{"id":183,"date":"2014-08-31T07:26:49","date_gmt":"2014-08-31T07:26:49","guid":{"rendered":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/?p=183"},"modified":"2018-11-03T07:47:45","modified_gmt":"2018-11-03T07:47:45","slug":"die-effektive-moral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/die-effektive-moral\/","title":{"rendered":"Denis Dragunskij: Die effektive Moral"},"content":{"rendered":"<p>Johnny Smith war ein Hellseher. Eines Tages traf er zuf\u00e4llig den Politiker Greg Stilson, der Pr\u00e4sident werden wollte: Er f\u00fchrte seine Wahlkampagne durch, lie\u00df sich nicht vom Ziel abbringen und traf dazu pers\u00f6nlich seine W\u00e4hler. Johnny dr\u00fcckte ihm die Hand und hat pl\u00f6tzlich gesehen, wie Stilson, wenn er Pr\u00e4sident wird, einen Atomkrieg vom Zaun bricht.<\/p>\n<p>Ich gebe gerade den Inhalt von Steven Kings Roman \u201cDead Zone\u201d (1979) und des gleichnamigen Films von David Kronenberg (1983) wieder.<\/p>\n<p>Um die Menschheit zu retten beschlie\u00dft Johnny Stilson zu t\u00f6ten. Er versteckt sich mit einem Gewehr im Saal, in dem Stilson das Treffen mit den W\u00e4hlern abh\u00e4lt. Im entscheidenden Moment bemerkt man Johnny Smith. Die Bodyguards er\u00f6ffnen das Feuer auf ihn, aber er versucht trotzdem zu schie\u00dfen, und zielt auf Gregor Stilson &#8211; und da schnappt sich Stilson ein zuf\u00e4llig in der N\u00e4he stehendes einj\u00e4hriges Kind und bedeckt sich mit ihm. Johnny schafft es nicht zu schie\u00dfen. Aber irgendein Fotograph schafft es, das verh\u00e4ngnisvolle Foto zu machen: Der Pr\u00e4sidentschaftskandidat mit einem angstverzerrten Gesicht bedeckt sich mit einem Kind, um sich vor einer m\u00f6glichen Kugel zu sch\u00fctzen. Das Foto kommt auf das Cover von Newsweek mit der \u00dcberschrift \u201cStilson &#8211; No Chance\u201d! Danach bleibt Greg Stilson nichts anderes als sich zu erschie\u00dfen.<\/p>\n<p>Was er selbstverst\u00e4ndlich auch macht. Denn nach so einem Zwischenfall hat er nicht nur keine Chance im Pr\u00e4sidentschaftrennen, sondern auch im Supermarket, an der Tankstelle, auf der Stra\u00dfe in der eigenen Stadt und sogar keine in seiner eigenen Familie. Also, nun die Frage. Noch Anfang der 1980er bedeutete so eine Tat, wie sich mit einem Kind gegen einen Schuss zu bedecken, f\u00fcr einen Politiker und eigentlich auch f\u00fcr jeden Menschen den moralischen Tod. Aussortierung aus dem Menschenkreis, mit dem es nicht sch\u00e4ndlich ist, ein Bier an der Bar zu trinken. Und nur eine Generation sp\u00e4ter bedeutet dasselbe eine ausgezeichnete Gewandtheit und listige Geschicklichkeit. Zum Beispiel, Raketenanlagen auf Schul- oder Kinderkrankenhausd\u00e4chern zu installieren, um von da aus auf den Nachbarstaat zu schie\u00dfen, ihn der M\u00f6glichkeit zu berauben, milit\u00e4risch ad\u00e4quat zu antworten. Und im Falle einer Antwort zu schreien: \u201cSie schie\u00dfen auf Kinder!