{"id":9149,"date":"2015-08-30T08:05:22","date_gmt":"2015-08-30T08:05:22","guid":{"rendered":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/?p=9149"},"modified":"2015-08-30T08:36:55","modified_gmt":"2015-08-30T08:36:55","slug":"ukraine-und-die-kunst-der-erschoepfung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/ukraine-und-die-kunst-der-erschoepfung\/","title":{"rendered":"Ukraine und die Kunst der Ersch\u00f6pfung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>von <strong><a href=\"http:\/\/warontherocks.com\/2015\/08\/ukraine-and-the-art-of-exhaustion\/\">Lawrence Freedman<\/a><\/strong>\u2028\u2028,\u00a0<em>\u00a0seit 1986 Professor f\u00fcr Kriegsforschung am King\u2019s College in London.<\/em><\/p>\n<p>Russlands Krieg gegen die Ukraine ist jetzt in seinem zweiten Jahr. In den Kampfzonen der Ostukraine finden immer noch regelm\u00e4\u00dfige Feuergefechte und ebenso regelm\u00e4\u00dfige t\u00f6dliche Verluste statt. Ende Juni berichteten die Vereinten Nationen, dass im vergangenen Jahr durch diesen Konflikt 6500 Menschen umgekommen sind. Zusammen mit 16.000 Verwundeten und 5 Millionen Menschen, die hilfsbed\u00fcrftig wurden. Es gab regelm\u00e4\u00dfige Warnungen vor neuen russischen Offensiven, aber stattgefunden hat noch keine. Trotz aller Anstrengungen von beiden Seiten haben sich seit letztem September die Grundkonturen des Konflikts kaum ge\u00e4ndert. Es ist nicht ersichtlich, dass eine der beiden Seiten eine Strategie hat, die den Konflikt beenden k\u00f6nnte. Die Situation kann beschrieben werden als eine, in der beide Seiten die Ersch\u00f6pfung der jeweils anderen suchen. Dabei ist Ersch\u00f6pfung nicht so sehr ein Zustand, der auf der physikalischen Unf\u00e4higkeit zur Fortsetzung der Anstrengungen beruht, sondern der eher einem Geisteszustand im Sinne von M\u00fcdigkeit und Aussichtslosigkeit entspricht, der dazu f\u00fchrt, einen zuvor abgelehnten politischen Kompromiss anzustreben. Ersch\u00f6pfung kann also nicht nur das Ergebnis von Frustration bez\u00fcglich einer milit\u00e4rischen Lage sein, sondern auch seine Ursache in wirtschaftlichem Druck und politischer Unzufriedenheit haben.<\/p>\n<p>Es ist nicht ungew\u00f6hnlich, dass sich Konflikte nach einer Anlaufzeit von gr\u00f6\u00dferen Bewegungen und Landgewinnen bis auf Sondierungen und kleinere Vorst\u00f6\u00dfe beruhigen, wenn beide Seiten einen Punkt der Erm\u00fcdung erreicht haben und nicht bereit sind, sich dies einzugestehen. In solchen Situationen kann es sehr wohl zu Versuchen kommen, mit gelegentlichen Offensiven Durchbr\u00fcche zu erzielen oder zumindest eine gewisse Zerm\u00fcrbung zu erreichen. Es kann auch sein, wie in diesem Fall, dass Dritte versuchen einen Waffenstillstand und Friedensvertr\u00e4ge zu vermitteln. Ein Konflikt, der den Status eines &#8222;Stillstands mit gegenseitigen Unterbrechungen&#8220; erreicht hat, wird h\u00e4ufig als reif f\u00fcr eine Verhandlungsl\u00f6sung angesehen. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Bem\u00fchungen unbedingt Erfolg haben: sie k\u00f6nnen stattdessen den Zweck haben zu einer Atempause zu kommen um eine Chance zur R\u00fcckgewinnung verbrauchter Energie zu nutzen und so am Ende den Kampf zu verl\u00e4ngern.<\/p>\n<p>F\u00fcr Strategie-Studenten sind solche Situationen tendenziell eher von geringem Interesse. Hier gibt es ein weit gr\u00f6\u00dferes Interesse an \u00dcberraschungsangriffen und Vernichtungsschl\u00e4gen oder an Abschreckung und pr\u00e4ventiven Ma\u00dfnahmen. Doch die Milit\u00e4rgeschichte ist voll mit Beispielen, in denen Staaten sich mit den Folgen milit\u00e4rischer Initiativen auseinandersetzen mussten, die nicht so viel gebracht haben wie man erhoffte, oder die bei Abwehrk\u00e4mpfen Verluste hinnehmen mussten, ohne das zur\u00fcckzugewinnen, was bereits vorher einmal eingenommen wurde. Der russisch-ukrainische Krieg passt in dieses Muster und bietet so die M\u00f6glichkeit, diesen weniger glamour\u00f6sen und mehr entmutigenden Aspekt dieses modernen Konflikts zu untersuchen. In diesem Aufsatz ist es f\u00fcr mich von besonderem Interesse festzustellen, ob eine Strategie der Ersch\u00f6pfung unter diesen Umst\u00e4nden m\u00f6glich ist. Und zwar mit dem Ziel, durch absichtliche Ma\u00dfnahmen den psychischen Zustand des Gegners zu beeinflussen und so Kompromisse zu erreichen, die \u00fcber eine reine Verhandlungsl\u00f6sung nicht zu erreichen w\u00e4ren. Die Idee der Strategie der Ersch\u00f6pfung hat einen respektablen Stammbaum in der Literatur. Sie tendiert aber weniger dahin, in ihr einen optimalen Weg zum Sieg zu sehen, als aus einem schlechten Job das Beste zu machen. Daf\u00fcr gibt es einen guten Grund: es ist schwierig, die genauen Auswirkungen der Ma\u00dfnahmen auszurechnen, die mit dem notwendigen Druck auf den politischen Willen des Anderen einwirken.<\/p>\n<p>Dieser Aufsatz ist der dritte Teil meiner Darstellung des russisch-ukrainischen Krieges, die ich im M\u00e4rz 2014 mit einem Aufsatz \u00fcber die Urspr\u00fcnge des Krieges im Februar 2014 und die Entwicklung nach dem pl\u00f6tzlichen Abgang des ehemaligen Pr\u00e4sidenten Janukowitsch in Kiew begann. Ein zweiter Aufsatz, der im Oktober 2014 ver\u00f6ffentlicht wurde, befasst sich mit der Zeit bis zur Unterzeichnung des September-Abkommens von Minsk und dem NATO-Gipfel in Cardiff. Beide \u00fcbernahm ich in l\u00e4ngeren Aufs\u00e4tzen, die von der Fachzeitschrift <em>\u201eSurvival, Global Politics and Strategy\u201c<\/em> ver\u00f6ffentlicht wurden. Gegenstand dieser Ausarbeitung sind die Ereignisse seitdem, einschlie\u00dflich des zweiten Abkommens von Minsk, das schlechter eingesch\u00e4tzt wird als das Erste.<\/p>\n<p>In diesen fr\u00fcheren Aufs\u00e4tzen, versuchte ich auch den aktuellen Stand in diesem Konflikt durch Hinweise auf ein vertrautes strategisches Konzept unter Ber\u00fccksichtigung von Krisenmanagement und der Annahme eines begrenzten Krieges zu erkl\u00e4ren. Diese Konzepte lassen sich bis ins 18. Jahrhundert zur\u00fcckverfolgen. Damals war der Krieg ein anerkanntes und eigenst\u00e4ndiges Mittel zur Regelung der Beziehungen zwischen Staaten. Ihn nachhaltig zu begrenzen wurde mit der Reichweite, der T\u00f6dlichkeit und der Demokratisierung des Krieges immer schwieriger. Dies erm\u00f6glichte die Mobilisierung von Massen und das Anstreben von Zielen, die von starken volkst\u00fcmlichen Gef\u00fchlen gepr\u00e4gt wurden. Die Idee eines begrenzten Krieges wurde vor dem Hintergrund der Risiken einer nuklearen Katastrophe in den fr\u00fchen Phasen des Kalten Krieges wieder aufgegriffen und verfeinert. Die Herausforderung war dann, die Unsicherheit des \u00dcbergangs in einen Hei\u00dfen Krieg mit dem Wunsch in Einklang zu bringen, nicht auf lebenswichtige Interessen verzichten zu m\u00fcssen. Als Ergebnis nahmen Krise und Krieg Formen eines t\u00f6dlichen Kuhhandels an, der auf die Maximierung der Gewinne bei gleichzeitiger Minimierung der Risiken ausgerichtet war. Die Kunst bei dieser Methode hing davon ab, ob man in der Lage war, begrenzte Kr\u00e4fte einzusetzen, glaubw\u00fcrdige Bedrohungen aufzubauen und die diplomatische Kommunikation aufrechtzuerhalten, um so einen dauerhaften politische Vorteil zu erhalten. Milit\u00e4rische Ma\u00dfnahmen m\u00fcssen mit Verhandlungen synchronisiert werden, damit die emotionale Hitze des Krieges und die kalten Berechnungen auf der gleichen Ebene stattfinden k\u00f6nnen, die zwar notwendig ist um einen Deal auszuhandeln, auf der sie aber nicht gerade einfach nebeneinander existieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diese Herausforderungen beherrschten in den ersten sechs Monaten die ukrainische Krise deutlich. Heftige K\u00e4mpfe und die damit verbundenen wirtschaftlichen Kosten waren ausreichend, um den Wunsch nach einem Waffenstillstand entstehen zu lassen. Es reichte aber nicht daf\u00fcr, die Voraussetzungen f\u00fcr eine langfristige Vereinbarung zu schaffen, welche die wichtigsten Akteure h\u00e4tte befriedigen k\u00f6nnen. Ohne eine solche Vereinbarung aber w\u00fcrde ein Waffenstillstand schwer aufrecht zu halten sein, weshalb es besser war, mit dem Konflikt zu leben, als unwiderrufliche Kompromisse einzugehen. Also wird die Pattsituation fortgesetzt. Von den westlichen L\u00e4ndern unterst\u00fctzt, fordert die Ukraine die R\u00fcckgabe der besetzten Gebiete. Russland verlangt von der Ukraine, sich mit der neuen Realit\u00e4ten abzufinden, die Annexion der Krim anzuerkennen und direkt mit der separatistischen Gruppen \u00fcber eine neue Verfassungsl\u00f6sung zu verhandeln. Keine der beiden Seiten hat vollst\u00e4ndig mobilgemacht. Beide haben erhebliche Mittel in Reserve. Angesichts dieser scheinbaren Sackgasse, hat sich die Aufmerksamkeit nichtmilit\u00e4rischen Formen des Drucks zugewendet, insbesondere den Wirtschaftssanktionen.<\/p>\n<p>Um ihre Position \u00fcber einen l\u00e4ngeren Kampf aufrechterhalten zu k\u00f6nnen versuchen die Kriegf\u00fchrenden den Mangel an Bewegung in der Mitte des Konflikts mit Spekulationen \u00fcber erhebliche geopolitische Verschiebungen zu kombinieren. Dazu geh\u00f6rt die russische Ann\u00e4herung an China, w\u00e4hrend neutrale Europ\u00e4er wie Schweden und Finnland sich um einen NATO-Beitritt bem\u00fchen. Dies k\u00f6nnte voraussichtlich den Bem\u00fchungen, den Konflikt zu l\u00f6sen oder zumindest seine weitere Ausdehnung zu begrenzen eine gr\u00f6\u00dfere Dringlichkeit geben. Im Augenblick jedoch zeigt keines der kriegf\u00fchrenden L\u00e4nder Anzeichen chronischer M\u00fcdigkeit, w\u00e4hrend die Gro\u00dfm\u00e4chte entweder von anderen gro\u00dfen und komplizierten internationalen Fragen abgelenkt sind oder einfach keine neuen Ideen mehr haben. Die offensichtliche Grundlage f\u00fcr eine L\u00f6sung k\u00f6nnte man in den Vereinbarungen von Minsk sehen. Aber deren inh\u00e4rente Konstruktionsfehler verlangen, dass eine Seite ihre Kernposition aufgeben muss, damit ein dauerhafter Deal zustande kommt.<\/p>\n<p>Die Frage, wie gut beide Seiten mit einem Konflikt zu Recht kommen, der offensichtlich kein erkennbares Ende hat, bringt uns zur\u00fcck zum Konzept der Ersch\u00f6pfung. Dies ergibt sich meines Erachtens weitgehend aus der Geschichte des genauso ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten wie auch untergeordneten Konzepts der Abnutzung, weshalb ich es auf die Situation in der Ukraine anwende. Im Ergebnis gehe ich davon aus, dass eine Strategie der Ersch\u00f6pfung eher gut ist f\u00fcr die Ukraine als f\u00fcr Russland.<\/p>\n<p>Der deutsche Milit\u00e4rhistoriker Hans Delbr\u00fcck unterschied zwischen zwei Grundformen einer milit\u00e4rischen Strategie. Mit \u201eNiederwerfungsstrategie\u201c meinte er eine Strategie, die eine feindliche Armee niederschlagen und durch eine entscheidende Schlacht als k\u00e4mpfende Einheit eliminieren w\u00fcrde, mit der Folge, dass dem feindlichen Staat keine andere Wahl bleibt als die Kapitulation. Dies wird normalerweise als Vernichtungsstrategie bezeichnet. Als Alternative sah er eine Strategie der Ersch\u00f6pfung, die er \u201eErmattungsstrategie\u201c nannte. Bei dieser Strategie kann das Ende eines Krieges nicht nur durch eine Vielzahl von Mitteln, einschlie\u00dflich des Kampfes, erreicht werden, sondern auch durch wirtschaftlichen Druck wie etwa eine Blockade. Sie war kein Mittel zur Vermeidung von Schlachten, sondern beruhte auf der Anerkennung der Tatsache, dass Schlachten nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss sein m\u00fcssen. Vielmehr h\u00e4tten sie eine kumulative Wirkung als Teil der Bem\u00fchungen, den Feind zu zerm\u00fcrben. Delbr\u00fcck schrieb das im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert und legte sich mit der gesamten deutschen milit\u00e4rischen F\u00fchrungselite an, die ganz auf die Idee fixiert war, eine entscheidende Schlacht zu schlagen. Delbr\u00fcck warnte davor, dass, ganz im Gegensatz zu den Vorlieben eines Generalstabs, die tats\u00e4chlichen Bedingungen von den Pl\u00e4nen abweichen k\u00f6nnen und der Krieg einen ganz anderen Verlauf nehmen k\u00f6nnte als vorgesehen.<\/p>\n<p>&#8222;Ermattungsstrategie\u201c wurde auch als Abnutzungsstrategie \u00fcbersetzt, und es war die Abnutzung, die das prominentere Konzept wurde. Dennoch ver\u00e4nderte sich ihre Bedeutung im Laufe des 20. Jahrhunderts. Im Lichte der Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, in dem beide Seiten der Westfront die Abnutzung ausdr\u00fccklich als Strategie einsetzten, stellte sie einen harten und erbarmungslosen Weg zur Maximierung von Verlusten dar. Sie spiegelte das Scheitern wieder, auf k\u00fcrzestem Weg zum Sieg zu kommen mit der Folge, dass nichts anderes \u00fcbrig blieb, als dem Gegner Verluste zuzuf\u00fcgen, die keine Entscheidung bringen konnten. Auch wenn das bedeutete, dass man selbst schwere Verluste hinnehmen musste. Der Sieg geh\u00f6rte der Seite, die am besten mit der \u201eVerlustrate\u201c umgehen konnte. Es gab auch einen engeren Gebrauch der Abnutzung, der in Versuchen bestand, die feindlichen Kr\u00e4fte vor einer bevorstehenden Schlacht zu schw\u00e4chen. Zum Beispiel durch das Belegen vorgeschobener Stellungen des Feindes mit Artilleriefeuer, um sie dann mit einer vorr\u00fcckenden Armee \u00fcberw\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen. Das war die Idee hinter der Schlacht an der Somme im Sommer 1916. Sie erforderte sorgf\u00e4ltige Koordination von Beschuss und Vorw\u00e4rtsbewegung der Bodentruppen. Leider gab es in diesem Plan keine Gelegenheit, die Wirksamkeit des Artilleriefeuers vor Beginn des Angriffs einzusch\u00e4tzen. Das war eine Schwachstelle, die sich an der Somme am 1. Juli 1916 auf schmerzhafte Weise offenbarte.<\/p>\n<p>Die Idee der Abnutzung konnte sich weder im weiteren noch im engeren Sinne nie ganz von der Unterstellung einer vors\u00e4tzlichen Inkaufnahme eines Gemetzels l\u00f6sen, dem Wunsch also, aus Mangel an einer Alternative dem Feind maximale Verluste zuzuf\u00fcgen. Die strategischen Theoretiker der Zwischenkriegszeit, wie Basil Liddell Hart, suchten nach Wegen, um Kriege ohne Massenmord durch \u00dcberlistung des Gegners zu gewinnen. Es sollten Vorteile durch Man\u00f6ver erreicht werden, die den Feind \u00fcberraschten und in einen Zustand der Desorientierung versetzten. Es war zwingend geboten, Frontalangriffe gegen einen gut vorbereiteten Gegner zu vermeiden. In Kriegen, die sich aufgrund der Ressourcen der Kriegf\u00fchrenden voraussichtlich lange hinziehen w\u00fcrden, war es am besten, Menschenleben zu schonen und nicht in sinnlosen Meter-f\u00fcr-Meter-K\u00e4mpfen zu verschwenden. Diese Erfahrung zeigte, zusammen mit der des Zweiten Weltkriegs, der mehr ein Krieg der Bewegung war, dass Abnutzung untrennbar mit einer Schlacht verbunden und eben nicht als eine Alternative dazu zu sehen war.