{"id":6129,"date":"2015-05-16T16:26:58","date_gmt":"2015-05-16T16:26:58","guid":{"rendered":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/?p=6129"},"modified":"2015-05-16T23:07:13","modified_gmt":"2015-05-16T23:07:13","slug":"das-bezeichnet-man-als-lustration-wie-sich-die-oeffnung-ukrainischer-archive-auf-russland-auswirken-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/das-bezeichnet-man-als-lustration-wie-sich-die-oeffnung-ukrainischer-archive-auf-russland-auswirken-wird\/","title":{"rendered":"\u00abDas bezeichnet man als Lustration\u00bb. Wie sich die \u00d6ffnung ukrainischer Archive auf Russland auswirken wird."},"content":{"rendered":"<p><em>Die Werchowna Rada verabschiedete am 9. April das Gesetz \u00ab\u00dcber den Zugang zu den Archiven der repressiven Organe des kommunistisch totalit\u00e4ren Regimes der Jahre 1917-1991\u00bb. Alle Dokumente, die im Zusammenhang mit Repressionen, Verletzungen der Menschenrechte und der Freiheit der Menschen stehen, werden dem Archiv des Ukrainischen Instituts f\u00fcr Nationales Gedenken \u00fcbergeben. Die M\u00f6glichkeit, diese zu studieren, wird jeder Interessierte erhalten, einschlie\u00dflich der russischen Historiker. Der Journalist der \u00ab<a href=\"https:\/\/meduza.io\/feature\/2015\/04\/14\/eto-i-nazyvaetsya-lyustratsiey\">Meduza<\/a>\u00bb, Alexander Borzenko, erfuhr von dem Experten f\u00fcr sowjetische Repressionen, dem Historiker\u00a0<strong>Nikita Petrow<\/strong>, was die \u00d6ffnung der ukrainischen Archive f\u00fcr Russlands Einwohner bedeutet \u2013 und warum die russischen Archive in absehbarer Zeit nicht freigegeben werden.<\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\">\u2014\u00a0<\/span><em><strong>Die \u00d6ffnung der ukrainischen Archive \u2013 wie bedeutsam ist dieses Ereignis f\u00fcr Historiker?<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000\"><span style=\"color: #000000\">\u2014\u00a0<\/span><\/span>Das ist selbstverst\u00e4ndlich ein sehr wichtiger und sehr gro\u00dfer Beschluss der Werchowna Rada \u2013 die \u00d6ffnung aller Unterlagen der Geheimdienstarchive, die auf dem ukrainischen Territorium operierten. Vieles wurde bereits unter dem ukrainischen Pr\u00e4sidenten Wiktor Juschtschenko getan, doch jetzt ist die Rede von der Freigabe aller Dokumente u.a. Agentenakten, Nachforschungsergebnisse. Ge\u00f6ffnet werden sogenannte \u00abDossiers\u00bb &#8211; von den sowjetischen Geheimdiensten gesammelte Informationen \u00fcber unbequeme B\u00fcrger.<\/p>\n<p>In der Geschichte m\u00fcssen all die zu erkennen sein, die schlechte Dinge taten. Das ist wichtig f\u00fcr die wissenschaftliche Entwicklungsarbeit und das Verst\u00e4ndnis, was die sowjetische Herrschaft, was das sowjetische repressive Regime sogar in seiner, ich w\u00fcrde sogar sagen, recht milden Form unter Breschnew und den nachfolgenden Generalsekret\u00e4ren, darstellte. Je mehr Unterlagen wir haben, umso besser k\u00f6nnen wir die Mechanismen der politischen Macht, der Beschlussfassungen und der staatlichen Unterdr\u00fcckung all dessen, was der Staat als sch\u00e4dlich, \u00fcberfl\u00fcssig und unn\u00fctz erachtete, verstehen und beurteilen. Ohne die \u00d6ffnung der Geheimdienstarchive sind diese Kenntnisse nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Es gen\u00fcgt nicht, nur die Entscheidungen der Parteien und die der Parteiorgane zu verfolgen, viele von ihnen sind \u00fcbrigens bis Heute in Russland geheim \u2013 die Archive des Staatsschutzes erw\u00e4hne ich schon gar nicht, da sie praktisch unzug\u00e4nglich f\u00fcr unabh\u00e4ngige Forscher sind. Die Ukraine macht einen wichtigen Schritt nach vorn, den viele andere Staaten des ehemaligen sozialistischen Blocks schon gemacht haben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/abf-hren.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-2289 size-full\" src=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/abf-hren.jpg\" alt=\"abf\u00fchren\" width=\"518\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/abf-hren.jpg 518w, https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/abf-hren-300x278.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 518px) 100vw, 518px\" \/><\/a><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\">\u2014\u00a0<\/span><em><b>Gibt es Episoden in der sowjetischen Periode der ukrainischen Geschichte, f\u00fcr die die Archivunterlagen ganz besonders gebraucht wurde?<\/b><\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;line-height: 1.5\">\u2014\u00a0<\/span>Archivunterlagen waren immer Mangelware. Sogar wenn wir von Ereignissen sprechen, die uns mehr oder weniger bekannt sind. Die \u00d6ffnung der Unterlagen des Staatsschutzes baut unser Wissen \u00fcber die geheimen Sprungfedern repressiver Mechanismen aus. Wir wissen, wie im Gro\u00dfen und Ganzen das eine oder andere Ereignis ablief, womit es begann und womit es endete. Wir kennen jedoch nicht alle handelnden Personen und ihre Rollen. Wom\u00f6glich werden Historiker keine globalen Entdeckungen machen, wenn sie Zugang zu neuen Unterlagen bekommen. Die Vorstellung von der Natur der sowjetischen Ordnung wird sich wohl kaum \u00e4ndern, sie hat sich bereits mehr oder weniger formiert. Doch die \u00d6ffnung der Archive ist nicht nur f\u00fcr Historiker wichtig &#8211; es ist wichtig f\u00fcr die Gesellschaft, f\u00fcr die moralische Reinigung nach dieser Periode, die wir als sowjetisch und totalit\u00e4r bezeichnen. Die Archive m\u00fcssen ge\u00f6ffnet werden, um die Rolle jedes Einzelnen aufzuzeigen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\">\u2014\u00a0<\/span><em><b>Und k\u00f6nnte sich jetzt herausstellen, dass einige Menschen der sp\u00e4ten UdSSR mit dem KGB kooperierten und nun wichtige Posten besetzen?<\/b><\/em><\/p>\n<p>&#8211; H\u00f6chstwahrscheinlich nicht. Immerhin sind nach dem Untergang der UdSSR bereits 25 Jahre vergangen. Viele der damals hochrangigen Menschen sind einfach nicht mehr am Leben. Es geht nicht darum abzurechnen, sondern um die Ansteuerung einer bestimmten, ich w\u00fcrde sagen &#8211; einer moralischen Ordnung in der Gesellschaft. Die Menschen, die heimlich mit dem sowjetischen Regime kooperierten oder heimlich schlechte Dinge taten, bestraften sich eigentlich schon vor langer Zeit innerlich. Denn sie lebten nach dem Jahr 1991 mit der st\u00e4ndigen Angst vor Entlarvung \u2014 das ist schlimmer als die Entlarvung.<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\">\u2014<\/span><em><strong>\u00a0<\/strong><\/em><em><strong>In solchen F\u00e4llen spricht man von der Gefahr des Beginns einer Hexenjagd. M\u00f6glicherweise sind die Schuldigen nicht am Leben, doch es gibt ihre Verwandten.