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    Die Leichen im Putins Keller…

    on 10/12/2015 | 0 Comment | Aktuell | Interviews/Meinungen

    von Andrei Schipilow, einem russischen Schriftsteller und Journalist

    Zunächst mal eine lange Exposition…

    Jeder Staat hat eine Leiche im Keller. Da kommt man nicht drumherum. Natürlich wissen alle von den Leichen der anderen, aber wie es sich gehört, schweigen alle. Über die Leiche eines anderen Staates zu sprechen gilt nicht nur als schlechte Manieren, sondern kann auch gefährlich werden.

    Denn das ist ja klar, dass wenn du mal was über die fremde Leiche ausplapperst, so auch deine verplappert werden kann. Und es kann ja niemand voraussehen, wie sich der Prozess dann weiterentwickelt, welchen Lauf das alles nimmt, und wer davon den grössten Schaden trägt. Vielleicht plapperst du über seine Leiche was aus, und er kann sich aber herauswinden. Und der sagt was über deine, und voila – du wirst vollkommen diskreditiert.

    Man kann nie wissen. Darum schweigen lieber alle.

    Und noch einen wichtigen Punkt gibt es hier. Derjenige, der als Erster über fremde Leichen zu sprechen beginnt, muss verstehen, dass er eine Bedrohung für alle darstellt, fürs ganze System. Denn das ist ein Attentat auf die Grundlage der Stabilität des Systems – auf das Schweigen.

    Darum wird derjenige, der hier als Erster auftritt, zu einem gemeinsamen Feind. Das bedeutet natürlich nicht, dass er auch angegriffen und getötet wird – die Stabilität, sie geht über alles. Aber wenn so eine Möglichkeit aufkommen wird, werden sie dich natürlich auslöschen, ohne groß nachzudenken. Darum ist für denjenigen, der den ersten Schritt macht, äusserst wichtig, sich alles genau zu überlegen und nicht aufzufliegen. Fliegst du auf – bekommst du eine Abfuhr nicht nur von dem Geschädigten, sondern von allen. Und dann brauchst du gar nicht mehr mit weiteren fremden Leichen herumzufuchteln – du bist dann bereits ein Paria, niemand wird dir glauben.

    Und nun die eigentliche Geschichte…

    Mit Verlaub zitiere ich mal mich selbst von gestern: „Am 30. November 2015, in Paris, beschuldigte Putin in Anwesenheit der Anführer von 140 Staaten den türkischen Präsidenten Erdogan der Unterstützung vom Terrorismus, und versprach Beweise dafür zu liefern. Am nächsten Tag erklärte der offizielle Pressesekretär von Putin, ebenfalls offiziell, dass es keine Beweise geben wird – also, eigentlich gibt es sie schon, aber sie sind ein Staatsgeheimnis“.

    Also ist im Grunde genau das passiert, was nie hätte passieren dürfen: Putin hat sich selbst ein Bein gestellt.

    Ich habe nicht umsonst vermutet, dass Putin Erdogan genau dessen beschuldigte, worin er selbst seine Finger hatte. Einfach nur weil er sehr gut wusste, wie einfach es ist, über den IS zu stehlen, wusste, wie gross die Verlockung ist, und war sich sicher, dass auch Erdogan dieser Verlockung nicht widerstehen konnte. Wie es sich herausgesstellt hat – Erdogan konnte.

    Und da kam schon die erste Antwort. Nun beschuldigte Erdogan Putin genau dessen, was Putin Erdogan anzuhängen versuchte. Statt aber eines „Versprechens, Beweise zu liefern“, hat er sie geliefert. Und keine abstrakten Bilder von kein-Mensch-weiß-was, sondern ganz konkret: Nachnamen, Dokumente, Schemas. Und hat dabei deutlich zu verstehen gegeben: „Ich zeige hier nur einen kleinen Faden, nur damit Ihr da alle versteht: Ich habe viele solcher Fäden. Ich gebe Euch die Möglichkeit, Rückwärtsgang zu schalten, anderenfalls werde ich Euch nicht nur „im Klo kalt machen“.

    Das wurde demonstrativ vor dem Treffen des türkischen Aussenministers mit Lawrow gemacht, im letzten Versuch, zu einem Konsens zu kommen. Lawrow hat die Andeutung nicht verstanden und ließ sich auf keine Verhandlungen ein.

    Der Rubikon wurde überschritten, der Weg ist offen. Bald, sehr bald, wird auf der anderen Grenzseite eine Schlange aus jenen stehen, die über eine weitere Leiche im Putins Keller der ganzen Welt zu erzählen gewillt sind. In der ganzen Welt pusten gerade die Agenten den Staub von alten Dossiers weg, die seinerzeit zurückgelegt worden waren, in Erwartung besserer Zeiten, und schleppen diese nach oben zu ihren Vorgesetzten.

    In diesen Dossiers ist alles! Wohin in den letzten 15 Jahren 1,5 Trillionen Dollar aus Russland weggeflossen sind. Und für welches Geld der IS erschaffen wurde. Und warum die Terroranschläge in Europa immer genau in dem Moment stattfinden, wenn es für Russland äusserst vorteilhaft ist. Und warum das Flugzeug von Kaczynski abgestürzt ist. Und wer die Wohnhäuser in Moskau sprengte.

    Wir leben zu einer ausgesprochen interessanten Zeit, liebe Freunde, und wir werden in der nächsten Zukunft sehr viele wichtige und ernüchternde Sachen erfahren.

    Dabei bestreitet niemand, dass es nicht nur interessant, sondern auch erschreckend sein wird. Und gefährlich. Und womöglich blutig. Die neue Welt schlüpft gerade aus der Larve der alten, und der Kokon bricht in solchen Fällen immer auseinander. Wenn Ihr aber einen Kopf auf Euren Schultern habt, und es in diesem Kopf ein Gehirn gibt, und Eure Augen nicht die Fähigkeit zu sehen verloren haben, und die Ohren – zu hören, so habt Ihr alle Chancen, diese erneuerte Welt zu betreten.

    Quelle: Andrei Schipilow; übersetzt von Irina Schlegel. Titelbild: Georgy Klutschnik

    Tags: KremlTürkeiUntergang

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