
Am 2. Oktober 2026 setzten die russischen Luftlandetruppen erstmals bodengebundene Robotersysteme per Fallschirm aus einem Militärtransportflugzeug vom Typ Il-76 ab.
Zu den Systemen, die während der Übung „Zentr-2026“ aus rund 600 Metern Höhe abgesetzt wurden, gehörte auch das NRTK-System „Kurier“, bewaffnet mit einem 7,62-mm-Maschinengewehr.
Kurier im Einsatz der russischen Streitkräfte
Nach der Landung übernahmen die Bediener die Kontrolle über die Systeme. Anschließend wurde Kurier zur Feuerunterstützung einer Angriffsgruppe eingesetzt. Nach Angaben eines Bedieners mit dem Rufzeichen „Tatarin“ dauert es nach der Landung zwischen drei und fünf Minuten, den Roboter für einen Einsatz vorzubereiten.
Russia’s Kurier #UGV is moving beyond frontline testing.
During the Center-2026 drills, Russian airborne troops parachuted Kurier UGVs from an Il-76 and deployed them in a simulated assault.
We recently touched on the Kurier project in our investigation into #Russia’s Mangas… https://t.co/xozcHmQrQQ pic.twitter.com/coMTVDCH6Q
— InformNapalm (@InformNapalm) October 3, 2026
Kurier ist damit kein Versuchsfahrzeug mehr, das nur gelegentlich auf Übungsplätzen auftaucht. Ende Oktober 2024 erklärte die russische Organisation „Volksfront“, dass sich mehr als 50 Kurier-Systeme im Kampfgebiet befänden. Im Juni 2025 wurden weitere zehn solcher Systeme an die russischen Streitkräfte übergeben. Wie viele Kurier-Systeme sich im September 2026 im Bestand der russischen Truppen befanden, ist weiterhin unbekannt.
InformNapalm hat sich bereits im ersten Teil der Untersuchung zum schweren russischen Hexakopter Mangas mit dem Projekt befasst. Diesmal konzentrierte sich die Recherche auf Unterlagen von Unternehmen, die mit den Entwicklern des bodengebundenen Robotersystems in Verbindung stehen. Die Dokumente belegen eine klar erkennbare chinesische Spur. Sie umfasst Elektronik, Batterien, das Unternehmen HD LED TECHNOLOGY CO., LTD. aus Shenzhen sowie frühere Geschäftsbeziehungen zwischen Projektleiter Zorikto Gombozhapov und chinesischen Herstellern.
Dabei gilt eine wichtige Einschränkung. Aus den Erklärungen geht nicht hervor, dass jede dort genannte Komponente tatsächlich im NRTK-System „Kurier“ verbaut wurde. Sie zeigen jedoch, welche Arten chinesischer Ausrüstung das Unternehmen registriert hat und in welchem Umfang. Das Unternehmen steht in direkter Verbindung zu den Entwicklern des Systems.
NRTK KAPS und Dutzende Konformitätserklärungen zu chinesischer Elektronik 2025–2026
Im Mittelpunkt steht die in Moskau ansässige OOO „NRTK KAPS“ mit der INN 7723185204 und der OGRN 1027739845870. Zorikto Gombozhapov ist Geschäftsführer und zugleich alleiniger Eigentümer des Unternehmens. Im russischen Register für Konformitätserklärungen hat InformNapalm Dutzende Einträge gefunden, in denen NRTK KAPS als Antragsteller und die chinesische HD LED TECHNOLOGY CO., LTD. aus Shenzhen als Hersteller angegeben werden.
Die Erklärungen betreffen zahlreiche unterschiedliche Arten von Ausrüstung. Im Juli 2025 deklarierte KAPS unter anderem ein 230-MHz-Funkmodul, ein Funkmodem, Ladegeräte und Batterien. In den Unterlagen aus dem Jahr 2026 finden sich außerdem IP-Kameras, Stromversorgungseinheiten und weitere elektronische Geräte.
Ein Dokument fällt wegen der hohen Stückzahl besonders auf. Die Erklärung ВП RU Д-CN.РА01.А.65868/25 vom 30. Juli 2025 umfasst 4.200 Batterien des Modells WTX-2S6 und 8.400 Batterien des Modells WTX-2A2DC. Insgesamt sind damit 12.600 Batterien aufgeführt.
