
Die sogenannten Parlamentswahlen in Russland ändern kaum etwas daran, wer die subversiven Aktivitäten des Kremls steuert. Alexander Babakov behielt auch nach der Wahl zur Staatsduma im September 2026 sein Mandat. Als stellvertretender Vorsitzender der Staatsduma und Sonderbeauftragter des Präsidenten für im Ausland lebende Landsleute spielt er weiterhin eine zentrale Rolle bei den russischen Einflussoperationen.
Die folgende CYBINT-Recherche beruht auf Unterlagen aus dem Datenleck #BabakovLeaks, die exklusiv von der Hacktivistengruppe 256 Cyber Assault Division bereitgestellt wurden. Louis Martin hat die Recherche eigens für InformNapalm verfasst.
Babakovs Netzwerk und Russlands Einflussoperationen in Europa
Im Westen ist Babakov vor allem durch seine Beteiligung an einer aufsehenerregenden Kreditaffäre aus dem Jahr 2014 bekannt. Damals erhielt Marine Le Pens rechtsextreme Partei Front National einen Kredit über 9,4 Millionen Euro. Der Kredit wurde über eine Bank in Prag abgewickelt, die später insolvent wurde. Die Affäre war ein frühes Warnsignal dafür, wie weit Moskau zu gehen bereit war, um Einfluss auf die europäische Politik zu nehmen.
Die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten betrachteten russische hybride Angriffe und Informationsoperationen über viele Jahre als ein Problem, das sie lieber ignorierten. Diese Haltung änderte sich grundlegend nach ukrainischen Drohnenangriffen auf Rechenzentren von Yandex in Russland. Yandex ist das russische Gegenstück zu Google und ein zentraler Bestandteil der Cloud-Infrastruktur des Landes. Als die Server ausfielen, wurde in den sozialen Medien darüber gescherzt, dass man im Internet wieder leichter atmen könne. Denn es gab weniger Beiträge von gefälschten Konten, die sich als europäische Bürger ausgaben.
Alexander Babakovs russischer Reisepass.
Während es Zeit braucht, die Infrastruktur der Bot-Netzwerke wieder aufzubauen, bleiben die Verantwortlichen für die Einflussoperationen auf ihren Posten. Als das US-Finanzministerium, die EU und ihre Verbündeten Sanktionen gegen Alexander Babakov und seinen Sohn Michail verhängten, gingen die Aufsichtsbehörden davon aus, dass deren internationales Netzwerk lahmgelegt würde. Doch dazu kam es nicht.
Babakov musste nicht selbst nach Paris reisen, um die kriminellen Aktivitäten zu koordinieren. Seine Familie verfügte seit Langem über weitreichende Verbindungen nach Frankreich. Dazu gehörten auch enge Verwandte, die in der Hauptstadt lebten.
Biografische Unterlagen, Personalakten und Lebensläufe, die die seit Langem bestehenden familiären Verbindungen und den umfangreichen Immobilienbesitz der Familie Babakov in Frankreich dokumentieren.
Stattdessen konnte Babakovs Sekretariat Reisebeschränkungen und Finanzsanktionen mithilfe westlicher Mittelsmänner umgehen, die selbst keinen Sanktionen unterlagen. Ein besonders deutliches Beispiel ist der französische Staatsbürger Geoffroy Marie Gonzague Doly, der seit mehr als einem Jahrzehnt zum Netzwerk um Babakov gehört.
Passunterlagen von Geoffroy Marie Gonzague Doly.
Vom Forschungspraktikanten zum Berater in russischen Delegationen
Visumantrag vom April 2015, den das in Moskau ansässige Institut zur Erforschung internationaler Integrationsfragen bei der russischen Botschaft in Wien einreichte, um ein Visum für Doly zu erhalten.
Dolys Kontakte zum Netzwerk um Babakov begannen über eine Organisation in Moskau, die als Tarnorganisation fungierte. Die zuvor geleakten Unterlagen von #BabakovLeaks haben gezeigt, dass das Netzwerk über Jahre hinweg Organisationen nutzte, deren Tätigkeit nur schwer zu durchschauen war. Diese traten nach außen als unabhängige Forschungsinstitute und Denkfabriken auf.
