird Beifall geklatscht. Die Gie\u00dfer werden applaudieren. Die Lebensmittelh\u00e4ndler - Fleisch und Milch - werden klatschen. Die Chemiker, ihr Gro\u00dfteil, werden applaudieren. Welchen substantiellen Export hat die Ukraine nach Russland noch? Die Menschen werden froh sein, die Hand dr\u00fccken, \u201eausgezeichnet\u201c sagen - sie werden dran verdienen\u201c.\r\n\r\nDie Stimme der Oligarchen, die gro\u00dfe Verluste durch die westlichen Sanktionen tragen, h\u00f6rt man jetzt im Chor der Rohstoffmogule und der pseudopatriotischen Gesch\u00e4ftemacher, die klammheimlich die westlichen Konkurrenten aus Russland auspressen, gar nicht mehr. Sie fuchteln mit dem russischen Huhn vor dem Pr\u00e4sidenten, das selbstverst\u00e4ndlich viel saftiger als ein amerikanisches ist, und fahren den russischen Panzer, der selbstverst\u00e4ndlich viel robuster als jeder \u201eAbrams\u201c ist. Die Panzerung ist so dick, dass nicht jeder Beamte aus dem russischen Panzer gleich herauskommen kann. Und dass Frankreich keine \u201eMistral\u201c liefern will, das ist doch um so besser, denn die \u201eMistral\u201c sind doch der letzte Dreck...\r\n\r\nUnd die dritte Gruppe - das sind unsere notorischen Analytiker, die jahrelang ungehindert und alternativlos die propagandistische Welle reiten. Michail Leontjew gilt als gro\u00dfer Philosoph. Nat\u00fcrlich ist er nicht ohne Talente und Fertigkeiten, aber die Anzahl der Kakerlaken in seinem Kopf \u00fcbersteigt jegliche zul\u00e4ssige Norm. Der grelle Showman Sergei Dorenko hat zu Analytik gar keinen Bezug, spricht aber mal aus dem Fernseher mal aus dem Radio. Sie haben ihren Herrschern nach dem Mund geredet, und sie tun es noch immer, darum werden sie auch jahrelang aufm Bildschirm gehalten.\r\n\r\nIn jedem beliebigen Land wird mit dem intellektuellen Monopol gek\u00e4mpft, und Sie k\u00f6nnen ernsthafte alternative Expertengutachten ziemlich leicht finden: In einer TV-Show wird neben dem Obama-Vertreter ein eifriger Gegner sitzen, und f\u00fcr jedes CNN wird man sein Fox News finden. In Russland breitet sich aber der Riss zwischen Realit\u00e4t und ihrer Interpretation durch Kremlpropagandisten rapide aus. Leontjew hat jahrelang behauptet, dass es so ein Land wie die Ukraine gar nicht gibt, und hat sich damit eine Rente bei \u201eRosneft\u201c verdient. Die Resultate seiner analytischen Aufh\u00e4ufungen wird schon eine andere Generation aufscharren.\r\n\r\nDorenko schreibt flammende Aufrufe zu einem Angriff auf die Ukraine und zum Vorsto\u00df aller Kr\u00e4fte nach Kyjiw. Und darin ist so viel manische Leidenschaft, dass ich sogar angefangen habe, Dorenko zu verd\u00e4chtigen, dass er Putin in eine Falle locken und sich auf diese raffinierte Art und Weise f\u00fcr irgendwelche alte Kr\u00e4nkungen an ihm r\u00e4chen m\u00f6chte.\r\n\r\nUnd es gibt keinen Strahl Licht. Im Gegenteil,\u00a0im Fr\u00fchling hat man mehrere unabh\u00e4ngige Internetressourcen gesperrt. Jetzt geben sie \u201eEcho Moskaus\u201c den Rest. Sie werden ein weiteres Mal die lokalen Medien ausd\u00fcnnen. Die informative und analytische Leere wird laut sein. Der Schlaf des Verstandes gebiert Monster.\r\n\r\nEs liegt nahe, dass es nicht mehr gelingt, diese Lawine aufzuhalten. Es sei denn, man findet einen Ersatz f\u00fcr die\u00a0alles verschlingende Idee der Erhabenheit der russischen Welt im Kampf gegen den b\u00f6sen Westen. Die Reste der gesunden russischen Elite m\u00fcssen einen neuen Plan formulieren. Einen Plan, der Putin erlaubt, sein strenges Bild des Nationenvaters beizubehalten und das Land vor einer Konfrontation mit der zivilisierten Welt zu bewahren. Zum Beispiel, den Krieg gegen die Ukraine durch einen langersehnten und totalen Krieg gegen die Korruption zu ersetzen. Sogar ohne Nawalnij und Nemzow. Man kann keinen Zug stoppen, dem die Bremsen versagt haben, aber man kann die Eisenbahnweichen umstellen. Obwohl es faktisch keine Chancen gibt, aus den aufgewirbelten Kriegszahnr\u00e4dern herauszuspringen und die Lawine des Neoimperialismus in ein sicheres Flussbett umzuleiten. Optimismus zu jetzigen Zeiten ist eine gew\u00f6hnliche Feigheit, schrieb der deutsche Philosoph Spengler am Vorabend der Weltkatastrophe.\r\n\r\n<hr \/>\r\n\r\n<em>Quelle: <strong>Pawel Scheremet<\/strong> in <a href=\"http:\/\/www.colta.ru\/articles\/society\/5376\">colta.ru<\/a>; \u00fcbersetzt von <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Kaspijka\">Irina Schlegel<\/a><\/em>","amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1173","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/121"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1173"}],"version-history":[{"count":25,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1173\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28153,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1173\/revisions\/28153"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1175"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1173"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1173"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1173"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}