\u201d Ich habe ein Foto eines pal\u00e4stinensischen S\u00f6ldners in voller Ausr\u00fcstung gesehen: Gewehr, Helm, Funkger\u00e4t, Granaten am G\u00fcrtel. Und an der Brust, in einem speziellen Rucksack, sa\u00df ein ganz kleines Kind. Mit dem Gesicht nach vorne, was besonders schrecklich ist. Daf\u00fcr aber effektiv! Zum Wort \u201ceffektiv\u201d komme ich noch zur\u00fcck. Wartet mal kurz. Der verschreckte Kinderblick auf den Gegner gerichtet ist besser als jede Schutzweste, falls der Gegner noch kein Tier ist. Oder sagen wir so: Wenn der Gegner selbst kein Kind an der Brust hat. Aber was kann schrecklicher sein, als ein fremdes Kind zu t\u00f6ten, im Namen der Rettung des eigenen? Das ist keine rhetorische Frage. Hier ist die Antwort: Noch schrecklicher ist es, sein eigenes Kind t\u00f6ten zu lassen, im Namen der Rettung eines fremden&#8230;<\/p>\n<p>Oder so: genauso schrecklich. Der t\u00f6dliche Zugzwang. Gleich wird mir gesagt, dass das S\u00f6ldnerfoto mit dem Kind an der Brust eine F\u00e4lschung sei, oder wie man heutzutage oft sagt \u2013 ein \u201cFake\u201d. Gut m\u00f6glich. Aber da die Terroristen selbst kein Geheimnis daraus machen, Raketenanlagen in Schulh\u00f6fen und auf Kinderkrankenhausd\u00e4chern zu installieren, ver\u00e4ndert es prinzipiell nichts. Schlie\u00dflich ist Hitler vom Kukryniksybild &#8211; mit den F\u00e4ngen, von denen das Blut der V\u00f6lker der Sowjetunion und Europas heruntertropft &#8211; auch eine Art Fake. Der reale Hitler hatte keine F\u00e4nge, und hat auch keine Russen oder Holl\u00e4nder eigenh\u00e4ndig gequ\u00e4lt. Aber der hitlerische Nationalsozialismus &#8211; das ist Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Also, heutzutage bedecken sich die Terroristen mit Kindern und nutzen das als eine effektive milit\u00e4risch-politische Technologie. Vor drei\u00dfig Jahren hat sich Greg Stilson mit einem Kind bedeckt und war danach verschwunden. Man m\u00f6chte fast schon \u201cDer Arme!\u201d sagen. Der arme Greg war seiner Zeit voraus, just wie Leonardo Da Vinci mit seiner Handzeichnung eines Hubschraubers. Was ist denn mit der Moral passiert? Wohin sind, Entschuldigung, die Begriffe von Gut und B\u00f6se verschwunden, von \u201cdarf man\u201d und \u201cverboten\u201d, von \u201cmuss man\u201d, das wichtiger als \u201cwill man\u201d ist? Denn diese Begriffe sind tats\u00e4chlich irgendwohin verschwunden. Man sieht es nicht nur an den Handlungen &#8211; man merkt es an der Sprache. Statt der wertm\u00e4\u00dfigen (und noch mehr: statt der qualitativen) Charakteristiken entstehen ganz andere, wohl verst\u00e4ndlich und \u00fcberzeugend, aber inhaltlos. Ich w\u00fcrde sie \u201cparametrisch\u201d nennen. Sie sind wie die mathematischen Parameter, die wie absichtlich Inhalt und Wertung ignorieren. Als mein guter Freund Gleb Pawlowski Ende 90er den Fonds <em>Effektive Politik<\/em> gr\u00fcndete &#8211; das war ein Art Sinnrevolution. Fr\u00fcher konnte die Politik demokratisch, liberal oder konservativ sein. Es gab Fonds, und analytische Zentren gab es auch. Aber statt des Inhalts ist ein Parameter entstanden.<\/p>\n<p>Welche Politik brauchen wir? Eine effekitive. Keine gute oder schlechte, demokratische, liberale, konservative, christliche oder kommunistische &#8211; keine davon. L\u00fcgenhafte oder ehrliche? N\u00fctzliche oder sch\u00e4dliche, wenigstens? Ah, unwichtig. Effektive, und das war&#8217;s. Es gibt eine augenblickliche Aufgabe &#8211; es muss eine schnelle L\u00f6sung geben. Punkt. Weiter &#8211; mehr. Die Entwicklung muss dynamisch sein. Nicht die Entwicklung des Kapitalismus oder Sozialismus, nicht die der Bauernh\u00f6fe oder Kolchosen, nicht die der Firmen oder Eintagsfliegen-Unternehmen, sondern einfach nur eine dynamische Entwicklung wovon auch immer. Der Anf\u00fchrer &#8211; energisch, stark, hart (und da ist es unwichtig, womit genau er besch\u00e4ftigt ist). Das Programm &#8211; langfristig, perspektiv (und keiner fragt nach, wie lange diese Zeit wird).