von Kirill Daniltschenko alias Ronin [1]
Der Tag der Unabhängigkeit der Ukraine rückt näher und in voraussehbarer Weise begann auch eine Verschärfung der Lage. Mithilfe derartiger Verschärfungen kann man bereits mit Sicherheit Schlüsselverhandlungen, staatliche Feierlichkeiten und den Zeitpunkt voraussagen, an dem die andere Seite wieder mal Sodbrennen von weiteren Sanktionen bekommt.
Denn, wenn man das Ganze vom taktischen Standpunkt aus betrachtet, was kann denn zum Beispiel in Primorje (im Küstengebiet am Asowschen Meer) passieren, wo es gerade wieder brenzlig ist? Was sollen sie denn machen? Das Aufmarschgebiet hinter dem Fluss Kalmius abschneiden, Derskaja einnehmen, noch ein paar Grad-Pakete abwerfen, einen Hühnerstall verbrennen oder die Autos, die dort tanken? Und dann? Die Entfernung zwischen Schyrokyne und Nowoasowsk beträgt 23 Kilometer, das ist eine halbe Stunde Autofahrt oder ein ein paar Tage dauernder Vorstoß einer Brigade (unter relativ erbittertem Widerstand). Welche Aufgaben werden durch die Einnahme von Nowoasowsk – oder für die andere Seite die Einnahme von Schyrokyne gelöst? Werden etwa keine Drohnen mehr fliegen und die Artillerie auf den taktischen Rücken richten, werden keine Scharfschützen mehr kommen, die auf jeden Wassertanker aus Panzerabwehrlenkraketen zum Preis einer Wohnung abschießen, werden keine Panzer mehr zum Einsatz kommen, die ein paar Dutzend Geschosse auf einen Stützpunkt abfeuern und sich vor dem Beginn eines Gegenfeuers wieder zurückziehen? Das alles kann man doch auch zehn Kilometer weiter östlich oder auch westlich machen – bis Dnipro oder bis zur Grenze mit Russland. Das Gleiche betrifft die anderen Frontstellen. Weder lokale Vorstöße in Kompanie-Stärke, noch Kämpfe in Brigaden-Stärke für ein Kreiszentrum, noch ein ernsthafter Vorstoß à la 2014 werden den Krieg stoppen können, solange der Kreml nicht müde wird, Geld dafür zu verschwenden – das ist ein Axiom.
Eine Lageverschärfung bei uns ist eine Sache für sich, die getrennt von der taktischen Lage existiert. Ja, an der Demarkationslinie findet eine Rackerei um Waldanlagen statt, feindliche Stützpunkte werden umzingelt, kleine Gruppen kommen zu „Besuch“, besonders in den Wäldern und Auen des Donez-Flusses. Aber das war’s dann auch. Beide Seiten spielen mit den Muskeln, zeigen auf Videos, wie sie die „Uragane“ oder „Smertsch“ aufstellen und selbstgemachte Raketen (IRAM) produzieren. Das ist die scharfe Soße zu Verhandlungen: Schauen Sie mal, wir haben hier ein Verschärfungspotenzial, wir können euch das Leben unerträglich machen, wenn nötig. Denn trotz all der Geschichten, dass irgendjemand dort Mariupol gesichert hat, und ein anderer eine Waffenruhe erreicht hat – Donezk, Horliwka, Luhansk, Awdijiwka und Mariupol sind noch immer im Vernichtungsradius.
Tja, es ist nunmal so gekommen, dass, wenn man Kramatorsk beschießen kann, so kann man auch die anderen Orte beschießen – nothing personal, just Geografie. Ein Dutzend ukrainischer Artilleriebrigaden können natürlich eine Bebauung auf der anderen Seite zu Staub verwandeln, aber es gibt keine einzige Aufgabe, die wir auf diese Weise lösen könnten. In Russland wird es wohl auch kaum mehr Flüchtlinge geben, als auf unserer Seite, wenn man nach der Bewegung durch die Checkpoints urteilt. Wir möchten nur anmerken, dass 2018 zum Glück (darunter auch für diejenigen, die in der roten Zone leben) weder ein Jelzin noch ein Putin am Steuer der Ukraine stehen, sonst würden sie nicht vor dem Fernseher mit den Stories über Strafkommandos verweilen, sondern längst in den Kellern sitzen und Hunde essen.
