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    OSINT, Frontlinie und Operationssicherheit bei verzögerter offizieller Berichterstattung

    on 2026-09-20 | 0 Comment | Aktuell | Donbas | OSINT
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    OSINT, Frontlinie und Operationssicherheit bei verzögerter offizieller Berichterstattung

    Die Freiwilligen von InformNapalm haben offizielle Berichte des ukrainischen Generalstabs zu verschiedenen Frontabschnitten analysiert. Anschließend wurden diese Angaben mit Informationen westlicher OSINT-Analysten abgeglichen. In die Analyse flossen außerdem Daten ein, anhand derer sich feststellen lässt, an welchen Orten veröffentlichte Aufnahmen von Kampfhandlungen entstanden sind.

    Die Methode beruht auf drei Informationsebenen. Die erste gibt wieder, was die ukrainische Seite zu einem bestimmten Zeitpunkt offiziell meldet. Die zweite umfasst Erkenntnisse, die sich anhand veröffentlichten Bild- und Videomaterials bereits durch OSINT gewinnen lassen. Auf der dritten Ebene stehen die weitergehenden Schlussfolgerungen, die externe Analysten aus diesem Material ziehen.

    Offizielle Berichte und OSINT erfüllen unterschiedliche Funktionen

    Ziel des Vergleichs ist nicht festzustellen, welche Art von Quelle den Frontverlauf am genauesten wiedergibt. Die Berichterstattung des Generalstabs und die OSINT-gestützte Kartierung erfüllen bei der Lagebeurteilung unterschiedliche Funktionen. Wird ein Ort in einem operativen Bericht nicht erwähnt, ist dies kein Beleg dafür, dass dort keine Kampfhandlungen stattfinden. Ebenso belegt die Geolokalisierung eines einzelnen Videos nicht, dass das betreffende Gebiet dauerhaft kontrolliert wird.

    OSINT, Frontlinie und Operationssicherheit in der UkraineEin verifizierter Aufnahmeort belegt zunächst lediglich die Anwesenheit von Kräften oder ein bestimmtes Ereignis an einem klar abgegrenzten Ort innerhalb eines begrenzten Zeitraums. Beim systematischen Abgleich dieser Quellen zeigt sich dennoch ein bemerkenswertes Muster.

    Wenn OSINT dem offiziellen Lagebild voraus ist

    Externe OSINT-Analysten können in manchen Fällen Informationen erfassen und zusammenführen, noch bevor entsprechende Angaben offiziell veröffentlicht werden. Ein ukrainischer Verband veröffentlicht Aufnahmen von Kampfhandlungen, die zur Verbreitung freigegeben wurden. Ein OSINT-Analyst geolokalisiert die Aufnahmen und gleicht den Aufnahmeort mit bereits zuvor verifizierten Orten sowie mit der bisherigen Kartierung des Kampfgeschehens ab. Die daraus hervorgehende Analyse kann ein wesentlich umfassenderes Lagebild vermitteln.

    Die Schlussfolgerungen können sich auf Vorstöße, Rückzüge, die Infiltration durch russische Kräfte oder die Präsenz ukrainischer Verbände beziehen. Sie können auch Orte betreffen, für die offizielle Quellen noch keine Veränderung gemeldet haben. Auch etablierte Analyseinstitute greifen bei ihren Bewertungen auf derartiges Material zurück. Das Institute for the Study of War bezog in seinen Bericht vom 17. September Material ein, das auf verifizierten Ortsbestimmungen beruhte. Dieses Material wurde zur Beurteilung der Lage in den Frontabschnitten in Richtung Kupjansk und Dobropillja herangezogen.

    Daraus ergibt sich ein Informationsparadox. Das Ausgangsmaterial kann bereits zur Veröffentlichung freigegeben sein. Die Erkenntnisse, die sich durch eine weitergehende Analyse und den Abgleich mit ergänzenden Quellen gewinnen lassen, können dennoch wesentlich mehr Informationen liefern, als die ukrainische Seite offiziell veröffentlicht hat.

    Die Veröffentlichung eines Videos bedeutet daher nicht automatisch, dass sämtliche daraus ableitbaren Informationen aus Sicht der Operationssicherheit unkritisch geworden sind. Je mehr solches Material zusammenkommt, desto geringer wird der Spielraum, Informationen weiterhin zurückzuhalten. Externe OSINT-Analysen können dadurch ein wesentlich detaillierteres Lagebild liefern, bevor die militärische Führung es für angemessen hält, entsprechende Informationen zu veröffentlichen.

    Zugleich wäre es nicht gerechtfertigt, ohne weitere Belege zu behaupten, dass OSINT-Veröffentlichungen die militärische Führung zur Veröffentlichung von Informationen zwingen. Ein solcher Kausalzusammenhang lässt sich anhand offener Quellen nicht nachweisen. Die Veröffentlichungen verändern jedoch das Informationsumfeld, in dem die militärische Führung agieren muss.