<\/p>\n<p>Aber der gr\u00f6\u00dfte Fetisch der Moderne: das Wort \u201cmodern\u201d (verzeihen Sie mir das unbeabsichtigte Wortspiel). Wer wird abstreiten, dass Auschwitz weitaus moderner war, als ein Gef\u00e4ngnis des 19. Jahrhunderts? Nichtsdestotrotz ist das Wort \u201cmodern\u201d mit einer grandiosen Poesie der Verbrauchersinnlosigkeit beseelt. Warum \u201cVerbraucher\u201d? Weil die Werbung den Menschen suggeriert, dass ein Auto, ein Handy, ein Computer, eine Wohnung, die Hosen, die Wimperntusche und der BH-Typ push-up unbedingt nagelneu und am modischsten sein sollen. Jetzt ist es Ende August? Man sollte seine Garderobe mit der Kleidung aus der neuesten Herbstkollektion 2014 erneuern. Warum \u201cSinnlosigkeit\u201d? Weil die Herbstkollektion keinerlei Unterschiede zu der Fr\u00fchlingskollektion hat, au\u00dfer der Zwirnfadenfarbe des schlampigen Hemdes.<\/p>\n<p>Und das bezieht sich nicht nur auf Schneiderwerkst\u00fccke. Notgedrungen wird man zum Marxisten und beobachtet traurig, wie die Wirtschaft die Moral verst\u00fcmmelt. Das Streben nach Wirtschaftswachstum um jeden Preis &#8211; das ist im Randfall ein Streben nach Herstellung und Verkauf ohne jeglichen Gedanken an die Brauchbarkeit des Erschafften und an dessen Kaufsinn. Niemand lehrt Menschen absichtlich etwas schlechtes. Nirgendwo, auf keinem Werbeschild findet man den Aufruf, Kinder als Geisel zu nehmen. Um Gottes Willen! Alptraum! Da sind nur solch&#8216; zarte Babys auf den Armen von strahlenden M\u00fcttern und V\u00e4tern! Aber es existiert eine unspezifische Einwirkung auf den Verstand und das Verhalten der Menschen. Der Verhaltensstoff wird aus vielen F\u00e4den gewoben. Man muss dem Menschen nicht sagen: \u201cSei ein Schwein!\u201d. Es kann ja sein, dass er aus reinem Protest ein ehrenhafter Ritter wird, und dann hat man ja Probleme ohne Ende. Man muss sagen: \u201cSteuere Deinen Traum!\u201d &#8211; das neue Auto also. Man muss wiederholen: \u201cDie neue Wimperntusche macht die Wimpern um 45% flaumiger, und Sie &#8211; um 33% attraktiver!\u201d. \u201cNimm&#8216; einen Kredit f\u00fcr eine Reise auf!\u201d Wie kann man sich denn auf Rechnung vergn\u00fcgen? Das ist doch \u201cFestfressen der Zukunft\u201d, wie Tschechow die Vorsch\u00fcsse bezeichnete. Muss ein 20-j\u00e4hriger Mann von einem neuen Auto tr\u00e4umen, statt einem guten Job? Wozu soll eine 30-j\u00e4hrige Frau (also Ehefrau und Mutter) um 33% attraktiver sein? Damit sie anstatt zwei Liebhabern drei hat? Oder damit ihr Ehemann sie um 33% st\u00e4rker liebt? Aber was ist denn das f\u00fcr ein Ehemann, den man ins Bett locken oder zum Einkaufen schicken muss &#8211; mit der Flaumigkeit der Wimpern? Sonst wird er keine Familienpflichten erf\u00fcllen &#8211; weder die h\u00e4uslichen noch die Ehepflichten? Und die Apotheose des Verbrauchermarasmus: \u201cDenn ich bin es wert!