Diese Zahl muss jedoch richtig eingeordnet werden. Eine Konformitätserklärung ist weder eine Zollanmeldung noch ein Nachweis für eine tatsächlich erfolgte Lieferung. Sie belegt daher nicht, dass sämtliche 12.600 Batterien nach Russland eingeführt, in der Produktion eingesetzt oder für Kurier bestimmt waren. Zusammen mit Dutzenden weiteren Registrierungen dokumentiert sie jedoch eine umfangreiche Spur chinesischer Elektronik, die der Kurier-Hersteller für den russischen Markt registriert hat.
HD LED TECHNOLOGY CO., LTD.
HD LED TECHNOLOGY CO., LTD. wird in den russischen Erklärungen wiederholt als Hersteller genannt. Mindestens ein konkreter Fall zeigt jedoch, dass sich daraus nicht zwangsläufig der tatsächliche OEM-Hersteller (Original Equipment Manufacturer) ermitteln lässt. In der Erklärung ЕАЭС N RU Д-CN.РА07.В.66081/26 vom 27. August 2026 ist das Moskauer Unternehmen OOO „АКСИОН СОФТ“ als Antragsteller aufgeführt. HD LED TECHNOLOGY CO., LTD. wird als Hersteller des Inklinometers LCA326T-90-C2 und des Encoders JY-ME02-CAN angegeben.
Besonders aufschlussreich ist der JY-ME02-CAN. Der chinesische Hersteller WitMotion führt die JY-ME02-Serie in seinem offiziellen Katalog. Auf dem Produktbild sind sowohl die Marke WitMotion als auch die Domain des Unternehmens zu erkennen. Die Website zeigt allerdings das Modell JYME02-485 und belegt daher für sich genommen nicht die Herkunft der CAN-Version.
Für das betreffende Modell gibt es jedoch eine unabhängige Bestätigung. In einem wissenschaftlichen Artikel aus dem Jahr 2025 in der Fachzeitschrift Actuators verwenden die Autoren einen Encoder, den sie ausdrücklich als JY-ME02-CAN von WIT Motion aus Shenzhen in China identifizieren. Dasselbe Modell wird in der russischen Erklärung mit HD LED TECHNOLOGY CO., LTD. als Hersteller angegeben. Eine unabhängige technische Quelle ordnet es zugleich WIT Motion aus Shenzhen zu.
Damit ist nicht bewiesen, dass HD LED ausschließlich als Zwischenhändler tätig ist. Denkbar sind verschiedene Formen der Zusammenarbeit, darunter Auftragsfertigung, OEM- oder ODM-Kooperationen, Private Label, Konsolidierung und Weiterverkauf. Die verfügbaren Unterlagen reichen nicht aus, um festzustellen, welche Form der Zusammenarbeit tatsächlich vorliegt. Die Angabe von HD LED als Hersteller in den russischen Erklärungen kann daher nicht automatisch als Beleg dafür gelten, dass das Unternehmen sämtliche aufgeführten Geräte selbst entwickelt und hergestellt hat.
Gombozhapovs Verbindungen nach China reichen weiter zurück
Die dokumentierte chinesische Spur beginnt nicht erst mit den KAPS-Erklärungen. Zorikto Gombozhapov leitet auch das russische Unternehmen OOO „ЭЙЧДИ“. In der Erklärung ЕАЭС N RU Д-CN.РА04.А.92764/24 vom 6. Juni 2024 tritt das Unternehmen als Antragsteller für Produkte der chinesischen SHENZHEN DICOLOR GROUP CO., LTD. auf. Der Eintrag enthält zwei besonders nützliche Identifikatoren für weitere OSINT-Recherchen. Dabei handelt es sich um den Vertrag Nr. 11032024 vom 11. März 2024 und die Rechnung Nr. HD20240424RU01 vom 24. April 2024.
In einer weiteren Erklärung der OOO „ЭЙЧДИ“, ЕАЭС N RU Д-CN.РА07.В.32489/24 vom 20. August 2024, wird die chinesische Unilumin Group Co., Ltd. als Hersteller genannt. Die Dokumente belegen nicht, dass Dicolor oder Unilumin Ausrüstung für Kurier geliefert haben. Ihre Bedeutung liegt vielmehr darin, dass sie dokumentierte Geschäftsbeziehungen zwischen Gombozhapovs Unternehmen und chinesischen Elektronikherstellern bereits vor dem Großteil der untersuchten KAPS-Erklärungen nachweisen.