Und zu unserem Marathon in finanzieller Sicht: Die Wirtschaft der Ukraine ist im dritten Quartal auf 3,6% gestiegen, Russland meldet 1,6% – das ist Stagnation, trotz des guten Preises für ein Barrel Öl. Prognose für 2019 lautet 1,4%, ein Rückgang infolge der Erhöhung der MwSt. Jeder Versuch, ernsthaften Druck an der Front auszuüben, wird in einem neuen Sanktionspaket enden, zum Nachtisch wird es dann Zahlungssysteme geben, Erdöl im Austausch gegen Lebensmittel und Operationen mit den Staatsschulden im Fall des Versuches einer „Nötigung zum Frieden“ mithilfe der Luftwaffe. Kein Donbas der Welt und kein „leidendes Volk von Horliwka“ ist für den Kreml so viel Wert. Der Ernst des Westens kann von der Krim bestätigt werden, wo bereits Steine vom Himmel runterfallen, in Form von Visa und Mastercard, sowie Gesetzentwürfe wegen NordStream II. Somit besteht ihre Hoffnung aus Turbulenzen während des Wahlkampfs und Sonderoperationen, keine Panzerduelle. Man muss auf ein derartiges Szenario des Geschehens vorbereitet sein.
Wobei gedonnert wird entlang der ganzen Frontlinie, besonders aktiv im Süden. Einerseits ist es einfach zu sagen, das alles sei eine Show, Tarnung für Sonderaktionen vor den Wahlen in der Ukraine. Gerade bekommen Zehntausende Kämpfer der Informationsfront ihre Anweisungen, über „die Parade während an der Front geschossen wird“ zu erzählen, über die Oligarchen und darüber, wem der Krieg nützlich sei. Das alles wird mit Sonderaktionen unterstützt: Verschärfungen an der Front, Versuchen einer Seeblockade, Einschleusung von russischen Agenten in Staatsbehörden. Andererseits wird es davon nicht leichter, unter russischen Raketen zu sitzen und sich von Monat zu Monat Geschichten anzuhören, wie vielleicht schon bald UN-Friedenstruppen hier einziehen werden. Man muss sich dessen sehr genau bewusst sein, man muss es schreiben, sagen, erläutern: Der heutige Stellungskrieg ist das kleinere Übel. Wir brauchen Standhaftigkeit und Geduld, viel Standhaftigkeit und Geduld.
„Grad“-Beschuss kam über dem Switlodarsk-Bogen angeflogen – wie denn auch die „Ernte“- und „Schule“-Waffenruhen ohne das gute alte Grad-Raketenpaket (übrigens, zum ersten Mal seit mehreren Wochen). Wir denken, am Vorabend des Feiertags wird uns noch gratuliert, und nicht nur einmal – wie es all diese Jahre eben war. Die Zusammenstöße haben sich sowohl am 17. August als auch schon früher im südlichen Seegebiet verstärkt. Wenn das Zentrum dieses „Hufeisens“ dicht bebaut ist und ein einheitliches Feuerführungssystem aus den nächstliegenden Dörfern, Höhen und Halden darstellt, wo jede Verschärfung weh tut, darunter auch dem Budget der nicht-anerkannten „Republiken“ (wobei ihre halbtote Kommunalwirtschaft zusätzlich belastet wird), so kann man sich in den Waldanlagen am Kalmius durchaus billig aber wirkungsvoll austoben. Die Kämpfe finden an der Linie Schyrokyne- Wodjane- Hnutowe- Pawlopil- Tschermalyk statt. Das Aufmarschgebiet hinter dem Fluss und die Dörfer im Vorland stehen unter Mörserbeschuss, Beschuss aus großkalibrigen Maschinengewehren und Gewehrgranatwerfern. Des Öfteren kommen Panzerfahrzeuge hinter dem Wald hinzu und feuern was rüber. Die 122-mm-Kanonen kommen nur sporadisch zum Einsatz, hauptsächlich auf den taktischen Rücken, Fernschüsse auf 15-20 km Entfernung gab es lange nicht mehr. Das Format der Kämpfe bleibt derselbe: Mörserbeschuss bei Tschermalyk, Störfeuer aus Flakanlagen und Granatwerfern, Streifzüge kleinerer Gruppen, nicht nur der berüchtigten Diversionsgruppen, sondern auch der Pioniere, Aufklärer usw. Der Krieg zwischen den Schützengräbern setzt sich fort und nimmt Ressourcen und Leben mit.
