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    Rosatom und Paks II – Spuren zum russischen Auslandsgeheimdienst SWR bei der Planung einer Demonstration in Ungarn

    on 2026-10-26 | 0 Comment | Aktuell | Gesellschaft | Hacker | OSINT
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    InformNapalm veröffentlicht gemeinsam mit der Analysegruppe Ukrainian Militant die Ergebnisse einer exklusiven CYBINT-Recherche auf Grundlage von Material, das die Hacktivistengruppe 256 Cyber Assault Division in ihren Besitz gebracht hat. Dazu gehören Dokumente, private und dienstliche Korrespondenz, Fotografien sowie weitere Dateien mit Bezug zu Mitarbeitern des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR.

    Die Recherche hat Verbindungen zwischen Personen mit Bezug zum russischen Geheimdienst und den Vorbereitungen für öffentliche Kundgebungen in Budapest zur Unterstützung des Atomkraftprojekts Paks II sichtbar gemacht. An dem Projekt ist der russische Staatskonzern Rosatom beteiligt.

    Die E-Mail über eine „Aktivka“ in Budapest

    Am 16. September 2026 schickte der russische Oberst Timur Sirtlanow eine E-Mail an Irina Parman, eine Oberstleutnantin mit Verbindungen zur Militäreinheit 33949. Die Betreffzeile lautete „активка“ („Aktivka“). In der Nachricht schrieb Sirtlanow:

    Активку в Будапеште перенесли. Сможешь профайлинг сделать на завтра?

    Die Aktion in Budapest wurde verschoben. Kannst du bis morgen ein Profiling durchführen?

    E-Mail an Irina Parman über eine verschobene Aktion in Budapest

    E-Mail von Timur Sirtlanow vom 16. September 2026 über die Verschiebung einer „Aktivka“ in Budapest. Zugleich bittet er Irina Parman, ein Profiling durchzuführen. Quelle: das geleakte Material.

    „Aktivka“ ist ein umgangssprachlicher Ausdruck aus dem russischen Geheimdienstjargon für eine sogenannte aktive Maßnahme, also eine geplante Einflussoperation. In der sowjetischen und russischen Geheimdienstarbeit bezeichnet der Begriff Maßnahmen, die darauf abzielen, politische Prozesse und die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Dazu können Informationskampagnen, der Einsatz von Agenten und organisierte öffentliche Kundgebungen gehören.

    Die Militäreinheit 33949 wird seit vielen Jahren in öffentlich zugänglichen Quellen als Teil des russischen Auslandsgeheimdienstes genannt. Bereits 2010 berichtete die Nowaja Gaseta, dass der Vorsitzende des Veteranenrats des SWR die Adresse dieser Einheit für seine Korrespondenz verwendete. Der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Anatoli Korendjaschew hatte zudem Gehaltszahlungen von derselben Einheit erhalten.

    Im Herbst 2026 tauchte die Militäreinheit 33949 auch in einer weiteren CYBINT-Recherche auf. In der Untersuchung „Poljus-24“ und Militäreinheit 33949 führten Dokumente, die Cyberexperten beschafft hatten, zu Informationen über einen Teil der strategischen Nuklearstreitkräfte Russlands.

    Nachdem die Analysten die E-Mail entdeckt hatten, begannen sie, nach Hinweisen auf geplante prorussische Kundgebungen in Budapest zu suchen. Dabei stießen sie auf Facebook-Anzeigen, eine Telegram-Gruppe der Organisatoren einer Demonstration zur Unterstützung von Paks II sowie Kampagnenmaterial, dessen Metadaten einen Namen enthielten, den Irina Parman verwendet hatte.

    Vorbereitungen für die Demonstration zur Unterstützung von Paks II

    Am 16. September 2026 veröffentlichte ein Facebook-Konto namens Zoltan Biro Anzeigen in Gruppen für russischsprachige Einwohner Ungarns und anderer europäischer Länder. Gesucht wurden engagierte Personen aus der russischsprachigen Gemeinschaft Budapests für ein Projekt zur Entwicklung der Energieversorgung und Infrastruktur Ungarns.

    Die Veranstaltung war für den 20. September geplant. Weder Rosatom noch das Atomkraftprojekt Paks II wurden in den öffentlichen Anzeigen erwähnt.

    Facebook-Anzeige zur Anwerbung für ein Energieprojekt in Budapest

    Anwerbung russischsprachiger Einwohner Budapests für ein Projekt, das als Initiative im Bereich Energie und Infrastruktur vorgestellt wurde.

    Die Rechercheure kontaktierten den Organisator über ein separates Konto und wurden in die Telegram-Gruppe „ДРУЖБА НАРОДОВ“ („Völkerfreundschaft“) eingeladen. Die Gruppe hatte zu diesem Zeitpunkt 106 Mitglieder. Dort wurde das Ziel der Veranstaltung ausdrücklich genannt: die Unterstützung des russisch-ungarischen Atomkraftprojekts Paks II.