    Vivaldi und Operationssicherheit aus Sicht des Gegners

    Die Offensivoperation Vivaldi im Frontabschnitt bei Lyman ist aus Sicht des Gegners ein besonders anschauliches Beispiel. Bereits am 11. September berichtete der russische Z-Kanal Vojennyj Osvedomitel über eine mögliche ukrainische Gegenoffensive nördlich von Lyman. Auch Rybar, ein Kanal mit Verbindungen zum russischen Verteidigungsministerium, berichtete über die Lage. Diese Berichte erschienen, bevor die ukrainische Seite die Operation offiziell bekannt gab.

    Operation Vivaldi im Frontabschnitt bei LymanDie Angaben betrafen eine ukrainische Gegenoffensive nördlich von Lyman sowie ein mögliches Zurückdrängen russischer Kräfte in Richtung des Flusses Scherebez (Archiv). Zugleich wiesen die Autoren des Kanals auf ein grundlegendes Problem hin. Sie konnten das Ausmaß des ukrainischen Vormarsches nicht mit Sicherheit bestimmen, da die ukrainischen Verteidigungskräfte Informationen über die Operation zurückhielten und keine Aufnahmen ihrer Erfolge veröffentlichten.

    Am 15. September änderte sich die Lage. Das Kommando des 3. Armeekorps gab die erste Phase von Vivaldi bekannt. Den Angaben zufolge waren 75 Quadratkilometer von infiltrierten russischen Kräften gesäubert worden. Weitere 10 Quadratkilometer waren von der russischen Besatzung befreit worden, Serednie war befreit und mehrere weitere Gebiete waren gesäubert worden.

    In den folgenden Tagen wurden Kartenmaterial, GoPro-Aufnahmen von Angriffsverbänden sowie weiteres Material aus der Operation veröffentlicht. Daraufhin änderte sich auch die Berichterstattung des russischen Kanals. Während die Autoren zuvor festgestellt hatten, dass aufgrund der ukrainischen Informationszurückhaltung keine Bestätigung vorlag, berichteten sie nun von den „ersten Bestätigungen“.

    Das neu hinzugekommene Material stammte aus veröffentlichten ukrainischen Bildaufnahmen, deren Aufnahmeorte bestimmt werden konnten. Mithilfe dieses Materials versuchten die russischen Autoren, die veränderte Form des Frontvorsprungs bei Lyman zu rekonstruieren (Archiv).

    Von der Informationszurückhaltung zur detaillierten OSINT-Analyse

    Der Ablauf veranschaulicht den Lebenszyklus von Informationen auf dem modernen Gefechtsfeld. Die ukrainischen Verteidigungskräfte führen zunächst eine Operation durch, während Informationen darüber zurückgehalten werden. Auch die russische Militärführung verfügt in dieser Phase lediglich über ein fragmentarisches Lagebild. Sobald eine abgeschlossene Phase unter kontrollierten Bedingungen öffentlich gemacht wird, verändert sich die Informationslage. Anschließend wird Material aus den Kampfhandlungen veröffentlicht und damit für OSINT-Analysen zugänglich. Die Aufnahmeorte werden bestimmt und mit ergänzenden offenen Quellen abgeglichen.

    Auf diese Weise lässt sich der Ablauf mit wesentlich höherem Detaillierungsgrad rekonstruieren:

    1. Die ukrainischen Verteidigungskräfte führen eine Operation durch
    2. Informationen über die Operation werden zurückgehalten
    3. Die russische Militärführung verfügt lediglich über ein fragmentarisches Lagebild
    4. Eine abgeschlossene Phase wird unter kontrollierten Bedingungen öffentlich gemacht
    5. Material aus den Kampfhandlungen wird veröffentlicht
    6. Die Aufnahmeorte werden mithilfe von OSINT bestimmt
    7. Der Ablauf kann anschließend mit wesentlich höherem Detaillierungsgrad rekonstruiert werden

    Die ukrainische Seite hat ausdrücklich bestätigt, dass die Informationszurückhaltung Teil der Operationsplanung war. Nach Einschätzung des ISW trug die strikte Wahrung der Operationssicherheit während Vivaldi zum operativen Überraschungseffekt bei und schränkte zugleich das Lagebewusstsein der russischen Führung ein.

    Mit der Veröffentlichung der ersten Phase der Operation entfielen die Anforderungen der Operationssicherheit nicht. Das Kommando des 3. Armeekorps veröffentlichte weiterhin schrittweise Material aus bereits abgeschlossenen Kampfhandlungen. Informationen zu den nachfolgenden Phasen wurden gleichzeitig weiterhin zurückgehalten. Am 18. September erklärten ukrainische Militärangehörige, dass die Operation noch andauere und bestimmte Informationen deshalb nicht veröffentlicht würden.

    Operationssicherheit ist kein Zustand, der entweder vollständig besteht oder vollständig aufgehoben ist. Das Ergebnis einer abgeschlossenen Phase kann veröffentlicht werden, beteiligte Verbände können benannt und zuvor aufgenommenes Material kann gezeigt werden. Auch frühere Kampfhandlungen lassen sich entsprechend rekonstruieren. Angaben zu den aktuellen Stellungen der Kräfte, zur beabsichtigten weiteren Operationsführung, zu Reserven und zur Planung der nächsten Phase können gleichzeitig weiterhin geheim gehalten werden.