<\/p>\n<p>So entwickelte sich die Unterscheidung zwischen beweglichen Angriffen und Abnutzungsangriffen zu verschiedenen M\u00f6glichkeiten des Kampfes weiter. Der Ruf, den sich die Abnutzungsstrategie als gef\u00fchlloser und einfallsloser Ansatz zur Kriegsf\u00fchrung erworben hat, wurde im Koreakrieg verst\u00e4rkt, nachdem 1951 ein Patt erreicht wurde. Und danach wieder in Vietnam, als die Vereinigten Staaten nach einem Weg suchten, einen hartn\u00e4ckigen Gegner zu besiegen. Die intuitive L\u00f6sung in Vietnam schien es zu sein, so viele feindliche Kr\u00e4fte zu vernichten, wie mit \u00fcberlegener Feuerkraft m\u00f6glich war. In der Hoffnung, dass Hanoi irgendwann milit\u00e4risch nichts mehr ausrichten k\u00f6nnte und deshalb entscheiden w\u00fcrde, dass sich die Unterst\u00fctzung des Aufstands im S\u00fcden nicht mehr lohnt. Diese Haltung, symbolisiert durch die Konzentration auf das &#8222;Leichenz\u00e4hlen&#8220;, wurde von den milit\u00e4rischen Reformern in den Vereinigten Staaten in den 1970er Jahren mit Verachtung gestraft. Die Reformer dr\u00e4ngten darauf, dass die Vereinigten Staaten die operative Kunst wieder entdeckten und die Abnutzung als minderwertige Form der Strategie \u00e4chteten. Sie boten die bewegliche Operation als sehr viel attraktivere Alternative an. Diese Karikatur der Abnutzungsstrategie pr\u00e4sentierten sie als eine verzerrte Denkweise, die von einem faulen Vertrauen auf Feuerkraft und der systematische Zerst\u00f6rung von bekannten Zielen ausging, was f\u00fcr einen talentierten Gegner hinreichend vorhersehbar war und leicht abgewehrt werden konnte. All dies spiegelt die Tendenz zur Offensive wieder, die mehr Gegenstand des klassischen strategischen Denkens mit seiner Vorliebe f\u00fcr dramatische Man\u00f6ver, rasche Vorst\u00f6\u00dfe und Vernichtungsschl\u00e4gen ist.<\/p>\n<p>Die Abnutzungsstrategie wurde zum Waisenkind der Strategie, verh\u00f6hnt f\u00fcr seine Duldung von Verlusten, seinen Mangel an Spritzigkeit und Ehrgeiz und f\u00fcr seinen unklaren Weg zum Sieg. Kein prominenter Theoretiker gab sich als Verfechter der Abnutzungsstrategie zu erkennen, w\u00e4hrend Praktiker, die sie oft positiv beurteilten, Wert auf die Feststellung legten, dass sie dies nur widerwillig tun w\u00fcrden. In den seltenen F\u00e4llen, in denen sie von Anfang an als eine bewusste Strategie angewendet wurde, waren die Ergebnisse beeindruckend. Ein expliziter &#8222;Zerm\u00fcrbungskrieg&#8220; wurde vom \u00e4gyptischen F\u00fchrer Gamal Abdel Nasser im M\u00e4rz 1969 begonnen. Er glaubte, dass die Israelis nicht damit klar kommen w\u00fcrden, wenn ihre auf der einen Seite des Suezkanals stationierten Streitkr\u00e4fte regelm\u00e4\u00dfige Verluste als Folge regelm\u00e4\u00dfigen Artillerie-Beschusses erlitten. Er hoffte, sie so davon \u00fcberzeugen zu k\u00f6nnen, aus dem Kanal-Bereich abzuziehen. Die Israelis reagierten mit Luftangriffen tief ins Hinterland, in der Hoffnung, dass dies zum Sturz Nasser\u2018s f\u00fchren w\u00fcrde. Dieser Krieg endete im August 1970 mit einem Waffenstillstand. Israel blieb in seinen Stellungen und Nasser war immer noch an der Macht (obwohl er einen Monat sp\u00e4ter starb). Der n\u00e4chste, im Oktober 1973 von \u00c4gypten begonnene Krieg, war um einiges mutiger.<\/p>\n<p>Carter Malkasian, einer der seltenen Sch\u00fcler der Abnutzungsstrategie, hat argumentiert, dass diese Strategie weit mehr einschlie\u00dft als sinnlose Artillerieduelle. M\u00f6glich sind auch \u201egut vorbereitete R\u00fcckz\u00fcge, begrenzte Bodenoffensiven, Frontalangriffe, Patrouillen, sorgf\u00e4ltige Verteidigung, Taktiken der verbrannten Erde, Guerilla-Kriegf\u00fchrung, Luftangriffe, Artilleriefeuer oder \u00dcberf\u00e4lle.&#8220; Erfolgreiche Abnutzungs-Kampagnen sind m\u00f6glich, weil sie den Feind durch einen Prozess zerm\u00fcrben, der sich stufenweise, Schritt f\u00fcr Schritt und lange hinzieht. Es besteht die M\u00f6glichkeit, den Krieg mit einem Kampf zu beenden, den der Feind nicht mehr bew\u00e4ltigen kann oder aber mit Verhandlungen. Solche Strategien funktionieren am besten, stellte er fest, mit begrenzten Zielen. Seinen Fallstudien lagen jedoch Kampagnen aus gr\u00f6\u00dferen Kriegen zugrunde &#8211; zum Beispiel Gro\u00dfbritanniens Burma-Kampagne gegen die Japaner 1942-44 und die sp\u00e4teren Phasen des Koreakrieges.<\/p>\n<p>Man kommt eine Schritt weiter, wenn man unterscheidet zwischen der Abnutzung als einer Strategie auf der Grundlage der Beeinflussung des physischen Zustandes des Gegners und der Ersch\u00f6pfung als einer Beeinflussung der psychischen Verfassung des Gegners. Die Vorschl\u00e4ge von J. Boone Bartholomees Jr. gehen in diese Richtung. Er legt Abnutzung im engeren Sinne aus als ein Zuf\u00fcgen von Verlusten so lange, bis ein Gegner nicht mehr in der Lage ist, sich zu verteidigen. Demgegen\u00fcber bedeutet Ersch\u00f6pfung den Willen des Feindes zur Fortsetzung des Kampfes zu untergraben. Und zwar dadurch, dass er seine urspr\u00fcnglichen Motive ablehnt und die wirtschaftliche Leistungsf\u00e4higkeit durch Mittel wie etwa eine Blockade vermindert wird. Wir k\u00f6nnen die Abnutzungsstrategie beschreiben als eine fortschreitende Erosion der Leistungsf\u00e4higkeit des Feindes, was bedeutet, dass sie die Folge eines anhaltenden milit\u00e4rischen Engagements sein kann. Dies kann einen Feind so schw\u00e4chen, dass er K\u00e4mpfe verliert, aber auch als eine nachgeordnete Folge seinen politischen Willen untergraben. Im Gegensatz dazu k\u00f6nnen wir Ersch\u00f6pfung als einen strategischen Effekt beschreiben, der gekennzeichnet ist durch einen fortschreitenden Verlust von Leistungsf\u00e4higkeit, Energie, Engagement und eventuell politischem Willen. Dieser Effekt kann durch Abnutzung verursacht werden, aber auch durch andere Ma\u00dfnahmen wie St\u00f6rung der Wirtschaftst\u00e4tigkeit und erschwertem Zugang zu Lieferungen.<\/p>\n<p>Bartholomees stellt fest, dass, wenn jemand Abnutzung oder Ersch\u00f6pfung in Betracht zieht, sich sehr wahrscheinlich als st\u00e4rker entweder die \u00fcberlegene Feuerkraft oder die \u00fcberlegenen Ressourcen durchsetzen werden. Man kann erkennen, warum dies im Sinne des Verlustes an Leistungsf\u00e4higkeit bei der Abnutzungsstrategie der Fall ist. Die Seite mit der besseren Leistungsf\u00e4higkeit \u00fcbernimmt die Spitze. Die Ersch\u00f6pfungsstrategie unterscheidet sich davon, weshalb es eine Strategie ist, die den Schw\u00e4cheren beg\u00fcnstigt. Wegen der geringeren Ressourcen hat der Schw\u00e4chere kein Interesse an einer regul\u00e4ren Schlacht. Sein Interesse liegt stattdessen darin, auf Zeit zu spielen. F\u00fcr die schw\u00e4chere Partei &#8211; zum Beispiel eine irregul\u00e4re Armee, die gegen eine Invasion oder eine Unterdr\u00fcckung k\u00e4mpft \u2013 besteht die Herausforderung darin, im Spiel zu bleiben, was es erforderlich machen kann, Schmerzen zu ertragen und zu neutralisieren. Dieses \u00fcberlegene Durchhalteverm\u00f6gen h\u00e4ngt von einem gr\u00f6\u00dferen Einsatz im Kampf ab, weshalb solche Kampagnen selten erfolgreich sind gegen eine st\u00e4rkere Seite mit einem noch gr\u00f6\u00dferen Durchhalteverm\u00f6gen, zum Beispiel, weil sie glaubt, dass Terroranschl\u00e4ge ihr Kernland bedrohen.<\/p>\n<p>In eher peripheren Bereichen k\u00f6nnen irregul\u00e4re Armeen Strategien entwickeln, welche die Vertrautheit mit lokalen Gegebenheiten und gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfige Verbundenheit mit der Bev\u00f6lkerung nutzen, um den Feind so anzugreifen, dass er anf\u00e4llig wird f\u00fcr Erm\u00fcdung, Entt\u00e4uschung und ein wachsendes Gef\u00fchl der Sinnlosigkeit. Der Erfolg h\u00e4ngt dann mehr von Ausdauer und Willensst\u00e4rke ab als von Armeen. Das Problem bei einer solchen Strategie liegt darin, wie man die Vorteile eines offensichtlichen Nachlassens des politischen Willens des Feindes nutzt, um den Kampf fortzusetzen. Bei der Abnutzungsstrategie gibt es eine logische Folge eines fiktiven Wendepunktes, wenn der Feind nicht mehr l\u00e4nger standhalten kann, weil es ihm an Truppen oder Geld mangelt. Es geh\u00f6rt zur Ersch\u00f6pfungsstrategie, dass der Gegner mit Schmerzen und Not so umgeht, dass ein solcher Wendepunkt nicht pl\u00f6tzlich oder etwa leicht erkennbar sein wird.<\/p>\n<p>Ein begrenzter Krieg, in dem keine der beiden Seiten mit dem vollen Einsatz ihrer Mittel k\u00e4mpft, versch\u00e4rft diese Schwierigkeit. Es kann nicht erwartet werden, dass eine reine Abnutzungsstrategie funktioniert, wenn keine Seite ihrer milit\u00e4rischen M\u00f6glichkeiten verlustig gehen kann. Die Risiken der Eskalation in einen bedingungslosen, sch\u00e4dlichen und kostspieligen Krieg bremsen beide Seiten aus, weshalb sie versuchen m\u00fcssen, sich innerhalb der akzeptierten Einschr\u00e4nkungen durchsetzen. Diese Logik deutet hin auf einen Kuhhandel zur Beendigung des Konflikts. Wenn aber ein Kuhhandel nicht abgeschlossen werden kann und eine Eskalation dennoch vermieden werden soll, dann werden nicht-milit\u00e4rische Faktoren immer wichtiger. Dazu geh\u00f6ren das Funktionieren der Wirtschaft und die F\u00e4higkeit, innenpolitische Unterst\u00fctzung zu gew\u00e4hrleisten. Strategischer Rat legt in einem solchen Fall Wert auf eine Kombination von Erhaltung und Aufbau von Kapazit\u00e4ten, um im Spiel zu bleiben. Bei gleichzeitigem Auskundschaften der Schwachstellen in den feindlichen Stellungen und dem Finden von M\u00f6glichkeiten sie auszunutzen. Genugtuung wird es nur geben in der Form kleinerer Gewinne und durch einen Feind, dessen Verluste und Schmerzen die eigenen \u00fcbertreffen. Allerdings wird es auch wichtig sein, auf Einstellungen und Bedingungen zu Hause genauso viel zu achten wie auf die der feindlichen Seite.<\/p>\n<p>All dies erkl\u00e4rt, warum Strategien der Ersch\u00f6pfung eigentlich eher Standardstrategien sind. Sie werden angewendet, wenn man sich in einem defensiven Stellungskrieg befindet oder nach einer gescheiterten Offensive ausgeblutet ist. Sie werden nicht empfohlen von den Bef\u00fcrwortern des Krieges, die sich einen schnellen Sieg versprechen und die M\u00f6glichkeit einer langwierigen und elend harten Schinderei ablehnen. Wenn sich die ersten Hoffnungen zerschlagen haben, werden die Strategien der Ersch\u00f6pfung in Ermangelung einer besseren Alternative ganz im Geiste von Churchills Motto w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges &#8222;keep buggering on&#8220; angewendet. Es ist also die Art von Strategie, in welche die Kriegf\u00fchrenden hineinstolpern, die Improvisation erfordert, in der es keine klare Lehre von Ursache und Wirkung gibt und die keinen offensichtlichen Weg zum Sieg kennt. Allerdings sind die Umst\u00e4nde, unter denen diese Strategien angewendet werden sehr zahlreich und die Schwierigkeiten, die bei ihrer Umsetzung auftreten, helfen uns als Warnung vor einigen der chaotischen Realit\u00e4ten moderner Konflikte.<\/p>\n<p>Russland und die Ukraine wenden derzeit Strategien der Ersch\u00f6pfung an. Kein Land sieht einen Weg zu einem milit\u00e4rischen Sieg. Keines bem\u00fcht sich um eine vollst\u00e4ndige Umsetzung des Minsk-Plans. Der anhaltende Konflikt schadet beiden Seiten, aber noch ist der Punkt nicht erreicht, an dem einer einen unmittelbaren Druck sp\u00fcren w\u00fcrde, Zugest\u00e4ndnisse anzubieten. Irgendwann werden sie diese Angelegenheit beenden m\u00fcssen. Wenn dies aber unter g\u00fcnstigeren Umst\u00e4nden durchgef\u00fchrt werden soll, dann m\u00fcssen sie M\u00f6glichkeiten finden, die Abnutzung ihrer Gegner zu verst\u00e4rken. Obwohl Russland viel m\u00e4chtiger ist als die Ukraine, muss es sich mit einer schwierigeren Lage auseinandersetzen. Es versucht ein annektiertes Territorium zus\u00e4tzlich zu einer Enklave im Osten der Ukraine gegen den Willen des Gro\u00dfteils der internationalen Gemeinschaft und konfrontiert mit wirtschaftlichen Sanktionen zu behalten. Sein Hauptproblem ist die Donbas-Enklave. Nach dem Minsk-Plan soll sie Teil der Ukraine bleiben wenn auch mit einer anderen Verfassung. Mit Stand von heute ist sie weder wirtschaftlich und milit\u00e4risch in der Lage sich selbst zu versorgen. Zwar ist es schwer vorstellbar, dass Russland die Krim an die Ukraine zur\u00fcckgibt. Es ist aber durchaus m\u00f6glich, sich vorzustellen, dass es die Donbas-Enklave aufgibt. Diese M\u00f6glichkeit l\u00e4sst seine Gegner hoffen.<\/p>\n<p>Eine Beurteilung der russischen Strategie ist jedoch nicht unkompliziert. Eine Herausforderung ist das v\u00f6llige Fehlen von Offenheit, mit der Russland \u00fcber seine Intervention in der Ukraine spricht. Durch das st\u00e4ndige Leugnen seiner Rolle hat Russland eine gro\u00dfe Komplikation in die Kriegsf\u00fchrung, die begleitende Diplomatie und in die Versuche einer Analyse eingebracht. Dies wurde pr\u00e4sentiert als eine wohl\u00fcberlegte und, nach Meinung einiger, kluge Strategie der sogenannten &#8222;hybriden Kriegf\u00fchrung.&#8220; Vielleicht glaubt Russland, dass kollektive \u00dcberzeugungen des Auslands durch Propaganda umgedreht werden k\u00f6nnen. Oder dass zumindest einige sich nicht sicher sind, wo die Wahrheit liegt. Doch wenn es die Absicht war, milit\u00e4rischen Vorbereitungen und Operationen eine Tarnkappe \u00fcberzust\u00fclpen, dann sind diese Bem\u00fchungen gescheitert. Die Dichtung des Kreml mag zun\u00e4chst die russische Intervention erleichtert haben, sie ist aber auch zu einem Hindernis geworden. Ihre weiteren Folgen sind ein wachsendes Misstrauen gegen\u00fcber allen russischen Regierungserkl\u00e4rungen, zumindest au\u00dferhalb von Russland. Die nat\u00fcrliche Folge war die Intensivierung des autorit\u00e4ren Regierungsstils in Russland, ein scharfes Vorgehen gegen die eigenen Nachrichtenagenturen und gegen unabh\u00e4ngige Organisationen, die die offizielle Linie herausforderten.<\/p>\n<p>Der Mangel an Aufrichtigkeit Russlands dar\u00fcber, warum es sein Unwesen in der Ukraine treibt, bedeutet, dass Art und Zweck der russischen Milit\u00e4rstrategie von der tats\u00e4chlichen T\u00e4tigkeit abgeleitet werden kann. Anfangs war russische Strategie politisch defensiv und milit\u00e4risch offensiv. Konfrontiert mit einem pl\u00f6tzlichen Verlust des Einflusses in Kiew und der Aussicht darauf, dass sich die Ukraine dem Westen zuwenden k\u00f6nnte, setzt es lokale Milit\u00e4rs und russische Spezialkr\u00e4fte ein, um die ukrainischen Beh\u00f6rden von der Krim und aus den Schl\u00fcsselst\u00e4dten im Osten der Ukraine zu vertreiben. Eine Interpretation dieser Bem\u00fchungen ging davon aus, dass Moskau hoffte, eine breit angelegte Anti-Kiew-Bewegung zu f\u00f6rdern. Zumindest sollte dadurch unwiderstehlicher Druck auf die ukrainische post-Maidan-Regierung ausge\u00fcbt werden, um sie von ihrem pro-westlichen Kurs abzubringen. Im Idealfall sollte das alte Territorium Neurusslands wiederhergestellt werden, das sich dann selbst irgendwie an Russland anschlie\u00dft. Was auch immer das urspr\u00fcngliche Bestreben war, die russischen Bem\u00fchungen konzentrierten sich im Fr\u00fchjahr 2014 auf die Provinzen von Donezk und Luhansk. Zun\u00e4chst wurde ein betr\u00e4chtliches Territorium erobert. Aber dann ging im Laufe des Sommers erhebliches Territorium im Rahmen einer ukrainischen &#8222;Anti-Terror-Operation&#8220; verloren. Dies verursachte eine offenere russische Intervention mit Hilfe von regul\u00e4ren Streitkr\u00e4ften, welche die ukrainischen Streitkr\u00e4fte zur\u00fcckdr\u00e4ngten bis die separatistische Enklave besser verteidigungsf\u00e4hige Grenzen hatte. Mit dem ersten Abkommen von Minsk im September 2014 wurde ein Waffenstillstand vereinbart.