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„Wann ist die russische Aggression zu Ende?“ Ein Gespräch mit Wiktor Jerofejew

Nach dem Artikel „Wie kann man hier weiterleben?“, der am 2. September in snob.ru erschienen war, war Wiktor Jerofejew einer immensen Kritik in Russland ausgesetzt und wurde sogar mit einer Extrasendung von Kisseljow „geehrt“. Deshalb präsentieren wir ein weiteres Interview mit ihm.

– Viele in der Ukraine sind überzeugt: Sobald Putin verschwindet, wird sich auch die russische Aggression einstellen. Denken Sie genauso?

– Ach, Sie sind doch naiv, wirklich. Menschen, die eine große Macht besitzen (und Putin besitzt eine faktisch unbegrenzte Macht in Russland), legen sich Nachfolger zu, bilden neues Personal aus. Um den russischen Präsidenten herum sind viele Menschen, die seine Ansichten in Bezug auf die Ukraine absolut teilen.

Ich bin überhaupt nicht sicher, dass zu dem Zeitpunkt, wenn Putin alt wird und sich zur Ruhe setzt, an seiner Stelle ein Mensch kommen wird, der westliche Ansichten vertritt. Das wird nicht passieren. Reale demokratische Veränderungen werden in Russland viele Jahre dauern, und anfangen werden sie erst, wenn ein neuer Peter I. kommt, mit seinen pro-europäischen Zwangsmaßnahmen. Noch sieht man ihn nicht. Dafür erhebt das neue russische Imperium einen Anspruch auf die Ukraine. Das als Maximum, und als Minimum: Das Imperium braucht einen Landkorridor von Russland auf die Krim.

– Aber warum hat der russische Normalbürger die Kremlrhetorik so freudig aufgegriffen? Warum ruft gerade die Ukraine so eine Aggression in ihm hervor?

– 2014 wurde zu einem Röntgenjahr, vor unseren Augen ist die Offenbarung der Seele eines russischen Normalbürgers geschehen. Es hat sich herausgestellt, dass die absolute Mehrheit der Bevölkerung absolut antiwestliche, antidemokratische und antiliberale Werte propagiert. Und die TV-Propaganda hat damit nichts zu tun, es geht um sehr archaische russische Vorstellungen.

Niemand hat sich darüber hinweggetäuscht, als ein Mensch an die Spitze der Russischen Föderation kam, der sein ganzes Leben dem Geheimdienst gewidmet hat. Niemand hat gedacht, dass er Russland europäische Werte beibringen würde. Hier muss man sich tief vor Boris Jelzin verneigen, der uns mit diesem Geschenk „belohnt“ hat.

Nicht die Propaganda hat die Köpfe der Bevölkerung so stark beeinflusst. Umgekehrt, zur Freude vieler Bürger hat Putin endlich das zu formulieren begonnen, wovon viele in Russland überzeugt waren, und zwar: Alle ukrainischen Maidane wurden von den Amerikanern organisiert. Die russische Bevölkerung hatte es sowieso schon immer gedacht, aber erst jetzt hat das Staatsoberhaupt ihnen gesagt: „Du bist absolut im Recht, mein Volk!“

– Also war die russische Obrigkeit bis 2014 liberaler als das Volk?

– Vollkommen richtig. Putin ging auf den Westen mit Partnerschaftsvorschlägen zu, aber es sind zwei Dinge passiert: eines steht in keinem Zusammenhang mit der Ukraine, und das andere aber schon. Erstens, Putin wurde von seinen westlichen Freunden enttäuscht: Er hat verstanden, dass er verraten wurde, als Europa die Protestbewegung in Russland 2011-2012 unterstützte. Es war nicht einfach nur eine Protest- sondern eine Anti-Putin-Bewegung. Der Westen hat unverhohlen zu verstehen gegeben, dass er anstelle eines putinistischen Russlands einen normalen europäischen Staat sehen möchte. Gerade nach 2011-2012 hat Putin Europa den Rücken zugedreht und angefangen, aktiv an einem russischen Imperium als einem Gegengewicht zum ganzen Westen zu basteln.

