{"id":250,"date":"2014-09-15T17:48:00","date_gmt":"2014-09-15T17:48:00","guid":{"rendered":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/?p=250"},"modified":"2016-03-16T15:24:46","modified_gmt":"2016-03-16T15:24:46","slug":"ein-brief-die-mutter-des-russischen-soldaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/ein-brief-die-mutter-des-russischen-soldaten\/","title":{"rendered":"Ein Brief an die Mutter des russischen Soldaten."},"content":{"rendered":"<p>Hallo! Ich wei\u00df nicht wie ich dich ansprechen soll. Du bist nicht meine Schwester, wir sind nicht nicht verwandt, auch keine Freundinnen. Wir sind uns nie begegnet, aber ich kenne dich und wei\u00df, dass es dich gibt. Ich habe dich in den Augen deines Sohnes gesehen. Nein, hab keine Angst, ihm geht es gut.<\/p>\n<p>Er sa\u00df in einem gro\u00dfen Milit\u00e4rwagen (hier sieht man jetzt viele davon) und wirkte so ernst, konzentriert, am Wegrand, an der Stra\u00dfe, die von Russland nach Mariupol f\u00fchrt. Mit Staub bedeckt, ein wenig von der Reise und der Hitze erm\u00fcdet, und deshalb traurig, sa\u00df er da, auf sein Maschinengewehr gest\u00fctzt, als ob er nach einem Halt suchte.<br \/>\nSie alle, die in diesem Wagen sa\u00dfen, waren so, diese Jungen. Alle gleich, mit abstehenden Ohren, in hellgr\u00fcnen Uniformen, mit dem ersten Flaum an der Oberlippe, mit dem m\u00fcden, gleichg\u00fcltigen, gelangweilten Blick.<br \/>\nSie fragten mich, wo man hier Wasser holen kann. Ich zeigte es ihnen: &#8211; Fahrt von der Stra\u00dfe runter und dann durch zwei Gassen, dann nach links abbiegen, und um die Ecke seht ihr den Hof einer Firma, die haben da einen Brunnen, dort kann man Wasser holen. Wo kommt ihr denn her, Kinder?<br \/>\nUnd dann verlor ich mich in seinen Augen. Auf einmal wurden sie so gro\u00df und tief, erst sogen sie mich in sich hinein, dann mit einem Schrecken lie\u00dfen sie mich los und wurden dunkel, als ob vor Angst oder Furcht. So dunkel wurden sie, dass ich nichts anderes sehen konnte als diese Augen.<\/p>\n<p>-Bin ich hier in der Ukraine?! &#8211; hauchte er. Er kannte schon die Antwort, stellte aber die Frage als ob er daf\u00fcr betete oder darauf hoffte, dass ich &#8222;nein&#8220; sage.<br \/>\n&#8211; Ja, das ist Ukraine, &#8211; best\u00e4tigte ich.<br \/>\nEr schwieg. Nur die Lippen zuckten leicht. Nur in den Augen blitzten Verzweiflung und Schmerz. Denn die Seele folgt nicht den Armeebefehlen. Sie schrie. Nein, sie schrie nicht, sie seufzte, flusterte, st\u00f6hnte. Wie der Wind in der Steppe, da stehst du in der Hitze und kein Grashalm bewegt sich, und dann pl\u00f6tzlich wie aus dem nichts kommt ein hei\u00dfer Windsto\u00df und verbrennt dich bis ins Innere.<br \/>\n&#8211; Mama!<\/p>\n<p>Und da sah ich Dich. In seinen Augen. Du warst wohl gerade am Kochen, aber als er &#8222;Mama!&#8220; hauchte, zucktest du zusammen und drehtest dich um. Es h\u00e4tte auch nicht anders sein k\u00f6nnen. Ein Teil deines Herzens rief nach dir. Dein Herz ist aus dem Takt gekommen, als es diesen Ruf vernahm.<\/p>\n<p>&#8222;Mama!&#8220; &#8211; schreien wir, wenn wir einen Teil unserer Seele auf die Welt bringen und ihr damit verk\u00fcnden, dass wir unsere Bestimmung erf\u00fcllt haben. Wir weinen, wenn dieses Wesen mit den funkelnden Augen die Nase kraus zieht, sein allererstes Wort sagt- &#8222;Mama!&#8220;- und seine H\u00e4ndchen nach uns ausstreckt.<br \/>\n&#8222;Mama!