<\/p>\n<p>Es wurde weiter gek\u00e4mpft, wenn auch nicht mit der gleichen Intensit\u00e4t wie zuvor, als Anstrengungen unternommen wurden, die Enklave zu erweitern. Diese wurden gr\u00f6\u00dftenteils durch separatistische Freisch\u00e4rler ausgef\u00fchrt. Im Vergleich zur aufgewendeten Energie hatten sie nur begrenzten Erfolg. Ukrainische Einheiten konnten sich im Flughafen Donezk eine Anzahl von Monaten halten. Es fanden keine nachhaltigen Versuche statt, das vermutete n\u00e4chste gro\u00dfe Ziel, die K\u00fcstenstadt Mariupol, zu nehmen. Im Januar 2015 fiel der Flughafen und Wochen sp\u00e4ter wurde die Stadt von <a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/debalzewe-als-pyrrhussieg-der-russischen-terroristischen-streitkraefte\/\">Debalzewe<\/a> von ukrainischen Streitkr\u00e4ften verlassen, nachdem sie umzingelt wurden. Das war der Stand vor der zweiten Einigung von Minsk. Als Waffenruhe war sie nicht wirksamer als die Vereinbarung vom vorherigen September. Es war h\u00f6chstens ein &#8222;weniger-Feuer &#8222;.<\/p>\n<p>Die von Russland unterst\u00fctzten Separatisten nahmen eine Reihe von St\u00e4dten und D\u00f6rfern ein, aber es gab keine gro\u00dfen Durchbr\u00fcche. Dies best\u00e4tigt das Grundmuster der K\u00e4mpfe: ukrainische Streitkr\u00e4fte konnten mit den separatistischen Freisch\u00e4rlern fertig werden aber nichts gegen die regul\u00e4ren russischen Truppen ausrichten. Die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr die ukrainische Position ist daher ein viel gr\u00f6\u00dferes Engagement der russischen Streitkr\u00e4fte. Im April und Mai gab es regelm\u00e4\u00dfige Berichte \u00fcber einen gro\u00dfen Aufmarsch mit Bewegungen von russischen Soldaten\u00a0und Material in den von den Separatisten kontrollierten Gebieten. General Philip Breedlove, der NATO-Oberbefehlshaber in Europa, warnte Ende April, dass Russland, unter Ausnutzung des Waffenstillstands, Truppen und Ausr\u00fcstung neu zu verlegen beginnt und die Separatisten, die sich auf eine neue Offensive vorbereiteten, zu trainieren und zu beliefern. Es gab auch Unterstellungen, dass Russland versucht, die Arbeitsweise der separatistische Kommando- und Kontrollstruktur zu verbessern. Im Mai stellte der Pr\u00e4sident der Ukraine Poroschenko fest:<\/p>\n<p>Die Gesamtzahl der feindlichen Kr\u00e4fte in Donbas unter Ber\u00fccksichtigung der Mitglieder illegaler bewaffneter Gruppen betr\u00e4gt mehr als 40.000 Menschen, w\u00e4hrend das russische Milit\u00e4r im grenznahen Bereich \u00fcber 50.000 Soldaten stationiert hat. Fast 1,5-mal mehr als im Juli 2014.<\/p>\n<p>Es wurde berichtet, dass \u00dcbereinstimmung herrscht &#8222;unter den NATO-Beamten und Milit\u00e4ranalysten der Lage im Osten der Ukraine, dass Russland seine Invasion in der Region in den n\u00e4chsten zwei Monaten wieder aufnehmen wird.&#8220;<\/p>\n<p>Anfang Juni wurde ein Offensive der Rebellen gegen die Stadt Marijinka gestartet, etwa 18 Meilen entfernt von der Rebellenhochburg Donezk. Der Angriff wurde von den ukrainischen Streitkr\u00e4ften zur\u00fcckgeschlagen mit schweren Verlusten der Separatisten. Aber es veranlasste Kiew, Menschen und Material zu dem, wie es jetzt schien verwundbaren Punkt zu verlegen: Ein Gebiet, das ganz auf der ukrainische Seite der Waffenstillstandslinie liegt. Am n\u00e4chsten Tag, warnte Poroschenko vor der M\u00f6glichkeit einer gro\u00dfen russischen Invasion. Dem folgten weitere Besch\u00fcsse und kleinere Operationen in der Umgebung von Donezk. Dennoch war der gescheiterte Angriff auf Marijinka ein R\u00fcckschlag f\u00fcr die Rebellen.<\/p>\n<p>Obwohl Beobachter und Offizielle weiter an Vorhersagen einer bevorstehenden russischen Offensive festhielten, hat eine solche nicht stattgefunden. Warum k\u00f6nnte dies der Fall sein? Eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr ist, dass die Russen einen harten Widerstand der Ukrainer erwarten, weil sie annehmen, dass deren Streitkr\u00e4fte stetig verbessert werden und sie von der Erfahrung, den vom Westen unterst\u00fctzten Reformbem\u00fchungen und einer verbesserte Ausbildung profitieren. Je gr\u00f6\u00dfer die Verbesserung, desto gr\u00f6\u00dfer muss das milit\u00e4rische Mainstream-Engagement aus Russland sein, um in einer Invasion Boden zu gewinnen. Hier wird der russische Vorwand, nicht direkt in die K\u00e4mpfe in der Ukraine verwickelt zu sein zu einem Problem. Obwohl ihr Affentheater regelm\u00e4\u00dfig durchschaut wird, halten die russischen Beh\u00f6rden diese Fiktion verzweifelt aufrecht. Sobald eine gro\u00dfe L\u00fcge in die Welt gesetzt wurde, gibt es keinen offensichtlichen Punkt mehr, an dem die Unglaubw\u00fcrdigkeit zu einem Problem wird. Wenn aber eine Offensive begonnen wird, die weit \u00fcber alles geht, was die Separatisten von selbst k\u00f6nnten, dann ist ein solcher Punkt erreicht. Es gibt eine besondere Sensibilit\u00e4t in Russland in der Frage der Verluste. Verluste zu dokumentieren war der aktuelle Anlass des Berichts nach der Ermordung von <a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/?s=nemzow&amp;submit=Search\">Boris Nemzow<\/a>. Er verwies auf den Tod von 220 Soldaten, obwohl unterstellt wurde, dass die tats\u00e4chliche Zahl h\u00f6her war. Dieses Problem wird so sensibel aufgenommen, dass die Offenlegung von Todesf\u00e4llen im Kampf als Folge von &#8222;Sondereins\u00e4tzen&#8220; in Friedenszeiten nun verboten wurde. Dar\u00fcber hinaus gab es auch Berichte \u00fcber Fahnenflucht.<\/p>\n<p>Selbst wenn eine Invasion erfolgreich verlaufen w\u00fcrde, g\u00e4be es immer noch das Problem der Verwaltung von gro\u00dfen Gebieten der Ukraine ohne die Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung und mit einer milit\u00e4risch besch\u00e4digten Infrastruktur. Die Erfahrungen mit der Donbas-Enklave in dieser Hinsicht waren nicht ermutigend. Sie wurde entv\u00f6lkert, ihre Wirtschaft kollabierte, sie wird chaotisch regiert und ist abh\u00e4ngig von russischen Subventionen. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnte eine offene und gro\u00dffl\u00e4chige Invasion durchaus zu mehr Sanktionen f\u00fchren von denen die dramatischste der Ausschluss Russlands aus dem SWIFT-System w\u00e4re, durch welches die Organisationen und L\u00e4nder Zugriff auf das internationale Finanzsystem haben. Nach einer solchen Eskalation w\u00e4re auch das Argument wertlos, wonach es am besten sei zur Vermeidung einer Eskalation die Ukrainer nur mit nicht-t\u00f6dlichen Waffen zu versorgen.<\/p>\n<p>Eine andere Erkl\u00e4rung f\u00fcr die russische Verst\u00e4rkung ihrer Truppen und die Artillerieangriffe auf ukrainische Stellungen geht davon aus, dass es sich um den Teil einer Ersch\u00f6pfungsstrategie handelt. Diese Ma\u00dfnahmen spielten offensichtlich eine defensive Rolle. Sie sollten die ukrainischen Streitkr\u00e4fte abschrecken, einen Angriff gegen separatistische Stellungen einzuleiten. Es sollten wohl auch ukrainische Kr\u00e4fte, die als Reaktion in die Region verlegt wurden, gebunden werden. Die Ukrainer konnten sich nicht \u00fcber die Ziele der separatistischen Attacken sicher sein, und ungedeckte Einheiten k\u00f6nnten in Gefangenschaft geraten. Diejenigen, die in fest ausgebauten Stellungen lagen, waren anf\u00e4llig f\u00fcr Artillerie-Beschuss. Es gab regelm\u00e4\u00dfig Opfer. Die M\u00f6glichkeit einer wirkungsvolleren Operation, auch wenn sie kleiner w\u00e4re als eine vollst\u00e4ndige Invasion k\u00f6nnte ukrainische Streitkr\u00e4fte in Verlegenheit bringen und die ukrainische Entschlossenheit schw\u00e4chen, wie es sich bei der Niederlage von Debalzewe zeigte. Dazu wurde eine Kampagne gestartet, mit der zur weiteren Verunsicherung des Landes, Terrorismus und Subversion innerhalb der Ukraine verst\u00e4rkt wurde.<\/p>\n<p>In wirtschaftlicher Hinsicht war der Konflikt ein Schlag f\u00fcr beide Seiten. Die Ukraine war bereits angeschlagen und die Kosten und Zerst\u00f6rungen des Krieges haben sich zu den vorhandenen Problemen addiert. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Ukraine wird voraussichtlich um rund 16% gegen\u00fcber 2014 und 2015 schrumpfen. Der \u00d6konom Anders Aslund rechnet mit 7% Produktionsausf\u00e4llen in den besetzten Gebieten (einschlie\u00dflich der Krim), 6% weniger Handelsums\u00e4tze mit Russland und 3% verlorene ausl\u00e4ndische Direktinvestitionen. Gleichzeitig muss die Ukraine eine kriegsbedingte humanit\u00e4re Krise bew\u00e4ltigen, darunter 1,3 Millionen im Inland vertriebene Menschen. Die internationale Unterst\u00fctzung war nicht gro\u00dfz\u00fcgig gewesen, auch wenn es Fortschritte mit dem Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) gab und ein Schuldenerlass gew\u00e4hrt wurde. Wie vom IWF gefordert hat das ukrainische Parlament eine Reihe von Reformen eingeleitet, darunter Ma\u00dfnahmen zur Reduktion der Abh\u00e4ngigkeit der Ukraine von russischem Gas und Anti-Korruptions-Gesetze.<\/p>\n<p>Trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen scheint der innere Zusammenhalt in der Ukraine st\u00e4rker und nicht schw\u00e4cher geworden zu sein. Laut dem Internationalen Institut f\u00fcr Soziologie in Kiew ist die positive Einsch\u00e4tzung der Ukrainer gegen\u00fcber Russland von 88% im September 2013 auf nur 30% im Mai 2015 zur\u00fcckgegangen. Selbst die Ost-Ukrainer, die angeblich mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Russland haben, sehen ihren Nachbarn weniger positiv. Die Zustimmungsrate sank dort von 83% auf 51%. Eine weitere Umfrage ergab, dass eine Mehrheit der Ukrainer, au\u00dferhalb der von den Separatisten besetzten Gebieten, eine Mitgliedschaft in der Europ\u00e4ischen Union bef\u00fcrworten, aber nur 13% wollen der russischen Zollunion beitreten. Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderungen f\u00fcr die politische Ordnung in der Ukraine sind nicht so sehr die Sympathisanten Russlands sondern die mehr nationalistisch orientierten Mitglieder des rechten Sektors. Dennoch, die kumulativen Auswirkungen einer unruhigen Wirtschaft, umstrittene Reformma\u00dfnahmen und milit\u00e4rischer Druck stellen f\u00fcr jedes politische System eine Belastung dar. Eine Folge davon ist die Wehrlosigkeit gegen\u00fcber dem Druck westlicher Unterst\u00fctzer, die politische Zugest\u00e4ndnisse im Rahmen der Minsk Vereinbarungen verlangen, um den Konflikt auf irgendeine Weise zu beenden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/russlands-streben-nach-einer-stockfinsteren-zukunft\/\">Die russische Wirtschaft ist ebenfalls geschrumpft<\/a>, obwohl nicht so stark wie die Ukraine. W\u00e4hrend die Ukraine unter russischen Strafma\u00dfnahmen leiden musste, wurde Russland mit Wirtschaftssanktionen belastet, die bisher bis zu rund 100 Mrd. US$ kosteten. Dazu kamen andere Reizthemen wie die Entscheidung von Den Haag, wonach 50 Mrd. US$ Schadenersatz zu bezahlen sind an die ehemaligen Investoren von Yukos. Das ist die Firma, die vor \u00fcber zehn Jahren durch den russischen Staat zwangsaufgel\u00f6st wurde. Dar\u00fcber hinaus erlitt die russische Wirtschaft durch \u00d6lpreisverfall und Kurseinbr\u00fcche des Rubels Verluste. Das BIP wird voraussichtlich im Jahr 2015 um 3,5% schrumpfen. Die Kapitalflucht setzt sich fort. Sie lag im Jahr 2014 bei 150 Mrd. US$. Die Prognose f\u00fcr das Jahr 2015 sieht 100 Mrd. US$ vor. F\u00fcr die Verbraucher ein sehr ernstes Problem ist eine Inflation, die deutlich \u00fcber dem Wachstum der L\u00f6hne liegt. Im Gegensatz zur Ukraine wurde wenig getan um die russische Wettbewerbsf\u00e4higkeit zu erh\u00f6hen und die Korruption zu bek\u00e4mpfen. Angesichts dieses Drucks wird Putins Strategie beschrieben als ein &#8222;Aussitzen und auf Zeit spielen\u201c. Warten auf eine Erholung der Erd\u00f6lpreise und des Rubel, damit er seine geopolitischen Priorit\u00e4ten weiter verfolgen kann. In einer an den Westen gerichteten Rede in St. Petersburg im Juni erinnerte er seine Zuh\u00f6rer an Warnungen, dass es eine &#8222;tiefe Krise&#8220; geben k\u00f6nne. Stattdessen beobachtete er, dass Russland &#8222;die Situation stabilisiert habe\u2026 vor allem, weil die russische Wirtschaft einen ausreichenden Vorrat an innerer St\u00e4rke angeh\u00e4uft habe.&#8220;<\/p>\n<p>Trotz der russischen Bem\u00fchungen, Gegner innerhalb der EU zu f\u00f6rdern, demonstrierte die EU Geschlossenheit und erneuerte im Juni die Sanktionen, die als Folge der Krim-Annexion verh\u00e4ngt wurden. Neue Sanktionen werden von der Europ\u00e4ischen Union und den Vereinigten Staaten im Falle weiterer Aggression vorbereitet. Wenn sich der \u00d6lpreis nicht erholt, wird Russland weiter mit gro\u00dfen Problemen k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Es hat nur wenige andere offensichtliche Mittel zur Verbesserung seiner finanziellen Lage. Eine Ann\u00e4herung an China k\u00f6nnte die Verschlechterung der Beziehungen mit dem Westen ausgleichen. <a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/drei-verlorene-kriege-gas-land-und-menschlichkeit\/\">Peking hat jedoch gezeigt<\/a>, dass es nicht bereit ist, Moskau irgendwelche wirtschaftlichen Wohltaten zukommen zu lassen. Es ist sicher nicht bereit, die Ukraine in welchen Wirtschaftsbeziehungen auch immer zu diskriminieren. Zum Beispiel ist die Ukraine Chinas gr\u00f6\u00dfter Getreideexporteur. Das wichtigste was China Russland anbieten kann, ist eine starke Wirtschaftshilfe um die \u00d6lpreise in die H\u00f6he zu treiben. Leider deuten aber die j\u00fcngsten Hinweise darauf hin, dass es einen Trend in die entgegengesetzte Richtung gibt.