Vom Visumantrag in Babakovs engsten Kreis
Im April 2015 wandte sich die autonome gemeinnützige Organisation Institut zur Erforschung internationaler Integrationsfragen an die russische Botschaft in Wien. Sie beantragte ein Visum zur mehrfachen Einreise für den damals 20-jährigen französischen Staatsbürger. Offiziell wurde Doly als Forschungspraktikant vorgestellt. Gleichzeitig wurde er in den Unterlagen als Beschäftigter eines Wiener Unternehmens geführt. Das Institut stellte ihm damit Unterlagen aus, die seinen Aufenthalt als Teil einer wissenschaftlichen Zusammenarbeit erscheinen ließen.
Diplomatische Korrespondenz vom Februar 2023, unterzeichnet vom russischen Botschafter in Dakar, Dmitri Kurakow, mit der Bitte um Einreisevisa für Michail Babakov und Geoffroy Doly.
Im Laufe des folgenden Jahrzehnts entwickelte sich Doly vom Forschungspraktikanten auf dem Papier zu einem Mitglied von Babakovs engstem Umfeld. In Verwaltungsunterlagen und Delegationslisten wird er als Berater und Mitarbeiter von Alexander Babakovs Sohn Michail geführt.
Im Februar 2023 beantragte der russische Botschafter in Dakar, Dmitri Kurakow, Einreisevisa für Michail Babakov und Doly. Dies geht aus diplomatischer Korrespondenz hervor, die der Botschafter persönlich unterzeichnet hatte. Beide sollten an einer offiziellen Delegation der Staatsduma nach Gambia teilnehmen. Geleitet wurde sie von Nikolai Nowitschkow, dem Koordinator einer parlamentarischen Kooperationsgruppe.
Schreiben von Alexander Babakov an den russischen Botschafter in Frankreich mit der Bitte, Doly bei der Beschaffung eines drei Jahre gültigen Visums zur mehrfachen Einreise zu unterstützen.
Die Unterstützung für Doly reichte bis in die höchsten Ebenen des russischen Staatsapparats. Alexander Babakov wandte sich persönlich an den russischen Botschafter in Frankreich, Alexei Meschkow, um Hilfe in der Visumangelegenheit zu erhalten. Ziel war es, über das Institut zur Erforschung internationaler Integrationsfragen ein drei Jahre gültiges Visum zur mehrfachen Einreise für Doly zu beschaffen.
Auch Dolys administrative Angelegenheiten wurden direkt von Babakovs parlamentarischem Sekretariat und mit ihm verbundenen Organisationen bearbeitet. Die Korrespondenz lief unter anderem über die E-Mail-Adresse pr401@mail.ru, die in den geleakten Unterlagen auftaucht. In einer Nachricht entschuldigte sich Doly sogar dafür, dass er nicht auf Russisch schrieb. Als Grund gab er an, dass auf seinem Computer keine russische Tastaturbelegung eingerichtet sei.
E-Mail von Geoffroy Doly an Babakovs offizielles Sekretariat in der Staatsduma vom März 2023. An die Adresse pr401@mail.ru wurden Unterlagen für die Akkreditierung zu einer Konferenz gesendet.
Offizielle Listen parlamentarischer Delegationen und Konferenzteilnehmer, in denen Doly neben hochrangigen russischen Vertretern als Berater aufgeführt wird.
Unternehmensverbindungen und internationale Reisen
Neben seiner Teilnahme an parlamentarischen und anderen offiziellen Delegationen fungiert Doly auch als Mittelsmann in geschäftlichen und logistischen Angelegenheiten. Unternehmensregister und geleakte Daten zu Grenzübertritten zeigen, dass sich seine Aktivitäten von Moskau und dem westlichen Balkan bis nach Asien erstrecken.
Registrierungsformular von Geoffroy Doly mit Unternehmensangaben zu Strategija 350.