&#8220; &#8211; schreien wir wenn es weh tut, wenn wir Angst haben, wenn die Dunkelheit kommt, wenn wir uns verzweifelt an das Leben klammern, wenn wir uns selbst und unsere Lieben verlieren.<br \/>\n&#8222;Mama!&#8220; &#8211; schreien unsere Kinder aus Angst, Hilfslosigkeit, Verzweiflung, Not, Liebe, Freude, Stolz. Das ist ein Wort, dass den Anfang und das Ende des Lebens markiert &#8211; Mama!<br \/>\nIch konnte dich sehen, den lautlosen Ruf deines Sohnes h\u00f6ren, nur aus einem Grund: ich bin selber eine Mutter.<\/p>\n<p>Ich lebe in der Ukraine, ich habe T\u00f6chter, aber es macht keinen Unterschied &#8211; ich bin eine Mutter. Denn eine Mutter ist auch in Afrika eine Mutter.<br \/>\nDein Junge kam zu uns, in den Krieg. Oder wurde eben in den Krieg geschickt. Ich wei\u00df nicht, ob zum T\u00f6ten oder zum Sterben. Im Krieg ist es das Gleiche. Wie kann seine Seele heil bleiben, nachdem er unseren Boden mit dem Blut unserer S\u00f6hne getr\u00e4nkt hat?<\/p>\n<p>Glaubst Du nicht an die Seele, an Gott, an die Liebe?! &#8211; das ist auch dein Recht.<br \/>\nAber was wird deinen Sohn nach Hause bringen? &#8211; wohl nicht der Befehl seines Kommandanten, der mit diesem Krieg Geld verdient oder den Befehlen anderer folgt. Nach Hause bringt einen nur die Liebe und der Glaube.<br \/>\nSag mir, ich konnte es nicht verstehen, als ich in das Gesicht deines Kindes sah &#8211; warum, wozu kam er hierhin, um uns in unserem eigenen Land zu t\u00f6ten? Warum hat er seine Freundin gegen das Maschinengewehr ausgetauscht? Warum geht er durch unsere Steppe und l\u00e4sst verbitterte Witwen mit erloschenen Augen hinter sich?<br \/>\nHabe ich dich vielleicht beleidigt? Oder dein Haus zerst\u00f6rt? Oder dir deinen Mann weggenommen und dein Herz gebrochen? Nein, wir sind uns nie begegnet. Warum dann dieser Krieg?<\/p>\n<p>Wei\u00dft du, wie die Steppen hier in der Nacht nach einer Schlacht noch lange klingen? Die Lebenden rufen die Toten an. Verstehst du, das sind auch M\u00fctter. Sie rufen ihre S\u00f6hne an. Es ist unheimlich.<br \/>\nEs gibt bei uns in der Ukraine einen Vogel, den nennen wir Moorochse. Ihr kennt ihn vielleicht als Rohrdommel. Man sagt, wenn er sein Lied singt, weint er um die ungl\u00fccklichen Seelen, die ohne Sakramente gegangen und nun dazu verdammt sind, \u00fcber die Steppe zu wandern und nach der ewigen Ruhe zu suchen, die ihnen nicht verg\u00f6nnt ist.<br \/>\nDie Frauen hier sind wie die Klageweiber der Antike, wie die traurige Rohrdommel. Sie weinen um diejenigen, die im Steppengras und zwischen den Feldblumen liegen, die in die Kohleminen geworfen oder in den Gr\u00e4ben verscharrt wurden. Wir schlie\u00dfen die Augen, bestellen eine heilige Messe f\u00fcr ihre Seelen, die keine Ruhe finden. Wir wissen nicht, wessen S\u00f6hne oder Ehem\u00e4nner sie waren. Der Boden ihrer Heimat hat sie aufgenommen, alles andere ist egal.<br \/>\nWei\u00dft du, wie schrecklich das ist, hier am Wegrand zu stehen und zuzusehen, wie solche Jungen, alle kurz geschoren, \u00fcber die Grenze aus Russland zu uns kommen. H\u00f6ren unsere Mundart und erschrecken sich, als es ihnen aufgeht, dass sie in der Ukraine sind. Kl\u00e4glich wie die kleinen Spatzen. Das sind die Rekruten, sie haben noch Angst, zu t\u00f6ten.