<\/p>\n<p>Die geltende offizielle russische Sprachregelung beschreibt Russland als ein Land, das vom Westen angegriffen wird, wobei jeder einzelne Angriff auf eine amerikanische Initiative zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Der Geist des Zweiten Weltkriegs wird st\u00e4ndig beschworen zur F\u00f6rderung einer Militarisierung der russischen Kultur. Wenn Putins Umfragewerte irgendetwas bedeuten, dann, dass dies funktioniert hat. Ein k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichter Bericht hat eine stratosph\u00e4rische 89%-Zustimmung ermittelt. H\u00f6her als die 64%, die sagen, dass sie der politischen Richtung des Landes zustimmen. Dies kann erkl\u00e4rt werden durch Putins Auftreten in der Rolle des Zaren, der \u00fcber der Politik steht, sozusagen eine h\u00f6chste Autorit\u00e4t, an die sich die Massen in schwierigen Zeiten wenden k\u00f6nnen. Aber auch durch die \u00dcberzeugung, dass die Olympischen Spiele in Sotschi und die Annexion der Krim das internationale Ansehen Russlands wieder hergestellt haben. Es wird unterstellt, dass diese Unterst\u00fctzung nicht von ganzem Herzen kommt. Zum Beispiel, d\u00fcrfte sie sich nicht unbedingt in Wahlabsichten wiederfinden. Auch ist sie schw\u00e4cher ausgepr\u00e4gt in der gebildeten Mittelschicht und bei der Stadtbev\u00f6lkerung. Eines der Risiken in dieser Situation ist, dass zum Beispiel durch Beeintr\u00e4chtigung der \u00f6ffentlichen Versorgung sich internationale Spannungen verst\u00e4rken und nicht beruhigen k\u00f6nnten, wenn eine Reaktion auf h\u00e4rtere wirtschaftliche Bedingungen dazu f\u00fchrt, dass sich die Menschen hinter Putin sammeln. Der Gesamteindruck zeigt eigentlich weniger eine aufsteigende Gro\u00dfmacht, als vielmehr ein Land, das sich anstrengen muss, um mit einer Reihe von R\u00fcckschl\u00e4gen fertig zu werden.<\/p>\n<p>Die Wahl, vor der Putin steht, ist die Gleiche wie damals als die Anti-Maidan-Operation im Fr\u00fchjahr 2014 gescheitert war: Weiter eskalieren oder R\u00fcckzug. Die Eins\u00e4tze erh\u00f6hen oder das separatistische Projekt tats\u00e4chlich aufgeben. Er war auf beide M\u00f6glichkeiten vorbereitet. Aber es war ihm unm\u00f6glich zu w\u00e4hlen. Das Ergebnis war dann, dass er den Status quo aufrechterhielt und hoffte, dass der Druck auf die Ukraine zu politischen Zugest\u00e4ndnissen im Rahmen der Minsk-Vereinbarung f\u00fchren wird und dies Russland erm\u00f6glichen w\u00fcrde, sich zur\u00fcckzuziehen. Daf\u00fcr brauchte es die Zustimmung der separatistischen F\u00fchrer, die sich aber vorsichtig zeigten angesichts eines politischen Prozesses, der ihre eigene Position gef\u00e4hrden k\u00f6nnte. Sie sind nicht einfach nur Marionetten, auch wenn sie ihre Macht Moskau verdanken und sie diese nicht ohne russische Unterst\u00fctzung halten k\u00f6nnen. Der russische Au\u00dfenminister hat den Einfluss Moskaus auf die Separatisten zugegeben, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass er nicht &#8222;so gro\u00df wie 100%&#8220; sei.<\/p>\n<p>In der Vergangenheit haben die separatistischen F\u00fchrer gefordert, v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von der Ukraine und vorzugsweise Teil Russlands zu werden. Was auch immer sonst im Abkommen von Minsk gesagt wurde, sie unterst\u00fctzten nie eine Losl\u00f6sung der so genannten Republiken Donezk und Luhansk von der Ukraine . Die Idee einer Renaissance des alten Neurussland als ein gro\u00dfes Projekt scheint aufgegeben worden zu sein. W\u00e4hrend die Gebiete milit\u00e4risch gehalten werden k\u00f6nnen, werden die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen immer schwieriger. Es gibt Berichte von Knappheit und Unzufriedenheit. Dies ist eine Position, deren Aufrechterhaltung \u00fcber eine lange Zeit schwierig sein wird.<\/p>\n<p>Russlands Verhandlungsstrategie ist es zu fordern, dass Kiew die Zeche f\u00fcr die Sozialausgaben und das wirtschaftliche \u00dcberleben dieser Gebiete zahlt. Im Gegenzug d\u00fcrfen sie wieder in die Ukraine integriert werden, &#8211; wenn auch mit einem besonderen, autonomen Status. In einem Juni-Interview mit einer italienischen Zeitung \u00e4u\u00dferte Putin eine seltene Anerkennung der russischen Rolle w\u00e4hrend er die Erreichung eher bescheidener Ziele forderte.<\/p>\n<p>&#8222;Alle unsere Handlungen, einschlie\u00dflich jener bei denen Gewalt angewendet wurde, zielten nicht darauf, diese Gebiete von der Ukraine abzutrennen, sondern sollten vielmehr den dort lebenden Menschen die M\u00f6glichkeit geben, ihrer Meinung dar\u00fcber Ausdruck zu verleihen, wie sie ihr Leben leben wollen.\u201c<\/p>\n<p>Er beschrieb die Umsetzung der Vereinbarungen von Minsk als die Gew\u00e4hrleistung &#8222;der autonomen Rechte der nicht anerkannten Republiken&#8220;, die ihnen das \u201eRecht\u201c geben w\u00fcrde, &#8222;ihre Sprache zu sprechen, um ihre eigene kulturelle Identit\u00e4t zu bewahren und grenz\u00fcberschreitenden Handel zu treiben.&#8220; Dies w\u00fcrde ein Gesetz \u00fcber Kommunalwahlen und eine Amnestie erfordern. Stattdessen klagte er, Kiew sei nicht bereit, dar\u00fcber zu verhandeln, weshalb die Gespr\u00e4che festgefahren seien. Schlimmer noch, die ukrainische Regierung &#8222;habe sie einfach vom Rest des Landes abgeschnitten, von allen Sozialleistungen wie Renten und Unterst\u00fctzungsleistungen, vom Bankensystem, von der regul\u00e4ren Energieversorgung und so weiter.&#8220; Wie sehr sich Putin auch beklagen mag, so lange die Separatisten die Kontrolle \u00fcber diese Region aus\u00fcben werden, werden sie f\u00fcr das Wohlergehen der lokalen Bev\u00f6lkerung verantwortlich sein.<\/p>\n<p>Die f\u00fcr die Separatisten vorrangigen Vorschl\u00e4ge beinhalten \u00c4nderungen der ukrainischen Verfassung in Verbindung mit Kommunalwahlen. Sie haben angek\u00fcndigt, dass sie noch in diesem Jahr eigene Wahlen abhalten werden, auch wenn das Abkommen von Minsk festlegt, dass die Kommunalwahlen nur auf der Grundlage der ukrainischen Gesetzgebung durchgef\u00fchrt werden d\u00fcrfen. Es ist anzunehmen, dass das im Sinne Moskaus ist, weil es den Tag hinausschiebt, an dem es seine Truppen (deren Vorhandensein es bestreitet) zur\u00fcckziehen muss und die Ukraine die Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber ihr eigenes Territorium wieder erlangt. Durch die Aufrechterhaltung des Drucks auf die Ukraine k\u00f6nnte es schwieriger f\u00fcr die Ukraine werden, sich der EU weiter anzun\u00e4hern oder einen NATO-Beitritt zu pr\u00fcfen. Aus ihrer eigenen Sicht werden beide Institutionen vorsichtig sein, bevor sie der Ukraine einen eigenen formalen Status gew\u00e4hren. Zur Zeit verst\u00e4rken sie ihre informellen Verbindungen und gew\u00e4hren zus\u00e4tzliche Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Ukraine sich bei der Umsetzung von Minsk allzu sehr beeilt. Auch Pr\u00e4sident Poroschenko hat das Ende des Neurussland-Projekts best\u00e4tigt, das im Prinzip neun der 24 Regionen der Ukraine betroffen h\u00e4tte. Auch er gelangte zu der Erkenntnis, dass Donezk und Luhansk aus eigener Kraft nicht lebensf\u00e4hig sind. Sie k\u00f6nnen &#8222;ausschlie\u00dflich in einer vereinten , unabh\u00e4ngigen und souver\u00e4nen Ukraine bestehen.&#8220; Die Separatisten haben keine demokratische Legitimation und wurden von einer fremden Macht als Regierung eingesetzt. Die Ukraine hat ihre eigenen Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Verfassungs\u00e4nderungen entworfen, die einen gewissen Grad an Dezentralisierung erm\u00f6glichen, aber auch Wahlen in der gesamten Ukraine vorschreiben, die den Separatisten wahrscheinlich keine M\u00f6glichkeit geben wird, signifikante Mehrheiten zu erlangen. In dieser Angelegenheit \u00fcbt der Westen den gr\u00f6\u00dften Druck auf Kiew aus, aber die Kluft zwischen den beiden Seiten ist gro\u00df und man hat noch keine plausible Grundlage f\u00fcr eine L\u00f6sung gefunden.<\/p>\n<p>Die Vereinigten Staaten, Frankreich und Deutschland haben Kiew nachdr\u00fccklich aufgefordert, bei der Umsetzung von Minsk aktiver zu sein und sei es nur um Russland einen Grund zu geben, durch Druck die Kompromissbereitschaft der Separatisten zu f\u00f6rdern. Zus\u00e4tzlich zum Druck zur Erzwingung verfassungsrechtlicher Regelungen, die den Separatisten eine einige Stimme in ukrainischen Angelegenheiten geben w\u00fcrde, wurden ukrainische Truppen aus der \u00f6stlich von Mariupol gelegenen Stadt Schyrokyne zur\u00fcckgezogen und es wurden Pl\u00e4ne f\u00fcr eine weitere Entmilitarisierung Mariupols selbst angek\u00fcndigt, nach denen schweres Ger\u00e4t abgezogen werden soll und nur Infanterie und Kleinwaffen bleiben d\u00fcrfen. Dies w\u00fcrde die Forderung von Minsk nach einer von schweren Waffen freien 30-Kilometer-Pufferzone entlang der Frontlinie erf\u00fcllen. Vorausgegangen war ein R\u00fcckzug der Separatisten aus Schyrokyne ein paar Wochen zuvor, der als &#8222;ein Akt des guten Willens und der Demonstration friedlicher Absichten&#8220; bezeichnet wurde. Doch der Artillerie-Beschuss wurde nicht nur fortgesetzt, sondern hat sich vor kurzem noch verst\u00e4rkt, so dass diese Anstrengungen noch nicht zu einem politischen Durchbruch gef\u00fchrt haben. Es hat sich jedoch wieder einmal gezeigt, wie schwierig es f\u00fcr beide Seiten ist, einen milit\u00e4rischen Durchbruch zu erzielen.<\/p>\n<p>Nach dieser Analyse k\u00f6nnte Russland m\u00f6glicherweise anf\u00e4lliger f\u00fcr eine Ersch\u00f6pfung sein als die Ukraine. Oder zumindest hat die Ukraine den politischen Willen, ihre Position zu halten weil sie mehr leiden kann. Im Gegensatz zu Russland hat die Ukraine keinerlei Bestrebungen als Gro\u00dfmacht anerkannt und behandelt zu werden und kann sich darauf konzentrieren ihre inneren Angelegenheiten zu ordnen, mit welcher Hilfe sie auch immer bekommen kann. Je l\u00e4nger der Konflikt weiter in diesen Bahnen verl\u00e4uft, desto mehr Zeit hat die Ukraine ihr Milit\u00e4r und ihre Wirtschaft zu reformieren und die Korruption zu bek\u00e4mpfen. Russland hingegen muss eine Wirtschaft in Ordnung bringen, die \u00fcberm\u00e4\u00dfig von Rohstoffen abh\u00e4ngt und zurzeit einen aufgebl\u00e4hten Milit\u00e4rsektor hat. Es hat sich vom Westen abgewendet und sich unter den Schutzschirm einiger seiner eher zweifelhaften Freunde begeben, muss aber noch starke Partnerschaften mit L\u00e4ndern im Osten aufbauen. Seine Propaganda-Kampagne ging im Allgemeinen nach hinten los, erkennbar daran, dass die internationale Meinung \u00fcber Russland einen Tiefpunkt erreicht hat. Es muss sich, unabh\u00e4ngig von der Ukraine, um ernsthafte nationale Sicherheitsprobleme in anderen Grenzgebieten k\u00fcmmern, wie zum Beispiel in Zentralasien. Dar\u00fcber hinaus hat Russland Ma\u00dfnahmen ergriffen, um in Europa ein Gef\u00fchl der Bedrohung entstehen zu lassen wie beispielsweise die Infragestellung der Unabh\u00e4ngigkeit der baltischen Staaten, provokante Luftpatrouillen, nukleares S\u00e4belrasseln und milit\u00e4rische \u00dcbungen. NATO-Mitglieder wurden so zu erh\u00f6hter Vorsicht animiert, aber es hat auch dazu gef\u00fchrt, dass sie Sicherheitsprobleme ernster nehmen. Daraus folgt eine St\u00e4rkung der NATO. Putin selbst hielt es f\u00fcr erforderlich, darauf zu bestehen, dass Russland keine Planungen f\u00fcr den Rest von Europa hat. Seine gr\u00f6\u00dfte Schwierigkeit ist die Unterhaltung einer Enklave in der Ukraine, die keinen wesentlichen politischen Nutzen mehr bringt und unter wirtschaftlicher Depression und Gesetzlosigkeit leidet.<\/p>\n<p>Wenn diese Analyse zutrifft, dann m\u00fcsste Russland eine starke Pr\u00e4ferenz f\u00fcr die Umsetzung des Minsk-Abkommens zeigen. Im Februar 2015, als Moskau wegen der langsamen Fortschritte bei der urspr\u00fcnglichen Vereinbarung vom September 2014 frustriert war, agierte es h\u00e4rter gegen die ukrainische Verteidigung. Mit einigem Erfolg, denn es bekam dann das etwas g\u00fcnstigere Minsk II. Sollte es weiterhin frustriert sein wegen der Pattsituation, k\u00f6nnte es versucht sein, den milit\u00e4rischen Druck zu erh\u00f6hen, um noch mehr Zugest\u00e4ndnisse in einem &#8222;Minsk III&#8220; zu erreichen. Es ist schwer vorauszusehen, was mit mehr Verhandlungen \u00fcber Ma\u00dfnahmen erreicht werden kann, die in keiner Weise von einem darunterliegenden Konsens getragen werden. Wenn es Stoff f\u00fcr weitere diplomatische Bem\u00fchungen gibt, dann kann es nur sein, dass die am meisten ersch\u00f6pfte Seite unter dem Deckmantel der Umsetzung einer feststehenden Vereinbarungen, ihre fr\u00fchere Haltung aufgibt.<\/p>\n<p>Eine Strategie der Ersch\u00f6pfung in einem gro\u00dfen Krieg muss den Willen des Gegners brechen, damit er die Kraft nicht mehr aufbringen kann weiterzumachen. In einem begrenzten Krieg ist die Lage anders. Der Druck auf Kiew und Moskau reicht nicht aus, um einen Regimewechsel zu erzwingen. In Ermangelung einer dramatischen Eskalation und angesichts einer Pattsituation im Feld, ist wahrscheinlich keine Seite in der Lage, eingenommene Positionen abrupt aufzugeben. Eher wahrscheinlicher ist eine fortschreitende Neubewertung von Kosten und Nutzen des Festhaltens an diesen Positionen und vielleicht die eine oder andere Vorbereitung f\u00fcr eventuelle Zugest\u00e4ndnisse. Dies bedeutet nicht, dass eine Einigung allm\u00e4hlich und kaum wahrnehmbar kommen wird. Die Krise kann irgendwann vielleicht wegen Spannungen zwischen den Separatisten oder einem verzweifelten Versuch, Territorium zu erobern oder zur\u00fcckzuerobern dazu f\u00fchren, dass eine Seite gezwungenerma\u00dfen mit der Realit\u00e4t der Situation konfrontiert wird.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass es schwer ist mit Sicherheit sagen zu k\u00f6nnen wie es ausgeht, spiegelt die inh\u00e4renten Probleme mit den Strategien der Ersch\u00f6pfung wieder. Sie sind nicht so sehr ein Mittel, das die Kontrolle \u00fcber die Ereignisse erm\u00f6glicht, als vielmehr eines mit dem versucht wird, den Handlungsspielraum eines Feindes zu verringern und dabei gleichzeitig sich so viel wie m\u00f6glich des eigenen Spielraums zu bewahren. Beide, Russland und die Ukraine mussten in erster Linie ihre eigenen Gesellschaften belastbarer machen angesichts des Stresses und der Spannungen dieses Konflikts. Unter solchen Umst\u00e4nden k\u00f6nnen die wichtigsten strategischen Tugenden Geduld und Standhaftigkeit sein. Es gibt viele besondere Merkmale in diesem Konflikt, der auch weiterhin Studium und Aufmerksamkeit verdient, einschlie\u00dflich der Rolle der <a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/?s=frankenstein&amp;submit=Search\">Informationskriegsf\u00fchrung<\/a> und die gro\u00dfen Fragen \u00fcber die Zukunft der europ\u00e4ischen Sicherheit. Aber es ist auch wichtig an die Grenzen der Strategie zu erinnern. Dass es manchmal schwieriger ist, viel mehr zu tun als mit einer schlechten Situation zurechtzukommen, zu versuchen sich besser aufzustellen als der Gegner und zu hoffen, dass sich etwas ergibt.<\/p>\n<p><em>Lawrence Freedman has been Professor of War Studies at King\u2019s College London since 1982. His most recent book is\u00a0Strategy: A History\u00a0(OUP, 2013). He is a Contributing Editor at War on the Rocks.<\/em><\/p>\n<p>Quelle: <strong>Lawrence Freeman<\/strong> in <a href=\"http:\/\/warontherocks.com\/2015\/08\/ukraine-and-the-art-of-exhaustion\/\">warontherocks.com<\/a>; \u00fcbersetzt von <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Kurt.Becker.p?fref=ts\">Kurt Becker<\/a>.