– Das ist der erste Grund, warum sich Putin so plötzlich vom Westen abgedreht hat. Was ist der zweite?

– Für den Aufbau eines neuen russischen Imperiums ist die Ukraine ein wichtiger Eckpunkt. Alle korrupten ukrainischen Regierenden (vielleicht mit Ausnahme von Juschtschenko, der die Situation nicht richtig auszunutzen wusste) haben mit Russland gespielt, mit Russland Verhandlungen unter dem Tisch geführt, deren Einzelheiten wir bis jetzt nicht kennen.

Als die Ukraine durch den Maidan und die Revolution ihre Beziehungen zum korrupten Regime von Janukowytsch tatsächlich zerrissen und sich in Richtung Rechtsstaatlichkeit gewandt hat, hat Präsident Putin sich wieder verraten gefühlt. Zuerst hatte ihn der Westen verraten, und nun die Ukraine. Putin glaubt nämlich, dass der Westen seine Werte der Ukraine aufgedrückt hat – und nicht, dass die Ukraine diese selbst organisch angenommen hat. Und das ist ein ernsthafter Fehler Putins.

Ich kann verstehen, wenn ein Mensch, der im KGB diente, nicht glaubt, dass ein Volk sich selbst organisieren kann. Aber was ist mit der russischen Intelligenzija, die ihre Unterstützung für Putins Politik äußerte – ist diese auch davon überzeugt, dass westliche Geheimdienste den Maidan organisiert haben?

– Unter den Schriftstellern, Regisseuren, Schauspielern, Musikern, die den Brief zur Unterstützung Putins unterzeichnet haben, gibt es viele meiner Freunde und Bekannten: Pawel Lungin, Juri Baschmet und andere. Sie alle gestehen offen, dass der Staat sie unterstützt, und sie nun auch den Staat unterstützen müssen. Darin finden sie ihre Rechtfertigung.

Unter den Unterzeichnern gibt es auch solche, die tatsächlich die russische imperialistische Idee befürworten, und die Ukraine als den kleinen Bruder wahrnehmen. Es gibt auch aufrichtige Ultranationalisten wie Alexander Prochanow, der davon überzeugt ist, dass sich Russland fast schon in ein Nordkorea verwandeln muss und das Putinregime viel zu liberal sei. Das ist eine schändliche Erscheinung für das 21. Jahrhundert, aber durchaus nicht neu: Noch zu sowjetischen Zeiten haben die Schriftsteller eine Erschießung von Bucharin und Trotzkij gefordert.

Da gibt es nichts zu wundern, die Intelligenzija in Russland war schon immer zersplittert. Für mich ist viel mehr verwunderlich, dass der Maidan den rauen Winter von 2013-2014 überstanden und den Sieg errungen hat. Das ist ein legendärer Heroismus. Natürlich wurden danach viele Dummheiten gemacht, bei einem guten politischen Spiel hätte die Ukraine die Krim behalten, wie auch den Konflikt im Donbas vermeiden können. Aber leider habt Ihr eine schwache und dünne Schicht von klugen Menschen. Die Ukraine muss ihre intellektuellen politischen Muskeln aufbauen, damit sie ihre europäische Zukunft durchsetzen kann.

Hat die Ukraine denn ihren pro-europäischen Kurs nicht schon durchgesetzt?

– Leider sehe ich in der jetzigen Lage noch keinen Boden, sehe keinen Zustand, in dem Russland die Ukraine in Ruhe lässt. Ich denke, Putin wird keine Ruhe geben, bis er alles aufs Blut ausgesaugt hat. Es wird mit dem Donbas nicht enden, der sich jetzt im Rauch und Blut befindet. Das ist eine äußerst dramatische Situation.

