{"id":3801,"date":"2015-02-25T08:46:36","date_gmt":"2015-02-25T08:46:36","guid":{"rendered":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/?p=3801"},"modified":"2015-11-29T22:43:24","modified_gmt":"2015-11-29T22:43:24","slug":"lew-schlossberg-wofuer-starben-die-fallschirmjaeger-in-donbass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/lew-schlossberg-wofuer-starben-die-fallschirmjaeger-in-donbass\/","title":{"rendered":"Lew Schlossberg: Wof\u00fcr starben die Fallschirmj\u00e4ger in Donbass?"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Wir sprechen mit dem Autor der Untersuchung \u00fcber den Krieg Russlands in der Ukraine, dem Abgeordneten der Partei &#8222;Jabloko&#8220; Lew Schlossberg.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>K\u00f6nnen die von &#8222;Jabloko&#8220; vorgeschlagene Koalition der politischen Alternative und die Anti-Kriegs-M\u00e4rsche den Tod von tausenden russischen und ukrainischen B\u00fcrger im Krieg in Donbass verhindern?<\/em><\/p>\n<p><em>Im Studio von Radio Swoboda ist der Autor der Untersuchung zum Tod der Pskower Fallschirmj\u00e4ger in der Ukraine, Mitglied des f\u00f6deralen Ablegers der Partei &#8222;Jabloko&#8220;, Abgeordneter des Gebietsparlaments von Pskow, Gr\u00fcnder der Zeitung &#8222;Pskowsker Gouvernement&#8220; Lew Schlossberg.<\/em><\/p>\n<p><em>Nachdem in der Zeitung &#8222;Pskowsker Gouvernement&#8220; <a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/lew-schlossberg-befohlen-zu-luegen\/\">die Untersuchung zum Tod der Soldaten der Pskower Luftlandedivision<\/a> erschien, wurde auf den Autor ein Angriff ver\u00fcbt, nun ist das Verfahren praktisch eingestellt worden. Lew Schlossberg setzt seine Nachforschungen zum Thema der Beteiligung der russischen Soldaten an den Kampfhandlungen auf dem ukrainischen Territorium fort und ver\u00f6ffentlicht weiterhin Antikriegs-Artikel.<\/em><\/p>\n<p><em>Diese Sendung moderiert Michail Sokolow.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Michail Sokolow:<\/strong> &#8211; Heute zu Gast in unserem Studio in Moskau ist das Mitglied des f\u00f6deralen Ablegers der Partei &#8222;Jabloko&#8220;, Vorsitzender der Pskower Stelle der Partei &#8222;Jabloko&#8220;, Abgeordneter des Gebietsparlaments von Pskow, Gr\u00fcnder der Zeitung &#8222;Pskowsker Gouvernement&#8220; Lew Schlossberg. Wir sprechen \u00fcber journalistische T\u00e4tigkeit, politische T\u00e4tigkeit und die Situation in der Ukraine.<\/em><\/p>\n<p><em>Die erste Frage: am 29. August letzten Jahres sind Sie das\u00a0Opfer eines Angriffs in Pskow geworden, mit gesundheitlichen Folgen, Sie waren auch im Krankenhaus, wie geht es Ihnen jetzt?<\/em><\/p>\n<p><strong>Lew Schlossberg<\/strong>: &#8211; Danke, gut.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow<\/strong>: &#8211; Was waren Ihrer Meinung nach die Gr\u00fcnde f\u00fcr diesen Angriff? Viele glauben, dass das die Rache f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung \u00fcber den Tod der Pskower Fallschirmj\u00e4ger in der Ukraine war.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg<\/strong>: -Erstens m\u00fcssen wir uns in Erinnerung rufen, dass damals in Pskow die Angriffe auf die Journalisten der russischen Medien t\u00e4glich stattfanden. Es gab einen Angriff auf die Journalisten von &#8222;Reuters&#8220;, dann auf die Journalisten von &#8222;Russian Telegraph&#8220; und &#8222;TV Rain&#8220;, von &#8222;Fontanka&#8220; und &#8222;Novaya Gazeta&#8220; &#8211; es kam jeden Tag vor. Unter anderem fanden diese Angriffe auf zwei Friedh\u00f6fen in Pskow statt &#8211; der Friedhof &#8222;Krestowskoje&#8220; und der Friedhof im Dorf Wybuty bei Pskow, wo russische Armeeangeh\u00f6rige begraben wurden, die in Pskow gedient haben und die nach Pskow von der ukrainischen Front leider nicht mehr lebend zur\u00fcckgekehrt sind. Offensichtlich hatten einige Vertreter der politischen F\u00fchrung, meiner Meinung nach der milit\u00e4rischen F\u00fchrung des Landes, die Idee, dass nicht diejenigen Schuld daran tragen, die den Krieg begonnen haben, sondern diejenigen, die davon erz\u00e4hlt haben, mehr noch, die von den Verlusten erz\u00e4hlt haben. Ich geh\u00f6rte zu denjenigen, die geredet und die Aufmerksamkeit dieser Menschen erregt haben.<\/p>\n<p>Ich bin mir absolut sicher, dass die Entscheidung, die Journalisten zusammenzuschlagen- nicht nur mich, sondern alle unseren Kollegen- nicht in Pskow getroffen wurde. Diese Entscheidung wurde in Moskau von sehr hochgestellten Pers\u00f6nlichkeiten getroffen, in Pskow wurde nur der Befehl ausgef\u00fchrt. Dementsprechend sind alle Ermittlungsteams, die die Angriffe auf die Journalisten untersuchten, auf massive Behinderungen bei der Arbeit gesto\u00dfen.<\/p>\n<p>In zwei F\u00e4llen wurden die Schuldigen gefunden &#8211; das waren Soldaten, Zeitsoldaten der 76. Luftlandedivision, aber statt strafrechtlichen Ermittlungen wurden die F\u00e4lle von der Polizei zu disziplinarischem Vergehen erkl\u00e4rt und an die Milit\u00e4reinheiten zur Verh\u00e4ngung Disziplinarstrafen \u00fcbergeben. Ich glaube, dass diese Herren eher belohnt wurden.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow<\/strong>: &#8211; Disziplinarstrafe &#8211; was bedeutet das? Die Aussicht auf ein Strafbataillon, und was noch?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg<\/strong>: &#8211; Nein, es geht um den Tadel oder etwas \u00e4hnliches. Ich glaube, sie wurden f\u00fcr die Jagd auf die Journalisten belohnt.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow<\/strong>: &#8211; Haben Sie noch Kontakt zu den Ermittlern oder wurde die Untersuchnung in Ihrem Fall ausgesetzt?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg<\/strong>: &#8211; Nach den Ereignissen, als die Untersuchung ausgesetzt wurde, das war im Herbst nach dem Ablauf der Verfahrensfristen, im Laufe derer die Ermittlung entweder die Verd\u00e4chtigen bestimmen und in diese Richtung nachforschen, oder sie f\u00fcr nicht auffindbar erkl\u00e4ren sollte, hat die Ermittlung sie f\u00fcr nicht auffindbar erkl\u00e4rt, und ich habe einen entsprechenden Brief erhalten. Danach kann dieses Verfahren aber unz\u00e4hlige Male wiederholt werden.<\/p>\n<p>Im Dezember, als schon alle wussten, dass die Untersuchung ausgesetzt wurde, habe ich einen brieflichen Bescheid bekommen, unterschrieben von einem anderen Ermittler, dass der Fall wieder aufgenommen wurde. Seitdem habe ich mit den Ermittlern nicht mehr gesprochen. Ich habe eine allgemeine Vorstellung davon, wie die Ermittlungen vonstatten gingen.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass die Menschen, denen dieser Fall zuf\u00e4llig zugeteilt wurde, die h\u00e4tten es sich auch nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass sie mit politischen Angelegenheiten zu tun bekommen werden, urspr\u00fcglich haben sie auch alles richtig gemacht, meiner Meinung nach, aber man kann das nicht enth\u00fcllen, weil die vollst\u00e4ndige Untersuchung dieses Falles solche Namen offenbaren w\u00fcrde, die bei dieser Regierung nicht enth\u00fcllt werden d\u00fcrfen, deshalb kam alles zum Stillstand. Im Jahr 2015 habe ich nicht mit den Ermittlern gesprochen, sie sind aber auch nicht auf mich zugekommen, haben keine Fragen gestellt.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow<\/strong>: &#8211; Also ist die Untersuchung sozusagen vor den Toren dieser Luftlandedivision stehen geblieben?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong>\u00a0&#8211; Die Untersuchung ist stehen geblieben, bis zu den Toren der Division haben die es nicht einmal geschafft. Es gibt bis heute nicht mal indirekte Hinweise darauf, dass die Gruppe, die mich beschattet und den \u00dcberfall auf mich organisiert und durchgef\u00fchrt hat, dass diese Menschen etwas mit der russischen Armee zu tun haben, es gibt zurzeit keine belegbaren Beweise. Aber alle Untersuchungen gingen in diese Richtung, denn dieser Weg schien den Ermittlern offensichtlich.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Was Ihre Auftritte in der Presse angeht, Ihr Vorhaben, die Aktivit\u00e4ten der russischen Soldaten auf dem ukrainischen Territorium zu untersuchen &#8211; bereuen Sie es heute? Vielleicht h\u00e4tten Sie nicht so laustark dar\u00fcber sprechen sollen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Wissen Sie, ich glaube, dass ich nicht mal so lautstark dar\u00fcber geredet habe. Die Ereignisse vom August waren leider vorhersehbar. Jetzt wird kaum dar\u00fcber gesprochen, wir haben davon erz\u00e4hlt, aber vielleicht haben es nicht alle geh\u00f6rt. Die ersten toten Soldaten waren die aus Pskow, und sie wurden schon vorher in die Ukraine geschickt.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Im Fr\u00fchjahr?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Das genaue Datum kann man nicht nennen, aber die ersten Toten gab es dort schon im Sommer.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Also im gewissen Sinne stimmt es mit den Informationen \u00fcberein, die Swetlana Dawydowa zu Wjasma gegeben haben soll, dass die dortigen GRU-Angeh\u00f6rigen irgendwo in den S\u00fcden geschickt wurden.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Da gab es eine v\u00f6llig andere Situation, \u00fcber Wjasma kann ich nichts konkret sagen. Die Frau, soweit ich wei\u00df, fuhr mit den \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln, hat ein Gespr\u00e4ch belauscht und es irgendwie interpretiert. Wir hatten eine ganz andere Situation, hier war eine GRU-Brigade stationiert, und der Erste, der beerdigt wurde, geh\u00f6rte dazu; er wurde auch dort in Wybuty beerdigt, wir alle kennen diesen traurigen Ort. Damals wussten wir schon, dass es die Beteiligung und die Toten gibt. Damals hatten wir das Gef\u00fchl oder den Eindruck, dass es eine Art Sonderoperation ist, dass die Leute sich dort aufgrund einer sehr spezifischen Vereinbarung befinden, dass es, wie man es fr\u00fcher genannt hat, ein sehr beschr\u00e4nktes Truppenkontingent ist. Nach dem 15. August wurde uns klar, dass das Kontingent zwar beschr\u00e4nkt, aber sehr gro\u00df ist, und es gab die ersten Massenverluste. Damals ist es \u00fcbrigens den einfachen Zivilsten aufgefallen, den Lesern von sozialen Netzwerken, die darauf aufmerksam wurden, dass im Netzwerk &#8222;VKontakte&#8220; die Angeh\u00f6rigen von den Gefallenen \u00fcber deren Tod schrieben.<\/p>\n<p>Ein sehr wichtiger f\u00fcr mich Brief, der mich eigentlich dazu bewegt hat,am 25. August zum Friedhof in Wybuty zu fahren &#8211; das war der Brief eines ehemaligen Soldaten der 76. Division, einen Soldaten im aktiven Dienst, der nun in einer anderen Region Russlands stationiert ist. Er schrieb mir, dass sein enger Freund und Kamerad Leonid Kitschatkin gefallen ist und am Montag beerdigt wird. \u00dcber diese Verschleierung, dieses Verschweigen von Verlusten und Beerdigungen war er sehr emp\u00f6rt. Er bat mich, zum Friedhof zu fahren, um zu sehen, was dort passieren wird. Im gewissen Sinne ist dieser Brief f\u00fcr mich zum letzten Tropfen geworden.<\/p>\n<p>Ich denke nicht, dass das, was wir dort gesehen und wovon wir erz\u00e4hlt und geschrieben haben, so dramatisch war:\u00a0das Geschehen und der Ablauf. Wir sahen eine Beerdigung, offensichtlich die Beerdigung eines Soldaten der Division, denn dort gab es viele Busse der Division, sehr viele Menschen. Ich sagte es damals und sage es heute: ich bin mir sicher, dass dort nicht nur Leonid Kitschatkin beerdigt wurde. Wir haben aber nur einen Teil des Abschieds gesehen, die Milit\u00e4rs waren strikt gegen die Anwesenheit von Fremden, ich und mein Kollege Alexey Semjonow, ein Journalist der &#8222;Pskowsker Gouvernement&#8220;, haben den Ort verlassen. Er hatte das Gl\u00fcck, dass er nicht erkannt wurde, er ist ungest\u00f6rt weggegangen, ich bin auch gegangen, aber die Milit\u00e4rs haben behauptet, dass die Angeh\u00f6rigen angeblich gegen jegliche Fremden auf dem Friedhof waren. Da waren mehr als hundert Menschen, das war offensichtlich keine gew\u00f6hnliche Beerdigung. Ich glaube nicht, dass es nur mit Leonid Kitschatkin was zu tun hatte.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Unsere Zuh\u00f6rer stellen immer die Frage: wie k\u00f6nnen Sie beweisen, dass diese Person auf dem ukrainischen Territorium gestorben ist?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Wissen Sie, wir sind keine Ermittlungsbeh\u00f6rden, keine Polizei, kein Untersuchungsausschuss und keine milit\u00e4rische Oberstaatsanwaltschaft, wir haben einen anderen Beruf. Die Aufgabe eines Journalisten ist zu beobachten und \u00fcber seine Beobachtungen zu berichten. Ein Journalist kann konkrete Behauptungen machen, Fragen stellen, Vermutungen anstellen; die \u00d6ffentlichkeit, der wir die Informationen zug\u00e4nglich machen, kann ihre eigenen Schl\u00fcsse ziehen.<\/p>\n<p>Die Angeh\u00f6rigen wussten genau, dass es in der Ukraine passiert ist, aber sie hatten Angst dar\u00fcber zu sprechen. Dass es in der Ukraine passiert ist, wei\u00df ich nicht von ungef\u00e4hr, sondern von den Angeh\u00f6rigen der Soldaten, die das Gl\u00fcck hatten zu \u00fcberleben. Denn diejenigen, die ihre Familienmitglieder verloren haben, neigen am wenigsten dazu, mit irgendjemanden \u00fcber irgendwas zu sprechen. Diese Menschen wussten aber, dass ihre Verwandten aus der Ukraine zur\u00fcckgekehrt sind, weil die \u00dcberlebenden erz\u00e4hlt haben, wo sie gewesen sind.<\/p>\n<p>Dazu kommen noch zwei Interviews, die in der &#8222;Pskowsker Gouvernement&#8220; erschienen sind &#8211; das waren zwei Soldaten, einer davon verwundet, er hat die K\u00e4mpfe in der Ukraine erlebt, war bei den ersten schrecklichen Schlachten am 18-19. August dabei, sie beide haben das mit eigenen Augen gesehen. Ich versichere Ihnen, diese Menschen konnten gar nicht l\u00fcgen. Sie h\u00e4tten sich niemals an mich mit der Bitte um Ver\u00f6ffentlichung gewandt, wenn es nicht ihre extreme Emp\u00f6rung \u00fcber diesen geheimen Krieg und seine Folgen gewesen w\u00e4re, Folgen f\u00fcr ganz bestimmte Menschen, unter anderem Kitschatkin, Ossipow und viele andere.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow<\/strong>: &#8211; Lew Markowitsch, durchschauen Sie jetzt den Verschleierungsmechanismus der Verluste der russischen Armee auf dem ukrainischen Territorium?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Insgesamt ja, im Detail kann man davon nicht berichten. Man muss bedenken, dass diese Milit\u00e4roperation absolut geheim durchgef\u00fchrt wird, die Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen unterschreiben die Geheimhaltungserkl\u00e4rung, Versto\u00df dagegen bedeutet eine Freiheitsstrafe und sehr ernste Folgen. Dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen die Angeh\u00f6rigen und Familien der Soldaten diese Erkl\u00e4rungen ebenfalls unterschreiben, was sehr seltsam ist, fr\u00fcher hat es sowas nicht gegeben, nun ist es \u00fcblich. Die Menschen haben nicht nur deswegen Angst zu reden, weil sie verstehen, dass das ein geheimer Krieg ist, sondern auch weil es ein Dokument gibt, das Ihre Rechte zum Reden einschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Warum m\u00fcssen sie denn die Geheimhaltungserkl\u00e4rung unterschreiben?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Ich glaube, es gibt einen allgemeinen Beschluss dar\u00fcber, dass das offizielle Russland weiterhin leugnen soll, dass die Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen der regul\u00e4ren russischen Einheiten sich in der Ukraine befinden, diese L\u00fcgeneinstellung wird beibehalten.<\/p>\n<p>Das sagt alles. Was die Beerdigungen angeht, so wissen wir, dass z. B. fr\u00fcher unsere Gefallenen in Pskow ankamen- der Flughafen von Pskow liegt 15 Flugminuten von Kreml entfernt, wir sind der einzige Ort in der F\u00f6deration, wo der Flughafen sich nicht nur innerhalb der Stadtgrenze befindet, sondern praktisch in der Innenstadt liegt, und er dient als Passagier- und Milit\u00e4rflughafen gleichzeitig. Zuerst wurden die Gefallenen dort angeliefert, jetzt kommen sie in anderen Stadtteilen an. Man versucht, sie sofort zu sortieren. Die, die nicht aus Pskow geb\u00fcrtig sind, oder ihre Familien nicht in Pskow leben, werden gleich weitergeschickt. So werden die Beerdigungen zerstreut.<\/p>\n<p>Damals, als die Beerdigungen jede Menge Aufmerksamkeit auf sich zogen, gab es im ganzen Land Beerdigungen zu allen m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen Zeiten, mal um 7 oder 8 Uhr morgens, mal sp\u00e4tabends, es war ja Sommer und lange hell, und der Abschied konnte f\u00fcr eine ungew\u00f6hnliche Zeit angesetzt werden. Aber das passierte in den St\u00e4dten.<\/p>\n<p>Was die D\u00f6rfer angeht, das, was in den D\u00f6rfern passierte, wurde gar nicht verheimlicht. Ein Soldat namens Alexei Baranow kam aus dem Kuninski Bezirk, aus einem kleinen Dorf, gerade mal 40 Menschen, die Schule, in die er ging, seine Familie, alle Bekannten, sie alle kamen zu der Beerdigung.<\/p>\n<p>Am 16.September habe ich eine Anfrage an Fridinski von der milit\u00e4rischen Oberstaatsanwaltschaft geschickt. Wir hatten eine Information von den Verwandten eines gefallenen Soldaten aus Welikije Luki. Wir haben eine Anfrage geschickt, ich wusste nicht genau, ob er in der Stadt oder im Umland beerdigt wurde. Am folgenden Tag bekomme ich einen Brief von einem Bewohner des Kuninski Bezirks, mit einem Video vom 17. September, die Beerdigung war am 17., er selbst war dabei. Wir haben den vollst\u00e4ndigen Namen dieses Kerls erfahren, das genaue Datum seines Todes &#8211; 30. August. Das ganze Dorf war bei der Beerdigung dabei. Das kann man nicht verheimlichen.<\/p>\n<p>Jetzt ist es schwierig, vielleicht auch be\u00e4ngstigend zu mutma\u00dfen, wie viele Leute insgesamt gestorben sind, ich kann aber nach meiner allgemeinen Beurteilung der Situation sagen, dass es in der Ukraine russische Truppen gibt, und dass die Verluste hoch sind. Die Wahrheit dar\u00fcber wissen mit Sicherheit Zehntausende von Menschen in unserem Lande, durch ihre Kontakte zu den Bekannten, wenn man vom Bekanntenkreis der Familien der Gefallenen ausgeht.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Lew Markowitsch, um welche Geldsummen geht es, bekommen die Leute etwas?