Hinzu kommt eine gesellschaftsrechtliche Verbindung zu China auf Personenebene. Im Jahr 2015 wurde Gombozhapov einer von vier Gesellschaftern des Moskauer Unternehmens OOO „НИХАО“. Ein weiterer Gesellschafter mit demselben Anteil von 25 Prozent war Du Tianzhu. Nach Angaben aus dem russischen Unternehmensregister EGRUL, die von kommerziellen Unternehmensdiensten wiedergegeben werden, ist Du chinesischer Staatsbürger und alleiniger Eigentümer der OOO „ПОЛАРИС“. Zwischen 2019 und 2022 leitete er das Unternehmen ebenfalls.
Du Tianzhu ist laut EGRUL chinesischer Staatsbürger und alleiniger Eigentümer der OOO „ПОЛАРИС“. Zuvor hielten er und Zorikto Gombozhapov jeweils 25 Prozent an der OOO „НИХАО“. Es handelt sich somit nicht lediglich um einen einzelnen chinesischen Eintrag in einer Erklärung. Die Dokumente weisen mehrere voneinander getrennte Spuren auf. Dazu gehören die KAPS-Erklärungen mit HD LED, frühere Geschäfte eines anderen Unternehmens von Gombozhapov mit Herstellern in Shenzhen sowie die Unternehmensverbindung zu einem chinesischen Geschäftsmann.
Für eine vollständige Rekonstruktion der Lieferkette reicht dies noch nicht aus. Inzwischen liegen jedoch konkrete Unternehmen, Personen, Produktmodelle, Erklärungsnummern, eine Vertragsnummer und eine Rechnungsnummer vor, die für weitere Recherchen genutzt werden können.
Gombozhapovs Zusammenarbeit im Bereich militärischer Robotik
Eine separate Dokumentenspur gibt Aufschluss über das technische Umfeld von Gombozhapov. Einer seiner wiederkehrenden Miterfinder in Patenten ist Nurzhan Rakimzhanov, Kandidat der technischen Wissenschaften, Oberstleutnant und Spezialist für bodengebundene Robotersysteme für militärische Zwecke.
Die Patentunterlagen belegen eine langjährige Zusammenarbeit zwischen Rakimzhanov und Gombozhapov. Sie werden unter anderem als gemeinsame Erfinder von RU230708U1 genannt, das eine Plattform für ein multifunktionales militärisches Robotersystem betrifft. Gemeinsam sind sie außerdem als Erfinder von RU230277U1 aufgeführt, das eine Generatoreinheit zur Verlängerung der Einsatzdauer des Robotersystems beschreibt. Ihre Namen erscheinen darüber hinaus gemeinsam in den Patenten RU238596U1 und RU2830637C1.
Damit ist eine wiederkehrende technische Zusammenarbeit im Bereich bodengebundener Robotik dokumentiert. Die gemeinsame Erfinderschaft bedeutet jedoch nicht, dass jede patentierte Lösung in serienmäßig produzierten NRTK-Kurier-Systemen eingesetzt wurde.
Was die Untersuchung zeigt
Hinter dem russischen Kampfrobotersystem steht ein Unternehmen, das regelmäßig ein breites Spektrum chinesischer Elektronik registriert. HD LED TECHNOLOGY CO., LTD. wird in den Erklärungen als Hersteller genannt. Eine dieser Erklärungen umfasst 12.600 Batterien. In einem anderen Fall wird HD LED als Hersteller von Ausrüstung angegeben, die eine unabhängige technische Quelle direkt als Produkt des chinesischen Unternehmens WIT Motion identifiziert.
Die Dokumente belegen zugleich frühere Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen von Zorikto Gombozhapov und chinesischen Herstellern. Das Material enthält konkrete Vertrags- und Rechnungsnummern sowie eine frühere gemeinsame Beteiligung an einem Unternehmen mit einem chinesischen Staatsbürger. Gleichzeitig wird Kurier zunehmend in die Nutzung durch die russischen Streitkräfte integriert und wurde während der Übung „Zentr-2026“ nun auch per Fallschirm aus einer Il-76 abgesetzt.
Kurier war bereits zuvor einer der Anhaltspunkte, über die InformNapalm zu den Entwicklern von Mangas gelangte. Die Dokumente aus dem Unternehmensumfeld von Kurier eröffnen nun eine neue Spur für die OSINT-Recherche. Der Schwerpunkt liegt auf der Identifizierung jener Akteure in China, die tatsächlich Elektronik für russische Entwickler militärischer Robotik herstellen, verkaufen, konsolidieren und registrieren. Die Lieferkette ist noch nicht vollständig rekonstruiert. Inzwischen liegen jedoch konkrete Unternehmen, Modelle, Dokumente und Identifikatoren vor, mit denen die Kartierung fortgesetzt werden kann.
Das Material wurde von Andrij Lisizyn für InformNapalm zusammengestellt.
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