    Offen zugängliche Informationen können nicht automatisch bedenkenlos verbreitet werden

    Das moderne Gefechtsfeld ist transparenter denn je. Drohnenaktivitäten, Satellitenaufnahmen, Brandherde sowie die eigenen Aufzeichnungen von Militärangehörigen hinterlassen große Mengen digitaler Spuren. Entsprechendes gilt für russische Angriffe auf ukrainische Stellungen und ukrainische Angriffe auf russische Ziele. Informationen aus der Zivilbevölkerung sowie die Arbeit Dutzender unabhängiger OSINT-Analysten liefern zusätzliches Material.

    Die Möglichkeit, vollständig zu verbergen, dass ein bestimmtes Ereignis stattgefunden hat, nimmt dadurch stetig ab. Vivaldi zeigt zugleich, dass sich der tatsächliche Umfang und das Ergebnis einer Operation weiterhin über einen ausreichend langen Zeitraum geheim halten lassen. Dasselbe gilt für die Kräftegruppierung und die weitere Planung. Ein solcher Informationsvorsprung kann konkrete operative Wirkung entfalten.

    Auch russische Informationsquellen, die sich auf den Krieg spezialisiert haben, erkannten zeitweise nur einzelne Anzeichen, ohne daraus ein verlässliches Gesamtbild gewinnen zu können. Als ukrainisches Material veröffentlicht wurde, konnte die Informationslücke durch OSINT-Analysen rasch geschlossen werden.

    Sensible Informationen werden nicht immer veröffentlicht

    InformNapalm verzichtet daher bewusst darauf, jede kleinere Veränderung entlang der Frontlinie täglich zu kartieren. Auch Angaben zu Orten, die von westlichen OSINT-Gruppen geolokalisiert wurden, werden nicht automatisch in den ukrainischen Informationsraum übernommen. Das bedeutet nicht, dass die OSINT-gestützte Kartierung der Front eingestellt wird.

    Der entscheidende Unterschied liegt zwischen der Möglichkeit, einen Sachverhalt festzustellen, und der Frage, ob es angemessen ist, diesen unmittelbar systematisch aufzubereiten. Entsprechende Überlegungen gelten auch dafür, die betreffenden Informationen um weiteres Material zu ergänzen und sie einem wesentlich breiteren Publikum zugänglich zu machen.

    Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Das ISW weist in seiner Analyse von Vivaldi insbesondere auf ein systematisches Problem verzerrter Meldungen innerhalb der russischen militärischen Befehlskette hin. Fehlerhafte oder übermäßig optimistische Meldungen können das Lagebewusstsein der russischen Führung beeinträchtigen und Fehlentscheidungen begünstigen.

    InformNapalm ist bei seiner Arbeit wiederholt auf Material gestoßen, das eine Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Lage und den Meldungen russischer Kommandeure an übergeordnete Führungsebenen erkennen lässt. Ein Teil dieses Materials wird bewusst nicht veröffentlicht. In anderen Fällen wird die Veröffentlichung auf Ersuchen der ukrainischen Seite verschoben. Grund dafür ist die Operationssicherheit. Es besteht kein Anlass, der russischen Seite dabei zu helfen, ihre eigenen Fehleinschätzungen schneller zu korrigieren.

    Die Informationslage verändert sich im Laufe der Zeit

    Zur Veranschaulichung der Analyse wurde eine vereinfachte Infografik erstellt. Sie zeigt nicht die aktuelle Gefechtskontaktlinie, sondern vergleicht auf Grundlage des Stands vom 18. September 2026 drei Informationsebenen. Die erste besteht aus der offiziellen ukrainischen Kommunikation. Die zweite umfasst OSINT-Indikatoren, die in offenen Quellen verfügbar sind. Die dritte enthält eine Einschätzung dazu, inwieweit die aus Gründen der Operationssicherheit bestehenden Beschränkungen in der Praxis bereits aufgehoben sind.

    Die Lage entwickelt sich fortlaufend weiter. Einzelne Informationen verlieren daher mit der Zeit ihren sensiblen Charakter und werden nachträglich veröffentlicht. Dies ist eines der zentralen Muster, die in der Analyse aufgezeigt werden. Je länger ein Ereignis zurückliegt, desto mehr Informationen werden in offenen Quellen verfügbar. Dass Informationen offen zugänglich sind, bedeutet jedoch nicht, dass die damit verbundenen Anforderungen der Operationssicherheit automatisch entfallen.

    Für die OSINT-Community reicht es daher nicht aus, eine Information lediglich festzustellen oder zu verifizieren. Ebenso wichtig ist die Beurteilung, ob diese Information zu einem bestimmten Zeitpunkt veröffentlicht werden sollte. Selbstzensur innerhalb ukrainischer und westlicher OSINT-Gruppen kann zu den operativen Erfolgen der ukrainischen Verteidigungskräfte beitragen. Dies ist eine verantwortungsvollere Haltung als das Bestreben, noch während einer laufenden Operation als Erster zu melden, wer welches Gebiet befreit.

    Der Artikel wurde von Andrij Lisitsyn verfasst.


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