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&#8211;\u00a0In diesem Fall ist &#8222;Hexenjagd&#8220; ein demagogischer und falscher Ansatz. Eine \u00abHexenjagd\u00bb ist die Verfolgung Unschuldiger. Es existieren in Wirklichkeit keine Hexen. Das bedeutet, dass ihre Bek\u00e4mpfung ein bewusster Kampf gegen Unschuldige auf Grundlage irgendwelcher Verd\u00e4chtigungen ist. Wir sprechen jetzt von der Freigabe vom objektiven historischen Material &#8211; Hexen haben damit nichts zu tun. Hexen wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt, in Fl\u00fcssen ertr\u00e4nkt. Da ging es um Strafe. Hier ist von keinerlei Strafe die Rede. Es wird einfach das ge\u00f6ffnet, was vor den Menschen versteckt wurde.<\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5\">Die Beziehung zwischen dem B\u00fcrger und dem Staatsschutz in der sowjetischen Zeit ist keine\u00a0private Angelegenheit der B\u00fcrger. Das wurde mit Staatsgeldern, auf Kosten der Steuerzahler, sprich im Namen des Staates, in unser aller Namen getan. Und wenn ein Offizier des Staatsschutzes die Einwilligung von jemandem zur heimlichen Zusammenarbeit erhielt, handelte er in unserem Namen und wir haben schlie\u00dflich das Recht darauf zu wissen, wie und wof\u00fcr das getan wurde, ob ebendieselben sowjetischen Gesetze gebrochen wurden (und oft stellt sich heraus, dass sie gebrochen wurden; dass die Menschen dazu gen\u00f6tigt wurden, mit den Organen des Staatsschutzes zusammenzuarbeiten). Und damit sich so etwas nicht wiederholt, m\u00fcssen solche Dinge selbstverst\u00e4ndlich in aller \u00d6ffentlichkeit gezeigt werden; was auch als Lustration bezeichnet wird.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_2260\" style=\"width: 710px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2260\" class=\"wp-image-2260 \" src=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/11.jpg\" alt=\"Igor Obrosow\" width=\"700\" height=\"666\" srcset=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/11.jpg 746w, https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/11-300x286.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-2260\" class=\"wp-caption-text\">Igor Obrosow<\/p>\n<\/div>\n<p><span style=\"color: #000000\">&#8211; <em><strong>\u00a0<\/strong><\/em><\/span><em><strong>Archiv-Unterlagen sind sehr kompliziert. Das Wissen muss doch auch noch irgendwie an das breite Publikum herantragen werden. Versteh&#8216; ich das richtig, dass die \u00d6ffnung der Archive an und f\u00fcr sich nur der erste Schritt ist?<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;line-height: 1.5\">\u2014\u00a0<\/span>Nat\u00fcrlich. In all den L\u00e4ndern, in denen die Archive ge\u00f6ffnet wurden, sind Verfahren zur Heranf\u00fchrung des Materials an die Menschen eingeleitet worden \u2013 mancherorts war das erfolgreich, anderorts nicht so sehr. Nun ja, die Ma\u00dfnahmen zur \u00d6ffnung der \u00abStasi\u00bb-Archive in Ostdeutschland sind einwandfrei. Die Justiz des neuen Deutschlands beharrt darauf, dass der Mensch gegen den die Staatssicherheit arbeitete, ein Recht darauf besitzt, es zu wissen und dabei auch das Recht besitzt zu wissen, wer ihm sein Leben erschwerte.<\/p>\n<p>\u2014 <em><b>In Russland ist die Lage mit der \u00d6ffnung der Archive eine etwas andere. Dennoch gibt es gen\u00fcgend Dokumente, die den verbrecherischen Charakter der sowjetischen Regierung und die Massenrepressionen bezeugen. Allerdings beobachten wir keinen Bruch im gesellschaftlichen Bewusstsein oder eine Meinungs\u00e4nderung im Bezug auf die sowjetische Vergangenheit.<\/b><\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;line-height: 1.5\">\u2014\u00a0<\/span>Ja, erstens w\u00fcrde ich nicht sagen, dass die Lage in Russland mit den Worten \u00abeine etwas andere\u00bb beschrieben werden kann. Sie ist radikal anders. Tats\u00e4chlich haben russische B\u00fcrger keinen Zugang zu einer riesigen Menge Archivmaterial, die den staatlichen Gewaltorganen geh\u00f6ren &#8211;\u00a0dem Innenministerium, dem Au\u00dfenministerium, dem Dienst der Au\u00dfenaufkl\u00e4rung (russischer Auslandsnachrichtendienst), dem Verteidigungsministerium, dem FSB usw. In den Beh\u00f6rden sehen wir eine geh\u00e4ssige Unlust bei der \u00d6ffnung von Dokumenten, obwohl sich diese Unlust gegen das Gesetz richtet \u2013 gegen die Gesetze \u00fcber Staatsgeheimnisse, \u00fcber die 30-j\u00e4hrige Verschlusssache und andere, die den Russen den Zugang zu den Archiven zusichern. Ich spreche schon gar nicht davon, dass ein Gesetz \u00fcber die Zollfahndung verabschiedet wurde, das die Arbeit der Agentur auf die Staatsgeheimnis-Stufe hebt \u2013 jedoch sollte es sich nicht auf \u00e4hnliche Informationen aus der sowjetischen Epoche ausweiten. Wir haben alle gesetzlichen Grundlagen daf\u00fcr, Unterlagen aus der Zeit bis 1991 zu \u00f6ffnen, doch der russische Staat w\u00fcnscht das nicht.<\/p>\n<p>&#8211; <em><strong>Aber einige Dokumente werden doch auch jetzt ver\u00f6ffentlicht?<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;line-height: 1.5\">\u2014\u00a0<\/span><span style=\"line-height: 1.5\">Ja, es wurden viele Dokumente ver\u00f6ffentlicht, einiges wird auch jetzt ver\u00f6ffentlicht, doch die Frage lautet: warum ist das nicht zur einer bestimmenden Kraft im gesellschaftlichen Bewusstsein geworden? Viele richtungsweisende Dokumente zu den verbrecherischen Entscheidungen der Sowjetmacht sind ver\u00f6ffentlicht, doch es gibt auch Details; die Rolle der einen oder anderen Person; Unterlagen, die mit der einen oder anderen Operation des Staatsschutzes oder den repressiven Kampagnen in Verbindung stehen, die nicht vollst\u00e4ndig zug\u00e4nglich sind. Denn so viele Dokumente, die den Gro\u00dfen Terror der Jahre 1937-1938 betreffen, haben n\u00e4mlich den Geheimhaltungsvermerk bedauerlicherweise beibehalten. Die russische Seite h\u00e4lt bis heute noch einige Dokumente geheim, die etwas mit Repressionen gegen B\u00fcrger anderer Staaten zu tun haben. Zum Beispiel der Beschluss \u00fcber die Einstellung des Falls Katyn, in dem klar und deutlich die Schuld des Kremls und der Sowjetunion durch die Hauptmilit\u00e4rstaatsanwaltschaft erkl\u00e4rt wird. Ungeachtet dessen gilt er als geheim, nur damit es von unserem Volk nicht gelesen wird. Damit es keine offensichtlichen Beweise und Zeugnisse f\u00fcr die sowjetischen Schuld und ihre verbrecherischen politischen Praktiken gibt.<\/span><\/p>\n<p>Das Selbe gilt f\u00fcr das Jahr 1945 \u2013 die Verbrechen, die die SMERSCH-Beh\u00f6rden ver\u00fcbten: beispielsweise im Zuge der Hetzjagd im Wald von Augustow, als 575 polnische B\u00fcrger heimlich, ohne Gericht get\u00f6tet wurden. Und bis Heute war Russland nicht freundlich genug, den Ort, an dem die Leichen dieser Get\u00f6teten genaugenommen begraben sind, bekannt zu geben. Ist dies eine Straftat? Ja, dennoch deckt Russland solche stalinistischen Verbrechen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\">&#8211; \u00a0<\/span><em><strong>Und weshalb wurde das, was ver\u00f6ffentlicht wurde, nicht zum Grund eines Umbruchs im gesellschaftlichen Bewusstsein?