<br \/>\n<em>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; von Lawrence Freedman\u2028\u2028,\u00a0\u00a0seit 1986 Professor f\u00fcr Kriegsforschung am King\u2019s College in London. 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In den Kampfzonen der Ostukraine finden immer noch regelm\u00e4\u00dfige Feuergefechte und ebenso regelm\u00e4\u00dfige t\u00f6dliche Verluste statt. Ende Juni berichteten die Vereinten Nationen, dass im vergangenen Jahr durch diesen Konflikt 6500 Menschen umgekommen sind. Zusammen mit 16.000 Verwundeten und 5 Millionen Menschen, die hilfsbed\u00fcrftig wurden. Es gab regelm\u00e4\u00dfige Warnungen vor neuen russischen Offensiven, aber stattgefunden hat noch keine. Trotz aller Anstrengungen von beiden Seiten haben sich seit letztem September die Grundkonturen des Konflikts kaum ge\u00e4ndert. Es ist nicht ersichtlich, dass eine der beiden Seiten eine Strategie hat, die den Konflikt beenden k\u00f6nnte. Die Situation kann beschrieben werden als eine, in der beide Seiten die Ersch\u00f6pfung der jeweils anderen suchen. Dabei ist Ersch\u00f6pfung nicht so sehr ein Zustand, der auf der physikalischen Unf\u00e4higkeit zur Fortsetzung der Anstrengungen beruht, sondern der eher einem Geisteszustand im Sinne von M\u00fcdigkeit und Aussichtslosigkeit entspricht, der dazu f\u00fchrt, einen zuvor abgelehnten politischen Kompromiss anzustreben. Ersch\u00f6pfung kann also nicht nur das Ergebnis von Frustration bez\u00fcglich einer milit\u00e4rischen Lage sein, sondern auch seine Ursache in wirtschaftlichem Druck und politischer Unzufriedenheit haben.\r\n\r\nEs ist nicht ungew\u00f6hnlich, dass sich Konflikte nach einer Anlaufzeit von gr\u00f6\u00dferen Bewegungen und Landgewinnen bis auf Sondierungen und kleinere Vorst\u00f6\u00dfe beruhigen, wenn beide Seiten einen Punkt der Erm\u00fcdung erreicht haben und nicht bereit sind, sich dies einzugestehen. In solchen Situationen kann es sehr wohl zu Versuchen kommen, mit gelegentlichen Offensiven Durchbr\u00fcche zu erzielen oder zumindest eine gewisse Zerm\u00fcrbung zu erreichen. Es kann auch sein, wie in diesem Fall, dass Dritte versuchen einen Waffenstillstand und Friedensvertr\u00e4ge zu vermitteln. Ein Konflikt, der den Status eines \"Stillstands mit gegenseitigen Unterbrechungen\" erreicht hat, wird h\u00e4ufig als reif f\u00fcr eine Verhandlungsl\u00f6sung angesehen. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Bem\u00fchungen unbedingt Erfolg haben: sie k\u00f6nnen stattdessen den Zweck haben zu einer Atempause zu kommen um eine Chance zur R\u00fcckgewinnung verbrauchter Energie zu nutzen und so am Ende den Kampf zu verl\u00e4ngern.\r\n\r\nF\u00fcr Strategie-Studenten sind solche Situationen tendenziell eher von geringem Interesse. Hier gibt es ein weit gr\u00f6\u00dferes Interesse an \u00dcberraschungsangriffen und Vernichtungsschl\u00e4gen oder an Abschreckung und pr\u00e4ventiven Ma\u00dfnahmen. Doch die Milit\u00e4rgeschichte ist voll mit Beispielen, in denen Staaten sich mit den Folgen milit\u00e4rischer Initiativen auseinandersetzen mussten, die nicht so viel gebracht haben wie man erhoffte, oder die bei Abwehrk\u00e4mpfen Verluste hinnehmen mussten, ohne das zur\u00fcckzugewinnen, was bereits vorher einmal eingenommen wurde. Der russisch-ukrainische Krieg passt in dieses Muster und bietet so die M\u00f6glichkeit, diesen weniger glamour\u00f6sen und mehr entmutigenden Aspekt dieses modernen Konflikts zu untersuchen. In diesem Aufsatz ist es f\u00fcr mich von besonderem Interesse festzustellen, ob eine Strategie der Ersch\u00f6pfung unter diesen Umst\u00e4nden m\u00f6glich ist. Und zwar mit dem Ziel, durch absichtliche Ma\u00dfnahmen den psychischen Zustand des Gegners zu beeinflussen und so Kompromisse zu erreichen, die \u00fcber eine reine Verhandlungsl\u00f6sung nicht zu erreichen w\u00e4ren. Die Idee der Strategie der Ersch\u00f6pfung hat einen respektablen Stammbaum in der Literatur. Sie tendiert aber weniger dahin, in ihr einen optimalen Weg zum Sieg zu sehen, als aus einem schlechten Job das Beste zu machen. Daf\u00fcr gibt es einen guten Grund: es ist schwierig, die genauen Auswirkungen der Ma\u00dfnahmen auszurechnen, die mit dem notwendigen Druck auf den politischen Willen des Anderen einwirken.\r\n\r\nDieser Aufsatz ist der dritte Teil meiner Darstellung des russisch-ukrainischen Krieges, die ich im M\u00e4rz 2014 mit einem Aufsatz \u00fcber die Urspr\u00fcnge des Krieges im Februar 2014 und die Entwicklung nach dem pl\u00f6tzlichen Abgang des ehemaligen Pr\u00e4sidenten Janukowitsch in Kiew begann. Ein zweiter Aufsatz, der im Oktober 2014 ver\u00f6ffentlicht wurde, befasst sich mit der Zeit bis zur Unterzeichnung des September-Abkommens von Minsk und dem NATO-Gipfel in Cardiff. Beide \u00fcbernahm ich in l\u00e4ngeren Aufs\u00e4tzen, die von der Fachzeitschrift <em>\u201eSurvival, Global Politics and Strategy\u201c<\/em> ver\u00f6ffentlicht wurden. Gegenstand dieser Ausarbeitung sind die Ereignisse seitdem, einschlie\u00dflich des zweiten Abkommens von Minsk, das schlechter eingesch\u00e4tzt wird als das Erste.\r\n\r\nIn diesen fr\u00fcheren Aufs\u00e4tzen, versuchte ich auch den aktuellen Stand in diesem Konflikt durch Hinweise auf ein vertrautes strategisches Konzept unter Ber\u00fccksichtigung von Krisenmanagement und der Annahme eines begrenzten Krieges zu erkl\u00e4ren. Diese Konzepte lassen sich bis ins 18. Jahrhundert zur\u00fcckverfolgen. Damals war der Krieg ein anerkanntes und eigenst\u00e4ndiges Mittel zur Regelung der Beziehungen zwischen Staaten. Ihn nachhaltig zu begrenzen wurde mit der Reichweite, der T\u00f6dlichkeit und der Demokratisierung des Krieges immer schwieriger. Dies erm\u00f6glichte die Mobilisierung von Massen und das Anstreben von Zielen, die von starken volkst\u00fcmlichen Gef\u00fchlen gepr\u00e4gt wurden. Die Idee eines begrenzten Krieges wurde vor dem Hintergrund der Risiken einer nuklearen Katastrophe in den fr\u00fchen Phasen des Kalten Krieges wieder aufgegriffen und verfeinert. Die Herausforderung war dann, die Unsicherheit des \u00dcbergangs in einen Hei\u00dfen Krieg mit dem Wunsch in Einklang zu bringen, nicht auf lebenswichtige Interessen verzichten zu m\u00fcssen. Als Ergebnis nahmen Krise und Krieg Formen eines t\u00f6dlichen Kuhhandels an, der auf die Maximierung der Gewinne bei gleichzeitiger Minimierung der Risiken ausgerichtet war. Die Kunst bei dieser Methode hing davon ab, ob man in der Lage war, begrenzte Kr\u00e4fte einzusetzen, glaubw\u00fcrdige Bedrohungen aufzubauen und die diplomatische Kommunikation aufrechtzuerhalten, um so einen dauerhaften politische Vorteil zu erhalten. Milit\u00e4rische Ma\u00dfnahmen m\u00fcssen mit Verhandlungen synchronisiert werden, damit die emotionale Hitze des Krieges und die kalten Berechnungen auf der gleichen Ebene stattfinden k\u00f6nnen, die zwar notwendig ist um einen Deal auszuhandeln, auf der sie aber nicht gerade einfach nebeneinander existieren k\u00f6nnen.\r\n\r\nDiese Herausforderungen beherrschten in den ersten sechs Monaten die ukrainische Krise deutlich. Heftige K\u00e4mpfe und die damit verbundenen wirtschaftlichen Kosten waren ausreichend, um den Wunsch nach einem Waffenstillstand entstehen zu lassen. Es reichte aber nicht daf\u00fcr, die Voraussetzungen f\u00fcr eine langfristige Vereinbarung zu schaffen, welche die wichtigsten Akteure h\u00e4tte befriedigen k\u00f6nnen. Ohne eine solche Vereinbarung aber w\u00fcrde ein Waffenstillstand schwer aufrecht zu halten sein, weshalb es besser war, mit dem Konflikt zu leben, als unwiderrufliche Kompromisse einzugehen. Also wird die Pattsituation fortgesetzt. Von den westlichen L\u00e4ndern unterst\u00fctzt, fordert die Ukraine die R\u00fcckgabe der besetzten Gebiete. Russland verlangt von der Ukraine, sich mit der neuen Realit\u00e4ten abzufinden, die Annexion der Krim anzuerkennen und direkt mit der separatistischen Gruppen \u00fcber eine neue Verfassungsl\u00f6sung zu verhandeln. Keine der beiden Seiten hat vollst\u00e4ndig mobilgemacht. Beide haben erhebliche Mittel in Reserve. Angesichts dieser scheinbaren Sackgasse, hat sich die Aufmerksamkeit nichtmilit\u00e4rischen Formen des Drucks zugewendet, insbesondere den Wirtschaftssanktionen.\r\n\r\nUm ihre Position \u00fcber einen l\u00e4ngeren Kampf aufrechterhalten zu k\u00f6nnen versuchen die Kriegf\u00fchrenden den Mangel an Bewegung in der Mitte des Konflikts mit Spekulationen \u00fcber erhebliche geopolitische Verschiebungen zu kombinieren. Dazu geh\u00f6rt die russische Ann\u00e4herung an China, w\u00e4hrend neutrale Europ\u00e4er wie Schweden und Finnland sich um einen NATO-Beitritt bem\u00fchen. Dies k\u00f6nnte voraussichtlich den Bem\u00fchungen, den Konflikt zu l\u00f6sen oder zumindest seine weitere Ausdehnung zu begrenzen eine gr\u00f6\u00dfere Dringlichkeit geben. Im Augenblick jedoch zeigt keines der kriegf\u00fchrenden L\u00e4nder Anzeichen chronischer M\u00fcdigkeit, w\u00e4hrend die Gro\u00dfm\u00e4chte entweder von anderen gro\u00dfen und komplizierten internationalen Fragen abgelenkt sind oder einfach keine neuen Ideen mehr haben. Die offensichtliche Grundlage f\u00fcr eine L\u00f6sung k\u00f6nnte man in den Vereinbarungen von Minsk sehen. Aber deren inh\u00e4rente Konstruktionsfehler verlangen, dass eine Seite ihre Kernposition aufgeben muss, damit ein dauerhafter Deal zustande kommt.\r\n\r\nDie Frage, wie gut beide Seiten mit einem Konflikt zu Recht kommen, der offensichtlich kein erkennbares Ende hat, bringt uns zur\u00fcck zum Konzept der Ersch\u00f6pfung. Dies ergibt sich meines Erachtens weitgehend aus der Geschichte des genauso ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten wie auch untergeordneten Konzepts der Abnutzung, weshalb ich es auf die Situation in der Ukraine anwende. Im Ergebnis gehe ich davon aus, dass eine Strategie der Ersch\u00f6pfung eher gut ist f\u00fcr die Ukraine als f\u00fcr Russland.\r\n\r\nDer deutsche Milit\u00e4rhistoriker Hans Delbr\u00fcck unterschied zwischen zwei Grundformen einer milit\u00e4rischen Strategie. Mit \u201eNiederwerfungsstrategie\u201c meinte er eine Strategie, die eine feindliche Armee niederschlagen und durch eine entscheidende Schlacht als k\u00e4mpfende Einheit eliminieren w\u00fcrde, mit der Folge, dass dem feindlichen Staat keine andere Wahl bleibt als die Kapitulation. Dies wird normalerweise als Vernichtungsstrategie bezeichnet. Als Alternative sah er eine Strategie der Ersch\u00f6pfung, die er \u201eErmattungsstrategie\u201c nannte. Bei dieser Strategie kann das Ende eines Krieges nicht nur durch eine Vielzahl von Mitteln, einschlie\u00dflich des Kampfes, erreicht werden, sondern auch durch wirtschaftlichen Druck wie etwa eine Blockade. Sie war kein Mittel zur Vermeidung von Schlachten, sondern beruhte auf der Anerkennung der Tatsache, dass Schlachten nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss sein m\u00fcssen. Vielmehr h\u00e4tten sie eine kumulative Wirkung als Teil der Bem\u00fchungen, den Feind zu zerm\u00fcrben. Delbr\u00fcck schrieb das im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert und legte sich mit der gesamten deutschen milit\u00e4rischen F\u00fchrungselite an, die ganz auf die Idee fixiert war, eine entscheidende Schlacht zu schlagen. Delbr\u00fcck warnte davor, dass, ganz im Gegensatz zu den Vorlieben eines Generalstabs, die tats\u00e4chlichen Bedingungen von den Pl\u00e4nen abweichen k\u00f6nnen und der Krieg einen ganz anderen Verlauf nehmen k\u00f6nnte als vorgesehen.\r\n\r\n\"Ermattungsstrategie\u201c wurde auch als Abnutzungsstrategie \u00fcbersetzt, und es war die Abnutzung, die das prominentere Konzept wurde. Dennoch ver\u00e4nderte sich ihre Bedeutung im Laufe des 20. Jahrhunderts. Im Lichte der Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, in dem beide Seiten der Westfront die Abnutzung ausdr\u00fccklich als Strategie einsetzten, stellte sie einen harten und erbarmungslosen Weg zur Maximierung von Verlusten dar. Sie spiegelte das Scheitern wieder, auf k\u00fcrzestem Weg zum Sieg zu kommen mit der Folge, dass nichts anderes \u00fcbrig blieb, als dem Gegner Verluste zuzuf\u00fcgen, die keine Entscheidung bringen konnten. Auch wenn das bedeutete, dass man selbst schwere Verluste hinnehmen musste. Der Sieg geh\u00f6rte der Seite, die am besten mit der \u201eVerlustrate\u201c umgehen konnte. Es gab auch einen engeren Gebrauch der Abnutzung, der in Versuchen bestand, die feindlichen Kr\u00e4fte vor einer bevorstehenden Schlacht zu schw\u00e4chen. Zum Beispiel durch das Belegen vorgeschobener Stellungen des Feindes mit Artilleriefeuer, um sie dann mit einer vorr\u00fcckenden Armee \u00fcberw\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen. Das war die Idee hinter der Schlacht an der Somme im Sommer 1916. Sie erforderte sorgf\u00e4ltige Koordination von Beschuss und Vorw\u00e4rtsbewegung der Bodentruppen. Leider gab es in diesem Plan keine Gelegenheit, die Wirksamkeit des Artilleriefeuers vor Beginn des Angriffs einzusch\u00e4tzen. Das war eine Schwachstelle, die sich an der Somme am 1. Juli 1916 auf schmerzhafte Weise offenbarte.\r\n\r\nDie Idee der Abnutzung konnte sich weder im weiteren noch im engeren Sinne nie ganz von der Unterstellung einer vors\u00e4tzlichen Inkaufnahme eines Gemetzels l\u00f6sen, dem Wunsch also, aus Mangel an einer Alternative dem Feind maximale Verluste zuzuf\u00fcgen. Die strategischen Theoretiker der Zwischenkriegszeit, wie Basil Liddell Hart, suchten nach Wegen, um Kriege ohne Massenmord durch \u00dcberlistung des Gegners zu gewinnen. Es sollten Vorteile durch Man\u00f6ver erreicht werden, die den Feind \u00fcberraschten und in einen Zustand der Desorientierung versetzten. Es war zwingend geboten, Frontalangriffe gegen einen gut vorbereiteten Gegner zu vermeiden. In Kriegen, die sich aufgrund der Ressourcen der Kriegf\u00fchrenden voraussichtlich lange hinziehen w\u00fcrden, war es am besten, Menschenleben zu schonen und nicht in sinnlosen Meter-f\u00fcr-Meter-K\u00e4mpfen zu verschwenden. Diese Erfahrung zeigte, zusammen mit der des Zweiten Weltkriegs, der mehr ein Krieg der Bewegung war, dass Abnutzung untrennbar mit einer Schlacht verbunden und eben nicht als eine Alternative dazu zu sehen war.