
Am 12. August fanden in der russischen 72. selbstständigen motorisierten Schützenbrigade feierliche Veranstaltungen anlässlich des vierten Jahrestages ihrer Aufstellung statt. Die Brigade wurde 2022 als einer der Verbände des neu aufgestellten 3. Armeekorps der russischen Streitkräfte gebildet. Im Jahr 2026 sind Einheiten der Brigade aktiv an den Kämpfen im Frontabschnitt Kostjantyniwka in der Region Donezk beteiligt.
Der Brigade nahestehende russische Informationskanäle veröffentlichen regelmäßig Meldungen über die Kampfhandlungen im Raum Kostjantyniwka.
Von gehackten E-Mails zu Jubiläumsaufnahmen
Die 72. selbstständige motorisierte Schützenbrigade ist bereits früher in den Fokus der internationalen Aufklärungsgemeinschaft InformNapalm geraten. Im Juli 2023 veröffentlichte InformNapalm exklusiv Personallisten und Dokumente der Brigade, auf die ukrainische Cyberspezialisten nach dem Eindringen in das E-Mail-Konto eines russischen Offiziers der Einheit Zugriff erhalten hatten.
Im Zuge des Cyberangriffs gelangten auch Personallisten, Befehle und weitere dienstliche Unterlagen der Brigade in die Hände der ukrainischen Cyberspezialisten. Insgesamt wurden zehn Dateien veröffentlicht, von denen einige mit dem Vermerk „Nur für den Dienstgebrauch“ versehen waren. InformNapalm bewahrte diese Unterlagen für die weitere Nutzung durch OSINT-Analysten, Journalisten und andere einschlägig tätige Fachleute auf. Diesmal stammt die zusätzliche Informationsquelle jedoch nicht aus gehackter Korrespondenz, sondern aus der eigenen Öffentlichkeits- und Informationsarbeit der russischen Einheit.

Einsatzgebiet der russischen 72. selbstständigen motorisierten Schützenbrigade im Frontabschnitt Kostjantyniwka. Karte: DeepState.

Nach den Veranstaltungen zum Jahrestag veröffentlichten der Brigade nahestehende Informationskanäle Fotografien von Militärangehörigen der Einheit. Durch die Analyse der Aufnahmen und den Abgleich mit weiteren verfügbaren Informationen konnten mindestens vier Angehörige der 72. selbstständigen motorisierten Schützenbrigade identifiziert werden.