<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;line-height: 1.5\">\u2014\u00a0<\/span>Die Frage lautet: warum haben so wenig Menschen erkannt, dass das Sowjet-Regime ausschlie\u00dflich auf Repressionen, Angst vor Repressionen und Zwangsarbeit aufgebaut war? Die Menschen wollen ihre angenehmen Illusionen, die sie hatten, nicht verlieren: von einer gewissen konfliktfreien Vergangenheit, dar\u00fcber, dass sie sch\u00f6n war. Stalin brach die Gesetze des Landes, das er regierte. Das bedeutet \u2013 er ist ein Verbrecher, und Dokumente, die das bezeugen, gibt es zu Gen\u00fcge. Aber sind sie zur Grundlage gerichtlicher Urteile bez\u00fcglich des Sowjet-Regimes und seinen Herrschern geworden? Nein, sind sie nicht. Und in der Ukraine wurden solche Beschl\u00fcsse bereits bewilligt \u2013 in Bezug auf\u00a0Holodomor zum Beispiel.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/trauerweg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-2270 \" src=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/trauerweg.jpg\" alt=\"trauerweg\" width=\"700\" height=\"502\" srcset=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/trauerweg.jpg 800w, https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/trauerweg-300x215.jpg 300w, https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/trauerweg-768x551.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\">\u2014\u00a0<\/span><em><strong>Welchen Schwierigkeiten begegnet ein Mensch, der die Akte seiner Verwandten in russischen Archiven einsehen m\u00f6chte?<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\">&#8211;\u00a0<\/span>Wenn es um die Strafverfolgung geht, dann kann man im Falle einer Rehabilitierung dieses Verwandten die Akte bekommen und einsehen. Und noch etwas &#8211; sie h\u00e4ndigen solche Akten aus, aber oft werden wichtige Seiten verschlossen. Immer versucht man etwas zu verbergen, womit sie beim normalen B\u00fcrger ablehnende und emp\u00f6rte Reaktionen hervorrufen. Einige Menschen wurden keinen Repressionen ausgesetzt, jedoch verfolgt und in den Archiven liegen Unterlagen zu dessen Nachforschungsergebnissen. Zum Beispiel wurde der Schriftsteller Solschenizyn einfach hinausbef\u00f6rdert. Die Geheimdienste bearbeiteten den Akademiker Sacharow, den Schriftsteller Woinowitsch und viele andere &#8211; also wird man derartige Akten aus den Archiven der Staatssicherheit niemanden aush\u00e4ndigen. Sie werden sagen: wir haben kein Gesetz, das erlauben w\u00fcrde, solche Dokumente auszuh\u00e4ndigen. Bei uns wird auf Staatsebene das Recht der B\u00fcrger zu wissen, welche Massnahmen der Staatsschutz gegen sie und ihre Familie unternahm, verleugnet. Der Staat und seine Geheimnisse sind gegen\u00fcber dem Menschen h\u00f6her gestellt: wenn man dir gesagt hat, dass du das alles nicht wissen musst, bleib zu Hause und falle nicht auf.<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000\">\u2014\u00a0<\/span><em style=\"line-height: 1.5\"><strong>Und wenn der Verwandte nicht rehabilitiert wurde?<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5\">&#8211; Wenn er nicht rehabilitiert wurde, dann ist die Akte gem\u00e4\u00df dem heutigen russischen Gesetz in 75 Jahren f\u00fcr jeden einsehbar. Und bis zum Ablauf der 75-j\u00e4hrigen Frist haben die Verwandten das volle Recht auf Einsicht der Akten, um zum Beispiel einen Einspruch bei der gerichtlichen Rehabilitierung vorzubereiten. Doch leider werden die heutigen Archive alles daf\u00fcr tun, um eine derartige Akte nicht auszuh\u00e4ndigen und den Verwandten bei seiner M\u00fche f\u00fcr die Rehabilitierung zu hindern. Obwohl eigentlich vorschriftsm\u00e4\u00dfig jeder das Recht hat, selbst zu kommen und auch einen Anwalt f\u00fcr die Akteneinsicht zu schicken, da der Fall aus der Sicht des Gesetzes unk\u00fcndbar ist. Das bedeutet, dass die Anschuldigungen in Kraft bleiben, zu ihnen kann man immer zur\u00fcckkehren und sie revidieren, und daf\u00fcr m\u00fcssen die Akten auch ausgeh\u00e4ndigt werden. Jedes Mal ben\u00f6tigt man heroisches Engagement, um die b\u00fcrokratische Mauer zu durchbrechen.\u00a0Es gibt ein Gesetz, dass einem das Recht f\u00fcr Akteneinsicht von Verfolgten gew\u00e4hrt und dann gibt es Praktiken, die dieses Gesetz untergraben. Es werden einhundert Gr\u00fcnde erfunden, um ihnen diese Akten nicht zu geben. Manchmal m\u00fcssen Menschen mit gerichtlichen Mitteln dagegen vorgehen, und oft verlieren sie diese F\u00e4lle \u2013 wir kennen nicht viele davon, die gewonnen wurden.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_6135\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/05\/118.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6135\" class=\"wp-image-6135 size-full\" src=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/05\/118.jpg\" alt=\"1\" width=\"640\" height=\"420\" srcset=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/05\/118.jpg 640w, https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/05\/118-300x197.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-6135\" class=\"wp-caption-text\">Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr die Opfer des kommunistischen Terrors \u201eBykiwnja\u201c, Ukraine<\/p>\n<\/div>\n<p><i>Foto: Gleb Garinich \/ Reuters \/ Scanpix<\/i><\/p>\n<p><b>&#8211; <em>Kann denn die \u00d6ffnung der ukrainischen Archive zum Teil das Problem mit der Geheimhaltung einiger russischer Dokumente l\u00f6sen? K\u00f6nnen denn nun Historiker darauf hoffen, dass sie in den ukrainischen Archiven Papiere bekommen, die sie in Russland nicht einsehen konnten?<\/em><\/b><\/p>\n<p>&#8211; Sie k\u00f6nnen. In den ukrainischen Archiven werden Historiker diese Dokumente einsehen k\u00f6nnen. Es wird in Russland der Geheimhaltungsvermerk von solchen Papieren jedoch nicht entfernt, mit der Begr\u00fcndung, dass sie anderswo bereits freigegeben sind. Vor gar nicht so langer Zeit gab es einen Fall, bei dem der russische Historiker und Forscher Sergei Prudowski einen Antrag in die zentralen Archive des FSB f\u00fcr die Freigabe des sogenannten geschlossenen Briefes zum Charbiner Befehl von September 1937 stellte: des Briefes, der die Repressionen und die massenhaften Operationen gegen B\u00fcrger bei Verd\u00e4chtigungen in der \u00abSpionage f\u00fcr Japan\u00bb begr\u00fcndet. Das war eine Massenoperation des NKWD, wo viele-viele tausende Menschen zu Schaden kamen. Ihm wurde die Freigabe in Moskau verweigert. In Kiew wurde dieses Dokument bereits 2009 freigegeben und man kann ihn im Internet finden. Das hatte keinen Einfluss auf die Haltung des Moskauer Gerichts, das den Antrag ablehnte, die vom FSB und der innerbeh\u00f6rdlichen Kommission zum Schutz des Staatsgeheimnisses beschlossene Entscheidung zur Verl\u00e4ngerung der Geheimhaltung des \u00abgeschlossenen Briefes \u00fcber die Charbiner\u00bb als rechtswidrig anzuerkennen. Und das Oberste Gericht sagte in aller Ruhe: dieses Dokument hat keinerlei Bezug zu Repressionen. Obwohl bei der Analyse des \u00abgeschlossenen Briefes\u00bb offensichtlich wird, dass es die Ereignisse v\u00f6llig falsifiziert, die Schuld an Spionage auf ehrliche Menschen auferlegt. Denn die Menschen, die in diesem Befehl aufgez\u00e4hlt werden, sind rehabilitiert. Das bedeutet, dass die Vorw\u00fcrfe gegen sie als falsch gelten. Das hei\u00dft, dass dieses Dokument ein Zeugnis der repressiven Kampagne ist und gem\u00e4\u00df unserer Gesetzgebung freigegeben werden muss. Doch unsere russischen Gerichte scheren sich einen Dreck drum.