{"id":845,"date":"2014-08-07T19:45:52","date_gmt":"2014-08-07T19:45:52","guid":{"rendered":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/?p=845"},"modified":"2018-11-05T12:55:50","modified_gmt":"2018-11-05T12:55:50","slug":"andrej-subow-putin-wird-kein-neuer-hitler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/andrej-subow-putin-wird-kein-neuer-hitler\/","title":{"rendered":"Andrej Subow: Putin wird kein neuer Hitler"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andrei_Borissowitsch_Subow\">Andrej Subow<\/a> im Interview mit Radio Svoboda, <strong>vom 14. Mai 2014<\/strong><\/p>\n<p>&#8211; <em>Russlands Vorgehen in Bezug auf die Ukraine ist ein Versto\u00df gegen jegliche internationale rechtliche Normen. Was sind das f\u00fcr Normen? Was unterscheidet diese Normen von den Normen des 19. Jahrhunderts? Inwiefern kann man hier eine historische Parallele ziehen?<\/em><\/p>\n<p>&#8211; Die Frage nach der Zul\u00e4ssigkeit einer historischen Parallele im aktuellen Kontext ist sehr wichtig, und ich habe viele Seminare diesem Thema gewidmet. Genau so, wie es keine zwei absolut identischen Menschen gibt, gibt es auch keine historischen Ereignisse, die sich vollkommen \u00e4hnlich sind. Also kann jeder sagen: \u201dDa gibt es keine vollkommene Analogie!\u201d<br \/>\nIch habe den Artikel \u201cEs war schon mal so&#8230;\u201d geschrieben, in dem ich eine Parallele gezogen habe, zwischen dem Vorgehen des faschistischen Deutschlands in Bezug auf Tschechien und dem Vorgehen des modernen Russlands in Bezug auf die Krim. N\u00e4mlich, die \u201cTerritoriensammlung\u201d, auf denen Vertreter desselben Volkes leben, wie im \u201cHauptland\u201d.<br \/>\nAlle fragen mich: Wo sind denn die Parallelen? Ich habe aber sogar schon einen Vortrag dar\u00fcber gehalten, welche Unterschiede es zwischen den Sudeten und der Krim gibt.<br \/>\nDiese Unterschiede machen es deutlich, dass Putin auf keinen Fall ein neuer Hitler werden kann. Die Situation auf der Welt ist eine ganz andere, er wird es nicht schaffen, einen dritten Weltkrieg anzuzetteln.<br \/>\nOhne Frage sind alle Parallelen relativ, aber es gibt halt welche, und es ist die Aufgabe eines Historikers, auf diese Parallelen aufmerksam zu machen. Eine andere Sache ist es, dass aus diesen \u00e4hnlichen Situationen verschiedene Auswege gibt. 1938 ist f\u00fcr Tschechien in 1939 gem\u00fcndet, die Annexion der Sudeten m\u00fcndete in der Annexion des ganzen Landes. Die Annexion der Krim kann aber zu ganz anderen Folgen f\u00fchren. Unsere (der Historiker) Aufgabe ist es, auf gef\u00e4hrliche M\u00f6glichkeiten aufmerksam zu machen, ob es aber eine Wirkung haben wird, ist vom menschlichen Willen abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>&#8211; <em>Im Zusammenhang mit den Ereignissen der letzten Monate wird der russischen Regierung nun vorgeworfen, gem\u00e4\u00df dem Naturell und der politischen Traditionen des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts zu handeln. Das System der internationalen Beziehungen hat sich aber seit jener Zeit sehr ver\u00e4ndert, und nun ist es v\u00f6llig unm\u00f6glich, die Art des damaligen Vorgehens wiederzubeleben. Sind Sie einverstanden damit?<\/em><\/p>\n<p>&#8211; Ja, bin ich. Gr\u00fcnde daf\u00fcr: der Atomwaffenbestand; ein hoher Grad an Integration der Weltwirtschaft, der finanziellen Strukturen, der es den verschiedenen L\u00e4ndern nicht mehr erlaubt, sich so gegeneinander zu stellen, wie es im 19. oder auch am Anfang des 20. Jahrhunderts m\u00f6glich war.