\u201d<\/p>\n<p>Und dabei fallen alle G\u00fcter nicht vom Himmel herunter, sondern werden gegen gewissenhafte Arbeit eingetauscht. W\u00fcrdig ist derjenige, der es verdient hat. Und wenn nicht &#8211; entschuldigen Sie. Die Vorstellung der Verbraucher von den Menschenrechten ergreift hier aber die Oberhand. Die Menschen fangen an zu denken, dass die Gesellschaft und der Staat nicht nur dazu verpflichtet sind, ihr Eigentum zu besch\u00fctzen, sondern sie auch mit dem vollen Paket an G\u00fctern zu versorgen. Warum? \u201cDenn ich bin es wert!\u201d Genauso sind die Einwohner einer terroristischen Enklave aufrichtig davon \u00fcberzeugt, dass der Staat, den sie bekriegen, verpflichtet ist, sie mit Wasser, Strom, Medikamenten und sogar Baumaterialien zu versorgen. Und sie bekommen das Erwartete. Warum? Wie &#8211; sie sind doch Menschen, also haben sie ein Recht auf ein w\u00fcrdiges Leben, trotz der ununterbrochenen Schie\u00dferei auf den Verteiler all dieser G\u00fcter. Wenn man dem Menschen jahrelang eintrichtert, dass er um seines Vergn\u00fcgens willen leben muss und dass alle um ihn herum ihm etwas schulden, dann wird er todsicher ein Schurke werden.<\/p>\n<p>Der am Ende schie\u00dfen wird, sich mit den Kindern bedeckend.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Autor <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/denis.dragunsky?fref=ts\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Denis Dragunskij<\/strong><\/a>; \u00fcbersetzt von\u00a0<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Kaspijka\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Irina Schlegel<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johnny Smith war ein Hellseher. 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Eines Tages traf er zuf\u00e4llig den Politiker Greg Stilson, der Pr\u00e4sident werden wollte: Er f\u00fchrte seine Wahlkampagne durch, lie\u00df sich nicht vom Ziel abbringen und traf dazu pers\u00f6nlich seine W\u00e4hler. Johnny dr\u00fcckte ihm die Hand und hat pl\u00f6tzlich gesehen, wie Stilson, wenn er Pr\u00e4sident wird, einen Atomkrieg vom Zaun bricht.\r\n\r\nIch gebe gerade den Inhalt von Steven Kings Roman \u201cDead Zone\u201d (1979) und des gleichnamigen Films von David Kronenberg (1983) wieder.\r\n\r\nUm die Menschheit zu retten beschlie\u00dft Johnny Stilson zu t\u00f6ten. Er versteckt sich mit einem Gewehr im Saal, in dem Stilson das Treffen mit den W\u00e4hlern abh\u00e4lt. Im entscheidenden Moment bemerkt man Johnny Smith. Die Bodyguards er\u00f6ffnen das Feuer auf ihn, aber er versucht trotzdem zu schie\u00dfen, und zielt auf Gregor Stilson - und da schnappt sich Stilson ein zuf\u00e4llig in der N\u00e4he stehendes einj\u00e4hriges Kind und bedeckt sich mit ihm. Johnny schafft es nicht zu schie\u00dfen. Aber irgendein Fotograph schafft es, das verh\u00e4ngnisvolle Foto zu machen: Der Pr\u00e4sidentschaftskandidat mit einem angstverzerrten Gesicht bedeckt sich mit einem Kind, um sich vor einer m\u00f6glichen Kugel zu sch\u00fctzen. Das Foto kommt auf das Cover von Newsweek mit der \u00dcberschrift \u201cStilson - No Chance\u201d! Danach bleibt Greg Stilson nichts anderes als sich zu erschie\u00dfen.