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Ja, alle Verpflichtungen werden eingehalten. Selbst im Antwortbrief der milit\u00e4rischen Oberstaatsanwaltschaft stand es, dass die Zahlungen von der milit\u00e4rischen Staatsanwaltschaft in den Gebieten \u00fcberwacht werden. Es ist bekannt, dass zum Ende des letzten Jahres die Familien von Gefallenen auf jeden Fall eine Einmalzahlung von 5 Mio Rubel bekamen. F\u00fcr Pskow, z. B., f\u00fcr die Bezirke der Pskower Region und f\u00fcr Dorfverh\u00e4ltnisse ist das eine sehr gro\u00dfe Geldsumme. Eine Kriegsverletzung &#8222;kostet&#8220; 1 Mio Rubel. Am meisten emp\u00f6rt waren diejenigen, die nicht nur \u00fcberlebt haben, sondern nicht mal verletzt wurden, denn in dem Moment, als die Leute ihre 20.000 Rubel f\u00fcr, entschuldigen Sie, den Krieg bekamen, waren sie so \u00fcber diese Situation w\u00fctend, dass sie praktisch bereit waren,\u00a0alles auszupacken. \u00dcbrigens, wenn das Zeitsoldaten waren, haben sie hinterher ihre Vertr\u00e4ge gek\u00fcndigt und Pskow oder andere Einheiten verlassen. Das hei\u00dft, als die Leute diesen Krieg gesehen haben, haben sie ihren Beruf aufgegeben und die Armee verlassen, es gibt recht viele davon.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Gibt es denn eine Vorstellung davon, wie das Verh\u00e4ltnis von\u00a0\u00a0Zeitsoldaten und\u00a0Wehrdienstleistenden dort war?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Ich glaube, dass der Einsatz von Wehrdienstleistenden dort eher eine Ausnahme ist. Denn die Abh\u00e4ngigkeit der Familien der Berufssoldaten, auch der Zeitsoldaten, vom Verteidigungsministerium ist enorm, sie sind in allem abh\u00e4ngig. Wenn es um die Wohnung geht, zahlt das Verteidigungministerium die Hypothek, alle Zusch\u00fcsse. In der Regel ist der Soldat der wichtigste, wenn nicht der einzige Versorger in der Familie, <strong>in dieser Situation sind die Menschen fast Leibeigene vom Verteidigungsministerium.<\/strong><\/p>\n<p>Die Wehrdienstpflichtigen sind in einer anderen Lage, das sind andere Familien, die Menschen, die mit dem Verteidigungsministerium nichts zu tun haben. Unsere Armee ist \u00fcberwiegend aus Berufssoldaten zusammengestellt, es gibt aber Einheiten, wo es auch Wehrdienstleistende gibt, denn der Vertrag eines Zeitsoldaten ist inzwischen nicht mehr so attraktiv. Vor 15-20 Jahren war er noch attraktiv, aber als der allgemeine Lebensstandard gestiegen ist und die M\u00f6glichkeiten erschienen sind, mehr Geld ohne Risiko f\u00fcr das eigene Leben zu verdienen, nahm der Ansturm in die Armee ab.<\/p>\n<p>Ich glaube, die diesj\u00e4hrigen Versuche, die Wehrpflichtigen dazu zu dr\u00e4ngen, diese besonderen Vertr\u00e4ge f\u00fcr den Kriegseinsatz in der Ukraine zu unterschreiben, damit zu tun haben, dass die Armee nicht in der Lage ist, die Einheiten f\u00fcr den Kriegseinsatz nach Planvorgabe zu besetzen. Aus Pskow wurde eine sehr gro\u00dfe Anzahl von Soldaten in die Ukraine geschickt, einmal, zweimal, beim dritten Mal hat es nicht geklappt &#8211; es gab nicht genug Bewerber. Dann fing man an, \u00fcberall zu suchen, in allen Ecken, denn Pskow hat Angst, Moskau sagen zu m\u00fcssen &#8222;Die n\u00e4chsten Tausend Soldaten konnten wir nicht zusammenbekommen&#8220;. Deshalb gibt man sich die allergr\u00f6\u00dfte M\u00fche, die Lage ist \u00fcberall gleich, nicht nur in Pskow, auch in anderen Einheiten, die in anderen Orten stationiert sind. Gerade diese Angst, bei der Aufgabenerf\u00fcllung zu scheitern, die Bereitschaft, die Aufgabe um jeden Preis zu erf\u00fcllen, f\u00fchrten dazu, dass in den Kreis derer, die in die Ukraine geschickt werden, au\u00dfer den Zeitsoldaten auch die Wehrdienstpflichtigen geraten sind, denen diese Vertr\u00e4ge angeboten werden.<\/p>\n<p>Das Einzige, was sich seit August ver\u00e4ndert hat, ist die Tatsache, dass im August die Leute v\u00f6llig get\u00e4uscht wurden, das hei\u00dft, sie wurden aus Pskow nach Rostow angeblich f\u00fcr \u00dcbungen verlegt, dort blieben sie 3 Tage im Lager, dann wurden sie am 18. August \u00fcber die Grenze geschickt, alle mobile Kommunikationsmittel wurden ihnen abgenommen. Erst nachdem sie die Grenze \u00fcberquert haben, haben sie erfahren, dass sie sich auf dem ukrainischen Gebiet befinden.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Waren das die Truppen, die Ilowajsk angegriffen haben?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Ich denke ja, unter anderem. Dabei f\u00fchrte der Schock \u00fcber das Verschwinden von Hunderten, auf die ganze Armee gerechnet vielleicht von Tausenden Menschen aus dem Blickwinkel ihrer Freunde und Familien zur Explosion der Entr\u00fcstung, Angst, Suche nach diesen Menschen mit allen m\u00f6glichen Mitteln. Ich wei\u00df, dass die Familien sich an die milit\u00e4rische Staatsanwaltschaft gewandt haben, sie baten um ein Treffen mit den Kommandeuren der Einheiten, die Kommandeure lehnten ein Treffen ab, damit \u00fcberzeugten sie die Leute endg\u00fcltig davon, dass da etwas B\u00f6ses passiert.<\/p>\n<p>Eine Frau aus Pskow erz\u00e4hlte mir, dass sie es geschafft hat, einen Oberoffizier eines Regiments unserer Division am \u00c4rmel festzuhalten, sie sagte ihm: &#8222;H\u00f6ren Sie, wir rufen alle Nummern an, da geht keiner ran. Irgendjemand muss doch uns sagen k\u00f6nnen, wo unsere Jungs sind.&#8220; Sie bekam von ihm keine Antwort. Als sie sp\u00e4ter noch mal anriefen, sagt man ihnen: &#8222;Ach, die treiben sich hier auf dem Gel\u00e4nde rum, haben kein Guthaben mehr auf dem Handy, haben es nicht aufgeladen. Sie k\u00f6nnen sie nicht erreichen, weil es keine Verbindung gibt.&#8220; Die Angeh\u00f6rigen luden das Handyguthaben auf, in der Hoffnung, eine Antwort zu bekommen, aber es kam nichts. Jetzt ist es anders, jetzt wissen alle, dass sie in den Krieg ziehen. Und wie meine Bekannten mir erz\u00e4hlt haben, einige Zeitsoldaten, als ihnen Vertr\u00e4ge in Rostow angeboten wurden, sagten darauf: &#8222;Da gehen wir nicht hin&#8220;. Dann wurden sie entlassen, einfach sofort rausgeschmissen, man gab ihnen die Geheimhaltungserkl\u00e4rung und schickte sie fort. Die Leute fahren zur\u00fcck nach Pskow schon als Zivilisten.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow<\/strong>: &#8211; Dabei verlieren sie die Hypothek und alles andere?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong>\u00a0&#8211; Ich glaube, das ist bei jedem anders. Es gibt F\u00e4lle, wo das Verteidigungsministerium aufh\u00f6rt, die Hypothek zu bezahlen, weil es nur Armeeangeh\u00f6rigen im aktiven Dienst zahlt. Dann steht der Mensch vor dem Nichts. F\u00fcr die Alleinstehenden ist es einfacher. Wie Sie verstehen, ist es f\u00fcr Familienv\u00e4ter komplizierter.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Und andererseits der Preis des Ganzen. Es erschien eine Meldung in &#8222;Financial Times&#8220;, dass der ukrainische Pr\u00e4sident Petro Poroschenko Wladimir Putin damit gedroht hat, die Daten \u00fcber Verluste in Donbass zu enth\u00fcllen, dass seine Regierung diese Daten im Internet ver\u00f6ffentlichen wird, unter anderem die Erkennungsmarken, die den Toten oder Gefangenen abgenommen wurden. Das soll den Abschluss des Minsker Abkommens beeinflusst haben. Kann das \u00fcberhaupt sein &#8211; diese Marken als Beweise?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Wissen Sie, eine Erkennungsmarke kommt aus Massenfertigung, so eine Marke kann man an sich selber herstellen. Eine andere Sache ist, dass diese Marke eine einzigartige Kennziffer tr\u00e4gt, und nach dieser Kennziffer kann man die Person identifizieren, dann kann die Armee diese Person lebend pr\u00e4sentieren und es gibt keine Fragen mehr. Im August-September- \u00a0da sagte man: &#8222;Sie behaupten, dass alle \u00fcber die Gefallenen l\u00fcgen. Dann zeigen Sie uns bitte die Lebenden&#8220;. Die Armee konnte leider keinen Lebenden vorzeigen.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Poroschenko hat versprochen, dass seine Beamten in Kontakt mit M\u00fcttern und Frauen der russischen Soldaten treten und sie \u00fcber das Schicksal ihrer Angeh\u00f6rigen informieren werden.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Wissen Sie, das ist nicht Poroschenkos Aufgabe, die Familien der russischen Soldaten zu suchen, meiner Meinung nach sollte sich der russische Staat damit besch\u00e4ftigen, die Familien der russischen Soldaten zu suchen , um ihnen zu erkl\u00e4ren, was passiert ist und wie die Einstellung des Staates zu dieser Frage ist.<\/p>\n<p>Ich glaube, diese Drohungen sind eine sehr zweideutige Position, f\u00fcr die eine Seite wie f\u00fcr die andere. Keine von beiden Seiten hat diesen Krieg de jure anerkannt. Das hei\u00dft, dass beide Seiten, Putin und Poroschenko, entschlossen sind, ihr Ziel durch verschiedene Mittel zu erreichen. Kein Krieg de jure bei einem Krieg de facto ist eine schreckliche Situation, am schlimmsten f\u00fcr die Gefangenen. Das ist eine schwierige Situation, denn sie sind gesetzlich gesehen \u00fcberhaupt nicht gesch\u00fctzt.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Schauen Sie, ich glaube, dass es au\u00dfer der Entsendung der Zeitsoldaten und Sonstiges noch ein System der Rekrutierung gibt, wenn aus der unendlichen russischen Armee der Sicherheitsleute, die ein sinnloses Dasein f\u00fchren, die sogenannten &#8222;DVR&#8220; und &#8222;LVR&#8220; Einheiten gebildet werden.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Das ist alles ein Ablenkungsman\u00f6ver.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Glauben Sie, dass es keine \u00fcbliche Praxis ist?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Das glaube ich. Es gibt nicht viele davon, aber man versucht sie der \u00d6ffentlichkeit zu pr\u00e4sentieren. Als wir die Information \u00fcber Pskow, \u00fcber die Gefallenen ver\u00f6ffentlicht haben, erschien sofort so ein Freiwilliger, der aus der Ukraine zur\u00fcckgekehrt ist, er wurde interviewt, praktisch alle Online-Medien haben dieses Interview ver\u00f6ffentlicht. Das war ein Mann, der bereit war zu t\u00f6ten, er bereute, dass er zu wenige get\u00f6tet hat, man m\u00fcsste mehr. Er kam zur\u00fcck nach der getanen Arbeit, die er f\u00fcr eines Mannes w\u00fcrdig hielt. Deshalb gab es solche verdeckte Operationen, und es wird sie geben. Aber wie Sie verstehen, kann man bei einer Milit\u00e4rhandelorganisation nicht so viele Waffen kaufen, dass man damit einen Rucksack f\u00fcr l\u00e4ngere Reisen f\u00fcllen kann&#8230; Und alleine aus Freiwilligen kann man keine Armee der &#8222;Aufst\u00e4ndischen&#8220; aufstellen &#8211; das ist eine ganz andere Situation.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Sie haben sich an die milit\u00e4rische Oberstaatsanwaltschaft gewandt. Wie ich verstehe, bestand die ganze Antwort aus dem Hinweis, dass alles h\u00f6chst geheim ist, und es f\u00fchrte zu nichts?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Nicht ganz. Ich glaube, dass das die vollst\u00e4ndigste Antwort auf alle Anfragen war, die im Laufe dieses Konflikts an diverse Beh\u00f6rden geschickt wurden. Erstens hat die milit\u00e4rische Oberstaatsanwaltschaft best\u00e4tigt, dass diese Leute gefallen sind, alle 12, von denen die Rede war.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Bei den \u00dcbungen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Nein, sie best\u00e4tigten: &#8222;au\u00dferhalb der Stationierungsorten&#8220;. Also ist diese Antwort ethisch sehr korrekt. Den Menschen, die das geschrieben haben, fehlt weder der Verstand noch das Herz. Sie haben best\u00e4tigt, dass alle Hinterbliebenen die Sozialleistungen bekommen, unter anderem kontrolliert die milit\u00e4rische Oberstaatsanwaltschaft die lokalen Staatsanwaltschaften bei der Umsetzung dieser sozialen Verpflichtungen.<\/p>\n<p>Dann kam der Satz, dass die Befehle \u00fcber die Entsendung dieser Soldaten au\u00dferhalb ihrer Stationierungsorte \u00fcberpr\u00fcft wurden, hier beginnt aber das Staatsgeheimnis, also kann man es nicht \u00f6ffentlich machen. Aber in den Handlungen der Personen, die diese Befehle unterzeichnet haben, fand man keinen Hinweis auf Verbrechen oder Versto\u00df gegen das Gesetz. Das war die Antwort.<\/p>\n<p>Also, meiner Meinung nach, hat diese Antwort leider den Tod der 12 Soldaten best\u00e4tigt, sie hat best\u00e4tigt, dass sie nicht in Pskow, sondern au\u00dferhalb ihres Stationierungsortes gestorben sind, dass der Staat den Hinterbliebenen gegen\u00fcber die sozialen Verpflichtungen tr\u00e4gt. Ich halte diese Antwort f\u00fcr sehr informativ. Ich kann Ihnen mehr verraten: mir ist bekannt, dass einige ganz bestimmte Personen Denunziationen nicht nur gegen mich, als einen Menschen, der eine Anfrage an die milit\u00e4rische Oberstaatsanwaltschaft geschickt hat, geschrieben haben, sonder auch gegen die milit\u00e4rische Oberstaatsanwaltschaft, die es gewagt hat, solche Anfragen \u00fcberhaupt zu beantworten. Also ist die Vorstellung von diesen Denunzianten, die unbekannt bleiben wollten (wie Denunzianten es nun mal halten), dass die milit\u00e4rische Oberstaatsanwaltschaft \u00fcberhaupt keine Anfragen, keine Briefe \u00fcber gefallene Soldaten beantworten soll. Also hat diese Antwort, und vielleicht einige anderen, die die Tatsache der Verluste indirekt best\u00e4tigen, eine bestimmte Reaktion bei dem Kriegsvolk hervorgerufen.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Au\u00dferdem lenkt\u00a0der Erlass von Wladimir Putin \u00fcber Entsch\u00e4digungen an die Familien der Gefallenen und &#8211; Achtung &#8211; derjenigen, die als bei den \u00dcbungen vermisst gelten, die Aufmerksamkeit auf sich.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Das war kein Erlass, das waren \u00c4nderungen des Gesetzes. Sie wurden vor einem Jahr geschrieben, initiiert von einem Mitglied des F\u00f6derationsrates. Ich habe dieses Gesetz studiert.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Und ging es da um die &#8222;Vermissten&#8220;?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Das war eine andere Situation. Die Sache ist, wenn die Reservisten an den Milit\u00e4r\u00fcbungen teilnehmen, sind sie nicht lange dabei. Wenn die \u00dcbungen 40 Tage dauern, so sind sie 40 Tage im Einsatz. Aber dort kann es auch zu Unf\u00e4llen kommen. Und die Entsch\u00e4digungen an die Reservisten, die z. B. bei den \u00dcbungen verletzt, oder, Gott bewahre, get\u00f6tet wurden, waren vom Gesetz nicht vorgesehen.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Also ging es doch nicht um &#8222;Vermisste&#8220;?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg<\/strong>: &#8211; Wissen Sie, Reservisten\u00fcbungen in der russischen Armee sind so eine Sache, dass es da auch Vermisste geben kann. Au\u00dferdem wurde dieses Gesetz im Herbst 2013 vorbereitet und geschrieben, das war ja noch vor den Geschehnissen auf dem Maidan.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow<\/strong>: &#8211;\u00a0Und wie wird das Gesetz umgesetzt?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Wissen Sie, bei uns werden die Gesetzentw\u00fcrfe manchmal jahrelang im Parlament bearbeitet. Dem Text nach, den ich im Gesetzentwurf gesehen habe, wurde es nicht direkt von der Ukraine motiviert. Au\u00dferdem w\u00e4re es sehr schwierig, das zu Reservisten\u00fcbungen zu erkl\u00e4ren &#8211; das ist eine sehr komplexe rechtliche Struktur.<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach schlug es wie eine Bombe in die Gesellschaft ein, alle dachten dar\u00fcber nach und versuchten zu verstehen, wie und mit welchen Feigenbl\u00e4ttern der Staat sich bedecken wird. Ich glaube, da gibt es geheime Dokumente, der Staat finanziert den Krieg nach geheimen Beschl\u00fcssen, genauso werden die Entsch\u00e4digungen an die Familien der Gefallenen finanziert.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Lew Markowitsch, haben Sie denn jetzt eine Vorstellung davon, wie gro\u00df die Verluste der russischen Soldaten waren? Wir wissen von 5.000 Menschen, die nach niedrigsten Sch\u00e4tzungen in Donbass im Laufe des russisch-ukrainischen Krieges gestorben sind. Was glauben Sie, wie viele russische Milit\u00e4rangeh\u00f6rige das waren?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg<\/strong>: &#8211; Wissen Sie, zum jetzigen Zeitpunkt kann man, glaube ich, keine Zahlen nennen.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; In welcher Gr\u00f6\u00dfenordnung &#8211; Hunderte, Tausende?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Meiner Meinung nach liegen die Verluste der Pskower Milit\u00e4reinheiten im dreistelligen Bereich. Nach allen indirekten Hinweisen, die wir bekommen haben, kann ich sagen, dass es um die Hundert sind, ich schlie\u00dfe nicht aus, dass es mehr sind, denn das sind operative Milit\u00e4reinheiten, und von den Verletzten etwa doppelt so viele. Wenn wir die gesamten Verluste der russischen Streitkr\u00e4fte auf der nationalen Ebene betrachten, so denke ich, ist die Zahl schon vierstellig. Etwas genaueres kann man unm\u00f6glich sagen, denn die Verschleierung von Verlusten beinhaltet auch die unbedingte Verschleierung jeglicher Informationen \u00fcber die Todesf\u00e4lle als solche.<\/p>\n<p>Wir haben doch diese schreckliche Situation gesehen, als, nachdem die erste Beerdigung Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, zuerst die Namenstafeln von den Gr\u00e4bern und die B\u00e4nder von den Blumenkr\u00e4nzen abgenommen wurden, auf denen die Hinweise auf die Truppengattung und konkrete Einheiten standen. Dann, als der Schock der Gesellschaft noch gr\u00f6\u00dfer war als vor diesen Verlusten, wurden paar Tage sp\u00e4ter auf den Gr\u00e4bern Grabsteine aufgestellt, mit den Portr\u00e4ts, mit Geburts- und Todesdatum &#8211; das war eine Gegenreaktion, aber da wurde auch nicht davon gesprochen, wer den Grabstein aufgestellt und wer ihn in Auftrag gegeben hat. Das waren nicht die Steine von den Familien, sie kamen von der Division. So pl\u00f6tzlich schlagen die Stimmungen um. Jetzt z. B. kenne ich keine Menschen in Pskow, die t\u00e4glich und bewusst nach den Verlusten der Division forschen w\u00fcrden. Keiner hat sich dieses Ziel gesetzt, jedenfalls keiner den ich kenne. Aber die Leute haben es im August gesehen, wir waren ja nicht alleine auf dem Friedhof, als es passiert ist. Viele, die ich kenne, sind dorthin gefahren, haben fotografiert und gefilmt, haben die Best\u00e4tigung dessen, was passiert ist, ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Aber es hat nicht im August aufgeh\u00f6rt, der Krieg in der Ukraine geht weiter.