<\/p>\n<p>&#8211; <em><strong>Aber auf was berufen sich in der Regel die Verwaltungsdienstellen der Archive und die Beh\u00f6rden? Ist es ein Privatgeheimnis oder eine Gefahr f\u00fcr die nationale Sicherheit &#8211; was ist der formelle Vorwand? Oder erkl\u00e4rt keiner etwas?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&#8211; Nein, ein Privatgeheimnis endet eben nach der 75-j\u00e4hrigen Frist. Es scheint, als h\u00e4tten die Archive nichts mehr, auf was sie sich berufen k\u00f6nnten \u2013 sie m\u00fcssen aush\u00e4ndigen. Doch sie fangen an, allerlei Tricks \u00e1 la Rechtsnormen zu erfinden, wie das Parlament 2006 bez\u00fcglich der zu den Archiven geh\u00f6renden Ermittlungsakten \u00fcber die Nicht-Rehabilitierten, mit dem eine Herausgabe von Akten an Nicht-Rehabilitierte nicht vorgesehen wird. Tats\u00e4chlich hat dieses Parlament nichts mit den Nicht-Rehabilitierten zu tun. Den Zugang zu den Akten von Nicht-Rehabilitierten regelt schlichtweg das Gesetz des Archivwesens der Russischen F\u00f6deration des Jahres 2004. Doch die Beamten, die in den Archiven sitzen, schalten das b\u00fcrokratische Unverst\u00e4ndnis ein: aber bei uns steht es hier nicht, deshalb geben wir sie nicht heraus. Nat\u00fcrlich versuchen manche besonders Verzweifelte sie mit Hilfe von Gerichten zu disziplinieren \u2013 klappt nicht immer, wie ich bereits sagte.<\/p>\n<p>&#8211; <em><strong>Inwieweit kann man die \u00d6ffnung der ukrainischen mit der \u00d6ffnung der \u00abStasi\u00bb-Archive vergleichen? Bei der \u00d6ffnung der \u00abStasi\u00bb-Archive rannten alle los, um zu erfahren wer einen denunzierte, ob nicht der Nachbar, Freund, Bruder derjenige war, der einen an die freien Mitarbeiter der \u00abStasi\u00bb verriet. Dort war die Institution der freien Mitarbeiter enorm verbreitet. Wie aktuell ist dieses Interesse jetzt \u2013 herauszufinden, wer dich denunzierte?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&#8211; Wissen Sie, wenn wir \u00fcber die sowjetische Zeit reden, ist dieses Motiv nach Ablauf der 25-j\u00e4hrigen Dauer nicht mehr erstrangig \u2013 dennoch merken wir die Tatsache an, dass die Stasi-Archive in unmittelbarer historischer N\u00e4he zum Zusammenbruch der DDR ge\u00f6ffnet wurden. Und die Archive des sowjetischen Staatsschutzes, die nun in der Ukraine ge\u00f6ffnet werden (wie ich davon in Russland tr\u00e4ume) &#8211; sie wecken heute nat\u00fcrlich kein derartig brennendes Interesse mehr. Das ist mehr ein akademisches, historisches Interesse. Aber auch ein \u00f6ffentliches Interesse, da wir uns alle an die Ereignisse der 1980er Jahre erinnern k\u00f6nnen. In der Ukraine gab es auch diese Repressionen. Eine ganze Menge Menschen waren von den T\u00e4tigkeiten des KGB betroffen. So, dass dies nicht das wichtigste Motiv sein wird. Es ist jedoch auch wichtig, leugnen darf man es nicht.<\/p>\n<p>Es stellt sich heraus, dass alle L\u00e4nder um uns herum die sowjetische Vergangenheit \u00fcberwunden haben, nur wir wollen das nicht, halten an ihr fest und finden in ihr irgendein Gut f\u00fcr eine historische Eingebung. Und das bedeutet, dass wir uns in der Vergangenheit aufhalten und der Kreml diese Nostalgie gekonnt ausnutzt, sie zu n\u00e4hren versucht &#8211; einerseits mit M\u00e4rchen \u00fcber die Sowjetische Gr\u00f6\u00dfe und anderseits mit der Ablehnung der \u00d6ffnung irgendwelcher zus\u00e4tzlicher Archiv-Sammlungen. Russland traut sich nicht, Stalin als einen Verbrecher zu bezeichnen, flirtet aber mit dem historischen Thema. Diese gedankenlose Verherrlichung des Jahres 1945, w\u00e4hrend man verstehen sollte, von welchen Opfern die Rede ist, w\u00e4hrend man verstehen sollte, von welchen politischen Regimen, die die Sowjetunion in den Staaten Osteuropas installierte, die Rede ist. Das waren repressive Regime, keiner kann uns daf\u00fcr dankbar sein und wir wundern uns: wie kann das sein \u2013 wir haben alle befreit und wir bekommen nicht einmal ein Dankesch\u00f6n? Das ist kognitive Dissonanz, wir k\u00f6nnen mit dem Gedanken \u00fcberhaupt nicht fertig werden: wie das tats\u00e4chlich in den Augen der restlichen Menschheit aussah \u2013 all das, was wir taten?<\/p>\n<p>Gest\u00f6rt sind die Logik und der gesunde Menschenverstand. Die Quelle der Macht in Russland ist das Volk. Es bildet das Staatswesen und an ihn delegiert er seine Vollmachten. Wir sind nicht f\u00fcr den Staat da, der Staat ist f\u00fcr uns da. Doch wir sind nicht die Herren in unserem Land \u2013 sie sehen doch, welche Dinge heute in Russland passieren. Haben die B\u00fcrger denn bei einem Referendum bestimmt, ein Embargo f\u00fcr aus dem Westen stammende Produkte einzuf\u00fchren? Nein, der Staat hat sie einfach begrenzt und fertig, und es ist unwichtig, ob es jemandem dadurch schlecht geht, keiner hat die B\u00fcrger gefragt, verstehen Sie? Das ist unsere heutige politische Praxis.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/05\/411.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6138 size-full\" src=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/05\/411.jpg\" alt=\"4\" width=\"505\" height=\"379\" srcset=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/05\/411.jpg 505w, https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/05\/411-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 505px) 100vw, 505px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&#8211;\u00a0<em><b>Wenn die Archive ge\u00f6ffnet werden und Historiker dorthin fahren, und es auch vern\u00fcnftig ver\u00f6ffentlicht wird, k\u00f6nnte es es irgendwie Einfluss auf das gesellschaftliche Bewusstsein nehmen? Oder ist diese Ettape bereits \u00fcberwunden?<\/b><\/em><\/p>\n<p>&#8211; Sie werden fahren und dort sein. Der wissenschaftliche Tourismus wird selbstverst\u00e4ndlich bl\u00fchen, da die \u00d6ffnung von Archiven immer ein Fest f\u00fcr Menschen ist, die sich mit Geschichte befassen. Das ist immer ein wunderbares Ereignis \u2013 seinen Horizont zu erweitern und sein Wissen zu mehren. In Russland wird momentan eine umgekehrte Tendenz beobachtet: in Russland werden Ausl\u00e4ndern bei Arbeiten in Bibliotheken und Archiven einfach Steine in den Weg gelegt, zum Beispiel wird an ihren Touristen-Visa herumgen\u00f6rgelt.