<br \/>\nUnd die subjektive Realit\u00e4t, die eine sehr wichtige ist, sind die zwei Weltkriege, ihre katastrophale Folgen, besonders in Bezug auf die falschen Schlussfolgerungen des 1. Weltkrieges, die eben sehr schnell zu einem zweiten Weltkrieg gef\u00fchrt haben, zum Entstehen der totalit\u00e4ren Regimen in Russland, Deutschland, Italien und zum quasi-totalit\u00e4ren Regime in Japan. Das hat die westlichen Politiker nach dem Zweiten Weltkrieg gezwungen, die Folgen eines Weltkonfliktes auf eine vollkommen neue Art zu betrachten. Das System der internationalen Beziehungen von\u00a0Versailles , entstanden als das Ergebnis des Ersten Weltkrieges, war ein Schema der maximalen Schw\u00e4chung des ehemaligen Gegners. Damit er m\u00f6glichst lange nicht mal einen Finger kr\u00fcmmen kann, keine Gefahr f\u00fcr die Siegerl\u00e4nder darstellen kann. So hat man Deutschland behandelt.<br \/>\nAls 1934 klar wurde, dass Hitler einen totalit\u00e4ren Staat errichtet, hat der polnische Anf\u00fchrer \u00a0J\u00f3zef Pi\u0142sudski einen Brief an den Pr\u00e4sidenten Frankreichs geschrieben: Wir m\u00fcssen Deutschland wieder \u00fcberfallen, um es wieder zu schw\u00e4chen, denn Berlin strebt nach der Macht \u00fcber ganz Europa. Vom Standpunkt der \u201crealen Politik\u201d des 19. Jahrhunderts hatte Pilsudski m\u00f6glicherweise Recht. Aber das ist ein Weg in die Sackgasse, denn wenn man versucht, den Besiegten immer weiter zu schw\u00e4chen, wird er immer weiter versuchen, von den Knien aufzustehen, und wird eine Gefahr f\u00fcr die Anderen darstellen. Und als genau das verstanden wurde, nach dem Zweiten Weltkrieg, hat die Welt eben einen ganz anderen Weg eingeschlagen &#8211; nicht den Weg der Konfrontation, sondern den Weg der Integration. Damit Deutschland keine Gefahr mehr f\u00fcr die Welt\u00f6ffentlichkeit darstellt, hat man beschlossen, es in alle europ\u00e4ischen Strukturen zu integrieren. Und zwar so weit, dass Deutschland ein Teil des Ganzen, des Gemeinsamen, werden konnte und keine Opposition zum Gemeinsamen darstellte. Und dabei musste man dem besiegten Feind wirtschaftlich helfen, damit sich das Volk nicht wieder f\u00fcr einen neuen Hochstapler begeistert, der mal wieder eine gl\u00e4nzende Zukunft verspricht. Darum gab es anstelle der Reparationen des Ersten Weltkrieges: den Marschallplan Marschalls, wirtschaftliche Hilfe, die Aufnahme in die NATO, dann die Aufnahme in die Europ\u00e4ische Gemeinschaft f\u00fcr Kohle und Stahl, dann die Aufnahme in den gemeinsamen Europ\u00e4ischen Markt. Und gleichzeitig aber auch &#8211; die Demontage der Grundlagen eines totalit\u00e4ren Bewusstseins, also im Falle Deutschlands &#8211; die Entnazifizierung.<br \/>\n\u00dcbrigens hat man die auseinandergefallene Sowjetunion nach 1991 genauso behandelt: Man hat versucht, Russland in alle europ\u00e4ischen Strukturen zu integrieren, man hat jede m\u00f6gliche Hilfe angeboten, was man aber NICHT gemacht hat &#8211; man hat keine Entkommunisierung durchgef\u00fchrt. Russland, im Gegensatz zu Deutschland, war eben kein besetztes Land, und darum ist es auch ein Land mit post-totalit\u00e4rem Bewusstsein geblieben. Und das hat eben zum jetzigen schrecklichen Ausbruch gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>&#8211; <em>Der Zerfall der europ\u00e4ischen Imperien wurde entweder von ethnischen S\u00e4uberungen, oder von den massenhaften Emigrationen und dem Abtausch der V\u00f6lker begleitet. Der Erste Weltkrieg hatte die Bildung der zentraleurop\u00e4ischen Staaten zufolge, dann die Bildung der Sowjetunion, der neuen T\u00fcrkei; und all diese Prozesse der Phase zwischen den zwei Weltkriegen wurden von massenhaften gewaltsamen Migrationen begleitet. Der Zweite Weltkrieg hatte auch zu millionenfachen Migrationen gef\u00fchrt: von der Ukraine nach Polen; von Polen, der Tschechei und Rum\u00e4nien nach \u201cneues\u201d Deutschland. Im Grunde handelte es sich um eine gesteuerte ethnische S\u00e4uberung. Dasselbe war beim Zerfall Jugoslawiens in den 1990er Jahren der Fall. Neue Grenzen hat immer der Sieger festgesetzt, nach den Ergebnissen der ethnischen S\u00e4uberungen oder der V\u00f6lkermigrationen. Welche Garantie haben wir nun, dass dies nicht mit der Ukraine passiert?