<br \/>\nDie, die den scharfen Blick eines Raubtiers haben, das seine Beute sucht &#8211; das sind Berufssoldaten. Ihnen gef\u00e4llt es, ihre St\u00e4rke zu zeigen, sie haben schon Blut geleckt. Das sieht man an der zuckenden Nasenspitze, die die Beute wittert, und am nerv\u00f6sen Blick, der nach dem Tod Ausschau h\u00e4lt.<br \/>\nNoch schrecklicher ist es, genauso am Wegrand zu stehen und zu sehen, wie die gleichen Wagen zur\u00fcck fahren, in Richtung Grenze. Aus ihrem Innern, durch den Geruch von Staub, Zeltplanen und Diesel, str\u00f6mt der s\u00fc\u00dfliche, aufdringliche und absto\u00dfende Geruch vom verwesenden Fleisch. Von dort ert\u00f6nen die Schreie der Menschenfracht.<br \/>\nUnd wie sie schreien. Wie sie st\u00f6hnen, und mit jedem R\u00f6cheln entweichen ihrer Brust die letzten Reste ihres Lebens. Der Kohlenstaub am Stra\u00dfenrad wird mit dem schwarzen Saft der Verwesung getr\u00e4nkt. Die Toten liegen an der Seite der Sterbenden und lassen ihnen keine Hoffnung.<br \/>\nBei uns gibt es nicht viel Wasser, kaum Regen, das hier ist die trockene Steppe mit dem durch die D\u00fcrre gespaltenen Boden. Die Erde saugt Wasser wie auch Blut gierig ein.<br \/>\nDeshalb wird der braun-rote Rinnsal, der hinter den Wagen l\u00e4uft, schon in paar Minuten verschwinden. Diese Spur mit dem schwarzen Glanz der geronnenen Blutzellen und der r\u00f6tlichen Feuchte der Plasma verschwindet vom Asphalt wie von der staubigen Landstra\u00dfe.<br \/>\nDer Boden nimmt die Lebenss\u00e4fte auf, die als seltener Regen kommen, und auch die S\u00e4fte des Todes, die durch unsere Steppen wie ein breiter Fluss flie\u00dfen. Der Erde ist es egal, was sie n\u00e4hrt. Staub zu Staub.<br \/>\nWei\u00dft du, Wasserquellen sind bei uns selten. Die Bergwerke haben die unterirdischen Flussl\u00e4ufe ver\u00e4ndert und das Wasser diesem vor Anthrazitstaub funkelnden Land genommen. Um die Quellen, die noch da sind, haben wir Angst. Oft sehen wir jetzt in der Steppe, neben den Gruben der verlassenen Minen, Milit\u00e4rwagen, deren Nummernschilder mit Blut oder Erde verschmiert sind.<br \/>\nUnsere bodenlosen Minen sind zu Gr\u00e4bern f\u00fcr namenlose Soldaten geworden. Aus irgendeinem Grund bringt man die Toten nicht zur\u00fcck \u00fcber die Grenze. Man l\u00e4sst sie hier. Jetzt haben wir Angst, dass das verwesende Fleisch unsere letzten Wasserquellen vergiftet.<br \/>\nDer Krieg geht \u00fcber mein Land, verseucht es und trocknet es aus. Und mitten in dieser H\u00f6lle ist dein Junge. Warum ist er hier? Ist das sein Krieg?<br \/>\nMan sagt mir, die russischen Soldaten w\u00fcrden russische B\u00fcrger hier, in der Ukraine, besch\u00fctzen. Vor wem? Ich spreche zwei Sprachen, Russisch und Ukrainisch, oder besser gesagt etwas dazwischen, hier reden alle in diesem Dialekt. Bevor der verr\u00fcckt gewordene Herrscher des Nachbarlandes beschlossen hatte, hier seine milit\u00e4risch-humanit\u00e4re Mission durchzuf\u00fchren, hatte ich alles: Sommer, Meer, Urlaub, Arbeit, Tr\u00e4ume, Haus, Essen, Schule f\u00fcr meine Kinder und die Sicherheit. Dann kam dein Sohn mit dem Maschinengewehr, und nun stehen wir vor den Ruinen.<br \/>\nIch habe nicht darum gebeten, dass man mich besch\u00fctzt oder sich \u00fcberhaupt in mein Leben einmischt. Warum ist er hier?<\/p>\n<p>Warte mal, weinst du? Hab ich dich verletzt? Du bist total verwirrt, weil du es nicht gewusst hast, dass er hier ist, in der ukrainischen Steppe, im Hexenkessel voll Hass und Trauer? Du willst gar nicht, dass er auf mich schie\u00dft?!