Jewgeni Alexandrowitsch Sotow
Jewgeni Alexandrowitsch Sotow, Jahrgang 1988, stammt aus dem Gebiet Kursk in Russland. Er hat den Dienstgrad eines Oberleutnants. Vor seinem Dienst in der 72. selbstständigen motorisierten Schützenbrigade diente er in der 27. Brigade für radiologischen, chemischen und biologischen Schutz der russischen Streitkräfte.
Aufnahmen von Sotow, die auf der Brigade nahestehenden Informationskanälen veröffentlicht wurden, konnten mit früher in russischen sozialen Netzwerken veröffentlichten Fotos abgeglichen werden. Dieser Abgleich ermöglichte seine Identifizierung.
Jewgeni Alexandrowitsch Sotow, Reisepass-Nr. 3808612579. Anschrift: Kursk, Prospekt Wjatscheslawa Klykowa 4, Wohnung 136, tatsächlicher Wohnsitz. Gebiet Kursk, Bezirk Bolschesoldatski, Dorf Rosgrebli 14, Wohnung 4, Meldeadresse. Telefon: +79513138595, über Messenger-Dienste erreichbar, sowie +79092376556. E-Mail: e.sotov@mail.ru. Soziale Netzwerke: https://vk.ru/id135426952 (https://archive.li/sAtR1), https://ok.ru/profile/283968649186 (https://archive.ph/pneat). Ehefrau: Tatjana Wladimirowna Sotowa, geb. Schurawskaja, 19.03.1990, https://vk.ru/id29839366 (https://archive.ph/KURou), https://ok.ru/profile/287814897174 (https://archive.ph/wip/BebdT).
Dmitri Alexandrowitsch Reschetnikow
Dmitri Alexandrowitsch Reschetnikow, Jahrgang 1991, stammt aus dem Gebiet Rostow in Russland. Er ist unter den Rufzeichen „Shrek“ und „Reshala“ bekannt. Vor seinem Militärdienst arbeitete er in einer Bäckerei in der Stadt Salsk im Gebiet Rostow.
Nach vorliegenden Informationen wurde Reschetnikow bereits nach Artikel 222 des russischen Strafgesetzbuches verurteilt, der den illegalen Umgang mit Waffen und Munition unter Strafe stellt. In diesem Zusammenhang verweist InformNapalm auch auf eine frühere Untersuchung darüber, wie Offiziere des russischen 291. Regiments und „Wostok-Achmat“ den Waffenschmuggel über die Krim organisierten.
Dmitri Alexandrowitsch Reschetnikow, 13.01.1991, Reisepass-Nr. 6010907268. Anschrift: Gebiet Rostow, Bezirk Salski, Jassenewo, Zentralnaja-Straße 10, Wohnung 3, tatsächlicher Wohnsitz. Gebiet Rostow, Bezirk Simownikowski, Chutorskoi, Meldeadresse. Telefon: +79613075206, über Messenger-Dienste erreichbar. E-Mail: 13dimon1991@gmail.com. Soziale Netzwerke: https://vk.ru/id369092991 (https://archive.li/XJQpc). Ehefrau: Nadeschda Sergejewna Reschetnikowa, 17.12.1989. https://vk.ru/id304221177 (https://archive.ph/wip/o12xj).
Alexander Anatoljewitsch Tscherkaschin
Alexander Anatoljewitsch Tscherkaschin, Jahrgang 1989, stammt aus dem Gebiet Tambow in Russland. Seinen Wehrdienst leistete er bei den russischen Luftlandetruppen. Anschließend arbeitete er für das russische Innenministerium in Tambow, unter anderem in einer Einrichtung für vorübergehend untergebrachte Minderjährige, in der Personalabteilung und als Psychologe.
In der 72. selbstständigen motorisierten Schützenbrigade führt Tscherkaschin das Rufzeichen „Simba“. Nach vorliegenden Informationen hat er den Dienstgrad eines Oberleutnants und ist sowohl als stellvertretender Kommandeur für militärpolitische Arbeit als auch als Psychologe tätig.
Alexander Anatoljewitsch Tscherkaschin, 05.08.1989, Reisepass-Nr. 6809545051. Anschrift: Tambow, Sowetskaja-Straße 198 B, tatsächlicher Wohnsitz. Gebiet Tambow, Sosnowka, Internazionalnaja-Straße 186, Wohnung 15, Meldeadresse. Telefon: +79313026425, in Messenger-Diensten aktiv. E-Mail: Alexche89@yandex.ru. Soziale Netzwerke: https://vk.ru/id23423956 (https://archive.li/THF93), dort unter dem Pseudonym „Alexander Lisizyn“. Ehefrau: Elwira Gennadjewna Tscherkaschina, 04.03.1996. https://vk.ru/id108804666 (https://archive.ph/LmLmb).
Dmitri Alexejewitsch Nikiforow
Dmitri Alexejewitsch Nikiforow, Jahrgang 1991, stammt aus dem Gebiet Wolgograd in Russland. Er konnte unter den Militärangehörigen identifiziert werden, die auf von brigadenahen Informationskanälen veröffentlichten Fotografien zu sehen sind. Die Aufnahmen wurden mit Fotos aus öffentlich zugänglichen Profilen in russischen sozialen Netzwerken abgeglichen.
Die bislang vorliegenden Informationen reichen nicht aus, um Nikiforows aktuellen Dienstgrad oder seine konkrete Dienststellung innerhalb der 72. selbstständigen motorisierten Schützenbrigade zuverlässig zu bestimmen. Diese Angaben bedürfen daher weiterer Klärung.
Dmitri Alexejewitsch Nikiforow, 11.10.1991, Reisepass-Nr. 0311866373. Anschrift: Region Krasnodar, Temrjuk, Stepana-Rasina-Straße 51; Region Krasnodar, Temrjuk, Moschaiskogo-Straße 40. Telefon: +79002754547, in Messenger-Diensten aktiv. E-Mail: alitedser@bk.ru. Soziale Netzwerke: https://ok.ru/profile/587152205884 (https://archive.ph/TjmCc), https://ok.ru/profile/575936155111 (https://archive.ph/O8Izq).
Russische Propaganda als OSINT-Quelle
Offizielle und halboffizielle Informationskanäle russischer Militäreinheiten erweitern den Bestand offen zugänglicher Informationen regelmäßig selbst, indem sie Fotografien, Videos und weiteres Material über das Personal der jeweiligen Einheiten veröffentlichen. In Verbindung mit bereits zuvor erlangten Dokumenten und Archiven ermöglichen solche Informationen die Identifizierung einzelner Personen sowie die Aktualisierung von Erkenntnissen über Einheiten, die am Krieg gegen die Ukraine beteiligt sind.
Eine systematische Dokumentation ist langfristig von Bedeutung. Heute identifizierte Personen und Erkenntnisse über ihre Beteiligung am Krieg können später bei der Untersuchung internationaler Verbrechen, der Rekonstruktion von Befehls- und Führungsstrukturen sowie bei der strafrechtlichen Verfolgung Verantwortlicher von Bedeutung sein. Zugleich kann eine einzelne Information, ein Foto oder eine bestätigte Verbindung zu einer Einheit künftig als Ausgangspunkt für weitere analytische oder nachrichtendienstliche Untersuchungen dienen.
Dieser Fall ist zugleich eine Lehre für die Ukraine und die NATO-Staaten. Selbst eine Veröffentlichung, die zum Zeitpunkt ihres Erscheinens keine offensichtlich sensiblen Informationen enthält, kann in Verbindung mit anderen Informationsbeständen im Laufe der Zeit erheblich an nachrichtendienstlichem Wert gewinnen. Moderne Operationssicherheit muss daher nicht nur den Inhalt einzelner Veröffentlichungen berücksichtigen, sondern auch deren potenzielle kumulative Wirkung über einen längeren Zeitraum hinweg.
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