<\/em><\/p>\n<p>&#8211; Nach dem Ersten Weltkrieg hat in Europa eigentlich nicht die Idee der V\u00f6lkermigration dominiert, sondern es wurde eine akkurate Festsetzung der Grenzen durchgef\u00fchrt, nach den W\u00fcnschen der V\u00f6lker selbst. Daraus sind eben Plebiszite in Schleswig-Holstein, in K\u00e4rnten, in Schlesien, in Ostpreu\u00dfen usw. entstanden.<br \/>\nNach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein neues Prinzip im Westen aufgestellt: Wir nehmen keinen Kilometer Land von den Besiegten weg, behalten die alten Grenzen, und f\u00fchren\u00a0dabei das aus, was ich schon erw\u00e4hnt habe: Integration, Hilfestellung.\u00a0Und im Osten des Kontinents herrschte aber weiterhin die klassische Logik eines Imperiums, verbunden mit dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts: Wir ziehen die Grenze, wie wir es wollen, und schieben dann die V\u00f6lker herum, im Einklang mit diesen von uns aufgestellten Grenzen. So handelte Stalin. Das heutige europ\u00e4ische Prinzip ist hier ein drittes Prinzip: Wir ver\u00e4ndern die Grenzen nicht, siedeln keine V\u00f6lker um, gew\u00e4hren aber jeder nationalen, religi\u00f6sen und jeder anderen Minderheit die gleichen Rechten wie der Mehrheit. So z.B. hat man das Problem S\u00fcdtirols in Italien gel\u00f6st: Man hat keine Deutschen umgesiedelt, S\u00fcdtirol wurde nicht an \u00d6sterreich \u00fcbergeben, die Grenze ist die alte geblieben, aber den B\u00fcrgern (S\u00fcd-)Tirols, die es selbst bevorzugen, als Tiroler bezeichnet zu werden, hat man umfassende Rechte zugestanden. Und ich erinnere mich noch an die Zeiten, als es da Terrorakte gab, als es noch die Befreiungsarmee S\u00fcdtirols gab, als noch Blut vergossen wurde&#8230;<br \/>\nPutin hat sich tats\u00e4chlich auf den Weg \u201czwischen dem 19. Jahrhundert und Versailles\u201d begeben, als er beschlossen hat, die nationalen Territorien in einen Staat zu sammeln. Das ist eine Sackgasse, das darf man nicht, das f\u00fchrt nur zu neuen Kriegen. 70 Jahre lang haben wir gelebt und beobachtet, wie Europa sich zunehmend integriert, anstatt in sich gegen\u00fcberstehende Teile zu zerfallen. Was h\u00e4tte eine normale russische Regierung mit der Ukraine machen sollen? Sagen: Lasst uns um die russische Minderheit k\u00fcmmern. Wenn diese Minderheit es sich w\u00fcnscht &#8211; wir k\u00fcmmern uns darum, dass sie ein Recht auf russische B\u00fccher, Schulen, auf ein Studium an den russischen Universit\u00e4ten usw. bekommt. Also Tausend Dinge, die es jetzt in Europa gibt. Man k\u00f6nnte die europ\u00e4ische Charta der Rechte und Freiheiten der nationalen Minderheiten nehmen, und daraus Informationen sch\u00f6pfen. Anstelle dessen hat man einen Angriff gestartet und eine Annexion durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>&#8211; S<em>inaida Hippius (eine russische Dichterin) hat mal die baltischen Staaten \u201cdie historischen Kn\u00f6pfe\u201d genannt, welche die gro\u00dfe Politik mal an eine, mal an eine andere imperialistische Uniform ann\u00e4ht. Jetzt wurde die Ukraine eine Geisel der neuen Aufteilung von Europa. Die Bev\u00f6lkerung der Krim und der Ostukraine wurde zur Geisel der Versprechungen: im Austausch f\u00fcr eine politische Wahl verspricht man ihnen h\u00f6here Renten und L\u00f6hne, darum bedeutet der Passwechsel f\u00fcr viele eine pers\u00f6nliche \u201cgl\u00e4nzende Zukunft\u201d. Die neue ukrainische Regierung ist eine schwache Macht, und es ist unverst\u00e4ndlich, wie