<br \/>\nMeine Liebe, wir sind doch Frauen! Wir k\u00f6nnen uns umarmen und zusammen weinen. Wir haben etwas, das uns verbindet, etwas, was uns am wichtigsten ist &#8211; unsere Kinder.<br \/>\nDein Sohn ist weitergefahren, lebendig, der gr\u00fcne Flachmann mit Wasser gef\u00fcllt. Er hat sogar Zeit gehabt sich zu waschen. Der Kohlestaub l\u00e4sst sich schwer loswerden, aber die Tr\u00e4nen von den Augen kann man abwischen. Denn sie gl\u00e4nzen verr\u00e4terisch und hinterlassen Spuren auf den staubigen Wangen.<br \/>\nUnd dort, wo er hingefahren ist, werden andere Frauen am Wegrand stehen, Stadtfrauen, Dorffrauen, M\u00fctter. Und gebe Gott, dass sie ihm nur zu trinken geben, und ihm nicht die Augen schlie\u00dfen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Meine Liebe! Keine von uns beiden hat diesen Krieg angefangen. Keine von uns beiden will ihre Kinder verlieren, ist es nicht so?!<br \/>\nIch wie\u00df nicht, wie ich die aufhalten kann, die durch mein Land marschieren, mir Hilfe versprechen und stattdessen den Tod bringen. Ich f\u00fchle mich machtlos. Ich wei\u00df wirklich nicht, was ich tun kann. Aber vielleicht k\u00f6nnen wir zusammen etwas tun? F\u00fcr unsere Kinder, deine und meine? Und auch f\u00fcr unsere Enkel? Komm zu uns! Warte nicht auf deinen Sohn oder die Todesbenachrichtigung. Komm. \u00dcberlass ihn nicht dem Krieg. Komm! Ich will nicht mehr wie die Rohrdommel klagen. Ich will nicht jemandem die Augen schlie\u00dfen, die nie mehr die Sterne am Himmel sehen werden.<br \/>\nWahrscheinlich sind wir gleich alt, vielleicht bist du etwas j\u00fcnger oder \u00e4lter als ich. Aber es ist auch nicht wichtig. Wir sind M\u00fctter! Das ist unsere Welt, wir haben sie mit Leben gef\u00fcllt. Wer hat das Recht es uns zu nehmen? &#8211; keiner! Komm!<br \/>\nKomm wie du bist, ob mit der K\u00fcchensch\u00fcrze, als Lehrerin, Wissenschaftlerin, Arbeiterin, \u00c4rztin, Hausfrau, Mutter. Wir m\u00fcssen um unsere Kinder k\u00e4mpfen. Die Minen sind bodenlos, die Steppen grenzenlos, das Leid macht vor niemandem Halt, und der Krieg macht uns alle gleich, mehrt nur die Trauer.<br \/>\nWir haben unsere Kinder nicht f\u00fcr den Krieg geboren. Verstehst du das auch? Wir weinen die gleichen Tr\u00e4nen, bitter wie das Wermutkraut in meiner Steppe und salzig wie der Schwei\u00df deines Jungen, der in den fremden Krieg zieht.<br \/>\nKomm! Komm \u00fcber die Grenze, in unsere ukrainischen St\u00e4dte, stell dich vor deinen Sohn und meine Kinder, wie eine Taube im Regen ihren Nest mit den Fl\u00fcgeln besch\u00fctzt. Es gibt keine fremden Kinder, wei\u00dft du es noch? Die Kinder sind nicht f\u00fcr den Krieg da.<br \/>\nErz\u00e4hl mir nichts von Pflicht und Ehre. Pflicht ist &#8211; seine Heimat zu sch\u00fctzen, nicht die Heimat der anderen zerst\u00f6ren. Sag nichts, komm einfach!<br \/>\nDu m\u00f6chtest nicht? Nun ja, wir sind halt verschieden. Der eine verschlie\u00dft die Augen vor dem fremden Leid, der andere st\u00fcrzt sich ins brennende Haus, um fremde Kinder zu retten.<br \/>\nEins solltest du aber wissen: ich, eine ukrainische Frau, die Russisch spricht, Mutter ukrainischer Kinder, werde deinem russischen Sohn Wasser geben, und wenn n\u00f6tig, ihn beweinen und ihm die Augen schlie\u00dfen. Denn es gibt keine fremden Kinder&#8230;<\/p>\n<p><em>Quelle: Olena Stepowa in\u00a0informnapalm.org; \u00fcbersetzt von <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/olena.kopnick?fref=ts\">Olena K\u00f6pnick<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo! Ich wei\u00df nicht wie ich dich ansprechen soll. 