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Der Krieg geht leider weiter. Die Schlussfolgerung, die die politische und milit\u00e4rische F\u00fchrung aus den Verlusten gezogen hat, \u00e4u\u00dferte sich nur in der \u00dcberzeugung, dass man besser, intensiver und noch geheimer den Krieg f\u00fchren muss.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Ich m\u00f6chte Sie als Abgeordneten \u00fcber die Haltung der Partei fragen: glauben Sie, dass die Gegner des Krieges mit Ukraine Def\u00e4tisten sein m\u00fcssen? Muss der Krim-Donbass-Krieg gegen die\u00a0Ukraine mit der Niederlage des jetzigen Regime enden?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Erstens, die Gegner dieses Kriegs sind die Verteidiger der Menschen. Wir wollen nicht die Niederlage der Streitkr\u00e4fte oder die Niederlage des Staates, wir wollen Menschenleben retten. Wir halten diesen Krieg f\u00fcr die ungeheuerlichste \u00c4u\u00dferung der Staatspolitik. Unser Ziel ist diesen Krieg zu stoppen. Das ist die Priorit\u00e4t.<\/p>\n<p>Und der beste Weg, um den Krieg zu beenden, ist aufzuh\u00f6ren, die Truppen abzusenden. Wer gewinnt und wer verliert &#8211; das ist eine andere Frage. Ich denke, Historiker, Politiker oder Milit\u00e4rs von zwei oder drei L\u00e4ndern k\u00f6nnen in dieser Situation diametral entgegengesetzte Meinungen dazu \u00e4u\u00dfern, und von mir aus k\u00f6nnen sie tausend Jahre l\u00e4nger dar\u00fcber diskutieren, Hauptsache diejenigen, die noch leben, bleiben auch am Leben. Deshalb ist das keine Frage der Niederlage der Armee oder der Niederlage des Staates &#8211; das ist eine Frage der Lebensrettung.<\/p>\n<p>Was das russische Regime angeht, so glaube ich, dass das Regime von Wladimir Putin ein politischer Bankrott ist, und alle, die etwas von der russischen Politik verstehen, wussten es schon gestern, und vorgestern, und vor \u00fcber einem Jahr. Das Regime befindet sich in einem Zustand der Ersch\u00f6pfung all seiner Ressourcen, wenn dieses Regime auch mal ein Kreativit\u00e4tspotenzial hatte, so fand es sein nat\u00fcrliches Ende in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Alles, was seit 2011 passiert, oder ehrlich gesagt, nicht seit 2011, sondern seit die Entscheidung \u00fcber die Reinkarnation getroffen wurde, Entscheidung, zwei Politiker in zwei Sesseln die Pl\u00e4tze tauschen zu lassen &#8211; das ist die Verrottung und der Zerfall dieses Regimes. Alle weiteren Konsequenzen sind nur Folgen davon.<\/p>\n<p>Wenn Entscheidungen von einem Menschen praktisch ohne jegliche intellektuelle Unterst\u00fctzung getroffen werden &#8211; das ist auch eine Situation der Selbstisolation. Denn wo sind Menschen, die jetzt sagen k\u00f6nnten: &#8222;Wladimir Wladimirowitsch, hier sind Sie im Unrecht, hier w\u00fcrde es Sinn machen anders zu handeln, das ist ein Fehler, das sollte man nicht tun&#8220;.<\/p>\n<p>In Putins Umgebung sind diese Menschen physisch nicht vorhanden, sie wurden alle eliminiert. Also ist er jetzt von einer sehr eigenartigen politischen Szene umgeben, von Menschen, die v\u00f6llig frei von moralischen Prinzipien und zu allem bereit sind, bis zu einem Atomangriff.<\/p>\n<p>Auf diesem Schachbrett stehen jetzt alle Figuren. Wenn es so weit kommt, dass sie sich zum vollkommenen Wahnsinn bewegen m\u00fcssen, werden sie es tun, weil sie eben so sind. Und es gibt kein Gegengewicht zu diesen Menschen, keine Alternative. Das h\u00e4tte \u00fcbrigens das Parlament sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Damit haben sie es angefangen &#8211; mit dem Parlament.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Sie haben mit zwei Dingen angefangen: mit dem Parlament und der Redefreiheit, das ist vollkommen logisch. Deshalb, wenn es schon zum Krieg gekommen ist &#8211; das ist das Bankrott des Regimes. Denn in einem Land, das enormen wirtschaftlichen Problemen gegen\u00fcbersteht, das kein eigenes effektives Bankensystem und Finanzsystem aufgebaut hat, das ein enorm hohes Korruptionsniveau hat- \u00a0in so einem Land die Entscheidung zu treffen, einen Krieg zu beginnen &#8211; das ist eine selbstm\u00f6rderische Entscheidung.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; F\u00fcr Putin war das die rettende Entscheidung. Er hat der Opposition jede M\u00f6glichkeit genommen, die Massen gegen ihn aufzubringen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Meiner Meinung nach ist es nicht so. Erstens hat Putin eine taktische Entscheidung getroffen, die einen strategischen Fehler darstellt. Heute ist es m\u00f6glich und h\u00f6chstwahrscheinlich, dass eine\u00a0Konsolidierung, Kristallisierung der Gesellschaft stattfinden wird- man kann es nennen wie man will, ich nenne es die Vereinigung der entt\u00e4uschten Menschen, die mit dieser Politik nicht einverstanden sind, rund um die Opposition. Das kann die nationalistische, demokratische, liberale Opposition sein.<\/p>\n<p>Das kann auch die kommunistische Opposition sein, denn ich kenne einige Menschen aus der Kommunistischen Partei, unter anderem aus Pskower Region, die mit Entsetzen beobachten, wie Sjuganow dem russisch-ukrainischen Krieg applaudiert. Sie belegen ihn mit solchen Ausdr\u00fccken, die ich im Fernsehen nicht aussprechen darf. Sie sind absolut von ihrer Partei entt\u00e4uscht, weil sie ehrlich glaubten, dass eine oppositionelle politische Partei in Russland einen Bruderkrieg nicht unterst\u00fctzen darf, nicht dass sie es nicht soll &#8211; sie <strong>darf<\/strong> es nicht. Und das ist die r\u00fcckl\u00e4ufige Bewegung des Pendels, die in einer sehr schwierigen, schmerzhaten Situation beginnt, sie zeigt den strategischen Preis der Entscheidung Putins.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Ich kann leider die r\u00fcckl\u00e4ufige Bewegung des Pendels nicht erkennen. 79% der vom Lewada-Zentrum Befragten sagen mehr oder weniger, dass die Sanktionen eine Auswirkung auf ihr Leben haben, gr\u00f6\u00dfere oder kleinere. Und trotzdem empfehlen 69% der Regierung, auf diesem Kurs zu bleiben. Diese Zahlen \u00fcberschneiden sich, also sieht es so aus, dass mehr als die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung daf\u00fcr ist, den Kurs in Richtung Krieg, oder wie sie es nennen, Hilfe der &#8222;Russischen Welt&#8220; in Donbass, beizubehalten.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Das stimmt nicht ganz. Erstens kann es eine zuverl\u00e4ssige Soziologie nur in einer freien Gesellschaft geben, dort, wo die Menschen keine Angst haben, ihre Meinung zu sagen. Diese Umfragen werden normalerweise an der Haust\u00fcr durchgef\u00fchrt, dabei wird die Adresse der Person erfasst. F\u00fcr diejenigen, die die Arbeitsqualit\u00e4t des Interviewers kontrollieren werden, wird auch die Festnetz- oder Handynummer abgefragt. Die Menschen verstehen, dass sie erfasst sind. Mehr als die H\u00e4lfte der Menschen neigt dazu, eine sogenannte sozial erw\u00fcnschte Antwort zu geben. Wenn man zu dem Menschen nach Hause kommt und fragt: bist du f\u00fcr Putin oder gegen Putin &#8211; die Antwort ist klar. Sehr wenige Leute, so wie ich, w\u00fcrden sagen: war nie f\u00fcr Putin, bin es nicht und werde es nicht sein.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Weil man Sie l\u00e4ngst im Visier hat.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Ja, weil man mich l\u00e4ngst im Visier hat. Wie Sie verstehen, w\u00fcrden die meisten Menschen einen so harten Weg der offenen Konfrontation mit den Machthabern nicht gehen.<\/p>\n<p>Das ist \u00fcbrigens eine typische Situation f\u00fcr jedes Land: das politisch aktive Publikum und das, sagen wir, sozial sensible Publikum sind nicht das Gleiche. Deshalb w\u00fcrde ich diese Zahlen nicht f\u00fcr eine verl\u00e4ssliche Messung der gesellschaftlichen Temperatur halten. Heute gibt es mehr Wahrheit in den eigenen vier W\u00e4nden als in den Meinungsumfgragen. Dabei muss ich sagen, dass wenn die Fragen zum Krieg gestellt werden- das Lewada-Zentrum ist \u00fcbrigens eine der wenigen, wenn nicht die einzige von den professionellen soziologischen Agenturen in Russland- wenn die Frage direkt gestellt wird: &#8222;Unterst\u00fctzen Sie den Krieg, sollte Russland daran teilnehmen, sollte Russland Truppen schicken?&#8220;- dann sagt die Mehrheit der Menschen mehr oder weniger direkt: &#8222;Nein, wir unterst\u00fctzen den Krieg nicht&#8220;.<\/p>\n<p>Ich bin mir \u00fcbrigens sicher, dass einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr L\u00fcgen \u00fcber den Krieg darin liegt, dass Putin und dieser besondere Kreis um ihn verstehen: wenn sie den Krieg mit der Ukraine offen zugeben w\u00fcrden, w\u00fcrde die Gesellschaft ihn nicht bef\u00fcrworten. Sie l\u00fcgen unter anderem, weil sie Angst haben, der Gesellschaft die Wahrheit zu sagen. Sie haben sich verfangen, sie haben sich so verfangen, dass sie nicht mehr wissen, welche L\u00fcge ihnen helfen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Sie haben keine L\u00fcgen mehr, die sie retten k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Die Geschichte von Swetlana Dawydowa zeigt genau das.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Sie zeigt vor allem das ganze Ausma\u00df der Unf\u00e4higkeit der Menschen bei der Entscheidungsfindung. So haben sie ein Jahr lang gewartet, um die Frau eines Anrufs an die offizielle ukrainische Botschaft zu beschuldigen.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Wenn sie jetzt die Frau weiterhin beschuldigen, sie h\u00e4tte ein Staatsgeheimnis verraten, werden sie gezwungen sein zuzugeben, dass ihre Kampagne gescheitert ist. Das ist nat\u00fcrlich am\u00fcsant.<\/em><\/p>\n<p><em>Also, zu den Handlungen. Sagen wir, Ihre Partei machte einen \u00f6ffentlichen Auftritt zum Thema Anti-Krisen-Marsch, den die anderen Parteien am 1. M\u00e4rz durchf\u00fchren wollen. Sie haben eine Reihe Forderungen an Putin, an die Regierung und unter anderem an den Herrn Poroschenko gestellt, ihn dazu aufgerufen, seine Truppen aus der Konfliktzone zur\u00fcckzuziehen. Ich verstehe die Forderungen an Putin, aber wozu sollte man etwas von dem ukrainischen Pr\u00e4sidenten fordern? Er hat sein eigenes Land, seine eigenen W\u00e4hler, und letzendlich verteidigt er die territoriale Einheit seines eigenen Landes, egal ob das gut oder schlecht ist, denn das ist die Forderung der Mehrheit, die ihn gew\u00e4hlt hat. Ich glaube, da gibt es entweder eine Art Missverst\u00e4ndnis, oder Sie leiden an Hyperpazifismus.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Ich sage meine pers\u00f6nliche Meinung, denn jeder Parteimitglied, jeder B\u00fcrger hat das Recht, seine Meinung zu \u00e4u\u00dfern. Zuerst was den Marsch angeht. Der Hauptvorschlag &#8211; das war keine Forderung, sondern ein Vorschlag &#8211; von &#8222;Jabloko&#8220; war, dass das ein Antikriegsmarsch und kein Antikrisenmarsch sein sollte. Ehrlich gesagt, als ich sah, dass der Marsch &#8222;Antikrisen-&#8220; hei\u00dft, war ich verwundert. Denn wenn wir das w\u00f6rtlich nehmen, gehen wir auf die Stra\u00dfe, und damit endet die Krise. Sie wird aber nicht enden. Damit die Krise endet, muss man einige Personen hinter den Mauern von Kreml austauschen. Deshalb hat die Bezeichnung &#8222;Antikrisen-&#8220; nicht nur bei mir, sondern bei vielen Menschen Fragen aufgeworfen. Der Vorschlag, den Marsch unter dem Hauptslogan &#8222;Antikriegs-&#8220; stattfinden zu lassen, wurde von vielen verschiedenen Personen ausgesprochen, nicht nur von &#8222;Jabloko&#8220;, die Gesellschaft steht insgesamt dahinter.<\/p>\n<p>Aber wenn wir die Beziehungen zwischen verschiedenen Politikern im oppositionellen Umfeld betrachten, so k\u00f6nnte meine Meinung liberaler sein, als die meiner Kollegen. Es gibt Initiatoren des Marsches, sie wollen ihn hier oder dort, zu einer bestimmten Zeit, unter bestimmten Slogans durchf\u00fchren, sollen sie doch. Keiner w\u00fcrde unsere Partei, oder eine andere demokratische Partei davon abhalten, zu diesem Marsch unter den Slogans kommen, die wir f\u00fcr n\u00f6tig erachten. Ich denke, dass die Menschen, die \u00e4hnliche gemeinsame Einstellung zur Bewertung der gegenw\u00e4rtigen russischen Regierung und ein gemeinsames Verst\u00e4ndnis der weiteren Entwicklung des Landes besitzen, zusammenhalten m\u00fcssen. Das ist wichtig, denn es geht nicht um die Einigkeit der Kritik, die Frage ist, ob wir gemeinsame Ans\u00e4tze zur Entwicklung des Landes nach Putin-\u00c4ra haben, und hier, wie Sie verstehen, werden die Unterschiede manchmal sehr deutlich.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Wenn freie Wahlen stattfinden, kann man dar\u00fcber reden.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Wenn die Wahlen stattfinden, kann man dar\u00fcber reden. Denn hier, glaube ich, kann jeder zu diesem Marsch mit seinen eigenen Slogans gehen. Was die Ansprache der beiden Konfliktparteien angeht, der russischen und der ukrainischen, so denke ich, dass in diesen Text, vermute ich, ein Teil des Textes reigeschlichen ist, der aus dem Vorschlag stammt, eine internationale Konferenz zur Ukraine als eine M\u00f6glichkeit zur L\u00f6sung dieses Konflikts durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Verstehen Sie, das ist eine selsame Forderung, den Abzug der Truppen aus der Kampfzone zu befehlen, ich meine die an den ukrainischen Pr\u00e4sidenten, und auch die Forderung an den russischen Pr\u00e4sidenten, die Soldaten und die Freiwilligen zur\u00fcckzuziehen, und an die angeblichen Separatisten, das Feuer einzustellen. Denn in letzter Zeit sind sie auf dem Vormarsch.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Man hat ihnen betr\u00e4chtliche Verst\u00e4rkung geschickt. Meiner Meinung nach wissen alle Beteiligten, dass die Situation nicht mit Kriegsmitteln gel\u00f6st werden kann, obwohl man jetzt versucht, sie mithilfe des Kriegs zu l\u00f6sen. Der Sinn des Aufrufs besteht in dem Versuch, die nichtmilit\u00e4rischen Mittel zur L\u00f6sung des Konflikts heranzuziehen. Meiner Meinung nach muss eine politische Partei, die in Russland agiert, sich an die russische Gesellschaft und die russische Regierung wenden &#8211; das ist die erste Priorit\u00e4t. Die Regierung eines anderen Staates anzusprechen, mit dem Vorschlag, dies oder jenes zu tun, ist meiner Meinung nach unn\u00f6tig. Heute sollten die Bem\u00fchungen jeder politischen Partei, die Putin und seiner Partei widersteht, geb\u00fcndelt sein. Denn die ganze Staatsduma ist heute Putins Partei, die W\u00e4hler m\u00fcssen sich dar\u00fcber im klaren sein, dass die Kommunistische Partei heute Putins Partei ist, die Liberal-Demokratische Partei und &#8222;Gerechtes Russland&#8220; waren gestern und heute sind beide Putins Parteien.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Da gibt es aber auch ein paar anst\u00e4ndige Abgeordnete.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Ein paar Abgeordnete sind leider keine Partei. Mit einem davon hatten wir eine Diskussion, ich in der direkten \u00dcbertragung im Internet, Sie sa\u00dfen hier mit Dmitri Gudkow. Gott segne ihn, aber er ist ein einzelner Politiker, ein allein stehender Baum, die Partei nimmt eine andere Position ein. Deshalb sind heute alle vier politischen Parteien in Duma eine putinsche Partei, das muss man sich klarmachen. Alle, die den anderen Teil der Gesellschaft repr\u00e4sentieren wollen, den, der heute durch keine der Parteien in Duma repr\u00e4sentiert ist, sollen auf jeden Fall ihre Anstrengungen auf die russische Gesellschaft, auf den Ausdruck ihrer Einstellung zur russischen Regierung, auf russische Politik, auf russische Tagesordnung konzentrieren.<\/p>\n<p>Hier bin ich sehr heimatbezogen in meinen Einstellungen, genauso, wenn wir mit den Einwohnern und kommunalen Abgeordneten der Pskower Region reden, besprechen wir die Tagesordnung von Pskower Region. Die Menschen, mit denen Sie reden, m\u00fcssen verstehen, dass Sie ihre Probleme besprechen, verstehen und l\u00f6sen k\u00f6nnen. Es ist weder unser Problem noch unser Ziel, die Ukraine zu sanieren, unser Problem und unser Ziel ist die Sanierung von Russland, das schon an einem seidenen Faden h\u00e4ngt. Das verstehen immer mehr Menschen.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Was w\u00fcrde passieren, wenn der seidene Faden rei\u00dft?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Meiner Meinung nach ist die heutige wirtschaftliche Situation in Russland so, dass die Chancen f\u00fcr ihren Verwaltungszerfall nach dem russisch-ukrainischen Konflikt deutlich gestiegen sind. Die Menschen sind nun bereit, sich selbst zu retten, sagen wir, die Menschen in verschiedenen Regionen Russland sind bereit sich zu retten, unabh\u00e4ngig von der F\u00f6deration. Das hei\u00dft, dass f\u00fcr die Menschen heute ihre Gegend, ihre Region die erste Priorit\u00e4t sind, wenn es um Rettung geht. Wenn es ihnen aufgeht, dass der Staat als Ganzes, die Russische F\u00f6deration nicht vorhat, sie alle zu retten, werden sie die Auswege in einem gl\u00fccklicherem Leben in Trennung suchen.<\/p>\n<p>Ich werde nie die Situation vergessen &#8211; das war in der ersten H\u00e4lfte der 90-er, ich fuhr zu einer Konferenz nach Tartu, die Grenze \u00fcberquerten wir wie immer sehr lange, erst die russische, dann die estnische, und es war ein gewaltiger Unterschied zwischen den estnischen und den russischen Grenzsoldaten. Wie unsere Jungs dort standen, in der K\u00e4lte in\u00a0der Kleidung froren, die ihnen nicht passte, anscheinend unter schlechten Bedingungen schliefen, in kalten Kasernen, anscheinend krank waren, mit fahlen Gesichtern- man konnte nur Mitleid mit ihnen haben. Und 50 m von ihnen entfernt standen die estnischen Soldaten, bei weitem nicht NATO, aber sie sahen ganz anders aus. In entscheidenden Momenten erwacht bei einem Menschen Liebe, Mitleid und Mitgef\u00fchl zu seinem N\u00e4chsten. Und die Esten sagten uns: &#8222;Sehen Sie, unsere Soldaten wurden nicht nach Tschetschenien geschickt, sie sind alle am Leben. Wenn wir noch ein Teil der Sowjetunion gewesen w\u00e4ren, h\u00e4tten wir auch hier Gr\u00e4ber mit den Gefallenen aus dem Tschetschenienkrieg&#8220;. Das verstehen die Menschen sehr klar und deutlich.