sie sich dem Druck des Kremls widersetzen will, was ihr positives Programm ist&#8230;<\/em><\/p>\n<p>&#8211; Jetzt ist die Ukraine nicht in der Situation, irgendwelche Programme anzubieten. Die ukrainische Regierung hat sich eigentlich sehr schnell besonnen. Wir erinnern uns ja, dass das Erste, was sie gemacht hatten, die Abschaffung des Gesetzes \u00fcber die regionalen Sprachen war, das ja eigentlich sehr nah an die europ\u00e4ische Gesetzgebung \u00fcber nationale Minderheiten angelehnt war, und dieses Gesetz sollte man eigentlich entwickeln und nicht abschaffen. Obwohl das Gesetz buchst\u00e4blich nur f\u00fcr 48 Stunden abgeschafft wurde, haben diese zwei Tage daf\u00fcr gereicht, dass die russische Propaganda diese Abschaffung noch immer, bis zum heutigen Tag, ausnutzt. Ich denke, die erste Aufgabe der ukrainischen Regierung ist es, eine rechtliche Ordnung auf ihrem Territorium zu schaffen. Gruppen von bewaffneten Menschen (faktisch Terroristen) m\u00fcssen entwaffnet werden, ohne deren Neutralisierung wird kein weiterer politischer Prozess m\u00f6glich werden. Mit diesen Menschen in Donezk und Luhansk kann man unm\u00f6glich die Sprache der politischen Charta sprechen.<br \/>\nDie Krim muss in den Zustand des ante bellum zur\u00fcckgebracht werden, in den Status quo, den die Halbinsel vor dem Krieg hatte. Und DANN kann man dar\u00fcber nachdenken, dass man wom\u00f6glich den Wunsch des Gro\u00dfteils der Bev\u00f6lkerung der Krim, Russland anzugeh\u00f6ren, ber\u00fccksichtigen sollte. Und dann soll eben unter Beobachtung der europ\u00e4ischen Strukturen ein Referendum durchgef\u00fchrt werden, wie jetzt zum Beispiel ein m\u00f6gliches Referendum in Schottland an der Tagesordnung steht.<\/p>\n<p><em>&#8211; Andrej Borisowitsch, das sind doch alles h\u00f6here Bestrebungen! Das wird alles nicht passieren&#8230;<\/em><\/p>\n<p>&#8211; Ich wei\u00df nur eins: Wenn Sachen richtig gemacht werden, dann funktionieren sie auch. Und wenn die Sachen eben falsch gemacht werden, kommt es irgendwann zu einem Bruch. Jetzt muss man fest und folgerichtig den richtigen Weg gehen. Erstmal, Ordnung und Beruhigung, und dann &#8211; ein Dialog. Gott sei Dank, es gibt die OSZE, unter Beobachtung der europ\u00e4ischen Strukturen kann man etwas machen. Auf jeden Fall muss man Putin zwingen, die Aggression gegen die Ukraine einzustellen, da hilft eben ein System der Sanktionen.<br \/>\nZweitens, man muss in der Ostukraine Ordnung schaffen, die, wie ich glaube, leicht wieder herzustellen ist, sobald die Separatisten keine Versorgung durch die \u00f6stliche Grenze mehr bekommen.<br \/>\nDrittens, man muss eine umfassende politische L\u00f6sung f\u00fcr die Ukraine ohne die Krim finden: Rechte f\u00fcr nationale Minderheiten, weitgehende Autonomie, eine Erweiterung der Selbstverwaltung, was in Kyjiw jetzt auch besprochen wird, und das ist auch richtig so. Wenn in der Ukraine, und daf\u00fcr braucht man nicht nur ein Jahr, denke ich, eine politische Ordnung wiederhergestellt wird, wenn die Schie\u00dfereien aufh\u00f6ren und daf\u00fcr aber WAHLEN anfangen, wenn die Minderheiten ihre Rechte bekommen, wenn das alles unter Beobachtung und mit Hilfe der EU geschieht, dann kann man zu der Krim-Frage zur\u00fcckkehren. Denn zweifellos m\u00fcssen die Grenzen der Ukraine wiederhergestellt werden. Das Prinzip von 1945 und den Helsinki-Konferenzen (KSZE) \u00fcber die Unver\u00e4nderlichkeit der Grenzen muss wieder hergestellt werden, in jedem Fall.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Quelle: <strong>Andrej Subow<\/strong> im Interview mit <a href=\"http:\/\/www.svoboda.org\/content\/article\/25384398.html\">svoboda.org<\/a>;\u00a0\u00fcbersetzt von <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Kaspijka\">Irina Schlegel<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrej Subow im Interview mit Radio Svoboda, vom 14. 