\r\n\r\nSo entwickelte sich die Unterscheidung zwischen beweglichen Angriffen und Abnutzungsangriffen zu verschiedenen M\u00f6glichkeiten des Kampfes weiter. Der Ruf, den sich die Abnutzungsstrategie als gef\u00fchlloser und einfallsloser Ansatz zur Kriegsf\u00fchrung erworben hat, wurde im Koreakrieg verst\u00e4rkt, nachdem 1951 ein Patt erreicht wurde. Und danach wieder in Vietnam, als die Vereinigten Staaten nach einem Weg suchten, einen hartn\u00e4ckigen Gegner zu besiegen. Die intuitive L\u00f6sung in Vietnam schien es zu sein, so viele feindliche Kr\u00e4fte zu vernichten, wie mit \u00fcberlegener Feuerkraft m\u00f6glich war. In der Hoffnung, dass Hanoi irgendwann milit\u00e4risch nichts mehr ausrichten k\u00f6nnte und deshalb entscheiden w\u00fcrde, dass sich die Unterst\u00fctzung des Aufstands im S\u00fcden nicht mehr lohnt. Diese Haltung, symbolisiert durch die Konzentration auf das \"Leichenz\u00e4hlen\", wurde von den milit\u00e4rischen Reformern in den Vereinigten Staaten in den 1970er Jahren mit Verachtung gestraft. Die Reformer dr\u00e4ngten darauf, dass die Vereinigten Staaten die operative Kunst wieder entdeckten und die Abnutzung als minderwertige Form der Strategie \u00e4chteten. Sie boten die bewegliche Operation als sehr viel attraktivere Alternative an. Diese Karikatur der Abnutzungsstrategie pr\u00e4sentierten sie als eine verzerrte Denkweise, die von einem faulen Vertrauen auf Feuerkraft und der systematische Zerst\u00f6rung von bekannten Zielen ausging, was f\u00fcr einen talentierten Gegner hinreichend vorhersehbar war und leicht abgewehrt werden konnte. All dies spiegelt die Tendenz zur Offensive wieder, die mehr Gegenstand des klassischen strategischen Denkens mit seiner Vorliebe f\u00fcr dramatische Man\u00f6ver, rasche Vorst\u00f6\u00dfe und Vernichtungsschl\u00e4gen ist.\r\n\r\nDie Abnutzungsstrategie wurde zum Waisenkind der Strategie, verh\u00f6hnt f\u00fcr seine Duldung von Verlusten, seinen Mangel an Spritzigkeit und Ehrgeiz und f\u00fcr seinen unklaren Weg zum Sieg. Kein prominenter Theoretiker gab sich als Verfechter der Abnutzungsstrategie zu erkennen, w\u00e4hrend Praktiker, die sie oft positiv beurteilten, Wert auf die Feststellung legten, dass sie dies nur widerwillig tun w\u00fcrden. In den seltenen F\u00e4llen, in denen sie von Anfang an als eine bewusste Strategie angewendet wurde, waren die Ergebnisse beeindruckend. Ein expliziter \"Zerm\u00fcrbungskrieg\" wurde vom \u00e4gyptischen F\u00fchrer Gamal Abdel Nasser im M\u00e4rz 1969 begonnen. Er glaubte, dass die Israelis nicht damit klar kommen w\u00fcrden, wenn ihre auf der einen Seite des Suezkanals stationierten Streitkr\u00e4fte regelm\u00e4\u00dfige Verluste als Folge regelm\u00e4\u00dfigen Artillerie-Beschusses erlitten. Er hoffte, sie so davon \u00fcberzeugen zu k\u00f6nnen, aus dem Kanal-Bereich abzuziehen. Die Israelis reagierten mit Luftangriffen tief ins Hinterland, in der Hoffnung, dass dies zum Sturz Nasser\u2018s f\u00fchren w\u00fcrde. Dieser Krieg endete im August 1970 mit einem Waffenstillstand. Israel blieb in seinen Stellungen und Nasser war immer noch an der Macht (obwohl er einen Monat sp\u00e4ter starb). Der n\u00e4chste, im Oktober 1973 von \u00c4gypten begonnene Krieg, war um einiges mutiger.\r\n\r\nCarter Malkasian, einer der seltenen Sch\u00fcler der Abnutzungsstrategie, hat argumentiert, dass diese Strategie weit mehr einschlie\u00dft als sinnlose Artillerieduelle. M\u00f6glich sind auch \u201egut vorbereitete R\u00fcckz\u00fcge, begrenzte Bodenoffensiven, Frontalangriffe, Patrouillen, sorgf\u00e4ltige Verteidigung, Taktiken der verbrannten Erde, Guerilla-Kriegf\u00fchrung, Luftangriffe, Artilleriefeuer oder \u00dcberf\u00e4lle.\" Erfolgreiche Abnutzungs-Kampagnen sind m\u00f6glich, weil sie den Feind durch einen Prozess zerm\u00fcrben, der sich stufenweise, Schritt f\u00fcr Schritt und lange hinzieht. Es besteht die M\u00f6glichkeit, den Krieg mit einem Kampf zu beenden, den der Feind nicht mehr bew\u00e4ltigen kann oder aber mit Verhandlungen. Solche Strategien funktionieren am besten, stellte er fest, mit begrenzten Zielen. Seinen Fallstudien lagen jedoch Kampagnen aus gr\u00f6\u00dferen Kriegen zugrunde - zum Beispiel Gro\u00dfbritanniens Burma-Kampagne gegen die Japaner 1942-44 und die sp\u00e4teren Phasen des Koreakrieges.\r\n\r\nMan kommt eine Schritt weiter, wenn man unterscheidet zwischen der Abnutzung als einer Strategie auf der Grundlage der Beeinflussung des physischen Zustandes des Gegners und der Ersch\u00f6pfung als einer Beeinflussung der psychischen Verfassung des Gegners. Die Vorschl\u00e4ge von J. Boone Bartholomees Jr. gehen in diese Richtung. Er legt Abnutzung im engeren Sinne aus als ein Zuf\u00fcgen von Verlusten so lange, bis ein Gegner nicht mehr in der Lage ist, sich zu verteidigen. Demgegen\u00fcber bedeutet Ersch\u00f6pfung den Willen des Feindes zur Fortsetzung des Kampfes zu untergraben. Und zwar dadurch, dass er seine urspr\u00fcnglichen Motive ablehnt und die wirtschaftliche Leistungsf\u00e4higkeit durch Mittel wie etwa eine Blockade vermindert wird. Wir k\u00f6nnen die Abnutzungsstrategie beschreiben als eine fortschreitende Erosion der Leistungsf\u00e4higkeit des Feindes, was bedeutet, dass sie die Folge eines anhaltenden milit\u00e4rischen Engagements sein kann. Dies kann einen Feind so schw\u00e4chen, dass er K\u00e4mpfe verliert, aber auch als eine nachgeordnete Folge seinen politischen Willen untergraben. Im Gegensatz dazu k\u00f6nnen wir Ersch\u00f6pfung als einen strategischen Effekt beschreiben, der gekennzeichnet ist durch einen fortschreitenden Verlust von Leistungsf\u00e4higkeit, Energie, Engagement und eventuell politischem Willen. Dieser Effekt kann durch Abnutzung verursacht werden, aber auch durch andere Ma\u00dfnahmen wie St\u00f6rung der Wirtschaftst\u00e4tigkeit und erschwertem Zugang zu Lieferungen.\r\n\r\nBartholomees stellt fest, dass, wenn jemand Abnutzung oder Ersch\u00f6pfung in Betracht zieht, sich sehr wahrscheinlich als st\u00e4rker entweder die \u00fcberlegene Feuerkraft oder die \u00fcberlegenen Ressourcen durchsetzen werden. Man kann erkennen, warum dies im Sinne des Verlustes an Leistungsf\u00e4higkeit bei der Abnutzungsstrategie der Fall ist. Die Seite mit der besseren Leistungsf\u00e4higkeit \u00fcbernimmt die Spitze. Die Ersch\u00f6pfungsstrategie unterscheidet sich davon, weshalb es eine Strategie ist, die den Schw\u00e4cheren beg\u00fcnstigt. Wegen der geringeren Ressourcen hat der Schw\u00e4chere kein Interesse an einer regul\u00e4ren Schlacht. Sein Interesse liegt stattdessen darin, auf Zeit zu spielen. F\u00fcr die schw\u00e4chere Partei - zum Beispiel eine irregul\u00e4re Armee, die gegen eine Invasion oder eine Unterdr\u00fcckung k\u00e4mpft \u2013 besteht die Herausforderung darin, im Spiel zu bleiben, was es erforderlich machen kann, Schmerzen zu ertragen und zu neutralisieren. Dieses \u00fcberlegene Durchhalteverm\u00f6gen h\u00e4ngt von einem gr\u00f6\u00dferen Einsatz im Kampf ab, weshalb solche Kampagnen selten erfolgreich sind gegen eine st\u00e4rkere Seite mit einem noch gr\u00f6\u00dferen Durchhalteverm\u00f6gen, zum Beispiel, weil sie glaubt, dass Terroranschl\u00e4ge ihr Kernland bedrohen.\r\n\r\nIn eher peripheren Bereichen k\u00f6nnen irregul\u00e4re Armeen Strategien entwickeln, welche die Vertrautheit mit lokalen Gegebenheiten und gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfige Verbundenheit mit der Bev\u00f6lkerung nutzen, um den Feind so anzugreifen, dass er anf\u00e4llig wird f\u00fcr Erm\u00fcdung, Entt\u00e4uschung und ein wachsendes Gef\u00fchl der Sinnlosigkeit. Der Erfolg h\u00e4ngt dann mehr von Ausdauer und Willensst\u00e4rke ab als von Armeen. Das Problem bei einer solchen Strategie liegt darin, wie man die Vorteile eines offensichtlichen Nachlassens des politischen Willens des Feindes nutzt, um den Kampf fortzusetzen. Bei der Abnutzungsstrategie gibt es eine logische Folge eines fiktiven Wendepunktes, wenn der Feind nicht mehr l\u00e4nger standhalten kann, weil es ihm an Truppen oder Geld mangelt. Es geh\u00f6rt zur Ersch\u00f6pfungsstrategie, dass der Gegner mit Schmerzen und Not so umgeht, dass ein solcher Wendepunkt nicht pl\u00f6tzlich oder etwa leicht erkennbar sein wird.\r\n\r\nEin begrenzter Krieg, in dem keine der beiden Seiten mit dem vollen Einsatz ihrer Mittel k\u00e4mpft, versch\u00e4rft diese Schwierigkeit. Es kann nicht erwartet werden, dass eine reine Abnutzungsstrategie funktioniert, wenn keine Seite ihrer milit\u00e4rischen M\u00f6glichkeiten verlustig gehen kann. Die Risiken der Eskalation in einen bedingungslosen, sch\u00e4dlichen und kostspieligen Krieg bremsen beide Seiten aus, weshalb sie versuchen m\u00fcssen, sich innerhalb der akzeptierten Einschr\u00e4nkungen durchsetzen. Diese Logik deutet hin auf einen Kuhhandel zur Beendigung des Konflikts. Wenn aber ein Kuhhandel nicht abgeschlossen werden kann und eine Eskalation dennoch vermieden werden soll, dann werden nicht-milit\u00e4rische Faktoren immer wichtiger. Dazu geh\u00f6ren das Funktionieren der Wirtschaft und die F\u00e4higkeit, innenpolitische Unterst\u00fctzung zu gew\u00e4hrleisten. Strategischer Rat legt in einem solchen Fall Wert auf eine Kombination von Erhaltung und Aufbau von Kapazit\u00e4ten, um im Spiel zu bleiben. Bei gleichzeitigem Auskundschaften der Schwachstellen in den feindlichen Stellungen und dem Finden von M\u00f6glichkeiten sie auszunutzen. Genugtuung wird es nur geben in der Form kleinerer Gewinne und durch einen Feind, dessen Verluste und Schmerzen die eigenen \u00fcbertreffen. Allerdings wird es auch wichtig sein, auf Einstellungen und Bedingungen zu Hause genauso viel zu achten wie auf die der feindlichen Seite.\r\n\r\nAll dies erkl\u00e4rt, warum Strategien der Ersch\u00f6pfung eigentlich eher Standardstrategien sind. Sie werden angewendet, wenn man sich in einem defensiven Stellungskrieg befindet oder nach einer gescheiterten Offensive ausgeblutet ist. Sie werden nicht empfohlen von den Bef\u00fcrwortern des Krieges, die sich einen schnellen Sieg versprechen und die M\u00f6glichkeit einer langwierigen und elend harten Schinderei ablehnen. Wenn sich die ersten Hoffnungen zerschlagen haben, werden die Strategien der Ersch\u00f6pfung in Ermangelung einer besseren Alternative ganz im Geiste von Churchills Motto w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges \"keep buggering on\" angewendet. Es ist also die Art von Strategie, in welche die Kriegf\u00fchrenden hineinstolpern, die Improvisation erfordert, in der es keine klare Lehre von Ursache und Wirkung gibt und die keinen offensichtlichen Weg zum Sieg kennt. Allerdings sind die Umst\u00e4nde, unter denen diese Strategien angewendet werden sehr zahlreich und die Schwierigkeiten, die bei ihrer Umsetzung auftreten, helfen uns als Warnung vor einigen der chaotischen Realit\u00e4ten moderner Konflikte.\r\n\r\nRussland und die Ukraine wenden derzeit Strategien der Ersch\u00f6pfung an. Kein Land sieht einen Weg zu einem milit\u00e4rischen Sieg. Keines bem\u00fcht sich um eine vollst\u00e4ndige Umsetzung des Minsk-Plans. Der anhaltende Konflikt schadet beiden Seiten, aber noch ist der Punkt nicht erreicht, an dem einer einen unmittelbaren Druck sp\u00fcren w\u00fcrde, Zugest\u00e4ndnisse anzubieten. Irgendwann werden sie diese Angelegenheit beenden m\u00fcssen. Wenn dies aber unter g\u00fcnstigeren Umst\u00e4nden durchgef\u00fchrt werden soll, dann m\u00fcssen sie M\u00f6glichkeiten finden, die Abnutzung ihrer Gegner zu verst\u00e4rken. Obwohl Russland viel m\u00e4chtiger ist als die Ukraine, muss es sich mit einer schwierigeren Lage auseinandersetzen. Es versucht ein annektiertes Territorium zus\u00e4tzlich zu einer Enklave im Osten der Ukraine gegen den Willen des Gro\u00dfteils der internationalen Gemeinschaft und konfrontiert mit wirtschaftlichen Sanktionen zu behalten. Sein Hauptproblem ist die Donbas-Enklave. Nach dem Minsk-Plan soll sie Teil der Ukraine bleiben wenn auch mit einer anderen Verfassung. Mit Stand von heute ist sie weder wirtschaftlich und milit\u00e4risch in der Lage sich selbst zu versorgen. Zwar ist es schwer vorstellbar, dass Russland die Krim an die Ukraine zur\u00fcckgibt. Es ist aber durchaus m\u00f6glich, sich vorzustellen, dass es die Donbas-Enklave aufgibt. Diese M\u00f6glichkeit l\u00e4sst seine Gegner hoffen.\r\n\r\nEine Beurteilung der russischen Strategie ist jedoch nicht unkompliziert. Eine Herausforderung ist das v\u00f6llige Fehlen von Offenheit, mit der Russland \u00fcber seine Intervention in der Ukraine spricht. Durch das st\u00e4ndige Leugnen seiner Rolle hat Russland eine gro\u00dfe Komplikation in die Kriegsf\u00fchrung, die begleitende Diplomatie und in die Versuche einer Analyse eingebracht. Dies wurde pr\u00e4sentiert als eine wohl\u00fcberlegte und, nach Meinung einiger, kluge Strategie der sogenannten \"hybriden Kriegf\u00fchrung.\" Vielleicht glaubt Russland, dass kollektive \u00dcberzeugungen des Auslands durch Propaganda umgedreht werden k\u00f6nnen. Oder dass zumindest einige sich nicht sicher sind, wo die Wahrheit liegt. Doch wenn es die Absicht war, milit\u00e4rischen Vorbereitungen und Operationen eine Tarnkappe \u00fcberzust\u00fclpen, dann sind diese Bem\u00fchungen gescheitert. Die Dichtung des Kreml mag zun\u00e4chst die russische Intervention erleichtert haben, sie ist aber auch zu einem Hindernis geworden. Ihre weiteren Folgen sind ein wachsendes Misstrauen gegen\u00fcber allen russischen Regierungserkl\u00e4rungen, zumindest au\u00dferhalb von Russland. Die nat\u00fcrliche Folge war die Intensivierung des autorit\u00e4ren Regierungsstils in Russland, ein scharfes Vorgehen gegen die eigenen Nachrichtenagenturen und gegen unabh\u00e4ngige Organisationen, die die offizielle Linie herausforderten.\r\n\r\nDer Mangel an Aufrichtigkeit Russlands dar\u00fcber, warum es sein Unwesen in der Ukraine treibt, bedeutet, dass Art und Zweck der russischen Milit\u00e4rstrategie von der tats\u00e4chlichen T\u00e4tigkeit abgeleitet werden kann. Anfangs war russische Strategie politisch defensiv und milit\u00e4risch offensiv. Konfrontiert mit einem pl\u00f6tzlichen Verlust des Einflusses in Kiew und der Aussicht darauf, dass sich die Ukraine dem Westen zuwenden k\u00f6nnte, setzt es lokale Milit\u00e4rs und russische Spezialkr\u00e4fte ein, um die ukrainischen Beh\u00f6rden von der Krim und aus den Schl\u00fcsselst\u00e4dten im Osten der Ukraine zu vertreiben. Eine Interpretation dieser Bem\u00fchungen ging davon aus, dass Moskau hoffte, eine breit angelegte Anti-Kiew-Bewegung zu f\u00f6rdern. Zumindest sollte dadurch unwiderstehlicher Druck auf die ukrainische post-Maidan-Regierung ausge\u00fcbt werden, um sie von ihrem pro-westlichen Kurs abzubringen. Im Idealfall sollte das alte Territorium Neurusslands wiederhergestellt werden, das sich dann selbst irgendwie an Russland anschlie\u00dft. Was auch immer das urspr\u00fcngliche Bestreben war, die russischen Bem\u00fchungen konzentrierten sich im Fr\u00fchjahr 2014 auf die Provinzen von Donezk und Luhansk. Zun\u00e4chst wurde ein betr\u00e4chtliches Territorium erobert. Aber dann ging im Laufe des Sommers erhebliches Territorium im Rahmen einer ukrainischen \"Anti-Terror-Operation\" verloren. Dies verursachte eine offenere russische Intervention mit Hilfe von regul\u00e4ren Streitkr\u00e4ften, welche die ukrainischen Streitkr\u00e4fte zur\u00fcckdr\u00e4ngten bis die separatistische Enklave besser verteidigungsf\u00e4hige Grenzen hatte. Mit dem ersten Abkommen von Minsk im September 2014 wurde ein Waffenstillstand vereinbart.