<\/p>\n<p>Wenn die derzeitige Regierung- die ja eigentlich am Ende ist, im jeglichen Sinn dieses Wortes- aber wenn sie nicht begreift, dass in den entscheidenden Momenten in einem Menschen nicht das Politische, sondern das Menschliche die Oberhand gewinnt, so stellt sich die Frage, innerhalb welcher Grenzen dieser Staat fortbestehen bleibt.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Es ist mir aufgefallen, dass die Einwohner einer Region sich nicht besonders f\u00fcr die Nachrichten aus den anderen Regionen interessieren &#8211; das ist ein wichtiger Indikator.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Ja, das auch.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Nun m\u00f6chte ich eine Frage zur Koalition stellen. &#8222;Jabloko&#8220; hat eine gewisse Koalition &#8222;Politische Alternative&#8220; vorgeschlagen. Von \u00e4hnlichen Koalitionen spricht auch die Republikanische Partei Russlands, und einige anderen. Was steht der Bildung einer solchen Koalition denn im Wege?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Die Antwort ist: die russische Gesetzgebung verbietet Koalitionen kategorisch. Um ehrlich zu sein, \u00fcber die Aufrufe zu Koalition bin ich verwundert, denn das heutige Wahlgesetz ist in dieser Hinsicht sehr einfach, deutlich, grausam und kompromisslos. Heute kann eine Partei f\u00fcr jegliche Wahl entweder einen Mitglied aus ihren Reihen oder einen Parteilosen vorschlagen. Man muss verstehen: alle, die von der Koalition sprechen, in einfache politische Sprache \u00fcbersetzt, schlagen vor, aus der Partei auszutreten, in der man Mitglied ist, der Partei beizutreten, die die Grundlage der Koalition bilden soll, ein Mitglied dieser Partei zu werden und so die Wahlen anzutreten.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Danach wird Ihrer Partei die M\u00f6glichkeit genommen, die Wahlen ohne Unterschriftensammlung anzutreten. Jetzt wird dieses Recht der Republikanischen Partei genommen, es gibt schon ein Gesetzentwurf, um den &#8222;Notendurchschnitt&#8220; f\u00fcr die Aufnahme ins Parlament zu erh\u00f6hen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; &#8222;Notendurchschnitt&#8220; oder Prozentsatz der Partei, mit dem sie uneingeschr\u00e4nkt kandidieren kann?<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Zum einen, wenn sie \u00fcber 1 Abgeordneten im Parlament verf\u00fcgt, kann sie jemanden f\u00fcr Staatsduma vorschlagen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Aber nur, wenn sie \u00fcber 3% der Stimmen bei den gesamtrussischen Wahlen bekommen hat.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow<\/strong>: &#8211; Dann werden sie es so hindrehen, dass man nicht einen Abgeordneten wie jetzt braucht, sondern 10, da gibt es schon ein Gesetzentwurf, und wenn alle der Partei &#8222;Jabloko&#8220; beitreten, wird man sagen, dass 3% zu wenig sind, man br\u00e4uchte 4%. Im Grunde genommen werden die Spielregeln st\u00e4ndig ge\u00e4ndert. Und was soll man dann tun, wie soll man in diesem Land friedlich um die Macht k\u00e4mpfen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Michail, in dem Moment, als die M\u00f6glichkeit endet, friedlich um die Macht zu k\u00e4mpfen, endet auch Russland. Das bedeutet, dass ein weiteres revolution\u00e4res Ereignis, das mit der gewaltsamen Macht\u00fcbernahme einhergeht, h\u00f6chstwahrscheinlich zu der administrativ-politischen Neuordnung des Staates f\u00fchren wird.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow<\/strong>: &#8211; Bis jetzt findet eine gewaltsame Aufrechterhaltung Russlands statt.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Es findet eine gewaltsame Aufrechterhaltung der Macht statt, in der Erwartung, dass keine alternative politische Kraft imstande sein wird, auf legitime Weise landesweit an die Macht zu kommen, legislative oder repr\u00e4sentative Macht, also eigenen Bereich, eigene Sitze in der Staatsduma zu bekommen. Die Rede ist nicht mal von der Exekutive, die ja die wirkliche Macht ist, die das Eigentum, Geld und alle wichtigsten Entscheidungen kontrolliert, die mit dem Besitz zu tun haben. Die Rede ist von der Repr\u00e4sentation.<\/p>\n<p>Wenn die gegenw\u00e4rtige Regierung nicht kl\u00fcger wird&#8230; und bis jetzt sehe ich leider keine Anzeichen daf\u00fcr, weder auf der f\u00f6deralen noch auf der regionalen Ebene. Bei uns ist in jeder dritten Region der Gouverneur ein &#8222;Naschist&#8220; mit sehr speziellen, primitiven politischen Instinkten. Wie kann man von der regionalen Entwicklung sprechen, wenn der Mensch alles durch eine ideologisch gef\u00e4rbte Brille sieht, und zwar im Sinne der Ideologie eines aggressiven &#8222;Naschismus&#8220;.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow<\/strong>: &#8211; Und f\u00fcr einen anderen steht z. B. die Wirtschaft in die eigene Tasche an erster Stelle.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Das eine schlie\u00dft in der Regel das andere nicht aus, diese beiden Besch\u00e4ftigungen harmonieren gut miteinander. Deshalb, wenn jetzt die institutionellen Versuche, die M\u00f6glichkeiten der Opposition an die Macht zu kommen zu begrenzen, fortgesetzt werden, wird ein gro\u00dfer Teil des politischen Publikums vor eine sehr schwierige Wahl gestellt: entweder die Politik als solches aufzugeben und auf die Stra\u00dfe zu gehen, oder gar nichts mehr zu tun.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens denken schon viele Leute \u00fcber solche M\u00f6glichkeiten nach. Dann m\u00fcsste man aber gleich zugeben: Sehr geehrte Damen und Herren, in unserem Land ist ein Machtwechsel nur mit Hilfe einer Revolution m\u00f6glich. Dann k\u00f6nnen alle Interessenten die Lehrb\u00fccher zu Revolutionen aufschlagen und nachlesen, wie diese organisiert und durchgef\u00fchrt werden, welche Folgen sie haben, unter anderem in Bezug auf Leben, Eigentum, Sicherheit und Gesetzgebung, und sich fragen, ob wir uns solche Zukunft f\u00fcr Russland vorstellen.<\/p>\n<p>Das f\u00fcr den Fall, wenn kein Dialog mit der russischen Regierung hilft, sie davon zu \u00fcberzeugen, dass der weitere Aufbau von Druck, Repressionen, Restriktionen und Daumenschrauben in dieser Situation nur zu einer unkontrollierten Explosion f\u00fchren wird. Wie ich zu einem Kollegen im Parlament sagte: wenn du glaubst, dass da nur eine Laterne sein wird, an der ich h\u00e4ngen werde, so t\u00e4uschst du dich &#8211; du wirst an der n\u00e4chsten h\u00e4ngen. Denk dar\u00fcber nach, bevor du zu solchen Taten schreitest.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Da gibt&#8217;s auch ein Beispiel &#8211; DVR, LVR und diese Leute, die mit den Maschinengewehren herumlaufen und alles umverteilen. Oder die Krim, wo die Regierung alles umverteilt, was ihr passt. Denn es passt ihr, den Besitz derer, die zur Ukraine hielten, und auch derer, die anscheinend russlandtreu sind, wegzunehmen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Das ist eine absolut prinzipielle Wegscheide f\u00fcr unser Land. Wenn das politische Regime, die Institutionen der politischen T\u00e4tigkeit weiterhin verh\u00e4rtet werden, bis sie v\u00f6llig unrealistisch sind, dann erreichen wir eine unberechenbare Situation. Und jede unberechenbare Situation kann Revolution nach sich ziehen.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Ist Ihnen aufgefallen, dass der Propagandaton sich ver\u00e4ndert hat? Es gibt da eine Zeitung &#8222;Iswestija&#8220;, eine Art Indikator, sie f\u00fchrt alles genau aus, was ihr von den h\u00f6chsten Institutionen vorgeschrieben wird. Letztens stand es in der Zeitung: &#8222;Es ist l\u00e4ngst an der Zeit, der Gesellschaft den Kopf zurechtzur\u00fccken. Wenn sie es nicht auf die nette Art versteht, dann muss man und wird man es ihr mit Gewalt beibringen. Anders geht es nicht&#8220;. Das ist also eine Warnung, dass sie vorhaben, &#8222;den Kopf zurechtzur\u00fccken&#8220; und nicht irgendeine Opposition irgendwas tun zu lassen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Nun, in der Politik gibt es sehr viele Primitive, und in den Massenmedien gibt es viele Primitive. Deshalb, wenn die aus der Politik denen aus Massenmedien Befehle geben, kommt man zu solchem Ergebnis. Ich denke, das ist ein Spiegelbild einer m\u00f6glichen und sehr wahrscheinlichen Entwicklungsrichtung Russlands. Diese Entwicklungsrichtung wurde in unserem Land schon einmal eingeschlagen, und zu einem gewissen Grad in einer bestimmten Zeit hat sie sich als erfolgreich erwiesen.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow<\/strong>: &#8211; 70 Jahre &#8211; das ist eine lange Zeit.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Wissen Sie, in der heutigen Gesellschaft werden sie keine 70 Jahre Zeit haben, nicht mal 7 Jahre, glaube ich. Deshalb scheint es mir: sollte die Entscheidung gef\u00e4llt werden, dass das Schiff diesen Kurs einschl\u00e4gt, muss man sich darauf gefasst machen, dass es ganz schnell auf ein Riff l\u00e4uft.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Ich habe eine Frage zu Pskow und Pskower Region. Welche Auswirkungen hat der Krieg auf die Bewohner Ihrer Region?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg<\/strong>: &#8211; Pskower Region ist die \u00e4rmste unter den 11 Regionen des Nordwesten nach allen wichtigsten sozialwirtschaftlichen Parametern, ob nach\u00a0Ausgaben pro Kopf, oder pro-Kopf-Einkommen, nach der H\u00f6he der Geh\u00e4lter im \u00f6ffentlichen Dienst, der Einnahmen aus Steuern. Wir sind leider \u00fcberall auf dem 10. oder auf dem 11. Platz unter den nordwestlichen Regionen. Das Leben der \u00c4rmsten ist st\u00e4rker von allen wirtschaftlichen Problemen beeintr\u00e4chtigt, als das Leben aller anderen. Deshalb f\u00fchrte die Wirtschaftskrise f\u00fcr die Pskower Region zu katastrophalen Auswirkungen auf den Haushalt. Der Ausgabenteil des Haushalts f\u00fcr 2014 betrug 32 Mrd Rubel &#8211; das ist ein sehr kleiner Haushalt. Der Ausgabenteil &#8211; das sind nur die Pl\u00e4ne. Der Haushaltsplan f\u00fcr 2015 ist nur 23 Mrd Rubel. Die K\u00fcrzung der Haushaltsausgaben um 9 Mrd Rubel in nur einem Jahr &#8211; das ist eine wirtschaftliche Katastrophe.<\/p>\n<p>Wir erleben hier einen schrecklichen Prozess, dar\u00fcber haben wir schon mal gesprochen, die Zusammenlegung von Krankenh\u00e4usern zu kreis\u00fcbergreifenden medizinischen Zentren, wobei einige Kreiskrankenh\u00e4user bald zu blo\u00dfen Ambulanzen werden k\u00f6nnen. Uns erwartet ein Prozess der idiotischen, entschuldigen Sie den Ausdruck, Zusammenlegung von Schulen mit den Kinderg\u00e4rten, der Kinderg\u00e4rten untereinander, sonstigen Bildungseinrichtungen mit Schulen, also ein Prozess der chaotischen Anpassung des Budgets an bestimmte Vorgaben, danach kommen die unausweichlichen K\u00fcrzungen. Wir haben jetzt schon F\u00e4lle, wo f\u00fcnf Kinderg\u00e4rten zu einem zusammengelegt werden, unter der Leitung von einem Direktor, dabei fragt man sich, wie diese Person die rechtliche und administrative Verantwortung f\u00fcr die Ereignisse in der Einrichtung tragen soll, in der er h\u00f6chstens einmal die\u00a0Woche auftaucht, wenn \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Deshalb macht die Pskower Region eine schwere soziale Krise durch, die Leute sind unzufrieden. Dabei war ein Gro\u00dfteil dieser Menschen mindestens einmal im Leben bei den Nachbarn in Lettland oder Estland und sah eine andere Art des postsowjetischen Lebens. Wir haben hier Konsulaten, die Leute besuchen die Nachbarstaaten, sie haben Vergleichsm\u00f6glichkeiten. Und dieses Verst\u00e4ndnis der eigenen Armut und sozialen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit, das ist ja die reinste soziale R\u00fcckst\u00e4ndigkeit, im Vergleich zu anderen Lebensbedingungen, kann einen auf verschiedene Gedanken bringen.<\/p>\n<p>Die Frage ist, wem die Leute in dieser Situation die Schuld geben werden &#8211; dem &#8222;verfluchten Europa&#8220;, dem US-Pr\u00e4sidenten Obama, der &#8222;nachts davon tr\u00e4umt, dass die Pskower Region verarmt&#8220;, oder werden die Leute doch einen Blick in die eigene Ecke werfen, den Gouverneur, die f\u00fchrende politische Partei, den Pr\u00e4sidenten und die Regierung anschauen und sich fragen: bei dieser Machtvertikale, wer ist da f\u00fcr die Pskower Region verantwortlich?<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow<\/strong>: &#8211; Nun hat Putin Ihnen die Dieseltriebz\u00fcge zur\u00fcckgegeben- drei St\u00fcck werden verkehren.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Ja, Putin hat davon erfahren, dass praktisch in ganz Russland der Betrieb von Nahverkehrsz\u00fcgen eingestellt wurde. Im Februar hat er davon erfahren, und die ersten K\u00fcrzungen haben schon im Januar begonnen. Jetzt werden wir das Wichtigste sehen: wer und aus welchen Quellen das bezahlen wird. Ich schlie\u00dfe nicht aus, dass in 2-3 Wochen alle vor Erstaunen die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammenschlagen und sehen werden, wie die Subventionen aus dem f\u00f6deralen Budget an die Bahn steigen. Also kann Herr Jakunin durchaus glimpflich davonkommen, statt dass er die Ohren langgezogen bekommt, weil diese 15 Nahverkehrsgesellschaften wie die Blutegel an den Haushalten der russischen Regionen h\u00e4ngen und einen 20-mal h\u00f6heren Ausgleich f\u00fcr die sinkenden Einnahmen fordern &#8211; das ist der Unterschied zwischen dem sogenannten Sozialtarif und dem wirtschaftlich begr\u00fcndetem Tarif.<\/p>\n<p>Wie die Regierung diese Situation finanziell l\u00f6sen will, ob das russische Gesetz ge\u00e4ndert wird, nach dem das Nahverkehr sich juristisch in der gemeinsamen Verantwortung der F\u00f6deration und F\u00f6derationssubjekten befindet, die finanzielle Verantwortung aber nur die Regionen tragen. Das schrieb man vor 8 Jahren bei Jakunin, das Gesetz wurde verabschiedet, Putin hat es unterschrieben. Unterschrieben ohne zu lesen, anscheinend. Das wurde zur Regierungsverordnung, Anordnungen und Anweisungen vom Verkehrsministerium und Finanzministerium, die die Regionen dazu verpflichtet hat- das hat man inzwischen vergessen- bis 2011 zum wirtschaftlich begr\u00fcndetem Tarif im Bereich Nahverkehr zu \u00fcbergehen. Heute hat man in Pskower Region den Sozialtarif 2,10 Rubel f\u00fcr Bef\u00f6rderung eines Fahrgasts pro Kilometer, und der wirtschaftlich begr\u00fcndete Tarif, den die Bahn \u00fcber die f\u00f6derale Tarifbeh\u00f6rde bestimmt, w\u00e4re aber 11,75 Rubel.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Nach undurchsichtigen Kriterien.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Nach absolut undurchsichtigen Kriterien. Deshalb muss man erst abwarten, wer auf welche Weise und mit welchem Ergebnis aus dieser Situation rauskommt.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Ich glaube trotzdem, dass der Gewinner der g\u00fctige Zar sein wird, im besten Fall werden die Bojaren schuld sein, Jakunin oder Ihr Gouverneur. Das kam schon \u00f6fter in der russischen Geschichte vor.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Dann wird das Volk erwarten, dass die K\u00f6pfe rollen. Und wenn die K\u00f6pfe nicht rollen, dann wird man wieder Fragen dem Zaren stellen. Leider dem Zaren, nicht sich selbst oder der Gesellschaft. Die meisten Fragen muss man sich selbst stellen, damit f\u00e4ngt alles in der Politik an.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong> &#8211; Ich sehe praktisch Wladimir Putin, der in Kreml mit einem Glas in der Hand steht und den Trinkspruch auf die Geduld des russischen Volkes bringt, wie einst Stalin. Glauben Sie nicht, wenn Sie von den Fragen an sich selbst sprechen, dass das Problem gerade darin liegt, dass die russische Gesellschaft sich zurzeit in einer, milde ausgedr\u00fcckt, unguten geistigen und moralischen Verfassung befindet? Sie ist verbittert, sie ist intolerant, sie \u00fcbertr\u00e4gt die Schuld von sich auf jemand anderen- Obama oder Poroschenko, also sind die Aussichten in diesem Sinne schlecht.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Die Aussichten sind immer gut, die Frage ist nur wann. Wieviel Zeit wird vergehen, wie viele Generationen, bis die Aussichten sehr gut sein werden. Durch unsere Bem\u00fchungen k\u00f6nnen wir versuchen, diesen Zeitraum zu verk\u00fcrzen. In Wirklichkeit ist die Gesellschaft intellektuell, moralisch und informationsm\u00e4\u00dfig fast durch die Propaganda zerst\u00f6rt. In letzter Zeit erinnere ich alle daran: meine Herren, Sie alle wussten und wissen von dem N\u00fcrnberger Prozess gegen Nazi-Deutschland. Der gr\u00f6\u00dfere Teil dieses Prozesses bestand in der Untersuchung dessen, wie der deutsche Staat sein Volk t\u00e4uschte und dieses Volk zu einer Bestie machte.<\/p>\n<p><em><strong>Sokolow:<\/strong>\u00a0&#8211; Sie werden sagen: ja, &#8222;ukrainische Faschisten&#8220;, wissen wir.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlossberg:<\/strong> &#8211; Sicherlich. Um Gottes Willen, schauen Sie alle an. Man darf nicht vergessen, dass die T\u00e4uschung der Gesellschaft, des Volkes ein Verbrechen ist, das nicht verj\u00e4hrt und das keine rein russische Dimension hat &#8211; das ist eine internationale Angelegenheit, weil es Auswirkungen auf die ganze Welt hat. Das, was jetzt mit dem Volk passiert ist, ist die Folge davon, was man ihm angetan hat.