Die Ukraine muss das archaische russische Bewusstsein komplex und tief analysieren. Man darf es nicht leichtsinnig angehen: nach dem Motto, in Russland sind alle verrückt geworden. Ohne dieses Verständnis ist die Ukraine dazu verdammt, wie ein Don Quijote mit den Windmühlen zu kämpfen und vieles zu verlieren.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion sind über 20 Jahre vergangen, es ist eine neue Generation groß geworden, die den Westen sowohl bereist, als auch dort studiert hat. Hat es denn das archaische antidemokratische russische Bewusstsein nicht verändert?

– Sagen Sie niemals „nie“. In Russland teilen um die 15% der Bevölkerung demokratische Ansichten. Das ist eine kleine Zahl, dafür aber beständig. Niemand hat die Russen jemals im Sinne der westlichen Werte erzogen. Die ukrainische Gesellschaft hat man auch nicht erzogen, aber ein Teil Euer Territorien war historisch mit Europa verbunden.

Wenn der Bevölkerungsanteil in der Ukraine, der westliche Ansichten predigte, mindestens 50% betrug, so waren es in Russland nur 15%. Nach der Perestrojka und dem Zerfall der UdSSR hat niemand das Bewusstsein der 85% Russen in Betracht gezogen, welche die europäischen Werte nicht teilten. Das ist ein großer Fehler der Liberalen und Demokraten gewesen, die nach 1991 an die Macht kamen. Jegor Gaidar, Anatolij Tschubais, mein guter Freund Boris Nemzow führten Reformen durch, die 85% russischer Bürger nicht verstanden.

Ich verstehe zwar nicht, wie man im 21. Jahrhundert normale menschliche Werte nicht begrüßen kann, wie: das Individuum ist wichtiger als der Staat; der Staat muss dem Menschen dienen, und nicht umgekehrt; man darf den Staat nicht sakralisieren usw. Der ukrainische Maidan stand auf diesen Werten, trotz ihrer historischen europäischen Vergangenheit musste in der Ukraine aber Blut fließen, um die demokratischen Werte zu verteidigen.

Was denken Sie, wie lange wird der Konflikt im Donbas andauern?

– Wir kommunizieren in einer schweren, freudlosen Zeit. Meine Frau hat entfernte Verwandte, ukrainische Staatsbürger. Einer kämpft auf der Seite der ukrainischen Armee, und der andere auf der Seite der Separatisten. Das ist ein Bruderkrieg. Poroschenko hat Recht, in dem er nach Waffenruhe strebt. Ein Krieg nimmt eine grausame Anzahl von Leben mit. Es wird Zeit vergehen, und niemand wird sich daran erinnern können, wen und wozu die Usurpatoren im Donbas töteten.

Ich glaube aufrichtig, dass die Ukrainer großartig sind, denn Ihr habt verstanden: Das 21. Jahrhundert ist eine Epoche der europäischen Werte, welche Ihr versteht und auch verteidigt, und auch beizubehalten schafft. Aber um welchen Preis – das weiß niemand.

Haben Sie je über endgültige Emigration aus Russland nachgedacht?

Wenn sie mich zu sehr an die Wand drücken, mir keine Luft zum Atmen lassen, dann werde ich ernsthaft über Emigration nachdenken. Aber ich verbringe sowieso viel Zeit im Westen, in Paris, und darum weiß ich: Für einen Schriftsteller ist das Leben in Russland interessanter, wo alles entblößt ist und man viel über die Natur des Menschen verstehen kann. Im Westen ist die Gesellschaft verschlossen, da ist es schwieriger, die menschliche Seele zu verstehen. Also ist Russland für einen Schriftsteller ein zwar risikoreiches, aber dennoch ein Paradies.

Abgesehen davon muss ein russischer Schriftsteller alles dafür tun, eine befriedende Rolle zu spielen. Besonders jetzt. Meine Tochter Maja ist halbrussisch, halbukrainisch. Ich möchte sehr, dass ihre beiden Hälften in Harmonie mit einander existieren. Darum mache ich auch alles, damit sich so ein gewaltiges Territorium wie Russland in Richtung menschlicher Werte dreht.


Quelle: Wiktor Jerofejew im Interview mit gordonua.com; übersetzt von Irina Schlegel

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