Überraschend still ist es nach der sommerlichen Verschärfung bei Horliwka – nichts lauter als Mörser und Panzerbüchsen, äußerst selten kommt etwas Großkalibriges. Höchstwahrscheinlich zeigte die Probe mit dem Ausschütten von Hunderten Geschossen auf beiden Seiten, dass ein Kampf um Vororte sich nicht lohnt. Den Gerüchten nach, hat der Gegner nach dem Vorstoß der ukrainischen Streitkräfte entlang des Flusses Schelesnaja, den Kämpfen um eine Halde und den Zusammenstößen fast im privaten Sektor, reguläre russische Truppen nach Horliwka eingeführt. Nach einem Geschoss-Abtausch wurde klar, dass sie uns zwar aus Tschigery und Juschny nicht abdrängen können, dass wir aber uns auf den Halden auch nicht werden festsetzen können, ohne die Stadt permanent zu beschießen. Erwartungsgemäß wurde alles wieder still und wird nur noch in Form von Feueraustausch oder irgendwelchen Versuchen fortgesetzt, eine Panzerabwehrlenkrakete in eine Schießscharte einzuführen – die Abteilungen verschanzen sich und machen Pioniervorbereitung auf neuen Stellungen. In der Vorhut von Donezk, im Raum von Bachmut und in Richtung von Krymske – Schusswechsel, Störfeuer, Scharfschützenarbeit. Es wurde eine weitere Drohne russischer Herstellung abgeschossen – die Maschinen dieses Typs hatte der FSB noch 2015 eingekauft.
Was den Raketenstart von ukrainischen Marschflugkörpern „Neptun“ angeht – das ist ein großer Schritt nach vorne, aber man sollte Euphorie in der Rhetorik vermeiden. Selbst wenn wir angefangen haben, einen Selbststeuerungskopf zu integrieren und neue Fernmessungswerte bekommen haben, sind es bis zum Produktionsstart noch Monate Arbeit und viele Millionen Dollar Geld. Es ist zwar lustig, über die gesprengte Krimer Brücke Witze zu machen, aber nur so lange man sich nicht daran erinnert, dass die Russen 44 Raketenstartanlagen „Bal“ mit derselben X-35-Rakete haben, die seit einem guten Jahrzehnt im Betrieb ist und aktiv ins Ausland verkauft wird, nach Venezuela. Witze und Trolling sind eine gute Sache, aber die Fragen der Umrüstung sollten wie eine chirurgische Operation angegangen werden. Wir nehmen Geld, schneiden den Furunkel raus, leben weiter ganz normal und denken nicht mehr über das Problem nach. Unsere Aufgabe ist es nicht, Russland einzuholen und zu überholen – das ist objektiv nicht möglich, solange denen nicht eine weitere Stadt wie Kasanj abfällt. Unsere Aufgabe ist es, jegliche Versuche, Druck mit Gewalt auf uns auszuüben, so kostspielig zu machen, damit sie diese Idee noch in der Planungsetappe verwerfen. Die Erschaffung von Gegenschiffsraketen an einer langen Küste von zwei Meeren in einem Land, das vom Export des Weizens und Metalls kritisch abhängig ist, ist eine Frage der nationalen Sicherheit und diese Frage muss auf dem normalen Arbeitsweg gelöst werden.
Bei der Paradeprobe wurden übrigens „Warta“-Panzerfahrzeuge gesichtet, auf denen Javelins und Drohnen (sie wurden bereits letztes Jahr an die ukrainischen Streitkräfte geliefert) angebracht waren.