<\/p>\n<p>Es ist leider so \u00fcberall auf der Welt: wenn die dominierende politische Macht das Andersdenken, die Meinungsfreiheit, politische Institutionen, freie Wahlen und alles, was die Demokratie ausmacht, unterdr\u00fcckt, nimmt das immer ein b\u00f6ses Ende. Bis jetzt haben wir den Stillstandspunkt dieser Bewegung nicht erreicht. Mit blo\u00dfen H\u00e4nden versuchen wir, dieses Rad, diesen Moloch anzuhalten. Wir tun was wir k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em style=\"line-height: 1.5\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.svoboda.mobi\/a\/26837275.html\">svoboda.mobi<\/a>; \u00fcbersetzt von <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/olena.kopnick?ref=ts&amp;fref=ts\">Olena K\u00f6pnick<\/a>; redaktiert von <span style=\"color: #003366\"><a style=\"color: #003366\" href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Kaspijka\">Irina Schlegel<\/a><\/span><\/em><\/p>\n<p><em>Lesen Sie zum Thema auch jene\u00a0Untersuchung zum Tod der Pskower Fallschirmj\u00e4ger in der Ukraine, die Lew Schlossberg im August 2014 in einer Pskower Zeitung ver\u00f6ffentlicht hat:<\/em> <a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/lew-schlossberg-befohlen-zu-luegen\/\">&#8222;Lew Schlossberg- Befohlen zu l\u00fcgen&#8220;.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sprechen mit dem Autor der Untersuchung \u00fcber den Krieg Russlands in der Ukraine, dem Abgeordneten der&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3808,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"_uf_show_specific_survey":0,"_uf_disable_surveys":false,"footnotes":""},"categories":[98,131,132],"tags":[62,12,57,13],"class_list":["post-3801","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuell","category-expertenmeinungen","category-zeitdokumente","tag-pskow","tag-russland","tag-schlossberg","tag-ukraine"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v26.9 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Lew Schlossberg: Wof\u00fcr starben die Fallschirmj\u00e4ger in Donbass? 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Lew Schlossberg setzt seine Nachforschungen zum Thema der Beteiligung der russischen Soldaten an den Kampfhandlungen auf dem ukrainischen Territorium fort und ver\u00f6ffentlicht weiterhin Antikriegs-Artikel.<\/em>\r\n\r\n<em>Diese Sendung moderiert Michail Sokolow.<\/em>\r\n\r\n[embed]https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=sF8H4BAKlpU[\/embed]\r\n\r\n<em><strong>Michail Sokolow:<\/strong> - Heute zu Gast in unserem Studio in Moskau ist das Mitglied des f\u00f6deralen Ablegers der Partei \"Jabloko\", Vorsitzender der Pskower Stelle der Partei \"Jabloko\", Abgeordneter des Gebietsparlaments von Pskow, Gr\u00fcnder der Zeitung \"Pskowsker Gouvernement\" Lew Schlossberg. Wir sprechen \u00fcber journalistische T\u00e4tigkeit, politische T\u00e4tigkeit und die Situation in der Ukraine.<\/em>\r\n\r\n<em>Die erste Frage: am 29. August letzten Jahres sind Sie das\u00a0Opfer eines Angriffs in Pskow geworden, mit gesundheitlichen Folgen, Sie waren auch im Krankenhaus, wie geht es Ihnen jetzt?<\/em>\r\n\r\n<strong>Lew Schlossberg<\/strong>: - Danke, gut.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow<\/strong>: - Was waren Ihrer Meinung nach die Gr\u00fcnde f\u00fcr diesen Angriff? Viele glauben, dass das die Rache f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung \u00fcber den Tod der Pskower Fallschirmj\u00e4ger in der Ukraine war.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg<\/strong>: -Erstens m\u00fcssen wir uns in Erinnerung rufen, dass damals in Pskow die Angriffe auf die Journalisten der russischen Medien t\u00e4glich stattfanden. Es gab einen Angriff auf die Journalisten von \"Reuters\", dann auf die Journalisten von \"Russian Telegraph\" und \"TV Rain\", von \"Fontanka\" und \"Novaya Gazeta\" - es kam jeden Tag vor. Unter anderem fanden diese Angriffe auf zwei Friedh\u00f6fen in Pskow statt - der Friedhof \"Krestowskoje\" und der Friedhof im Dorf Wybuty bei Pskow, wo russische Armeeangeh\u00f6rige begraben wurden, die in Pskow gedient haben und die nach Pskow von der ukrainischen Front leider nicht mehr lebend zur\u00fcckgekehrt sind. Offensichtlich hatten einige Vertreter der politischen F\u00fchrung, meiner Meinung nach der milit\u00e4rischen F\u00fchrung des Landes, die Idee, dass nicht diejenigen Schuld daran tragen, die den Krieg begonnen haben, sondern diejenigen, die davon erz\u00e4hlt haben, mehr noch, die von den Verlusten erz\u00e4hlt haben. Ich geh\u00f6rte zu denjenigen, die geredet und die Aufmerksamkeit dieser Menschen erregt haben.\r\n\r\nIch bin mir absolut sicher, dass die Entscheidung, die Journalisten zusammenzuschlagen- nicht nur mich, sondern alle unseren Kollegen- nicht in Pskow getroffen wurde. Diese Entscheidung wurde in Moskau von sehr hochgestellten Pers\u00f6nlichkeiten getroffen, in Pskow wurde nur der Befehl ausgef\u00fchrt. Dementsprechend sind alle Ermittlungsteams, die die Angriffe auf die Journalisten untersuchten, auf massive Behinderungen bei der Arbeit gesto\u00dfen.\r\n\r\nIn zwei F\u00e4llen wurden die Schuldigen gefunden - das waren Soldaten, Zeitsoldaten der 76. Luftlandedivision, aber statt strafrechtlichen Ermittlungen wurden die F\u00e4lle von der Polizei zu disziplinarischem Vergehen erkl\u00e4rt und an die Milit\u00e4reinheiten zur Verh\u00e4ngung Disziplinarstrafen \u00fcbergeben. Ich glaube, dass diese Herren eher belohnt wurden.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow<\/strong>: - Disziplinarstrafe - was bedeutet das? Die Aussicht auf ein Strafbataillon, und was noch?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg<\/strong>: - Nein, es geht um den Tadel oder etwas \u00e4hnliches. Ich glaube, sie wurden f\u00fcr die Jagd auf die Journalisten belohnt.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow<\/strong>: - Haben Sie noch Kontakt zu den Ermittlern oder wurde die Untersuchnung in Ihrem Fall ausgesetzt?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg<\/strong>: - Nach den Ereignissen, als die Untersuchung ausgesetzt wurde, das war im Herbst nach dem Ablauf der Verfahrensfristen, im Laufe derer die Ermittlung entweder die Verd\u00e4chtigen bestimmen und in diese Richtung nachforschen, oder sie f\u00fcr nicht auffindbar erkl\u00e4ren sollte, hat die Ermittlung sie f\u00fcr nicht auffindbar erkl\u00e4rt, und ich habe einen entsprechenden Brief erhalten. Danach kann dieses Verfahren aber unz\u00e4hlige Male wiederholt werden.\r\n\r\nIm Dezember, als schon alle wussten, dass die Untersuchung ausgesetzt wurde, habe ich einen brieflichen Bescheid bekommen, unterschrieben von einem anderen Ermittler, dass der Fall wieder aufgenommen wurde. Seitdem habe ich mit den Ermittlern nicht mehr gesprochen. Ich habe eine allgemeine Vorstellung davon, wie die Ermittlungen vonstatten gingen.\r\n\r\nIch glaube, dass die Menschen, denen dieser Fall zuf\u00e4llig zugeteilt wurde, die h\u00e4tten es sich auch nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass sie mit politischen Angelegenheiten zu tun bekommen werden, urspr\u00fcglich haben sie auch alles richtig gemacht, meiner Meinung nach, aber man kann das nicht enth\u00fcllen, weil die vollst\u00e4ndige Untersuchung dieses Falles solche Namen offenbaren w\u00fcrde, die bei dieser Regierung nicht enth\u00fcllt werden d\u00fcrfen, deshalb kam alles zum Stillstand. Im Jahr 2015 habe ich nicht mit den Ermittlern gesprochen, sie sind aber auch nicht auf mich zugekommen, haben keine Fragen gestellt.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow<\/strong>: - Also ist die Untersuchung sozusagen vor den Toren dieser Luftlandedivision stehen geblieben?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong>\u00a0- Die Untersuchung ist stehen geblieben, bis zu den Toren der Division haben die es nicht einmal geschafft. Es gibt bis heute nicht mal indirekte Hinweise darauf, dass die Gruppe, die mich beschattet und den \u00dcberfall auf mich organisiert und durchgef\u00fchrt hat, dass diese Menschen etwas mit der russischen Armee zu tun haben, es gibt zurzeit keine belegbaren Beweise. Aber alle Untersuchungen gingen in diese Richtung, denn dieser Weg schien den Ermittlern offensichtlich.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Was Ihre Auftritte in der Presse angeht, Ihr Vorhaben, die Aktivit\u00e4ten der russischen Soldaten auf dem ukrainischen Territorium zu untersuchen - bereuen Sie es heute? Vielleicht h\u00e4tten Sie nicht so laustark dar\u00fcber sprechen sollen?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Wissen Sie, ich glaube, dass ich nicht mal so lautstark dar\u00fcber geredet habe. Die Ereignisse vom August waren leider vorhersehbar. Jetzt wird kaum dar\u00fcber gesprochen, wir haben davon erz\u00e4hlt, aber vielleicht haben es nicht alle geh\u00f6rt. Die ersten toten Soldaten waren die aus Pskow, und sie wurden schon vorher in die Ukraine geschickt.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Im Fr\u00fchjahr?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Das genaue Datum kann man nicht nennen, aber die ersten Toten gab es dort schon im Sommer.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Also im gewissen Sinne stimmt es mit den Informationen \u00fcberein, die Swetlana Dawydowa zu Wjasma gegeben haben soll, dass die dortigen GRU-Angeh\u00f6rigen irgendwo in den S\u00fcden geschickt wurden.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Da gab es eine v\u00f6llig andere Situation, \u00fcber Wjasma kann ich nichts konkret sagen. Die Frau, soweit ich wei\u00df, fuhr mit den \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln, hat ein Gespr\u00e4ch belauscht und es irgendwie interpretiert. Wir hatten eine ganz andere Situation, hier war eine GRU-Brigade stationiert, und der Erste, der beerdigt wurde, geh\u00f6rte dazu; er wurde auch dort in Wybuty beerdigt, wir alle kennen diesen traurigen Ort. Damals wussten wir schon, dass es die Beteiligung und die Toten gibt. Damals hatten wir das Gef\u00fchl oder den Eindruck, dass es eine Art Sonderoperation ist, dass die Leute sich dort aufgrund einer sehr spezifischen Vereinbarung befinden, dass es, wie man es fr\u00fcher genannt hat, ein sehr beschr\u00e4nktes Truppenkontingent ist. Nach dem 15. August wurde uns klar, dass das Kontingent zwar beschr\u00e4nkt, aber sehr gro\u00df ist, und es gab die ersten Massenverluste. Damals ist es \u00fcbrigens den einfachen Zivilsten aufgefallen, den Lesern von sozialen Netzwerken, die darauf aufmerksam wurden, dass im Netzwerk \"VKontakte\" die Angeh\u00f6rigen von den Gefallenen \u00fcber deren Tod schrieben.\r\n\r\nEin sehr wichtiger f\u00fcr mich Brief, der mich eigentlich dazu bewegt hat,am 25. August zum Friedhof in Wybuty zu fahren - das war der Brief eines ehemaligen Soldaten der 76. Division, einen Soldaten im aktiven Dienst, der nun in einer anderen Region Russlands stationiert ist. Er schrieb mir, dass sein enger Freund und Kamerad Leonid Kitschatkin gefallen ist und am Montag beerdigt wird. \u00dcber diese Verschleierung, dieses Verschweigen von Verlusten und Beerdigungen war er sehr emp\u00f6rt. Er bat mich, zum Friedhof zu fahren, um zu sehen, was dort passieren wird. Im gewissen Sinne ist dieser Brief f\u00fcr mich zum letzten Tropfen geworden.\r\n\r\nIch denke nicht, dass das, was wir dort gesehen und wovon wir erz\u00e4hlt und geschrieben haben, so dramatisch war:\u00a0das Geschehen und der Ablauf. Wir sahen eine Beerdigung, offensichtlich die Beerdigung eines Soldaten der Division, denn dort gab es viele Busse der Division, sehr viele Menschen. Ich sagte es damals und sage es heute: ich bin mir sicher, dass dort nicht nur Leonid Kitschatkin beerdigt wurde. Wir haben aber nur einen Teil des Abschieds gesehen, die Milit\u00e4rs waren strikt gegen die Anwesenheit von Fremden, ich und mein Kollege Alexey Semjonow, ein Journalist der \"Pskowsker Gouvernement\", haben den Ort verlassen. Er hatte das Gl\u00fcck, dass er nicht erkannt wurde, er ist ungest\u00f6rt weggegangen, ich bin auch gegangen, aber die Milit\u00e4rs haben behauptet, dass die Angeh\u00f6rigen angeblich gegen jegliche Fremden auf dem Friedhof waren. Da waren mehr als hundert Menschen, das war offensichtlich keine gew\u00f6hnliche Beerdigung. Ich glaube nicht, dass es nur mit Leonid Kitschatkin was zu tun hatte.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Unsere Zuh\u00f6rer stellen immer die Frage: wie k\u00f6nnen Sie beweisen, dass diese Person auf dem ukrainischen Territorium gestorben ist?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Wissen Sie, wir sind keine Ermittlungsbeh\u00f6rden, keine Polizei, kein Untersuchungsausschuss und keine milit\u00e4rische Oberstaatsanwaltschaft, wir haben einen anderen Beruf. Die Aufgabe eines Journalisten ist zu beobachten und \u00fcber seine Beobachtungen zu berichten. Ein Journalist kann konkrete Behauptungen machen, Fragen stellen, Vermutungen anstellen; die \u00d6ffentlichkeit, der wir die Informationen zug\u00e4nglich machen, kann ihre eigenen Schl\u00fcsse ziehen.\r\n\r\nDie Angeh\u00f6rigen wussten genau, dass es in der Ukraine passiert ist, aber sie hatten Angst dar\u00fcber zu sprechen. Dass es in der Ukraine passiert ist, wei\u00df ich nicht von ungef\u00e4hr, sondern von den Angeh\u00f6rigen der Soldaten, die das Gl\u00fcck hatten zu \u00fcberleben. Denn diejenigen, die ihre Familienmitglieder verloren haben, neigen am wenigsten dazu, mit irgendjemanden \u00fcber irgendwas zu sprechen. Diese Menschen wussten aber, dass ihre Verwandten aus der Ukraine zur\u00fcckgekehrt sind, weil die \u00dcberlebenden erz\u00e4hlt haben, wo sie gewesen sind.\r\n\r\nDazu kommen noch zwei Interviews, die in der \"Pskowsker Gouvernement\" erschienen sind - das waren zwei Soldaten, einer davon verwundet, er hat die K\u00e4mpfe in der Ukraine erlebt, war bei den ersten schrecklichen Schlachten am 18-19. August dabei, sie beide haben das mit eigenen Augen gesehen. Ich versichere Ihnen, diese Menschen konnten gar nicht l\u00fcgen. Sie h\u00e4tten sich niemals an mich mit der Bitte um Ver\u00f6ffentlichung gewandt, wenn es nicht ihre extreme Emp\u00f6rung \u00fcber diesen geheimen Krieg und seine Folgen gewesen w\u00e4re, Folgen f\u00fcr ganz bestimmte Menschen, unter anderem Kitschatkin, Ossipow und viele andere.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow<\/strong>: - Lew Markowitsch, durchschauen Sie jetzt den Verschleierungsmechanismus der Verluste der russischen Armee auf dem ukrainischen Territorium?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Insgesamt ja, im Detail kann man davon nicht berichten. Man muss bedenken, dass diese Milit\u00e4roperation absolut geheim durchgef\u00fchrt wird, die Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen unterschreiben die Geheimhaltungserkl\u00e4rung, Versto\u00df dagegen bedeutet eine Freiheitsstrafe und sehr ernste Folgen. Dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen die Angeh\u00f6rigen und Familien der Soldaten diese Erkl\u00e4rungen ebenfalls unterschreiben, was sehr seltsam ist, fr\u00fcher hat es sowas nicht gegeben, nun ist es \u00fcblich. Die Menschen haben nicht nur deswegen Angst zu reden, weil sie verstehen, dass das ein geheimer Krieg ist, sondern auch weil es ein Dokument gibt, das Ihre Rechte zum Reden einschr\u00e4nkt.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Warum m\u00fcssen sie denn die Geheimhaltungserkl\u00e4rung unterschreiben?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Ich glaube, es gibt einen allgemeinen Beschluss dar\u00fcber, dass das offizielle Russland weiterhin leugnen soll, dass die Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen der regul\u00e4ren russischen Einheiten sich in der Ukraine befinden, diese L\u00fcgeneinstellung wird beibehalten.\r\n\r\nDas sagt alles. Was die Beerdigungen angeht, so wissen wir, dass z. B. fr\u00fcher unsere Gefallenen in Pskow ankamen- der Flughafen von Pskow liegt 15 Flugminuten von Kreml entfernt, wir sind der einzige Ort in der F\u00f6deration, wo der Flughafen sich nicht nur innerhalb der Stadtgrenze befindet, sondern praktisch in der Innenstadt liegt, und er dient als Passagier- und Milit\u00e4rflughafen gleichzeitig. Zuerst wurden die Gefallenen dort angeliefert, jetzt kommen sie in anderen Stadtteilen an. Man versucht, sie sofort zu sortieren. Die, die nicht aus Pskow geb\u00fcrtig sind, oder ihre Familien nicht in Pskow leben, werden gleich weitergeschickt. So werden die Beerdigungen zerstreut.\r\n\r\nDamals, als die Beerdigungen jede Menge Aufmerksamkeit auf sich zogen, gab es im ganzen Land Beerdigungen zu allen m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen Zeiten, mal um 7 oder 8 Uhr morgens, mal sp\u00e4tabends, es war ja Sommer und lange hell, und der Abschied konnte f\u00fcr eine ungew\u00f6hnliche Zeit angesetzt werden. Aber das passierte in den St\u00e4dten.\r\n\r\nWas die D\u00f6rfer angeht, das, was in den D\u00f6rfern passierte, wurde gar nicht verheimlicht. Ein Soldat namens Alexei Baranow kam aus dem Kuninski Bezirk, aus einem kleinen Dorf, gerade mal 40 Menschen, die Schule, in die er ging, seine Familie, alle Bekannten, sie alle kamen zu der Beerdigung.\r\n\r\nAm 16.September habe ich eine Anfrage an Fridinski von der milit\u00e4rischen Oberstaatsanwaltschaft geschickt. Wir hatten eine Information von den Verwandten eines gefallenen Soldaten aus Welikije Luki. Wir haben eine Anfrage geschickt, ich wusste nicht genau, ob er in der Stadt oder im Umland beerdigt wurde. Am folgenden Tag bekomme ich einen Brief von einem Bewohner des Kuninski Bezirks, mit einem Video vom 17. September, die Beerdigung war am 17., er selbst war dabei. Wir haben den vollst\u00e4ndigen Namen dieses Kerls erfahren, das genaue Datum seines Todes - 30. August. Das ganze Dorf war bei der Beerdigung dabei. Das kann man nicht verheimlichen.\r\n\r\nJetzt ist es schwierig, vielleicht auch be\u00e4ngstigend zu mutma\u00dfen, wie viele Leute insgesamt gestorben sind, ich kann aber nach meiner allgemeinen Beurteilung der Situation sagen, dass es in der Ukraine russische Truppen gibt, und dass die Verluste hoch sind. Die Wahrheit dar\u00fcber wissen mit Sicherheit Zehntausende von Menschen in unserem Lande, durch ihre Kontakte zu den Bekannten, wenn man vom Bekanntenkreis der Familien der Gefallenen ausgeht.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Lew Markowitsch, um welche Geldsummen geht es, bekommen die Leute etwas?