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Mai 2014<\/strong><\/p>\r\n- <em>Russlands Vorgehen in Bezug auf die Ukraine ist ein Versto\u00df gegen jegliche internationale rechtliche Normen. Was sind das f\u00fcr Normen? Was unterscheidet diese Normen von den Normen des 19. Jahrhunderts? Inwiefern kann man hier eine historische Parallele ziehen?<\/em>\r\n\r\n- Die Frage nach der Zul\u00e4ssigkeit einer historischen Parallele im aktuellen Kontext ist sehr wichtig, und ich habe viele Seminare diesem Thema gewidmet. Genau so, wie es keine zwei absolut identischen Menschen gibt, gibt es auch keine historischen Ereignisse, die sich vollkommen \u00e4hnlich sind. Also kann jeder sagen: \u201dDa gibt es keine vollkommene Analogie!\u201d\r\nIch habe den Artikel \u201cEs war schon mal so...\u201d geschrieben, in dem ich eine Parallele gezogen habe, zwischen dem Vorgehen des faschistischen Deutschlands in Bezug auf Tschechien und dem Vorgehen des modernen Russlands in Bezug auf die Krim. N\u00e4mlich, die \u201cTerritoriensammlung\u201d, auf denen Vertreter desselben Volkes leben, wie im \u201cHauptland\u201d.\r\nAlle fragen mich: Wo sind denn die Parallelen? Ich habe aber sogar schon einen Vortrag dar\u00fcber gehalten, welche Unterschiede es zwischen den Sudeten und der Krim gibt.\r\nDiese Unterschiede machen es deutlich, dass Putin auf keinen Fall ein neuer Hitler werden kann. Die Situation auf der Welt ist eine ganz andere, er wird es nicht schaffen, einen dritten Weltkrieg anzuzetteln.\r\nOhne Frage sind alle Parallelen relativ, aber es gibt halt welche, und es ist die Aufgabe eines Historikers, auf diese Parallelen aufmerksam zu machen. Eine andere Sache ist es, dass aus diesen \u00e4hnlichen Situationen verschiedene Auswege gibt. 1938 ist f\u00fcr Tschechien in 1939 gem\u00fcndet, die Annexion der Sudeten m\u00fcndete in der Annexion des ganzen Landes. Die Annexion der Krim kann aber zu ganz anderen Folgen f\u00fchren. Unsere (der Historiker) Aufgabe ist es, auf gef\u00e4hrliche M\u00f6glichkeiten aufmerksam zu machen, ob es aber eine Wirkung haben wird, ist vom menschlichen Willen abh\u00e4ngig.\r\n\r\n- <em>Im Zusammenhang mit den Ereignissen der letzten Monate wird der russischen Regierung nun vorgeworfen, gem\u00e4\u00df dem Naturell und der politischen Traditionen des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts zu handeln. Das System der internationalen Beziehungen hat sich aber seit jener Zeit sehr ver\u00e4ndert, und nun ist es v\u00f6llig unm\u00f6glich, die Art des damaligen Vorgehens wiederzubeleben. Sind Sie einverstanden damit?<\/em>\r\n\r\n- Ja, bin ich. Gr\u00fcnde daf\u00fcr: der Atomwaffenbestand; ein hoher Grad an Integration der Weltwirtschaft, der finanziellen Strukturen, der es den verschiedenen L\u00e4ndern nicht mehr erlaubt, sich so gegeneinander zu stellen, wie es im 19. oder auch am Anfang des 20. Jahrhunderts m\u00f6glich war.\r\nUnd die subjektive Realit\u00e4t, die eine sehr wichtige ist, sind die zwei Weltkriege, ihre katastrophale Folgen, besonders in Bezug auf die falschen Schlussfolgerungen des 1. Weltkrieges, die eben sehr schnell zu einem zweiten Weltkrieg gef\u00fchrt haben, zum Entstehen der totalit\u00e4ren Regimen in Russland, Deutschland, Italien und zum quasi-totalit\u00e4ren Regime in Japan. Das hat die westlichen Politiker nach dem Zweiten Weltkrieg gezwungen, die Folgen eines Weltkonfliktes auf eine vollkommen neue Art zu betrachten. Das System der internationalen Beziehungen von\u00a0Versailles , entstanden als das Ergebnis des Ersten Weltkrieges, war ein Schema der maximalen Schw\u00e4chung des ehemaligen Gegners. Damit er m\u00f6glichst lange nicht mal einen Finger kr\u00fcmmen kann, keine Gefahr f\u00fcr die Siegerl\u00e4nder darstellen kann. So hat man Deutschland behandelt.