<\/p>\n<p>Ich glaube, die russische Legislatur verzerrt alles Wirkliche. Wenn ein Mensch mit einem Touristenvisum eingereist ist, hat er das Recht, Museen zu besuchen. Dann ergibt sich eine Frage: warum hat er kein Recht darauf, Archive aufzusuchen? Das ist dieselbe Wissenserweiterung \u2013 ob es ein Archiv, Museum, oder eine Bibliothek ist. Das ist seine Privatsache. Er gibt ja auch Geld\u00a0f\u00fcr Kopien aus (und in unseren Archiven ist es eine teure Angelegenheit). Das gibt es in keinem anderen Land \u2013 Sie k\u00f6nnen in ein beliebiges europ\u00e4isches Land mit einem Touristenvisum einreisen und in Archiven recherchieren, Ihr Wissen erweitern.<\/p>\n<p><em>Quelle: <strong>Alexander Borzenko<\/strong> f\u00fcr <a href=\"https:\/\/meduza.io\/feature\/2015\/04\/14\/eto-i-nazyvaetsya-lyustratsiey\">meduza.io<\/a>; \u00fcbersetzt von <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/kateryna.matey?fref=ts\">Kateryna Matey<\/a>, redaktiert von <span style=\"color: #003366\"><a style=\"color: #003366\" href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Kaspijka\">Irina Schlegel<\/a>.\u00a0<\/span><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Werchowna Rada verabschiedete am 9. 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Der Journalist der \u00ab<a href=\"https:\/\/meduza.io\/feature\/2015\/04\/14\/eto-i-nazyvaetsya-lyustratsiey\">Meduza<\/a>\u00bb, Alexander Borzenko, erfuhr von dem Experten f\u00fcr sowjetische Repressionen, dem Historiker\u00a0<strong>Nikita Petrow<\/strong>, was die \u00d6ffnung der ukrainischen Archive f\u00fcr Russlands Einwohner bedeutet \u2013 und warum die russischen Archive in absehbarer Zeit nicht freigegeben werden.<\/em>\r\n\r\n<span style=\"color: #000000\">\u2014\u00a0<\/span><em><strong>Die \u00d6ffnung der ukrainischen Archive \u2013 wie bedeutsam ist dieses Ereignis f\u00fcr Historiker?<\/strong><\/em>\r\n\r\n<span style=\"color: #800000\"><span style=\"color: #000000\">\u2014\u00a0<\/span><\/span>Das ist selbstverst\u00e4ndlich ein sehr wichtiger und sehr gro\u00dfer Beschluss der Werchowna Rada \u2013 die \u00d6ffnung aller Unterlagen der Geheimdienstarchive, die auf dem ukrainischen Territorium operierten. Vieles wurde bereits unter dem ukrainischen Pr\u00e4sidenten Wiktor Juschtschenko getan, doch jetzt ist die Rede von der Freigabe aller Dokumente u.a. Agentenakten, Nachforschungsergebnisse. Ge\u00f6ffnet werden sogenannte \u00abDossiers\u00bb - von den sowjetischen Geheimdiensten gesammelte Informationen \u00fcber unbequeme B\u00fcrger.\r\n\r\nIn der Geschichte m\u00fcssen all die zu erkennen sein, die schlechte Dinge taten. Das ist wichtig f\u00fcr die wissenschaftliche Entwicklungsarbeit und das Verst\u00e4ndnis, was die sowjetische Herrschaft, was das sowjetische repressive Regime sogar in seiner, ich w\u00fcrde sogar sagen, recht milden Form unter Breschnew und den nachfolgenden Generalsekret\u00e4ren, darstellte. Je mehr Unterlagen wir haben, umso besser k\u00f6nnen wir die Mechanismen der politischen Macht, der Beschlussfassungen und der staatlichen Unterdr\u00fcckung all dessen, was der Staat als sch\u00e4dlich, \u00fcberfl\u00fcssig und unn\u00fctz erachtete, verstehen und beurteilen. Ohne die \u00d6ffnung der Geheimdienstarchive sind diese Kenntnisse nicht m\u00f6glich.\r\n\r\nEs gen\u00fcgt nicht, nur die Entscheidungen der Parteien und die der Parteiorgane zu verfolgen, viele von ihnen sind \u00fcbrigens bis Heute in Russland geheim \u2013 die Archive des Staatsschutzes erw\u00e4hne ich schon gar nicht, da sie praktisch unzug\u00e4nglich f\u00fcr unabh\u00e4ngige Forscher sind. Die Ukraine macht einen wichtigen Schritt nach vorn, den viele andere Staaten des ehemaligen sozialistischen Blocks schon gemacht haben.\r\n\r\n<a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/abf-hren.jpg\"><img class=\"aligncenter wp-image-2289 size-full\" src=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/abf-hren.jpg\" alt=\"abf\u00fchren\" width=\"518\" height=\"480\" \/><\/a>\r\n\r\n<span style=\"color: #000000\">\u2014\u00a0<\/span><em><b>Gibt es Episoden in der sowjetischen Periode der ukrainischen Geschichte, f\u00fcr die die Archivunterlagen ganz besonders gebraucht wurde?<\/b><\/em>\r\n\r\n<span style=\"color: #000000;line-height: 1.5\">\u2014\u00a0<\/span>Archivunterlagen waren immer Mangelware. Sogar wenn wir von Ereignissen sprechen, die uns mehr oder weniger bekannt sind. Die \u00d6ffnung der Unterlagen des Staatsschutzes baut unser Wissen \u00fcber die geheimen Sprungfedern repressiver Mechanismen aus. Wir wissen, wie im Gro\u00dfen und Ganzen das eine oder andere Ereignis ablief, womit es begann und womit es endete. Wir kennen jedoch nicht alle handelnden Personen und ihre Rollen. Wom\u00f6glich werden Historiker keine globalen Entdeckungen machen, wenn sie Zugang zu neuen Unterlagen bekommen. Die Vorstellung von der Natur der sowjetischen Ordnung wird sich wohl kaum \u00e4ndern, sie hat sich bereits mehr oder weniger formiert. Doch die \u00d6ffnung der Archive ist nicht nur f\u00fcr Historiker wichtig - es ist wichtig f\u00fcr die Gesellschaft, f\u00fcr die moralische Reinigung nach dieser Periode, die wir als sowjetisch und totalit\u00e4r bezeichnen. Die Archive m\u00fcssen ge\u00f6ffnet werden, um die Rolle jedes Einzelnen aufzuzeigen.\r\n\r\n<span style=\"color: #000000\">\u2014\u00a0<\/span><em><b>Und k\u00f6nnte sich jetzt herausstellen, dass einige Menschen der sp\u00e4ten UdSSR mit dem KGB kooperierten und nun wichtige Posten besetzen?<\/b><\/em>\r\n\r\n- H\u00f6chstwahrscheinlich nicht. Immerhin sind nach dem Untergang der UdSSR bereits 25 Jahre vergangen. Viele der damals hochrangigen Menschen sind einfach nicht mehr am Leben. Es geht nicht darum abzurechnen, sondern um die Ansteuerung einer bestimmten, ich w\u00fcrde sagen - einer moralischen Ordnung in der Gesellschaft. Die Menschen, die heimlich mit dem sowjetischen Regime kooperierten oder heimlich schlechte Dinge taten, bestraften sich eigentlich schon vor langer Zeit innerlich. Denn sie lebten nach dem Jahr 1991 mit der st\u00e4ndigen Angst vor Entlarvung \u2014 das ist schlimmer als die Entlarvung.\r\n\r\n<span style=\"color: #000000\">\u2014<\/span><em><strong>\u00a0<\/strong><\/em><em><strong>In solchen F\u00e4llen spricht man von der Gefahr des Beginns einer Hexenjagd. M\u00f6glicherweise sind die Schuldigen nicht am Leben, doch es gibt ihre Verwandten.<\/strong><\/em>\r\n\r\n-\u00a0In diesem Fall ist \"Hexenjagd\" ein demagogischer und falscher Ansatz. Eine \u00abHexenjagd\u00bb ist die Verfolgung Unschuldiger. Es existieren in Wirklichkeit keine Hexen. Das bedeutet, dass ihre Bek\u00e4mpfung ein bewusster Kampf gegen Unschuldige auf Grundlage irgendwelcher Verd\u00e4chtigungen ist. Wir sprechen jetzt von der Freigabe vom objektiven historischen Material - Hexen haben damit nichts zu tun. Hexen wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt, in Fl\u00fcssen ertr\u00e4nkt. Da ging es um Strafe. Hier ist von keinerlei Strafe die Rede. Es wird einfach das ge\u00f6ffnet, was vor den Menschen versteckt wurde.