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Ja, alle Verpflichtungen werden eingehalten. Selbst im Antwortbrief der milit\u00e4rischen Oberstaatsanwaltschaft stand es, dass die Zahlungen von der milit\u00e4rischen Staatsanwaltschaft in den Gebieten \u00fcberwacht werden. Es ist bekannt, dass zum Ende des letzten Jahres die Familien von Gefallenen auf jeden Fall eine Einmalzahlung von 5 Mio Rubel bekamen. F\u00fcr Pskow, z. B., f\u00fcr die Bezirke der Pskower Region und f\u00fcr Dorfverh\u00e4ltnisse ist das eine sehr gro\u00dfe Geldsumme. Eine Kriegsverletzung \"kostet\" 1 Mio Rubel. Am meisten emp\u00f6rt waren diejenigen, die nicht nur \u00fcberlebt haben, sondern nicht mal verletzt wurden, denn in dem Moment, als die Leute ihre 20.000 Rubel f\u00fcr, entschuldigen Sie, den Krieg bekamen, waren sie so \u00fcber diese Situation w\u00fctend, dass sie praktisch bereit waren,\u00a0alles auszupacken. \u00dcbrigens, wenn das Zeitsoldaten waren, haben sie hinterher ihre Vertr\u00e4ge gek\u00fcndigt und Pskow oder andere Einheiten verlassen. Das hei\u00dft, als die Leute diesen Krieg gesehen haben, haben sie ihren Beruf aufgegeben und die Armee verlassen, es gibt recht viele davon.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Gibt es denn eine Vorstellung davon, wie das Verh\u00e4ltnis von\u00a0\u00a0Zeitsoldaten und\u00a0Wehrdienstleistenden dort war?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Ich glaube, dass der Einsatz von Wehrdienstleistenden dort eher eine Ausnahme ist. Denn die Abh\u00e4ngigkeit der Familien der Berufssoldaten, auch der Zeitsoldaten, vom Verteidigungsministerium ist enorm, sie sind in allem abh\u00e4ngig. Wenn es um die Wohnung geht, zahlt das Verteidigungministerium die Hypothek, alle Zusch\u00fcsse. In der Regel ist der Soldat der wichtigste, wenn nicht der einzige Versorger in der Familie, <strong>in dieser Situation sind die Menschen fast Leibeigene vom Verteidigungsministerium.<\/strong>\r\n\r\nDie Wehrdienstpflichtigen sind in einer anderen Lage, das sind andere Familien, die Menschen, die mit dem Verteidigungsministerium nichts zu tun haben. Unsere Armee ist \u00fcberwiegend aus Berufssoldaten zusammengestellt, es gibt aber Einheiten, wo es auch Wehrdienstleistende gibt, denn der Vertrag eines Zeitsoldaten ist inzwischen nicht mehr so attraktiv. Vor 15-20 Jahren war er noch attraktiv, aber als der allgemeine Lebensstandard gestiegen ist und die M\u00f6glichkeiten erschienen sind, mehr Geld ohne Risiko f\u00fcr das eigene Leben zu verdienen, nahm der Ansturm in die Armee ab.\r\n\r\nIch glaube, die diesj\u00e4hrigen Versuche, die Wehrpflichtigen dazu zu dr\u00e4ngen, diese besonderen Vertr\u00e4ge f\u00fcr den Kriegseinsatz in der Ukraine zu unterschreiben, damit zu tun haben, dass die Armee nicht in der Lage ist, die Einheiten f\u00fcr den Kriegseinsatz nach Planvorgabe zu besetzen. Aus Pskow wurde eine sehr gro\u00dfe Anzahl von Soldaten in die Ukraine geschickt, einmal, zweimal, beim dritten Mal hat es nicht geklappt - es gab nicht genug Bewerber. Dann fing man an, \u00fcberall zu suchen, in allen Ecken, denn Pskow hat Angst, Moskau sagen zu m\u00fcssen \"Die n\u00e4chsten Tausend Soldaten konnten wir nicht zusammenbekommen\". Deshalb gibt man sich die allergr\u00f6\u00dfte M\u00fche, die Lage ist \u00fcberall gleich, nicht nur in Pskow, auch in anderen Einheiten, die in anderen Orten stationiert sind. Gerade diese Angst, bei der Aufgabenerf\u00fcllung zu scheitern, die Bereitschaft, die Aufgabe um jeden Preis zu erf\u00fcllen, f\u00fchrten dazu, dass in den Kreis derer, die in die Ukraine geschickt werden, au\u00dfer den Zeitsoldaten auch die Wehrdienstpflichtigen geraten sind, denen diese Vertr\u00e4ge angeboten werden.\r\n\r\nDas Einzige, was sich seit August ver\u00e4ndert hat, ist die Tatsache, dass im August die Leute v\u00f6llig get\u00e4uscht wurden, das hei\u00dft, sie wurden aus Pskow nach Rostow angeblich f\u00fcr \u00dcbungen verlegt, dort blieben sie 3 Tage im Lager, dann wurden sie am 18. August \u00fcber die Grenze geschickt, alle mobile Kommunikationsmittel wurden ihnen abgenommen. Erst nachdem sie die Grenze \u00fcberquert haben, haben sie erfahren, dass sie sich auf dem ukrainischen Gebiet befinden.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Waren das die Truppen, die Ilowajsk angegriffen haben?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Ich denke ja, unter anderem. Dabei f\u00fchrte der Schock \u00fcber das Verschwinden von Hunderten, auf die ganze Armee gerechnet vielleicht von Tausenden Menschen aus dem Blickwinkel ihrer Freunde und Familien zur Explosion der Entr\u00fcstung, Angst, Suche nach diesen Menschen mit allen m\u00f6glichen Mitteln. Ich wei\u00df, dass die Familien sich an die milit\u00e4rische Staatsanwaltschaft gewandt haben, sie baten um ein Treffen mit den Kommandeuren der Einheiten, die Kommandeure lehnten ein Treffen ab, damit \u00fcberzeugten sie die Leute endg\u00fcltig davon, dass da etwas B\u00f6ses passiert.\r\n\r\nEine Frau aus Pskow erz\u00e4hlte mir, dass sie es geschafft hat, einen Oberoffizier eines Regiments unserer Division am \u00c4rmel festzuhalten, sie sagte ihm: \"H\u00f6ren Sie, wir rufen alle Nummern an, da geht keiner ran. Irgendjemand muss doch uns sagen k\u00f6nnen, wo unsere Jungs sind.\" Sie bekam von ihm keine Antwort. Als sie sp\u00e4ter noch mal anriefen, sagt man ihnen: \"Ach, die treiben sich hier auf dem Gel\u00e4nde rum, haben kein Guthaben mehr auf dem Handy, haben es nicht aufgeladen. Sie k\u00f6nnen sie nicht erreichen, weil es keine Verbindung gibt.\" Die Angeh\u00f6rigen luden das Handyguthaben auf, in der Hoffnung, eine Antwort zu bekommen, aber es kam nichts. Jetzt ist es anders, jetzt wissen alle, dass sie in den Krieg ziehen. Und wie meine Bekannten mir erz\u00e4hlt haben, einige Zeitsoldaten, als ihnen Vertr\u00e4ge in Rostow angeboten wurden, sagten darauf: \"Da gehen wir nicht hin\". Dann wurden sie entlassen, einfach sofort rausgeschmissen, man gab ihnen die Geheimhaltungserkl\u00e4rung und schickte sie fort. Die Leute fahren zur\u00fcck nach Pskow schon als Zivilisten.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow<\/strong>: - Dabei verlieren sie die Hypothek und alles andere?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong>\u00a0- Ich glaube, das ist bei jedem anders. Es gibt F\u00e4lle, wo das Verteidigungsministerium aufh\u00f6rt, die Hypothek zu bezahlen, weil es nur Armeeangeh\u00f6rigen im aktiven Dienst zahlt. Dann steht der Mensch vor dem Nichts. F\u00fcr die Alleinstehenden ist es einfacher. Wie Sie verstehen, ist es f\u00fcr Familienv\u00e4ter komplizierter.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Und andererseits der Preis des Ganzen. Es erschien eine Meldung in \"Financial Times\", dass der ukrainische Pr\u00e4sident Petro Poroschenko Wladimir Putin damit gedroht hat, die Daten \u00fcber Verluste in Donbass zu enth\u00fcllen, dass seine Regierung diese Daten im Internet ver\u00f6ffentlichen wird, unter anderem die Erkennungsmarken, die den Toten oder Gefangenen abgenommen wurden. Das soll den Abschluss des Minsker Abkommens beeinflusst haben. Kann das \u00fcberhaupt sein - diese Marken als Beweise?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Wissen Sie, eine Erkennungsmarke kommt aus Massenfertigung, so eine Marke kann man an sich selber herstellen. Eine andere Sache ist, dass diese Marke eine einzigartige Kennziffer tr\u00e4gt, und nach dieser Kennziffer kann man die Person identifizieren, dann kann die Armee diese Person lebend pr\u00e4sentieren und es gibt keine Fragen mehr. Im August-September- \u00a0da sagte man: \"Sie behaupten, dass alle \u00fcber die Gefallenen l\u00fcgen. Dann zeigen Sie uns bitte die Lebenden\". Die Armee konnte leider keinen Lebenden vorzeigen.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Poroschenko hat versprochen, dass seine Beamten in Kontakt mit M\u00fcttern und Frauen der russischen Soldaten treten und sie \u00fcber das Schicksal ihrer Angeh\u00f6rigen informieren werden.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Wissen Sie, das ist nicht Poroschenkos Aufgabe, die Familien der russischen Soldaten zu suchen, meiner Meinung nach sollte sich der russische Staat damit besch\u00e4ftigen, die Familien der russischen Soldaten zu suchen , um ihnen zu erkl\u00e4ren, was passiert ist und wie die Einstellung des Staates zu dieser Frage ist.\r\n\r\nIch glaube, diese Drohungen sind eine sehr zweideutige Position, f\u00fcr die eine Seite wie f\u00fcr die andere. Keine von beiden Seiten hat diesen Krieg de jure anerkannt. Das hei\u00dft, dass beide Seiten, Putin und Poroschenko, entschlossen sind, ihr Ziel durch verschiedene Mittel zu erreichen. Kein Krieg de jure bei einem Krieg de facto ist eine schreckliche Situation, am schlimmsten f\u00fcr die Gefangenen. Das ist eine schwierige Situation, denn sie sind gesetzlich gesehen \u00fcberhaupt nicht gesch\u00fctzt.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Schauen Sie, ich glaube, dass es au\u00dfer der Entsendung der Zeitsoldaten und Sonstiges noch ein System der Rekrutierung gibt, wenn aus der unendlichen russischen Armee der Sicherheitsleute, die ein sinnloses Dasein f\u00fchren, die sogenannten \"DVR\" und \"LVR\" Einheiten gebildet werden.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Das ist alles ein Ablenkungsman\u00f6ver.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Glauben Sie, dass es keine \u00fcbliche Praxis ist?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Das glaube ich. Es gibt nicht viele davon, aber man versucht sie der \u00d6ffentlichkeit zu pr\u00e4sentieren. Als wir die Information \u00fcber Pskow, \u00fcber die Gefallenen ver\u00f6ffentlicht haben, erschien sofort so ein Freiwilliger, der aus der Ukraine zur\u00fcckgekehrt ist, er wurde interviewt, praktisch alle Online-Medien haben dieses Interview ver\u00f6ffentlicht. Das war ein Mann, der bereit war zu t\u00f6ten, er bereute, dass er zu wenige get\u00f6tet hat, man m\u00fcsste mehr. Er kam zur\u00fcck nach der getanen Arbeit, die er f\u00fcr eines Mannes w\u00fcrdig hielt. Deshalb gab es solche verdeckte Operationen, und es wird sie geben. Aber wie Sie verstehen, kann man bei einer Milit\u00e4rhandelorganisation nicht so viele Waffen kaufen, dass man damit einen Rucksack f\u00fcr l\u00e4ngere Reisen f\u00fcllen kann... Und alleine aus Freiwilligen kann man keine Armee der \"Aufst\u00e4ndischen\" aufstellen - das ist eine ganz andere Situation.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Sie haben sich an die milit\u00e4rische Oberstaatsanwaltschaft gewandt. Wie ich verstehe, bestand die ganze Antwort aus dem Hinweis, dass alles h\u00f6chst geheim ist, und es f\u00fchrte zu nichts?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Nicht ganz. Ich glaube, dass das die vollst\u00e4ndigste Antwort auf alle Anfragen war, die im Laufe dieses Konflikts an diverse Beh\u00f6rden geschickt wurden. Erstens hat die milit\u00e4rische Oberstaatsanwaltschaft best\u00e4tigt, dass diese Leute gefallen sind, alle 12, von denen die Rede war.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Bei den \u00dcbungen?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Nein, sie best\u00e4tigten: \"au\u00dferhalb der Stationierungsorten\". Also ist diese Antwort ethisch sehr korrekt. Den Menschen, die das geschrieben haben, fehlt weder der Verstand noch das Herz. Sie haben best\u00e4tigt, dass alle Hinterbliebenen die Sozialleistungen bekommen, unter anderem kontrolliert die milit\u00e4rische Oberstaatsanwaltschaft die lokalen Staatsanwaltschaften bei der Umsetzung dieser sozialen Verpflichtungen.\r\n\r\nDann kam der Satz, dass die Befehle \u00fcber die Entsendung dieser Soldaten au\u00dferhalb ihrer Stationierungsorte \u00fcberpr\u00fcft wurden, hier beginnt aber das Staatsgeheimnis, also kann man es nicht \u00f6ffentlich machen. Aber in den Handlungen der Personen, die diese Befehle unterzeichnet haben, fand man keinen Hinweis auf Verbrechen oder Versto\u00df gegen das Gesetz. Das war die Antwort.\r\n\r\nAlso, meiner Meinung nach, hat diese Antwort leider den Tod der 12 Soldaten best\u00e4tigt, sie hat best\u00e4tigt, dass sie nicht in Pskow, sondern au\u00dferhalb ihres Stationierungsortes gestorben sind, dass der Staat den Hinterbliebenen gegen\u00fcber die sozialen Verpflichtungen tr\u00e4gt. Ich halte diese Antwort f\u00fcr sehr informativ. Ich kann Ihnen mehr verraten: mir ist bekannt, dass einige ganz bestimmte Personen Denunziationen nicht nur gegen mich, als einen Menschen, der eine Anfrage an die milit\u00e4rische Oberstaatsanwaltschaft geschickt hat, geschrieben haben, sonder auch gegen die milit\u00e4rische Oberstaatsanwaltschaft, die es gewagt hat, solche Anfragen \u00fcberhaupt zu beantworten. Also ist die Vorstellung von diesen Denunzianten, die unbekannt bleiben wollten (wie Denunzianten es nun mal halten), dass die milit\u00e4rische Oberstaatsanwaltschaft \u00fcberhaupt keine Anfragen, keine Briefe \u00fcber gefallene Soldaten beantworten soll. Also hat diese Antwort, und vielleicht einige anderen, die die Tatsache der Verluste indirekt best\u00e4tigen, eine bestimmte Reaktion bei dem Kriegsvolk hervorgerufen.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Au\u00dferdem lenkt\u00a0der Erlass von Wladimir Putin \u00fcber Entsch\u00e4digungen an die Familien der Gefallenen und - Achtung - derjenigen, die als bei den \u00dcbungen vermisst gelten, die Aufmerksamkeit auf sich.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Das war kein Erlass, das waren \u00c4nderungen des Gesetzes. Sie wurden vor einem Jahr geschrieben, initiiert von einem Mitglied des F\u00f6derationsrates. Ich habe dieses Gesetz studiert.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Und ging es da um die \"Vermissten\"?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Das war eine andere Situation. Die Sache ist, wenn die Reservisten an den Milit\u00e4r\u00fcbungen teilnehmen, sind sie nicht lange dabei. Wenn die \u00dcbungen 40 Tage dauern, so sind sie 40 Tage im Einsatz. Aber dort kann es auch zu Unf\u00e4llen kommen. Und die Entsch\u00e4digungen an die Reservisten, die z. B. bei den \u00dcbungen verletzt, oder, Gott bewahre, get\u00f6tet wurden, waren vom Gesetz nicht vorgesehen.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Also ging es doch nicht um \"Vermisste\"?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg<\/strong>: - Wissen Sie, Reservisten\u00fcbungen in der russischen Armee sind so eine Sache, dass es da auch Vermisste geben kann. Au\u00dferdem wurde dieses Gesetz im Herbst 2013 vorbereitet und geschrieben, das war ja noch vor den Geschehnissen auf dem Maidan.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow<\/strong>: -\u00a0Und wie wird das Gesetz umgesetzt?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Wissen Sie, bei uns werden die Gesetzentw\u00fcrfe manchmal jahrelang im Parlament bearbeitet. Dem Text nach, den ich im Gesetzentwurf gesehen habe, wurde es nicht direkt von der Ukraine motiviert. Au\u00dferdem w\u00e4re es sehr schwierig, das zu Reservisten\u00fcbungen zu erkl\u00e4ren - das ist eine sehr komplexe rechtliche Struktur.\r\n\r\nMeiner Meinung nach schlug es wie eine Bombe in die Gesellschaft ein, alle dachten dar\u00fcber nach und versuchten zu verstehen, wie und mit welchen Feigenbl\u00e4ttern der Staat sich bedecken wird. Ich glaube, da gibt es geheime Dokumente, der Staat finanziert den Krieg nach geheimen Beschl\u00fcssen, genauso werden die Entsch\u00e4digungen an die Familien der Gefallenen finanziert.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Lew Markowitsch, haben Sie denn jetzt eine Vorstellung davon, wie gro\u00df die Verluste der russischen Soldaten waren? Wir wissen von 5.000 Menschen, die nach niedrigsten Sch\u00e4tzungen in Donbass im Laufe des russisch-ukrainischen Krieges gestorben sind. Was glauben Sie, wie viele russische Milit\u00e4rangeh\u00f6rige das waren?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg<\/strong>: - Wissen Sie, zum jetzigen Zeitpunkt kann man, glaube ich, keine Zahlen nennen.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - In welcher Gr\u00f6\u00dfenordnung - Hunderte, Tausende?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Meiner Meinung nach liegen die Verluste der Pskower Milit\u00e4reinheiten im dreistelligen Bereich. Nach allen indirekten Hinweisen, die wir bekommen haben, kann ich sagen, dass es um die Hundert sind, ich schlie\u00dfe nicht aus, dass es mehr sind, denn das sind operative Milit\u00e4reinheiten, und von den Verletzten etwa doppelt so viele. Wenn wir die gesamten Verluste der russischen Streitkr\u00e4fte auf der nationalen Ebene betrachten, so denke ich, ist die Zahl schon vierstellig. Etwas genaueres kann man unm\u00f6glich sagen, denn die Verschleierung von Verlusten beinhaltet auch die unbedingte Verschleierung jeglicher Informationen \u00fcber die Todesf\u00e4lle als solche.\r\n\r\nWir haben doch diese schreckliche Situation gesehen, als, nachdem die erste Beerdigung Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, zuerst die Namenstafeln von den Gr\u00e4bern und die B\u00e4nder von den Blumenkr\u00e4nzen abgenommen wurden, auf denen die Hinweise auf die Truppengattung und konkrete Einheiten standen. Dann, als der Schock der Gesellschaft noch gr\u00f6\u00dfer war als vor diesen Verlusten, wurden paar Tage sp\u00e4ter auf den Gr\u00e4bern Grabsteine aufgestellt, mit den Portr\u00e4ts, mit Geburts- und Todesdatum - das war eine Gegenreaktion, aber da wurde auch nicht davon gesprochen, wer den Grabstein aufgestellt und wer ihn in Auftrag gegeben hat. Das waren nicht die Steine von den Familien, sie kamen von der Division. So pl\u00f6tzlich schlagen die Stimmungen um. Jetzt z. B. kenne ich keine Menschen in Pskow, die t\u00e4glich und bewusst nach den Verlusten der Division forschen w\u00fcrden. Keiner hat sich dieses Ziel gesetzt, jedenfalls keiner den ich kenne. Aber die Leute haben es im August gesehen, wir waren ja nicht alleine auf dem Friedhof, als es passiert ist. Viele, die ich kenne, sind dorthin gefahren, haben fotografiert und gefilmt, haben die Best\u00e4tigung dessen, was passiert ist, ver\u00f6ffentlicht.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Aber es hat nicht im August aufgeh\u00f6rt, der Krieg in der Ukraine geht weiter.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Der Krieg geht leider weiter. Die Schlussfolgerung, die die politische und milit\u00e4rische F\u00fchrung aus den Verlusten gezogen hat, \u00e4u\u00dferte sich nur in der \u00dcberzeugung, dass man besser, intensiver und noch geheimer den Krieg f\u00fchren muss.