\r\n\r\nWas er selbstverst\u00e4ndlich auch macht. Denn nach so einem Zwischenfall hat er nicht nur keine Chance im Pr\u00e4sidentschaftrennen, sondern auch im Supermarket, an der Tankstelle, auf der Stra\u00dfe in der eigenen Stadt und sogar keine in seiner eigenen Familie. Also, nun die Frage. Noch Anfang der 1980er bedeutete so eine Tat, wie sich mit einem Kind gegen einen Schuss zu bedecken, f\u00fcr einen Politiker und eigentlich auch f\u00fcr jeden Menschen den moralischen Tod. Aussortierung aus dem Menschenkreis, mit dem es nicht sch\u00e4ndlich ist, ein Bier an der Bar zu trinken. Und nur eine Generation sp\u00e4ter bedeutet dasselbe eine ausgezeichnete Gewandtheit und listige Geschicklichkeit. Zum Beispiel, Raketenanlagen auf Schul- oder Kinderkrankenhausd\u00e4chern zu installieren, um von da aus auf den Nachbarstaat zu schie\u00dfen, ihn der M\u00f6glichkeit zu berauben, milit\u00e4risch ad\u00e4quat zu antworten. Und im Falle einer Antwort zu schreien: \u201cSie schie\u00dfen auf Kinder!\u201d Ich habe ein Foto eines pal\u00e4stinensischen S\u00f6ldners in voller Ausr\u00fcstung gesehen: Gewehr, Helm, Funkger\u00e4t, Granaten am G\u00fcrtel. Und an der Brust, in einem speziellen Rucksack, sa\u00df ein ganz kleines Kind. Mit dem Gesicht nach vorne, was besonders schrecklich ist. Daf\u00fcr aber effektiv! Zum Wort \u201ceffektiv\u201d komme ich noch zur\u00fcck. Wartet mal kurz. Der verschreckte Kinderblick auf den Gegner gerichtet ist besser als jede Schutzweste, falls der Gegner noch kein Tier ist. Oder sagen wir so: Wenn der Gegner selbst kein Kind an der Brust hat. Aber was kann schrecklicher sein, als ein fremdes Kind zu t\u00f6ten, im Namen der Rettung des eigenen? Das ist keine rhetorische Frage. Hier ist die Antwort: Noch schrecklicher ist es, sein eigenes Kind t\u00f6ten zu lassen, im Namen der Rettung eines fremden...\r\n\r\nOder so: genauso schrecklich. Der t\u00f6dliche Zugzwang. Gleich wird mir gesagt, dass das S\u00f6ldnerfoto mit dem Kind an der Brust eine F\u00e4lschung sei, oder wie man heutzutage oft sagt \u2013 ein \u201cFake\u201d. Gut m\u00f6glich. Aber da die Terroristen selbst kein Geheimnis daraus machen, Raketenanlagen in Schulh\u00f6fen und auf Kinderkrankenhausd\u00e4chern zu installieren, ver\u00e4ndert es prinzipiell nichts. Schlie\u00dflich ist Hitler vom Kukryniksybild - mit den F\u00e4ngen, von denen das Blut der V\u00f6lker der Sowjetunion und Europas heruntertropft - auch eine Art Fake. Der reale Hitler hatte keine F\u00e4nge, und hat auch keine Russen oder Holl\u00e4nder eigenh\u00e4ndig gequ\u00e4lt. Aber der hitlerische Nationalsozialismus - das ist Realit\u00e4t.\r\n\r\nAlso, heutzutage bedecken sich die Terroristen mit Kindern und nutzen das als eine effektive milit\u00e4risch-politische Technologie. Vor drei\u00dfig Jahren hat sich Greg Stilson mit einem Kind bedeckt und war danach verschwunden. Man m\u00f6chte fast schon \u201cDer Arme!