    Die Demonstration sollte am 20. September gegen 12 Uhr auf dem Kossuth-Lajos-Platz beim ungarischen Parlament stattfinden. Die Organisatoren stellten den Teilnehmern Vorlagen für Transparente und Flugblätter zur Verfügung, die sie selbst ausdrucken sollten.

    In einer der Nachrichten wurde auch die Möglichkeit einer zusätzlichen Vergütung erwähnt. Die Organisatoren kündigten an, später Angaben zur Höhe und zu den Auszahlungsmodalitäten zu machen. Das untersuchte Material enthält allerdings keine Belege dafür, dass tatsächlich Geld ausgezahlt wurde.

    Telegram-Nachrichten über die Demonstration zur Unterstützung von Paks II

    Nachrichten aus der Telegram-Gruppe über die Unterstützung für Paks II, die Vorbereitungen der Demonstration und die Möglichkeit einer Vergütung.

    Später teilten die Organisatoren mit, dass die Demonstration vom 20. auf den 26. September verschoben worden sei. Als Grund nannten sie eine Verzögerung bei der Genehmigung durch die örtlichen Behörden.

    Bereits am 16. September hatte Sirtlanow Parman darüber informiert, dass eine „Aktivka“ in Budapest verschoben worden sei. Die Übereinstimmungen hinsichtlich des Ortes, des zeitlichen Ablaufs und der Planänderung deuten darauf hin, dass er von den Vorbereitungen für die Demonstration gewusst haben könnte. Aus der E-Mail geht jedoch nicht hervor, welche konkrete Rolle oder welche Befugnisse Sirtlanow bei der Organisation der Veranstaltung hatte.

    Dateimetadaten führen zu Irina Parman

    Die Rechercheure erhielten Zugang zu einem Archiv mit Kampagnenmaterial, das in der Telegram-Gruppe verbreitet worden war. Auf einem der Transparente stand der ungarische Slogan „Az atom a természet barátja!“, auf Deutsch „Das Atom ist ein Freund der Natur!“.

    In den Dokumenteigenschaften der PDF-Datei war als Verfasserin „Ирина Ларина“ (Irina Larina) angegeben. Ein gespeicherter Screenshot der Dateimetadaten zeigte, dass das Dokument am 16. September 2026 erstellt und am 18. September geändert worden war. Beide Daten fallen in den Zeitraum, in dem Sirtlanow und Parman miteinander korrespondierten und die Demonstration vorbereitet wurde.

    Kampagnenmaterial für Atomenergie mit dem Verfassernamen Irina Larina

    Kampagnenmaterial zur Unterstützung der Atomenergie. In den Metadaten der PDF-Datei ist Irina Larina als Verfasserin angegeben.

    Bei der Auswertung von Parmans privatem Archiv stellte sich heraus, dass sie im russischen sozialen Netzwerk Moj Mir ihren Mädchennamen Larina verwendet hatte.

    Irina Parmans Profil bei Moj Mir

    Die Übereinstimmung zwischen dem Verfassernamen in den Dateimetadaten und dem Namen in Parmans Profil liefert zusammen mit den Dateiangaben und der E-Mail über eine „Aktivka“ einen weiteren Hinweis auf eine Verbindung zwischen der Demonstration und den Personen aus dem geleakten SWR-Material.

    SWR-Oberstleutnantin Irina Parman

    Laut den geleakten Dienstunterlagen ist Irina Dmitrijewna Parman Oberstleutnantin und hat Verbindungen zur Militäreinheit 33949. Ihr Spezialgebiet ist das Profiling. Dabei werden das Verhalten, die Reaktionen und die psychologischen Merkmale einer Person analysiert, um ihre Motive einzuschätzen und Informationen zu erkennen, die sie zu verbergen versucht.

    Irina Parmans Lebenslauf

    Irina Parmans Reisepass

    Unterlagen über Irina Parmans Tätigkeit beim SWR

    Irina Parmans Spezialisierung auf Profiling

    Dokumente über Irina Parmans militärischen Dienstgrad, ihre Tätigkeit und ihre Spezialisierung auf Profiling.

    Das geleakte Material enthält auch Ausbildungsunterlagen der SWR-Akademie. Darin wird Parman als Lehrkraft an der siebten Abteilung des Ausbildungszentrums geführt. Ihr Kurs behandelt psychologische Methoden, die in der operativen Geheimdienstarbeit eingesetzt werden.

    Timur Sirtlanow – russischer Oberst und Militärkommentator

    Die zweite Person in der E-Mail-Korrespondenz ist Timur Maratowitsch Sirtlanow, ein russischer Oberst, Mitglied des Präsidiums der Organisation „Offiziere Russlands“ und regelmäßiger Militärkommentator. Russische Medien beschreiben ihn als Militärveteranen. Im Jahr 2024 wurde er in Veröffentlichungen als stellvertretender Kommandeur von BARS-Kursk mit Zuständigkeit für militärpolitische Angelegenheiten genannt.

    Sirtlanows Kommentare erscheinen regelmäßig unter anderem in Moskowski Komsomolez und Argumenty i Fakty. Er äußert sich zum Krieg gegen die Ukraine, zu den Aktivitäten ukrainischer Nachrichten- und Sicherheitsdienste sowie zur russischen Militärpolitik.