\r\nAls 1934 klar wurde, dass Hitler einen totalit\u00e4ren Staat errichtet, hat der polnische Anf\u00fchrer \u00a0J\u00f3zef Pi\u0142sudski einen Brief an den Pr\u00e4sidenten Frankreichs geschrieben: Wir m\u00fcssen Deutschland wieder \u00fcberfallen, um es wieder zu schw\u00e4chen, denn Berlin strebt nach der Macht \u00fcber ganz Europa. Vom Standpunkt der \u201crealen Politik\u201d des 19. Jahrhunderts hatte Pilsudski m\u00f6glicherweise Recht. Aber das ist ein Weg in die Sackgasse, denn wenn man versucht, den Besiegten immer weiter zu schw\u00e4chen, wird er immer weiter versuchen, von den Knien aufzustehen, und wird eine Gefahr f\u00fcr die Anderen darstellen. Und als genau das verstanden wurde, nach dem Zweiten Weltkrieg, hat die Welt eben einen ganz anderen Weg eingeschlagen - nicht den Weg der Konfrontation, sondern den Weg der Integration. Damit Deutschland keine Gefahr mehr f\u00fcr die Welt\u00f6ffentlichkeit darstellt, hat man beschlossen, es in alle europ\u00e4ischen Strukturen zu integrieren. Und zwar so weit, dass Deutschland ein Teil des Ganzen, des Gemeinsamen, werden konnte und keine Opposition zum Gemeinsamen darstellte. Und dabei musste man dem besiegten Feind wirtschaftlich helfen, damit sich das Volk nicht wieder f\u00fcr einen neuen Hochstapler begeistert, der mal wieder eine gl\u00e4nzende Zukunft verspricht. Darum gab es anstelle der Reparationen des Ersten Weltkrieges: den Marschallplan Marschalls, wirtschaftliche Hilfe, die Aufnahme in die NATO, dann die Aufnahme in die Europ\u00e4ische Gemeinschaft f\u00fcr Kohle und Stahl, dann die Aufnahme in den gemeinsamen Europ\u00e4ischen Markt. Und gleichzeitig aber auch - die Demontage der Grundlagen eines totalit\u00e4ren Bewusstseins, also im Falle Deutschlands - die Entnazifizierung.\r\n\u00dcbrigens hat man die auseinandergefallene Sowjetunion nach 1991 genauso behandelt: Man hat versucht, Russland in alle europ\u00e4ischen Strukturen zu integrieren, man hat jede m\u00f6gliche Hilfe angeboten, was man aber NICHT gemacht hat - man hat keine Entkommunisierung durchgef\u00fchrt. Russland, im Gegensatz zu Deutschland, war eben kein besetztes Land, und darum ist es auch ein Land mit post-totalit\u00e4rem Bewusstsein geblieben. Und das hat eben zum jetzigen schrecklichen Ausbruch gef\u00fchrt.\r\n\r\n- <em>Der Zerfall der europ\u00e4ischen Imperien wurde entweder von ethnischen S\u00e4uberungen, oder von den massenhaften Emigrationen und dem Abtausch der V\u00f6lker begleitet. Der Erste Weltkrieg hatte die Bildung der zentraleurop\u00e4ischen Staaten zufolge, dann die Bildung der Sowjetunion, der neuen T\u00fcrkei; und all diese Prozesse der Phase zwischen den zwei Weltkriegen wurden von massenhaften gewaltsamen Migrationen begleitet. Der Zweite Weltkrieg hatte auch zu millionenfachen Migrationen gef\u00fchrt: von der Ukraine nach Polen; von Polen, der Tschechei und Rum\u00e4nien nach \u201cneues\u201d Deutschland. Im Grunde handelte es sich um eine gesteuerte ethnische S\u00e4uberung. Dasselbe war beim Zerfall Jugoslawiens in den 1990er Jahren der Fall. Neue Grenzen hat immer der Sieger festgesetzt, nach den Ergebnissen der ethnischen S\u00e4uberungen oder der V\u00f6lkermigrationen. Welche Garantie haben wir nun, dass dies nicht mit der Ukraine passiert?<\/em>\r\n\r\n- Nach dem Ersten Weltkrieg hat in Europa eigentlich nicht die Idee der V\u00f6lkermigration dominiert, sondern es wurde eine akkurate Festsetzung der Grenzen durchgef\u00fchrt, nach den W\u00fcnschen der V\u00f6lker selbst. Daraus sind eben Plebiszite in Schleswig-Holstein, in K\u00e4rnten, in Schlesien, in Ostpreu\u00dfen usw. entstanden.