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Ich m\u00f6chte Sie als Abgeordneten \u00fcber die Haltung der Partei fragen: glauben Sie, dass die Gegner des Krieges mit Ukraine Def\u00e4tisten sein m\u00fcssen? Muss der Krim-Donbass-Krieg gegen die\u00a0Ukraine mit der Niederlage des jetzigen Regime enden?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Erstens, die Gegner dieses Kriegs sind die Verteidiger der Menschen. Wir wollen nicht die Niederlage der Streitkr\u00e4fte oder die Niederlage des Staates, wir wollen Menschenleben retten. Wir halten diesen Krieg f\u00fcr die ungeheuerlichste \u00c4u\u00dferung der Staatspolitik. Unser Ziel ist diesen Krieg zu stoppen. Das ist die Priorit\u00e4t.\r\n\r\nUnd der beste Weg, um den Krieg zu beenden, ist aufzuh\u00f6ren, die Truppen abzusenden. Wer gewinnt und wer verliert - das ist eine andere Frage. Ich denke, Historiker, Politiker oder Milit\u00e4rs von zwei oder drei L\u00e4ndern k\u00f6nnen in dieser Situation diametral entgegengesetzte Meinungen dazu \u00e4u\u00dfern, und von mir aus k\u00f6nnen sie tausend Jahre l\u00e4nger dar\u00fcber diskutieren, Hauptsache diejenigen, die noch leben, bleiben auch am Leben. Deshalb ist das keine Frage der Niederlage der Armee oder der Niederlage des Staates - das ist eine Frage der Lebensrettung.\r\n\r\nWas das russische Regime angeht, so glaube ich, dass das Regime von Wladimir Putin ein politischer Bankrott ist, und alle, die etwas von der russischen Politik verstehen, wussten es schon gestern, und vorgestern, und vor \u00fcber einem Jahr. Das Regime befindet sich in einem Zustand der Ersch\u00f6pfung all seiner Ressourcen, wenn dieses Regime auch mal ein Kreativit\u00e4tspotenzial hatte, so fand es sein nat\u00fcrliches Ende in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts.\r\n\r\nAlles, was seit 2011 passiert, oder ehrlich gesagt, nicht seit 2011, sondern seit die Entscheidung \u00fcber die Reinkarnation getroffen wurde, Entscheidung, zwei Politiker in zwei Sesseln die Pl\u00e4tze tauschen zu lassen - das ist die Verrottung und der Zerfall dieses Regimes. Alle weiteren Konsequenzen sind nur Folgen davon.\r\n\r\nWenn Entscheidungen von einem Menschen praktisch ohne jegliche intellektuelle Unterst\u00fctzung getroffen werden - das ist auch eine Situation der Selbstisolation. Denn wo sind Menschen, die jetzt sagen k\u00f6nnten: \"Wladimir Wladimirowitsch, hier sind Sie im Unrecht, hier w\u00fcrde es Sinn machen anders zu handeln, das ist ein Fehler, das sollte man nicht tun\".\r\n\r\nIn Putins Umgebung sind diese Menschen physisch nicht vorhanden, sie wurden alle eliminiert. Also ist er jetzt von einer sehr eigenartigen politischen Szene umgeben, von Menschen, die v\u00f6llig frei von moralischen Prinzipien und zu allem bereit sind, bis zu einem Atomangriff.\r\n\r\nAuf diesem Schachbrett stehen jetzt alle Figuren. Wenn es so weit kommt, dass sie sich zum vollkommenen Wahnsinn bewegen m\u00fcssen, werden sie es tun, weil sie eben so sind. Und es gibt kein Gegengewicht zu diesen Menschen, keine Alternative. Das h\u00e4tte \u00fcbrigens das Parlament sein k\u00f6nnen.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Damit haben sie es angefangen - mit dem Parlament.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Sie haben mit zwei Dingen angefangen: mit dem Parlament und der Redefreiheit, das ist vollkommen logisch. Deshalb, wenn es schon zum Krieg gekommen ist - das ist das Bankrott des Regimes. Denn in einem Land, das enormen wirtschaftlichen Problemen gegen\u00fcbersteht, das kein eigenes effektives Bankensystem und Finanzsystem aufgebaut hat, das ein enorm hohes Korruptionsniveau hat- \u00a0in so einem Land die Entscheidung zu treffen, einen Krieg zu beginnen - das ist eine selbstm\u00f6rderische Entscheidung.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - F\u00fcr Putin war das die rettende Entscheidung. Er hat der Opposition jede M\u00f6glichkeit genommen, die Massen gegen ihn aufzubringen.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Meiner Meinung nach ist es nicht so. Erstens hat Putin eine taktische Entscheidung getroffen, die einen strategischen Fehler darstellt. Heute ist es m\u00f6glich und h\u00f6chstwahrscheinlich, dass eine\u00a0Konsolidierung, Kristallisierung der Gesellschaft stattfinden wird- man kann es nennen wie man will, ich nenne es die Vereinigung der entt\u00e4uschten Menschen, die mit dieser Politik nicht einverstanden sind, rund um die Opposition. Das kann die nationalistische, demokratische, liberale Opposition sein.\r\n\r\nDas kann auch die kommunistische Opposition sein, denn ich kenne einige Menschen aus der Kommunistischen Partei, unter anderem aus Pskower Region, die mit Entsetzen beobachten, wie Sjuganow dem russisch-ukrainischen Krieg applaudiert. Sie belegen ihn mit solchen Ausdr\u00fccken, die ich im Fernsehen nicht aussprechen darf. Sie sind absolut von ihrer Partei entt\u00e4uscht, weil sie ehrlich glaubten, dass eine oppositionelle politische Partei in Russland einen Bruderkrieg nicht unterst\u00fctzen darf, nicht dass sie es nicht soll - sie <strong>darf<\/strong> es nicht. Und das ist die r\u00fcckl\u00e4ufige Bewegung des Pendels, die in einer sehr schwierigen, schmerzhaten Situation beginnt, sie zeigt den strategischen Preis der Entscheidung Putins.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Ich kann leider die r\u00fcckl\u00e4ufige Bewegung des Pendels nicht erkennen. 79% der vom Lewada-Zentrum Befragten sagen mehr oder weniger, dass die Sanktionen eine Auswirkung auf ihr Leben haben, gr\u00f6\u00dfere oder kleinere. Und trotzdem empfehlen 69% der Regierung, auf diesem Kurs zu bleiben. Diese Zahlen \u00fcberschneiden sich, also sieht es so aus, dass mehr als die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung daf\u00fcr ist, den Kurs in Richtung Krieg, oder wie sie es nennen, Hilfe der \"Russischen Welt\" in Donbass, beizubehalten.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Das stimmt nicht ganz. Erstens kann es eine zuverl\u00e4ssige Soziologie nur in einer freien Gesellschaft geben, dort, wo die Menschen keine Angst haben, ihre Meinung zu sagen. Diese Umfragen werden normalerweise an der Haust\u00fcr durchgef\u00fchrt, dabei wird die Adresse der Person erfasst. F\u00fcr diejenigen, die die Arbeitsqualit\u00e4t des Interviewers kontrollieren werden, wird auch die Festnetz- oder Handynummer abgefragt. Die Menschen verstehen, dass sie erfasst sind. Mehr als die H\u00e4lfte der Menschen neigt dazu, eine sogenannte sozial erw\u00fcnschte Antwort zu geben. Wenn man zu dem Menschen nach Hause kommt und fragt: bist du f\u00fcr Putin oder gegen Putin - die Antwort ist klar. Sehr wenige Leute, so wie ich, w\u00fcrden sagen: war nie f\u00fcr Putin, bin es nicht und werde es nicht sein.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Weil man Sie l\u00e4ngst im Visier hat.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Ja, weil man mich l\u00e4ngst im Visier hat. Wie Sie verstehen, w\u00fcrden die meisten Menschen einen so harten Weg der offenen Konfrontation mit den Machthabern nicht gehen.\r\n\r\nDas ist \u00fcbrigens eine typische Situation f\u00fcr jedes Land: das politisch aktive Publikum und das, sagen wir, sozial sensible Publikum sind nicht das Gleiche. Deshalb w\u00fcrde ich diese Zahlen nicht f\u00fcr eine verl\u00e4ssliche Messung der gesellschaftlichen Temperatur halten. Heute gibt es mehr Wahrheit in den eigenen vier W\u00e4nden als in den Meinungsumfgragen. Dabei muss ich sagen, dass wenn die Fragen zum Krieg gestellt werden- das Lewada-Zentrum ist \u00fcbrigens eine der wenigen, wenn nicht die einzige von den professionellen soziologischen Agenturen in Russland- wenn die Frage direkt gestellt wird: \"Unterst\u00fctzen Sie den Krieg, sollte Russland daran teilnehmen, sollte Russland Truppen schicken?\"- dann sagt die Mehrheit der Menschen mehr oder weniger direkt: \"Nein, wir unterst\u00fctzen den Krieg nicht\".\r\n\r\nIch bin mir \u00fcbrigens sicher, dass einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr L\u00fcgen \u00fcber den Krieg darin liegt, dass Putin und dieser besondere Kreis um ihn verstehen: wenn sie den Krieg mit der Ukraine offen zugeben w\u00fcrden, w\u00fcrde die Gesellschaft ihn nicht bef\u00fcrworten. Sie l\u00fcgen unter anderem, weil sie Angst haben, der Gesellschaft die Wahrheit zu sagen. Sie haben sich verfangen, sie haben sich so verfangen, dass sie nicht mehr wissen, welche L\u00fcge ihnen helfen k\u00f6nnte.\r\n\r\nSie haben keine L\u00fcgen mehr, die sie retten k\u00f6nnten.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Die Geschichte von Swetlana Dawydowa zeigt genau das.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Sie zeigt vor allem das ganze Ausma\u00df der Unf\u00e4higkeit der Menschen bei der Entscheidungsfindung. So haben sie ein Jahr lang gewartet, um die Frau eines Anrufs an die offizielle ukrainische Botschaft zu beschuldigen.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Wenn sie jetzt die Frau weiterhin beschuldigen, sie h\u00e4tte ein Staatsgeheimnis verraten, werden sie gezwungen sein zuzugeben, dass ihre Kampagne gescheitert ist. Das ist nat\u00fcrlich am\u00fcsant.<\/em>\r\n\r\n<em>Also, zu den Handlungen. Sagen wir, Ihre Partei machte einen \u00f6ffentlichen Auftritt zum Thema Anti-Krisen-Marsch, den die anderen Parteien am 1. M\u00e4rz durchf\u00fchren wollen. Sie haben eine Reihe Forderungen an Putin, an die Regierung und unter anderem an den Herrn Poroschenko gestellt, ihn dazu aufgerufen, seine Truppen aus der Konfliktzone zur\u00fcckzuziehen. Ich verstehe die Forderungen an Putin, aber wozu sollte man etwas von dem ukrainischen Pr\u00e4sidenten fordern? Er hat sein eigenes Land, seine eigenen W\u00e4hler, und letzendlich verteidigt er die territoriale Einheit seines eigenen Landes, egal ob das gut oder schlecht ist, denn das ist die Forderung der Mehrheit, die ihn gew\u00e4hlt hat. Ich glaube, da gibt es entweder eine Art Missverst\u00e4ndnis, oder Sie leiden an Hyperpazifismus.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Ich sage meine pers\u00f6nliche Meinung, denn jeder Parteimitglied, jeder B\u00fcrger hat das Recht, seine Meinung zu \u00e4u\u00dfern. Zuerst was den Marsch angeht. Der Hauptvorschlag - das war keine Forderung, sondern ein Vorschlag - von \"Jabloko\" war, dass das ein Antikriegsmarsch und kein Antikrisenmarsch sein sollte. Ehrlich gesagt, als ich sah, dass der Marsch \"Antikrisen-\" hei\u00dft, war ich verwundert. Denn wenn wir das w\u00f6rtlich nehmen, gehen wir auf die Stra\u00dfe, und damit endet die Krise. Sie wird aber nicht enden. Damit die Krise endet, muss man einige Personen hinter den Mauern von Kreml austauschen. Deshalb hat die Bezeichnung \"Antikrisen-\" nicht nur bei mir, sondern bei vielen Menschen Fragen aufgeworfen. Der Vorschlag, den Marsch unter dem Hauptslogan \"Antikriegs-\" stattfinden zu lassen, wurde von vielen verschiedenen Personen ausgesprochen, nicht nur von \"Jabloko\", die Gesellschaft steht insgesamt dahinter.\r\n\r\nAber wenn wir die Beziehungen zwischen verschiedenen Politikern im oppositionellen Umfeld betrachten, so k\u00f6nnte meine Meinung liberaler sein, als die meiner Kollegen. Es gibt Initiatoren des Marsches, sie wollen ihn hier oder dort, zu einer bestimmten Zeit, unter bestimmten Slogans durchf\u00fchren, sollen sie doch. Keiner w\u00fcrde unsere Partei, oder eine andere demokratische Partei davon abhalten, zu diesem Marsch unter den Slogans kommen, die wir f\u00fcr n\u00f6tig erachten. Ich denke, dass die Menschen, die \u00e4hnliche gemeinsame Einstellung zur Bewertung der gegenw\u00e4rtigen russischen Regierung und ein gemeinsames Verst\u00e4ndnis der weiteren Entwicklung des Landes besitzen, zusammenhalten m\u00fcssen. Das ist wichtig, denn es geht nicht um die Einigkeit der Kritik, die Frage ist, ob wir gemeinsame Ans\u00e4tze zur Entwicklung des Landes nach Putin-\u00c4ra haben, und hier, wie Sie verstehen, werden die Unterschiede manchmal sehr deutlich.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Wenn freie Wahlen stattfinden, kann man dar\u00fcber reden.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Wenn die Wahlen stattfinden, kann man dar\u00fcber reden. Denn hier, glaube ich, kann jeder zu diesem Marsch mit seinen eigenen Slogans gehen. Was die Ansprache der beiden Konfliktparteien angeht, der russischen und der ukrainischen, so denke ich, dass in diesen Text, vermute ich, ein Teil des Textes reigeschlichen ist, der aus dem Vorschlag stammt, eine internationale Konferenz zur Ukraine als eine M\u00f6glichkeit zur L\u00f6sung dieses Konflikts durchzuf\u00fchren.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Verstehen Sie, das ist eine selsame Forderung, den Abzug der Truppen aus der Kampfzone zu befehlen, ich meine die an den ukrainischen Pr\u00e4sidenten, und auch die Forderung an den russischen Pr\u00e4sidenten, die Soldaten und die Freiwilligen zur\u00fcckzuziehen, und an die angeblichen Separatisten, das Feuer einzustellen. Denn in letzter Zeit sind sie auf dem Vormarsch.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Man hat ihnen betr\u00e4chtliche Verst\u00e4rkung geschickt. Meiner Meinung nach wissen alle Beteiligten, dass die Situation nicht mit Kriegsmitteln gel\u00f6st werden kann, obwohl man jetzt versucht, sie mithilfe des Kriegs zu l\u00f6sen. Der Sinn des Aufrufs besteht in dem Versuch, die nichtmilit\u00e4rischen Mittel zur L\u00f6sung des Konflikts heranzuziehen. Meiner Meinung nach muss eine politische Partei, die in Russland agiert, sich an die russische Gesellschaft und die russische Regierung wenden - das ist die erste Priorit\u00e4t. Die Regierung eines anderen Staates anzusprechen, mit dem Vorschlag, dies oder jenes zu tun, ist meiner Meinung nach unn\u00f6tig. Heute sollten die Bem\u00fchungen jeder politischen Partei, die Putin und seiner Partei widersteht, geb\u00fcndelt sein. Denn die ganze Staatsduma ist heute Putins Partei, die W\u00e4hler m\u00fcssen sich dar\u00fcber im klaren sein, dass die Kommunistische Partei heute Putins Partei ist, die Liberal-Demokratische Partei und \"Gerechtes Russland\" waren gestern und heute sind beide Putins Parteien.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Da gibt es aber auch ein paar anst\u00e4ndige Abgeordnete.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Ein paar Abgeordnete sind leider keine Partei. Mit einem davon hatten wir eine Diskussion, ich in der direkten \u00dcbertragung im Internet, Sie sa\u00dfen hier mit Dmitri Gudkow. Gott segne ihn, aber er ist ein einzelner Politiker, ein allein stehender Baum, die Partei nimmt eine andere Position ein. Deshalb sind heute alle vier politischen Parteien in Duma eine putinsche Partei, das muss man sich klarmachen. Alle, die den anderen Teil der Gesellschaft repr\u00e4sentieren wollen, den, der heute durch keine der Parteien in Duma repr\u00e4sentiert ist, sollen auf jeden Fall ihre Anstrengungen auf die russische Gesellschaft, auf den Ausdruck ihrer Einstellung zur russischen Regierung, auf russische Politik, auf russische Tagesordnung konzentrieren.\r\n\r\nHier bin ich sehr heimatbezogen in meinen Einstellungen, genauso, wenn wir mit den Einwohnern und kommunalen Abgeordneten der Pskower Region reden, besprechen wir die Tagesordnung von Pskower Region. Die Menschen, mit denen Sie reden, m\u00fcssen verstehen, dass Sie ihre Probleme besprechen, verstehen und l\u00f6sen k\u00f6nnen. Es ist weder unser Problem noch unser Ziel, die Ukraine zu sanieren, unser Problem und unser Ziel ist die Sanierung von Russland, das schon an einem seidenen Faden h\u00e4ngt. Das verstehen immer mehr Menschen.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Was w\u00fcrde passieren, wenn der seidene Faden rei\u00dft?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Meiner Meinung nach ist die heutige wirtschaftliche Situation in Russland so, dass die Chancen f\u00fcr ihren Verwaltungszerfall nach dem russisch-ukrainischen Konflikt deutlich gestiegen sind. Die Menschen sind nun bereit, sich selbst zu retten, sagen wir, die Menschen in verschiedenen Regionen Russland sind bereit sich zu retten, unabh\u00e4ngig von der F\u00f6deration. Das hei\u00dft, dass f\u00fcr die Menschen heute ihre Gegend, ihre Region die erste Priorit\u00e4t sind, wenn es um Rettung geht. Wenn es ihnen aufgeht, dass der Staat als Ganzes, die Russische F\u00f6deration nicht vorhat, sie alle zu retten, werden sie die Auswege in einem gl\u00fccklicherem Leben in Trennung suchen.\r\n\r\nIch werde nie die Situation vergessen - das war in der ersten H\u00e4lfte der 90-er, ich fuhr zu einer Konferenz nach Tartu, die Grenze \u00fcberquerten wir wie immer sehr lange, erst die russische, dann die estnische, und es war ein gewaltiger Unterschied zwischen den estnischen und den russischen Grenzsoldaten. Wie unsere Jungs dort standen, in der K\u00e4lte in\u00a0der Kleidung froren, die ihnen nicht passte, anscheinend unter schlechten Bedingungen schliefen, in kalten Kasernen, anscheinend krank waren, mit fahlen Gesichtern- man konnte nur Mitleid mit ihnen haben. Und 50 m von ihnen entfernt standen die estnischen Soldaten, bei weitem nicht NATO, aber sie sahen ganz anders aus. In entscheidenden Momenten erwacht bei einem Menschen Liebe, Mitleid und Mitgef\u00fchl zu seinem N\u00e4chsten. Und die Esten sagten uns: \"Sehen Sie, unsere Soldaten wurden nicht nach Tschetschenien geschickt, sie sind alle am Leben. Wenn wir noch ein Teil der Sowjetunion gewesen w\u00e4ren, h\u00e4tten wir auch hier Gr\u00e4ber mit den Gefallenen aus dem Tschetschenienkrieg\". Das verstehen die Menschen sehr klar und deutlich.\r\n\r\nWenn die derzeitige Regierung- die ja eigentlich am Ende ist, im jeglichen Sinn dieses Wortes- aber wenn sie nicht begreift, dass in den entscheidenden Momenten in einem Menschen nicht das Politische, sondern das Menschliche die Oberhand gewinnt, so stellt sich die Frage, innerhalb welcher Grenzen dieser Staat fortbestehen bleibt.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Es ist mir aufgefallen, dass die Einwohner einer Region sich nicht besonders f\u00fcr die Nachrichten aus den anderen Regionen interessieren - das ist ein wichtiger Indikator.