\r\n\r\n<span style=\"line-height: 1.5\">Die Beziehung zwischen dem B\u00fcrger und dem Staatsschutz in der sowjetischen Zeit ist keine\u00a0private Angelegenheit der B\u00fcrger. Das wurde mit Staatsgeldern, auf Kosten der Steuerzahler, sprich im Namen des Staates, in unser aller Namen getan. Und wenn ein Offizier des Staatsschutzes die Einwilligung von jemandem zur heimlichen Zusammenarbeit erhielt, handelte er in unserem Namen und wir haben schlie\u00dflich das Recht darauf zu wissen, wie und wof\u00fcr das getan wurde, ob ebendieselben sowjetischen Gesetze gebrochen wurden (und oft stellt sich heraus, dass sie gebrochen wurden; dass die Menschen dazu gen\u00f6tigt wurden, mit den Organen des Staatsschutzes zusammenzuarbeiten). Und damit sich so etwas nicht wiederholt, m\u00fcssen solche Dinge selbstverst\u00e4ndlich in aller \u00d6ffentlichkeit gezeigt werden; was auch als Lustration bezeichnet wird.<\/span>\r\n\r\n[caption id=\"attachment_2260\" align=\"aligncenter\" width=\"700\"]<a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/11.jpg\"><img class=\"wp-image-2260 \" src=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/11.jpg\" alt=\"Igor Obrosow\" width=\"700\" height=\"666\" \/><\/a> Igor Obrosow[\/caption]\r\n\r\n<span style=\"color: #000000\">- <em><strong>\u00a0<\/strong><\/em><\/span><em><strong>Archiv-Unterlagen sind sehr kompliziert. Das Wissen muss doch auch noch irgendwie an das breite Publikum herantragen werden. Versteh' ich das richtig, dass die \u00d6ffnung der Archive an und f\u00fcr sich nur der erste Schritt ist?<\/strong><\/em>\r\n\r\n<span style=\"color: #000000;line-height: 1.5\">\u2014\u00a0<\/span>Nat\u00fcrlich. In all den L\u00e4ndern, in denen die Archive ge\u00f6ffnet wurden, sind Verfahren zur Heranf\u00fchrung des Materials an die Menschen eingeleitet worden \u2013 mancherorts war das erfolgreich, anderorts nicht so sehr. Nun ja, die Ma\u00dfnahmen zur \u00d6ffnung der \u00abStasi\u00bb-Archive in Ostdeutschland sind einwandfrei. Die Justiz des neuen Deutschlands beharrt darauf, dass der Mensch gegen den die Staatssicherheit arbeitete, ein Recht darauf besitzt, es zu wissen und dabei auch das Recht besitzt zu wissen, wer ihm sein Leben erschwerte.\r\n\r\n\u2014 <em><b>In Russland ist die Lage mit der \u00d6ffnung der Archive eine etwas andere. Dennoch gibt es gen\u00fcgend Dokumente, die den verbrecherischen Charakter der sowjetischen Regierung und die Massenrepressionen bezeugen. Allerdings beobachten wir keinen Bruch im gesellschaftlichen Bewusstsein oder eine Meinungs\u00e4nderung im Bezug auf die sowjetische Vergangenheit.<\/b><\/em>\r\n\r\n<span style=\"color: #000000;line-height: 1.5\">\u2014\u00a0<\/span>Ja, erstens w\u00fcrde ich nicht sagen, dass die Lage in Russland mit den Worten \u00abeine etwas andere\u00bb beschrieben werden kann. Sie ist radikal anders. Tats\u00e4chlich haben russische B\u00fcrger keinen Zugang zu einer riesigen Menge Archivmaterial, die den staatlichen Gewaltorganen geh\u00f6ren -\u00a0dem Innenministerium, dem Au\u00dfenministerium, dem Dienst der Au\u00dfenaufkl\u00e4rung (russischer Auslandsnachrichtendienst), dem Verteidigungsministerium, dem FSB usw. In den Beh\u00f6rden sehen wir eine geh\u00e4ssige Unlust bei der \u00d6ffnung von Dokumenten, obwohl sich diese Unlust gegen das Gesetz richtet \u2013 gegen die Gesetze \u00fcber Staatsgeheimnisse, \u00fcber die 30-j\u00e4hrige Verschlusssache und andere, die den Russen den Zugang zu den Archiven zusichern. Ich spreche schon gar nicht davon, dass ein Gesetz \u00fcber die Zollfahndung verabschiedet wurde, das die Arbeit der Agentur auf die Staatsgeheimnis-Stufe hebt \u2013 jedoch sollte es sich nicht auf \u00e4hnliche Informationen aus der sowjetischen Epoche ausweiten. Wir haben alle gesetzlichen Grundlagen daf\u00fcr, Unterlagen aus der Zeit bis 1991 zu \u00f6ffnen, doch der russische Staat w\u00fcnscht das nicht.\r\n\r\n- <em><strong>Aber einige Dokumente werden doch auch jetzt ver\u00f6ffentlicht?<\/strong><\/em>\r\n\r\n<span style=\"color: #000000;line-height: 1.5\">\u2014\u00a0<\/span><span style=\"line-height: 1.5\">Ja, es wurden viele Dokumente ver\u00f6ffentlicht, einiges wird auch jetzt ver\u00f6ffentlicht, doch die Frage lautet: warum ist das nicht zur einer bestimmenden Kraft im gesellschaftlichen Bewusstsein geworden? Viele richtungsweisende Dokumente zu den verbrecherischen Entscheidungen der Sowjetmacht sind ver\u00f6ffentlicht, doch es gibt auch Details; die Rolle der einen oder anderen Person; Unterlagen, die mit der einen oder anderen Operation des Staatsschutzes oder den repressiven Kampagnen in Verbindung stehen, die nicht vollst\u00e4ndig zug\u00e4nglich sind. Denn so viele Dokumente, die den Gro\u00dfen Terror der Jahre 1937-1938 betreffen, haben n\u00e4mlich den Geheimhaltungsvermerk bedauerlicherweise beibehalten. Die russische Seite h\u00e4lt bis heute noch einige Dokumente geheim, die etwas mit Repressionen gegen B\u00fcrger anderer Staaten zu tun haben. Zum Beispiel der Beschluss \u00fcber die Einstellung des Falls Katyn, in dem klar und deutlich die Schuld des Kremls und der Sowjetunion durch die Hauptmilit\u00e4rstaatsanwaltschaft erkl\u00e4rt wird. Ungeachtet dessen gilt er als geheim, nur damit es von unserem Volk nicht gelesen wird. Damit es keine offensichtlichen Beweise und Zeugnisse f\u00fcr die sowjetischen Schuld und ihre verbrecherischen politischen Praktiken gibt.<\/span>\r\n\r\nDas Selbe gilt f\u00fcr das Jahr 1945 \u2013 die Verbrechen, die die SMERSCH-Beh\u00f6rden ver\u00fcbten: beispielsweise im Zuge der Hetzjagd im Wald von Augustow, als 575 polnische B\u00fcrger heimlich, ohne Gericht get\u00f6tet wurden. Und bis Heute war Russland nicht freundlich genug, den Ort, an dem die Leichen dieser Get\u00f6teten genaugenommen begraben sind, bekannt zu geben. Ist dies eine Straftat? Ja, dennoch deckt Russland solche stalinistischen Verbrechen.\r\n\r\n<span style=\"color: #000000\">- \u00a0<\/span><em><strong>Und weshalb wurde das, was ver\u00f6ffentlicht wurde, nicht zum Grund eines Umbruchs im gesellschaftlichen Bewusstsein?<\/strong><\/em>\r\n\r\n<span style=\"color: #000000;line-height: 1.5\">\u2014\u00a0<\/span>Die Frage lautet: warum haben so wenig Menschen erkannt, dass das Sowjet-Regime ausschlie\u00dflich auf Repressionen, Angst vor Repressionen und Zwangsarbeit aufgebaut war? Die Menschen wollen ihre angenehmen Illusionen, die sie hatten, nicht verlieren: von einer gewissen konfliktfreien Vergangenheit, dar\u00fcber, dass sie sch\u00f6n war. Stalin brach die Gesetze des Landes, das er regierte. Das bedeutet \u2013 er ist ein Verbrecher, und Dokumente, die das bezeugen, gibt es zu Gen\u00fcge. Aber sind sie zur Grundlage gerichtlicher Urteile bez\u00fcglich des Sowjet-Regimes und seinen Herrschern geworden? Nein, sind sie nicht. Und in der Ukraine wurden solche Beschl\u00fcsse bereits bewilligt \u2013 in Bezug auf\u00a0Holodomor zum Beispiel.