\r\n\r\nEs wurde weiter gek\u00e4mpft, wenn auch nicht mit der gleichen Intensit\u00e4t wie zuvor, als Anstrengungen unternommen wurden, die Enklave zu erweitern. Diese wurden gr\u00f6\u00dftenteils durch separatistische Freisch\u00e4rler ausgef\u00fchrt. Im Vergleich zur aufgewendeten Energie hatten sie nur begrenzten Erfolg. Ukrainische Einheiten konnten sich im Flughafen Donezk eine Anzahl von Monaten halten. Es fanden keine nachhaltigen Versuche statt, das vermutete n\u00e4chste gro\u00dfe Ziel, die K\u00fcstenstadt Mariupol, zu nehmen. Im Januar 2015 fiel der Flughafen und Wochen sp\u00e4ter wurde die Stadt von <a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/debalzewe-als-pyrrhussieg-der-russischen-terroristischen-streitkraefte\/\">Debalzewe<\/a> von ukrainischen Streitkr\u00e4ften verlassen, nachdem sie umzingelt wurden. Das war der Stand vor der zweiten Einigung von Minsk. Als Waffenruhe war sie nicht wirksamer als die Vereinbarung vom vorherigen September. Es war h\u00f6chstens ein \"weniger-Feuer \".\r\n\r\nDie von Russland unterst\u00fctzten Separatisten nahmen eine Reihe von St\u00e4dten und D\u00f6rfern ein, aber es gab keine gro\u00dfen Durchbr\u00fcche. Dies best\u00e4tigt das Grundmuster der K\u00e4mpfe: ukrainische Streitkr\u00e4fte konnten mit den separatistischen Freisch\u00e4rlern fertig werden aber nichts gegen die regul\u00e4ren russischen Truppen ausrichten. Die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr die ukrainische Position ist daher ein viel gr\u00f6\u00dferes Engagement der russischen Streitkr\u00e4fte. Im April und Mai gab es regelm\u00e4\u00dfige Berichte \u00fcber einen gro\u00dfen Aufmarsch mit Bewegungen von russischen Soldaten\u00a0und Material in den von den Separatisten kontrollierten Gebieten. General Philip Breedlove, der NATO-Oberbefehlshaber in Europa, warnte Ende April, dass Russland, unter Ausnutzung des Waffenstillstands, Truppen und Ausr\u00fcstung neu zu verlegen beginnt und die Separatisten, die sich auf eine neue Offensive vorbereiteten, zu trainieren und zu beliefern. Es gab auch Unterstellungen, dass Russland versucht, die Arbeitsweise der separatistische Kommando- und Kontrollstruktur zu verbessern. Im Mai stellte der Pr\u00e4sident der Ukraine Poroschenko fest:\r\n\r\nDie Gesamtzahl der feindlichen Kr\u00e4fte in Donbas unter Ber\u00fccksichtigung der Mitglieder illegaler bewaffneter Gruppen betr\u00e4gt mehr als 40.000 Menschen, w\u00e4hrend das russische Milit\u00e4r im grenznahen Bereich \u00fcber 50.000 Soldaten stationiert hat. Fast 1,5-mal mehr als im Juli 2014.\r\n\r\nEs wurde berichtet, dass \u00dcbereinstimmung herrscht \"unter den NATO-Beamten und Milit\u00e4ranalysten der Lage im Osten der Ukraine, dass Russland seine Invasion in der Region in den n\u00e4chsten zwei Monaten wieder aufnehmen wird.\"\r\n\r\nAnfang Juni wurde ein Offensive der Rebellen gegen die Stadt Marijinka gestartet, etwa 18 Meilen entfernt von der Rebellenhochburg Donezk. Der Angriff wurde von den ukrainischen Streitkr\u00e4ften zur\u00fcckgeschlagen mit schweren Verlusten der Separatisten. Aber es veranlasste Kiew, Menschen und Material zu dem, wie es jetzt schien verwundbaren Punkt zu verlegen: Ein Gebiet, das ganz auf der ukrainische Seite der Waffenstillstandslinie liegt. Am n\u00e4chsten Tag, warnte Poroschenko vor der M\u00f6glichkeit einer gro\u00dfen russischen Invasion. Dem folgten weitere Besch\u00fcsse und kleinere Operationen in der Umgebung von Donezk. Dennoch war der gescheiterte Angriff auf Marijinka ein R\u00fcckschlag f\u00fcr die Rebellen.\r\n\r\nObwohl Beobachter und Offizielle weiter an Vorhersagen einer bevorstehenden russischen Offensive festhielten, hat eine solche nicht stattgefunden. Warum k\u00f6nnte dies der Fall sein? Eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr ist, dass die Russen einen harten Widerstand der Ukrainer erwarten, weil sie annehmen, dass deren Streitkr\u00e4fte stetig verbessert werden und sie von der Erfahrung, den vom Westen unterst\u00fctzten Reformbem\u00fchungen und einer verbesserte Ausbildung profitieren. Je gr\u00f6\u00dfer die Verbesserung, desto gr\u00f6\u00dfer muss das milit\u00e4rische Mainstream-Engagement aus Russland sein, um in einer Invasion Boden zu gewinnen. Hier wird der russische Vorwand, nicht direkt in die K\u00e4mpfe in der Ukraine verwickelt zu sein zu einem Problem. Obwohl ihr Affentheater regelm\u00e4\u00dfig durchschaut wird, halten die russischen Beh\u00f6rden diese Fiktion verzweifelt aufrecht. Sobald eine gro\u00dfe L\u00fcge in die Welt gesetzt wurde, gibt es keinen offensichtlichen Punkt mehr, an dem die Unglaubw\u00fcrdigkeit zu einem Problem wird. Wenn aber eine Offensive begonnen wird, die weit \u00fcber alles geht, was die Separatisten von selbst k\u00f6nnten, dann ist ein solcher Punkt erreicht. Es gibt eine besondere Sensibilit\u00e4t in Russland in der Frage der Verluste. Verluste zu dokumentieren war der aktuelle Anlass des Berichts nach der Ermordung von <a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/?s=nemzow&amp;submit=Search\">Boris Nemzow<\/a>. Er verwies auf den Tod von 220 Soldaten, obwohl unterstellt wurde, dass die tats\u00e4chliche Zahl h\u00f6her war. Dieses Problem wird so sensibel aufgenommen, dass die Offenlegung von Todesf\u00e4llen im Kampf als Folge von \"Sondereins\u00e4tzen\" in Friedenszeiten nun verboten wurde. Dar\u00fcber hinaus gab es auch Berichte \u00fcber Fahnenflucht.\r\n\r\nSelbst wenn eine Invasion erfolgreich verlaufen w\u00fcrde, g\u00e4be es immer noch das Problem der Verwaltung von gro\u00dfen Gebieten der Ukraine ohne die Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung und mit einer milit\u00e4risch besch\u00e4digten Infrastruktur. Die Erfahrungen mit der Donbas-Enklave in dieser Hinsicht waren nicht ermutigend. Sie wurde entv\u00f6lkert, ihre Wirtschaft kollabierte, sie wird chaotisch regiert und ist abh\u00e4ngig von russischen Subventionen. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnte eine offene und gro\u00dffl\u00e4chige Invasion durchaus zu mehr Sanktionen f\u00fchren von denen die dramatischste der Ausschluss Russlands aus dem SWIFT-System w\u00e4re, durch welches die Organisationen und L\u00e4nder Zugriff auf das internationale Finanzsystem haben. Nach einer solchen Eskalation w\u00e4re auch das Argument wertlos, wonach es am besten sei zur Vermeidung einer Eskalation die Ukrainer nur mit nicht-t\u00f6dlichen Waffen zu versorgen.\r\n\r\nEine andere Erkl\u00e4rung f\u00fcr die russische Verst\u00e4rkung ihrer Truppen und die Artillerieangriffe auf ukrainische Stellungen geht davon aus, dass es sich um den Teil einer Ersch\u00f6pfungsstrategie handelt. Diese Ma\u00dfnahmen spielten offensichtlich eine defensive Rolle. Sie sollten die ukrainischen Streitkr\u00e4fte abschrecken, einen Angriff gegen separatistische Stellungen einzuleiten. Es sollten wohl auch ukrainische Kr\u00e4fte, die als Reaktion in die Region verlegt wurden, gebunden werden. Die Ukrainer konnten sich nicht \u00fcber die Ziele der separatistischen Attacken sicher sein, und ungedeckte Einheiten k\u00f6nnten in Gefangenschaft geraten. Diejenigen, die in fest ausgebauten Stellungen lagen, waren anf\u00e4llig f\u00fcr Artillerie-Beschuss. Es gab regelm\u00e4\u00dfig Opfer. Die M\u00f6glichkeit einer wirkungsvolleren Operation, auch wenn sie kleiner w\u00e4re als eine vollst\u00e4ndige Invasion k\u00f6nnte ukrainische Streitkr\u00e4fte in Verlegenheit bringen und die ukrainische Entschlossenheit schw\u00e4chen, wie es sich bei der Niederlage von Debalzewe zeigte. Dazu wurde eine Kampagne gestartet, mit der zur weiteren Verunsicherung des Landes, Terrorismus und Subversion innerhalb der Ukraine verst\u00e4rkt wurde.\r\n\r\nIn wirtschaftlicher Hinsicht war der Konflikt ein Schlag f\u00fcr beide Seiten. Die Ukraine war bereits angeschlagen und die Kosten und Zerst\u00f6rungen des Krieges haben sich zu den vorhandenen Problemen addiert. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Ukraine wird voraussichtlich um rund 16% gegen\u00fcber 2014 und 2015 schrumpfen. Der \u00d6konom Anders Aslund rechnet mit 7% Produktionsausf\u00e4llen in den besetzten Gebieten (einschlie\u00dflich der Krim), 6% weniger Handelsums\u00e4tze mit Russland und 3% verlorene ausl\u00e4ndische Direktinvestitionen. Gleichzeitig muss die Ukraine eine kriegsbedingte humanit\u00e4re Krise bew\u00e4ltigen, darunter 1,3 Millionen im Inland vertriebene Menschen. Die internationale Unterst\u00fctzung war nicht gro\u00dfz\u00fcgig gewesen, auch wenn es Fortschritte mit dem Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) gab und ein Schuldenerlass gew\u00e4hrt wurde. Wie vom IWF gefordert hat das ukrainische Parlament eine Reihe von Reformen eingeleitet, darunter Ma\u00dfnahmen zur Reduktion der Abh\u00e4ngigkeit der Ukraine von russischem Gas und Anti-Korruptions-Gesetze.\r\n\r\nTrotz der wirtschaftlichen Herausforderungen scheint der innere Zusammenhalt in der Ukraine st\u00e4rker und nicht schw\u00e4cher geworden zu sein. Laut dem Internationalen Institut f\u00fcr Soziologie in Kiew ist die positive Einsch\u00e4tzung der Ukrainer gegen\u00fcber Russland von 88% im September 2013 auf nur 30% im Mai 2015 zur\u00fcckgegangen. Selbst die Ost-Ukrainer, die angeblich mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Russland haben, sehen ihren Nachbarn weniger positiv. Die Zustimmungsrate sank dort von 83% auf 51%. Eine weitere Umfrage ergab, dass eine Mehrheit der Ukrainer, au\u00dferhalb der von den Separatisten besetzten Gebieten, eine Mitgliedschaft in der Europ\u00e4ischen Union bef\u00fcrworten, aber nur 13% wollen der russischen Zollunion beitreten. Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderungen f\u00fcr die politische Ordnung in der Ukraine sind nicht so sehr die Sympathisanten Russlands sondern die mehr nationalistisch orientierten Mitglieder des rechten Sektors. Dennoch, die kumulativen Auswirkungen einer unruhigen Wirtschaft, umstrittene Reformma\u00dfnahmen und milit\u00e4rischer Druck stellen f\u00fcr jedes politische System eine Belastung dar. Eine Folge davon ist die Wehrlosigkeit gegen\u00fcber dem Druck westlicher Unterst\u00fctzer, die politische Zugest\u00e4ndnisse im Rahmen der Minsk Vereinbarungen verlangen, um den Konflikt auf irgendeine Weise zu beenden.\r\n\r\n<a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/russlands-streben-nach-einer-stockfinsteren-zukunft\/\">Die russische Wirtschaft ist ebenfalls geschrumpft<\/a>, obwohl nicht so stark wie die Ukraine. W\u00e4hrend die Ukraine unter russischen Strafma\u00dfnahmen leiden musste, wurde Russland mit Wirtschaftssanktionen belastet, die bisher bis zu rund 100 Mrd. US$ kosteten. Dazu kamen andere Reizthemen wie die Entscheidung von Den Haag, wonach 50 Mrd. US$ Schadenersatz zu bezahlen sind an die ehemaligen Investoren von Yukos. Das ist die Firma, die vor \u00fcber zehn Jahren durch den russischen Staat zwangsaufgel\u00f6st wurde. Dar\u00fcber hinaus erlitt die russische Wirtschaft durch \u00d6lpreisverfall und Kurseinbr\u00fcche des Rubels Verluste. Das BIP wird voraussichtlich im Jahr 2015 um 3,5% schrumpfen. Die Kapitalflucht setzt sich fort. Sie lag im Jahr 2014 bei 150 Mrd. US$. Die Prognose f\u00fcr das Jahr 2015 sieht 100 Mrd. US$ vor. F\u00fcr die Verbraucher ein sehr ernstes Problem ist eine Inflation, die deutlich \u00fcber dem Wachstum der L\u00f6hne liegt. Im Gegensatz zur Ukraine wurde wenig getan um die russische Wettbewerbsf\u00e4higkeit zu erh\u00f6hen und die Korruption zu bek\u00e4mpfen. Angesichts dieses Drucks wird Putins Strategie beschrieben als ein \"Aussitzen und auf Zeit spielen\u201c. Warten auf eine Erholung der Erd\u00f6lpreise und des Rubel, damit er seine geopolitischen Priorit\u00e4ten weiter verfolgen kann. In einer an den Westen gerichteten Rede in St. Petersburg im Juni erinnerte er seine Zuh\u00f6rer an Warnungen, dass es eine \"tiefe Krise\" geben k\u00f6nne. Stattdessen beobachtete er, dass Russland \"die Situation stabilisiert habe\u2026 vor allem, weil die russische Wirtschaft einen ausreichenden Vorrat an innerer St\u00e4rke angeh\u00e4uft habe.\"\r\n\r\nTrotz der russischen Bem\u00fchungen, Gegner innerhalb der EU zu f\u00f6rdern, demonstrierte die EU Geschlossenheit und erneuerte im Juni die Sanktionen, die als Folge der Krim-Annexion verh\u00e4ngt wurden. Neue Sanktionen werden von der Europ\u00e4ischen Union und den Vereinigten Staaten im Falle weiterer Aggression vorbereitet. Wenn sich der \u00d6lpreis nicht erholt, wird Russland weiter mit gro\u00dfen Problemen k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Es hat nur wenige andere offensichtliche Mittel zur Verbesserung seiner finanziellen Lage. Eine Ann\u00e4herung an China k\u00f6nnte die Verschlechterung der Beziehungen mit dem Westen ausgleichen. <a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/drei-verlorene-kriege-gas-land-und-menschlichkeit\/\">Peking hat jedoch gezeigt<\/a>, dass es nicht bereit ist, Moskau irgendwelche wirtschaftlichen Wohltaten zukommen zu lassen. Es ist sicher nicht bereit, die Ukraine in welchen Wirtschaftsbeziehungen auch immer zu diskriminieren. Zum Beispiel ist die Ukraine Chinas gr\u00f6\u00dfter Getreideexporteur. Das wichtigste was China Russland anbieten kann, ist eine starke Wirtschaftshilfe um die \u00d6lpreise in die H\u00f6he zu treiben. Leider deuten aber die j\u00fcngsten Hinweise darauf hin, dass es einen Trend in die entgegengesetzte Richtung gibt.\r\n\r\nDie geltende offizielle russische Sprachregelung beschreibt Russland als ein Land, das vom Westen angegriffen wird, wobei jeder einzelne Angriff auf eine amerikanische Initiative zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Der Geist des Zweiten Weltkriegs wird st\u00e4ndig beschworen zur F\u00f6rderung einer Militarisierung der russischen Kultur. Wenn Putins Umfragewerte irgendetwas bedeuten, dann, dass dies funktioniert hat. Ein k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichter Bericht hat eine stratosph\u00e4rische 89%-Zustimmung ermittelt. H\u00f6her als die 64%, die sagen, dass sie der politischen Richtung des Landes zustimmen. Dies kann erkl\u00e4rt werden durch Putins Auftreten in der Rolle des Zaren, der \u00fcber der Politik steht, sozusagen eine h\u00f6chste Autorit\u00e4t, an die sich die Massen in schwierigen Zeiten wenden k\u00f6nnen. Aber auch durch die \u00dcberzeugung, dass die Olympischen Spiele in Sotschi und die Annexion der Krim das internationale Ansehen Russlands wieder hergestellt haben. Es wird unterstellt, dass diese Unterst\u00fctzung nicht von ganzem Herzen kommt. Zum Beispiel, d\u00fcrfte sie sich nicht unbedingt in Wahlabsichten wiederfinden. Auch ist sie schw\u00e4cher ausgepr\u00e4gt in der gebildeten Mittelschicht und bei der Stadtbev\u00f6lkerung. Eines der Risiken in dieser Situation ist, dass zum Beispiel durch Beeintr\u00e4chtigung der \u00f6ffentlichen Versorgung sich internationale Spannungen verst\u00e4rken und nicht beruhigen k\u00f6nnten, wenn eine Reaktion auf h\u00e4rtere wirtschaftliche Bedingungen dazu f\u00fchrt, dass sich die Menschen hinter Putin sammeln. Der Gesamteindruck zeigt eigentlich weniger eine aufsteigende Gro\u00dfmacht, als vielmehr ein Land, das sich anstrengen muss, um mit einer Reihe von R\u00fcckschl\u00e4gen fertig zu werden.