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Ich wei\u00df nicht wie ich dich ansprechen soll. Du bist nicht meine Schwester, wir sind nicht nicht verwandt, auch keine Freundinnen. Wir sind uns nie begegnet, aber ich kenne dich und wei\u00df, dass es dich gibt. Ich habe dich in den Augen deines Sohnes gesehen. Nein, hab keine Angst, ihm geht es gut.\r\n\r\nEr sa\u00df in einem gro\u00dfen Milit\u00e4rwagen (hier sieht man jetzt viele davon) und wirkte so ernst, konzentriert, am Wegrand, an der Stra\u00dfe, die von Russland nach Mariupol f\u00fchrt. Mit Staub bedeckt, ein wenig von der Reise und der Hitze erm\u00fcdet, und deshalb traurig, sa\u00df er da, auf sein Maschinengewehr gest\u00fctzt, als ob er nach einem Halt suchte.\r\nSie alle, die in diesem Wagen sa\u00dfen, waren so, diese Jungen. Alle gleich, mit abstehenden Ohren, in hellgr\u00fcnen Uniformen, mit dem ersten Flaum an der Oberlippe, mit dem m\u00fcden, gleichg\u00fcltigen, gelangweilten Blick.\r\nSie fragten mich, wo man hier Wasser holen kann. Ich zeigte es ihnen: - Fahrt von der Stra\u00dfe runter und dann durch zwei Gassen, dann nach links abbiegen, und um die Ecke seht ihr den Hof einer Firma, die haben da einen Brunnen, dort kann man Wasser holen. Wo kommt ihr denn her, Kinder?\r\nUnd dann verlor ich mich in seinen Augen. Auf einmal wurden sie so gro\u00df und tief, erst sogen sie mich in sich hinein, dann mit einem Schrecken lie\u00dfen sie mich los und wurden dunkel, als ob vor Angst oder Furcht. So dunkel wurden sie, dass ich nichts anderes sehen konnte als diese Augen.\r\n\r\n-Bin ich hier in der Ukraine?! - hauchte er. Er kannte schon die Antwort, stellte aber die Frage als ob er daf\u00fcr betete oder darauf hoffte, dass ich \"nein\" sage.\r\n- Ja, das ist Ukraine, - best\u00e4tigte ich.\r\nEr schwieg. Nur die Lippen zuckten leicht. Nur in den Augen blitzten Verzweiflung und Schmerz. Denn die Seele folgt nicht den Armeebefehlen. Sie schrie. Nein, sie schrie nicht, sie seufzte, flusterte, st\u00f6hnte. Wie der Wind in der Steppe, da stehst du in der Hitze und kein Grashalm bewegt sich, und dann pl\u00f6tzlich wie aus dem nichts kommt ein hei\u00dfer Windsto\u00df und verbrennt dich bis ins Innere.\r\n- Mama!\r\n\r\nUnd da sah ich Dich. In seinen Augen. Du warst wohl gerade am Kochen, aber als er \"Mama!\" hauchte, zucktest du zusammen und drehtest dich um. Es h\u00e4tte auch nicht anders sein k\u00f6nnen. Ein Teil deines Herzens rief nach dir. Dein Herz ist aus dem Takt gekommen, als es diesen Ruf vernahm.\r\n\r\n\"Mama!\" - schreien wir, wenn wir einen Teil unserer Seele auf die Welt bringen und ihr damit verk\u00fcnden, dass wir unsere Bestimmung erf\u00fcllt haben. Wir weinen, wenn dieses Wesen mit den funkelnden Augen die Nase kraus zieht, sein allererstes Wort sagt- \"Mama!\"- und seine H\u00e4ndchen nach uns ausstreckt.\r\n\"Mama!\" - schreien wir wenn es weh tut, wenn wir Angst haben, wenn die Dunkelheit kommt, wenn wir uns verzweifelt an das Leben klammern, wenn wir uns selbst und unsere Lieben verlieren.\r\n\"Mama!\" - schreien unsere Kinder aus Angst, Hilfslosigkeit, Verzweiflung, Not, Liebe, Freude, Stolz. Das ist ein Wort, dass den Anfang und das Ende des Lebens markiert - Mama!