\u201d sagen. Der arme Greg war seiner Zeit voraus, just wie Leonardo Da Vinci mit seiner Handzeichnung eines Hubschraubers. Was ist denn mit der Moral passiert? Wohin sind, Entschuldigung, die Begriffe von Gut und B\u00f6se verschwunden, von \u201cdarf man\u201d und \u201cverboten\u201d, von \u201cmuss man\u201d, das wichtiger als \u201cwill man\u201d ist? Denn diese Begriffe sind tats\u00e4chlich irgendwohin verschwunden. Man sieht es nicht nur an den Handlungen - man merkt es an der Sprache. Statt der wertm\u00e4\u00dfigen (und noch mehr: statt der qualitativen) Charakteristiken entstehen ganz andere, wohl verst\u00e4ndlich und \u00fcberzeugend, aber inhaltlos. Ich w\u00fcrde sie \u201cparametrisch\u201d nennen. Sie sind wie die mathematischen Parameter, die wie absichtlich Inhalt und Wertung ignorieren. Als mein guter Freund Gleb Pawlowski Ende 90er den Fonds <em>Effektive Politik<\/em> gr\u00fcndete - das war ein Art Sinnrevolution. Fr\u00fcher konnte die Politik demokratisch, liberal oder konservativ sein. Es gab Fonds, und analytische Zentren gab es auch. Aber statt des Inhalts ist ein Parameter entstanden.\r\n\r\nWelche Politik brauchen wir? Eine effekitive. Keine gute oder schlechte, demokratische, liberale, konservative, christliche oder kommunistische - keine davon. L\u00fcgenhafte oder ehrliche? N\u00fctzliche oder sch\u00e4dliche, wenigstens? Ah, unwichtig. Effektive, und das war's. Es gibt eine augenblickliche Aufgabe - es muss eine schnelle L\u00f6sung geben. Punkt. Weiter - mehr. Die Entwicklung muss dynamisch sein. Nicht die Entwicklung des Kapitalismus oder Sozialismus, nicht die der Bauernh\u00f6fe oder Kolchosen, nicht die der Firmen oder Eintagsfliegen-Unternehmen, sondern einfach nur eine dynamische Entwicklung wovon auch immer. Der Anf\u00fchrer - energisch, stark, hart (und da ist es unwichtig, womit genau er besch\u00e4ftigt ist). Das Programm - langfristig, perspektiv (und keiner fragt nach, wie lange diese Zeit wird).\r\n\r\nAber der gr\u00f6\u00dfte Fetisch der Moderne: das Wort \u201cmodern\u201d (verzeihen Sie mir das unbeabsichtigte Wortspiel). Wer wird abstreiten, dass Auschwitz weitaus moderner war, als ein Gef\u00e4ngnis des 19. Jahrhunderts? Nichtsdestotrotz ist das Wort \u201cmodern\u201d mit einer grandiosen Poesie der Verbrauchersinnlosigkeit beseelt. Warum \u201cVerbraucher\u201d? Weil die Werbung den Menschen suggeriert, dass ein Auto, ein Handy, ein Computer, eine Wohnung, die Hosen, die Wimperntusche und der BH-Typ push-up unbedingt nagelneu und am modischsten sein sollen. Jetzt ist es Ende August? Man sollte seine Garderobe mit der Kleidung aus der neuesten Herbstkollektion 2014 erneuern. Warum \u201cSinnlosigkeit\u201d? Weil die Herbstkollektion keinerlei Unterschiede zu der Fr\u00fchlingskollektion hat, au\u00dfer der Zwirnfadenfarbe des schlampigen Hemdes.\r\n\r\nUnd das bezieht sich nicht nur auf Schneiderwerkst\u00fccke. Notgedrungen wird man zum Marxisten und beobachtet traurig, wie die Wirtschaft die Moral verst\u00fcmmelt. Das Streben nach Wirtschaftswachstum um jeden Preis - das ist im Randfall ein Streben nach Herstellung und Verkauf ohne jeglichen Gedanken an die Brauchbarkeit des Erschafften und an dessen Kaufsinn. Niemand lehrt Menschen absichtlich etwas schlechtes. Nirgendwo, auf keinem Werbeschild findet man den Aufruf, Kinder als Geisel zu nehmen. Um Gottes Willen! Alptraum! Da sind nur solch' zarte Babys auf den Armen von strahlenden M\u00fcttern und V\u00e4tern! Aber es existiert eine unspezifische Einwirkung auf den Verstand und das Verhalten der Menschen. Der Verhaltensstoff wird aus vielen F\u00e4den gewoben. Man muss dem Menschen nicht sagen: \u201cSei ein Schwein!