
Im Rahmen von CYBINT-Aktivitäten hat InformNapalm Zugang zu einem Fragment eines internen Dokuments erhalten, das auf frühere Direktiven des Leiters der Hauptdirektion für Kommunikation der Streitkräfte der Russischen Föderation, zugleich stellvertretender Generalstabschef, verweist. Das Schreiben ist unter der Nummer 177/61/8/384/14 registriert und auf den 5. November 2025 datiert.
Das Dokument stellt ein weiteres Beispiel für Maßnahmen der russischen Militärführung dar, mit denen die Kontrolle über die Kommunikation der Untereinheiten im Gebiet der sogenannten besonderen Militäroperation verschärft werden soll.
Verbot offener Kommunikationskanäle
Kommandeure der Einheiten wurden angewiesen, die Nutzung des Messengerdienstes Telegram sowie anderer offener Kommunikationskanäle vollständig einzustellen für die Übermittlung von Befehlen, die Führung dienstlicher Kommunikation, die Weitergabe von Zielzuweisungen sowie den Austausch sonstiger dienstlicher Informationen.
Im Dokument wird angegeben, dass die Einführung der Beschränkungen dem Zweck dient, den technischen Aufklärungsfähigkeiten des Gegners entgegenzuwirken und Kanäle für Informationsabflüsse zu schließen. Die russische Militärführung begründet das Verbot damit, dass ukrainische Nachrichtendienststrukturen angeblich eine umfassende Kontrolle über offene digitale Kommunikationskanäle, darunter Telegram, ausüben.
Übergang zu geschlossenen militärischen Systemen
Anstelle der Nutzung offener Plattformen wurde russischem Militärpersonal auferlegt, ausschließlich spezialisierte Software innerhalb des militärischen Kommunikationssystemkomplexes zu verwenden. Die genannten Systeme sind KTS Swjas, Tscherepakha, Groza, Repej und Mischutka sowie der zertifizierte russische Messengerdienst Postlink.
Auch nicht klassifizierte dienstliche Informationen dürfen ausschließlich über diese Systeme übermittelt werden. Der Übergang zu geschlossenen Systemen bedeutet somit eine vollständige Ablösung der zuvor genutzten offenen Kommunikationskanäle.
Weitere Einschränkungen
Das Dokument enthält darüber hinaus eine Reihe weiterer Verbote. Diese betreffen die Übermittlung von Informationen über Dislozierungsräume der Einheiten, Personalstärke, verfügbare Ausrüstung sowie laufende Aufgaben über offene mobile Kommunikationskanäle.
Die Verbote umfassen ferner die Nutzung von SIM-Karten ukrainischer Mobilfunkbetreiber sowie die Verwendung erbeuteter technischer Geräte und Datenträger. Die Nutzung von Smartphones durch Militärpersonal während des Dienstes ist ebenfalls untersagt. Ebenso verboten ist die Verwendung ausländischer mobiler Kommunikationsmittel, die Informationen über drahtlose Kanäle übertragen.
Die Gesamtreichweite der Verbote führt dazu, dass Militärpersonal im Wesentlichen auf die von der Führung genehmigten Systeme für die gesamte dienstliche Kommunikation verwiesen wird.

Folgen des Verbots für die russischen Streitkräfte
Die Anweisungen wurden nicht über Telegram verbreitet, sondern über andere geschützte Kommunikationskanäle. Dies deutet darauf hin, dass die russische Militärführung sich des weit verbreiteten Einsatzes offener Messengerdienste in den eigenen Streitkräften bewusst ist.
Telegram hat sich in der Praxis zu einem etablierten System für schnelle Feldkommunikation in vielen Einheiten entwickelt, über das Befehle, Koordinaten und andere operative Informationen übermittelt wurden. Ein vollständiges Verbot der Plattform stellt die russische Armee daher vor ein erhebliches Dilemma.
Einerseits dient das Verbot der Begrenzung von Informationsabflüssen. Andererseits besteht das Risiko eines Zusammenbruchs etablierter Kanäle der operativen Kommunikation, die sich unter den Bedingungen des Krieges im Feld herausgebildet haben.
Auswirkungen nach dem Verlust von Starlink
Die Problematik wird dadurch verstärkt, dass russisches Militärpersonal zuvor in erheblichem Umfang illegal beschaffte Starlink-Terminals genutzt hat. Nach verschärfter Kontrolle und Blockierung ist dieser Kommunikationskanal weitgehend weggefallen.
In dieser Lage stellt die Einführung interner Verbote durch russische staatliche Strukturen eine zusätzliche Belastung für die Kommunikationsfähigkeit innerhalb der Einheiten dar. Formal werden die Maßnahmen mit dem Bedarf an Informationsschutz begründet. In der Praxis können solche Einschränkungen jedoch einen doppelten Effekt haben, bei dem Informationsabflüsse reduziert werden, zum Preis einer verringerten operativen Führungsfähigkeit.
Zusammenhang mit aufsehenerregenden Dokumentenlecks
Die Direktiven des Leiters der Hauptdirektion für Kommunikation der Streitkräfte der Russischen Föderation sind auf den 5. November 2025 datiert. Am Vortag veröffentlichte InformNapalm die Untersuchung OKBMLeaks mit geheimen Dokumenten eines Herstellers von Komponenten für Su-57 und PAK DA Poslannik.
Die Untersuchung wurde in 13 Sprachen veröffentlicht und enthielt umfangreiches Material interner Dokumente eines russischen Unternehmens, das an der Entwicklung von Komponenten für die strategischen Luftstreitkräfte Russlands arbeitet. Es kann sich um einen zeitlichen Zufall handeln. Angesichts des Geheimhaltungsgrades des Materials kann ein Zusammenhang mit den Lecks nicht ausgeschlossen werden.
Die russische Militärführung ergriff daraufhin rasch Maßnahmen zur Verschärfung der Kontrolle über digitale Kommunikationskanäle. Dies geschah auch um den Preis einer verminderten operativen Leistungsfähigkeit bestehender Systeme.
Der eigentliche Zweck des Verbots
Das Vorliegen solcher Direktiven zeigt, dass Informationslecks weiterhin ein systemübergreifendes Problem für den Kreml darstellen. Gleichzeitig lässt sich feststellen, dass das Verbot von Telegram in der Praxis eine andere Funktion für die russischen Behörden erfüllt.
Russische hochrangige Beamte haben das Verbot als Begründung für unpopuläre Entscheidungen genutzt. In militärischen Kreisen sowie auf sogenannten Z-Kanälen wurde die Maßnahme bereits als Versuch einer verschärften Kontrolle mit negativen Auswirkungen auf die eigene Tätigkeit wahrgenommen.
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