\r\n\r\n<a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/trauerweg.jpg\"><img class=\"aligncenter wp-image-2270 \" src=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/01\/trauerweg.jpg\" alt=\"trauerweg\" width=\"700\" height=\"502\" \/><\/a>\r\n\r\n<span style=\"color: #000000\">\u2014\u00a0<\/span><em><strong>Welchen Schwierigkeiten begegnet ein Mensch, der die Akte seiner Verwandten in russischen Archiven einsehen m\u00f6chte?<\/strong><\/em>\r\n\r\n<span style=\"color: #000000\">-\u00a0<\/span>Wenn es um die Strafverfolgung geht, dann kann man im Falle einer Rehabilitierung dieses Verwandten die Akte bekommen und einsehen. Und noch etwas - sie h\u00e4ndigen solche Akten aus, aber oft werden wichtige Seiten verschlossen. Immer versucht man etwas zu verbergen, womit sie beim normalen B\u00fcrger ablehnende und emp\u00f6rte Reaktionen hervorrufen. Einige Menschen wurden keinen Repressionen ausgesetzt, jedoch verfolgt und in den Archiven liegen Unterlagen zu dessen Nachforschungsergebnissen. Zum Beispiel wurde der Schriftsteller Solschenizyn einfach hinausbef\u00f6rdert. Die Geheimdienste bearbeiteten den Akademiker Sacharow, den Schriftsteller Woinowitsch und viele andere - also wird man derartige Akten aus den Archiven der Staatssicherheit niemanden aush\u00e4ndigen. Sie werden sagen: wir haben kein Gesetz, das erlauben w\u00fcrde, solche Dokumente auszuh\u00e4ndigen. Bei uns wird auf Staatsebene das Recht der B\u00fcrger zu wissen, welche Massnahmen der Staatsschutz gegen sie und ihre Familie unternahm, verleugnet. Der Staat und seine Geheimnisse sind gegen\u00fcber dem Menschen h\u00f6her gestellt: wenn man dir gesagt hat, dass du das alles nicht wissen musst, bleib zu Hause und falle nicht auf.\r\n\r\n<span style=\"color: #000000\">\u2014\u00a0<\/span><em style=\"line-height: 1.5\"><strong>Und wenn der Verwandte nicht rehabilitiert wurde?<\/strong><\/em>\r\n\r\n<span style=\"line-height: 1.5\">- Wenn er nicht rehabilitiert wurde, dann ist die Akte gem\u00e4\u00df dem heutigen russischen Gesetz in 75 Jahren f\u00fcr jeden einsehbar. Und bis zum Ablauf der 75-j\u00e4hrigen Frist haben die Verwandten das volle Recht auf Einsicht der Akten, um zum Beispiel einen Einspruch bei der gerichtlichen Rehabilitierung vorzubereiten. Doch leider werden die heutigen Archive alles daf\u00fcr tun, um eine derartige Akte nicht auszuh\u00e4ndigen und den Verwandten bei seiner M\u00fche f\u00fcr die Rehabilitierung zu hindern. Obwohl eigentlich vorschriftsm\u00e4\u00dfig jeder das Recht hat, selbst zu kommen und auch einen Anwalt f\u00fcr die Akteneinsicht zu schicken, da der Fall aus der Sicht des Gesetzes unk\u00fcndbar ist. Das bedeutet, dass die Anschuldigungen in Kraft bleiben, zu ihnen kann man immer zur\u00fcckkehren und sie revidieren, und daf\u00fcr m\u00fcssen die Akten auch ausgeh\u00e4ndigt werden. Jedes Mal ben\u00f6tigt man heroisches Engagement, um die b\u00fcrokratische Mauer zu durchbrechen.\u00a0Es gibt ein Gesetz, dass einem das Recht f\u00fcr Akteneinsicht von Verfolgten gew\u00e4hrt und dann gibt es Praktiken, die dieses Gesetz untergraben. Es werden einhundert Gr\u00fcnde erfunden, um ihnen diese Akten nicht zu geben. Manchmal m\u00fcssen Menschen mit gerichtlichen Mitteln dagegen vorgehen, und oft verlieren sie diese F\u00e4lle \u2013 wir kennen nicht viele davon, die gewonnen wurden.<\/span>\r\n\r\n[caption id=\"attachment_6135\" align=\"aligncenter\" width=\"640\"]<a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/05\/118.jpg\"><img class=\"wp-image-6135 size-full\" src=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/05\/118.jpg\" alt=\"1\" width=\"640\" height=\"420\" \/><\/a> Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr die Opfer des kommunistischen Terrors \u201eBykiwnja\u201c, Ukraine[\/caption]\r\n\r\n<i>Foto: Gleb Garinich \/ Reuters \/ Scanpix<\/i>\r\n\r\n<b>- <em>Kann denn die \u00d6ffnung der ukrainischen Archive zum Teil das Problem mit der Geheimhaltung einiger russischer Dokumente l\u00f6sen? K\u00f6nnen denn nun Historiker darauf hoffen, dass sie in den ukrainischen Archiven Papiere bekommen, die sie in Russland nicht einsehen konnten?<\/em><\/b>\r\n\r\n- Sie k\u00f6nnen. In den ukrainischen Archiven werden Historiker diese Dokumente einsehen k\u00f6nnen. Es wird in Russland der Geheimhaltungsvermerk von solchen Papieren jedoch nicht entfernt, mit der Begr\u00fcndung, dass sie anderswo bereits freigegeben sind. Vor gar nicht so langer Zeit gab es einen Fall, bei dem der russische Historiker und Forscher Sergei Prudowski einen Antrag in die zentralen Archive des FSB f\u00fcr die Freigabe des sogenannten geschlossenen Briefes zum Charbiner Befehl von September 1937 stellte: des Briefes, der die Repressionen und die massenhaften Operationen gegen B\u00fcrger bei Verd\u00e4chtigungen in der \u00abSpionage f\u00fcr Japan\u00bb begr\u00fcndet. Das war eine Massenoperation des NKWD, wo viele-viele tausende Menschen zu Schaden kamen. Ihm wurde die Freigabe in Moskau verweigert. In Kiew wurde dieses Dokument bereits 2009 freigegeben und man kann ihn im Internet finden. Das hatte keinen Einfluss auf die Haltung des Moskauer Gerichts, das den Antrag ablehnte, die vom FSB und der innerbeh\u00f6rdlichen Kommission zum Schutz des Staatsgeheimnisses beschlossene Entscheidung zur Verl\u00e4ngerung der Geheimhaltung des \u00abgeschlossenen Briefes \u00fcber die Charbiner\u00bb als rechtswidrig anzuerkennen. Und das Oberste Gericht sagte in aller Ruhe: dieses Dokument hat keinerlei Bezug zu Repressionen. Obwohl bei der Analyse des \u00abgeschlossenen Briefes\u00bb offensichtlich wird, dass es die Ereignisse v\u00f6llig falsifiziert, die Schuld an Spionage auf ehrliche Menschen auferlegt. Denn die Menschen, die in diesem Befehl aufgez\u00e4hlt werden, sind rehabilitiert. Das bedeutet, dass die Vorw\u00fcrfe gegen sie als falsch gelten. Das hei\u00dft, dass dieses Dokument ein Zeugnis der repressiven Kampagne ist und gem\u00e4\u00df unserer Gesetzgebung freigegeben werden muss. Doch unsere russischen Gerichte scheren sich einen Dreck drum.\r\n\r\n- <em><strong>Aber auf was berufen sich in der Regel die Verwaltungsdienstellen der Archive und die Beh\u00f6rden? Ist es ein Privatgeheimnis oder eine Gefahr f\u00fcr die nationale Sicherheit - was ist der formelle Vorwand? Oder erkl\u00e4rt keiner etwas?