\r\nNach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein neues Prinzip im Westen aufgestellt: Wir nehmen keinen Kilometer Land von den Besiegten weg, behalten die alten Grenzen, und f\u00fchren\u00a0dabei das aus, was ich schon erw\u00e4hnt habe: Integration, Hilfestellung.\u00a0Und im Osten des Kontinents herrschte aber weiterhin die klassische Logik eines Imperiums, verbunden mit dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts: Wir ziehen die Grenze, wie wir es wollen, und schieben dann die V\u00f6lker herum, im Einklang mit diesen von uns aufgestellten Grenzen. So handelte Stalin. Das heutige europ\u00e4ische Prinzip ist hier ein drittes Prinzip: Wir ver\u00e4ndern die Grenzen nicht, siedeln keine V\u00f6lker um, gew\u00e4hren aber jeder nationalen, religi\u00f6sen und jeder anderen Minderheit die gleichen Rechten wie der Mehrheit. So z.B. hat man das Problem S\u00fcdtirols in Italien gel\u00f6st: Man hat keine Deutschen umgesiedelt, S\u00fcdtirol wurde nicht an \u00d6sterreich \u00fcbergeben, die Grenze ist die alte geblieben, aber den B\u00fcrgern (S\u00fcd-)Tirols, die es selbst bevorzugen, als Tiroler bezeichnet zu werden, hat man umfassende Rechte zugestanden. Und ich erinnere mich noch an die Zeiten, als es da Terrorakte gab, als es noch die Befreiungsarmee S\u00fcdtirols gab, als noch Blut vergossen wurde...\r\nPutin hat sich tats\u00e4chlich auf den Weg \u201czwischen dem 19. Jahrhundert und Versailles\u201d begeben, als er beschlossen hat, die nationalen Territorien in einen Staat zu sammeln. Das ist eine Sackgasse, das darf man nicht, das f\u00fchrt nur zu neuen Kriegen. 70 Jahre lang haben wir gelebt und beobachtet, wie Europa sich zunehmend integriert, anstatt in sich gegen\u00fcberstehende Teile zu zerfallen. Was h\u00e4tte eine normale russische Regierung mit der Ukraine machen sollen? Sagen: Lasst uns um die russische Minderheit k\u00fcmmern. Wenn diese Minderheit es sich w\u00fcnscht - wir k\u00fcmmern uns darum, dass sie ein Recht auf russische B\u00fccher, Schulen, auf ein Studium an den russischen Universit\u00e4ten usw. bekommt. Also Tausend Dinge, die es jetzt in Europa gibt. Man k\u00f6nnte die europ\u00e4ische Charta der Rechte und Freiheiten der nationalen Minderheiten nehmen, und daraus Informationen sch\u00f6pfen. Anstelle dessen hat man einen Angriff gestartet und eine Annexion durchgef\u00fchrt.\r\n\r\n- S<em>inaida Hippius (eine russische Dichterin) hat mal die baltischen Staaten \u201cdie historischen Kn\u00f6pfe\u201d genannt, welche die gro\u00dfe Politik mal an eine, mal an eine andere imperialistische Uniform ann\u00e4ht. Jetzt wurde die Ukraine eine Geisel der neuen Aufteilung von Europa. Die Bev\u00f6lkerung der Krim und der Ostukraine wurde zur Geisel der Versprechungen: im Austausch f\u00fcr eine politische Wahl verspricht man ihnen h\u00f6here Renten und L\u00f6hne, darum bedeutet der Passwechsel f\u00fcr viele eine pers\u00f6nliche \u201cgl\u00e4nzende Zukunft\u201d. Die neue ukrainische Regierung ist eine schwache Macht, und es ist unverst\u00e4ndlich, wie sie sich dem Druck des Kremls widersetzen will, was ihr positives Programm ist...