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Ja, das auch.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Nun m\u00f6chte ich eine Frage zur Koalition stellen. \"Jabloko\" hat eine gewisse Koalition \"Politische Alternative\" vorgeschlagen. Von \u00e4hnlichen Koalitionen spricht auch die Republikanische Partei Russlands, und einige anderen. Was steht der Bildung einer solchen Koalition denn im Wege?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Die Antwort ist: die russische Gesetzgebung verbietet Koalitionen kategorisch. Um ehrlich zu sein, \u00fcber die Aufrufe zu Koalition bin ich verwundert, denn das heutige Wahlgesetz ist in dieser Hinsicht sehr einfach, deutlich, grausam und kompromisslos. Heute kann eine Partei f\u00fcr jegliche Wahl entweder einen Mitglied aus ihren Reihen oder einen Parteilosen vorschlagen. Man muss verstehen: alle, die von der Koalition sprechen, in einfache politische Sprache \u00fcbersetzt, schlagen vor, aus der Partei auszutreten, in der man Mitglied ist, der Partei beizutreten, die die Grundlage der Koalition bilden soll, ein Mitglied dieser Partei zu werden und so die Wahlen anzutreten.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Danach wird Ihrer Partei die M\u00f6glichkeit genommen, die Wahlen ohne Unterschriftensammlung anzutreten. Jetzt wird dieses Recht der Republikanischen Partei genommen, es gibt schon ein Gesetzentwurf, um den \"Notendurchschnitt\" f\u00fcr die Aufnahme ins Parlament zu erh\u00f6hen.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - \"Notendurchschnitt\" oder Prozentsatz der Partei, mit dem sie uneingeschr\u00e4nkt kandidieren kann?\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Zum einen, wenn sie \u00fcber 1 Abgeordneten im Parlament verf\u00fcgt, kann sie jemanden f\u00fcr Staatsduma vorschlagen.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Aber nur, wenn sie \u00fcber 3% der Stimmen bei den gesamtrussischen Wahlen bekommen hat.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow<\/strong>: - Dann werden sie es so hindrehen, dass man nicht einen Abgeordneten wie jetzt braucht, sondern 10, da gibt es schon ein Gesetzentwurf, und wenn alle der Partei \"Jabloko\" beitreten, wird man sagen, dass 3% zu wenig sind, man br\u00e4uchte 4%. Im Grunde genommen werden die Spielregeln st\u00e4ndig ge\u00e4ndert. Und was soll man dann tun, wie soll man in diesem Land friedlich um die Macht k\u00e4mpfen?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Michail, in dem Moment, als die M\u00f6glichkeit endet, friedlich um die Macht zu k\u00e4mpfen, endet auch Russland. Das bedeutet, dass ein weiteres revolution\u00e4res Ereignis, das mit der gewaltsamen Macht\u00fcbernahme einhergeht, h\u00f6chstwahrscheinlich zu der administrativ-politischen Neuordnung des Staates f\u00fchren wird.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow<\/strong>: - Bis jetzt findet eine gewaltsame Aufrechterhaltung Russlands statt.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Es findet eine gewaltsame Aufrechterhaltung der Macht statt, in der Erwartung, dass keine alternative politische Kraft imstande sein wird, auf legitime Weise landesweit an die Macht zu kommen, legislative oder repr\u00e4sentative Macht, also eigenen Bereich, eigene Sitze in der Staatsduma zu bekommen. Die Rede ist nicht mal von der Exekutive, die ja die wirkliche Macht ist, die das Eigentum, Geld und alle wichtigsten Entscheidungen kontrolliert, die mit dem Besitz zu tun haben. Die Rede ist von der Repr\u00e4sentation.\r\n\r\nWenn die gegenw\u00e4rtige Regierung nicht kl\u00fcger wird... und bis jetzt sehe ich leider keine Anzeichen daf\u00fcr, weder auf der f\u00f6deralen noch auf der regionalen Ebene. Bei uns ist in jeder dritten Region der Gouverneur ein \"Naschist\" mit sehr speziellen, primitiven politischen Instinkten. Wie kann man von der regionalen Entwicklung sprechen, wenn der Mensch alles durch eine ideologisch gef\u00e4rbte Brille sieht, und zwar im Sinne der Ideologie eines aggressiven \"Naschismus\".\r\n\r\n<em><strong>Sokolow<\/strong>: - Und f\u00fcr einen anderen steht z. B. die Wirtschaft in die eigene Tasche an erster Stelle.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Das eine schlie\u00dft in der Regel das andere nicht aus, diese beiden Besch\u00e4ftigungen harmonieren gut miteinander. Deshalb, wenn jetzt die institutionellen Versuche, die M\u00f6glichkeiten der Opposition an die Macht zu kommen zu begrenzen, fortgesetzt werden, wird ein gro\u00dfer Teil des politischen Publikums vor eine sehr schwierige Wahl gestellt: entweder die Politik als solches aufzugeben und auf die Stra\u00dfe zu gehen, oder gar nichts mehr zu tun.\r\n\r\n\u00dcbrigens denken schon viele Leute \u00fcber solche M\u00f6glichkeiten nach. Dann m\u00fcsste man aber gleich zugeben: Sehr geehrte Damen und Herren, in unserem Land ist ein Machtwechsel nur mit Hilfe einer Revolution m\u00f6glich. Dann k\u00f6nnen alle Interessenten die Lehrb\u00fccher zu Revolutionen aufschlagen und nachlesen, wie diese organisiert und durchgef\u00fchrt werden, welche Folgen sie haben, unter anderem in Bezug auf Leben, Eigentum, Sicherheit und Gesetzgebung, und sich fragen, ob wir uns solche Zukunft f\u00fcr Russland vorstellen.\r\n\r\nDas f\u00fcr den Fall, wenn kein Dialog mit der russischen Regierung hilft, sie davon zu \u00fcberzeugen, dass der weitere Aufbau von Druck, Repressionen, Restriktionen und Daumenschrauben in dieser Situation nur zu einer unkontrollierten Explosion f\u00fchren wird. Wie ich zu einem Kollegen im Parlament sagte: wenn du glaubst, dass da nur eine Laterne sein wird, an der ich h\u00e4ngen werde, so t\u00e4uschst du dich - du wirst an der n\u00e4chsten h\u00e4ngen. Denk dar\u00fcber nach, bevor du zu solchen Taten schreitest.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Da gibt's auch ein Beispiel - DVR, LVR und diese Leute, die mit den Maschinengewehren herumlaufen und alles umverteilen. Oder die Krim, wo die Regierung alles umverteilt, was ihr passt. Denn es passt ihr, den Besitz derer, die zur Ukraine hielten, und auch derer, die anscheinend russlandtreu sind, wegzunehmen.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Das ist eine absolut prinzipielle Wegscheide f\u00fcr unser Land. Wenn das politische Regime, die Institutionen der politischen T\u00e4tigkeit weiterhin verh\u00e4rtet werden, bis sie v\u00f6llig unrealistisch sind, dann erreichen wir eine unberechenbare Situation. Und jede unberechenbare Situation kann Revolution nach sich ziehen.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Ist Ihnen aufgefallen, dass der Propagandaton sich ver\u00e4ndert hat? Es gibt da eine Zeitung \"Iswestija\", eine Art Indikator, sie f\u00fchrt alles genau aus, was ihr von den h\u00f6chsten Institutionen vorgeschrieben wird. Letztens stand es in der Zeitung: \"Es ist l\u00e4ngst an der Zeit, der Gesellschaft den Kopf zurechtzur\u00fccken. Wenn sie es nicht auf die nette Art versteht, dann muss man und wird man es ihr mit Gewalt beibringen. Anders geht es nicht\". Das ist also eine Warnung, dass sie vorhaben, \"den Kopf zurechtzur\u00fccken\" und nicht irgendeine Opposition irgendwas tun zu lassen.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Nun, in der Politik gibt es sehr viele Primitive, und in den Massenmedien gibt es viele Primitive. Deshalb, wenn die aus der Politik denen aus Massenmedien Befehle geben, kommt man zu solchem Ergebnis. Ich denke, das ist ein Spiegelbild einer m\u00f6glichen und sehr wahrscheinlichen Entwicklungsrichtung Russlands. Diese Entwicklungsrichtung wurde in unserem Land schon einmal eingeschlagen, und zu einem gewissen Grad in einer bestimmten Zeit hat sie sich als erfolgreich erwiesen.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow<\/strong>: - 70 Jahre - das ist eine lange Zeit.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Wissen Sie, in der heutigen Gesellschaft werden sie keine 70 Jahre Zeit haben, nicht mal 7 Jahre, glaube ich. Deshalb scheint es mir: sollte die Entscheidung gef\u00e4llt werden, dass das Schiff diesen Kurs einschl\u00e4gt, muss man sich darauf gefasst machen, dass es ganz schnell auf ein Riff l\u00e4uft.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Ich habe eine Frage zu Pskow und Pskower Region. Welche Auswirkungen hat der Krieg auf die Bewohner Ihrer Region?<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg<\/strong>: - Pskower Region ist die \u00e4rmste unter den 11 Regionen des Nordwesten nach allen wichtigsten sozialwirtschaftlichen Parametern, ob nach\u00a0Ausgaben pro Kopf, oder pro-Kopf-Einkommen, nach der H\u00f6he der Geh\u00e4lter im \u00f6ffentlichen Dienst, der Einnahmen aus Steuern. Wir sind leider \u00fcberall auf dem 10. oder auf dem 11. Platz unter den nordwestlichen Regionen. Das Leben der \u00c4rmsten ist st\u00e4rker von allen wirtschaftlichen Problemen beeintr\u00e4chtigt, als das Leben aller anderen. Deshalb f\u00fchrte die Wirtschaftskrise f\u00fcr die Pskower Region zu katastrophalen Auswirkungen auf den Haushalt. Der Ausgabenteil des Haushalts f\u00fcr 2014 betrug 32 Mrd Rubel - das ist ein sehr kleiner Haushalt. Der Ausgabenteil - das sind nur die Pl\u00e4ne. Der Haushaltsplan f\u00fcr 2015 ist nur 23 Mrd Rubel. Die K\u00fcrzung der Haushaltsausgaben um 9 Mrd Rubel in nur einem Jahr - das ist eine wirtschaftliche Katastrophe.\r\n\r\nWir erleben hier einen schrecklichen Prozess, dar\u00fcber haben wir schon mal gesprochen, die Zusammenlegung von Krankenh\u00e4usern zu kreis\u00fcbergreifenden medizinischen Zentren, wobei einige Kreiskrankenh\u00e4user bald zu blo\u00dfen Ambulanzen werden k\u00f6nnen. Uns erwartet ein Prozess der idiotischen, entschuldigen Sie den Ausdruck, Zusammenlegung von Schulen mit den Kinderg\u00e4rten, der Kinderg\u00e4rten untereinander, sonstigen Bildungseinrichtungen mit Schulen, also ein Prozess der chaotischen Anpassung des Budgets an bestimmte Vorgaben, danach kommen die unausweichlichen K\u00fcrzungen. Wir haben jetzt schon F\u00e4lle, wo f\u00fcnf Kinderg\u00e4rten zu einem zusammengelegt werden, unter der Leitung von einem Direktor, dabei fragt man sich, wie diese Person die rechtliche und administrative Verantwortung f\u00fcr die Ereignisse in der Einrichtung tragen soll, in der er h\u00f6chstens einmal die\u00a0Woche auftaucht, wenn \u00fcberhaupt.\r\n\r\nDeshalb macht die Pskower Region eine schwere soziale Krise durch, die Leute sind unzufrieden. Dabei war ein Gro\u00dfteil dieser Menschen mindestens einmal im Leben bei den Nachbarn in Lettland oder Estland und sah eine andere Art des postsowjetischen Lebens. Wir haben hier Konsulaten, die Leute besuchen die Nachbarstaaten, sie haben Vergleichsm\u00f6glichkeiten. Und dieses Verst\u00e4ndnis der eigenen Armut und sozialen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit, das ist ja die reinste soziale R\u00fcckst\u00e4ndigkeit, im Vergleich zu anderen Lebensbedingungen, kann einen auf verschiedene Gedanken bringen.\r\n\r\nDie Frage ist, wem die Leute in dieser Situation die Schuld geben werden - dem \"verfluchten Europa\", dem US-Pr\u00e4sidenten Obama, der \"nachts davon tr\u00e4umt, dass die Pskower Region verarmt\", oder werden die Leute doch einen Blick in die eigene Ecke werfen, den Gouverneur, die f\u00fchrende politische Partei, den Pr\u00e4sidenten und die Regierung anschauen und sich fragen: bei dieser Machtvertikale, wer ist da f\u00fcr die Pskower Region verantwortlich?\r\n\r\n<em><strong>Sokolow<\/strong>: - Nun hat Putin Ihnen die Dieseltriebz\u00fcge zur\u00fcckgegeben- drei St\u00fcck werden verkehren.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Ja, Putin hat davon erfahren, dass praktisch in ganz Russland der Betrieb von Nahverkehrsz\u00fcgen eingestellt wurde. Im Februar hat er davon erfahren, und die ersten K\u00fcrzungen haben schon im Januar begonnen. Jetzt werden wir das Wichtigste sehen: wer und aus welchen Quellen das bezahlen wird. Ich schlie\u00dfe nicht aus, dass in 2-3 Wochen alle vor Erstaunen die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammenschlagen und sehen werden, wie die Subventionen aus dem f\u00f6deralen Budget an die Bahn steigen. Also kann Herr Jakunin durchaus glimpflich davonkommen, statt dass er die Ohren langgezogen bekommt, weil diese 15 Nahverkehrsgesellschaften wie die Blutegel an den Haushalten der russischen Regionen h\u00e4ngen und einen 20-mal h\u00f6heren Ausgleich f\u00fcr die sinkenden Einnahmen fordern - das ist der Unterschied zwischen dem sogenannten Sozialtarif und dem wirtschaftlich begr\u00fcndetem Tarif.\r\n\r\nWie die Regierung diese Situation finanziell l\u00f6sen will, ob das russische Gesetz ge\u00e4ndert wird, nach dem das Nahverkehr sich juristisch in der gemeinsamen Verantwortung der F\u00f6deration und F\u00f6derationssubjekten befindet, die finanzielle Verantwortung aber nur die Regionen tragen. Das schrieb man vor 8 Jahren bei Jakunin, das Gesetz wurde verabschiedet, Putin hat es unterschrieben. Unterschrieben ohne zu lesen, anscheinend. Das wurde zur Regierungsverordnung, Anordnungen und Anweisungen vom Verkehrsministerium und Finanzministerium, die die Regionen dazu verpflichtet hat- das hat man inzwischen vergessen- bis 2011 zum wirtschaftlich begr\u00fcndetem Tarif im Bereich Nahverkehr zu \u00fcbergehen. Heute hat man in Pskower Region den Sozialtarif 2,10 Rubel f\u00fcr Bef\u00f6rderung eines Fahrgasts pro Kilometer, und der wirtschaftlich begr\u00fcndete Tarif, den die Bahn \u00fcber die f\u00f6derale Tarifbeh\u00f6rde bestimmt, w\u00e4re aber 11,75 Rubel.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Nach undurchsichtigen Kriterien.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Nach absolut undurchsichtigen Kriterien. Deshalb muss man erst abwarten, wer auf welche Weise und mit welchem Ergebnis aus dieser Situation rauskommt.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Ich glaube trotzdem, dass der Gewinner der g\u00fctige Zar sein wird, im besten Fall werden die Bojaren schuld sein, Jakunin oder Ihr Gouverneur. Das kam schon \u00f6fter in der russischen Geschichte vor.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Dann wird das Volk erwarten, dass die K\u00f6pfe rollen. Und wenn die K\u00f6pfe nicht rollen, dann wird man wieder Fragen dem Zaren stellen. Leider dem Zaren, nicht sich selbst oder der Gesellschaft. Die meisten Fragen muss man sich selbst stellen, damit f\u00e4ngt alles in der Politik an.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong> - Ich sehe praktisch Wladimir Putin, der in Kreml mit einem Glas in der Hand steht und den Trinkspruch auf die Geduld des russischen Volkes bringt, wie einst Stalin. Glauben Sie nicht, wenn Sie von den Fragen an sich selbst sprechen, dass das Problem gerade darin liegt, dass die russische Gesellschaft sich zurzeit in einer, milde ausgedr\u00fcckt, unguten geistigen und moralischen Verfassung befindet? Sie ist verbittert, sie ist intolerant, sie \u00fcbertr\u00e4gt die Schuld von sich auf jemand anderen- Obama oder Poroschenko, also sind die Aussichten in diesem Sinne schlecht.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Die Aussichten sind immer gut, die Frage ist nur wann. Wieviel Zeit wird vergehen, wie viele Generationen, bis die Aussichten sehr gut sein werden. Durch unsere Bem\u00fchungen k\u00f6nnen wir versuchen, diesen Zeitraum zu verk\u00fcrzen. In Wirklichkeit ist die Gesellschaft intellektuell, moralisch und informationsm\u00e4\u00dfig fast durch die Propaganda zerst\u00f6rt. In letzter Zeit erinnere ich alle daran: meine Herren, Sie alle wussten und wissen von dem N\u00fcrnberger Prozess gegen Nazi-Deutschland. Der gr\u00f6\u00dfere Teil dieses Prozesses bestand in der Untersuchung dessen, wie der deutsche Staat sein Volk t\u00e4uschte und dieses Volk zu einer Bestie machte.\r\n\r\n<em><strong>Sokolow:<\/strong>\u00a0- Sie werden sagen: ja, \"ukrainische Faschisten\", wissen wir.<\/em>\r\n\r\n<strong>Schlossberg:<\/strong> - Sicherlich. Um Gottes Willen, schauen Sie alle an. Man darf nicht vergessen, dass die T\u00e4uschung der Gesellschaft, des Volkes ein Verbrechen ist, das nicht verj\u00e4hrt und das keine rein russische Dimension hat - das ist eine internationale Angelegenheit, weil es Auswirkungen auf die ganze Welt hat. Das, was jetzt mit dem Volk passiert ist, ist die Folge davon, was man ihm angetan hat.\r\n\r\nEs ist leider so \u00fcberall auf der Welt: wenn die dominierende politische Macht das Andersdenken, die Meinungsfreiheit, politische Institutionen, freie Wahlen und alles, was die Demokratie ausmacht, unterdr\u00fcckt, nimmt das immer ein b\u00f6ses Ende. Bis jetzt haben wir den Stillstandspunkt dieser Bewegung nicht erreicht. Mit blo\u00dfen H\u00e4nden versuchen wir, dieses Rad, diesen Moloch anzuhalten. Wir tun was wir k\u00f6nnen.\r\n\r\n&nbsp;\r\n\r\n<em style=\"line-height: 1.5\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.svoboda.mobi\/a\/26837275.html\">svoboda.mobi<\/a>; \u00fcbersetzt von <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/olena.kopnick?ref=ts&amp;fref=ts\">Olena K\u00f6pnick<\/a>; redaktiert von <span style=\"color: #003366\"><a style=\"color: #003366\" href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Kaspijka\">Irina Schlegel<\/a><\/span><\/em>\r\n\r\n<em>Lesen Sie zum Thema auch jene\u00a0Untersuchung zum Tod der Pskower Fallschirmj\u00e4ger in der Ukraine, die Lew Schlossberg im August 2014 in einer Pskower Zeitung ver\u00f6ffentlicht hat:<\/em> <a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/lew-schlossberg-befohlen-zu-luegen\/\">\"Lew Schlossberg- Befohlen zu l\u00fcgen\".<\/a>","amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3801","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3801"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3801\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10076,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3801\/revisions\/10076"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3808"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3801"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3801"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3801"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}