<\/strong><\/em>\r\n\r\n- Nein, ein Privatgeheimnis endet eben nach der 75-j\u00e4hrigen Frist. Es scheint, als h\u00e4tten die Archive nichts mehr, auf was sie sich berufen k\u00f6nnten \u2013 sie m\u00fcssen aush\u00e4ndigen. Doch sie fangen an, allerlei Tricks \u00e1 la Rechtsnormen zu erfinden, wie das Parlament 2006 bez\u00fcglich der zu den Archiven geh\u00f6renden Ermittlungsakten \u00fcber die Nicht-Rehabilitierten, mit dem eine Herausgabe von Akten an Nicht-Rehabilitierte nicht vorgesehen wird. Tats\u00e4chlich hat dieses Parlament nichts mit den Nicht-Rehabilitierten zu tun. Den Zugang zu den Akten von Nicht-Rehabilitierten regelt schlichtweg das Gesetz des Archivwesens der Russischen F\u00f6deration des Jahres 2004. Doch die Beamten, die in den Archiven sitzen, schalten das b\u00fcrokratische Unverst\u00e4ndnis ein: aber bei uns steht es hier nicht, deshalb geben wir sie nicht heraus. Nat\u00fcrlich versuchen manche besonders Verzweifelte sie mit Hilfe von Gerichten zu disziplinieren \u2013 klappt nicht immer, wie ich bereits sagte.\r\n\r\n- <em><strong>Inwieweit kann man die \u00d6ffnung der ukrainischen mit der \u00d6ffnung der \u00abStasi\u00bb-Archive vergleichen? Bei der \u00d6ffnung der \u00abStasi\u00bb-Archive rannten alle los, um zu erfahren wer einen denunzierte, ob nicht der Nachbar, Freund, Bruder derjenige war, der einen an die freien Mitarbeiter der \u00abStasi\u00bb verriet. Dort war die Institution der freien Mitarbeiter enorm verbreitet. Wie aktuell ist dieses Interesse jetzt \u2013 herauszufinden, wer dich denunzierte?<\/strong><\/em>\r\n\r\n- Wissen Sie, wenn wir \u00fcber die sowjetische Zeit reden, ist dieses Motiv nach Ablauf der 25-j\u00e4hrigen Dauer nicht mehr erstrangig \u2013 dennoch merken wir die Tatsache an, dass die Stasi-Archive in unmittelbarer historischer N\u00e4he zum Zusammenbruch der DDR ge\u00f6ffnet wurden. Und die Archive des sowjetischen Staatsschutzes, die nun in der Ukraine ge\u00f6ffnet werden (wie ich davon in Russland tr\u00e4ume) - sie wecken heute nat\u00fcrlich kein derartig brennendes Interesse mehr. Das ist mehr ein akademisches, historisches Interesse. Aber auch ein \u00f6ffentliches Interesse, da wir uns alle an die Ereignisse der 1980er Jahre erinnern k\u00f6nnen. In der Ukraine gab es auch diese Repressionen. Eine ganze Menge Menschen waren von den T\u00e4tigkeiten des KGB betroffen. So, dass dies nicht das wichtigste Motiv sein wird. Es ist jedoch auch wichtig, leugnen darf man es nicht.\r\n\r\nEs stellt sich heraus, dass alle L\u00e4nder um uns herum die sowjetische Vergangenheit \u00fcberwunden haben, nur wir wollen das nicht, halten an ihr fest und finden in ihr irgendein Gut f\u00fcr eine historische Eingebung. Und das bedeutet, dass wir uns in der Vergangenheit aufhalten und der Kreml diese Nostalgie gekonnt ausnutzt, sie zu n\u00e4hren versucht - einerseits mit M\u00e4rchen \u00fcber die Sowjetische Gr\u00f6\u00dfe und anderseits mit der Ablehnung der \u00d6ffnung irgendwelcher zus\u00e4tzlicher Archiv-Sammlungen. Russland traut sich nicht, Stalin als einen Verbrecher zu bezeichnen, flirtet aber mit dem historischen Thema. Diese gedankenlose Verherrlichung des Jahres 1945, w\u00e4hrend man verstehen sollte, von welchen Opfern die Rede ist, w\u00e4hrend man verstehen sollte, von welchen politischen Regimen, die die Sowjetunion in den Staaten Osteuropas installierte, die Rede ist. Das waren repressive Regime, keiner kann uns daf\u00fcr dankbar sein und wir wundern uns: wie kann das sein \u2013 wir haben alle befreit und wir bekommen nicht einmal ein Dankesch\u00f6n? Das ist kognitive Dissonanz, wir k\u00f6nnen mit dem Gedanken \u00fcberhaupt nicht fertig werden: wie das tats\u00e4chlich in den Augen der restlichen Menschheit aussah \u2013 all das, was wir taten?\r\n\r\nGest\u00f6rt sind die Logik und der gesunde Menschenverstand. Die Quelle der Macht in Russland ist das Volk. Es bildet das Staatswesen und an ihn delegiert er seine Vollmachten. Wir sind nicht f\u00fcr den Staat da, der Staat ist f\u00fcr uns da. Doch wir sind nicht die Herren in unserem Land \u2013 sie sehen doch, welche Dinge heute in Russland passieren. Haben die B\u00fcrger denn bei einem Referendum bestimmt, ein Embargo f\u00fcr aus dem Westen stammende Produkte einzuf\u00fchren? Nein, der Staat hat sie einfach begrenzt und fertig, und es ist unwichtig, ob es jemandem dadurch schlecht geht, keiner hat die B\u00fcrger gefragt, verstehen Sie? Das ist unsere heutige politische Praxis.\r\n\r\n<a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/05\/411.jpg\"><img class=\"aligncenter wp-image-6138 size-full\" src=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2015\/05\/411.jpg\" alt=\"4\" width=\"505\" height=\"379\" \/><\/a>\r\n\r\n-\u00a0<em><b>Wenn die Archive ge\u00f6ffnet werden und Historiker dorthin fahren, und es auch vern\u00fcnftig ver\u00f6ffentlicht wird, k\u00f6nnte es es irgendwie Einfluss auf das gesellschaftliche Bewusstsein nehmen? Oder ist diese Ettape bereits \u00fcberwunden?<\/b><\/em>\r\n\r\n- Sie werden fahren und dort sein. Der wissenschaftliche Tourismus wird selbstverst\u00e4ndlich bl\u00fchen, da die \u00d6ffnung von Archiven immer ein Fest f\u00fcr Menschen ist, die sich mit Geschichte befassen. Das ist immer ein wunderbares Ereignis \u2013 seinen Horizont zu erweitern und sein Wissen zu mehren. In Russland wird momentan eine umgekehrte Tendenz beobachtet: in Russland werden Ausl\u00e4ndern bei Arbeiten in Bibliotheken und Archiven einfach Steine in den Weg gelegt, zum Beispiel wird an ihren Touristen-Visa herumgen\u00f6rgelt.\r\n\r\nIch glaube, die russische Legislatur verzerrt alles Wirkliche. Wenn ein Mensch mit einem Touristenvisum eingereist ist, hat er das Recht, Museen zu besuchen. Dann ergibt sich eine Frage: warum hat er kein Recht darauf, Archive aufzusuchen? Das ist dieselbe Wissenserweiterung \u2013 ob es ein Archiv, Museum, oder eine Bibliothek ist. Das ist seine Privatsache. Er gibt ja auch Geld\u00a0f\u00fcr Kopien aus (und in unseren Archiven ist es eine teure Angelegenheit). Das gibt es in keinem anderen Land \u2013 Sie k\u00f6nnen in ein beliebiges europ\u00e4isches Land mit einem Touristenvisum einreisen und in Archiven recherchieren, Ihr Wissen erweitern.\r\n\r\n<em>Quelle: <strong>Alexander Borzenko<\/strong> f\u00fcr <a href=\"https:\/\/meduza.io\/feature\/2015\/04\/14\/eto-i-nazyvaetsya-lyustratsiey\">meduza.io<\/a>; \u00fcbersetzt von <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/kateryna.matey?fref=ts\">Kateryna Matey<\/a>, redaktiert von <span style=\"color: #003366\"><a style=\"color: #003366\" href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Kaspijka\">Irina Schlegel<\/a>.\u00a0<\/span><\/em>","amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6129","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6129"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6129\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6149,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6129\/revisions\/6149"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6140"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6129"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6129"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6129"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}