<\/em>\r\n\r\n- Jetzt ist die Ukraine nicht in der Situation, irgendwelche Programme anzubieten. Die ukrainische Regierung hat sich eigentlich sehr schnell besonnen. Wir erinnern uns ja, dass das Erste, was sie gemacht hatten, die Abschaffung des Gesetzes \u00fcber die regionalen Sprachen war, das ja eigentlich sehr nah an die europ\u00e4ische Gesetzgebung \u00fcber nationale Minderheiten angelehnt war, und dieses Gesetz sollte man eigentlich entwickeln und nicht abschaffen. Obwohl das Gesetz buchst\u00e4blich nur f\u00fcr 48 Stunden abgeschafft wurde, haben diese zwei Tage daf\u00fcr gereicht, dass die russische Propaganda diese Abschaffung noch immer, bis zum heutigen Tag, ausnutzt. Ich denke, die erste Aufgabe der ukrainischen Regierung ist es, eine rechtliche Ordnung auf ihrem Territorium zu schaffen. Gruppen von bewaffneten Menschen (faktisch Terroristen) m\u00fcssen entwaffnet werden, ohne deren Neutralisierung wird kein weiterer politischer Prozess m\u00f6glich werden. Mit diesen Menschen in Donezk und Luhansk kann man unm\u00f6glich die Sprache der politischen Charta sprechen.\r\nDie Krim muss in den Zustand des ante bellum zur\u00fcckgebracht werden, in den Status quo, den die Halbinsel vor dem Krieg hatte. Und DANN kann man dar\u00fcber nachdenken, dass man wom\u00f6glich den Wunsch des Gro\u00dfteils der Bev\u00f6lkerung der Krim, Russland anzugeh\u00f6ren, ber\u00fccksichtigen sollte. Und dann soll eben unter Beobachtung der europ\u00e4ischen Strukturen ein Referendum durchgef\u00fchrt werden, wie jetzt zum Beispiel ein m\u00f6gliches Referendum in Schottland an der Tagesordnung steht.\r\n\r\n<em>- Andrej Borisowitsch, das sind doch alles h\u00f6here Bestrebungen! Das wird alles nicht passieren...<\/em>\r\n\r\n- Ich wei\u00df nur eins: Wenn Sachen richtig gemacht werden, dann funktionieren sie auch. Und wenn die Sachen eben falsch gemacht werden, kommt es irgendwann zu einem Bruch. Jetzt muss man fest und folgerichtig den richtigen Weg gehen. Erstmal, Ordnung und Beruhigung, und dann - ein Dialog. Gott sei Dank, es gibt die OSZE, unter Beobachtung der europ\u00e4ischen Strukturen kann man etwas machen. Auf jeden Fall muss man Putin zwingen, die Aggression gegen die Ukraine einzustellen, da hilft eben ein System der Sanktionen.\r\nZweitens, man muss in der Ostukraine Ordnung schaffen, die, wie ich glaube, leicht wieder herzustellen ist, sobald die Separatisten keine Versorgung durch die \u00f6stliche Grenze mehr bekommen.\r\nDrittens, man muss eine umfassende politische L\u00f6sung f\u00fcr die Ukraine ohne die Krim finden: Rechte f\u00fcr nationale Minderheiten, weitgehende Autonomie, eine Erweiterung der Selbstverwaltung, was in Kyjiw jetzt auch besprochen wird, und das ist auch richtig so. Wenn in der Ukraine, und daf\u00fcr braucht man nicht nur ein Jahr, denke ich, eine politische Ordnung wiederhergestellt wird, wenn die Schie\u00dfereien aufh\u00f6ren und daf\u00fcr aber WAHLEN anfangen, wenn die Minderheiten ihre Rechte bekommen, wenn das alles unter Beobachtung und mit Hilfe der EU geschieht, dann kann man zu der Krim-Frage zur\u00fcckkehren. Denn zweifellos m\u00fcssen die Grenzen der Ukraine wiederhergestellt werden. Das Prinzip von 1945 und den Helsinki-Konferenzen (KSZE) \u00fcber die Unver\u00e4nderlichkeit der Grenzen muss wieder hergestellt werden, in jedem Fall.\r\n\r\n<hr \/>\r\n\r\n<em>Quelle: <strong>Andrej Subow<\/strong> im Interview mit <a href=\"http:\/\/www.svoboda.org\/content\/article\/25384398.html\">svoboda.org<\/a>;\u00a0\u00fcbersetzt von <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Kaspijka\">Irina Schlegel<\/a><\/em>","amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/845","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/121"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=845"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/845\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28612,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/845\/revisions\/28612"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/848"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=845"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=845"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=845"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}