Die in Moskau ansässige Aktiengesellschaft Strategija 350 (s350.ru), die von Michail Babakov geleitet wird, spielt eine zentrale Rolle bei den sogenannten Beratungsdienstleistungen des Netzwerks. Das Unternehmen bietet seine Dienstleistungen direkt von Russland aus an. Zugleich trägt das Vermögen der Familie im Westen dazu bei, ihre wirtschaftliche Präsenz in Europa aufrechtzuerhalten. Ein Beispiel dafür ist die französische Immobiliengesellschaft SCI du Chateau de St Leger.
Arbeitsvertrag vom Dezember 2022, abgeschlossen in Belgrad zwischen Geoffroy Doly und BLK-SKY d.o.o., einem Unternehmen, das von Babakovs Mitarbeiter Pawel Polikarpow kontrolliert wird.
Dolys Aktivitäten im Ausland sind eng mit den Geschäftsinteressen innerhalb von Babakovs weitverzweigtem Netzwerk verknüpft. Nachdem Doly um das Jahr 2021 einen serbischen Pass erhalten hatte, schloss er in Belgrad einen Arbeitsvertrag mit dem Beratungsunternehmen BLK-SKY d.o.o. Das Unternehmen wird von Pawel Polikarpow geführt, der seit Langem zum Umfeld Babakovs gehört.
Russischen Unternehmensregistern zufolge hält Doly außerdem Beteiligungen an mehreren Unternehmen, darunter an der russischen Firma Altakap. Ihm gehören 10 Prozent des Unternehmens, während die übrigen 90 Prozent Sergej Moschajew gehören, einem langjährigen Mitarbeiter Babakovs. Dolys Geschäftsinteressen reichen auch bis nach China. In Chengdu hatte er Führungspositionen und Unternehmensbeteiligungen bei Chengdu Hongqiang Mali Mianbao Co., Ltd.
Russische Passagierlisten aus dem Jahr 2023 zeigen, wie eng Doly mit der Familie Babakov zusammenarbeitete. Den Unterlagen zufolge reisten er und Michail Babakov gemeinsam über mehrere internationale Luftverkehrsdrehkreuze. Die gemeinsamen Flüge, Grenzübertritte und Reiserouten führten über Moskau, Addis Abeba, Kairo, Istanbul, Delhi und Shanghai. Die Reisen wurden über dasselbe Buchungssystem in Moskau mit dem Agenturcode 92150225 gebucht. In den Buchungen tauchen auch die Namen von Babakovs langjährigen Mitarbeitern Pawel Polikarpow und Jewgeni Sobnin wiederholt auf.
Der blinde Fleck der Sanktionskontrolle
Dass ein junger französischer Staatsbürger weitgehend ungehindert im Umfeld eines sanktionierten russischen Machthabers Karriere machen konnte, offenbart eine gravierende Schwachstelle der westlichen Sanktionskontrolle.
Doly ist weder Ideologe noch ein öffentlich auftretender politischer Akteur. Seine Bedeutung liegt vielmehr in seiner praktischen und logistischen Funktion innerhalb des Netzwerks. Wenn Sanktionen die Reisemöglichkeiten und Bankgeschäfte russischer Machthaber einschränken, sind deren Netzwerke auf Mittelsmänner angewiesen, die selbst nicht von den Beschränkungen betroffen sind.
Mit seinem EU-Pass fungiert Doly als Mittelsmann bei Angelegenheiten, die internationale Unternehmen, diplomatische Kontakte und Verwaltungsabläufe betreffen. Auf diese Weise können die Aktivitäten fortgesetzt werden, ohne die Aufmerksamkeit westlicher Aufsichts- und Strafverfolgungsbehörden auf sich zu ziehen.
Personen wie Doly sind möglicherweise wesentlich schwerer aufzuspüren als lautstarke Propagandisten oder politische Extremisten. Sie hinterlassen keine digitalen Spuren in Form offen feindseliger Propaganda. Stattdessen bauen sie eine Verwaltungsstruktur auf, die im Verborgenen arbeitet. Diese ermöglicht es russischen Netzwerken, in ganz Europa weiterhin verdeckte Informationsbeeinflussung zu betreiben, Vermögenswerte zu verwalten und Sanktionen zu umgehen.
Von Louis Martin.
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