\r\n\r\nDie Wahl, vor der Putin steht, ist die Gleiche wie damals als die Anti-Maidan-Operation im Fr\u00fchjahr 2014 gescheitert war: Weiter eskalieren oder R\u00fcckzug. Die Eins\u00e4tze erh\u00f6hen oder das separatistische Projekt tats\u00e4chlich aufgeben. Er war auf beide M\u00f6glichkeiten vorbereitet. Aber es war ihm unm\u00f6glich zu w\u00e4hlen. Das Ergebnis war dann, dass er den Status quo aufrechterhielt und hoffte, dass der Druck auf die Ukraine zu politischen Zugest\u00e4ndnissen im Rahmen der Minsk-Vereinbarung f\u00fchren wird und dies Russland erm\u00f6glichen w\u00fcrde, sich zur\u00fcckzuziehen. Daf\u00fcr brauchte es die Zustimmung der separatistischen F\u00fchrer, die sich aber vorsichtig zeigten angesichts eines politischen Prozesses, der ihre eigene Position gef\u00e4hrden k\u00f6nnte. Sie sind nicht einfach nur Marionetten, auch wenn sie ihre Macht Moskau verdanken und sie diese nicht ohne russische Unterst\u00fctzung halten k\u00f6nnen. Der russische Au\u00dfenminister hat den Einfluss Moskaus auf die Separatisten zugegeben, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass er nicht \"so gro\u00df wie 100%\" sei.\r\n\r\nIn der Vergangenheit haben die separatistischen F\u00fchrer gefordert, v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von der Ukraine und vorzugsweise Teil Russlands zu werden. Was auch immer sonst im Abkommen von Minsk gesagt wurde, sie unterst\u00fctzten nie eine Losl\u00f6sung der so genannten Republiken Donezk und Luhansk von der Ukraine . Die Idee einer Renaissance des alten Neurussland als ein gro\u00dfes Projekt scheint aufgegeben worden zu sein. W\u00e4hrend die Gebiete milit\u00e4risch gehalten werden k\u00f6nnen, werden die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen immer schwieriger. Es gibt Berichte von Knappheit und Unzufriedenheit. Dies ist eine Position, deren Aufrechterhaltung \u00fcber eine lange Zeit schwierig sein wird.\r\n\r\nRusslands Verhandlungsstrategie ist es zu fordern, dass Kiew die Zeche f\u00fcr die Sozialausgaben und das wirtschaftliche \u00dcberleben dieser Gebiete zahlt. Im Gegenzug d\u00fcrfen sie wieder in die Ukraine integriert werden, - wenn auch mit einem besonderen, autonomen Status. In einem Juni-Interview mit einer italienischen Zeitung \u00e4u\u00dferte Putin eine seltene Anerkennung der russischen Rolle w\u00e4hrend er die Erreichung eher bescheidener Ziele forderte.\r\n\r\n\"Alle unsere Handlungen, einschlie\u00dflich jener bei denen Gewalt angewendet wurde, zielten nicht darauf, diese Gebiete von der Ukraine abzutrennen, sondern sollten vielmehr den dort lebenden Menschen die M\u00f6glichkeit geben, ihrer Meinung dar\u00fcber Ausdruck zu verleihen, wie sie ihr Leben leben wollen.\u201c\r\n\r\nEr beschrieb die Umsetzung der Vereinbarungen von Minsk als die Gew\u00e4hrleistung \"der autonomen Rechte der nicht anerkannten Republiken\", die ihnen das \u201eRecht\u201c geben w\u00fcrde, \"ihre Sprache zu sprechen, um ihre eigene kulturelle Identit\u00e4t zu bewahren und grenz\u00fcberschreitenden Handel zu treiben.\" Dies w\u00fcrde ein Gesetz \u00fcber Kommunalwahlen und eine Amnestie erfordern. Stattdessen klagte er, Kiew sei nicht bereit, dar\u00fcber zu verhandeln, weshalb die Gespr\u00e4che festgefahren seien. Schlimmer noch, die ukrainische Regierung \"habe sie einfach vom Rest des Landes abgeschnitten, von allen Sozialleistungen wie Renten und Unterst\u00fctzungsleistungen, vom Bankensystem, von der regul\u00e4ren Energieversorgung und so weiter.\" Wie sehr sich Putin auch beklagen mag, so lange die Separatisten die Kontrolle \u00fcber diese Region aus\u00fcben werden, werden sie f\u00fcr das Wohlergehen der lokalen Bev\u00f6lkerung verantwortlich sein.\r\n\r\nDie f\u00fcr die Separatisten vorrangigen Vorschl\u00e4ge beinhalten \u00c4nderungen der ukrainischen Verfassung in Verbindung mit Kommunalwahlen. Sie haben angek\u00fcndigt, dass sie noch in diesem Jahr eigene Wahlen abhalten werden, auch wenn das Abkommen von Minsk festlegt, dass die Kommunalwahlen nur auf der Grundlage der ukrainischen Gesetzgebung durchgef\u00fchrt werden d\u00fcrfen. Es ist anzunehmen, dass das im Sinne Moskaus ist, weil es den Tag hinausschiebt, an dem es seine Truppen (deren Vorhandensein es bestreitet) zur\u00fcckziehen muss und die Ukraine die Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber ihr eigenes Territorium wieder erlangt. Durch die Aufrechterhaltung des Drucks auf die Ukraine k\u00f6nnte es schwieriger f\u00fcr die Ukraine werden, sich der EU weiter anzun\u00e4hern oder einen NATO-Beitritt zu pr\u00fcfen. Aus ihrer eigenen Sicht werden beide Institutionen vorsichtig sein, bevor sie der Ukraine einen eigenen formalen Status gew\u00e4hren. Zur Zeit verst\u00e4rken sie ihre informellen Verbindungen und gew\u00e4hren zus\u00e4tzliche Unterst\u00fctzung.\r\n\r\nEs gibt keinen Hinweis darauf, dass die Ukraine sich bei der Umsetzung von Minsk allzu sehr beeilt. Auch Pr\u00e4sident Poroschenko hat das Ende des Neurussland-Projekts best\u00e4tigt, das im Prinzip neun der 24 Regionen der Ukraine betroffen h\u00e4tte. Auch er gelangte zu der Erkenntnis, dass Donezk und Luhansk aus eigener Kraft nicht lebensf\u00e4hig sind. Sie k\u00f6nnen \"ausschlie\u00dflich in einer vereinten , unabh\u00e4ngigen und souver\u00e4nen Ukraine bestehen.\" Die Separatisten haben keine demokratische Legitimation und wurden von einer fremden Macht als Regierung eingesetzt. Die Ukraine hat ihre eigenen Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Verfassungs\u00e4nderungen entworfen, die einen gewissen Grad an Dezentralisierung erm\u00f6glichen, aber auch Wahlen in der gesamten Ukraine vorschreiben, die den Separatisten wahrscheinlich keine M\u00f6glichkeit geben wird, signifikante Mehrheiten zu erlangen. In dieser Angelegenheit \u00fcbt der Westen den gr\u00f6\u00dften Druck auf Kiew aus, aber die Kluft zwischen den beiden Seiten ist gro\u00df und man hat noch keine plausible Grundlage f\u00fcr eine L\u00f6sung gefunden.\r\n\r\nDie Vereinigten Staaten, Frankreich und Deutschland haben Kiew nachdr\u00fccklich aufgefordert, bei der Umsetzung von Minsk aktiver zu sein und sei es nur um Russland einen Grund zu geben, durch Druck die Kompromissbereitschaft der Separatisten zu f\u00f6rdern. Zus\u00e4tzlich zum Druck zur Erzwingung verfassungsrechtlicher Regelungen, die den Separatisten eine einige Stimme in ukrainischen Angelegenheiten geben w\u00fcrde, wurden ukrainische Truppen aus der \u00f6stlich von Mariupol gelegenen Stadt Schyrokyne zur\u00fcckgezogen und es wurden Pl\u00e4ne f\u00fcr eine weitere Entmilitarisierung Mariupols selbst angek\u00fcndigt, nach denen schweres Ger\u00e4t abgezogen werden soll und nur Infanterie und Kleinwaffen bleiben d\u00fcrfen. Dies w\u00fcrde die Forderung von Minsk nach einer von schweren Waffen freien 30-Kilometer-Pufferzone entlang der Frontlinie erf\u00fcllen. Vorausgegangen war ein R\u00fcckzug der Separatisten aus Schyrokyne ein paar Wochen zuvor, der als \"ein Akt des guten Willens und der Demonstration friedlicher Absichten\" bezeichnet wurde. Doch der Artillerie-Beschuss wurde nicht nur fortgesetzt, sondern hat sich vor kurzem noch verst\u00e4rkt, so dass diese Anstrengungen noch nicht zu einem politischen Durchbruch gef\u00fchrt haben. Es hat sich jedoch wieder einmal gezeigt, wie schwierig es f\u00fcr beide Seiten ist, einen milit\u00e4rischen Durchbruch zu erzielen.\r\n\r\nNach dieser Analyse k\u00f6nnte Russland m\u00f6glicherweise anf\u00e4lliger f\u00fcr eine Ersch\u00f6pfung sein als die Ukraine. Oder zumindest hat die Ukraine den politischen Willen, ihre Position zu halten weil sie mehr leiden kann. Im Gegensatz zu Russland hat die Ukraine keinerlei Bestrebungen als Gro\u00dfmacht anerkannt und behandelt zu werden und kann sich darauf konzentrieren ihre inneren Angelegenheiten zu ordnen, mit welcher Hilfe sie auch immer bekommen kann. Je l\u00e4nger der Konflikt weiter in diesen Bahnen verl\u00e4uft, desto mehr Zeit hat die Ukraine ihr Milit\u00e4r und ihre Wirtschaft zu reformieren und die Korruption zu bek\u00e4mpfen. Russland hingegen muss eine Wirtschaft in Ordnung bringen, die \u00fcberm\u00e4\u00dfig von Rohstoffen abh\u00e4ngt und zurzeit einen aufgebl\u00e4hten Milit\u00e4rsektor hat. Es hat sich vom Westen abgewendet und sich unter den Schutzschirm einiger seiner eher zweifelhaften Freunde begeben, muss aber noch starke Partnerschaften mit L\u00e4ndern im Osten aufbauen. Seine Propaganda-Kampagne ging im Allgemeinen nach hinten los, erkennbar daran, dass die internationale Meinung \u00fcber Russland einen Tiefpunkt erreicht hat. Es muss sich, unabh\u00e4ngig von der Ukraine, um ernsthafte nationale Sicherheitsprobleme in anderen Grenzgebieten k\u00fcmmern, wie zum Beispiel in Zentralasien. Dar\u00fcber hinaus hat Russland Ma\u00dfnahmen ergriffen, um in Europa ein Gef\u00fchl der Bedrohung entstehen zu lassen wie beispielsweise die Infragestellung der Unabh\u00e4ngigkeit der baltischen Staaten, provokante Luftpatrouillen, nukleares S\u00e4belrasseln und milit\u00e4rische \u00dcbungen. NATO-Mitglieder wurden so zu erh\u00f6hter Vorsicht animiert, aber es hat auch dazu gef\u00fchrt, dass sie Sicherheitsprobleme ernster nehmen. Daraus folgt eine St\u00e4rkung der NATO. Putin selbst hielt es f\u00fcr erforderlich, darauf zu bestehen, dass Russland keine Planungen f\u00fcr den Rest von Europa hat. Seine gr\u00f6\u00dfte Schwierigkeit ist die Unterhaltung einer Enklave in der Ukraine, die keinen wesentlichen politischen Nutzen mehr bringt und unter wirtschaftlicher Depression und Gesetzlosigkeit leidet.\r\n\r\nWenn diese Analyse zutrifft, dann m\u00fcsste Russland eine starke Pr\u00e4ferenz f\u00fcr die Umsetzung des Minsk-Abkommens zeigen. Im Februar 2015, als Moskau wegen der langsamen Fortschritte bei der urspr\u00fcnglichen Vereinbarung vom September 2014 frustriert war, agierte es h\u00e4rter gegen die ukrainische Verteidigung. Mit einigem Erfolg, denn es bekam dann das etwas g\u00fcnstigere Minsk II. Sollte es weiterhin frustriert sein wegen der Pattsituation, k\u00f6nnte es versucht sein, den milit\u00e4rischen Druck zu erh\u00f6hen, um noch mehr Zugest\u00e4ndnisse in einem \"Minsk III\" zu erreichen. Es ist schwer vorauszusehen, was mit mehr Verhandlungen \u00fcber Ma\u00dfnahmen erreicht werden kann, die in keiner Weise von einem darunterliegenden Konsens getragen werden. Wenn es Stoff f\u00fcr weitere diplomatische Bem\u00fchungen gibt, dann kann es nur sein, dass die am meisten ersch\u00f6pfte Seite unter dem Deckmantel der Umsetzung einer feststehenden Vereinbarungen, ihre fr\u00fchere Haltung aufgibt.\r\n\r\nEine Strategie der Ersch\u00f6pfung in einem gro\u00dfen Krieg muss den Willen des Gegners brechen, damit er die Kraft nicht mehr aufbringen kann weiterzumachen. In einem begrenzten Krieg ist die Lage anders. Der Druck auf Kiew und Moskau reicht nicht aus, um einen Regimewechsel zu erzwingen. In Ermangelung einer dramatischen Eskalation und angesichts einer Pattsituation im Feld, ist wahrscheinlich keine Seite in der Lage, eingenommene Positionen abrupt aufzugeben. Eher wahrscheinlicher ist eine fortschreitende Neubewertung von Kosten und Nutzen des Festhaltens an diesen Positionen und vielleicht die eine oder andere Vorbereitung f\u00fcr eventuelle Zugest\u00e4ndnisse. Dies bedeutet nicht, dass eine Einigung allm\u00e4hlich und kaum wahrnehmbar kommen wird. Die Krise kann irgendwann vielleicht wegen Spannungen zwischen den Separatisten oder einem verzweifelten Versuch, Territorium zu erobern oder zur\u00fcckzuerobern dazu f\u00fchren, dass eine Seite gezwungenerma\u00dfen mit der Realit\u00e4t der Situation konfrontiert wird.\r\n\r\nDie Tatsache, dass es schwer ist mit Sicherheit sagen zu k\u00f6nnen wie es ausgeht, spiegelt die inh\u00e4renten Probleme mit den Strategien der Ersch\u00f6pfung wieder. Sie sind nicht so sehr ein Mittel, das die Kontrolle \u00fcber die Ereignisse erm\u00f6glicht, als vielmehr eines mit dem versucht wird, den Handlungsspielraum eines Feindes zu verringern und dabei gleichzeitig sich so viel wie m\u00f6glich des eigenen Spielraums zu bewahren. Beide, Russland und die Ukraine mussten in erster Linie ihre eigenen Gesellschaften belastbarer machen angesichts des Stresses und der Spannungen dieses Konflikts. Unter solchen Umst\u00e4nden k\u00f6nnen die wichtigsten strategischen Tugenden Geduld und Standhaftigkeit sein. Es gibt viele besondere Merkmale in diesem Konflikt, der auch weiterhin Studium und Aufmerksamkeit verdient, einschlie\u00dflich der Rolle der <a href=\"https:\/\/informnapalm.org\/de\/?s=frankenstein&amp;submit=Search\">Informationskriegsf\u00fchrung<\/a> und die gro\u00dfen Fragen \u00fcber die Zukunft der europ\u00e4ischen Sicherheit. Aber es ist auch wichtig an die Grenzen der Strategie zu erinnern. Dass es manchmal schwieriger ist, viel mehr zu tun als mit einer schlechten Situation zurechtzukommen, zu versuchen sich besser aufzustellen als der Gegner und zu hoffen, dass sich etwas ergibt.\r\n\r\n<em>Lawrence Freedman has been Professor of War Studies at King\u2019s College London since 1982. His most recent book is\u00a0Strategy: A History\u00a0(OUP, 2013). He is a Contributing Editor at War on the Rocks.<\/em>\r\n\r\nQuelle: <strong>Lawrence Freeman<\/strong> in <a href=\"http:\/\/warontherocks.com\/2015\/08\/ukraine-and-the-art-of-exhaustion\/\">warontherocks.com<\/a>; \u00fcbersetzt von <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Kurt.Becker.p?fref=ts\">Kurt Becker<\/a>.\r\n<em>\u00a0<\/em>","amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9149","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9149"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9149\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9157,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9149\/revisions\/9157"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9156"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9149"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9149"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/informnapalm.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9149"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}