    Im geleakten Material befindet sich eine Bescheinigung über Sirtlanows Berechtigung zum Zugang zu Staatsgeheimnissen. Das Dokument trägt den Stempel der Militäreinheit 33949, zu der auch Irina Parman Verbindungen hat. Die Bescheinigung belegt die darin dokumentierte Verbindung, lässt jedoch keinen Rückschluss darauf zu, welche Dienststellung Sirtlanow im September 2026 innehatte.

    Timur Sirtlanows Verbindung zur Militäreinheit 33949

    Laut Angaben aus Parmans privatem Archiv haben sie und Sirtlanow mindestens seit 2017 eine Beziehung.

    Irina Parman und Timur Sirtlanow

    Das geleakte Material enthält außerdem ihre Korrespondenz über berufliche Angelegenheiten sowie Dokumente, die über private E-Mail-Konten verschickt wurden.

    InformNapalm verfügt zudem über weitere private und dienstliche Fotografien und Dokumente über Sirtlanow. Diese sollen in künftigen Recherchen untersucht werden.

    Der russische Oberst Timur Sirtlanow

    Der russische Oberst Timur Sirtlanow

    Der politische Hintergrund von Paks II

    Die Vorbereitungen für die prorussische Demonstration fielen mit einer Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und Ungarn seit dem Amtsantritt der Regierung von Péter Magyar zusammen. Am 8. September 2026 teilte Budapest mit, dass zehn russische Diplomaten wegen Tätigkeiten ausgewiesen werden sollten, die mit ihrem diplomatischen Status unvereinbar seien. Ungarns Außenministerin Anita Orbán bezeichnete die Entscheidung als Maßnahme zum Schutz der Sicherheit und Souveränität des Landes. Die Regierung veröffentlichte allerdings keine näheren Vorwürfe gegen die ausgewiesenen Diplomaten.

    Eines der sensibelsten Themen in den Beziehungen zwischen beiden Ländern war das Atomkraftprojekt Paks II. Es umfasst den Bau zweier neuer Reaktorblöcke unter Beteiligung des russischen Staatskonzerns Rosatom.

    Am 26. August leitete die ungarische Polizei Ermittlungen zu Finanztransaktionen im Zusammenhang mit Paks II ein. Laut dem ungarischen Nachrichtenportal Telex betrafen die Ermittlungen unter anderem eine Kapitalerhöhung um 80 Milliarden Forint im Dezember 2025. Die Zeitung wies zudem darauf hin, dass der Gerichtshof der Europäischen Union im September 2025 die Genehmigung staatlicher Beihilfen für das Projekt durch die Europäische Kommission aufgehoben hatte.

    Am 12. Oktober veröffentlichte der russische Auslandsgeheimdienst SWR eine Erklärung, in der er die Führung der Europäischen Kommission und Ursula von der Leyen beschuldigte, eine Informationskampagne gegen Rosatom zu betreiben. Laut SWR sollte die ungarische Regierung damit dazu gebracht werden, die Zusammenarbeit mit Russland im Bereich der Atomenergie einzustellen. Der Geheimdienst legte keine unabhängigen Belege für diese Anschuldigungen vor.

    Im Vorfeld der Demonstration für Paks II

    Die Demonstration wird abgesagt – die digitalen Spuren bleiben

    Die Demonstration, die ursprünglich für den 20. September geplant und später auf den 26. September verschoben worden war, fand nicht statt. Wie aus Nachrichten in der Telegram-Gruppe hervorgeht, sagten die Organisatoren die Veranstaltung etwa eine halbe Stunde vor dem geplanten Beginn ab. Die Gründe dafür sind weiterhin unbekannt.

    Die digitalen Spuren der Vorbereitungen sind hingegen erhalten geblieben. Zusammen mit den Dienstunterlagen über Irina Parman und Timur Sirtlanow zeigen sie Verbindungen zwischen der geplanten Demonstration in Budapest und Personen mit Bezug zum russischen Auslandsgeheimdienst.

    Die Aktivitäten russischer Geheimdienste innerhalb der EU beschränken sich seit Langem nicht auf Informationskampagnen und kleinere Demonstrationen. In den vergangenen Jahren haben europäische Strafverfolgungsbehörden auch Brandstiftungen, Sabotageakte und andere Operationen dokumentiert, die mit russischen Geheimdiensten in Verbindung gebracht wurden.

    Die Absage der Demonstration in Budapest bedeutet daher nicht zwangsläufig, dass die beteiligten Akteure ihre Aktivitäten eingestellt haben. Es lässt sich nicht ausschließen, dass andere Einflussoperationen Vorrang erhalten haben und Informationen darüber erst zu einem späteren Zeitpunkt bekannt werden.


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    Tags: 256 Cyber Assault Divisionaktive MaßnahmenAktivkaBudapestCYBINTInformNapalmIrina ParmanMilitäreinheit 33949OSINTPaks IIPéter MagyarRosatomrussische Einflussoperationenrussischer AuslandsgeheimdienstSWRTimur SirtlanowUkrainian MilitantUngarn

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