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Jedes Panzerfahrzeug „Warta“ wird bei der Parade am 24. August mit einer Javelin und einem Kampfmodul mit der ukrainischen Panzerabwehrwaffe „Stugna“ vervollständigt sein. Foto: AUTO-consulting
Natürlich ist es nicht ihre standardmäßige Stelle, aber es wäre ja dumm, die Jungs mit einer Tragetierlast zu Fuß bei der Parade laufen zu lassen. Bei dem Besuch von Turtschynow im Konstruktionsbüro „Lutsch“ in Kyjiw wurde das türkische Panzerabwehrmodul „Aselsan“ mit einem Wärmebildgerät, vier Raketen R-2S und einem Maschinengewehr gesichtet. Das Modul wurde zuvor am Truppenübungsplatz getestet, inklusive Nachtfeuer. Es wurde bekannt gegeben, dass es sowohl mit „Kosak“ als auch mit „Warta“ kompatibel ist. Wenn man berücksichtigt, dass 2017 73 „Warta“ und „Kosak“-Panzerfahrzeuge allein an die Nationalgarde der Ukraine geliefert wurden, und es darüberhinaus noch Lieferungen von Dutzenden Panzerfahrzeugen an die ukrainischen Streitkräfte gab, so haben wir einen Ersatz für den Opa 9P148. Das ist allerdings kein „Sturm-S“ mit seinen 1865 mm Höhe – „Warta“ hat 2700 mm. Die Wahrscheinlichkeit, dass es selber was abbekommt, ist hoch, aber das Wärmebildgerät und die Rakete, die auf 5 km Entfernung treffen kann, erlauben doch aus der Tiefe der Kampfordnung zu agieren, von vorbereiteten Stellungen und nachts. In jedem Fall bedeutet eine gepanzerte Plattform keine Bündel am Rücken und kein Bordwagen.
Viele bleiben nun bei den Panzerhaubitzen „Bogdana“ oder der Möglichkeit der Ukraine in absehbarer Zeit operativ-taktische Raketen zu produzieren, hängen, und unter der Paradetechnik sieht man nicht wenig Angenehmes: T-64BW, die mit Wärmebildgeräten und Datenfunkstationen modernisiert wurden, Dutzende gepanzerte „HMMWV“, Funkmessstationen 1L220UK „Zoopark-2“ – eine Konterbatterie-Station heimischer Herstellung, die Artilleriefeuer bis zu 30 km erkennen kann. Nach der letzten Lieferung von zwei weiteren Radarstationen AN/TPQ-36 haben wir davon nun 11 Stück – die größte Gruppierung außerhalb der USA, inklusive der NATO-Verbündeten, Golf-Ländern, Jordanien und Türkei, mit denen die USA seit Jahrzehnten arbeitet.
In etwa einem Monat bekommen wir die nächste Partie von Javelins, Dutzende kanadische Scharfschützengewehre und höchstwahrscheinlich auch ein Paket der Luftabwehr – es ist noch unklar, ob nur Radarstationen oder was aus „tödlichen Waffen“. Es werden Konturlinien aus Radarstationen und Drohnen geschaffen, aus Ketten von Satelliten und tropfsphärischen Verbindungen auf operativer und strategischer Ebene.
Mit jedem Monat degradieren die Gebiete im Osten immer mehr. Jeder, der die „Russische Welt“ in seinem Zuhause willkommen heißt, kann nach Horliwka kommen und mal für den Durchschnittslohn der „Republik“ und unter ihren abendlichen Ausgangsverboten leben, um zu verstehen, wie sehr er die Ukraine liebt.
Mit jedem Monat steigt der Preis, den der Aggressor im Falle einer zweiten Runde Krieg zahlen wird, und macht diese immer unwahrscheinlicher. Wir befinden uns nun in der Lage Südkoreas, nur steht uns gegenüber kein Norden mit seiner Wirtschaft und der chinesischen Faust im Arsch, sondern ein schmaler Streifen eines degradierenden Territoriums, mit der Faust eines Landes, das sich wegen der Sanktionen in Stagnation befindet.
Früher oder später wird der Kreml die richtige Wahl treffen. Es geht nur um Kosten, die er im Ergebnis seines Vorgehens tragen wird. Unsere Aufgabe ist es, unser Land weiter zu modernisieren und stärker zu werden. Diese Aufgabe bleibt seit 2014 unverändert.
Bleiben Sie auf dem Laufenden und bleiben Sie mit uns. Wir werden siegen.
Quelle: Kirill Daniltschenko [1]für Petr&Mazepa [2]; übersetzt von Irina Schlegel [3]; korrigiert von Klaus H. Walter [4].
CC BY 4.0