\r\nIch konnte dich sehen, den lautlosen Ruf deines Sohnes h\u00f6ren, nur aus einem Grund: ich bin selber eine Mutter.\r\n\r\nIch lebe in der Ukraine, ich habe T\u00f6chter, aber es macht keinen Unterschied - ich bin eine Mutter. Denn eine Mutter ist auch in Afrika eine Mutter.\r\nDein Junge kam zu uns, in den Krieg. Oder wurde eben in den Krieg geschickt. Ich wei\u00df nicht, ob zum T\u00f6ten oder zum Sterben. Im Krieg ist es das Gleiche. Wie kann seine Seele heil bleiben, nachdem er unseren Boden mit dem Blut unserer S\u00f6hne getr\u00e4nkt hat?\r\n\r\nGlaubst Du nicht an die Seele, an Gott, an die Liebe?! - das ist auch dein Recht.\r\nAber was wird deinen Sohn nach Hause bringen? - wohl nicht der Befehl seines Kommandanten, der mit diesem Krieg Geld verdient oder den Befehlen anderer folgt. Nach Hause bringt einen nur die Liebe und der Glaube.\r\nSag mir, ich konnte es nicht verstehen, als ich in das Gesicht deines Kindes sah - warum, wozu kam er hierhin, um uns in unserem eigenen Land zu t\u00f6ten? Warum hat er seine Freundin gegen das Maschinengewehr ausgetauscht? Warum geht er durch unsere Steppe und l\u00e4sst verbitterte Witwen mit erloschenen Augen hinter sich?\r\nHabe ich dich vielleicht beleidigt? Oder dein Haus zerst\u00f6rt? Oder dir deinen Mann weggenommen und dein Herz gebrochen? Nein, wir sind uns nie begegnet. Warum dann dieser Krieg?\r\n\r\nWei\u00dft du, wie die Steppen hier in der Nacht nach einer Schlacht noch lange klingen? Die Lebenden rufen die Toten an. Verstehst du, das sind auch M\u00fctter. Sie rufen ihre S\u00f6hne an. Es ist unheimlich.\r\nEs gibt bei uns in der Ukraine einen Vogel, den nennen wir Moorochse. Ihr kennt ihn vielleicht als Rohrdommel. Man sagt, wenn er sein Lied singt, weint er um die ungl\u00fccklichen Seelen, die ohne Sakramente gegangen und nun dazu verdammt sind, \u00fcber die Steppe zu wandern und nach der ewigen Ruhe zu suchen, die ihnen nicht verg\u00f6nnt ist.\r\nDie Frauen hier sind wie die Klageweiber der Antike, wie die traurige Rohrdommel. Sie weinen um diejenigen, die im Steppengras und zwischen den Feldblumen liegen, die in die Kohleminen geworfen oder in den Gr\u00e4ben verscharrt wurden. Wir schlie\u00dfen die Augen, bestellen eine heilige Messe f\u00fcr ihre Seelen, die keine Ruhe finden. Wir wissen nicht, wessen S\u00f6hne oder Ehem\u00e4nner sie waren. Der Boden ihrer Heimat hat sie aufgenommen, alles andere ist egal.\r\nWei\u00dft du, wie schrecklich das ist, hier am Wegrand zu stehen und zuzusehen, wie solche Jungen, alle kurz geschoren, \u00fcber die Grenze aus Russland zu uns kommen. H\u00f6ren unsere Mundart und erschrecken sich, als es ihnen aufgeht, dass sie in der Ukraine sind. Kl\u00e4glich wie die kleinen Spatzen. Das sind die Rekruten, sie haben noch Angst, zu t\u00f6ten.\r\nDie, die den scharfen Blick eines Raubtiers haben, das seine Beute sucht - das sind Berufssoldaten. Ihnen gef\u00e4llt es, ihre St\u00e4rke zu zeigen, sie haben schon Blut geleckt. Das sieht man an der zuckenden Nasenspitze, die die Beute wittert, und am nerv\u00f6sen Blick, der nach dem Tod Ausschau h\u00e4lt.\r\nNoch schrecklicher ist es, genauso am Wegrand zu stehen und zu sehen, wie die gleichen Wagen zur\u00fcck fahren, in Richtung Grenze. Aus ihrem Innern, durch den Geruch von Staub, Zeltplanen und Diesel, str\u00f6mt der s\u00fc\u00dfliche, aufdringliche und absto\u00dfende Geruch vom verwesenden Fleisch. Von dort ert\u00f6nen die Schreie der Menschenfracht.