\u201d. Es kann ja sein, dass er aus reinem Protest ein ehrenhafter Ritter wird, und dann hat man ja Probleme ohne Ende. Man muss sagen: \u201cSteuere Deinen Traum!\u201d - das neue Auto also. Man muss wiederholen: \u201cDie neue Wimperntusche macht die Wimpern um 45% flaumiger, und Sie - um 33% attraktiver!\u201d. \u201cNimm' einen Kredit f\u00fcr eine Reise auf!\u201d Wie kann man sich denn auf Rechnung vergn\u00fcgen? Das ist doch \u201cFestfressen der Zukunft\u201d, wie Tschechow die Vorsch\u00fcsse bezeichnete. Muss ein 20-j\u00e4hriger Mann von einem neuen Auto tr\u00e4umen, statt einem guten Job? Wozu soll eine 30-j\u00e4hrige Frau (also Ehefrau und Mutter) um 33% attraktiver sein? Damit sie anstatt zwei Liebhabern drei hat? Oder damit ihr Ehemann sie um 33% st\u00e4rker liebt? Aber was ist denn das f\u00fcr ein Ehemann, den man ins Bett locken oder zum Einkaufen schicken muss - mit der Flaumigkeit der Wimpern? Sonst wird er keine Familienpflichten erf\u00fcllen - weder die h\u00e4uslichen noch die Ehepflichten? Und die Apotheose des Verbrauchermarasmus: \u201cDenn ich bin es wert!\u201d\r\n\r\nUnd dabei fallen alle G\u00fcter nicht vom Himmel herunter, sondern werden gegen gewissenhafte Arbeit eingetauscht. W\u00fcrdig ist derjenige, der es verdient hat. Und wenn nicht - entschuldigen Sie. Die Vorstellung der Verbraucher von den Menschenrechten ergreift hier aber die Oberhand. Die Menschen fangen an zu denken, dass die Gesellschaft und der Staat nicht nur dazu verpflichtet sind, ihr Eigentum zu besch\u00fctzen, sondern sie auch mit dem vollen Paket an G\u00fctern zu versorgen. Warum? \u201cDenn ich bin es wert!\u201d Genauso sind die Einwohner einer terroristischen Enklave aufrichtig davon \u00fcberzeugt, dass der Staat, den sie bekriegen, verpflichtet ist, sie mit Wasser, Strom, Medikamenten und sogar Baumaterialien zu versorgen. Und sie bekommen das Erwartete. Warum? Wie - sie sind doch Menschen, also haben sie ein Recht auf ein w\u00fcrdiges Leben, trotz der ununterbrochenen Schie\u00dferei auf den Verteiler all dieser G\u00fcter. Wenn man dem Menschen jahrelang eintrichtert, dass er um seines Vergn\u00fcgens willen leben muss und dass alle um ihn herum ihm etwas schulden, dann wird er todsicher ein Schurke werden.\r\n\r\nDer am Ende schie\u00dfen wird, sich mit den Kindern bedeckend.\r\n\r\n<hr \/>\r\n\r\n<em>Autor <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/denis.dragunsky?fref=ts\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Denis Dragunskij<\/strong><\/a>; \u00fcbersetzt von\u00a0<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Kaspijka\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Irina Schlegel<\/a><\/em>","amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/183","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=183"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/183\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28602,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/183\/revisions\/28602"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1689"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=183"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=183"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=183"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}