\r\nUnd wie sie schreien. Wie sie st\u00f6hnen, und mit jedem R\u00f6cheln entweichen ihrer Brust die letzten Reste ihres Lebens. Der Kohlenstaub am Stra\u00dfenrad wird mit dem schwarzen Saft der Verwesung getr\u00e4nkt. Die Toten liegen an der Seite der Sterbenden und lassen ihnen keine Hoffnung.\r\nBei uns gibt es nicht viel Wasser, kaum Regen, das hier ist die trockene Steppe mit dem durch die D\u00fcrre gespaltenen Boden. Die Erde saugt Wasser wie auch Blut gierig ein.\r\nDeshalb wird der braun-rote Rinnsal, der hinter den Wagen l\u00e4uft, schon in paar Minuten verschwinden. Diese Spur mit dem schwarzen Glanz der geronnenen Blutzellen und der r\u00f6tlichen Feuchte der Plasma verschwindet vom Asphalt wie von der staubigen Landstra\u00dfe.\r\nDer Boden nimmt die Lebenss\u00e4fte auf, die als seltener Regen kommen, und auch die S\u00e4fte des Todes, die durch unsere Steppen wie ein breiter Fluss flie\u00dfen. Der Erde ist es egal, was sie n\u00e4hrt. Staub zu Staub.\r\nWei\u00dft du, Wasserquellen sind bei uns selten. Die Bergwerke haben die unterirdischen Flussl\u00e4ufe ver\u00e4ndert und das Wasser diesem vor Anthrazitstaub funkelnden Land genommen. Um die Quellen, die noch da sind, haben wir Angst. Oft sehen wir jetzt in der Steppe, neben den Gruben der verlassenen Minen, Milit\u00e4rwagen, deren Nummernschilder mit Blut oder Erde verschmiert sind.\r\nUnsere bodenlosen Minen sind zu Gr\u00e4bern f\u00fcr namenlose Soldaten geworden. Aus irgendeinem Grund bringt man die Toten nicht zur\u00fcck \u00fcber die Grenze. Man l\u00e4sst sie hier. Jetzt haben wir Angst, dass das verwesende Fleisch unsere letzten Wasserquellen vergiftet.\r\nDer Krieg geht \u00fcber mein Land, verseucht es und trocknet es aus. Und mitten in dieser H\u00f6lle ist dein Junge. Warum ist er hier? Ist das sein Krieg?\r\nMan sagt mir, die russischen Soldaten w\u00fcrden russische B\u00fcrger hier, in der Ukraine, besch\u00fctzen. Vor wem? Ich spreche zwei Sprachen, Russisch und Ukrainisch, oder besser gesagt etwas dazwischen, hier reden alle in diesem Dialekt. Bevor der verr\u00fcckt gewordene Herrscher des Nachbarlandes beschlossen hatte, hier seine milit\u00e4risch-humanit\u00e4re Mission durchzuf\u00fchren, hatte ich alles: Sommer, Meer, Urlaub, Arbeit, Tr\u00e4ume, Haus, Essen, Schule f\u00fcr meine Kinder und die Sicherheit. Dann kam dein Sohn mit dem Maschinengewehr, und nun stehen wir vor den Ruinen.\r\nIch habe nicht darum gebeten, dass man mich besch\u00fctzt oder sich \u00fcberhaupt in mein Leben einmischt. Warum ist er hier?\r\n\r\nWarte mal, weinst du? Hab ich dich verletzt? Du bist total verwirrt, weil du es nicht gewusst hast, dass er hier ist, in der ukrainischen Steppe, im Hexenkessel voll Hass und Trauer? Du willst gar nicht, dass er auf mich schie\u00dft?!\r\nMeine Liebe, wir sind doch Frauen! Wir k\u00f6nnen uns umarmen und zusammen weinen. Wir haben etwas, das uns verbindet, etwas, was uns am wichtigsten ist - unsere Kinder.\r\nDein Sohn ist weitergefahren, lebendig, der gr\u00fcne Flachmann mit Wasser gef\u00fcllt. Er hat sogar Zeit gehabt sich zu waschen. Der Kohlestaub l\u00e4sst sich schwer loswerden, aber die Tr\u00e4nen von den Augen kann man abwischen. Denn sie gl\u00e4nzen verr\u00e4terisch und hinterlassen Spuren auf den staubigen Wangen.\r\nUnd dort, wo er hingefahren ist, werden andere Frauen am Wegrand stehen, Stadtfrauen, Dorffrauen, M\u00fctter. Und gebe Gott, dass sie ihm nur zu trinken geben, und ihm nicht die Augen schlie\u00dfen m\u00fcssen.\r\n\r\nMeine Liebe! Keine von uns beiden hat diesen Krieg angefangen. Keine von uns beiden will ihre Kinder verlieren, ist es nicht so?!\r\nIch wie\u00df nicht, wie ich die aufhalten kann, die durch mein Land marschieren, mir Hilfe versprechen und stattdessen den Tod bringen. Ich f\u00fchle mich machtlos. Ich wei\u00df wirklich nicht, was ich tun kann. Aber vielleicht k\u00f6nnen wir zusammen etwas tun? F\u00fcr unsere Kinder, deine und meine? Und auch f\u00fcr unsere Enkel? Komm zu uns! Warte nicht auf deinen Sohn oder die Todesbenachrichtigung. Komm. \u00dcberlass ihn nicht dem Krieg. Komm! Ich will nicht mehr wie die Rohrdommel klagen. Ich will nicht jemandem die Augen schlie\u00dfen, die nie mehr die Sterne am Himmel sehen werden.\r\nWahrscheinlich sind wir gleich alt, vielleicht bist du etwas j\u00fcnger oder \u00e4lter als ich. Aber es ist auch nicht wichtig. Wir sind M\u00fctter! Das ist unsere Welt, wir haben sie mit Leben gef\u00fcllt. Wer hat das Recht es uns zu nehmen? - keiner! Komm!\r\nKomm wie du bist, ob mit der K\u00fcchensch\u00fcrze, als Lehrerin, Wissenschaftlerin, Arbeiterin, \u00c4rztin, Hausfrau, Mutter. Wir m\u00fcssen um unsere Kinder k\u00e4mpfen. Die Minen sind bodenlos, die Steppen grenzenlos, das Leid macht vor niemandem Halt, und der Krieg macht uns alle gleich, mehrt nur die Trauer.\r\nWir haben unsere Kinder nicht f\u00fcr den Krieg geboren. Verstehst du das auch? Wir weinen die gleichen Tr\u00e4nen, bitter wie das Wermutkraut in meiner Steppe und salzig wie der Schwei\u00df deines Jungen, der in den fremden Krieg zieht.\r\nKomm! Komm \u00fcber die Grenze, in unsere ukrainischen St\u00e4dte, stell dich vor deinen Sohn und meine Kinder, wie eine Taube im Regen ihren Nest mit den Fl\u00fcgeln besch\u00fctzt. Es gibt keine fremden Kinder, wei\u00dft du es noch? Die Kinder sind nicht f\u00fcr den Krieg da.\r\nErz\u00e4hl mir nichts von Pflicht und Ehre. Pflicht ist - seine Heimat zu sch\u00fctzen, nicht die Heimat der anderen zerst\u00f6ren. Sag nichts, komm einfach!\r\nDu m\u00f6chtest nicht? Nun ja, wir sind halt verschieden. Der eine verschlie\u00dft die Augen vor dem fremden Leid, der andere st\u00fcrzt sich ins brennende Haus, um fremde Kinder zu retten.\r\nEins solltest du aber wissen: ich, eine ukrainische Frau, die Russisch spricht, Mutter ukrainischer Kinder, werde deinem russischen Sohn Wasser geben, und wenn n\u00f6tig, ihn beweinen und ihm die Augen schlie\u00dfen. Denn es gibt keine fremden Kinder...\r\n\r\n<em>Quelle: Olena Stepowa in\u00a0informnapalm.org; \u00fcbersetzt von <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/olena.kopnick?fref=ts\">Olena K\u00f6pnick<\/a><\/em>","amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/250","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=250"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/250\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4188,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/250\/revisions\/4188"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1638"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=250"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=250"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=250"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}